Marie Curie

FORSCHEN ODER LIEBEN

7/10

 

mariecurie© 2016 P’Artisan Filmproduktion

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, POLEN 2016

REGIE: MARIE NOELLE

MIT KAROLINE GRUSZKA, SAMUEL FINZI, CHARLES BERLING, ANDRÈ WILMS U. A.

 

Betrachtet man die Geschichte der Wissenschaft, fällt auf, dass jene, die Bahnbrechendes auf ihrem Gebiet geleistet haben, nicht nur mit ihrem Partner, sofern sie einen hatten, sondern auch mit ihren Projekten verheiratet waren. Da blieb kaum Platz für anderes. Wissenschaftler und -innen, solchen Masterminds haftet neben dem oft zitierten Dasein als verrückter Fachidiot das Brandmal der exzentrischen, eigenbrötlerischen Beziehungsunfähigkeit an. Wissenschaft und soziale Kompetenz – das ist ohnehin wie Kinder und Spinat. Das passt selten zusammen. Und passt es einmal, dann ist die Opferbereitschaft für die Mission, dem Leben seine letzten Geheimnisse zu entreißen, nicht groß genug, um wirklich etwas entdecken zu können. So nebenbei, zwischen Mann, Frau und Familie, kann kein Nobelpreis gewonnen werden. Oder doch? Die Serie The Big Bang Theory nimmt die Unfähigkeit zu einer zwischenmenschlichen Beziehung vor allem bei der Figur des Sheldon Cooper gekonnt aufs Korn. Seine überdurchschnittliche Intelligenz und sein unerbittlicher Eifer, so etwas Ähnliches wie das Higgs-Boson zu entdecken und dafür den Nobelpreis zu bekommen, lässt ihn als Neutrum erscheinen.

Den Nobelpreis, den darf sich Marie Curie aber gleich zweimal aufs häusliche Regal stellen. Die gebürtige Polin, die ihre preisgekrönten Entdeckungen in Frankreich beweisen und publizieren durfte, führt gegen das Klischee der zwischenmenschlich verkümmerten Zunft des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin ihr eigenes Liebesleben ins Feld. Und das war gleichermaßen ein schmerzhaftes wie unmoralisches. Nach dem Tod ihres Lebensmenschen Pierre Curie, mit welchem sie gemeinsam wohl bis heute das Einser-Podest für DAS Wissenschaftler-Ehepaar überhaupt besetzt, nahmen Liebe und Leidenschaft ganz andere Wege. Und zwar jene, die Marie Curie vor allem in der Öffentlichkeit ziemlich schlecht dastehen ließen. Medien und das Nobelpreis-Komitee waren vor den Kopf gestoßen. Kann man denn sowas überhaupt verantworten – ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann? Kann und darf die Gallionsfigur der Wissenschaft, welche die Gesellschaft des beginnenden 20ten Jahrhunderts für sich beansprucht, eigentlich tun was sie will?

Der französischen Regisseurin Marie Noelle, Ehefrau des verstorbenen Filmemachers Peter Sehr (Kasper Hauser) legt keine schulmeisterliche Biografie vor. In ihrem Film Marie Curie liegt die Chronik ihrer Leistungen längst nicht im Fokus der Kamera. Erwähnt werden muss es allerdings trotzdem – ihre Entdeckung des Radiums und die Prägung des Begriffs der Radioaktivität sind untrennbar mit dem ereignisreichen und erfüllten Leben der wohl berühmtesten Physikerin aller Zeiten verbunden. Auch in der Langevin-Affäre, in der ihr Ehebruch, Sittenvergehen und fehlende Moral vorgeworfen werden, sind ihre Leistungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften nicht auszuklammern – obwohl Marie Curie dies womöglich gerne gehabt hätte. Um das Verfechten ihres Rechts auf Privatleben, dem Ausgeliefertsein ihrer Intimität als Person öffentlichen Interesses, davon handelt Noelle´s impressionistisch gefilmtes Tatsachendrama in erster Linie. Curie findet sich in der Rolle eines gesellschaftlichen Vorbildes wieder. Der Preis für ihren Erfolg und dem medialen Interesse, das natürlich auch das notwendige Geld für die Forschung bringt, soll ein gläsernes Dasein bedeuten – womit sich die resolute Kämpfernatur von Forscherin nicht begnügen wird.

Marie Curie setzt auf verwaschene Stimmungsbilder im Gegenlicht. Fahle und doch flirrende Farben dringen in die Düsternis des chemischen Labors. Das blaue Leuchten des Radiums versetzt in Trance. Unschärfen und Anmutungen von Aquarell tauchen die relative früh verstorbene Vordenkerin in abstrakte Gefühlswelten, die sich kaum oder gar nicht von der Unduldsamkeit der Realität abheben. Die Schauspielerin Karoline Gruszka, selbst Polin, verleiht der Urmutter der Strahlungslehre ein idealisiertes, fast schon ikonisches Gesicht zwischen Begehrlich- und Unnahbarkeit. Ihre Figur vermag ungeachtet charakterlicher Authentizität jedenfalls zu faszinieren. Und so wird Physik in Noelles Film zu einem Objekt der Begierde, der Leidensfähigkeit und öffentlicher Rechtlosigkeit, die nur den Anschein hat, zu diktieren. Marie Curie ist gepflogenes, relativ frei interpretiertes biografisches Kunstkino – schöngeistig und idealisierend. Wie ein radiologisches Denkmal in gepflegten Parkanlagen – leicht bewachsen, scheinbar ewig strahlend, in Wahrheit aber mit Halbwertszeit.

Marie Curie

Geostorm

…UND NUN ZUM WETTER

3/10

 

GEOSTORM© 2017 Warner Bros.

 

LAND: USA 2017

REGIE: DEAN DEVLIN

MIT GERARD BUTLER, JIM STURGESS, ABBIE CORNISH, ED HARRIS, ALEXANDRA MARIA LARA U. A.

 

Da hilft nicht mal mehr warm anziehen: Möchte ich dem mir hier vorliegenden Katastrophenszenario Glauben schenken, kann es in wenigen Jahren tatsächlich schon so weit sein – der Zusammenbruch des globalen Wetters. Moderatorinnen und Moderatoren desselbigen wären entweder arbeitslos oder unter Dauerstress. Vorhersagen ließen sich keine mehr machen. Und die aufgrund des viel zitierten, vom Menschen verschuldeten Klimawandels zubereitete Suppe müssten wir angesichts dieser verheerenden Wetterküche dann folglich auch im Alleingang auslöffeln. Helfen wird uns da niemand – wer denn auch? Aliens haben uns bis heute nicht unter die Arme gegriffen. Also was tun? Ein Zusammenschluss vieler Staaten hat die Steißgeburt einer Idee geboren, die in ihrem finalen Look im wahrsten Sinne des Wortes irgendwie beklemmend wirkt: Ein den Planeten umspannendes Netz aus Wettersatelliten sollen Ordnungshütern gleich radaumachende Wetterkapriolen im Keim ersticken. Wie das gehen soll, erfahren wir aus dieser Geschichte nicht wirklich. Was bewirken Satelliten, die im Orbit stationiert sind, wenn der Hurrikan Dutzende Kilometer weiter unten zu toben beginnt? Aber sei´s drum, die Idee ist weit hergeholt, aber es ist zumindest eine Idee. Oder ein Anfang. Mit dem kann man noch ganz gut leben. Auch mit der Tatsache, dass die USA und China hier als Masterminds hervorgehen. Zum Glück nicht Nordkorea. Es gibt also immer noch Schlimmeres.

Das denkt sich Gerard Butler auch, wenn er auf Du und Du mit der überraschend für diesen Film besetzten Alexandra Maria Lara an Bord der generalüberholten ISS eine Verschwörung aufzudecken hat, die jedes noch so wüste James Bond-Abenteuer als realitätsnahen Tatsachenbericht in den Schatten stellt. Moonraker ist im Vergleich zu Geostorm tatsächlich schon als seriös zu bezeichnen. Und Roland Emmerich sieht angesichts dieses fast schon an den schütteren Nasenhaaren herbeigezogenen Unding von High-Tech-Wetterthriller sein Desaster-Movie 2012 in wohlwollenderem Licht. Was ich zugegebenermaßen auch bestätigen kann. 2012 ist Spaß an der Filmstars verschonenden Zerstörung. Geostorm ist weder virtuos getrickster Weltuntergang noch ernstzunehmende Hard-SciFi. Das wäre der Film wohl gerne, man sieht es ihm an. Vor allem in den Szenen, die so sein wollen wie Interstellar oder Gravity. Das sind sie aber nicht. Was wiederum am durchwachsenen Spiel der Darsteller liegt, die im Grunde nichts für ihre Rolle übrighaben. Alexandra Maria Lara weiß sich in all dem Chaos überhaupt nicht zu helfen, und womöglich wird sie es sich zweimal überlegen, nochmal in so einem kalkulierten Blockbuster mitzuspielen. Und Butler genauso wie der sonst famose Ed Harris haben ihren Rollen nichts hinzuzufügen. Es sind Rollen, die Geld bringen. Das weiß die Zunft seit Flammendes Inferno. Und ist niemals wieder so bewusstgeworden wie bei The Core oder Armageddon. Filme ähnlichen Fahrwassers, wofür sich Hollywood wirklich nicht zu rühmen braucht.

Ohne viel verraten zu wollen – was aber in diesem Fall ohnehin schon egal ist – kann sich der aufopferungsvolle Zuseher letzten Endes einerseits ziemlich ärgern, andererseits aber auch ziemlich wundern. Denn niemals zuvor sind die wenig überraschend entlarvten bösen Buben so dermaßen sinnlos mit der Kirche ums Kreuz gezogen, um ihre Ziele zu erreichen. Sowas schafft nicht mal Blofeld. Kann man nur sagen: Hut aber oder Hut drauf. Je nach Wetterlage.

Geostorm

Die dunkelste Stunde

CHURCHILL SPIELT CHURCHILL

7,5/10

 

DARKEST HOUR© 2017 Universal Pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: JOE WRIGHT

MIT GARY OLDMAN, LILY JAMES, KRISTIN SCOTT THOMAS, BEN MENDELSOHN U. A.

 

Das macht Europas größter Insel kein anderes Land nach: das Schicksal Großbritanniens inmitten des zweiten Weltkriegs ist eine Epoche voller Facetten, die wie kein anderer Schwerpunkt so sehr im Mittelpunkt der Kinogeschichte gestanden hat – und jetzt auch wieder stehen darf. Dabei lassen sich all diese fast schon nahtlos aneinander gereihten, zeitgleich passierenden Episoden als Gesamtpaket betrachten, wenn nicht gleich als Trilogie oder Quadrilogie. Da hätten wir The King´s Speech mit Colin Firth, der als stotternder Monarch Albert alles versucht, seine Rede zur Lage der Nation so flüssig wie möglich ans Volk zu bringen. Da hätten wir in The Imitation Game das Superhirn Alan Turing, gespielt von Benedict Cumberbatch, der es geschafft hat, ebenfalls zur selben Zeit den Code der Nazis zu knacken. Und da hätten wir jüngst Christopher Nolans schwer beeindruckendes Meisterwerk Dunkirk. Gerade die atemberaubend unorthodox erzählte Chronik des Wunders am Ärmelkanal ist mit Joe Wrights Politdrama Die dunkelste Stunde, am engsten verknüpft. Hat man Dunkirk gesehen, sollte man unbedingt auch Die dunkelste Stunde sehen. Hat man Die dunkelste Stunde gesehen, empfiehlt es sich, gleich unmittelbar hineindran Dunkirk auf die Watchlist zu setzen. Beide sind zweifellos völlig eigenständige Werke. Doch gemeinsam bilden sie eine vollkommene Einheit. Eine Schicksalssymphonie aus einem Guss. Und tatsächlich wäre es sogar denkbar, Dunkirk und Die dunkelste Stunde dramaturgisch ineinander zu verzahnen. Der eine Film, ergänzt den anderen. Zusammen lassen sie Geschichte erleben. Und das so packend, plastisch und fühlbar wie selten zuvor.

Die dunkelste Stunde funktioniert aber auch im Alleingang ganz ausgezeichnet. Und das Besondere daran: nicht trotz, sondern vor allem aufgrund all seiner Bescheidenheit, seiner Lust am Zitieren protokollierter Reden und den vielen Herren in dunklen Anzügen, denen das politische Gewissen ins verkniffene Gesicht geschrieben steht. Als Zaungast im britischen Parlament blickt man auf ein denkwürdiges Szenario hinunter und hört Worte wie „Weder Weichen noch Wanken“ oder „Sieg um jeden Preis“, die sich in die Eckpfeiler europäischer Geschichte gebrannt haben. Polternd in die dunklen, dunstigen Hallen gerufen hat das niemand geringerer als der legendäre Polittitan Winston Churchill. Denkt man an Churchill, denkt man zuallererst an Zigarre, alkoholische Getränke, womöglich Melone und Kleidergröße XXL. Und dann erst an seine donnernde, volksorientierte, heldengleiche Politik. Leicht kann es passieren und Filme über Jahrhundertpolitiker, wie Churchill durchaus einer war, expandieren zu Apotheosen gottgleicher Übermenschen. Nicht so Joe Wrights Film. Und darin liegt seine überzeugende Qualität. Churchill erhält trotz all dem effektiven, erzählerischen Pathos durch Die dunkelste Stunde die Chance, sich als Mensch zu erklären. Und nicht als Ikone einer Krisenpolitik. Der übergewichtige Exzentriker voller extrovertierter Intelligenz, voller eigentümlicher Ticks und leichtem Anflug von Cholerik zeigt sich gern im Schlafrock, unfrisiert und barfüßig. Es ist, als würde man ihn kennen. Vielleicht sogar schon lange bevor der Film überhaupt erst begonnen hat. Ein Gefühl der Vertrautheit stellt sich ein. Und dann begegnet man Churchill sogar noch in Momenten des Zweifelns und Bangens. Momente, wo der wuchtige, laute Riese ganz klein wird, wie ein Kind.

Wirkliche Größe erlangt Wright´s politisches Psychogramm in den fragilen, feinen, kleinen Szenen. Wenn der Premierminister schweigend seine Sekretärin mustert, wenn beide wortlos in der Schreibkammer sitzen, zwischen ihnen die ganze unaussprechliche Stille des prekären Ist-Zustandes der Nation. Wenn Churchill Präsident Franklin anruft, zu später Stunde, irgendwo abseits und ganz auf sich alleine gestellt. Wenn sein Blick ins Leere gleitet – dann spiegelt sich die Schwere der Verantwortung in jeder Requisite des Films. Und graben neue Furchen in die hängenden Wangen des alten Mannes, der genauso aussieht wie die Person von damals. Dass dahinter Gary Oldman versteckt sein soll, kann ich kaum glauben. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, wieso die Macher gerade Gary Oldman wollten. Bislang war es doch meist so, dass es vollauf genügt hat, historische Persönlichkeiten mit zumindest ansatzweise ähnlichen Schauspielern zu besetzen. Mittlerweile reicht das aber nicht mehr. Schon Anthony Hopkins wurde dem Konterfei von Alfred Hitchcock angeglichen. Und Leo Di Caprio durfte sich als J.Edgar Hoover maskieren. Maskenhaft waren sie, diese Gesichter. Aber auch da hat sich die Technik verändert. Obwohl in Die dunkelste Stunde sehr oft Close Ups von Gary Oldmans verwandeltem Profil zu sehen sind, weiß die physische Echtheit des wiederauferstandenen Politikers zu verblüffen. Gary Oldman ist verschwunden – an seine Stelle tritt der Mensch Churchill, der die schlimmsten Stunden seiner Regierungszeit nochmal Revue passieren lässt. Es ist, als würde Churchill Churchill spielen. Den verdienst hat die Maske natürlich nicht alleine – Oldman gelingt es, nach mit Sicherheit intensivstem Studium der historischen Figur nicht nur Churchill zu spielen – er ist zu ihm geworden. Und zwar nicht als plakative Erinnerung eingangs erwähnter Heldenskulptur, sondern als Mensch. Als verletzlicher und gleichzeitig ungemein starker Mensch. Daniel Day Lewis, der selbst zu Lincoln geworden ist, hätte den impulsiven Giganten nicht besser verkörpert.

Die dunkelste Stunde ist eine fesselnde Episode europäischer Geschichte im Erzählstil von Thirteen Days und das sensible, zutiefst humane Psychogramm eines großen Briten. In gleißend hellem Tageslicht und im Licht der Zigarrenflamme, auf offener Straße und barfuß an der Bettkante – bei diesem Poker mit dem Teufel haben sehr viele Profis sehr viel richtiggemacht. Vor allem Churchill, der sich selbst am besten spielt.

Die dunkelste Stunde

Egon Schiele – Tod und Mädchen

ZEICHNEN BIS DER ARZT KOMMT

6,5/10

 

schiele© 2016 Novotny Film

 

LAND: ÖSTERREICH, LUXEMBURG 2016

REGIE: DIETER BERNER

MIT NOAH SAAVEDRA, MARESI RIEGNER, VALERIE PACHNER, LARISSA AIMÉE BREITBACH U. A.

 

Für alle Kunstinteressierten, die mal nach Wien kommen wollen oder in Wien leben und schon ewig nicht oder sich noch gar nie in das Leopold-Museum im Wiener Museumsquartier gewagt haben, sei eben jene Sammlung des Dr. Rudolf Leopold wiedermal oder erstmals ans Herz zu legen. Neben wunderbaren Exponaten quer durch die Kunstgeschichte des 19ten und 20ten Jahrhunderts gibt es eine beeindruckende Anzahl an Werken des Künstlers Egon Schiele. Und was für Werke! Die einen finden sie obszön, die anderen – so wie ich – handwerklich wie kompositorisch ungemein innovative Kunstobjekte. Man muss Egon Schieles Oeuvre nicht mögen, natürlich ist sein Stil Geschmacksache. Aber zugegebenermaßen hat Schiele einen solchen Stil entwickelt, der weltweit einzigartig geblieben ist. Niemand sonst hat jemals so gemalt. Seine Extravaganz ist dem jungen Maler natürlich bewusst gewesen. Er war Künstler, geradezu ein Genie. Und als solches hat er sich selbst auch gesehen. Das macht ihn nun nicht zu einem sonderlich sympathischen Zeitgenossen. Das findet Regisseur Dieter Berner auch. Wie es aussieht, dürfte Berner, der mit Alpensaga und Arbeitersaga Fernsehgeschichte geschrieben hat,  eine nicht allzu hohe Meinung vom versnobten Windhund mit dem Talent eines Wunderkindes haben. Aber das stört ihn nicht dabei, ein biografisches Künstlerdrama über ihn auf die Leinwand zu bringen. Auch eine Abneigung zu gewissen Personen kann faszinieren. So gesehen war Egon Schiele so etwas wie ein Anti-Ego, eine dunklere Seite hochgeistigen Bildererschaffens. Und Berner macht es dem Zuseher nicht allzu schwer, sich den Menschen Schiele wirklich als solchen vorzustellen. 

Ein Lebemann, ein Frauenheld, ein Macho auf seine Art. Weibliche Modelle, am liebsten nackt, oder am liebsten maximal nur mit Strumpfband. Selten wurde Erotik im Atelier so großgeschrieben wie bei Schiele. Ein Blick in die Werkstube des Meisters könnte den einen oder anderen Voyeur auf den Plan gerufen haben. Sinnliche Einblicke, die keinen Groschen kosten. Die Altersklasse der freizügigen Modelle: so jung wie möglich. Was für den Mädchenschwarm und Pinsel-Apoll irgendwann zum Verhängnis wurde. Denn leicht kann es sein, dass die Gier nach dem weiblichen Körper mitunter einen latenten Hang zur Pädophilie erkennen lässt. Der Sittenskandal war vorprogrammiert. Mittendrin der arrogante Egon, der sich Freund des nicht weniger entidealisierten Gustav Klimt nennen durfte. 

Der Titel Egon Schiele – Tod und Mädchen bezieht sich auf ein ganz bestimmtes Gemälde. das ursprünglich eigentlich Alter Mann und Mädchen hieß, dann aber als Hommage an seine während des ersten Weltkriegs verstorbenen Geliebten Wally Neuzil vom Trauernden selbst in Tod und Mädchen umbenannt wurde. Den Expressionismus der Bilder lässt Berner´s Film so ziemlich außen vor und distanziert sich auch, anders als Klimt von Raul Ruiz oder Loving Vincent, von einer Implementation des ureigenen Schiele-Striches in die visuelle Komponente seines Filmes. Was aber in diesem Fall für das Biopic spricht. Denn wichtig ist in Hilde Berger´s literarischer Vorlage vor allem die entromantisierte und schmucklose Sicht auf das Leben, Schaffen und Sterben eines für die Kunstgeschichte großen Österreichers, der als Mensch in menschlicher Grauzone verweilt, ohne den Wert seines Schaffens zu schmälern. All die verehrten Genies wie Klimt und Schiele können das Gewicht ihrer Entklärung problemlos ertragen. Sie werden zu Menschen, die ihren Versuchungen anheimfallen. Auf diesem staub- und farbverkrusteten Boden des Vergangenen lässt Berner auch seine Schauspieler agieren. Der junge Noah Saavedra bemüht sich zwar etwas in seiner Rolle, das Ego Schieles um sich greifen zu lassen, dafür aber ist ihm das weibliche Ensemble eine gute Stütze. Die jungen Damen sind es auch, die das Leben Schieles beeinflussen. Ihnen gehört der Film, weniger dem Künstler selbst. Bis gegen Ende des Krieges die spanische Grippe kommt. Die rafft sie fast alle dahin. Nur die Bilder in der Sammlung Leopold, die bleiben. Wenn schon nicht den Film, dann sollte man zumindest diese sehen.

Egon Schiele – Tod und Mädchen

The Party

SO LONG, MARIANNE!

5,5/10

 

THE PARTY by Sally Potter© 2017 Filmladen

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: SALLY POTTER

MIT TIMOTHY SPALL, KRISTIN SCOTT THOMAS, BRUNO GANZ, PATRICIA CLARKSON, CILLIAN MURPHY U. A.

 

Auf Partys eingeladen zu werden ist immer so eine Sache. Ab einem gewissen Alter verliert dieses 3D-Social Media so ziemlich seinen Reiz. Wobei ich niemals an solchen für mich erzwungen wirkenden Zusammenkünften meine Freude hatte. Oberflächlicher Smalltalk, Gruppen, die sich ohnehin immer wieder treffen, separieren sich auch hier. Unters Volk zu mischen ist ein Ding der Unmöglichkeit, und der Blick auf die Uhr verrät, dass die Zeit nur schleppend vergeht. Ohne Alkohol und Dancefloor kann das also nichts werden. Aber ist man mal eingeladen, zeigt man sich natürlich sozial. Man will ja kein Außenseiter sein. Man will ja dazugehören. Vor allem wenn es die Einladung einer höher gestellten Persönlichkeit ist. So wie in dem Fall von Kristin Scott Thomas, die für mich immer noch ihre Paraderolle in der Englische Patient gefunden hat und nun aber als frisch gebackene Gesundheitsministerin zum fröhlichen Gläseranstoßen in die heimischen vier Wände lädt.  

Regie-Individualistin Sally Potter, welche Anfang der 90er Tilda Swinton in barocke Männerkleider gezwängt hat, setzt ihren kinematographischen Einakter The Party in expressives Schwarzweiß. Und versucht auch, der Kürze mehr Würze zu verleihen, dauert das bizarre 7-Personen-Stück, das prima auf jeder Bühne inszeniert werden kann, nicht mehr als 70 Minuten. Die Ignoranz von Überlänge ist wohltuend. Kaum ein Film wird dadurch besser, nur weil er länger dauert. The Party hat aber im Endeffekt nicht mehr zu erzählen, als erzählt wird. Also streckt sich Sally Potter nach der selbst auferlegten Drehbuchdecke, zeichnet auch sie verantwortlich für die geschriebene Vorlage. 

Im Zentrum steht nicht nur die von Scott Thomas dargestellte Janet, sondern auch ihr Mann Bill. Der hat ein Geheimnis. Was heißt eines – zwei oder gar mehrere. Irgendwas stimmt nicht mit ihm. Timothy Spall, hager, faltig und virtuos zwischen leeren Blicken, schlaganfallähnlicher Mimik und arroganter Selbstgerechtigkeit changierend, darf die Party erst so richtig ins Rollen bringen. Der Plattenspieler dudelt, und so manche Hiobsbotschaften kommen aufs Tablett. Bruno Ganz ist auch eingeladen – herrlich selbstironisch als deutscher Wunderheiler Gottfried. Und alle warten auf Marianne, die Frau vom auffallend nervösen „Tom“ Cillian Murphy. Und während sie warten und das Beisammensein bereits weit jenseits gespreizten Smalltalks andere Dimensionen beschreitet, wird der Zuseher Zeuge peinlich berührender Auseinandersetzungen, die an die perfiden Stücke Edward Albee´s oder Yasmina Reza´s erinnern. Reza, eine französische Dramatikerin, ist vor allem mit ihrem Stück Der Gott des Gemetzels Kinogehern ein Begriff. Allerdings haben Reza´s Stücke eindeutig mehr Sarkasmus zu bieten als Sally Potter´s neubürgerliche Eskapaden. Trotz dem hysterisch aufspielenden Ensemble, welches das nötige Gespür für die richtige Eskalation beherrscht, gibt’s bis auf Bruno Ganz nicht wirklich was zu schmunzeln. Böses Grinsen macht sich auch nicht breit. Alles in allem ist The Party eine tragische Selbsthilfegruppe, die sich nicht selbst helfen kann. Und der sich gegen Ende etwas offenbart, was alle gemeinsam haben, da sie ja anfangs so gut wie gar nichts verbindet. Ob das gut ist oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen, das zu beurteilen. 

Reza oder Albee sind Sally Potter in ihrer messerscharfen Dramaturgie haushoch überlegen. Wer aber was für expressionistische Kammerspiele mit Turnaround-Aha-Effekt übrig hat, und gerne Bruno Ganz´ alternative Heilpraktiken verstehen mag, dem sei The Party durchaus empfohlen. Ich persönlich muss der Einladung zu Jazzmusik und verbranntem Braten nicht wirklich nochmal folgen.

The Party

The Light Between Oceans

SO FIES KANN SCHICKSAL SEIN

7/10

 

oceans© 2016 Constantin Film

 

LAND: USA, NEUSEELAND, GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: DEREK GIANFRANCE

MIT MICHAEL FASSBENDER, ALICIA VIKANDER, RACHEL WEISZ U. A.

 

Niemand ist eine Insel – oder doch? Zumindest wirkt der von Michael Fassbender verkörperte Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg so, als wäre er es. Nach Gewalt, Blut und Tod klingt nichts verführerischer als auf einer selbigen sein Trauma zu verarbeiten. Bestenfalls auf einer Insel, auf der sich sonst niemand befindet. Eine Insel mit Leuchtturm vor der australischen Küste. Da hat Mann genug zu tun, und Zeit, seinen inneren Seelenfrieden wieder zu finden. Zu dem wortkargen Neo-Eremiten dazugesellen möchte sich nun wirklich keiner, es sei denn, die Liebe ist im Spiel. Und die ist ein seltsames Spiel, denn als junge Dame betuchten Hauses ist sogar ein Leben auf einem Steinhaufen zwischen zwei Ozeanen – so der Titel – vorstellbar. Sofern sich Nachwuchs einstellt. Und da schlägt das Schicksal dann erbarmungslos zu. Denn der Kindersegen kommt nicht. Beim ersten Mal nicht, und später nimmt das Verhängnis abermals seinen Lauf.

Die reizende Alicia Vikander alias Lucy fällt in der Einschicht in tiefe Depression. Da kann ihr selbst der geliebte Gemahl nicht helfen, hat der doch selbst mit seiner Vergangenheit genug zu tun. Doch die Liebe ist stark, das erwartet man sich in diesem Film. Die Liebe, die nutzt das alsbald hereinbrechende Schicksal zur Rettung des Familienglücks. Dass es das Schicksal in Gestalt eines fast schon göttlich anmutenden Winks nur scheinbar gut meint, in Wahrheit aber ein mieser Verräter ist, erscheint von vornherein klar. Weil Babys, die werden nicht so einfach angespült, ohne von irgendwem vermisst zu werden. Es sei denn, es handelt sich um Moses, da war das ganze gewollt. Umso schmerzlicher zu ertragen ist die zweite Hälfte des Filmes, in der wir mehr wissen als das unglücklich glückliche Paar und jede Minute erwarten, dass das Damoklesschwert mit erschütternder Wucht zuschlägt.

Wie bei Derek Cianfrance tut es das dann auch, so sehr man sich auch wünscht, dass der Kelch an den beiden vorübergeht. Auch dass Tom so handelt, wie er handelt, lässt sich nachvollziehen. Gefühle spielen eine große Rolle, das Begreifen der eigenen endlichen Existenz und der unbedingte Wille zum Neuanfang, das Einfordern von Gerechtigkeit und die Möglichkeit momentaner Erlösung, ganz ohne Blick nach vorn. Cianfrance spielt gerne mit dem Schicksal, lässt Menschen aufeinander treffen, die einander vergeben müssen und sich trotz aller Abscheu verstehen wollen. Weil sie sonst selbst nicht weitermachen können. In The Place Beyond the Pines war das Schicksal ebenso mächtig, auch in Blue Valentine hat der Filmemacher die Philosophie des Fatalismus zu einer über allem stehenden Macht verklärt.

The Light Between Oceans ist erlesen besetztes, schwelgerisches Liebesdrama und romantische Tragödie im Licht des Sonnenauf- und untergangs. Vom Winde verweht, und mit dem Geschmack vom Meersalz auf den Lippen. Kino für anspruchsvolle Genießer im Stile epischer Romantik.

The Light Between Oceans

Griessnockerlaffäre

JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN

5,5/10

 

griessnockerl© 2017 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ED HERZOG

MIT SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, ENZI FUCHS, BRANKO SAMAROVSKI U. A.

 

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ja, ich weiß, das ist von Wolf Haas, trifft aber auf Rita Falk genauso zu. Genauer gesagt auf das Bundesland Bayern und insbesondere auf Niederkaltenkirchen. In Niederkaltenkirchen, da sorgt ein gewisser Franz Eberhofer für Recht und Ordnung. Und für den nötigen Auslauf seines Hundes. Nichts kann den lethargischen Polizisten aus der Ruhe bringen, es sei denn, die Fleischerei vom Simmerl hat geschlossen. Gibt es keine Leberkäsesemmeln, mindestens vier an der Zahl, hilft nur noch ein Maß Bier. Gibt’s das auch nicht, kann es schon sein, dass Eberhofer seine Knarre zieht. Blöd kommen darf man ihm auch nicht. Da kann es sein, dass der dauerfertige Genussmensch plötzlich unter Mordverdacht steht. So gesehen in der neuesten Verfilmung der Landkrimis von eingangs erwähnter Rita Falk. Zugegeben, diese Bücher sind dafür gemacht, sie zu verschlingen. Ähnlich wie eine Leberkäsesemmel, die man auch stets mit ein paar Bissen hinunterwürgt, weil sie doch so gut schmeckt. Die schrulligen Krimis sind nicht anders. Deftig, würzig und vor allem witzig. Das liegt auch an der Ich-Erzählform, an der Figur der schwerhörigen, stets schreienden Oma und all den anderen skurrilen Typen wie den kurzsichtigen Klempner und des Eberhofers Ex-Kollege Birkenberger.

Die Verfilmungen selber haben so ihre Probleme. Der Punkt ist der, dass die Eberhofer-Krimis als Spannungsgeschichte selbst relativ wenig hergeben. Da ist schon jede Folge von Soko Kitzbühel spannender, mitunter auch Der Bergdoktor. Worum es bei den Eberhofer-Krimis in erster Linie geht, das sind die Anekdoten des Alltags. Die haben in all den Büchern einen angenehmen Wiedererkennungswert. Es ist fast wie heimkommen, alles ist so vertraut. Und die Spannung resultiert aus der lausbübischen Neugierde, was dem Eberhofer denn jetzt wieder ungelegen kommen mag. Ungelegen ist so ziemlich alles, der Mann will seine Ruhe und ein gutes Essen von seiner Oma. Doch das alles liest sich viel besser als dass man es jemals auf die Leinwand bringen könnte. Ist das Publikum mit den vielen denkwürdigen Nebenrollen und den täglichen Ritualen von Eberhofer und Co nicht vertraut, ist es leicht, aufgrund der vielen kleinen Randnotizen ein bisschen den Überblick zu verlieren. Im Buch ist alles im Fluss, das eine bedingt das andere. Im Film reihen sich all die skurrilen Momente relativ unmotiviert aneinander, so, als müsste die Regie in hundert Minuten alles verstauen, was das Buch selbst hergegeben hat. Weggelassen wird tatsächlich nichts, was aber nicht heißt, dass die nebenher erzählte Geschichte von der lieben Oma und ihrer mysteriösen Griessnockerlaffäre wirklich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte. Eberhofer scheint zumindest im Film alles egal zu sein. Es stimmt schon, die Rollen sind alle gut besetzt – vor allem punktet diesmal neben dem stets resoluten Simon Schwarz Schauspielerin Nora Waldstätten als Polizeikommissarin Thin Lizzy. Doch irgendwie passt alles nicht wirklich zusammen. Was denn jetzt, frage ich mich. Krimi oder regionale Posse? Das Gleichgewicht bekommt das Buch bestens hin – der Film eher weniger. Anzudenken wäre eine Eberhofer-Serie, denn Krimis sind immer besser erzählt, wenn sie genug Spielraum haben.

Griessnockerlaffäre hat das zwar nicht, und amüsiert auch nur oberflächlich, könnte aber Nichtkenner der Materie dazu bewegen, mal zum Buch zu greifen. Ich schreibe aus Erfahrung, denn einen ähnlichen Effekt erzielte für mich Dampfnudelblues. Vom bizarren Stelldichein irgendwo im Nirgendwo Bayerns überrumpelt, war der Gang in die Bücherei auf der Suche nach Rita Falk nur mehr eine Frage der Zeit. Und wenn schon nicht der Film selbst, hat sich zumindest das Kennenlernen von Eberhofers Welt auf Film so ziemlich ausgezahlt.

Griessnockerlaffäre