Die glorreichen Sieben (2016)

DENZEL SPRICHT DAS NACHTGEBET

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glorreichensieben

Rauchende Colts, fliegende Messer, und mittendrin ein Kriegsbeil schwingender Helmut Qualtinger. Oder zumindest sieht er so aus und spricht auch wie er. Gemeint ist Full Metal Jacket-Selbstmörder Vincent D’Onofrio als brachialer Lederstrumpf und einer von sieben außerordentlich fähigen Gestalten, die es kaum erwarten können, dem verachtungswürdig Bösen in Gestalt von Peter Saarsgard (gottseidank nicht Christoph Waltz) zu zeigen, wo Gott wohnt. Die Avengers des Wilden Westens gelten seit dem epischen Western von John Sturges aus den frühen Sechzigern als maßgeblicher Kult. Yul Brunner, Charles Bronson, Horst Buchholz und wie sie alle hießen feierten die Sternstunde des Rache- und Gerechtigkeitswesterns und waren der Gegenpol zum aufkommenden moralfreien Italowestern. 56 Jahre später inszeniert Antoine Fuqua, guter Freund und langjähriger Arbeitskollege von Denzel Washington, ein Remake, das den Zuseher ordentlich Staub und Asche schlucken lässt. Die in epischen, atemberaubenden Cinemascope-Bildern gedrehte Neuinterpretation legt seinen Fokus viel stärker auf bleihaltige Duelle, als es das Original gemacht hat. Schaden tut dies dem Film aber meiner Meinung nach nicht, obwohl für manche auf Kosten der Figurenzeichnung geht.

Fuqua hat im Vorfeld womöglich viele der großen Vorbilder studiert, mitunter auch jede Menge Italowestern. Und genauso sieht die Bleioper auch aus. Seine Landschaften sind knochentrockene Wüsten, die Kamera konzentriert sich stark auf überzeichnete Close Ups der Gesichter und folgt Staubmantel-tragenden Outlaws und Revolverhelden aus der Froschperspektive durch deprimierend kleine Siedlungen im Nirgendwo. Der Hybrid aus Sergio Leones Handschrift und Pionier-Romantik verhilft aber gleichzeitig auch den aufrichtigen Mythos des amerikanischen Western zu neuer Kraft. Mit einem hochkarätigen Ensemble gelingt ihm das mit Leichtigkeit. Seine Helden sind aber vermehrt Anti-Helden in der gesetzlichen Grauzone und keine aus dem Ei gepellten John Waynes. Gesellschaftliche Verlierertypen und Einzelgänger allesamt. Eine weiße Weste hat hier lediglich Gangoperhaupt Washington im coolen, schwarzen Outfit voller modischer Understatements. Doch in der Not muss man Gleiches mit Gleichem bekämpfen, und rechtzeitig stellt man fest, das es die lieben Sieben tatsächlich wert sind, dass man zu ihnen hält.

Der Plot ist in wenigen Sätzen erzählt, die Handlung reduziert sich in unmissverständlicher Geradlinigkeit auf einen roten Faden. Doch wie steht es mit den Drehbüchern für einen gelungenen Western? Wie sollen die Geschichten sein, die im gesetzlosen Niemandsland spielen und wo Gut und Böse im Dauerclinch liegen? Ein Western funktioniert meistens dann besser, je einfacher und instinktiver die Geschichte ist. Im Western geht es meist um die Verteidigung von Menschenrechten, ums Überleben und um Grund und Boden. Das sind uralte Bedürfnisse, die mit starken Emotionen verbunden sind und beim Publikum geweckt werden. Wenn die Basis einer Existenz ins Wanken gerät, erwachen die Instinkte, erwachen Gefühle wie Rache, Vergeltung, Verzweiflung. Da haben ein verschachteltes Handlungskonstrukt oder komplizierte Verwicklungen im Grunde keinen Platz. Der Western lebt von Emotion, von Stimmung und von der Befriedigung uralter Triebe. Je mehr ein Western auf nonverbaler Ebene die genannten Reize verstärkt, umso besser ist der Film. Natürlich nur, sofern er die richtigen Gesichter dazu hat. Und Die glorreichen Sieben hat sie. Sogar mit einem Clint Eastwood kann der Western aufwarten, denn es ist unverkennbar, an wen sich Chris Pratt orientiert. Das verkniffene, unrasierte Gesicht mit der „Leck mich“-Attitüde ist eindeutig der junge, wortkarge Blonde aus der Dollar-Trilogie. Und Ethan Hawke hat mittlerweile auch schon ein gewisses Alter erreicht, indem er ein Kriegstrauma mit sich herumschleppen kann. Umso mehr erstaunt es, dass Fuqua sich nicht an die Charakterzeichnung der alten Figuren konzentriert. Seine halftertragende Justice League ist ein Sammelsurium bewährter Westernhelden aus der Kinogeschichte, aber so geschickt und unaufdringlich in den Film integriert, dass es ein willkommener Genuss ist, das Team bei der Arbeit zu sehen. Und diese Arbeit hat es in sich. Es wird geschossen, gestochen, geschlagen und in die Luft gejagt. Der Western wird zum Kriegsschauplatz voller Leichen, Blut und Blei. Stellenweise ist das Gemetzel so intensiv, dass man an die indonesische Schlachtplatte The Raid erinnert wird. Da hätte sogar Quentin Tarantino seine Freude daran, nur bleibt einem der Anblick zerfetzter Leiber glücklicherweise erspart.

Die glorreichen Sieben trägt zum Westerngenre zwar nichts Neues bei, ist aber ein lauter, archaischer Actionreißer und Rachewestern alter Schule geworden – und ja, er hat seine Aufgaben gut gemacht. Er bietet alles, was das Herz des Westernfans begehrt, vor allem die Befriedigung elementarer Emotionen und die Lust, wiedermal Cowboy zu spielen. Es kracht gewaltig, subtil ist natürlich etwas Anderes. Aber schon lange nicht mehr hat man die alten Colts und Silberbüchsen so rauchen gesehen wie in dieser zitatreichen, mitreißenden Western-Hommage. PENG!

Die glorreichen Sieben (2016)

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