Spotlight

VERRAT AM GLAUBEN

6/10

 

spotlight

Regie: Thomas McCarthy
Mit: Michael Keaton, Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Stanley Tucci

 

Die Wurzel des widernatürlichen Übels liegt weit in der Vergangenheit. Um ca. 306 nach Christus kamen bei einer Synode im spanischen Elvira alle anwesenden Würdenträger zu dem Entschluss, das Enthaltsamkeitszölibat über all jene zu verhängen, die zum Dienst in der katholischen Kirche bestellt wurden. Von nun an sind weder Ehe noch körperliche Intimitäten für Priester aller Art gestattet. Man hat ja schließlich mit Gott verheiratet zu sein. Dass die Kirche indessen die Natur des Menschen mit Füßen tritt und die Freiheit des menschlichen Empfindens ignoriert, ist mittlerweile vor allem jenen bekannt, die der zweifelhaften Institution den Rücken gekehrt haben. Oder zu Agnostikern wurden, wohlgemerkt mit ruhendem Glaubensbekenntnis. Der Mensch kann nun einmal nicht aus seiner Haut. Nicht jeder ist ein Apostel. Und zu glauben, die Apostel wären enthaltsam gewesen, nur weil die Bibel für diese Erwähnung keine Verwendung gefunden hat, geht einher mit naiver Frömmigkeit. Die Verteufelung des Sex führt natürlich soweit, dass der stärkste menschliche Trieb nach dem des Überlebens im Rahmen der Kirche folglich pervertieren musste. Was Jahrhunderte lang unter den klerikalen Teppich gekehrt wurde, findet nun im agnostischen Medienzeitalter des Westens das Licht der Öffentlichkeit: Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche der katholischen Kirche. Und was nicht weniger grauenerregend und verstörend als die triebgesteuerte Machtgier scheinbar frommer Menschenfischer zu sein scheint, ist der Eifer des Vatikans, die begangenen Verbrechen ihrer Gottesdiener zu vertuschen. Die Wahrheit, so sagt man, kommt irgendwann immer ans Licht. Dank des Engagements einiger weniger Journalisten, die für das Magazin Spotlight einen flächendeckenden Massenmord an unzähligen Kinderseelen aufdecken konnten. Dafür mussten die Frauen und Männer tief im Sumpf eines scheinbar organisierten Verbrechens wühlen, der in seinem Ausmaß nur sehr schwer bis gar nicht nachvollziehbar scheint. Und die Kirche zwar momentan erschüttert hat, diese aber des Weiteren wohl kaum beeinträchtigen wird. 

Ganz so wie Thomas McCarthy´s Film. Seine akribische Chronik rund um den Missbrauchsskandal ungeahnten Ausmaßes, der 2001 den amerikanischen Osten in Aufruhr gebracht hat, ist gut recherchiert und von einer illustren Besetzungsliste. Missbrauch ist klarerweise nichts für einen angenehmen Kinoabend. Und im Vorfeld kann es schon passieren, dass man zweimal überlegt, ab man sich einer derart schweren, unbequemen Thematik aussetzen möchte. Da muss die Situation schon passen, der Geist hellwach sein und die Stimmung nicht schon von vornherein getrübt. Doch keine Sorge – Spotlight ist weit davon entfernt, die Emotionen des Publikums über die Maße zu beanspruchen. McCarthy´s Film ist kein reißerisches Reality-Grauen, sondern nüchternes Infotainment. Das Drehbuch von Josh Singer ist von hohem Niveau – ausgefeilt, in seiner Perspektive wechselnd und ungemein präzise. Nachrichten im Kinoformat. Ein Report ohne CNN-Allüren. Etwas, das aufmerksam zuhören und teilnehmen lässt. Qualitätsfernsehen, ja. Aber kein Kino. Dazu lässt Spotlight trotz seiner menschlichen Tragödie überraschend kalt. Vielleicht, weil er sich zu sehr auf seine Fakten verlässt und weniger die menschliche Komponente mit einbezieht. Wer aber glaubt, dass hier nicht auch die Opfer selbst zu Wort kommen, irrt. McCarthy schenkt ihnen Aufmerksamkeit, doch nicht so ausdauernd wie dem vierköpfigen Spotlight-Team, das im Fahrwasser der Unbestechlichen zeigt, wie investigativer Journalismus zu funktionieren hat. Spotlight handelt von der Reportage der Aufklärung, weniger von dem Defizit der Kirche. Von der Hartnäckigkeit, die gerechte Wahrheit ans Licht zu bringen, weniger von den Folgen eines weitreichenden Missbrauchs. Würdenträger kommen kaum welche zu Wort. Die Institution bleibt ein undefinierbarer Schatten im Hintergrund, wie eine Weltverschwörung.   

Vielleicht ist Spotlight deswegen so sehr wie eine Zeitung, deren Bilder laufen gelernt haben. Ein fachliches Journalistendrama im Stile eines Sidney Lumet, nicht so sehr am Menschen interessiert als vielmehr an Schlagzeilen, die der Wahrheit verpflichtet sein sollen. 

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Spotlight

Alien: Covenant

SKLAVE DES HIMMELS, HERR DER HÖLLE

6,5/10

 

aliencovenant

Regie: Ridley Scott
Mit: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup

 

Auch wenn der Film zwar optisch alle Stücke spielt, dramaturgisch aber etwas hinkt, würde ich Fans der Alien-Reihe durchaus anraten, Ridleys Scotts Prequel-Erstling Prometheus nochmal zu Rate zu ziehen. Die Frischzellenkur für den 2012 veröffentlichten Auftakt einer den Alien-Mythos erklärenden Trilogie hat zumindest mir den Einstieg in Alien: Covenant leichter gemacht. Und auch der sehr wohl durchdachte Plot der Monstersaga erschließt sich nach nochmaliger Betrachtung fast naht- und fugenlos und macht darüber hinaus auch wirklich Sinn – sowohl für Prometheus als auch für Alien: Covenant. Was man vom Original und den danach folgenden drei Sequels nicht sagen kann. Sie zu kennen ist – wie auch cinema festgestellt hat – tatsächlich nicht vonnöten. Selbst Ridley Scott ignoriert sie. Mit Aliens – Die Rückkehr, Alien 3 und Alien –  Die Wiedergeburt will der Altmeister seinen Xenomorph-Kosmos nicht kontaminiert sehen und ignoriert sie daher auch völlig. Somit teilen sich die Storylines von Alien in mehrere Parallelen. Bei Cameron´s Fortsetzung haben die Monster – wie wir alle wissen – gleich einem Bienenstaat eine Königin, die all die Eier legt, aus denen die Facehugger schlüpfen. In Alien 3 hinterfragt David Fincher in keinster Weise irgendeine Storyline, sondern schafft im Rahmen eines dystopischen Thrillers die Variable einer biologischen Bedrohung. Und Jean-Pierre-Jeunet fabuliert überhaupt ein für sich alleine stehendes Kunstwerk, dass sich zur Zukunft der Genetik mit geradezu bösartigem Sarkasmus äußert. Allerdings hat Jeunet 1997 bereits Ridley Scotts inhaltliche Ambition vorweggenommen. In seiner sehr persönlichen und eigenen neuen Geschichte hat die Genetik einen mindestens ebenso hohen Stellenwert wie in Alien – Die Wiedergeburt. 

Also betrachten wir des Weiteren lediglich die ersten beiden neuen Kapitel Scotts unter der Lupe. In seiner düsteren, brillant bebilderten Planetenvision haben wir es mit einem viralen Pathogen zu tun, welches von den sogenannten Ingenieuren entwickelt wurde. Ob dieser Virus nun synthetisch oder natürlichen Ursprungs ist, bleibt auch nach Alien: Covenant ungeklärt. Wieso diese unglaublich anpassungsfähigen Mikrolebewesen in einem Raumschiff mit Kurs auf die Erde eingelagert wurden, verharrt ebenso als Akte X in den Annalen kosmisch-humaner Expansionsgeschichte. Was wir aber wissen, ist, dass es sich bei dem Pathogen um einen biologischen Allrounder handelt.

Dieses Virus, oder was immer es auch ist, kann alles. Alles zerstören und sich auf jede erdenkliche Art und Weise verändern, vermehren, anpassen und entstehen. Das egoistische Gen, das vor einiger Zeit der Darwinist Richard Dawkins als Ruler über uns Menschen theoretisiert hat, bleibt im Angesicht dieses höchst aggressiven Evolutionsbausteines so klein und arm wie eine Kirchenmaus. Beim Alien-Gen hat es die Menschheit mit einem Egoisten zu tun, der im Survival-Wettlauf of the Fittest die wohl effektivste Ellbogentaktik beherrscht., Dawkins, Charles Darwin oder Carl Sagan wären bei so einem Albtraum schweißgebadet in ihren Betten aufgewacht. So eine radikale Weiterführung ihrer entwicklungsbiologischen (Hypo)thesen hätten sie dann doch nicht haben wollen. Ridley Scott aber zeigt ihnen die kalte Schulter. Seine Biologie gewinnt Gold. Und macht aus Spezialisten, die wissen, wo in ihren evolutionären Nischen ihr Platz ist, Experten für globales Tabula Rasa. Das Alien in all seinen Auswüchsen – ob als Wurm, Pilzmyzel, Weichtier, Achtfüßer oder humanoider Drache – macht keine Gefangenen. Warum auch. Es ist ein egoistisches Gen, das bereit ist, alles zu vernichten. DAS ist natürliche Auslese. Alles andere ist Mumpitz. 

Ehrlich gesagt – anders wollen wir den Neomorph oder Xenomorph gar nicht sehen als etwas, das alles andere kaputt macht, bevor es selbst kaputt gemacht wird. Diesen Willen des Überlebens und Ausbreitens finden wir in so aggressiven Viren wie Ebola oder Malaria. Jetzt muss man sich folgendes vorstellen: Hätten irdische Viren das Zeug, sich zu Zellen zusammenzuschließen und sich körperlich zu manifestieren – dann, ja dann hätten wir ein Alien. Oder eines dieser Ausgeburten, je nachdem, womit wir diese Gene kreuzen. 

Die Vielfalt des Aliens könnte bereits ein kleines Lexikon füllen. Auch in Alien: Covenant haben wir es mit neuen Arten zu tun. Schön für die Wissenschaft. Schlecht für die unsäglich naiven Kolonisten, die aus Spaß an der Freude und eigentlich aus Bequemlichkeit heraus einen völlig unbekannten Planeten ansteuern und einem kryptischen Funkspruch nachstellen, der sie ins Verderben stürzt. Wie sehr man seinen Vertrag – seinen Covenant – missachten kann, dass zeigen Katherine Waterston (leider keine Sigourney Weaver), Billy Crudup und andere. Ihr Untergang ist hausgemacht, also hält sich mein Mitleid ziemlich in Grenzen. Leider hält sich auch die Monstershow in Grenzen. Wenn es hochkommt, dann zeigt sich das Vieh summa summarum aufregende 15 bis 20 Minuten. Eine Enttäuschung. Gut, diese Minuten sind das Kinoticket schon wert. Vor allem in den Bodyhorror-Szenen, in denen unter kaltem Neonlicht hysterische, bananenköpfige Babys mitsamt glitschiger Nachgeburt auf den Fliesenboden klatschen. So grausig es ist – da jubelt das Herz des Alien-Fans. Es jubelt auch, wenn Scott sein Original auf ehrerbietende Weise und mit Alien-Closeup genüsslich zitiert. Doch um das Alien geht es ernüchtenderweise nur sekundär. Alien: Covenant erzählt wider Erwarten eine andere Geschichte als bisher in diesem Kosmos. Das ist erfrischend, interessant und kurzweilig. Scott schafft es fast dreiviertel seines Filmes, sich nicht selbst zu kopieren. Alle Achtung. Was er sich ausgedacht hat, ist neu – und rückt den Focus auf die Schlüsselfigur des Androiden David aus dem Vorgänger Prometheus. Weniger auf die Kreatur selbst, die Mittel zum Zweck oder zufälliges Ergebnis wilder Experimente bleibt. Viel mehr konzentriert sich die Science-Fiction-Oper auf die Ambitionen eines Androiden, sich über seinen Schöpfer zu stellen – womit Scotts Themenradius um künstlich geschaffene Intelligenzen auch Richtung Blade Runner schielt. Der Weyland-Humanoiden träumt demnach zwar nicht unbedingt von elektronischen Schafen, aber immerhin von der Macht, Leben zu erschaffen. Sehr anthroposophisch, das Ganze. Aber gut durchdacht. 

Dennoch bleibt der Nachgeschmack nach Alien: Covenant zwar metallisch-blutig, aber durchwachsen. Ich will nicht sagen, dass die letzte halbe Stunde misslungen ist – doch dahingeschludert ist sie auf jeden Fall. Zum Showdown fällt den Drehbuchautoren nichts Neues mehr ein. Alles endet dort, wo das Original-Alien seine spannendsten Minuten hat. Und da wissen wir bereits, wie es endet. Schnell noch den Xenomorph erledigen, dann ab in die Kojen. Genauso fühlt es sich an – lieb- und ideenlos. Dabei hätte das nun perfekt getrickste Untier mehr Potenzial gehabt, um auch in anderem Kontext in Erscheinung zu treten. Vielleicht hebt sich Scott dies für Teil 3 auf – obwohl dieser zwischen Prometheus und Covenant angesiedelt sein soll. Wie auch immer – Alien-DNA hat der Film jede Menge, die Story ist stringent, die Crew nach wie vor undiszipliniert. Doch Angst vor seiner eigenen und Giger´s Kreatur sollte der Film keine haben.

Scheint aber leider so.

 

 

 

Alien: Covenant

Die Poesie des Unendlichen

WER ES FASSEN KANN, DER FASSE ES

7/10

 

poesieunendlich

Regie: Matt Brown
Mit: Dev Patel, Jeremy Irons, Toby Jones

 

Manche Menschen sind einfach von Geburt an mit Begabungen gesegnet, die wir Normalos nicht mal ansatzweise nachvollziehen können und wo wir schon nach den ersten Metern erschöpftes W.O. geben würden beim Versuch, die Welt in ihren Grundstrukturen zu erfassen. Die Dimensionen der Mathematik sind da das wohl deutlichste Beispiel dafür, welchem Spektrum sich der menschliche Verstand bedienen und wie weit der Mensch in die „Matrix“ unserer Welt vordringen kann. Doch hinter den Vorhang des Sichtbaren zu blicken und dabei nicht den Verstand zu verlieren, ist eine Gratwanderung. Vor allem bei so einer Begabung, die gleich einer geistigen Mutation einfach da ist, gleichermaßen quält und zur Erkenntnis führt. Ruhelose Geister sind das. Der Mathematiker John Nash zum Beispiel war schizophren und litt Zeit seines Lebens an Wahnvorstellungen. Russel Crowe hat ihn im Film A Beautiful Mind ein Denkmal gesetzt. Überhaupt legen Menschen mit autistischen Zügen sagenhafte kognitive Fähigkeiten an den Tag. Wunderkinder, Hochbegabte. Wie zum Beispiel Sitcom-Nerd Sheldon Cooper.

Natürlich tauchen solche Superhirne auch in entlegenen Ecken der Welt auf. Und wenn sie die Chance dazu haben, und den Mut aufbringen, dieses Potenzial des Welterklärens nutzen zu wollen, kann man von diesen Leuten später sogar in den Geschichtsbüchern lesen. Wie zum Beispiel bei Srinavasa Ramanujan. Der indische Büroangestellte wollte in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg, also noch in der tiefsten Kolonialzeit Großbritanniens, sein Recht durchsetzen, sein mathematisches Verständnis universitätstechnisch absegnen zu lassen. Und zwar an keiner geringeren Institution als Cambridge. Diesen Weg dorthin als steinig zu bezeichnen, ist geradezu ein Euphemismus. Hätte er nicht den Mathematikprofessor G. H. Hardy an seiner Seite gewusst, wäre der Rest nicht Geschichte geworden. Ist es aber. Ramanujan hat das Weltbild zukünftiger Zahlenwissenschaftler grundlegend verändert. Doch das Faszinierendste auf diesem Weg dorthin war die Tatsache, dass der Wunder-Inder mathematische Rätsel lösen konnte – doch erklären konnte er sie nicht. Wie die Gabe eines Mutanten aus dem X-Men-Universum. Wie ein Wunderheiler oder ein parapsychologisches Medium war Ramanujan nicht imstande, für seine prophetischen, sagenhaft präzisen Botschaften eine mathematische Formel zu finden. Mit Ergebnissen allein lässt sich Mathematik nicht lehren. Oder gar verstehen.

Regisseur und Drehbuchautor Matt Brown hat auf historischer Basis eine unaufgeregte, zurückhaltende Biografie ersonnen, die sich dem Thema des menschlichen Genies von einer ganz anderen Seite nähert. Für Brown ist Ramanujan keine Attraktion, sondern ein akribischer Ehrgeizling mit einem Gehirn als rätselhaftes Werkzeug, das sich erst gar nicht und später nur sehr widerwillig und nach großer Anstrengung nutzen lässt. Hochbegabung kann sich nicht alleine überlassen werden. Dazu ist sie zu komplex, selbst für den, der sie besitzt. Die Poesie des Unendlichen lädt ein in eine fremde Welt des Begreifens und Verstehens. Aber auch in eine Epoche des unreflektierten Klassendenkens und Menschenverachtens. Dev Patel lässt seinen berühmten Landsmann mit sehr viel Sympathie zur historischen Person straucheln und wieder aufstehen, leiden und lieben. Dafür nimmt sich der Film sehr viel Zeit, und oft sind es nur nüchterne Dialoge, welche die Geschichte vorwärts bringen. Zeit, Geduld und Interesse sollte man mitbringen – dann wird der Filmabend zu einem berührenden Streifzug durch die Terra Incognita eines menschlichen Geistes.

Die Poesie des Unendlichen

King Arthur – Legend of the Sword

BUBE, DAME, KÖNIG… UND EIN SCHWERT

7/10

 

kingarthur

Regie: Guy Ritchie
Mit: Charlie Hunnam, Jude Law, Eric Bana, Aidan Gillen

 

Was Charlie Hunnam eigentlich noch gefehlt hätte, wäre ein Flinserl. Eines dieser metrosexuell aparten Schmuckstücke für den Mann, die in den 80ern so richtig salonfähig wurden und bis heute nichts von ihrem zweifelhaften Reiz verloren haben. Mittlerweile trägt Mann sie bereits an beiden Ohrläppchen. Das ist noch anarchischer – aber vielleicht weniger Prolo. Doch das wäre bei Guy Ritchies Inkarnation des legendären King Arthur auch schon egal gewesen. Seine Ikone der ritterlichen Fantasy und des mächtigsten Mittelalter-Mythos neben Robin Hood ist ein Schlägertyp von nebenan. Einer, der zwar das Herz am rechten Fleck hat, aber ähnlich wie Siegfried von Xanten nicht als hellstes Licht im Dunkel scheint. Dafür aber weiß er zu kämpfen, sich zu verteidigen, den maskierten Gesellen rund um den bösen König Vortigern, der unrechtmäßig am Thron sitzt, das Wilde herunterzuräumen. Und das eine oder andere passende Schmähwort auf den Lippen zu haben.
Übermütiger Zynismus – das ist, was Guy Ritchie und seine Fans sehen wollen. Wie wir sehen konnten, hat sich dieses Konzept ja auch bei Sherlock Holmes bewährt. Auch eine literarische, popkulturelle Gestalt, die zwischen den Medien umherscharwenzelt, sei es das geschrieben Wort oder das bewegte Bild. Sherlock Holmes ist eine Institution, und nur so unkaputtbaren Institutionen kann man eine Interpretation angedeihen lassen, die man als großzügig budgetierte Fanfilme bezeichnen kann. Robert Downey als Ohrfeigen verteilender Detektiv ist eine gegen den Strich gebürstete Charakterpersiflage, und genau das passiert nun auch König Arthur. Blond, blauäugig, ein David Beckham des finsteren Mittelalters (ja, tatsächlich, der Fußballstar hat einen Cameo-Auftritt als ein Scherge Vortigerns), lässig gewandet – aber nicht imstande, das Schwert Excalibur zu handhaben.
Diese mächtige Waffe sowie ein nur namentlich erwähnter Merlin, der böse Zauberer Mordred und eben der machtgierige Bruder Vortigern, von Jude Law ähnlich angelegt wie den jungen Papst in Paolo Sorrentino´s kunstvoller Kirchensatire, sind die einzigen Versatzstücke aus der Artus-Sage, die in Ritchie´s freier, herumfuchtelnder Improvisation Verwendung finden. Alles andere ist nicht König Artus, aber den Anspruch, den hat der Film gar nicht. Muss er auch nicht. Es gibt genügend braver Aufarbeitungen des Mythos, da reicht es, wenn sich die Legende des Schwertes – so der Subtitel des Blockbusters – auf das von Merlin geschmiedete Artefakt konzentriert. Und da hat der Film so manche innovative Idee dazu, wie zum Beispiel jene Erklärung, wieso das Schwert überhaupt in einem Felsblock steckt. Doch diese Dinge sind nur von peripherer Wichtigkeit. Das rüstungsgewandete Spektakel soll vorallem eines: so richtig fetzen. Und da hält sich King Arthur schon von Anfang an nicht mit ausufernden Prologen auf. In den ersten Filmminuten verwüsten bereits gigantische Ausgeburten des dunklen Zauberers Mordred König Uthers Besitztümer – in herrlich epischer Breite und mit einem Sound, der die Kinositze virbieren lässt. Überhaupt sind die Toneffekte ein regelrechter Zirkus für die Ohren. Da poltert, dröhnt und faucht es. Und darüber liegt ein Score, der sich hören lassen kann. Sind die schnellen Schnitte, die Frozen Stills und die virtuose Kamera nicht schon genug Entertainment für die Sinne, gibts noch rockig-düstere Songs und schweren Beat, der das Ganze noch akustisch um einige Levels schwindelerregender macht.
So knallig war das Mittelalter mit Sicherheit nicht mal ansatzweise, aber die nicht erst seit Game of Thrones verklärende Fusion der Europäischen Historie mit der Welt des phantastischen Erzählens und die Erwartungshaltung jener, die Guy Ritchies Filme kennen, verlangen, hier ein anderes Bild zu vermitteln. Eines, das unterhält und das Gute über das Böse siegen lässt. Zwar haben wir hier weitaus weniger Grauzonen als in George R. R. Martin´s epischer Westeros-Saga, und zwar wissen wir schon von Anbeginn an, dass die Ritter der Tafelrunde zueinanderfinden werden, doch mit bübischer Mitspielfreude in einer Zeit zu schwelgen, die letzten Endes gerechteren Paradigmen folgt als es die Realität tut, macht es allemal wert, hier mitzurocken.
King Arthur ist episches, aber gleichsam hektisches Bubenkino der schnellen Schnitte und von rotzfrecher Fabulierlust. Einziger Ruhepol ist die zerbrechlich wirkende Magierin mit ausgeprägtem Tierverständnis und französischen Akzent. Bei ihr trifft sich immer wieder der Kern der Geschichte, um sich selbst als roten Faden weiterzuspinnen. Dreimal tief durchgeatmet, und weiter geht´s – das Fangenspielen mit Schwert, Bauernschläue und blutigen Fäusten.

 

King Arthur – Legend of the Sword

Das kalte Herz

MÄRCHENCHARME VON GESTERN

6,5/10

 

kalteherz

Regie: Johannes Naber
Mit: Frederik Lau, Moritz Bleibtreu, Milan Peschel

 

Was haben wir uns jedes Jahr auf die Weihnachtszeit gefreut, und insbesondere auf Heiligabend. Da gab es damals im Fernsehen den ganzen Vormittag und frühen Nachmittag hindurch Märchenfilme aus Tschechien oder Deutschland – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, König Drosselbart oder Das kalte Herz. Verstaubte, aber zutiefst charmante Literaturverfilmungen nach den Gebrüdern Grimm oder Wilhelm Hauff. Meist von blasser Farbe, schneeverweht und grobkörnig. Wenn schon Effekte, dann in nostalgischer Stop Motion oder liebenswert offensichtlicher Bildcollage. Und manchmal auch fernab jeglichen Outdoordrehs vor Kulissen an Erinnerung praterlicher Grottenbahnfahrten. Doch wie und warum diese alten Filme von handkolorierter Postkartenromantik eine solche Stimmung erzeugen konnten, mag geheimnisumwittert bleiben. Vielleicht sind es die Augen unserer Kindheit? Das Hinzudichten eines naiven, phantantischen Realismus? Magisches Denken?

Jedenfalls bin ich mit diesen Erinnerungen nicht allein. Da hat es noch jemand anderen erwischt. Nämlich den deutschen Regisseur Johannes Naber. Mit der Neuverfilmung von Wilhelm Hauffs moralischem Märchen rund um den Köhler Peter Munk und dem sagenumwobenen Holländer-Michel schwelgt Naber in vorgestriger DEFA-Optik – und schafft es dennoch, durch seine Rückbesinnung auf eine Jahrzehnte zurückliegende Bildsprache neue, ganz eigenwillige Impulse zu setzen. Das neue kalte Herz wirkt wie eine filmische Restauration. Wie ein abgenutztes Möbelstück aus der Jahrhundertwende , welches akribisch renoviert werden muss. Hier abschleifen, dort hobeln, woanders wieder einölen und neu streichen. Wenn gewünscht, sogar ein bisschen Blattgold an den Kanten. Und die Werkstatt ist voll von Späne, Goldstaub und sonstigen Partikeln, die auch im Film durch die Gegend schwirren, vorallem im Licht der tief stehenden Sonne eines glühenden Sommernachmittags. Das kalte Herz ignoriert auf selbstbewusste Weise fast vollständig das geradezu vollkommen scheinende Zeitalter täuschend echter CGI. Hauffs moralisches Biedermeiergleichnis macht auf opulentes Bauerntheater für die großbürgerliche Großbühne, mit opernhaft geschminkten Zauberwesen und einem fellbekleideten Moritz Bleibtreu als teuflischer Archivar der Herzen. Wer jemals schon Inszenierungen von Ferdinand Raimunds phantastischen Dramen beiwohnen durfte, kann so ungefähr einschätzen, wie sich die deutsche Parabel über Gier, Macht und Reichtum gewandet.

Frederik Lau, einer der vielversprechendsten Shootingstars Deutschlands, hat eine Vorliebe für expressive Rollen, die sich im Laufe der Handlung einem Wandel unterziehen. Als scheiternder Kleinkrimineller in Victoria ist mir der junge Vollblutschauspieler bis heute in Erinnerung geblieben. Als Peter Munk mit rußverschmiertem Gesicht und gleichzeitig als geschniegelt kaltherziger Fabrikant beherrscht er die Szene und lässt so manche Kollegin blass aussehen. Nabers eigenwilliger Provinzzauber ist weder zeitgeistige Fantasy noch eine klassische Hauff-Verfilmung. Das kalte Herz ist ein Versuch der Andersartigkeit, ein Außenseiter unter den Märchenfilmen, der aus der Zeit fällt und sich für manche vielleicht aufgrund seines Manierismus zu gewollt als etwas Besonderes aufplustert.

 

 

Das kalte Herz

Plötzlich Papa

NICHT OHNE MEINE TOCHTER

6/10

 

ploetzlichpapa

Regie: Hugo Gélin
Mit: Omar Sy, Clémence Poesy

 

Jeder will Omar Sy´s bester Freund sein. Seit der französischen Erfolgskomödie rund um einen Querschnittgelähmten und seinem Assi ist Frankreichs „Will Smith“ zum Publikumsliebling und Quotengarant geworden. Ja, man findet den sympathischen, offenherzigen Komödianten auch im amerikanischen Blockbusterkino wie X-Men oder Jurassic World – wobei er dort sein quirliges What else-Temparament, für das wir ihn so sehr lieben, nicht so richtig ausleben konnte und ziemlich blass neben der Spur stand. Am Besten ist Omar Sy in Filmen, die sowohl Spaß machen als auch berühren. Da steht Ziemlich beste Freunde nicht alleine da. Da gäbe es noch die famos gelungene Identitäts- und Flüchtlingskomödie Heute bin ich Samba oder eben Plötzlich Papa. Dabei könnte man beim letzterem Filmtitel durchaus eine banale Familienkomödie vermuten. Oder aber auch ein Revival der Herrengang im Mutterschutz – Drei Männer und ein Baby. In Hugo Gélin´s Dramödie ist es allerdings nur ein Mann – die Anzahl der Babys bleibt allerdings gleich.

Abgesehen von einigen sehr wenigen Slapstickeinlagen und Witzen auf Kosten voller Windeln und sonstigen Engpässen im Jungmenschenalter bleibt Plötzlich Papa überraschend deutlich und über weite Strecken am Boden. Der leichtfüßige Humor, für den das Genre der französischen Komödie zu Recht so bekannt ist, weicht schnell einem Problemkino, das man vielleicht so nicht erwartet hätte. Und eigentlich nicht sehen wollte. Da reicht es nicht, die Dramatik eines Sorgerechtsstreits für das Publikum spürbar zu machen, so wie seinerzeit im zutiefst berührenden Film Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman. Oder sogar in der deutschen Biedermann-Variante Wenn der Vater mit dem Sohne, in welcher Heinz Rühmann den zeitlosen Hit La Le Lu zum Besten geben durfte. Ja, auch bei Heinz Rühmann tupfen sich auch Nicht-Väter diskret die Augenwinkel. Aber die Gefährdung der Liebesbande zwischen Elternteil und Sprößling war Hugo Gélin nicht genug.

Wie bitte, nicht genug? Nein, denn was hier noch dazu kommt, ist das Damoklesschwert eines lebensgefährlichen, körperlichen Defizits. Wen der Charaktere dies nun betrifft, verrate ich jetzt aus Solidarität zu Lesern, die den Film noch auf ihrer fimlischen To Do-Liste haben, logischerweise nicht. Was ich aber verraten kann, ist, dass der Plot des exilfranzösischen Großstadtdramas in seinen Verstrickungen und Schicksalen durchaus Sinn macht. So ist es mir in Verborgene Schönheit mit dem „Omar Sy“ Amerikas ähnlich ergangen. Dramatisch, traurig, unendlich bedeutsam – doch das war von vornherein klar. Bei Plötzlich Papa ist es das wie gesagt nicht. Und obwohl Omar Sy und Clémence Poesy versuchen, mit augenzwinkernder Leichtfüßigkeit das Ganze nicht zu schwer zu nehmen, macht ihnen die Regie einen Strich durch die Rechnung. Was dabei rauskommt, ist Schicksalsromantik nahe am Kitsch, wenn nicht gar darüber.

 

Plötzlich Papa

The Great Wall

AUF DER MAUER, AUF DER MAUER…

6/10

 

greatwall

Regie: Zhang Yimou
Mit: Matt Damon, Pedro Pascal, Willem Dafoe

 

Alle Kenner der Game of Thrones-Saga wissen – die Mauer im Norden schützt Westeros vor den Wildlingen und den Weißen Wanderern. Wie gut und wichtig so eine Mauer sein kann, beweist der mönchartige Orden der Nachtwache, gewandet in ästhetisch-unbuntem Schwarz, spaßbefreit und grimmig. So eine Mauer gab und gibt es auch in unserer Welt. Zwar längst nicht so hoch, aber ich schätze mal viel länger. Und am Wehrgang tummeln sich ganz andere Leute, nämlich Krieger in atemberaubend kunstvollen, knallbunten Rüstungen. Blau, Grün und Rot, schillernd und blank poliert. Fast wie die extraterrestrischen Outfits aus dem neuen Power Rangers-Film. Nur mehr davon, viel mehr. Und wozu das Ganze? Wozu dieser Aufwand, diese gigantische Verteidigungsanlage auf einer Mauer, durch die der Illusionist David Copperfield bereits hindurchgegangen ist?

Dazu muss man wissen – wir befinden uns zeitlich gesehen im letzten Drittel des Mittelalters, wo das Wissen um das berüchtigte, in China boomende Schwarzpulver seine Runde macht. Und man muss auch wissen – bei Zhang Yimou´s Monstergemetzel handelt es sich angeblich um eine von vielen Legenden, die sich um die große Mauer ranken. An dem Oscarpreisträger und Regisseur von Meisterwerken wie Hero oder Rote Laterne ist das Blockbusterkino aus dem Westen jedenfalls seine Spuren hinterlassen. Womöglich hat Yimou an der Revival-Schwemme der Monstergiganten doch irgendwie Gefallen gefunden. Zumindest haben es fernöstliche Filmproduzenten geschafft, gemeinsam mit Universal Pictures den Regie-Altmeister ins Boot zu holen. Jemand, der weiß, wie man Schlachtengetümmel ähnlich einem Kostümballett in Szene setzt, Martial Arts zur überstilisierten Kunst erhebt und Pfeilregen in mathematischer Symmetrie perfekt choreographiert.

Dieses Know-How braucht man, denn in The Great Wall trifft Marco Polo auf Pacific Rim. Die unerschöpfliche Herde an Kreaturen, die die sagenumwobene Mauer erklimmen wollen, um ins altchinesische Königreich zu gelangen, ist in ihrer Biomasse mit Guillermo del Toro´s Giganten aus dem Meer fast gleichzusetzen. Das uralte Bauwerk stemmt sich wie Helms Klamm aus Tolkiens Herr der Ringe den blutgierigen Vierbeinern entgegen. Inmitten des zähnefletschenden Herdentriebs thront die Königin – ein formschönes wie grausames Wesen, bewacht von drachenartigen Leibwächtern, die das auf Vibra-Call kommunizierende Geschöpf mit ausfahrbaren Nackenschildern vor den brennenden Katapultgeschossen der Menschen schützt. Das Design der zahnbewehrten Kreaturen erinnert frappant an Del Toro´s Ideenfundus, und die Gefechte auf der Mauer sind bunt, blutig, bis zum Abwinken glorifiziert und mit eleganten Frozen Stills durchsetzt. Das haben wir schon bei Hero mit heruntergeklappter Kinnlade beobachten können, da zeigt uns der Film zwar nichts Neues, aber gern Gesehenes. Weta-Effekte sind es keine, doch die Ausstattung macht es wieder wett. Allerdings – Matt Damon und „Prinz Oberyn“ Pedro Pascal als zottelige Abenteurer, die dann noch auf einen sinisteren Willem Dafoe stoßen, wirken tatsächlich wie schlecht geschminkte Auslandsreisende ohne Ortsplan. Damons unterfordertes Spiel in diesem üppigen Monumental-Trash weicht nur gelegentlich einem Staunen, das der exotischen Extravaganz geschuldet ist. Warum der talentierte Mr. Ripley als Quotenamerikaner das asiatische Kino auch für den Westen zur Salonfähigkeit verhelfen muss, erklärt sich womöglich aus dem Revival der Kaiju-Fantasy und der immer enger werdenden, wirtschaftlichen Zusammenarbeit der amerikanischen mit den asiatischen Produktionsstudios. Geteilte Kosten sind halbe Kosten. Da können sich westliche Schauspieler wie Matt Damon oder Willem Dafoe durchaus erkenntlich zeigen. Was sie auch tun – halbherzig und als launige Groschenroman-Charaktere, eng verwandt mit den Filmfiguren der Karl May-Abenteuer.

Wen das nicht stört, und wer schon immer triviales Retro-Abenteuer im Popcornkino der frühen Sechziger mit einer Monster-Apokalypse kombiniert sehen wollte – der sollte sich The Great Wall nicht entgehen lassen. Dabei ist das Geheimnis um die Tao Ties, wie die Viecher genannt werden, ja gar nicht mal so unoriginell. Und sollte demnächst eine Besichtigung des achten Weltwunders anstehen, wäre der Film während des Fluges nach China nicht nur Zeitvertreib, sondern auch eine passende Einstimmung der pittoresken Art.

The Great Wall