Highway to Hellas

DER MIT DEM ESEL SPRICHT

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Hoch zu Esel durch die Gluthitze Griechenlands. „Stromberg“ Rainer Maria Herbst wandelt auf den Spuren von Nikos Katzantakis in einer etwas veränderten, stark abgespeckten Variante des Klassikers Alexis Sorbas mit Anthony Quinn, der als Parade-Grieche in die Filmgeschichte eingegangen ist. In Highway to Hellas ist der mediterrane Freund des knochentrockenen Deutschen ebenfalls ein akzentfrei deutsch sprechender Deutsch-Grieche, der mehr an Moritz Bleibtreu als an Anthony Quinn erinnert. Ein gewisses Maß an griechischem Improvisationstalent versprühen er und die anderen Filmgriechen aber trotzdem. Insofern trifft die Kulturclash-Komödie ziemlich gut den Kern der Geschichte. Warum der Film aber nachbetrachtet nicht mehr zu sein scheint als eine schnell erzählte Filmanekdote ohne Nachwirkung, liegt womöglich daran, dass sich Rainer Maria Herbst bemüht, als eine Mischung aus Mr. Bean und Tom Hanks den Griechen die Show zu stehlen. Somit wird die karste Dramödie einerseits zu einer One-Man-Show in einem xbeliebigem Land, andererseite eben zu einem Lokalkolorit aus Europas dritter Welt. Diese Durchmischung tut dem Film nicht unbedingt gut, sondern lenkt des öfteren von der eigentlichen Geschichte über die akuten Zustände eines schuldengeplagten Griechenlands ab. Die Geschehnisse bleiben an der Oberfläche und wirken burlesk, während hingegen bei Alexis Sorbas – um den Film noch einmal zu zitieren – der Focus voll und ganz auf die skurrile Problematik des Erzählten liegt und der Film somit auch Tiefgang hat. Vielleicht wäre die moderne deutsche Interpretation dadurch weniger humorvoll geworden – in Erinnerung wäre sie vielleicht geblieben.

Highway to Hellas

Mystery Men

I´AM A LOSER, BABY

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Sie sind Nerds, allesamt Träumer und Kindsköpfe. Im Grunde aber Außenseiter der Gesellschaft, Nichtskönner und wahre Loser. In einer comichaften, urbanen Zukunft, einem bunten Gotham City, in welcher sich selbstverliebte Superhelden als Wahrer von Recht und Ordnung längst etabliert haben, eifern die die Mystery Men, wie sie sich später nennen werden, erfolglos erfolgreichen Heldentaten hinterher, nur um dabei von jedermann fremdschämend belächelt zu werden. Die Anstrengung, gute Taten zu vollbringen und als Held gefeiert zu werden, geht laufend gründlich schief, bis sie zu wahrem Teamwork bereit sind. Die sympathische, verschrobene Heldengenese hat was von Terry Gilliam und mausert sich zu einer vergnüglichen Watchmen-Parodie. Manchmal gleitet der Humor des Filmes unter die Gürtellinie, doch die meiste Zeit scheint man mit den lachhaft wirkenden, aber phantasievoll gekleideten Möchtegern-Helden mitzufiebern. Vorallem deswegen, weil sie Idealisten sind und für eine Sache einstehen. Voller Aufrichtigkeit und Menschlichkeit, aber auch voller Selbstzweifel und dem Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung, entdecken und mobilisieren die sympathischen Soziopathen ihre individuellen Besonderheiten, von der obszönen Furzattacke bis zur selbstgesteuerten Bowlingkugel. Eine brachiale Komödie über Antihelden, wie Kindsköpfe aus der Zukunft, nur mit Witz und dem Herz am rechten Fleck. Und ohne Adam Sandler, dafür mit Ben Stiller. Eindeutig das geringere Übel.

Mystery Men

Picknick mit Bären

MÄNNER ALLEIN IM WALD

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Langsam werden sie alt. Vorallem Nick Nolte ist kaum mehr wiederzuerkennen, so verbraucht, mitgenommen und versoffen sieht er aus. Aber trotzallem irgendwie cool. Und ein unglaubliches Original, originaler noch als der füllige Marlon Brando in seinen letzten Filmen. Auch wenn der weissbärtige Kultschauspieler knurrend und mit hochrotem Kopf durch die Wildnis ächzt – ein bisschen was von seinem ursprünglichen rauhen Charme, welchen er in Filmen wie in Herr der Gezeiten oder Nur 48 Stunden zum Besten gegeben hat, blitzt immer noch auf. Und Robert Redford? Auch er scheint sich nach einem ruhigen Lebensabend zu sehnen. Seine ewig attraktive, unwiderstehliche Männlichkeit weicht langsam bedächtiger Resignation. Vom Draufgänger ist nichts mehr zu spüren. Unter diesen Voraussetzungen plaudern sich die beiden älteren Herren durch eine atemberaubende Waldwildnis, zuerst nah an der absoluten Erschöpfung, später ganz so, als wäre es ein verordneter Rundwanderweg naher einer Kuranstalt. Alles ganz sympathisch, aber letzten Endes doch eher sehr hemdsärmelig und vorhersehbar. Von Wild mit Reese Witherspoon ist das Lagerfeuerkino weit entfernt, obwohl genug Potenzial da gewesen wäre. Aber womöglich waren die beiden Superstars aus dem vorigen Jahrtausend zu keinen Höchstleistungen wie den Appalachian Trail mehr zu motivieren.

 

Picknick mit Bären

Star Wars VII: Das Erwachen der Macht

EINE NEUE HOFFNUNG, RELOADED

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Ich möchte gar nicht wissen, wie viele schlaflose Nächte J.J.Abrams zugebracht hat. Denn an einem  mehr als 30 Jahre zurückliegenden, auserzählt scheinenden Phänomen wie Star Wars anzuknüpfen, gleichzeitig aber die Magie, den Mythos, den Stil und die legendären Charaktere beizubehalten, aufzugreifen und weiterzuführen, ist auf seine Art und Weise eine Herkulesarbeit. Doch Abrams hatte das Glück, nicht der Erfinder von Star Wars selbst, sondern ein waschechter Fan zu sein. Und so ist die Episode VII auch geworden – die tiefe Verneigung eines Nerds vor dem allerersten Weltraumabenteuer – dem Krieg der Sterne. Unzählige liebevolle Reminiszenzen an dem chronologischen vierten Teil finden sich wieder. Szenen, Zitate und Gesichter, die nostalgische Gefühle wecken. Wie vorsichtig und teils sogar etwas unsicher Abrams an seine Interpretation des Stoffes herangeht, merkt man an der Storyline, die sich nicht viel von der Handlung des bereits zitierten Erstlings unterscheidet. In manchen Momenten schießt das enorm dynamische Sternenabenteuer in seinem Anspruch, alles perfekt zu machen, sogar noch über sein Ziel hinaus und lebt einen marvel´schen Gigantismus, der in unser gewohntes Star Wars Universum nicht ganz hineinpassen will. Doch das sind nur Feinheiten, und was man ohnehin liebt, darf durchaus kritisch beäugt werden. Denn für Gänsehaut sorgt der Film allemal – er lässt jene Magie wieder aufleben, die in der Prequel-Trilogie vermisst wurde, und erdet sein phantastisches, detailverliebtes Universum auf einer Ebene, die das actionreiche, witzige und zutiefst dramatische Event wieder greifbar, fühlbar und erlebbar werden lässt. Nicht zuletzt beerbtes großartig aufspielende Ensemble der Jungschauspieler im ersten wirklichen Fanfilm der ganzen Reihe die Ikonen unserer Kindheit auf eine Weise, die neue Hoffnung weckt.

Star Wars VII: Das Erwachen der Macht

Dampfnudelblues / Winterkartoffelknödel

Mord nach Omas Rezept

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Seit Dem Bullen von Tölz oder den Rosenheim Cops stehen zumindest auf den heimischen Bildschirmen bayrische Heimatkrimis hoch im Kurs. Um mitzuziehen, hat man in Österreich mit der TV-Filmreihe „Landkrimi“ jedem Bundesland ein mörderisches Denkmal gesetzt. Die gewiefte Wortkabarettistin und erfolgreiche Autorin Rita Falk hat mit viel Humor, Lokalkolorit und rabenschwarzen Todesfällen eine höchst unterhaltsame Krimireihe auf den Markt gebracht, die jetzt der Reihe nach verfilmt wird. Schade dabei, dass Josef Hader kein Bayer ist, doch sein Alter Ego ist bereits Wolf Haas´ Kommissar Brenner. Der Polizist Eberhofer, von Sebastian Bezzel als finnisch anmutende Antwort auf Ottfried FIscher herrlich lakonisch wiedergegeben, steht dem verkorksten österreichischen Ex-Ermittler um nichts nach, nur die depressiv-nihilistische Weltsicht wird durch improvisierenden Pragmatismus ersetzt. Dabei sind die Kriminalfälle selbst, so schräg und skurill sie auch daherkommen mögen, geradezu zweitrangig. Viel sehenswerter ist das dörflich-ländliche Lokalkolorit, die verschrobenen Charaktere, seltsamen Begebenheiten und freiwillig oder unfreiwillig komischen Anekdoten über das Auf und Ab eines gesellschaftlichen Mikrokosmos aus der Provinz. Dieses Erzählkonzept eines Milieu- oder Lokalkrimis hat schon bei der mittlerweile zum Kult gewordenen Reihe von Kottan ermittelt funktioniert. Auch hier sind Figuren und das Rundherum, vorallem aber die absurd-schrägen Einfälle fernab der geradlinigen Krimihandlung das eigentlich Besondere. Durch den Einsatz von optischen Rafinessen wie Fischauge und Weitwinkelobjektiv erhalten die Verfilmungen der literarischen Vorlage Rita Falks noch einen zusätzlichen Kick an Absurdität und fangen den Stil der Bücher ziemlich gut ein, obwohl, wie so oft, das geschriebene Wort einfach mehr Möglichkeiten hat, im eigenen Kopf die Geschichte wohl am Besten zu illustrieren. Was Eberhofer mit Brenner noch gemeinsam hat ist der Sidekick Simon Schwarz, der wiedermal alle Register seines komödiantischen Könnens zieht. Allerdings kann Enzi Fuchs Gisela Schneeberger als ewig schwerhörige und durch die Gegend schreiende Oma des Polizisten Eberhofers, die sich wie ein roter Faden durch die Krimiabenteuer zieht, leider nicht das Wasser reichen. Im dritten Krimi – Schweinskopf al dente – dürfte sich Enzi Fuchs aber wohl eher durchsetzen.

Dampfnudelblues / Winterkartoffelknödel

Gänsehaut

WARTEN AUF DIE GEISTERJÄGER

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Es wurde ja schon lange angekündigt – die Geisterjäger sollen Mitte des Sommers zurückkehren, in komplett weiblicher Besetzung. Bis dahin müssen sich jugendliche und erwachsene Kinobesucher kindlichen Gemüts mit der Universalverfilmung einer hierzulane nicht sonderlich bekannten Gruselikone zufriedengeben. R.L. Stine dürfte so etwas wie der Stephen King für pubertäre Schulkinder sein – ein Garant fürs Nägelbeißen und für schlaflose Nächte. Ich selbst habe noch keinen der Romane gelesen, filmisch aber gruselt das Potpourri an Monstern, Geistern und Zombies weniger als dass es angenehm unterhält. Ganz so, wie es die Geisterjäger aus den Achtzigern auch getan haben, nur mit einer gehörigen Portion Jumanji oder den Goonies noch dazu. Allerdings bietet die bisweilen sehr schematische Fantasykomödie eine biedere Erzählstruktur und wenig Überraschungen. Man weiß was kommt und wie es enden wird. Unruhig und chaotisch ist das ganze, und die Geister, die gerufen werden, sind viel zu schnell gebändigt. Besser wäre es gewesen, sich eine der berühmten Geschichten herzunehmen, und nicht alle auf einmal zu verfilmen. Dennoch – für einen quietschfidelen, sinnentleerten Kinoabend am Faschingsdienstag steht mit diesem handwerklich souveränen Film nichts im Wege.

Gänsehaut

Er ist wieder da

Wir sind Hitler!

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Das unbequeme Grauen setzt bereits dann ein, wenn Touristen gemeinsam mit dem Führer für ein Selfie die Hand zum Hitlergruß erheben. Die bestürzende, gallige Satire über die Wiederkehr des Bösen im Diktatoren-Faschingsoutfit ist ein Vorzeigebeispiel seines Genres. Mehr Satire geht nicht, und mehr Wahrheit kann der Zuseher auch nicht mehr schlucken, ohne in Panik zu verfallen. Was wie ein aktionistischer Gag beginnt, wird zum faszinierend-abstoßenden Ernst. Und das liegt daran, dass die Darstellung des Braunauer Paradepolitikers zu keiner Sekunde in die Selbstparodie verfällt. Hitler präsentiert sich als Hitler. Ein gefährlicher Redner, der er immer war und immer sein wird. Kein Charlie Chaplin, kein Louis de Funes, sondern einer, der die wiederkehrende Unzufriedenheit des Volkes ausnutzt, um eine Welt erneut ins Chaos zu stürzen. Lachen tun die anderen, das Volk, die Unzufriedenen und Bürgerlichen, Mediensüchtigen und Nationalisten, aber nicht Hilter selber. So entsteht ein neues Bild der Verantwortung für erlebte und erlittene Geschichte. Wie der Teufel, der dem schwachen Menschengeschlecht vorgaukelt, es gäbe ihn gar nicht, schleicht der biedere Aufhetzer ins soziale Netzwerk und in die Profit- und Identitätsgier der Wählerschaft, da sich diese in der Gewissenheit wiegt, längst aus dem Holocaust gelernt haben zu müssen. Den Warnsignalen zum Trotz zelebriert der Fremdenhass fröhliche Urständ und macht jene mundtot, die die Gefahr erkannt haben. Der Film erklärt auf feinsinnige Art und Weise, wie Menschen manipuliert und gehirngewaschen werden können, wie die Medienlandschaft des 21. jahrhunderts dazu beiträgt, Unruhe zu stiften und das Denken des Einzelnen aufzuweichen. Wie schnell sich Geschichte wiederholen und nicht verhindert werden kann, wenn man Signale nicht richtig deutet. Bis in die Nebenrollen großartig besetzt, trifft die ernüchternde Satire tief ins Schwarze. Doch das erschreckendste an ihr ist, dass die politische Vision der Realität um nichts nachsteht. Nur Hitler fehlt. Doch der ist, wie wir nach dem Film wissen, ohnehin in vielen von uns nach wie vor irgendwie lebendig.

Er ist wieder da