Die glorreichen Sieben (2016)

DENZEL SPRICHT DAS NACHTGEBET

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Rauchende Colts, fliegende Messer, und mittendrin ein Kriegsbeil schwingender Helmut Qualtinger. Oder zumindest sieht er so aus und spricht auch wie er. Gemeint ist Full Metal Jacket-Selbstmörder Vincent D’Onofrio als brachialer Lederstrumpf und einer von sieben außerordentlich fähigen Gestalten, die es kaum erwarten können, dem verachtungswürdig Bösen in Gestalt von Peter Saarsgard (gottseidank nicht Christoph Waltz) zu zeigen, wo Gott wohnt. Die Avengers des Wilden Westens gelten seit dem epischen Western von John Sturges aus den frühen Sechzigern als maßgeblicher Kult. Yul Brunner, Charles Bronson, Horst Buchholz und wie sie alle hießen feierten die Sternstunde des Rache- und Gerechtigkeitswesterns und waren der Gegenpol zum aufkommenden moralfreien Italowestern. 56 Jahre später inszeniert Antoine Fuqua, guter Freund und langjähriger Arbeitskollege von Denzel Washington, ein Remake, das den Zuseher ordentlich Staub und Asche schlucken lässt. Die in epischen, atemberaubenden Cinemascope-Bildern gedrehte Neuinterpretation legt seinen Fokus viel stärker auf bleihaltige Duelle, als es das Original gemacht hat. Schaden tut dies dem Film aber meiner Meinung nach nicht, obwohl für manche auf Kosten der Figurenzeichnung geht.

Fuqua hat im Vorfeld womöglich viele der großen Vorbilder studiert, mitunter auch jede Menge Italowestern. Und genauso sieht die Bleioper auch aus. Seine Landschaften sind knochentrockene Wüsten, die Kamera konzentriert sich stark auf überzeichnete Close Ups der Gesichter und folgt Staubmantel-tragenden Outlaws und Revolverhelden aus der Froschperspektive durch deprimierend kleine Siedlungen im Nirgendwo. Der Hybrid aus Sergio Leones Handschrift und Pionier-Romantik verhilft aber gleichzeitig auch den aufrichtigen Mythos des amerikanischen Western zu neuer Kraft. Mit einem hochkarätigen Ensemble gelingt ihm das mit Leichtigkeit. Seine Helden sind aber vermehrt Anti-Helden in der gesetzlichen Grauzone und keine aus dem Ei gepellten John Waynes. Gesellschaftliche Verlierertypen und Einzelgänger allesamt. Eine weiße Weste hat hier lediglich Gangoperhaupt Washington im coolen, schwarzen Outfit voller modischer Understatements. Doch in der Not muss man Gleiches mit Gleichem bekämpfen, und rechtzeitig stellt man fest, das es die lieben Sieben tatsächlich wert sind, dass man zu ihnen hält.

Der Plot ist in wenigen Sätzen erzählt, die Handlung reduziert sich in unmissverständlicher Geradlinigkeit auf einen roten Faden. Doch wie steht es mit den Drehbüchern für einen gelungenen Western? Wie sollen die Geschichten sein, die im gesetzlosen Niemandsland spielen und wo Gut und Böse im Dauerclinch liegen? Ein Western funktioniert meistens dann besser, je einfacher und instinktiver die Geschichte ist. Im Western geht es meist um die Verteidigung von Menschenrechten, ums Überleben und um Grund und Boden. Das sind uralte Bedürfnisse, die mit starken Emotionen verbunden sind und beim Publikum geweckt werden. Wenn die Basis einer Existenz ins Wanken gerät, erwachen die Instinkte, erwachen Gefühle wie Rache, Vergeltung, Verzweiflung. Da haben ein verschachteltes Handlungskonstrukt oder komplizierte Verwicklungen im Grunde keinen Platz. Der Western lebt von Emotion, von Stimmung und von der Befriedigung uralter Triebe. Je mehr ein Western auf nonverbaler Ebene die genannten Reize verstärkt, umso besser ist der Film. Natürlich nur, sofern er die richtigen Gesichter dazu hat. Und Die glorreichen Sieben hat sie. Sogar mit einem Clint Eastwood kann der Western aufwarten, denn es ist unverkennbar, an wen sich Chris Pratt orientiert. Das verkniffene, unrasierte Gesicht mit der „Leck mich“-Attitüde ist eindeutig der junge, wortkarge Blonde aus der Dollar-Trilogie. Und Ethan Hawke hat mittlerweile auch schon ein gewisses Alter erreicht, indem er ein Kriegstrauma mit sich herumschleppen kann. Umso mehr erstaunt es, dass Fuqua sich nicht an die Charakterzeichnung der alten Figuren konzentriert. Seine halftertragende Justice League ist ein Sammelsurium bewährter Westernhelden aus der Kinogeschichte, aber so geschickt und unaufdringlich in den Film integriert, dass es ein willkommener Genuss ist, das Team bei der Arbeit zu sehen. Und diese Arbeit hat es in sich. Es wird geschossen, gestochen, geschlagen und in die Luft gejagt. Der Western wird zum Kriegsschauplatz voller Leichen, Blut und Blei. Stellenweise ist das Gemetzel so intensiv, dass man an die indonesische Schlachtplatte The Raid erinnert wird. Da hätte sogar Quentin Tarantino seine Freude daran, nur bleibt einem der Anblick zerfetzter Leiber glücklicherweise erspart.

Die glorreichen Sieben trägt zum Westerngenre zwar nichts Neues bei, ist aber ein lauter, archaischer Actionreißer und Rachewestern alter Schule geworden – und ja, er hat seine Aufgaben gut gemacht. Er bietet alles, was das Herz des Westernfans begehrt, vor allem die Befriedigung elementarer Emotionen und die Lust, wiedermal Cowboy zu spielen. Es kracht gewaltig, subtil ist natürlich etwas Anderes. Aber schon lange nicht mehr hat man die alten Colts und Silberbüchsen so rauchen gesehen wie in dieser zitatreichen, mitreißenden Western-Hommage. PENG!

Die glorreichen Sieben (2016)

Central Intelligence

KLASSENCLOWNS

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Mit den hautengen, babyfarbenen Einhorn-T-Shirts könnte Riesenbaby Dwayne Johnson vielleicht sogar einen Hype auslösen. Denn seine Affinität zum Mädchenkitsch ist das Witzigste an dieser Buddy-Komödie bewährten Stils. Und ja, der Genuss dieses Filmes führt unweigerlich zur Suche nach zwei Stunden verlorener Zeit, die man aufgrund guten Glaubens an eine halbwegs gelungene, amerikanische Actionkomödie letztlich in einen einfallslosen Klamauk investiert hat. Gut, einige werden sagen: Selber schuld. Aber warum dem Revival der guten alten Polizei- und Actionkomödien aus den 80ern nicht eine Chance geben? Es könnte ja tatsächlich unterhaltend sein. Man erinnere sich nur an Nick Nolte und Eddie Murphy in Nur 48 Stunden, oder überhaupt an die famose selbstironische Thrillerkomödie Auf die harte Tour mit Michael J Fox. Nicht zu vergessen Red Heat mit James Belushi und Arnold Schwarzenegger. Wobei die Antwort des neuen Jahrtausends auf die steirische Eiche zweifellos „The Rock“ verkörpert. Das zwei Meter große Muskelpaket war tatsächlich der Grund, mich an diesen Spaßfilm heranzuwagen. So sympathisch ist selten ein Actionheld – und der hier kann auch gut mit Komödien was anfangen.

Doch leider versumpft Central Intelligence wie befürchtet, aber nicht erhofft, in einer zwar rasanten, aber enorm unoriginellen Story und pubertären, hysterischen Slapstick-Kalauern und gelegentlichem Fäkalhumor. Das anspruchsvolle Publikum verlässt dabei schon in der Eingangssequenz fluchtartig das Kino, wenn Dwayne Johnson als übergewichtiger Nackedei von bösartigen Mitschülern gemobbt wird. Das erinnert sogleich an die unsäglichen Dickwanst-Komödien mit Eddie Murphy, die nicht auszuhalten sind. Der Film wäre schon in den ersten zehn Minuten gescheitert, aber ich dachte mir: riskant, aber vielleicht fängt sich der Film. Aushalten, zuwarten. Ganz so tief sinkt er folglich nicht mehr, doch das Niveau bleibt überschaubar. Kevin Hart quengelt sich auf nervtötende Art durch den Film, der Plot ist so uninteressant, dass jeder Handtaschenraub spannender ist. Irgendwie hat man alles schon mal gesehen, und zwar um Klassen besser. Damals, in den 80ern und frühen 90ern, waren Actionkomödien für das breite Publikum einfach rauer, mitunter ernster und kerniger. Hier aber befinden wir uns auf dem Niveau der infantilen Highway-Komödien mit Burt Reynolds aus früheren Zeiten, die rauschbegleitend das frühmorgendliche Fernsehprogramm nach der Jahreswende ausfüllen. In angetrunkenem Zustand lacht man womöglich über jede Szene, doch sowas hinzukriegen ist keine Kunst, geschweige denn eine Auszeichnung für den Film.

Das Genre der Buddy-Action schafft kein Revival mehr, die Filme sind zu dämlich, um guten Gewissens zu unterhalten. Da kann auch der Ex-Wrestler oder Breaking Bad-Star Aaron Paul nichts ändern, der aus welchem Grund auch immer für diese entbehrliche Nebenrolle unterschrieben hat. In Zukunft werde ich wieder einen großen Bogen um filmgewordene Peinlichkeiten wie diesen machen. Aber das hätte ich seit Cop Out schon wissen müssen. Naja, selber schuld.

 

Central Intelligence

Captain Fantastic

FAREWELL, MUTTER NATUR!

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fantastic

Die eigenen Kinder nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen, ist eine permanente Gratwanderung zwischen der Idee und der Vorstellung der Welt, wie wir sie selbst haben, und dem, was das Beste für den Nachwuchs ist. Meist ertappt man sich dabei, und das manchmal zu spät, wie wir unsere Töchter oder der Söhne immer mehr zu dem werden lassen, was wir selber sind. Dass sie viel zu sehr unsere Ideale leben und unseren Lebensstil mittragen müssen. Bis zu einem gewissen Punkt geht es auch nicht anders, da man als Elternteil Erfahrungen weitergeben muss. Doch die Bedürfnisse des selbstständig denkenden Individuums namens Kind bleiben des Öfteren außen vor. Und dann bekommt das Erziehungsgebilde langsam Risse. Dupliziert man nur noch sein eigenes Leben und verweigert der jüngsten Generation all die Möglichkeiten, die das Leben bieten kann, fällt das Heile Welt-Konstrukt in sich zusammen.

So ergeht es Ex-Aragorn Viggo Mortensen in der Rolle eines idealistischen Aussteigers, der linksphilosophisches Gedankengut zelebriert und eine Alternativgesellschaft lebt. Diese ist eine Art Mikro-Staat mitten in der nordamerikanischen Wildnis, wo zwei Mädchen und vier Buben für den apokalyptischen Ernstfall trainiert, für das Überleben im Wald gedrillt und mit dem Wissen aus ausgewählten Büchern gefüttert werden. Alles wäre so schön und in seiner Naivität des richtigen Lebens so perfekt – gäbe es da nicht jene Welt, die als „normal“ angesehen wird und ein wichtiger Teil unseres Lebens ist, mit all seinen Verführungen, Lastern, Reizen und Ungerechtigkeiten. Die Kinder werden zu Freaks erzogen, zu überspezialisierten Lebewesen, die im Erwachsenenalter garantiert Schwierigkeiten haben werden, sich anzupassen oder flexibel zu agieren. Doch das ist Big Daddy nicht sofort bewusst. Der Captain Fantastic, der Überheld und Patriarch, durfte den Luxus genießen, sein Leben selbst wählen zu können. Und diesen möglichen Luxus lernen die Erben des Eremiten während der Trauerfeierlichkeiten ihrer eigenen Mutter, die aufgrund unheilbarer psychischer Probleme den Freitod gewählt hat, endlich kennen. Dass diese Feierlichkeiten nicht im Wald stattfinden, sondern im urbanen Amerika, ist allen klar. Mit der Reise ins erschlossene gelobte Land erschließen sich auch für Viggo Mortensens Kinder neue Möglichkeiten. Das Drama ist vorprogrammiert. Der freie Wille und der Recht auf das selbst zu gestaltende Leben verschafft sich ordentlich Gehör. Lebensextreme werden durchdacht, diskutiert, verzweifelt Lösungswege ermittelt. Die faszinierende Story bebildert einen Clash zweier grundverschiedener Lebenskonzepte, die in ihrer Radikalität auf Dauer nicht funktionieren können, der Mittelweg aber macht es letzten Endes möglich.

Regisseur und Schauspieler Matt Ross inszeniert ein dialogstarkes Familiendrama der anderen Art, welches anfänglich an Werke wie Herr der Fliegen, Peter Weirs Mosquito Coast, die Waltons und durchwegs aber auch an die Leidens- und Lebensgeschichte der Kelly Family erinnert. Auch bei der legendären Musikerfamilie war das Lebenskonzept ein ziemlich gewagtes und nicht für jedes Familienmitglied gerade mal der Treffer ins Schwarze. Die vielköpfige Gruppe verlor sich nach kurzzeitigem Erfolg im Nirgendwo zwischen Psychiatrie, Billigmedien und Privatleben. Ähnliches hätte der Familie von Captain Fantastic blühen können, hätte sein Nachwuchs nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen. So sehr der Film auch pädagogische und lebensphilosophische Fragen aufwirft, so schwer tut er sich vor allem in der zweiten Hälfte seiner Spielzeit, indem er mit allen Mitteln die Wendung zum Happy End hinbekommen möchte. Matt Ross entgleitet immer mehr der Plot des Filmes und bricht die Geschichte auf eine arg aufgesetzte Filmpoesie herunter, die kaum glaubhaft erscheint. Das Storytelling beginnt zu hinken, die letzten Seiten im Drehbuch missglücken. Der Bruch verpasst dem Werk eine gewisse Inkonsequenz, und so kann man das Familiendrama zwar durchaus mögen, weil es gut gemeint und schön anzusehen ist – ganz überzeugt hat es mich aus erwähnten Gründen aber trotzdem nicht. Hingegen – Die A Kapella-Version von Guns N’Roses´ Sweet Child O‘ Mine ist wirklich cool. 😉 Ohren auf!

 

Captain Fantastic

Ghostbusters (2016)

FRAUEN, DIE AUF GEISTER STARREN

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich Ghostbusters 2 im Kino gesehen habe. Der karpatische, teuflische Oberfürst aus dem Gemälde hat tatsächlich sowas wie Gänsehaut verursacht. Und was mir jetzt gerade Gänsehaut verursacht, ist die Tatsache, dass ich wirklich alt geworden bin. Denn zwischen 1989, als Ghostbusters 2 im Kino lief, und heute liegen satte 27 Jahre. Nun gut, man muss es positiv sehen, ich kann zumindest auf eine lange Laufbahn als leidenschaftlicher Kinogeher zurückblicken. Umso mehr eine Art Pflicht, auch das Remake des Geisterjäger-Klamauks auf der Kino-Agenda wahrzunehmen.

Nach fast drei Jahrzehnten und einiger gesellschaftlicher Vorwärtsentwicklungen sollte man meinen, dass der Gender-Wechsel im Film für bejahende Verblüffung, nicht aber für Unmut sorgen würde. Erschreckenderweise muss ich feststellen, dass das Schockierende an der parapsychologischen Gruselaction eigentlich die Tatsache ist, dass sich eine unüberschaubare Menge an Leuten im Vorfeld darüber echauffiert hat, dass vier Frauen die Rollen von Bill Murray, Dan Aykroyd und Harold Ramis übernommen haben. Und da kann man auch nicht mit einer treuen Ghostbusters-Fangemeinde gegenargumentieren, die ihre vier alten Haudegen aus den Achtzigern wiedersehen wollen – bei nur zwei Filmen und einer Zeichentrick-Kinderserie wage ich einen Fan-Kult a la Star Wars oder Star Trek vehement zu bezweifeln. Um welche Leute handelt es sich dann? Um Bill Murray-Fans? Immerhin, Bill Murray hat hier einen Gastauftritt, Näheres sei an dieser Stelle nicht verraten. Vielleicht um Kinogeher meines Alters? Kann ich mir auch nicht vorstellen, es sei denn, es sind Verfechter einer patriarchalisch geführten, reaktionären Gesellschaft mit chauvinistischem Gedankengut, die das weibliche Geschlecht immer noch für das schwächere halten. Denn Ghostbusters mit Frauen zu besetzen ist ein kluger und mutiger Schachzug, der dem aktuellen Remake des 80er Jahre Blockbusters erst die eigentliche Legitimität verleiht, sieht man von der sehr austauschbaren, braven Variation des Originalinhalts ab. Anscheinend hat sich Regisseur und Ehemann von Melissa McCarthy so sehr auf seine weibliche Besetzung konzentriert, dass er vergessen hat, seiner Story mehr Beachtung zu schenken. Alles beginnt zwar klassisch schön mit dem Auftauchen des ersten Geistes in einem alten Gemäuer, aber damit hat die Spannungskurve leider schon ihren Höhepunkt erreicht. Alles andere sind nur mehr klamaukige Banalitäten, die einem unaufregenden, aber zumindest ganz unterhaltsamen Fantasyabenteuer folgen. Da hatten die ersten beiden Teile, obwohl als brachiale Komödien ähnlich gelagert wie der Neuaufguss, in ihrer gruseligen Ausgangssituatuon mehr Suspense zu bieten. Die vier Mädels aber, die auf Geister starren und dann noch ihre Plasmakanonen abschießen, retten den Film tatsächlich über den Durchschnitt. Ulknudel McCarthy und ihre Jagdgesellschaft bieten eine angenehme und sympathische Abwechslung vom männerdominierten Actiongenre. Alle vier Damen sind schräge Charaktere, die wie die heillos überzeichnete Version der Physiker aus der Big Bang Theory daherkommen. Kate McKinnon als völlig überdrehte Technikerin, Kristen Wiig als skurrile-unbeholfene Universitätsdozentin und Patty Tolan als die weibliche Antwort auf Dwayne „The Rock“ Johnson. Allen vieren ist ihre Pioniertätigkeit im Auflösen der Rollenklischees bewusst. Sie legen sich ins Zeug, um gute Miene zu gewagtem Spiel zu machen. Ihr Teamgeist ist ansteckend, und obendrein setzt „Thor“ Chris Hemsworth als männlicher Blondinenwitz dem Ensemble noch das Sahnehäubchen auf.

Der sonst maue Fantasytrash sorgt durch seine engagierte Besetzung für wortwitziges Geplänkel und wohlwollendes Schmunzeln, allerdings nicht für Spannung und mitreißenden Drive. Inhaltlich ist der Film in den 80ern steckengeblieben, der Cast und sein gesellschaftlicher Auftrag machen den Film aber tatsächlich anschaubar. Man könnte sich also eine Fortsetzung des Filmes vorstellen, wenn nicht gar eine Serie, denn die Vier haben Potenzial für publikumswirksame Abenteuer. So kann man Ghostbusters auch einen gewissen Pilotfilm-Charakter nicht absprechen, geht’s doch die meiste Zeit darum, wie die nerdige Special Force sich etabliert.

Zum Abschluss noch ein Tipp: Sitzenbleiben bis nach dem Abspann…

 

 

Ghostbusters (2016)

Der Blunzenkönig

REQUIEM FÜR DEN BOCKERER

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Als Altwiener Fleischselcher Karl Bockerer hat Publikumsliebling Karl Merkatz sich selbst und dem grantelnden, aber aufrichtigen und ehrlichen Ur-Wiener ein Denkmal gesetzt. Nach einem Theaterstück von Ulrich Becher und Peter Preses hat Österreichs Kultregisseur Franz Antel insgesamt 4 Episoden verfilmt, wobei das Original nach wie vor unerreichte Qualitäten hat. Einige Jahrzehnte und Altersrollen später besinnt sich Merkatz wieder seiner bewährten Rollenprofile – nämlich jene des schimpfenden, cholerischen, aber herzensguten Proletariers. Manche Schauspieler können ihr Alter Ego einfach nicht ablegen, das ist Karl Merkatz bewusst geworden. Sein Edmund Sackbauer oder Karl Bockerer sind aus der österreichischen Filmlandschaft nicht mehr wegzudenken.

Der Blunzenkönig allerdings – die Geschichte um einen alten Metzger und Gastwirt, dem die Behörde auf die Pelle rückt und der seinen Sohn einfach nicht dazu bringt, das bereits daniederliegende Geschäft zu übernehmen, ist schwerfällig inszeniert. Man merkt, dass die literarische Vorlage für die Bühne konzipiert wurde. Ein Volksstück zwischen Ödon von Horvath und dem Dramatiker-Gespann Preses und Becher. Bisweilen etwas düster, irgendwie hoffnungslos und selten unterhaltend. Dazu kommt das stete Gejammer von Karl Merkatz´ Figur. Seine Mundl-erprobten Attitüden haben mit dieser Provinzposse endgültig ihren Zenit erreicht. Man hat sie zu Genüge genossen und sich auch ausgiebigst darüber mokiert. Zwischen Edmund Sackbauer aus den letzten beiden Kinofilmen und dem Blunzenkönig besteht darstellerisch auch nicht sehr viel Unterschied. Hat man die eine Rolle gesehen, kennt man die andere. Ganz klar ist Regisseur Leo Bauer von Antels Filmen beeinflusst, doch die Leichtigkeit des legendären Regie-Workaholics scheint ihm völlig abzugehen. Manchmal hat man das Gefühl, Szenen wiederholen sich, weil sie in Merkatz´ Art, zu spielen, so ähnlich sind. Noch dazu wirken Andreas Lust und Jaschka Lämmert etwas müde, was auch nicht dazu beiträgt, aus der ursprünglich gedachten Komödie eine solche zustande zu bringen. Lange tritt der Film auf der Stelle, irgendwann gibt es ein Antauchen nach vorne, wenn die vegane Esskultur auf traditionelle Hausmannskost trifft. Aber das wäre im Grunde wieder ein eigener Film gewesen – denn die Verbrüderung von beiden erfolgt in einer gutbürgerlichen, biederen Naivität, die schlichte Gemüter vielleicht so gerne hätten, im Endeffekt aber schwieriger zu vereinen ist, als es den Anschein hat.

Der großartige Karl Merkatz sollte vielleicht noch mal auf seine exorbitanten Theaterrollen zurückblicken, denn anders als im Film war dort das Spektrum seines Könnens deutlich breiter gefächert. Klar, wir werden die Alter Egos des schlohweißen Australophilen immer lieben, Da Capos von Bewährtem hin oder her. Ein aufgewärmtes Gulasch ist ja bekanntlich nicht minder wohlschmeckend wie frisch aufgekocht.

 

Der Blunzenkönig

Willkommen bei den Rileys

TOCHTER AUF ZEIT

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Um James Gandolfini ist es ewig schade. Der charismatische Brummbär, der 2013 überraschend an einem Herzinfarkt verstorben ist, war eine Bereicherung für das amerikanische Filmschaffen. Seine Auftritte vergisst man nicht, obwohl einige von ihnen hierzulande kaum im Kino zu sehen waren. Dazu zählt auch das Bewältigungsdrama Willkommen bei den Rileys. Dabei glänzt der Film gerade durch das zurückhaltende, natürliche Spiel Gandolfinis und der überraschend eindringlichen, großartigen Performance von Twilight-Mädchen Kristen Stewart. Dass sie mehr kann als nur seufzend und schmachtend einem funkelnden, zahnlosen Vampir zu folgen, hat sie des Öfteren versucht, zu beweisen. Doch nirgendwo gelang ihr das so gut wie hier, in diesem Ensemblefilm.

Für Hollywood-Verhältnisse spart Regisseur Jake Scott, Ridley Scotts Sohn, unerwartet konsequent an Rührseligkeiten und dick aufgetragenen Details, was bei so einem Stoff natürlich sehr leicht passieren kann. Melissa Leo und Gandolfini verlassen sich ganz auf ihr aussagekräftiges Minenspiel und auf die inszenatorische Hand ihres Regisseurs. Diese fungiert sehr behutsam und durchdacht, der Erzählrhythmus ist straff, die Takes dauern nie länger als nötig. Das lebens- und sozialphilosophische Alltagsdrama erinnert an Nanni Morettis Trauersymphonie Das Zimmer meines Sohnes – ein Film, der auch die härtesten Gemüter zum Weinen bringt. Dabei ist auch Morettis Film kein pseudoemotionaler Kitsch, sondern aufrichtiges, schonungsloses Aufarbeitungskino. Die Frage, ob eine durch einen Todesfall zerrissene Familie wieder neu anfangen kann, beantworten beide Filme ähnlich. Zuflucht und Trost sucht man in einem Ersatz, in einem Bindeglied zwischen lebendiger Gegenwart und verblassender Erinnerung. Dass Showgirl Kristen Stewart, selbst am Rande einer scheinbar verpfuschten Existenz, nicht auf Dauer ein Tochterersatz für die trauernden Eltern sein kann, ist von vornherein klar. Doch es sind die wenigen Momente, die so tun als ob – und die das Hineinfinden in ein zweites Leben leichter machen. In Nanni Morettis Film war es die Freundin des verstorbenen Sohnes. Ein tröstender Halt, eine dargebotene Hand, an der man sich hochziehen kann.

„Wir sind noch nicht tot“, sagt Gandolfini in einer Schlüsselszene des Filmes. So ist Scotts zweiter Spielfilm ein anspruchsvolles, pointiertes Konfliktdrama geworden, dass das Leben liebt und auf Neuanfang setzt, trotz aller Widrigkeiten.

 

Willkommen bei den Rileys

In the Electric Mist

DAS IRRLICHTERN DES VERGANGENEN

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Im Süden der vereinigten Staaten auf Mörderjagd zu gehen kommt immer einer Reise ins Herz der Finsternis gleich. Liegt es an den geheimnisvollen Sümpfen, deren aufsteigende Dämpfe des Nächtens für unerklärliche Phänomene sorgen. Liegt es an der von afrikanischem Geisterglauben beseelten Lokalkultur, die viele Begebenheiten und Personen mit Rätselhaftigkeit umgibt. Oder ist es einfach das bizarre Erscheinungsbild einer vom Hurrikan gezeichneten Gegend? Es ist, als ob Joseph Conrad in einem möglichen amerikanischen Exil, anlehnend an seine legendäre Kongo-Odyssee, seine Liebe für Kriminalgeschichten gefunden hätte.

In diesem Wirrwarr an tropischer Luft, melancholischen Gitarrensounds und längst nicht aufgearbeiteter Geschichte versucht sich ein zu plötzlichen Gewaltausbrüchen neigender Tommy Lee Jones in einem Serienmordfall zurechtzufinden, der irgendwas mit seinen eigenen Erinnerungen zu tun hat. Nur was? Erinnernd an den New Orleans-Krimi Im Sumpf des Verbrechens mit Sean Connery sowie an den Thriller Mississippi Delta mit Alec Baldwin entspinnt sich eine klassische Detektivgeschichte, in welcher Humphrey Bogart wohl selbst gern mitgespielt hätte. Der französische Regisseur Bertrand Tavernier, der seinerzeit mit Philippe Noiret schon einige Erfahrung im Krimigenre gesammelt hat, setzt Stars wie Lee Jones, John Goodman und Peter Sarsgaard allerdings recht willkürlich in Szene. Es hat den Anschein, als würden die Schauspieler in manchen Momenten selbst nicht so genau wissen, welche Absichten ihre dargestellten Figuren denn genau haben sollen. So wirkt die Inszenierung etwas fahrig und zusammengeschustert. Die investigative Suche nach einem brutalen Mädchenmörder verliert sich im Dickicht der Mangroven, stattdessen gibt es eine zweite Parallelhandlung, die einen Cold Case Fall betrifft, der nur lose mit der eigentlichen Story zusammenhängt. Nach Motiven und psychologischen Aspekten scheint Tavernier nicht zu suchen. Ihm gefällt die nachmittagsschwere, verregnete, tropische Stimmung. Und vor allem das Metaphysische, das den von Tommy Lee Jones verkörperten alkoholkranken Polizeiermittlers heimsucht. Immer wieder plaudert dieser mit dem Geist eines Yankee-Generals aus dem Sezessionskrieg. Somit haben wir aber inhaltlich ein drittes Element. Tavernier mixt einfach zu viele Ansätze, um den Zuseher fesseln zu können.

Der Krimi besitzt zwar stellenweise Atmosphäre, irrlichtert aber viel zu ziellos umher. Dann lieber noch mal Im Sumpf des Verbrechens, schon alleine weil Sean Connery als eleganter Detektiv im Vergleich zum unnahbar maulenden Tommy Lee Jones die besseren Karten hat.

 

 

 

In the Electric Mist