Die Wolken von Sils Maria

WER BIN ICH, WER WAR ICH?

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silsmaria

Das Genre des Künstler- oder Kunstgattungsfilmes hatte und hat seit jeher eine rätselhafte Eigendynamik. Vor allem deshalb, weil sehr wahrscheinlich kaum einer dieser Filme jemals seine Produktionskosten überholt hat. In Anbetracht einer hauptsächlich finanziell orientierten Filmlandschaft verwundert es immer wieder, dass offensichtliche Künstlerfilme sicher niemals den Nerv des breit gefächerten Publikums treffen – und sich dennoch im Kino präsentieren können. Es gibt also immer wieder Mittel und Wege, filmische Liebhabereien von Filmemachern, die sich vorwiegend mit sich selbst und ihrem Umfeld beschäftigen und für die das Publikum nur ein angenehmer Nebeneffekt ist, das Kunstlicht der Welt erblicken zu lassen. Es sind Filme, die rein thematisch nur eine spezielle Zielgruppe ansprechen. Wen interessiert zum Beispiel schon das Leben und Leiden einer fiktiven, in die Jahre gekommenen Schauspielerin? Und was habe ich damit zu tun? Wenn ich selbst in diesem Kunstmedium tätig wäre, wäre das natürlich was Anderes. So aber ist die Frage berechtigt. Man merkt Oliver Assayas seinen inszenatorischen Ego-Trip deutlich an, doch zum Glück für den Film schaffen es Juliette Binoche und „Twilight-Bella“ Kristen Stewart, den unbedarften Zuschauer mit ins Boot zu holen, möge der Inhalt und die Thematik noch so irrelevant sein.

Das wortgewaltige Drama rund um künstlerische und realer Identität ist Schauspielkino vom Feinsten. Aber was heißt Kino, fast schon Theater. Anspruchsvolles Theater über Theater. Schon zu Beginn des mehr als zweistündigen Psychogramms lässt Assayas seine langsam alternde, scheinbar auf Freuds Couch platzgenommene Schauspielerin mit ihrer Paraderolle aus dem fiktiven Stück „Maloja Snake“ untrennbar verbunden sein. Der Titel des Filmes Die Wolken von Sils Maria bezieht sich erstens auf ein vor allem im Herbst auftretendes Wolkenphänomen in den Schweizer Bergen, bei welcher eine Wolkenschlange nahe des Maloja-Passes mit sichtbarer Geschwindigkeit durch das Tal kriecht. Und er bezieht sich zweitens auf das im Film behandelte Theaterstück, welches dem Filmcharakter, grandios dargeboten von Juliette Binoche, in jüngeren Jahren seinen größten Erfolg beschert hat. Die Krux an der Sache ist, dass dieses Theaterstück aber zwei Hauptrollen hat – eine junge und eine ältere. Dreimal darf man nun raten, welche Rolle bei der Wiederaufführung des Stückes dem Star nun zuteilwerden wird. Konfrontiert mit einer schnelllebigen Multimedia-Zukunft des Schauspielens und Berühmtseins, wo vieles von Wert scheinbar willkürlich und auf gnadenlose Art und Weise die Seiten wechselt, hadert Binoche – immer noch faszinierend und enorm anmutig – mit ihrem künstlerischen Schicksal. Mit der Vergänglichkeit großer Momente und einem vermeintlich ewig gültigen Lebenswerk. Ähnlich der Wolkenschlange, die sich, zuvor noch lebendig und atemberaubend, in Windeseile verflüchtigen kann. Assayas verwebt geschickt mehrere Ebenen miteinander, spiegelt Gefühle und Erinnerungen in diversen Metaebenen wie Bühne, Traum und Wirklichkeit wider, arbeitet sehr viel mit Symbolik und Stimmungen. Kristen Stewart weckt gottseidank kaum mehr Erinnerungen an Twilight, sondern etabliert sich als würdige Schauspielpartnerin eines der größten französischen Leinwandstars der Gegenwart. Man kann sich auf den eigenwilligen, aber dramaturgisch dichten Dialogfilm einlassen, wenn man genug Sitzfleisch und Freude am intellektuellen Kopfkino mitbringt. Auch wenn man es zu Beginn kaum erwartet, wird man belohnt. Mit einem magischen, zwischen Bühnen- und Verhaltenspsychologie herumchangierenden Kunststück, welches, obwohl in unnahbaren Welten spielend, doch irgendwie unmittelbar berührt. Wer die Atlersparabel Ewige Jugend mochte, könnte diesen Film als lohnende Ergänzung sehen. Und sollte ihn nicht verpassen.

Die Wolken von Sils Maria

The Last Witch Hunter

BEIM BARTE VIN DIESELS

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witchhunter

Nach „Kojak“ Telly Savalas der coolste Glatzkopf auf Erden, hat Raubein Vin Diesel im Kino schon des Öfteren wirklich lichte Kinomomente hervorbringen können. Seine Rolle als Riddick ist unter Fans legendär, und auch der Triple X-Erstling stand einem James Bond in nichts nach. Problematischer wurde es dabei im Komödienfach, und als Darsteller in dramatischen Rollen – wie Find Me Guilty von Sidney Lumet – kann man, muss man ihn aber nicht haben wollen. Vin Diesel ist eindeutig ein Actionschauspieler. Oftmals tatsächlich in der A-Liga, manchmal aber auch auf Niveau Videokeller, wie es sein neuestes Machwerk leider geworden ist. Das Hexengekloppe zwischen Mittelalter und Moderne ist ein müdes, liebloses Stück Fantasykino, mit den kostengünstigsten und billigsten Effekten, die man sich heutzutage nur vorstellen kann. Denn wucherndes Wurzelgeflecht und undefinierbare Fliegenschwärme gehören mittlerweile zum Standardrepertoire jedes Animationsstudios. Und hier ist auch das Best of an Schauwerten angekommen. Konnte man sich bei Vin Diesels kunstvoll geflochtenem, allerdings aber wie aufgesetzt wirkenden Wikingerbart das Lachen gerade noch verkneifen, überkommt einem beim finalen Duell Glatzenschlumpf gegen Runzelfalte, in diesem Fall stellvertretend für die Oberhexe, das große Gähnen. Was ist hier nur passiert? Und wieso verirrt sich Michael Caine in dieses B-Movie? Gegen Schauspielern quer durch alle Genres ist ja nichts zu sagen, und vielleicht klang das Drehbuch anfangs ja sogar vielversprechend, doch wie letzten Endes Vin Diesel und vor allem Nebenrolle Elijah Wood sowas von überhaupt nicht ihre Rollen verkörpern, ist genauso sagenhaft wie der Hexenmythos. Der ewige Frodo quält sich platt wie eine Flunder durch seine spärlichen Szenen, ohne zu berühren. Dasselbe gilt für Diesel, und man sieht ihm an, dass er sich bei jeder Szene auf den Planeten der Finsternis zurückwünscht, um gefräßige Aliens zu killen. Dass Michael Caine den Film des Geldes wegen gemacht hat, nehme ich ihm nicht ab. Aber vielleicht wollte die Kinolegende einfach nur mal mit dem sonoren Action Hero gemeinsam einen Film machen – wann wenn nicht jetzt? Und gibt es letzten Endes auch was Positives über den Film zu sagen? Nun ja, einige Szenen, wie jene der ewig verjüngten Model-Hexen, erinnern an Nicolas Roegs Hexen hexen und haben etwas Witz. Auch Vin Diesels weiblicher, rothaariger Sidekick versprüht einiges an Elan und verbucht vor allem die unterhaltsamsten Momente für sich. Sonst enttäuscht der Hexenjäger auf ganzer Linie – da zieh ich mir lieber nochmals Hänsel und Gretel rein. Zwar auch purer Trash, aber besser aufgelegt.

 

 

The Last Witch Hunter

The Signal

VERSUCHSKANINCHEN

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Was würde passieren. würde man David Lynch, M. Night Shyamalan und Philipp K. Dick gemeinsam an einem Science Fiction-Film arbeiten lassen? Nun, herauskommen würde auf alle Fälle alles andere als ein Kindergeburtstag. Herauskommen würde etwas sehr Beklemmendes, Beängstigendes. Ein surrealer, aber doch – und da wäre der Einfluss von Philipp K. Dick spürbar – ein in sich logischer Alptraum. Aber Logik hin oder her – die Independetproduktion von Filmemacher William Eubank zitiert zwar offensichtliche Vorbilder, steht aber relativ selbstbewusst inmitten eines zusehends ausgelutschten Genre-Universums, welches außer postapokalyptischen Szenarien und herrschaftssüchtigen Robotern kaum mehr Neues zu bieten hat. Wohin gehst du, Science-Fiction, könnte ich da an passender Stelle fragen. Vielleicht sind es knappe Budgets oder die Einfachheit heraufbeschworener Dystopien, die technisch leicht umzusetzen sind. Weltraumviren, urbaner Kannibalismus oder Zombies aller Art – im Endeffekt opfert sich ein kreatives Genre simpler Horrorthematik, dem Mainstream sei gedankt. Um hier gegenzusteuern, braucht es Mut und eine Rücksichtslosigkeit gegenüber Verluste finanzieller Art. Querdenker sind hier gefragt, und William Eubank dürfte sich mit einer ausgesuchten Zielgruppe zufriedengeben, die im Kino gerne überrascht wird und sich vor Gedankenexperimenten nicht scheut. Genau das trifft auf das bizarre Filmrätsel zu, welches Eubank nach seiner 2001-Hommage Love hier selbst erdacht und inszeniert hat.

Vorsicht ist geboten, denn die krude Mischung aus Invasionsthriller, Superheldengenese und Mysteryhorror erzeugt ein schleichendes Unwohlsein. Wohlfühlkino ist etwas ganz Anderes, schafft doch die spannende, klaustrophobische Odyssee dreier Jungstudenten ein Gefühl subjektiver Paranoia, die den Zuseher nach dem fulminanten Schlusstwist gleichzeitig verstört wie auch staunend zurücklässt.

Wie schon eingangs erwähnt, erinnert das Machwerk, prominent besetzt mit „Morpheus“ Laurence Fishburne, in vielerlei Hinsicht an Shyamalans Signs – Zeichen. Ein Film, welcher einen ebenso bedrohlichen Sog erzeugt. Das kann man nun verlockend und reizvoll finden – sensible Gemüter kommen ins Schwitzen. Dabei schlägt die Geschichte wendungsreiche Haken und lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Szenen wie aus Lynchs Mulholland Drive finden sich ebenso wie kryptischer Suspense. Es ist ein perfekt inszenierter Fiebertraum, der sich anfühlt, als müsste man mehrere traumatische Erlebnisse auf einmal verarbeiten, als stecke man in angstmachenden Gedankengebirgen fest und weiß, dass das Gehirn vielleicht das größere Universum als das uns umgebende, physische ist. Vieles wirkt willkürlich und intuitiv, entpuppt sich aber später, anders als bei Kubricks 2001 –  als verblüffend logisches, nachvollziehbares Science-Fiction-Gespinst, das visuell wie inhaltlich durchaus begeistert – und zumindest mich alles andere als kalt gelassen hat. Wer zwangloses, kreatives Independentkino schätzt, und den Nervenkitzel liebt, sollte sich auf das Spiel mit der Wahrnehmung einlassen.

Gerade fällt mir Dmytryks Die 27. Etage mit Gregory Peck ein – erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Ja, mit dieser Phrase könnte man den futuristischen, ausweglosen Mindfuck-Horror ziemlich gut vergleichen. Und mehr sei hier auch nicht verraten. In dieser Science-Fiction, die Angst macht und verblüfft.

 

The Signal

Warcraft – The Beginning

HAUER POWER

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warcraft

Schon im Sommer letzten Jahres gab es erste Stills von gewaltigen, bis an die Zähne bewaffneten Monstern, die, so prophezeite man, mit ordentlichem Getöse und in nie dagewesener Perfektion ein Universum auf die Leinwand wuchten sollen, welches bislang nur Online-Gamern und Computersüchtigen geläufig war. Nämlich die Welt von Azeroth, besser bekannt unter dem Sammelbegriff World of Warcraft, kurz WoW. Dieses phantastische Paralleluniversum, von Menschen, Zwergen, Elfen und besagten Orks bevölkert, ist zweifelsohne Kult, genießt aber mittlerweile einen meiner Meinung nach zweifelhaften Ruf. Denn das Spiel ist für realitätsunzufriedene und introvertierte Persönlichkeiten der ideale Ort, um als fiktiver Avatar aus sich herauszugehen und ein neues, spannenderes Leben zu beginnen. Was folgt, ist Spielsucht höchsten Grades. WoW ist dafür das beste Beispiel, was nicht heißt, dass die Geschichten, die in diesem Universum erzählt werden, nicht kreativ, spannend und erlebenswert sind. Für einen Nichtkenner der Materie wie mich ist das High Fantasy Abenteuer von David Bowie-Sohn Duncan Jones ein erster Einstieg. Der schon seit Längerem im Science Fiction-Genre beheimatete Filmemacher kann bei seinem ersten Blockbuster-Auftrag nach seinen beiden existenzialistischen Science Fiction-Dramen Moon und Source Code auf ein viel größeres Budget und auf die besten Bildervirtuosen ihres Fachs zurückgreifen. Fast schon vergessen sind die bizarren, dürren, hässlichen Orks aus Peter Jacksons Herr der Ringe– und Hobbit-Trilogie, denn die namensgleichen Kreaturen aus Azeroths Parallelwelt Dreamor sind wahre Ungetüme. Stattliche, muskelbepackte Giganten. Grün oder von der Farbe menschlicher Haut, mit spitzen Ohren und gewaltigen Hauern. Und noch viel gewaltiger sind ihre Pranken. So, wie Duncan Jones und sein Team die Welt der Orks in Szene setzt, hat man phantastisches Kino seit Mittelerde nicht mehr gesehen. Und ich wage zu behaupten, dass selbst in dieser Perfektion Peter Jackson das Zepter für Spezialeffekte und Motion Capture weitergeben muss. Seit Herr der Ringe und Hobbit ist doch wieder einige Zeit vergangen, und die Technik ist in ihrer schnelllebigen Entwicklung einfach nicht aufzuhalten. Der wuchtige Fantasy-Erstling aus dem Warcraft-Universum ist ein opulentes, magisches Bilderbuch voller atemberaubender Settings, Bildkompositionen und Ausstattungsorgien. Allein die Rüstungen der Grünhäute zeugen von einem überbordenden Naturalismus und leidenschaftlicher Detailverliebtheit. Allerdings merkt man, dass den Filmemachern mehr an den phantastischen Wesen gelegen hat als den Menschen. Hier kommt die Kreativität etwas ins Stocken. Mag sein, dass der Optik des Online-Spiels hierbei gerecht wird, doch der König von Azeroth ist in seiner glatten, klassischen Märchenprinz-Kitschigkeit eher bei Shrek zuhause als in dieser rauen, Eisenhammer schwingenden Erlebniswelt. Da ist Hauptdarsteller Travis Fimmel als Prinz Lothar noch eher ein Treffer ins Schwarze. Ohne ihn wäre die Bevölkerung Azeroths farblos geblieben, überzeugt der charismatische Schauspieler, bekannt aus der Fernsehserie Vikings, nicht nur durch seinen stechenden Blick, sondern auch durch sein faszinierendes Changieren zwischen expressiver Emotion und zurückhaltendem Ausdruck, wobei diese Eigenschaft nicht so stark zur Geltung kommt wie in seiner Wikinger-Paraderolle als Ragnar Lodbrock. Und endlich, endlich dürfen auch mal Zauberer wieder tief in die Trickkiste greifen. So leidenschaftlich und farbenfroh um sich spuken durften ja nicht mal die Hexen und Magier in Hogwarts. In der Welt von Warcraft ist alles viel bunter und üppiger, auch dieser visuelle Stil dürfte laut Meinungen von Kennern des Spiels der Vorlage entsprechen.

Will ich wissen wie es weitergeht? Auf jeden Fall. Und das ist schon mal ein gutes Zeichen. Die Geschichte ist als eigenständiger Kanon extra fürs Kino entwickelt worden, und ist tatsächlich auch mehr als nur ein Abklatsch aus Tolkiens Ringoper. Natürlich, der sprachaffine britische Schriftsteller ist Vater der gesamten High Fantasy, die sich in Spiel, Film und Buch bis heute jemals manifestiert hat. So auch für diese, neu auf die Leinwand gebrachte, schwergewichtige Traumwelt. Doch Jones und sein Team gewinnen der stimmigen Storyline vor allem gegen Ende hin einige interessante und überraschende Wendungen ab, sodass der erste Film tatsächlich wie eine Ouvertüre für etwas ganz Großes funktioniert. Wie der Filmtitel selbst schon sagt – es ist ein Beginn. Da kann man als Liebhaber des Genres nur hoffen, dass das sündteure Projekt die Kinokassen genug zum Klingeln bringt, sonst versickert das filmische Wetterleuchten so schnell, wie es gekommen war. Man denke nur an John Carter, Der goldene Kompass oder City of Bones. Gut genug ist der barocke Augenschmaus jedenfalls, um nicht dem wirtschaftlichen Fallbeil geopfert zu werden. Hoffentlich sehen das die Kinogeher, Spielenerds und Produzenten ebenso. Vor allem letzteren geht es bekannterweise weniger um Qualität und Kunstfertigkeit als darum, dass die Einnahmen stimmen. Also mal sehen, ob das Portal nach Azeroth offenbleibt.  Wünschen würde ich es mir – aus Sympathie zu den Grünhäuten.

 

Warcraft – The Beginning

Regrets of the Past

WIR SIND STAR WARS!

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regrets

Das imperiale Shuttle der Lambda-Klasse, allen Star Wars-Kennern aus Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter bekannt – setzte zur Landung an. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich das Raumschiff dann doch noch als langgestreckte, weiße Limousine. Die beiden Sturmtruppler davor waren allerdings echt. Und sie öffneten die Wagentür, um Cast und Crew des ersten österreichischen Beitrags zum Star Wars-Universum willkommen zu heißen. Ob jemand den roten Teppich vermisst hat? Der wäre niemandem aufgefallen. Die Aufmerksamkeit galt nämlich den unverwechselbaren Kultfiguren, die rund um Wiens Gartenbaukino mehr als nur einen Hauch von Los Angeles verbreiteten. Ganz so, als stünde man vor dem Chinese Theatre. Da spielte Kylo Ren höchstpersönlich mit seinem Flammenschwert, plauderte ein TIE-Fighter-Pilot mit angehenden Jedi-Schülern und warf sich ein Sith gemeinsam mit Obi Wan Kenobi für ein Selfie in Pose. Die Fangemeinde hatte an diesem zweiten Juni allen Grund zum Feiern. Denn nicht nur 2015 war ein Star Wars-Jahr, 2016 gibt es sogar doppelten Grund, einen weiteren Sonnenumlauf zu diesem Thema einzuläuten. Denn die Wartezeit auf Rogue One im Dezember wird erfolgreich verkürzt – um ein hausgemachtes, pfiffiges Gesellenstück waschechter Fans und experimentierfreudiger Nerds, die allesamt mit dem Krieg der Sterne aufgewachsen sind. Das Phänomen Star Wars lässt Millionen Fans nicht kalt, und so macht es auch nicht wirklich einen Unterschied, ob man in einer selbsterdachten Side Story mit bislang unbekannten Jedi-Rittern mitfiebert oder vom offiziellen, lupenrein inszenierten Disney-Getöse in die Kinosessel gepresst wird. Wichtig ist die Wiedererkennung, die Identifizierung mit einer vertrauten Parallelwelt. Und das gelingt Produzentin Laura Hermann, Autor Daniel Trauner und Regisseur Bernhard Weber allemal. Ohne einen studiotechnischen Finanzriesen im Hintergrund und mit einem unerschütterlichen Glauben ans Projekt begann vor vier Jahren ein aus dem Nichts heraus auf die Beine gestelltes Herzblutprojekt, das im Laufe der Zeit immer mehr Anhänger um sich scharen konnte und welches schon im Vorfeld durch eine wohlüberlegte PR-Schiene höchst ungeduldige Vorfreude bei den österreichischen Fans schüren konnte. Schon 2013 gab es auf der lokalen Fanconvention Vienna Comix einen Infostand zum Projekt, inklusive vielversprechendem Teaser. Die professionelle Machart desselben war beeindruckend – und ein kleiner Hype ins Rollen gebracht. Wieso der Willkür der großen Macher aus Übersee mit Herz und Hirn ausgeliefert sein, wenn man das Universum einfach selbst erschaffen kann? Sind die Idee und der Wille erstmal da, fehlt es nur noch an Improvisationstalent, Kreativität und fast schon astronomischer Ausdauer. All diese Eigenschaften haben Weber und sein Team bis zum Moment des kinematografischen Lift-Offs unter Beweis gestellt, bestätigt durch eine völlig aus dem Häuschen gewesene Zielgruppe. Eine Großfamilie mit derselben Liebe zu einer Leidenschaft, die schon mal bis zum Lebensmotto gehen kann. Kostümiert oder in Schale geworfen, stürmte die Fangemeinde die Sitzreihen vor der größten Kinoeinwand Wiens. Der Saal war zum Bersten voll, jeder von knapp 800 Plätzen besetzt. Und als dann, nach kauzig moderierten, warmherzigen Willkommensworten, das Licht im Saal schwand und Williams Ouvertüre mitsamt seiner obligaten Perspektivschrift über die Leinwand gleitet, wusste man – dieses Star Wars Universum ist echt und besinnt sich seines Ursprungs.

Knapp eine Stunde lang widmet sich Regrets of the Past einer Episode aus der Epoche der Jedi-Verfolgungen, irgendwo zwischen Teil 3 und 4 angesiedelt. Die Geschichte handelt von einem Holocron – einer handtellergroßen Informationsquelle der Sith, in der sämtliches Wissen über die dunkle Seite der Macht gespeichert sein soll und nur von extrem machtempfänglichen Wesen geöffnet werden kann. Glücklich der Jedi, der ein Sith-Holocron besitzt, kann er doch das ganze Wissen gegen seine Widersacher einsetzen. Bis auf die Clone Wars-Serie wird der Aspekt des Holocrons in der offiziellen Film- und Fernsehwelt von Star Wars nicht aufgegriffen. Dank des österreichischen, straff und rund erzählten Fanfilms bekommt das Universum der Jedi und Sith eine neue, begleitende Dimension.

In Sachen Tricktechnik wurde gemacht, was gemacht werden kann. Vor allem die Verfolgungsjagd im Asteroidenfeld und in der Abflugsequenz der imperialen Raumfähre sind die Computerspezialisten über sich hinausgewachsen, und selbst klassische Bilder wie Sternzerstörer in der Tiefe des Weltraumes ließen sich die Filmemacher nicht nehmen, darf doch sowas zu einem richtigen Abenteuer seiner Art nicht fehlen. Schauspielerisch wurde gottseidank noch herumgeschraubt – Joe Baumgartner gibt als desillusionieter, leicht resignierender Jedi-Meister eine ordentliche Leistung, Sophia Grabner als Padawan Kaila Dain hätte noch an ihrer Intonation feilen können. Doch irgendwo muss ein Fanfilm auch ein Fanfilm bleiben, und das meist im darstellerischen Bereich. Stars dafür zu verpflichten nimmt ja den Spaß an der Sache. Der Fanfilm Darth Maul Apprentice hat sich dieser Schwierigkeit nicht gestellt, wird doch in dem halb so langen, allerdings ebenfalls handwerklich professionellen Kurzfilm kaum gesprochen. Obwohl das fast abendfüllende Planetenabenteuer ein im Grunde offenes Ende hat, wird es – zum Leidwesen von uns Fans – wahrscheinlich mehr aufgrund von Zeit- als von Geldmangel (Crowdfunding wäre eine gemachte Sache) der Beteiligten keine Fortsetzung geben. Der Geschichte aber wäre ein TV-Erfolg als Serie jetzt schon beschieden. Und einen gelungenen Film zeichnet aus, dass man wissen will, wie es weitergeht. Vielleicht als Comic? Vielleicht als Online-Story? Wünschenswert wäre es. Um auch Jedi-Ritter aus dem Ausland zu begeistern, wäre eine englische Synchronisation zu empfehlen, denn vorenthalten sollte man den filmischen Appetithappen auch der internationalen Fangemeinde nicht. Sind wir doch alle eine riesengroße Familie. Eine Star Wars-Familie. Da habe ich ein ganz…gutes Gefühl.

Lest mehr zum Thema Fanfilm auf meinem Blog unter Darth Maul: Apprentice – Lucasfilm ist überall

Regrets of the Past

Irrational Man

WOHLTÄTIGKEITSMÖRDER

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irrationalman

Der Schreibmaschine sei Dank. Woody Allen ist zurück, und wüsste man nicht im Vorhinein, dass der Film von ihm ist – man würde es sofort merken. Denn Woody Allen wiederholt sich. In seinen Figuren, in seiner Story, in seinem dieser Story stets zugrundeliegendem moralischen Dilemma. Aber, ehrlich gesagt, das macht nichts. Denn der kleine, kurzsichtige Amerikaner ist ein Meister des Originals, des selbst erdachten und geschriebenen Werks. Seine Geschichten sind dicht und unterhaltsam, voll hintergründigem Witz und hausgemachter Tragik. Nach seiner missglückten Sommerkomödie Magic in the Moonlight, in welcher zwischen Emma Stone und Colin Firth überhaupt keine Chemie vorhanden war, ist die Rollenauswahl mit Joaquin Phoenix weitaus besser geglückt. Und auch das allzu Unbeschwerte ist verschwunden, diese oberflächliche, sonnendurchflutete Attitüde, die Allen so gar nicht kann. Um es banal auszudrücken: seine Filme brauchen eine dunkle Seite, ein dunkles, existenzbedrohendes Zentrum, um welches sich eine scheinbar arglose Komödie dreht. Die Philosophie von Aktion und Reaktion, die Todsünden der Menschheit, denen Woody Allens Figuren gerne erliegen, vor allem Liebe, Mammon und Geltungssucht, sind seine Rohmaterialien, aus welchen er urbane Moralpredigten schnitzt, ohne aber mit dem Finger zu zeigen. Denn das kann sich der jazzaffine Künstler selbst nicht erlauben. Es sind die Schwächen der Menschen, die lustvoll seziert, ja geradezu schadenfroh angegafft werden. Ähnlich erging es Josh Brolin in Ich sehe den Mann deiner Träume, Ewan McGregor in Cassandras Traum oder Jonathan Rhys Meyers in Match Point, allerdings allesamt vielschichtiger. Immer ist seine männliche Hauptrolle irgendwie er selbst. Sinnsuchend, gebeutelt, lebensüberdrüssig, jammernd. Phoenix meistert diese Rolle spielerisch. Schmerbäuchig, unbeweglich, resignierend – bis eine scheinbar sinnhafte Idee auf Kosten anderer sein Leben ändert. An seiner Seite die bezaubernde Emma Stone, immer ein Lichtblick. Ihre lebensfrohe, natürliche Art, ihr selbstbewusstes, authentisches Spiel hat einen hohen Sympathiewert. Eine strahlend unbekümmerte Intelligenz geht von ihr aus, womit Phoenix als depressiver Universitätsdozent spielerisch den notwendigen Kontrapunkt setzt. Moral gegen Amoral ist das „David gegen Goliath“ Woody Allens. Die verschobene Perspektive eines Wohltätigkeitsmörders, welcher über gesellschaftliche Grenzen hinweg ähnlich eines Robin Hood das Gutmenschentum über den Haufen wirft, ist der verblüffende Storytwist des Films. Der Mensch als einzelner kann nicht darüber definieren, was gut oder schlecht ist, es muss die Definition aller sein, es muss die demokratische Erläuterung vieler sein, die Erlaubtes und Unerlaubtes voneinander trennen. Ohne Gesetz und Demokratie gibt es viele Wahrheiten. Die Frage, welche richtig ist, entscheidet die Mehrheit. Insofern ist eine Entindividualisierung bis zu einem gewissen Grad tatsächlich notwendig. Die Rolle des Joaquin Phoenix schwebt aber selbst nicht in einem moralischen Dilemma, sondern definiert sich durch eine wohlüberlegte, neue Weltsicht nochmal neu, was ihm Flügel zu verleihen scheint. Funktionieren so Motive von Serienmördern? Von Terroristen? Die nicht das Ganze sehen, sondern nur das Bedürfnis einer politischen oder gesellschaftlichen Position bedienen, vielleicht sogar nur sich selbst? Würde man aber das Ganze sehen, gäbe es für die individuelle Handlungsfreiheit einen sinnbildlichen elektrischen Grenzzaun. Ob dieser Gedanken wirklich irrational ist, mag dahingestellt sein – jedenfalls ist er nicht gesellschaftsfähig. Und lässt man sich darauf ein, setzt die Sogwirkung in den Untergang ein. Aber genug der philosophischen Spinnereien. Die leichtfüßig amoralische Komödie ist zufrieden damit, das Wahrheitsdilemma nur zu streifen. Der Intellektuellenkrimi will unterhalten, und keine Diskurse vom Zaun brechen. Der Mensch ist ein irrelaufendes Opfer seiner selbst, und das ist mitunter schmunzelnd und voller Genugtuung mitanzusehen.

 

Irrational Man

Calvary – Am Sonntag bist du tot

DIES IST MEIN LEIB, DIES IST MEIN BLUT

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calvary

Schon ganz zu Beginn muss man einmal schwer schlucken. Denn das, was dem Priester einer irischen Kleinstadt im Beichtstuhl seiner Gemeinde zu Ohren kommt, ist schwer zu verdauen. Da geht es um Kindesmissbrauch und ein zerstörtes Leben. In Anbetracht dessen verblasst sogar die Tatsache, dass dem Seelsorger zur Wiedergutmachung sein eigener Tod widerfahren soll. Als Sündenbock. Wer sonst, wenn nicht der, der demjenigen nacheifert, der für die Sünden der Welt am Kreuz gestorben ist? Das dramaturgisch enorm dichte, aufwühlende Filmdrama ist in seiner Thematik fast schon allein auf weiter Flur. Selten wagen sich Filmemacher dermaßen konzentriert auf so schwankendes, kontroverses Terrain wie Sünde, Vergebung, und den Glauben an Gott, aus persönlicher wie institutioneller Sicht. Das interessiert kaum jemandem im Kino, es sind unbequeme Spekulationen, unbequeme Interpretationen, die aber eine enorme, ethisch-philosophische Gewichtung haben und das Werk zu einem außergewöhnlichen, wenn auch verstörenden Filmerlebnis machen. Das vor allem literarische Talent des Regisseurs John Michael McDonagh dürfte in der Familie liegen, ist doch sein Bruder der irische Erfolgsdramatiker Martin McDonagh, der Filme wie Brügge sehen…und sterben auf die Leinwand brachte. Die rotzfreche Thrillersatire The Guard geht wiederum aufs Konto von John Michael, und schon in seinem Erstling besetzte er die Hauptrolle mit dem irischen Paradeschauspieler Brendan Gleeson, im Blockbusterkino besser bekannt als Mad Eye Moody aus dem Harry Potter-Universum. Sonst verirrt sich der griesgrämig wirkende Vollblutmime selten in den Mainstream – das kontroverse Arthousekino ist das, was ihm wirklich liegt. Seine Verkörperung des geistlichen Märtyrers und sinnbildlich Gekreuzigten atmet eine trostlose, zynische Melancholie. Die Verpflichtung seiner Gemeinde gegenüber und die Bürde, die sich der Diener Gottes letzten Endes doch auferlegt, arbeitet sich immer mehr und mehr in sein stoisches, wie gemeißelt wirkendes Gesicht, grau und verwittert wie ein Grabstein. Richard Harris aus Jim Sheridans Das Feld fällt mir hier ein, nur die Verzweiflung des irischen Hirten tritt bei Gleeson nur in Momenten ans wolkenverhangene Tageslicht. Meist ist es Gottergebenheit. Die zutiefst zynische, bittere Filmpassion erschafft einen Jesus der Neuzeit, einen selbstlosen Jünger. Für seine verlorenen und herumirrenden Schützlinge, die stellvertretend für eine strauchelnde, resignierende Gesellschaft stehen, geht er den Weg nach Golgatha, um nach Tagen des Zweifelns alle Schuld der Menschen und vor allem der Kirche selbst auf sich zu nehmen. Einer Kirche, ebenfalls nicht mehr als eine verkommene Institution, die sich den Worten und Taten des Neuen Testaments längst verweigert hat. Wie ein Opferlamm schreitet Gleeson als unerschütterlicher, aufrichtiger Glaubensmann seinem Schicksal entgegen. Strauchelnd, zweifelnd, aber immer wieder aufstehend. Erstaunlich, wie klar und schnörkellos McDonagh die Bedeutung hinter der Eucharistie interpretiert und verständlich werden lässt. Diese zermürbende, eigentlich hoffnungslos traurige Geschichte erinnert an Abel Ferraras Sünderdrama Bad Lieutenant, vor allem was die Worte Schuld und Vergebung, Erlösung und Opferung betrifft. Dort steigt in einer beeindruckenden Sequenz Christus selbst vom Kreuz, während in Calvary der Mensch selbst die Mission des Erlösens übernimmt. Ein dichter, schwieriger Film, inhaltlich famos und beeindruckend. Ein Pflichtprogramm für den nächsten Karfreitag.

Calvary – Am Sonntag bist du tot