Darth Maul: Apprentice

LUCASFILM IST ÜBERALL

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darthmaul

Natürlich sind wir zufrieden! Und mehr als glücklich mit dem siebten Teil der Star Wars-Saga und allen weiteren Plänen, die Kinogigant Disney mit der weit weit entfernten Galaxis vorhat. Dass jetzt viele ungesagte Geschichten weitererzählt, zwischenerzählt und vorangestellt werden, lässt den ehrlichen Star Wars-Fan Geborgenheit empfinden – und eine unsagbare Vorfreude, ähnlich jener, die Kinder im magischen Alter vor Weihnachten an den Tag legen. Deswegen ist auch 2016 ein gutes Jahr, und 2017 wird ebenso ein gutes Jahr sein, und das Jahr danach und… Dennoch: dass Disney keine Live-Act-Fernsehserie ins Leben rufen möchte und sich stattdessen – mit Ausnahme der Animationsserien, die eher für ein jüngeres Sofapublikum gemacht werden – rein auf das Medium von Buch und Kino beschränkt, lässt etwas Trotz aufkommen. Denn Wartezeiten von einem Jahr, die zwischen den geradezu greifbar scheinenden Sternstunden der Fantasy-Science Fiction liegen, grenzen ja fast schon an Fanquälerei. Gut, Weihnachten ist ebenfalls im Jahresrhythmus zu feiern, aber immerhin gibt es zwischendurch Geburtstage, Ostern und sonst noch Feiertage. Analog dazu lässt Disney seine Fans leer ausgehen, es sei denn, Kino im Kopf in Form von Büchern und Comics sind Feiertage genug. Bücher sind aber keine Filme, hat doch das Ganze mit einer Kinosensation Ende der Siebzigerjahre begonnen. Demzufolge gehört Star Wars auf die Leinwand – oder auf den Bildschirm. Und wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss man die Sache eben selbst in die Hand nehmen und dem realen und erdachten Universum genau das geben, was ihm zusteht. Laufende Bilder, die den Krieg der Sterne weitererzählen und weiterdenken. Zu verdanken ist dieser glückliche Umstand eingefleischten und ausdauernden Liebhabern der Materie, die Jahre damit zubringen und jede Menge hart verdientes Eigenkapital dafür aufbringen, jenseits allen Profitverständnisses einen eigenen Film zu entwickeln. Einen Film, der tatsächlich den unerhörten Anspruch hat, sich mit George Lucas Traumfabrik wie David gegen Goliath inhaltlich und visuell zu messen. Und das mit Schweiß, Blut und Tränen. Mit kostbarer Zeit und der größtmöglichen Summe an Kleingeld aus den Lederbörsen normalsterblicher Erwachsener, die ihre Kindheit nicht verloren haben. Und wofür? Einfach weil es möglich ist, machbar ist, Spaß macht – und die phantastische Welt aus Raumschiffen, Wesen, Planeten und Sternenphilosophie dichter werden lässt. Das sind aber noch nicht alle Gründe. Denn die Fanfilmemacher zeichnet vor allem ein hohes Maß an Nächstenliebe aus. Solidarität für eine leidenschaftliche Fangemeinde, die diese akribische Liebhaberei zu schätzen weiß und zutiefst dankbar jede gelungene Bildsequenz genießt, die altbekannte und vertraute Elemente aus dem Lucas-Kosmos zitiert. Genauso ein Film ist der Prolog zu Star Wars Episode 1 – Die dunkle Bedrohung geworden. Angesiedelt einige Jahre vor den ersten Geschehnissen rund um die alte Republik und der Kindheit von Anakin Skywalker erzählt das rund zwanzigminütige Planetenabenteuer von der letzten Prüfung des tätowierten Zabrak und Sith-Schülers Darth Maul, die aus einem Laserschwertkampf gegen eine Truppe junger Jedi besteht, die als Übungsfutter des grimmigen Aliens von Darth Sidious in eine Falle gelockt werden. Der Ausgang des Gemetzels sei hier nicht verraten, aber man kann sich angesichts des Auftrittes von Darth Maul in Episode 1 bereits denken, wie das ganze enden wird. Verbfüffend an diesem Kurzfilm ist die filmtechnische Raffinesse. Kamera und Ausstattung sind erste Sahne, da waren Profis am Werk, womöglich ebenfalls Fans, die ehrenamtlich ihr Bestes gegeben haben. Auch die wenigen, aber doch vorhandenen Spezialeffekte wirken nicht aufgesetzt, sondern in das Erlebnis integriert. Weniger ist mehr, und Mehr wäre vermutlich auch aufgrund mangelnden Budgets nur die halbe Miete gewesen. So aber besteht die actionhaltige, englischsprachige Vorgeschichte aus einer ausgedehnten Laserschwertsequenz, choreographisch durchdacht in Szene gesetzt. Ein lakonisches Intermezzo in heimisch anmutenden Wäldern, das Spaß und Lust auf mehr macht. Sogar Lust, sich Episode 1 erneut anzusehen (die ich nach wie vor von der Prequel-Trilogie am Gelungensten halte). Und vor allem ein zugestandener Bonus für den Erzbösewicht und Vorgänger des gefürchteten Darth Vader, der den Meinungen vieler Fans zufolge viel zu wenig Kino-Leinwandzeit verbuchen durfte. Ein Dankeschön an den rotgesichtigen Teufel, der genauso gut ins Marvel- als nur ins Star Wars-Universum passen würde. Jedenfalls ist es ein Gesicht, das man lange nicht vergisst. Und mehr Furcht einflößt als Generationen später Kylo Ren.

Darth Maul: Apprentice ist übrigens für jene, die sich selbst ein Bild machen wollen, unter folgendem youtube-Link zu genießen, noch dazu in sehr guter Qualität: https://www.youtube.com/watch?v=Djo_91jN3Pk

 

Darth Maul: Apprentice

London has fallen

IMPOSSIBLE CASE SZENARIO

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londonfallen

Jetzt ist aber langsam genug. Kein politisches Staatsoberhaupt durfte sich im Kino jemals so wichtig nehmen wie der amerikanische Präsident. Keiner durfte jemals so hemmungslos Chef spielen, mit Maschinenpistolen um sich ballern und trotzigen Terroristen ins Gesicht schlagen. Um keine Person ist jemals so gefochten worden wie um den amerikanischen Präsidenten. Nicht zu vergessen – das allmächtige Oberhaupt durfte sogar Aliens abschießen. Gegen diese Figur wirkt sogar Captain America wie eine Aushilfskraft im Weißen Haus. Und jetzt – jetzt wird dieser Mann sogar außerhalb Amerikas gejagt. Ich weiß, das musste er sogar schon im finnischen und weitaus gewitzteren Reißer Big Game an der Hand eines halbwüchsigen Pfadfinders. Diese Story war an sich schon so dermaßen abstrus, und Samuel L. Jackson als zynischer, sich selbst parodierender Präsident so dermaßen überzeichnet, dass der Film irgendwie launig war. Und Spaß gemacht hat, ihn anzuschauen. Was man aber leider von Gerard Butlers zweitem Einsatz zur Weltenrettung nicht wirklich sagen kann. War Olympus has fallen noch ein spannungsgeladenes, dichtes Highlight des neueren Actionkinos unter der Regie von Denzel Washington-Spezi Antoine Fuqua, ist London has fallen ein durchwegs völlig unglaubwürdiger und dramaturgisch enorm plumper Abklatsch des sowieso schon obermiesen, zeitgleichen Leinwandkonkurrenten White House Down von Roland Emmerich. Wieso Roland Emmerich? Wieso orientiert man sich nicht an Vorbildern wie John McTiernans Stirb langsam, so wie es Fuqua getan hat? Die Kunst liegt darin, auf isoliertem, relativ kleinem Raum ein klaustrophobisches, bleischweres Spannungsszenario zu erzeugen, durchsetzt von hakenschlagenden kreativen Ideen zur Lösung eines wie auch immer gearteten Problems namens Bösewicht samt seiner wilden Horde. Der London-Kracher allerdings macht einen großen Bogen um ein funktionierendes, halbwegs nachvollziehbares Konzept gelungenen Kinogetöses. Was bleibt, ist schon mal die fehlende Plausibilität des langweiligen Drehbuch-Plagiats. Darin geht es um den eingangs erwähnten amerikanischen Präsidenten, der zu einem britischen Staatsbegräbnis anreist und dort von arabischen Terroristen eliminiert werden soll. Das britische Sicherheitssystem mit all seiner Exekutive ist aber in diesem Film schon so weit von terroristischen Einheiten infiltriert, dass ein einziger, gezielter Schuss, ausgegangen von einem der vielen falschen Sicherheitsorgane, genügt hätte, um dieses Ziel zu erfüllen. Spätestens hier schon hört das Verständnis des actionliebenden Kinopublikums auf, welches logische Fehler und übermenschliche Ausdauer gerne in Kauf nimmt, um einer klarerweise überspitzten, aber in sich schlüssigen und nachvollziehbaren Kinorealität zu folgen. Diese Schlüssigkeit fehlt London has fallen total. Warum sprengt man die Wahrzeichen Londons, wenn man doch ein anderes Ziel hat? Wie kann eine Terrorzelle so dermaßen anwachsen, dass sie eine Millionenmetropole erobern kann, ohne dass der MI6 etwas merkt? Ganz zu schweigen von der rätselhaften Panzerung des Gerald Butlers, der dem feindlichen Kugelhagel entgegenrennt und den Präsidenten im abgestürzten Helikopter noch warnt, schnell das Wrack zu verlassen, um dann seelenruhig mit seinem Schützling davor noch Scherze zu treiben. Blöd verkaufen kann man sein Publikum nur dann, wenn es das nicht merkt. Wenn aber die Filmcrew selbst in seine eigenen dramaturgischen Fallen tappt, ist es mit der Qualität eines Filmes nicht weit her. Das entbehrliche B-Movie von der Sorte Videokeller wäre mit Chuck Norris oder Steven Seagal in der Titelrolle zumindest genretypisch besetzt und die Enttäuschung nicht so groß gewesen. Welche Stadt nun als nächstes fällt, davor mag man sich jetzt schon fürchten.

London has fallen

Population Boom

IMAGINE ALL THE PEOPLE

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populationboom

Als im Jahre 2004 Michael Moore mit seiner aufsehenerregenden Verschwörungshypothese Fahrenheit 9/11 das Bild der Vereinigten Staaten in Frage gestellt und Morgan Spurlock mit seinem Selbsttest Super Size Me vielen Bürgern aus aller Welt den Fast Food-Konsum verleidet hat, war ein neues Genre im Kino und später auch im Fernsehen geboren. Oder sollte man besser sagen: Subgenre. Ich würde es mal als Shokumentation bezeichnen, kurz gesagt: Shoku, zusammengesetzt aus den Worten Show und Dokumentation. Denn plötzlich stand nicht nur das Thema im Mittelpunkt, sondern auch derjenige, der das Projekt ersonnen hatte. Als Erzähler, Moderator, Selbsttester, Schauspieler. Eine Art Alexander von Humboldt des Medienzeitalters. Das Thema blieb natürlich auf roter Linie, doch der Showfaktor kam hinzu, indem der erfinderische Kopf der ganzen Spuren- und Ergebnissuche öfter ins Bild gerückt wurde als Personen, die als Beantworter vieler ungeklärter und provozierender Fragen die Authentizität der Sache bemühen. Der Dokufilmer selbst kann natürlich schalten und walten wie er will. Und diese gewinnbringende Ergänzung sorgte und sorgt bis heute für den nötigen Faktor an Ironie, hintergründigem Witz, schaulustiger Blöße und Selbstquälerei. All diese Eigenschaften machen aus einer Doku ein showmäßiges Erlebnis, bei dem man sich bestens unterhält, und, wenn es gut gemacht ist, jede Menge dazulernt (im Gegensatz zu effektheischendem, gefaktem Reality-TV). Gelungen ist dieser Mittelweg auch Werner Boote, einem gewieften Filmemacher aus Wien, der schon mit seinem Erstlingswerk Plastic Planet, immer selbst vorort, der Kunststoffverschwörung „das Wilde heruntergeräumt“ hat. Das ist famos gelungen, denn bei Boote, der als einnehmender und glaubwürdiger Moderator das Wieso und Warum der Plastikkatastrophe erklärt, spürt und weiß man, dass dieses Thema mehr als nur ein Thema, sondern ein echtes Anliegen gewesen sein muss. Im wechselnden Rhythmus zwischen Selbsterkenntnis, Kommentaren aus dem Off und zu Wort kommenden Experten schafft es die Shokumentation, Gedanken und Diskussionen anzuregen, eigenes Handeln zu überdenken und das Globale Ganze zu sehen. Ein Bildungsauftrag, der beim Fernsehen viel zu schulmeisterlich rüberkommt, im Kino aber den Frontalunterricht des im Dunkeln sitzenden Auditoriums neu interpretiert und somit zu packen weiß. Das Gleiche gilt natürlich auch für Werner Bootes zweiten Film, der sich mit der Frage der Überbevölkerung auf unserer kleinen großen Erde vorurteilsfrei und, als käme die Jungfrau zum Kind, losgelöst von jedweder vorgefassten Meinung, auseinandersetzt. Wenn man mit so einer Einstellung einen sachkundigen Film produziert, ist die Abdeckung der gesamten Bandbreite zu diesem Thema ein klarer Fall. So soll Dokumentation sein, und mit Werner Boote selbst im Mittelpunkt entsteht ein Bindeglied zwischen der neuen, fremden Materie und dem Zuseher. Boote lädt ein, sich vom Stuhl zu erheben und mitzukommen auf eine spielfilmlange Exkursionsstunde der Wahrheitsfindung hinter einem schwarzmalerischen Mythos. Übrigens: Das Wissen auch im Fernsehen Spaß machen kann, hat in jüngster Zeit Hanno Settele mit seinen Mittwochsdokumentationen auf ORF1 unter der Rubrik dokeins ebenfalls bewiesen. Auch er ist ein Shokumentarfilmer, ein Journalist mit dem richtigen Gespür für Information und Unterhaltung. Spielerisch lernen – so lässt man sich gerne eines Besseren belehren.

 

Population Boom

X-Men: Apocalypse

SURVIVAL OF THE FITTEST

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xmenapo

Fast zeitgleich kramt die Comic-Schmiede Marvel zwei Universen aus ihrem übermenschlichen Kostümfundus, um sie auf der großen Leinwand zwar nicht weltenüberschneidend, aber zumindest im parallelen Wettbewerb antreten zu lassen. Dabei fallen mir als Liebhaber dieser Art von Filmen grundlegende Unterschiede ins Auge. Die Avengers – zurzeit mit The First Avenger: Civil War im Kino – sind bis auf wenige Ausnahmen Helden, die entweder aufgrund technischen Fortschritts zu enormer Kraft und Geschicklichkeit gelangen oder Opfer sowie Ergebnis wissenschaftlich-technischer Experimente geworden sind. Der gemeinsame Nenner bei Captain America und Co ist die menschengemachte Ursache. In der Welt der X-Men aber sind die außergewöhnlichen Steckbriefe der Helden – oder Antihelden – natürlichen Ursprungs. Evolutionsbedingte Mutationen, deren Kausalität im Dunkeln liegt und eine Spezialisierung verkörpern, die sich von der darwinschen Nischenbesetzung ziemlich weit entfernt. Aber sei es drum – die Mutanten in Charles Xaviers Schule für Hochbegabte sind nun mal von der Natur Auserwählte, mit Fähigkeiten, die sonst keiner hat. Biologisch glaubwürdiger wäre es gewesen, mehrere Mutanten mit durchaus ähnlichen Spezialisierungen auftreten zu lassen. Menschen aus einem Gebiet mit gleichen Mutationen, was wiederum authentischer wäre. Aber wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit hat in den Universen von Marvel wenig Platz. Und so entgleiten die X-Men – wie schon bei der leider versemmelten Fernsehserie Heroes – zu Gänze in das Genre der Fantasie, ohne mit dem Genre der Science Fiction zu kokettieren. Das ist ja prinzipiell kein Fehler, ganz im Gegenteil. Und Apropos Gegenteil: Das X-Men-Universum scheint es generell schwerer zu haben als das Avengers-Universum. Die chronologische Erzählweise der X-Men-Filme wurde durch den Zeitreise-Ableger X-Men: Days of Future Past ziemlich durcheinandergebracht. Was war wann vorher oder nachher lässt sich nicht mehr so genau sagen. Irgendwie finden sich im Laufe des 20. Jahrhunderts alle Charaktere in Xaviers Mutantenschule ein, werden von jungen oder älteren Darstellern interpretiert, und immer wieder kommen neue Spezialisten hinzu, die wieder andere Fähigkeiten haben als die anderen. Ein heilloses Wirrwarr, einzige Konstante ist Wolverine, konsequent dargestellt von Hugh Jackman und im neuesten Abenteuer leider nur durch einen Cameoauftritt vertreten, hat man den mieselsüchtigen Krallenschwinger einfach aufgrund seines hohen Wiedererkennungswertes längst liebgewonnen. Auch die Frage, wo auf welcher Seite welcher Mutantenheld nun steht, weiß man nicht mehr so genau in Erinnerung zu rufen. Und somit verschwindet dieses Universum langfristig aus dem Gedächtnis, um beim nächsten Abenteuer wieder bruchstückhaft abgerufen zu werden. Da haben die Macher von Marvel bei den Avengers das bessere Händchen, das bessere Timing und den besseren Überblick. Langsam kristallisiert sich dort nämlich ein zusammenhängender, konstanter roter Faden heraus, den ich in meiner Rezension The First Avenger: Civil War – Entfesselte Helden näher beschrieben habe. X-Men dümpelt weiterhin in den Anfängen herum, und erzählt eine recht entbehrliche Geschichte über einen ägyptischen, machtgierigen Mutanten, der, nach einem jahrtausendelangen Schläfchen erwacht, die Herrschaft einer von der Evolution bevorzugten Menschheit anstreben will. Während das eine Marvel-Universum erwachsen geworden ist und die Balance zwischen Storytelling und Eventkino gefunden hat, suhlt sich das andere nach wie vor in trashigem Effektgewitter. Und ja, der neue X-Men ist ein richtiges B-Movie, zumindest was Masken, Kostüme und die Optik betrifft. Oscar Isaac, das neue Star Wars-Zugpferd, erinnert in seiner einigermaßen überzeichneten Bodypainting-Montur an die Gummidämonen aus Joss Whedons TV-Serie Buffy, der Auftritt von Psylocke wirkt wie die billige Antwort auf Zack Snyders Wonder Woman (der Lichtblick übrigens bei Batman vs. Superman) und manche CGI-Settings wollen mit den Live-Acts sind ganz harmonieren. Trotzdem, kurzweilig ist das fetzige, allerdings weitgehend humorbefreite Abenteuer trotzdem, die zweieinhalb Stunden vergehen wie im Fluge, und den einen oder anderen Mutanten wünscht man am Ende einen eigenen Film. Quicksilver zum Beispiel. Sein tricktechnisch ausgefeilter und selbstironischer Auftritt hat wohl die zahlreichsten Likes unter den Comicnerds.

 

 

X-Men: Apocalypse

Nach der Hochzeit

DAS SCHICKSAL IST EIN MIESER VERRÄTER

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nachderhochzeit

Dänisches Kino muss man sich erst erarbeiten. Entspannende Unterhaltung sind Filme aus Hamlets Landen allesamt keine, dafür aber inhaltliche, thematische und dramaturgische Herausforderungen, bei denen man sich anfangs zweimal überlegt, ob man sich ihnen stellen will. Im Nachhinein ist man aber froh, es getan zu haben. Vor allem, weil sie bereichernd sein und die eigene Sicht der Dinge etwas verändern können. Neben Thomas Vinterberg, der mit erschütternd genialen Filmen wie Das Fest oder Die Jagd gesellschaftlichen Tabuthemen durch das Medium Kino eine entlarvende und anklagende Stimme verliehen hat, ist Susanne Bier Spezialistin für Schräglagen gesellschaftlicher Mikrokosmen, die bis ins Mark seziert werden. Oberflächlichkeit ist ein Fremdwort, mehr Tiefgang geht nicht, zumindest emotionaler Tiefgang nicht. In diesem Familiendrama sind die Protagonisten zum Leiden geschaffen. Unglücklich, sinnsuchend und ausweglos verheddert in einem selbstverschuldeten, versponnenen Netz aus vergangenen Fehlern und scheinbar grundlosem Schicksal – oder doch nicht grundlos? Unweigerlich fallen mir die existenzialistischen Dramen Henrik Ibsens und August Strindbergs ein. Humanistische Tragödien, die den Menschen im Mittelpunkt eines deterministischen Kosmos mit sich selbst und den anderen hadern lassen. Auch in Nach der Hochzeit holt eine verdrängte Vergangenheit die Gegenwart ein, arrangiert sich ein todkranker, stinkreicher Mäzen mit dem Nebenbuhler. Das klingt jetzt nach Seifenoper, doch wie eingangs erwähnt ist das dänische Kino weit davon entfernt. Aus einer scheinbar vorprogrammierten Eifersuchtsgeschichte entwickelt sich ein wuchtiges, brachial aufspielendes Drama um Verantwortung, Ohnmacht und dem Beistand der Anderen. Um ihr Leben spielen Mads Mikkelsen und vor allem Rolf Lassgard als eine Art „Big Daddy“ aus Tennessee Williams Die Katze auf dem heißen Blechdach. Ihnen gehört und folgt der Film durch ein unmögliches, erzählerisches Dilemma. Filmprosa oder existenzielles Theater – jedenfalls verzwicktes Schauspielkino, distanzlos, teils lakonisch und zum Greifen nah.

 

 

 

Nach der Hochzeit

Mr. Holmes

DA WAR DOCH NOCH WAS…?

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Wenn sich jemand, der Zeit seines Lebens Höchstleistungen auf dem Gebiet des Denkens und Kombinierens vollbracht hat, im Sumpf des Vergessens wiederfindet, dann ist das eine Tragödie. Was bleibt, wenn Erfolg und Selbstbestätigung einzig und allein auf Meisterleistungen des Gehirns zurückzuführen waren? Dieses Worst Case-Szenario schildert Regisseur Bill Condon in seinem nüchtern-verzweifelten Requiem auf den wohl berühmtesten und berüchtigtsten Detektiv aller Zeiten – Sherlock Holmes. Das dieser große Mann, der Professor Moriarty und dem Hund von Baskerville so effizient wie schlagfertig Paroli geboten hat, so enden muss, mag die Fangemeinde spalten. Der Abgesang dieses Mythos ist traurige Ballade und Entzauberung zugleich. Deerstalker-Mütze und Pfeife? Hat es nie gegeben. Alles nur literarische Erhöhung einer auf den Boden der Realität gebrachten Kunstfigur, die letzten Endes keine war. Das mag zwar extrem weit hergeholt sein, aber gerade eben kommt mir der Reboot des Hercules-Mythos in den Sinn. Jenes leider nur bedingt geglückte Machwerk, in welchem Dwayne „The Rock“ Johnson den griechischen Halbgott all seiner Legenden beraubt hat. Was bleibt von ihm übrig? Ein austauschbarer Sandalenkrieger mit auftrainierten Muskelpaketen. Obwohl Dwayne Johnson und Ian McKellen, meilenweit voneinander entfernt, in völlig anderer Liga spielen – sträflich entzaubert haben ihre Kultfiguren wohl beide. Dabei ist das Herunterbrechen auf die Quintessenz einer solchen Persönlichkeit zumindest von mir selbst keinesfalls erwünscht. Wozu auch? Diese Frage stellt sich bei beiden Filmen, und beide sind mehr oder weniger entbehrliche Kinostunden. Natürlich, Ian McKellen verblüfft in seinem Schauspiel als – der Maske sei Dank – steinalte Mischung aus dem österreichischen Expräsidenten Dr. Kurt Waldheim und dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Älter geht’s wohl kaum, jede Szene rechnet man damit, Mr. Holmes dabei zuzusehen, wie er das Zeitliche segnet. Soweit kommt es dann nun doch nicht. Schlimmer noch sind der Verlust seines Gedächtnisses und seine quälende Suche nach Erinnerungen. Diesem Unterfangen steht ein kleiner Junge zur Seite, der dem 3-Personenstück gottseidank das notwendige Quäntchen Leben einhaucht. Das aus Rückblenden und Traumsequenzen bestehende Charakterdrama mag zwar vor allem dank „Gandalf“ darstellerisch durchaus sehenswert sein, den Mythos selbst aber möchte ich, genauso wie Hercules, so nicht wieder zu Gesicht bekommen.

Mr. Holmes

The First Avenger: Civil War

ENTFESSELTE HELDEN

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civilwar

Superhelden in politisch-gesellschaftlichem Kontext haben in letzter Zeit Hochkonjunktur. Sie sind allesamt nicht mehr nur plakative Abziehbilder aus Selbstjustiz und einem Auge-um-Auge-Gerechtigkeitssinn, überbordender Stärke und Perfektionismus. Sie haben zwar in ihrem phantastischen Paralleluniversum, das im Grunde sehr ähnlich dem unseren ist, gehörig eine Portion mitzureden, werden aber so, in ihrer Allmacht, nicht mehr akzeptiert. Diesen Stoß vom Sockel haben wir bereits bei Zack Snyders Batman vs. Superman gesehen, allerdings ins Griechisch-Tragische überhöht und voller Pathos. Das Marvel-Universum schickt einige Monate später ebenfalls ein Ritterturnier ins Rennen, das zwar offiziell ein Captain America-Abenteuer sein soll, in Wahrheit aber einen weiteren Avengers-Film darstellt, nur ohne Thor und Hulk. Und Marvel, die deutlich augenzwinkerndere, kreativere und unterhaltsamere Comicreihe, schlägt das düstere, an den Film Noir angelehnte DC-Universum – derweil noch – um Längen (warten wir auf Suicide Squad…). Allen Unkenrufen und Superhelden-Boykotten all jener zum Trotz, die das Genre als ausgelutscht und allzu trivial wahrnehmen, mausert sich vor allem das Avengers-Universum zu einem zusammenhängenden, alle Kinoepisoden verbindenden Epos, dessen Geschichte mittlerweile mehrere Anfänge aufweist –  darunter die Genese des Captain America, die Verbannung Thors aus Asgard und die Verwandlung des Hulk – und sich langsam, wie die Fasern eines Seiles, miteinander verbinden. Vergleichbar ist das Marvel Cinematic Universe – wie es sich nennt – mit dem ausufernden und mittlerweile unüberschaubar gewordenen Universum von Star Wars. Und auch bei Marvel sind die Schauplätze längst nicht mehr nur die Erde, denn Oberbösewicht Thanos, um den es hier schlussendlich geht und die Guardians of the Galaxy, die auch noch mitmischen werden, agieren Lichtjahre von unserem Heimatplaneten entfernt vor komplett anderer Kulisse. Zuletzt sollte man nicht die sechs Infinity-Steine vergessen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen und deren Besitz zu unbegrenzter Macht verhilft. Alles schön durchdacht, doch das faszinierendste und gelungenste vor allem auch in diesem mehr als zweistündigen Abenteuer ist das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere mit mit all ihren spezifischen Fähigkeiten. Jeder ein Nerd für sich, mit psychischem Manko, menschlichen Fehlern und komplexer, zumeist schwieriger Persönlichkeit. Klar, nicht jede Charakterzeichnung ist bis ins Detail durchdacht, manche aus dem Avengerteam bleiben mehr oder weniger farblos, doch dabei handelt es sich um Randfiguren, die das Kernteam begrüßenswert ergänzen. Die filmische Darstellung der kriegerischen wie verbalen Auseinandersetzung der Helden unter sich ist die bislang wohl personenreichste Episode überhaupt. Alle Figuren gleichzeitig zu koordinieren und zu dirigieren, jedem genug Raum zur glaubwürdigen Entfaltung seiner Person zur Verfügung zu stellen – das zeugt von außerordentlichen inszenatorischen Fähigkeiten und war bislang das Steckenpferd eines Joss Whedon, der schon mit den Serien Buffy, Angel und Firefly auf gelungenes Teamwork gesetzt hat. Figuren wie der Winter Soldier, die noch keinen eigenen Kick-Off-Erstling erhalten haben, dürfen mit ihrem Bonus an Leinwandzeit ihre persönliche Geschichte noch greifbarer werden lassen. So ein Teamwork wie bei den Avengers bietet Stoff für Konflikte, neuen Verbindungen und internen Spaltungen. Diese Reibung sorgt für Spannung, Humor und Kurzweiligkeit. Auch befinden sich die Actionsequenzen des Filmes, der sich nicht wie Zack Snyder zu einem Effekte-Overkill hinreißen lässt, auf höchstem Niveau. Sie gipfeln in einem ultimativen, perfekt choreographierten Superheldenclash aller Protagonisten, der mit seiner humorvollen, selbstironischen Leichtigkeit nie langweilig wird oder das Publikum mit seinen Schauwerten erschlägt. Gleichzeit ist Civil War dramatisch genug, um einer Fortsetzung entgegenfiebern zu können. Superhelden hin oder her, man kann sagen was man will, Marvels Abenteuer, vor allem jene rund um Captain America, gehören zum Besten, was Comic im Kino zu bieten hat. Und – Pech für alle Kino-Puristen – noch ist längst nicht alles auserzählt.

 

 

The First Avenger: Civil War