Sully

EIN GANZ NORMALER HELD

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sully

Am 15. Januar 2009 erinnerten sich viele Augenzeugen nahe des Hudson River in New York an schreckliche Erlebnisse, die anno 2001 die ganze Welt erschütterten, als sie einer immer tiefer gehenden Passagiermaschine gewahr wurden, die sich im scheinbaren Kamikazeflug den eiskalten Gewässern vor der Millionenmetropole näherte. Allerdings kam es anders, als man befürchtet hatte. Und nirgendwo sonst lässt sich die Phrase Glück im Unglück besser darstellen als in dieser legendären, in der Geschichte der Luftfahrt einzigartigen Notwasserung, durchgeführt vom Piloten Chesley B. Sullenberger, kurz genannt Sully, der für all die 155 Passagiere das Glück schlechthin verkörpert hat.

Doch mit Glück hatte das allem Anschein nach relativ wenig zu tun. Sondern mit Intuition, Erfahrung und überlegtem Handeln. Altmeister Clint Eastwood widmet diesem ganz normalen Helden ein dokumentarisches Drama, das sich den tatsächlichen Begebenheiten akribisch recherchiert annähert und eine klare, schnörkellose, neue Sachlichkeit auf die Kinoleinwand projiziert, die komplett ohne Pathos, Gefühlsduselei oder aufgesetzter Emotionen daherkommt. Wahrscheinlich ist Clint Eastwood schon zu alt für diese Art von Kino. Er hat es nicht notwendig, sein Publikum zu umschmeicheln. Seine Filme sind präzise, analytisch-düstere Handwerkskunst, die sich selten um Effekte scheren. In Sully treibt er seinen Stil auf die Spitze. Bis auf einigen wenigen Szenen, die die Was-wäre-wenn-Visionen Sullenbergers illustrieren, und die schmucklosen Manöverszenen des Flugzeuges auf dem Wasser verzichtet Eastwood auf unnötiges Beiwerk, lässt nur Bilder ran, die für die Erzählung seiner Geschichte notwendig sind und verlässt sich ansonsten voll und ganz auf das authentische, zurückhaltende Spiel seines Stars – Tom Hanks. Da der echte Sully tatsächlich ein eher introvertierter, in sich ruhender, überlegter Mensch ist, blieb auch Hanks nichts anderes übrig, als diesem Charakter gerecht zu werden. Mit einer Minimalisierung des Ausdrucks und der Aneignung der persönlichen Eigenheiten des Meisterpiloten, der sich mittlerweile im Ruhestand befindet, erreicht der alte Hase des amerikanischen Charakterkinos wieder einmal schauspielerische Höhen. Weniger ist mehr – und so verkörpert Hanks seinen Sully in reduzierter, einfühlsamer Perfektion. Mag sein, dass das Original in manchen Szenen das Gefühl hat, tatsächlich selber agiert zu haben. Und so zufrieden mit diesem Film dürfte er dann auch gewesen sein, wie ich aus anderen Medien erfahren habe.

Hätte jemand geringerer als der ewige Forrest Gump diese Rolle übernommen, wäre Eastwoods in blaugrauen Wintertönen bebildeter Film womöglich zu nüchtern geraten. So aber ist der Weg zur Spieldokumentation nur ein kleiner Schritt – oder aber auch gar keiner mehr notwendig. Die neue Sachlichkeit im Biografenkino des Revolverhelden, der fast nur mehr hinter der Kamera agiert, ist zu einem unverkennbaren Filmstil geworden. Das haben wir schon bei American Sniper gesehen. Und sehen wir jetzt in seiner neuesten Filmanalyse einer Heldengenese, die mehr die Genese einer selbstverständlichen Handlung gewesen ist. Die notwendige Entscheidung eines altruistischen, guten Menschen, der es dabei belassen hätte, seine Pflicht getan zu haben. Ein ähnliche, aber fiktive Geschichte erzählte bereits Stephen Frears in seiner 1992 erschienenen Dramödie Hero – Ein ganz normaler Held, mit Dustin Hoffman als Augenzeuge eines Flugzeugabsturzes, der zum Retter wird. Beide Filme sind wie eine Art Schulungsvideo über die Intuition, Dinge richtig zu machen. Der eine erfunden, der andere tatsächlich so passiert. Und Sully ist daher nicht nur ein Tatsachenbericht, sondern auch ein Exkurs über Verantwortung,  Entscheidungsfindung und den Faktor Mensch.

Apropos Entscheidung: Es gibt nichts, was Eastwood in seinem relativ kurzen Film falsch gemacht hätte. Objektiv betrachtet. Packendes, emotionales Eventkino ist es aber keines. Den Anspruch verfolgt Eastwood aber gar nicht. Vielmehr liegt die Spannung des Filmes in der Frage, wie man wohl selbst entschieden hätte.

 

 

Sully

Assassin´s Creed

DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM

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assassinscreed

Zeitreisen kennen wir zur Genüge. Vor allem im Kino. Sei es mit einer antiquierten Zeitmaschine, wie in H. G. Wells gleichnamigem Klassiker, mit welcher Rod Taylor zu den Morlocks in die Zukunft gereist ist. Oder der fliegende De Lorean – ein Auto, das Marty McFly einmal hierhin und einmal dorthin durch die Zeit katapultierte. Oder eben mittels Büchern, wie im Butterfly Effect mit Ashton Kutcher. Jedes Mal waren es Artefakte, Gerätschaften oder Fahrzeuge, die die Reise durch die Zeit ermöglicht haben. Im martialischen Abenteuer Assassin´s Creed, welches lose auf dem gleichnamigen Computerspiel von Ubisoft basiert, fällt den Kreativen hinter den Kulissen endlich mal was Neues ein. Und zwar Zeitreisen mittels DNA.

Die Idee hat mich überrascht – und ist zugleich durchdacht und logisch nachvollziehbar. Jede Zelle eines Menschen besitzt das Erbgut vorangegangener Generationen. Je weiter das Leben der Vorfahren zurückliegt, desto weniger bleibt davon über. Die Information ist aber dennoch da. Wie in diesem Film dargestellt, filtert eine ausgeklügelte Technologie die Erbinformation eines gewissen Ahnen heraus – und speist den gegenwärtigen Menschen mit seiner Erinnerung an ein vergangenes Leben. Ich kenne nicht das ganze schriftstellerische Œuvre von Philipp Dick, des Schöpfers von Minority Report oder Blade Runner – aber diese Vision einer Zeitreise hätte auch er haben können. Somit beginnt das phantastisch-historische Szenario von Macbeth-Regisseur Justin Kurzel mit einer innovativen Überraschung. Und vermag auch in weiterer Folge zumindest visuell zu überzeugen.

Das Kapitel der Assassinen, ursprünglich perfekt trainierte Killermaschinen im Auftrag des Sultans, ist klarerweise ein relativ düsteres. In genauso düstere, staubverhangene und sandverkrustete Bilder kleidet Kurzel seine freie Interpretation eines beliebten Ego-Spiels, das ich selbst nicht kenne und ich mich daher nur peripher an Plakaten und Bildern des todesspringenden Kuttenträgers erinnern kann. Da mich plakative Abenteuerfilme mit historisch-geografischem Bezug prinzipiell interessieren, wollte ich mir den Klingenthriller im Fahrwasser von Tomb Raider und Prince of Persia natürlich nicht entgehen lassen. Und da kann Angelina Jolie noch so sehr ihre Lippen schürzen – der spanisch-maurische Attentäter ist eindeutig cooler. Und braucht auch seine Hüften nicht schwingen zu lassen. Stattdessen tanzt er über Dächer, Gesimse und Zinnen, erklettert Hauswände und stürzt sich in mehreren Salti von Türmen, die über Spaniens Hauptstadt aufragen. Das ganze noch dazu im Spätmittelalter des 15. Jahrhunderts, im selben Jahr, in welchem Christoph Kolumbus zu neuen Ufern aufbrechen wird. Justin Kurzel und sein Kameramann Adam Arkapaw leisten Beachtliches. Die Kamerafahrten und Blickwinkel sowie Ton- und Filmschnitt erzeugen eine eindrucksvolle Sogwirkung und katapultieren den Zuseher mitten ins Geschehen. Eine ähnlich visuelle Machart hatte zuvor der viel geschmähte Neuaufguss von Ben Hur. Hier war vor allem die Szene des Wagenrennens mindestens genauso außergewöhnlich dargestellt. Gelungen sind auch jene Sequenzen, in denen die Erinnerungen aus der Vergangenheit in die erlebte Gegenwart transzendieren. Schemenhaft, wie Spiegelbilder.

Assassin´s Creed löst sich vom simplen Computerspiel und entwickelt einen ganz eigenen Treasure-Hunt quer durch die Zeiten. Dieser Mix aus Historienspektakel im Stile eines Ridley Scott und unterkühlter Science Fiction ist überraschend sehens- und erlebenswert, wenngleich ihm jegliches Augenzwinkern abhanden gekommen ist.  Spaß kommt hier keiner auf, der Kampf zwischen Templern und Assassinen ist eine zutiefst ernste Angelegenheit, worüber man sich niemals lustig machen soll. Michael Fassbenders verkniffene Mimik und Marion Cottilards androides Auftreten kühlen das Abenteuer noch um einige Grad runter. Und Lachen wird zur Sünde. Im Grunde treffen hier Islam und Christentum aufeinander, beide mit dem Ziel, den Apfel von Eden unter Gewahrsam zu nehmen. Dass man damit den freien Willen des Menschen außer Kraft setzen kann, hat für Kenner der christlichen Genesis durchaus seine logische Konsequenz. Das Objekt der Begierde reiht sich zwischen Bundeslade und Heiligen Kral, beide von Indiana Jones gesucht und gefunden, perfekt ins Abenteuer-Entertainment ein, der etwas steife und beerdigungsernste Grundtonus der Geschichte lässt das reißerische, phantastisch angehauchte Gefahrenszenario aber etwas fehl am Platz wirken. Mehr Lockerungsübungen vor dem Dreh wären ratsam gewesen. Das gilt auch für Jeremy Irons steifes Staffagenspiel.

Sonst aber kann man an Kurzels futuristischen Kredo-Krieg nicht wirklich meckern. Der Film hat was für sich, ist filmtechnisch innovativ und hat den Verriss der Kritiker so sicher nicht verdient. Mal sehen wie viel das Werk lukriert. Dann wäre sogar Platz für eine mögliche Fortsetzung – die ich, wenn es soweit ist, wahrscheinlich nicht versäumen werde.

 

Assassin´s Creed

Schneewittchen (1937)

SINGENDE ZWERGE FÜR EINEN ABEND

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schneewittchen

Am 15. Dezember 1966 verstarb einer der größten Genies der amerikanischen Traumfabrik – und einer der bedeutendsten kreativen Köpfe überhaupt – Walt Disney. Sein Todestag jährt sich nun schon zum 50sten Mal. Grund genug, seiner Arbeit und seinem Vermächtnis zu gedenken, welches bis zum heutigen Tag Ausmaße erreicht hat, die sich Disney selbst womöglich nie hatte träumen lassen. Dabei hat alles mit einer gezeichneten Maus begonnen, als Antwort auf ein Kaninchen namens Oswald, das Disneys damaliger Produktionsfirma markenrechtlich abhanden kam. Mit den ersten Mickey-Cartoons unter dem Titel Steamboat Willie eroberte der Visionär, Workaholic und Perfektionist nicht nur das Publikum, er war auch Pionier eines perfekt durchkonzipierten Merchandisings. Alle weiteren biografischen Details erspare ich euch, die sind überall woanders besser nachzulesen.

Nur soviel: 1937 war es dann soweit. Der erste abendfüllende Trickfilm war geboren. Dabei handelt es sich um die farbenfrohe Bebilderung eines klassischen Märchens aus dem überlieferten Fundus der Gebrüder Grimm – Schneewittchen. Diese volkstümliche Erzählung zählt wohl neben Dornröschen und Hänsel & Gretel zu den beliebtesten Märchen, und angesichts dieser Tatsache war die Realisierung des Stoffes nur eine Frage der Zeit. Und Zeit, das brauchte dieser Film, war doch damals alles reine Handarbeit. Umso mehr ist dieser gezeichnete Familienfilm für Alt und Jung ein Zeitdokument und eine tricktechnische Kostbarkeit. Das ist jedenfalls mal keine Frage. Angestaubt wirkt der Film aber trotzdem. Weniger von den Zeichnungen und den animierten Figuren her, die allesamt in ihrer Lebendigkeit einzigartig bleiben werden. Es ist viel mehr die biedere, antiquierte Dramaturgie der Geschichte, die sehr stark den Geist der damaligen Zeit widerspiegelt, mit entrückten Gesangseinlagen verzaubert und das Märchen romantisch verklärt. Unweigerlich denke ich an all die zuckersüßen Kinderbücher, die es damals gegeben hat. Betrachtet man den Film, riecht man förmlich das alte, muffige Papier dieser für den artigen Nachwuchs zu dieser Zeit erlaubten Lektüre. Wobei man wissen sollte, dass insbesondere Märchen ursprünglich für Erwachsene gedacht waren, geht’s doch in diesen Geschichten sehr viel und sehr oft um Rache, Gier, Neid, Tod und Verderben. Harmlose Stories sind das alles keine. Und selbst Disney kommt nicht drum rum, Schneewittchen zumindest in einen ewigen Schlaf zu schicken. Anders als in der Vorlage, denn soweit ich weiß erstickt das junge, wunderschöne Mädchen am giftigen Apfel. Erst als die Zwerge mit dem Glassarg stolpern, und sich das Apfelstück aus ihrem Rachen löst, kommt sie wieder zu sich. Disney macht es anders. Harmloser, familientauglicher. Und der vergiftete Kamm kommt auch nicht vor.

Hauptaugenmerk der Konzeptionisten, Zeichner und Koloristen lag letzten Endes eindeutig auf die Beschaffenheit und die Lebensweise der Zwerge. Ihnen gehört der Film. Vom kleinsten, Seppl, bis zum griesgrämigen Brummbär. Man sieht, dass die Kreativen hier den meisten Spaß hatten. Die Animationen sind perfekt. Die Charaktere noch viel mehr. Jeder Zwerg ist für sich ein Unikat, eine unverwechselbare, lebendige Figur. Und so schenkt Disney den Zwergen die meiste Zeit des Filmes. Sie singen, wandern, stellen sich vor. Kern des Werkes ist eine gezeichnete, bunte Revue, die Aug und Ohr sowie Groß und Klein gleichermaßen erfreut. Wobei das Herumgehüpfe und all die niedlichen Showeinlagen irgendwann dann weit über die Zipfelmütze hinausschießen. Die letzten zehn Minuten haben es dann aber in sich. Die Hexenjagd wird zum zeichnerischen Höhepunkt. Und wie gesagt, frei nach den Gebrüdern Grimm.

Ungeachtet der Tatsache, dass Schneewittchen sichtlich ihre Jahre auf dem Buckel hat – der Kinoerstling Disneys ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, und ein Klassiker des animierten Kinos. Filme wie diese beurteilt man dann nicht mehr nach ihrer inhaltlichen Qualität. Sondern nach dem, was sie einst waren – Pioniere.

 

Schneewittchen (1937)

Eye in the Sky

FEIGHEIT VOR DEM FEIND

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Ich sehe es noch immer ganz deutlich vor mir. Das kleine Mädchen in der roten Jacke. Wer kann sich noch erinnern? Dieses kleine, jüdische Mädchen war das einzige farbige Element in Steven Spielbergs für mich unumstrittenem Meisterwerk Schindlers Liste aus dem Jahr 1993. Warum aber gerade dieses Mädchen? Spielberg wollte hier das Leid und das Schicksal des Einzelnen, des Individuums, ganz klar verdeutlichen. Nicht die Massenvernichtung, nicht das Schicksal aller europäischen Juden macht den Krieg und den Genozid erst so schrecklich – es beginnt bereits bei jeder einzelnen, noch so kleinen Tragödie. Bei jedem einzelnen gestohlenen Leben. So irrt dieses rote Mädchen immer wieder durchs Bild. Ziellos, hoffnungslos. Es reicht schon ein einzelner Mensch, der aufgrund menschenverachtender Ideen anderer sein Leben nicht mehr leben darf.

Diese Symbolik finden wir auch in dem Antikriegs- oder Terrordrama Eye in the Sky, für mich eine der größten Überraschungen in diesem Filmjahr 2016. Überraschend auch deswegen, da dieser Film hierzulande – eigentlich unverständlicherweise – nicht ins Kino kam. Dabei ist er bis in die Nebenrollen mit Helen Mirren, Aaron Paul und Alan Rickman, noch dazu in seinem letzten Auftritt, erlesen besetzt und entpuppt sich als enorm spannendes, gesellschafts- und politkritisches Kammerspiel, das mühelos das Niveau dichter Konfliktdramen wie Eine Frage der Ehre oder Die 12 Geschworenen erreicht. Jene Leser, die mit verfilmten Bühnenstücken wie diesen nichts anfangen können, sollten aber bitte nicht zurückschrecken. Man könnte Eye in the Sky zwar mühelos für das Theater adaptieren – da der Film aber zwischen CIA-Zentrale und einer ostafrikanischen Stadt, in welcher der Feind lauert, hin und herwechselt, bleibt ein potenzieller Ermüdungseffekt, der mit reinen Schauspieldramen manchmal einhergeht, komplett aus. Dieser Film geht sehr wohl auch an die Nieren.

Im Zentrum steht das Schicksal eines unschuldigen muslimischen Mädchens in rotem Tschador, das allmorgendlich am Straßenrand Brot verläuft und sich zufälligerweise im Wirkungsradius einer von der CIA abzuschießenden Drohnenbombe befindet. Doch wie dieses Mädchen warnen, ohne das es die Terroristen spitzkriegen? Wie den Vergeltungsschlag ausführen, ohne menschliche Kolateralschäden in Kauf nehmen zu müssen? Diese entscheidende Frage nach dem Recht oder Unrecht, das Mädchen opfern zu müssen zum Wohle einer befriedeten Menschheit, hängt wie das Damoklesschwert kritisch und bedrohlich über jene, die diese Entscheidung fällen müssen. Und dann gibt es noch diese, die den Drohnenabschuss ausführen. Welche Rolle spielen sie bei der Sache? Gavin Hood´s Film bezieht anfangs keine Stellung. Das muss er auch nicht. Die agierenden Personen lenken die Story von selbst. Und müssen sich schnell entscheiden, denn das zu nutzende Zeitfenster ist klein. Genau dieses Dilemma macht das Terrordrama so spannend. Und so emotional. Letztendlich wird klar, dass ein Krieg niemals unschuldig ist. Und sei er auch noch so technologisiert. Oder noch so perfektioniert. Doch wer maßt es sich an, überhaupt das Wohl der Menschheit übernehmen zu müssen? Oder über das Leben eines anderen zu entscheiden?

Eye in the Sky setzt die Menschenrechte hinter einem Mantel scheinbarer Effizienz ziemlich außer Kraft – und verblüfft in seiner Dichte, Ernsthaftigkeit und Klugheit. So klar und schnörkellos hat schon lange kein Politthriller mehr ein grundlegendes Problem der Neuzeit auf den Tisch gebracht. Eye in the Sky steht fast für Eye for an Eye – den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben ist eine gewichtige Frage der Verantwortung, der Perspektive und der technologischen Macht. Ein ganz großer Geheimtipp, der auf brisante, packende Weise zur Diskussion einlädt.

 

Eye in the Sky

Verräter wie wir

NUR EINE KLEINE GEFÄLLIGKEIT

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verraeterwiewir

Was täte das Spannungskino, vor allem das britisch-amerikanische Spannungskino, ohne die literarischen Vorlagen des Vielschreibers und Geheimdienstexperten John le Carré? Klar, man könnte auf Robert Ludlum, Tom Clancy oder nicht zuletzt Ian Fleming zurückgreifen. Was Filmemacher ja ohnehin tun. Doch es würde das gewisse Etwas fehlen. Nämlich die subtile Komponente aus der geheimen Welt des Verratens, Kooperierens und Spionierens. Die Geschichten le Carrés sind somit anders. Viel wortlastiger, atmosphärischer, und deren Handlung äußert sich meist in der Anordnung neuer Figurenkonstellationen und entscheidenden Gesprächen auf menschenleeren Brücken, leeren Parkplätzen und in dunklen Ecken. Vor allem die Dialoge bringen die Story voran. Und fordern auf, mitzudenken. Man kann sich hier nicht einfach zurücklehnen und den Rest des Filmes abschalten, nachdem die Geschichte ungefähr nach zwei Drittel auserzählt ist. So wäre es üblich.

Nicht hier – le Carré-Krimis erklären, erkennen und investigieren bis zum Schluss. Da gibt’s immer noch eine Wendung, mit der man nicht rechnet. So viel zu dieser Art von Krimis, die keinen schalen Nachgeschmack hinterlassen. In Verräter wie wir ist dieser schale Nachgeschmack aber ausnahmsweise dennoch da. Das liegt vor allem an dem britischen Schauspieler Ewan McGregor, den wir alle seit Trainspotting ziemlich gut kennen und der sich als der junge Obi Wan Kenobi nicht mehr aus dem Gedächtnis verbannen lässt. McGregor ist längst kein Virtuose in seinem Spiel. Seine Figuren wirken beiläufig, vor allem kraftlos. Was in diesem mäßig aufregenden Kronzeugenkrimi besonders stark zutage tritt. Ich weiß nicht warum, aber man wird das Gefühl nicht los, dass McGregor in seiner Darstellung des unbedarften, blauäugigen Oxford-Dozenten, der ehe er sich versieht tief in einem Netz von Verrat und Verfolgung steckt, lediglich Routine sieht. Da gibt es keine Nuancen und keine emotionalen Spitzen. Vor allem auch keine Angst in Anbetracht der akuten Bedrohung, die über das junge britische Ehepaar nach der Bekanntschaft mit Russen-Riese Stellan Skarsgård hereinbricht. Dieser wiederum kann alles spielen – auch einen russischen Geldwäscher, der seiner kriminellen Vergangenheit den Rücken kehren möchte – um seine Auftraggeber gleichzeitig zu verraten.

Dank Skarsgård bleibt man an dem Film doch irgendwie dran – obwohl dieser intensiveren und deutlich geglückteren Filmen wie Der ewige Gärtner oder A Most Wanted Man bei Weitem nicht das Wasser reichen kann. Verräter wie wir zählt zu den schlechtesten Verfilmungen des Autors le Carré. Lauwarm, relativ ideenlos und schauspielerisch – zum Glück nur teilweise – eine Niete.
 

Verräter wie wir

The Last King

DES KÖNIGS NEUE NEIDER

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Wie firm seid ihr in norwegischer Geschichte? Ausbaufähig? Diese Lücke lässt sich etwas schließen, insbesondere bei jenen, die noch dazu verzweifelt auf die Fortsetzung von Vikings warten. Der norwegische Filmemacher Nils Gaup, seines Zeichens Macher des Abenteuerdramas Pathfinder, der 1988 für den Oscar als fremdsprachiger Film nominiert war, widmet sich in dem historischen Actiondrama einer bedeutenden Episode aus dem norwegischen Bürgerkrieg.

Wir schreiben das Jahr 1206 – das tiefste Mittelalter, auch im hohen Norden. Und gerade da. Es ist – wie denn anders auch – noch dazu tiefster Winter. Und der rechtmäßige Erbe des norwegischen Throns, Håkon Sverresson, ist in großer Gefahr. Warum? Er ist noch ein Säugling, noch dazu der einzige, aber uneheliche Sohn des vorhin erwähnten, kürzlich verstorbenen Regenten. Zwei Adelshäuser, die Birkebeiner und die Bagler – um hier ein klein wenig Geschichtswissen zu verbreiten – schenken sich nichts. Beide wollen das weite, wilde Land regieren, die einen zu Recht, die anderen weniger. Und so versuchen die beiden Skifahrer Torstein Skjevla und Skjervalv Skrukka, beides Birkebeiner, den Sprössling in Sicherheit zu bringen. Mehr muss man über die historischen Hintergründe gar nicht wissen. Ich selbst war bei Betrachten des Streifens ziemlich grün hinter den Ohren, was das norwegische Mittelalter betrifft. Nun weiß ich aber zumindest in groben Zügen über das damals herrschende Thronfolgerchaos Bescheid. Der Rest des Filmes ist souveräne Mittelalter-Action, ganz im Stile der eingangs erwähnten Wikingerserie Vikings. Geschmackvoll ausgestattet, in pittoresken Bildern und authentisch anmutender Ausstattung. Die meiste Zeit des Schneeknirschenden Abenteuers hetzen fellbekleidete, vermummte Krieger, ausgestattet mit Schwertern und Beilen, auf Holzskiern durch lichte Nordwälder. Es spritzt das Blut, es färbt sich der Schnee rot. Hinter den Kulissen archaischer Holzburgen werden Intrigen und Ränke geschmiedet. Ganz so, wie man es aus der Geschichte Europas rund um diese Zeit gewohnt ist. Und wie man es als Besucher stattlicher Mittelalterfeste gerne sieht. Das Ganze hat schon eine eigene Faszination, diese raue Vergangenheit. Nichtsdestotrotz erliegen wir einer gewissen verfälschten Romantik – die sich aber im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaft gut fürs Kino und auch für Geschichten eignet. So erfüllt Nils Gaup auch mit The Last King die Sehnsucht nach der martialischen Zeit, wo das Schicksal der Menschheit fast schon im Minutentakt neu ausgerichtet wurde. Was hier fehlt, sind Hexen und Drachen. Magier und Kobolde. Aber das fehlt auch – fast – bei Vikings. So sehen wir im mittelalterlichen Schneethriller die Geburtstunde des in Norwegen sehr beliebten Birkebeiner-Rennens – einem traditionellen Ski-Langstreckenlauf von 50km – basierend auf den wahren Ereignissen zur Errettung des letzten Königs.

The Last King ist ein routiniertes, europäisches B-Movie. Ohne dramaturgische wie schauspielerische Besonderheiten, aber solide inszeniert, gut ausgestattet und mit einer verträglichen Härte, die Männer fürs Grobe – und auch Frauen – unterhalten dürfte. Bei uns war der Streifen nie im Kino – wäre aber auch nicht notwendig gewesen. Ideal fürs Heimkino, vor allem wenn man nach den Ritterspielen mit dem Nachwuchs artverwandte Zerstreuung sucht.
 

The Last King

The Danish Girl

WIE IM FALSCHEN FILM

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Das Leben ist wie eine Bühne. Wie ein Film oder überhaupt wie eine Serie in mehreren Staffeln, in denen der Cast immer wieder wechselt, Nebenrollen zu Hauptrollen und Hauptrollen zu Nebenrollen werden, bevor sie ganz verschwinden. Der Hauptdarsteller bleibt immer gleich. Wie kann es denn anders sein im eigenen Leben. Doch was, wenn man das Gefühl hat, man ist im falschen Film? Spielt die falsche Rolle? Was, wenn man das Skript zu seinem eigenen Leben nicht lernen will? Oder nicht lernen kann.

So oder ähnlich muss es dem dänischen Landschaftsmaler Einar Wegener ergangen sein – wie vielen intersexuellen Menschen, die ihre undefinierte Rolle in ihrem eigenen Leben weder als Mann noch als Frau ausleben konnten. Einar Wegener führte zuerst eine heterosexuelle Beziehung und war mit Gerda Wegener liiert – ebenso eine Künstlerin. Und sogar eine, die die Sehnsucht ihres Mannes nach seiner eigenen femininen Seite anfangs selbst für eine reizvolle erotische Komponente wahrgenommen und seine Lust am Tragen von Frauenkleidern in der Öffentlichkeit als einmaliges gesellschaftliches Wagnis gesehen und unterstützt hat. Was danach kam, konnte selbst sie nicht voraussehen. Die Frau in Einar Wegener war entfesselt. Die wahre Identität und das Bewusstsein, die ganze Zeit über die falsche Rolle gespielt zu haben, brachen sich Bahn. Der dänische Maler Wegener war nicht mehr. Stattdessen trat Lili Elbe in Erscheinung, das ehrlich gefühlte Geschlecht. Leider jedoch im falschen Körper. Und damit begann das wirkliche Drama. Denn aus dem eigenen Körper kann mich nicht heraus, es sei denn, man passt die menschliche Hülle dem Innersten an. Ein Ding der Unmöglichkeit, überhaupt in den 30er Jahren. Könnte man meinen. Doch die Medizin schlief auch damals nicht. Und die Problematik der Intersexualität war vor allem in medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen längst nicht unbekannt. So war Lili Elbe der erste Mensch, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat.

Tom Hoopers aufschlussreiche Biografie und dramatische Dokumentation der damaligen Ereignisse ist ein einfühlsames, künstlerisch hochwertiges Melodram geworden. „Stephen Hawking“ Eddie Redmayne meistert seine schwierige Rolle mit Hingabe. In vielen Szenen, vor allem in der zweiten Hälfte des Filmes, hat man das Gefühl, dass Redmayne selbst seine wahre Identität hinter seiner darzustellenden Figur zu vergessen scheint. Lili Elbe ist Redmayne. Und umgekehrt. Diese Intensität des Schauspielens ist man normalerweise nur von akribischen Schauspielextremisten wie Daniel Day Lewis gewohnt. Doch der spätere Newt Scamander und frühere Astrophysiker Hawking, der für die Rolle des an Muskelschwund leidenden Superhirns den Oscar erhielt, steht nun mit dieser Rolle ganz alleine auf einem Podest über vielen anderen seiner Zunft. Das Schicksal dieses Menschen dürfte ihm sehr am Herzen gelegen haben. So scheint es zumindest. Tom Hooper, der uns die Adelsbiografie The King´s Speech bescherte, und Kameramann Danny Cohen tauchen das sensible Arthauskino in erlesene Bildmalereien, die an Caspar David Friedrich oder Vermeer erinnern. Meist im Weitwinkel, erfasst die Kamera museale, entrückte Stillleben, auf denen die Werke Gerda Wegeners, die später meist nur Portraits von Lili Elbe zeigen, wie Portale in die zerrissene Psyche des verzweifelten Künstlers Wegener wirken. Alicia Vikander übrigens, die als Gerda Wegener Lili Elbes Schicksal bis zum tragisch-bitteren Ende begleitet, steht Redmayne um nichts nach. Ihre Darstellung ist fast annähernd so intensiv und wandelt sich von der lasziv-verspielten Draufgängerin der Malerszene zur gescheiterten Ehefrau voller Pflichtschuldigkeit und freundschaftliche Treue dem Menschen gegenüber, der einmal ihre große Liebe war.

Auf alle Fälle ist The Danish Girl großes Kino für aufgeschlossene Anspruchsvolle und Liebhaber epischer Biografien. Redmayne wird wahrscheinlich niemals mehr besser spielen, aber wenn er das Niveau hält, kann man sich auf seine zukünftige Filmografie nur noch freuen.

The Danish Girl