Cargo

DA IST WAS IM BUSCH

6/10

 

cargo© 2018 Netflix

 

LAND: AUSTRALIEN 2018

REGIE: BEN HOWLING, YOLANDA RAMKE

MIT MARTIN FREEMAN, ANTHONY HAYES, CARMEN PISTORIUS U. A. 

 

Auch wenn Zombies im Grunde ihres Un-wesens wandelnde Tote sind – für Verblichene haben sie in der Welt von Film und Fernsehen wirklich einen langen Atem. Dabei ist nicht der Zombie an sich das Faszinierende für den Mainstream, sondern das Aushebeln gesellschaftlicher Ordnung – sprich das gesetz- und anstandslose Vakuum, das den Menschen umgibt, der doch so sehr so viele Regeln braucht, um überhaupt geradeaus existieren zu können. Survival of the Fittest ist dann meistens nur mehr eine Frage der Zeit, denn fit sind die wenigsten. Und die Unfittesten schlagen sich als geifernde Kannibalen durch den Großstadtdschungel. Allerdings muss es nicht immer der Großstadtdschungel sein, auch wenn die Gier nach Blut und Menschenfleisch das Non Plus Ultra einer pervertierten Weltordnung darstellt. Ohne Kannibalismus geht es gar nicht – ohne urbane Orientierungspunkte schon. Das beweist die neueste Produktion, die derzeit in den (noch) nicht vorhandenen Lichtspielhäusern von Netflix vom LED-Bildschirm flimmert.

Cargo nennt sich das apokalyptische Szenario aus Australien, und ja, auch hier trinken Zombies Blut. Wer glaubt, dass Cargo die Tendenz zur kolonialkritischen Abhandlung aufweist, der irrt: Dieses Virus trifft sowohl Aborigines als auch die weiße Herrenrasse. Woher diese Krankheit kommt, wird nicht näher erläutert. Wohin sie geht und ob man ihr Herr werden kann, ebenso wenig. Cargo ist eine Episode aus der Endzeit, die vielleicht nur Australien betrifft – wie es in Übersee aussieht, bleibt ein Geheimnis. In dieser Episode rennt der grundsympathische Familienvater Martin Freeman ums Überleben, in der Buckelkarre seine Tochter. So hetzt er durch den Busch. Immer wieder mal tauchen die Untoten auf, aus ihren Augen quillt Sekret, dass an Marmelade erinnert. Und wo Marmelade klebt, da können die torkelnden Kranken nicht weit sein. Selten ist es einem Zombie-Film so sehr gelungen, die instinktgesteuerten Mutanten als einen Haufen bemitleidenswerter Opfer darzustellen. Wenn die grobmotorischen Marmeladinger ihren Kopf in den Sand stecken, oder im Tunnel rastend an der Wand lehnen, wirken sie in ihrer symptomatischen Berechenbarkeit fast ein bisschen harmlos – und sehr, sehr armselig. Der Mensch ist in Cargo so wirklich ziemlich am Sand. Da würde sich empfehlen, auf dem Wasser zu bleiben. Und keinesfalls in vermeintlich verlassenen Booten herumzustöbern. Natürlich ist die Nahrung knapp. Aber die Neugier ist ein Hund, und die ist letzten Endes bissig. Also ist Freeman irgendwann ein lettes Überbleibsel – und wer weiß, vielleicht sogar selbst bald einer dieser traurigen Gestalten.

Das Zombie-Genre hat zwar, wie eingangs erwähnt, einen langen Atem, tendiert aber gleichermaßen dazu, langatmig zu werden. Angesichts des Bulks an thematisch ähnlich gelagerten Endzeit-Visionen laufen Film-Frischlinge dieser Art sehr leicht Gefahr, auszuleiern und kaum mehr Neues zu erzählen. Der Plot zu Cargo verheddert sich gelegentlich im dornigen Gestrüpp des Outbacks. Vieles, was der Film erzählt, ist vorhersehbar und allerlei Vorahnungen finden sich bestätigt. Dennoch liegt über dem Buschland, in dem einst Crocodile Dundee seine Abenteuer erlebt haben möchte, eine schicksalsversöhnte Melancholie, als wäre das Ende der Zivilisation nur willkommen. Und als würde die Zukunft des Menschen im Reboot seiner gesellschaftlichen Entwicklung liegen. Trotz der Anspannung herrscht resignativer Friede, ein Aftermath im Gelände, ein Ausatmen abgestandener Atemluft. In dieses schaumgebremste Aufbegehren der biedermännische Hobbit von früher  – voll väterlicher Verantwortung und panischer Suche nach einer Normalität, die niemals wiederkehren wird. Insofern ist das langsam erzählte Footmovie durchaus stimmig, wenn auch viel zu schnell mit sich selbst zufrieden.

Cargo

Wind River

JAGDSZENEN AUS WYOMING

6/10

 

windriver© 2017 Wild Bunch

 

LAND: USA 2017

REGIE: TAYLOR SHERIDAN

MIT JEREMY RENNER, ELIZABETH OLSEN, GRAHAM GREENE, JULIA JONES U. A.

 

Wenn es gerade so wie in diesem Frühsommer fast schon unerträglich heiß wird, können Filme wie dieser für die notwendige Abkühlung sorgen. Vielleicht ist Wind River ja sogar der Abkühlung zu viel, ein Pullover in Griffweite wäre ratsam. Denn dort, in Wyoming, wohin uns dieser Thriller führt, herrscht eisiger Winter. Eine Wildnis wie von Gott verlassen, eine Landschaft, von Wind und Wetter geformt. Wenn es mal schneit, dann nur als Schneesturm. Dazwischen, bei klarem Himmel – klirrende Kälte, die man leicht bekleidet nicht lange überleben würde. Schon gar nicht barfuss. Denn das ist die Leiche, die von Wildhüter Cory gefunden wird, unweit des Indianerreservats Wind River, mitten im Schnee. Tod durch Kälte. Normalerweise ein Fall für den Bezirkssheriff, doch welcher dieser Fälle ist schon normal. Noch dazu, da der verkniffene, wortkarge Jägersmann irgendwie von Anfang an schon mit drin steckt, und da auch nicht herauswill, ähnelt der Tod dieser 18jährigen Indianerin jenem seiner Tochter, die er vor drei Jahren zu Grabe tragen musste. Wie es das Schicksal will, bittet FBI-Agentin Jane Banner den so gebrochenen wie verschlossenen Spurensucher um Hilfe – hier in dieser lebensfeindlichen Gegend so dringend notwendig wie ein Bissen Brot.

Ich kann mich noch gut erinnern – vor zwei Jahren war der Hinterland-Krimi Hell or High Water in aller Munde, schon allein wegen der Nominierung zum besten Film. Der alternde Jeff Bridges will da Chris Pine und Ben Foster das Handwerk legen. Regiedebütant Taylor Sheridan hat da zwar nicht Regie geführt, aber das Drehbuch beigesteuert. In Wind River hat der gebürtige Texaner gleich beide Parts übernommen und diesmal Jeremy Renner einen weißen Overall übergezogen, um ihn nicht nur Pumas, sondern auch Mörder jagen zu lassen. Der sympathische Schauspieler, der sowohl die Avengers-Clique als auch das Team um Mission Impossible verlassen zu haben scheint, ist allein auf weiter Flur eindeutig besser dran. Renner ist ein Einzelgänger. Die meisten seiner Rollen sind das. Teamplayer ist was anderes. Das muss er aber auch nicht mögen. Oder gar machen müssen. Dem als Hurt Locker bekannt gewordenen Kalifornier steht der trauernde Wildhüter, der mit dem Motorschlitten durch den Tann dröhnt und  treffsicher zu zielen weiß, enorm gut zu Gesicht und legt seine bislang beste Performance auf die Piste. Fast wie eine Art Jean-Paul Belmondo, aber nicht in der Arroganz eines James Bond oder in Gigolo-Manier eines Jason Statham – das sind Einzelgänger, die alles können und mit Schmäh und Understatement letzten Endes immer gewinnen. Diese Attitüden hat der traumatisierte Shootist alle nicht. Sein Einzelgängertum ist auf das Wesentliche eingerext. Und längst ist nicht klar, ob er am Ende des Tages immer noch über allem steht. Das weiß selbst „Scarlett Witch“ Elizabeth Olsen nicht – als Greenhorn unter den FBI-Ermittlern hat sie zwar alle ihre Hausaufgaben gemacht – die Arbeit auf freiem Feld ist aber etwas, das man nur durch Erfahrung effizient bewerkstelligen kann. Diese Erkenntnis lässt Olsen in ihrer Rolle aufgehen und begegnet Jeremy Renner auf Augenhöhe. Dass sich beide sowohl ihren Defiziten as auch ihren Stärken bewusst sind, macht sie zu Identifikationsfiguren in einem Thriller, der allerdings einfach nur ein Thriller ist.

Ja, es ist saukalt, die unwirtliche Natur ist leinwandfüllend, das Licht des Tages meist schwindend. Landschaften, die schon in Genrefilmen wie Mörderischer Vorsprung die eigentlichen Stars der Geschichte waren. Dass es in Wind River um so Abscheulichkeiten wie Vergewaltigung und Mord geht, mag zwar zeitweise bleischwer im Magen liegen, letzten Endes aber wagt sich Sheridan´s Neo-Western kaum grenzüberschreitend weiter vor, um auch die Metaebene eines gesellschaftskritischen Diskurses aufs Tablett zu bringen. Ansätze sind zwar vorhanden, alle möglichen Ressourcen gehen aber auf die stark fokussierte Kriminalgeschichte, die dadurch aber auch so ziemlich lückenlos den Spannungsbogen bis zum Ende straff hält. Sheridan hat gute Arbeit gemacht, und war, so wie es scheint, vor allem für die endlos scheinende Wildnis Wyomings zu begeistern. Sonst ist Wind River wie schon Hell or High Water kein Kunst-, sondern eher das Handwerk eines bodenständigen Films über den gezähmten wilden Westen der Gegenwart, als Debüt verständlicherweise etwas hemdsärmelig, aber nach guter alter Schule inszeniert. Mag sein, dass die nächste Regie den eigenen Stil Sheridan´s womöglich erst definieren wird.

Wind River

Goodbye Christopher Robin

VERKAUFTE KINDHEIT

7/10

 

chrisrobin© 2017 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: SIMON CURTIS

MIT DOMNHALL GLEESON, MARGOT ROBBIE, WILL TILSTON, KELLY MCDONALD, STEPHEN CAMPBELL-MOORE U. A.

 

Eines sollte euch, liebe Leser, klar sein – dieser Film wird eure Sicht auf Winnie the Pooh und seine Freunde nachhaltig verändern. Wer das zulassen möchte, oder sich nicht davor fürchtet, in den dunklen Winkeln einer heilen Welt herumzustochern, der sollte sich Goodbye Christopher Robin von Simon Curtis nicht entgehen lassen. Vorausgesetzt natürlich, es besteht Interesse für Disneys Figurenfundus und Ikonen der modernen Kinder- und Jugendliteratur. Winnie the Pooh ist so ein zeitloser Liebling. Die meisten, so wage ich mal zu behaupten, kennen den honigsüchtigen Bären und seine liebenswerte Entourage vor allem als Franchise Hollywoods. Sind es nicht die Filme, dann sind es Merchandising-Artikel bis zum Abwinken. Der naiv-verträumte Bär ist also ein Verkaufsschlager. Jedes Kind liebt ihn, und nicht nur ihn. Da gibt es noch den depressiven Esel I-Aah, das Ferkel, Tigger und wie sie alle heißen. Alles Helden mit kleinen Fehlern, die aber stets über sich hinauswachsen, über ihren Schatten springen, zueinander halten und durch den 160-Morgen-Wald tollen, sodass es eine Freude ist, auch als Erwachsener zuzusehen. Ein Glück, wenn man Kinder hat. Da fällt die seltsame Vorliebe für Kinderfilme bei den Eltern nicht ganz so auf. Ach ja, und nicht zu vergessen – da gibt es natürlich noch Master Christoper Robin. Ein Junge in kurzen Hosen und eigentümlichen Blusen, mit Riemchenschuhen über hochgezogenen Socken. Von diesem Jungen handelt dieser Film, und weniger von Autor A. A. Milne selbst, obwohl dieser, unbeweglich steif performt von Domnhall Gleeson, rein dramaturgisch den Ton angibt.

Wenn ein Vater ein Buch für den Sohn schreibt, dann muss das doch das Zeichen einer großen elterlichen Liebe sein – der Beweis grenzenloser Harmonie. Das Zugeständnis für ein recht geratenes Wunschkind. Hat der Vater sowieso schon schriftstellerische Ambitionen, und ist sein Schreiben nicht nur privater, sondern beruflicher Natur, hat ein Werk wie Winnie the Pooh die Chance, als liebevolle Widmung an einen großen kleinen Helden Familienwelten zu bewegen. Doch leicht lässt sich erahnen, dass hinter den Kulissen dieser heilen Welt aus sprechenden Stofftieren eine ganz und gar nicht so blumenwiesenduftende, honigsüße Realität liegt. Dieser Christopher Robin, den wir alle kennen, der hatte eine Kindheit, die so ganz sicher nicht im Buche steht. Statt des erhofften Mädchens kam ein Junge auf die Welt, und statt elterlicher Liebe glänzen die großen Vorbilder durch Abwesenheit, Liebesentzug und dem Reduzieren elterlicher Pflichten auf ein Minimum. Stattdessen gibt’s ja die Nanny, und die Geburt war ja anstrengend genug, so die versnobte Mutter, die lieber tagelang Tapeten aussuchen fährt statt sich um ihr eigen Fleisch und Blut zu kümmern. Notgedrungen muss Papa Milne für einige Tage die Aufsicht für seinen Sohn übernehmen – und siehe da: Es entsteht so etwas wie Nähe zwischen Vater und Sohn. Ganz so wie es sein soll, mit Abenteuer, Spaß und jeder Menge klugen Gesprächen. Diese paar Tage waren es dann auch, die Papa Milne dazu bewogen haben, etwas ganz anderes auf Papier zu bringen, was nichts mit dem eben erst beendeten Weltkrieg zu tun hat. Diese Kinderwelt, in die Milne eintauchen konnte – die ist das Hansaplast auf alle versehrten Seelen. Die Alternative zur bitteren Realität zwischen den weltpolitischen Umbrüchen.

All diese Stofftiere – die gab und gibt es wirklich. Ausgestellt sind diese Exponate in der New York Public Library. Im Grunde sind sie die gestohlene Intimität einer Kindheit, unter welcher der echte Christopher Robin als phantastische Märchenfigur zum Angreifen herumgereicht wurde wie ein Wanderpokal, und so eigentlich zum ersten medialen Kinderstar der Neuzeit wurde. Wir wissen, wie sehr früher Ruhm zum Untergang führen kann. Dass Winnie the Pooh so ein Massenphänomen war, das war mir nicht wirklich bewusst – umso faszinierender die Geschichte dahinter, umso bedrückender die Konsequenzen eines missverstandenen Verrats. Dass Billy Moon´s (Christopher Robin war zwar sein Name, aber genannt wurde der Junge so eigentlich nie) Seelenbär plötzlich der ganzen Welt gehört und als Massenspielzeug reproduziert wird, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der einen Besuch im vollendet harmlosen Zauberwald zu einem Entern der Privatsphäre eines Buben werden lässt, dessen Geheimnisse einem eigentlich gar nichts angehen. Für den Kinderstar wider Willen findet Simon Curtis mit Jungschauspieler Will Tilston ein neues, erfrischend expressives Gesicht, dass der Ohnmacht vor dem Ausverkauf einer Kindheit eine sensible Stimme verleiht.

Auch wenn Goodbye Christopher Robin stellenweise sehr ins Melodramatische abgeigt und Margot Robbie wie Domnhall Gleeson sich nur schwer in ihren Rollen zurechtfinden, ist die biografische Entstehung des beliebtesten Kinderbuchs aller Zeiten ein sehenswerter, faktisch interessanter und berührender Film geworden, der ganz dem kleinen Christopher Robin gehört – obwohl er das womöglich gar nicht gewollt hätte.

Goodbye Christopher Robin

Einfach das Ende der Welt

WER NICHT KOMMT, BRAUCHT NICHT FORTGEHEN

7,5/10

 

endederwelt© 2016 Weltkino

 

LAND: KANADA, FRANKREICH 2016

REGIE: XAVIER DOLAN

MIT GASPARD ULLIEL, VINCENT CASSEL, NATHALIE BAYE, LÉA SEYDOUX, MARION COTILLARD

 

Doch Louis kommt. Er kehrt zurück zu seiner Familie. Irgendwo in Frankreich, zu einer unbestimmten Zeit. Denn Louis wird sterben. Sein Weg nach Hause ist ein Kommen, um wieder fortzugehen, und zwar für immer. Im Haus seiner Familie, das nicht das Haus seiner Kindheit ist, trifft er auf seine Mutter, seine Schwester, seinen Bruder und dessen Frau. Warum Louis lange nicht daheim war, verharrt im Unbestimmten. Womöglich ist der schweigsame Sohn ein Journalist, hat hochgelobte Reportagen verfasst. Zumindest so viel wird klar. Alles andere oszilliert in einer traumartigen Wolke des Unnahbaren dahin.

Der frankokanadische Kino-Exzentriker Xavier Dolan hat sich eines Theaterstücks des nicht weniger exzentrischen, aber in Frankreich heiß begehrten Dramatikers Jean-Luc Lagarce angenommen und ein seltsam anmutiges Kammerspiel auf die Leinwand gebracht, welches sich durch die adaptierte, formelhafte Sprache der Bühnenvorlage zu einem kunstformübergreifenden Hybrid verwandelt. Einfach das Ende der Welt atmet sowohl die Luft des Theaters als auch jene eines frei modulierten Kinos ohne Vorgaben und gerät zum Glücksfall, wenn es heißt, einer literarischen Sprache gerecht zu werden und die große Leinwand für sich zu nutzen. Mit Schauspielgrößen wie Marion Cottilard, Vincent Cassel, Nathalie Baye und Léa Seydoux gibt Dolan das Bühnenstück nicht irgendwem in die Hände, sondern bereits etablierten Namen, die aus dem Vollen schöpfen, was das Familiendrama nur hergeben kann. Bemerkenswert ist, dass der etwas mehr als eineinhalbstündige Film seine Geschichte so unartikuliert wie möglich lässt und selbst andauernd von einer unfertigen Metamorphose des Geschehens zur nächsten mäandert. Alles wabert, verharrt in Unschärfe. Das Heimkommen des Sohnes ist ein Ereignis, das alle verunsichert, geradezu verstört, und niemanden wirklich glücklich stimmt. Glücklich war in Lagarce´s Familie von vornherein keiner. Irgendwas ist da im Argen. Sei es die unkontrollierte Wut des älteren Bruders oder das aufgesetzt schrille Gebärden der Mutter. Louis kommt und will vom Tod berichten, der seiner Krankheit folgen wird. Doch statt Louis zuzuhören, wollen die Verwandten gehört werden. Da auch ihnen nie jemand zugehört hat, und da auch ihnen ihr Recht, sich mitzuteilen, Zeit ihres Lebens verwehrt wurde, löst sich nur Gestammel von ihren Lippen. Während der Heimkehrer gar nichts sagt.

Dolan´s Film ist sinnlich fotografierte Kunst der Sprache, die vom Ende der zwischenmenschlichen Achtsamkeit erzählt. Von der Unfähigkeit des Zuhörens und dem Scheitern des Gehörtwerdens. Vom Aneinander vorbeireden und aus den Augen verlieren. Ein melancholischer Reigen, der sich da auftut, die Kamera im Widerspruch der Missstände, nähert sie sich doch aufdringlich nahe den Gesichtern an, studiert und interpretiert sie, während sie sich abmühen, Sinnvolles und Wesentliches zu artikulieren. Irgendwann findet Louis den Moment, Lebewohl zu sagen. Bis dahin darbt und leidet der Zuseher mit, aber es bleibt eine Art Mitleid der Unparteiischen, die im weit genug entfernten, objektiven Abstand die Zerrüttung des großen Ganzen sieht. So verharrt die Familie im ewigen Um-sich-Kreisen, ohne den anderen zu umkreisen. Übrig bleibt Louis, der damit, dass er nichts sagt, alles und viel mehr gesagt hat als die anderen.

Als ehemaliger Dramatiker und Theatergeher sind mir ähnliche Dramen wie jene von Lars Noren oder Jon Fosse ziemlich geläufig. Wer mit diesen Dramatikern oder zum Beispiel mit dem grandios verfilmten Stück Im August in Osage County von Schauspieler Tracy Letts etwas anfangen kann, sollte sich Einfach das Ende der Welt nicht entgehen lassen. Französisches Bühnenkino, kopflastig wie der Schwindel lange vor dem Kater. Es ist lakonischer, halbschwerer Filmgenuss, der so aussieht als wäre das Medium der Fotografie die Wahl des visuellen Filmstils, dessen ausgesuchte Musikstücke die irrlichternde Stimmung unterstreichen und sich tags darauf garantiert in der eigenen Playlist wiederfinden werden.

Einfach das Ende der Welt

Tully

KEINE RUHIGE MINUTE

7/10

 

Tully© 2018 DCM Film Distribution

 

LAND: USA 2018

REGIE: JASON REITMAN

MIT CHARLIZE THERON, MACKENZIE DAVIS, MARK DUPLASS, RON LIVINGSTON U. A.

 

„Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin. Und das geht so wie ich vermute bis ich 100 Jahre bin.“ Vom Elterndasein hat der geniale Liedermacher Reinhard Mey ein mittlerweile zum Klassiker gewordenes Liedchen singen können. Schauspielerin und Dior-Schönheit Charlize Theron macht es ihm nach und singt ihren ganz eigenen Song – in einem unaufgeräumten Alltagsmärchen von Juno-Regisseur Jason Reitman, dessen Vorliebe für gediegene Psychosozial-Skizzen auf fruchtbaren Boden fällt. Mit Charlize Theron hat der Sohn von Ghostbusters-Macher Ivan Reitman bereits schon 2011 zusammengearbeitet. In Young Adult kam die Schöne der aktuellen Beziehung ihres Verflossenen in die Quere – nun aber ist sie es selbst, als Marlo, Mutter von drei Kindern, die sich im Weg zu stehen scheint, während sie ihren zappeligen Nachwuchs und obendrein noch ihrem drallen Babybauch so gut es geht alle Hindernisse aus dem Weg räumt – und handelt es sich dabei auch nur um Schmutzwäsche, Kotze oder trittfestes Lego am Parkettboden.

Jeder, der Kinder hat, weiß, wie das ist. Da gibt es eine Phase, da geht gar nichts mehr. Kindern alles hinterherzuräumen, Schulbeistand zu leisten und obendrein noch die schmutzigen Windeln des Frischlings zu wechseln ist fast schon gegen die Menschenrechte. Papa tut in der Arbeit, was er kann, doch irgendetwas liegt immer brach, um erledigt zu werden. Und irgendein Sprössling hat immer Bedürfnisse, denen entsprochen werden muss. Genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn das Maß des Möglichen zum Bersten voll ist, steckt Marlo´s Bruder ihr die Adresse einer Night Nanny zu, die fortan die schwierigste Zeit im Leben einer Familie leichter machen soll. Fast unmerklich taucht die junge Mittzwanzigerin auf, bringt engelsgleiche Gelassenheit mit und ist scheinbar nur dazu da, der überforderten Mama fortan Gutes zu tun – mit dem geschmeidigen Imperativ, sich wieder auf ihr eigenes Ich und ihre eigenen Bedürfnisse zu besinnen. Wie gut es diese Marlo hat, dass da plötzlich wer kommt, der die Defizite versteht und mit ihnen und dem Saustall namens Wohnung aufräumt. Am besten wäre, die Night Nanny würde niemals wieder verschwinden.

Charlize Theron zeigt wieder mal, was in ihr steckt. Eben noch war sie als agentenkillender Vamp in Atomic Blonde zu sehen, aufreizend bis zum Gehtnichtmehr, durchtrainiert und apart. Und plötzlich diese Rolle als strickwestentragende Mama mit leichtem Übergewicht, fettigen Haaren und muttermilchdurchtränktem BH. Dieser Rollenspagat, der will gekonnt sein. Theron meistert ihn mit Bravour, wie schon seinerzeit in Monster. Das Äußerliche muss der inneren Figur entsprechen – gesagt, getan. Und sie setzt dort auf Authentizität, wo in anderen Filmen überzogener Klamauk herrscht. Denn leicht kann es passieren, und das Chaos Familie gerät zur schadenfrohen Schadensminimierung. Da schrammt Jason Reitman manchmal knapp vorbei, und wenn man denkt, es ist zu viel auf einmal und noch dazu im selben Moment – hält Mary Poppins´ freidenkende Urenkelin Tully Einzug ins biedere Idyll, undurchschaubar nett dargeboten von Mackenzie Davis. Die leidenschaftliche Chronik eines bröckelnden Perfektionismus längst identitätsverlorener Mamas hat Wiedererkennungswert für unterm Strich so gut wie alle Erziehungsberechtigten, die im Kino das Gesehene wohlweislich nickend belächeln, kommentieren und verstehen werden. Gesagt zu bekommen, dass man als Elternteil durchaus auch noch der sein darf, der man im Erstarken der eigenen Selbstständigkeit einmal war, ist wohltuend, bestätigend und beruhigend. So wie Tully, eine sonnenwarme Feel-Better-Dramödie mit einem Supermodel zum Gernhaben. In der alles und jeder seinen Weg finden muss – und auch wird.

Tully

A Beautiful Day

KATHARSIS EINES SCHATTENKRIEGERS

8,5/10

 

beautifulday© 2017 Constantin Film Verleih GmbH

 

ORIGINALTITEL: YOU WERE NEVER REALLY HERE

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: LYNNE RAMSAY

MIT JOAQUIN PHOENIX, EKATERINA SAMSONOV, JUDITH ROBERTS U. A.

 

Auf den Plakaten, die Lynne Ramsays Film beworben haben, war die an alle Cineasten gerichtete, verkaufsfördernde Zeile „Der Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ zu lesen. An diesem genrespezifischen Richtungsweis ist was Wahres dran. Doch in welchem Ausmaß? Dazu muss ich mir die Figur des Travis Bickle hernehmen, seines Zeichens eine Kultfigur und Wegbereiter des urbanen Irokesenschnitts, famos dargeboten von dem damals unverwüstlichen und mittlerweile ziemlich verwüsteten Robert De Niro. Der Taxifahrer aus New York City ist ein Einzelgänger, ein introvertierter Beobachter, der bei seinen Nachtfahrten allerhand mitbekommt, was sich in den Niederungen der Gosse so alles abspielt. Als ihm angesichts der minderjährigen Prostituierten Iris, dargestellt von Jodie Foster, die Schlechtigkeit des Menschen die Grenzen des für ihn Belastbaren sprengt, greift er zu drastischen Mitteln – er wird zu einem bewaffneten Anti-Helden, der dort aufräumt, wo es im Argen liegt. Er wird zum Befreier.

Ein Befreier ist auch Joe. Auch er befreit minderjährige Mädchen aus den Fängen perverser Kinderschänder. Allerdings steckt bei Joe ein System dahinter. Er ist buchbar, über mehrere Ecken, sodass er gänzlich anonym agiert. Immer wieder rückt er aus, nach wohlüberlebtem Schlachtplan. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Joe taucht auf wie ein Schatten, schlägt mit dem Hammer Schädel ein und befreit seine Opfer, deren Identität per Foto gesichert ist. So schnell wie er gekommen ist, so schnell ist er wieder verschwunden. Hochprofessionell, scheinbar emotionslos. Bickle´s Befreiungsschlag hingegen könnte der Anfang einer solchen Ära der idealisierten Gerechtigkeit sein, wir wissen es nicht. Der Antrieb, der hinter dem Taxi Driver steht, ist jedenfalls nicht der, den Joe für sein Tun und Handeln voraussetzt. Genau hier beginnt A Beautiful Day, in eine ganz andere Richtung zu gehen und die Dimension eines gesellschaftskritischen Selbstjustiz-Thrillers weit über Genre-Grenzen hinweg in die Luft zu sprengen. Der Film, für welchen Joaquin Phoenix für sein intensives Spiel die Goldene Palme gewonnen hat, betitelt sich im Original sowieso ganz anders: You were never really here. Zugegeben, mit A Beautiful Day als sarkastischen Überbau kann ich natürlich mehr anfangen als mit dem Original – obwohl Du warst niemals wirklich hier auf subtil-provozierende Art eine gewisse Neugier weckt. Wer genau war niemals wirklich hier? Und sagt das Joe? Oder das Mädchen Nina, das es zu retten gilt?

Der Originaltitel ist nicht der einzige Aspekt, der mit dazu beiträgt, aus den Elementen einer anfangs simpel erscheinenden Kriminalgeschichte eine kryptische Filmerfahrung zu entfesseln. A Beautiful Day ist tatsächlich ein besonderes Werk, das lange nachwirkt und erst zur vollen Entfaltung gelangt, nachdem sich die Eindrücke, die man aus dem Kino mitnimmt, so richtig gesetzt haben. Diese Wirkung, die erzielt Lynne Ramsey vor allem damit, den asketischen Schwermut ihrer wuchtigen Poesie mit einer ganz eigenen Interpretation von Gewalt zu verbinden. Dieses Zusammenspiel erinnert an das japanische Killer-Kino eines Takeshi Kitano oder Park Chan-Wook´s Oldboy. Ramsey zeigt aber nicht die Gewalteruption an sich, lässt diese nie zum Selbstzweck verkommen, sondern blickt sogar demonstrativ weg und filmt das statische Brachland der Zerstörung danach. So, als wäre man nicht wirklich dabei, aber irgendwie schon. Ganz so wie Joe selbst, der andere befreit, um sich selbst zu befreien. Wir sehen in verstörenden Intermezzi, was das Trauma des einsamen Schattenkriegers ausmacht – wie Splitter eines zerbrochenen Spiegels geistern Bildfetzen aus der Kindheit durch dessen Alltag. Aber nicht nur diese – auch Krieg und Menschenschmuggel spielen eine Rolle. Joe ist eine gequälte Seele, psychisch kaputt, den Gedanken an Selbstmord stets im Kopf. Kein Leben wie dieses, oder nur dann, wenn sich Joe immer und immer wieder selbst befreit, das Grauen durchspielt. Eine Art extreme Therapie, die nur Momente lang für Linderung sorgt. Dazu sorgenfreie Rhythmen, die in ihrem Zynismus den Abgrund, in dem sich die Figuren befinden, konterkarieren.

A Beautiful Day ist mindestens genauso brillant wie Abel Ferrara´s Bad Lieutenant, und lässt sich in der Katharsis seiner zentralen Figur mit Harvey Keitels Tour de Force durchaus vergleichen. Beeindruckend, wie Ramsey – gekonnt liebäugelnd mit den unorthodoxen Erzählstilen Asiens – aus der literarischen Vorlage von Jonathan Ames ein pulsierendes, virtuos zusammengesetztes Labyrinth aus Erlösung, Verfolgung und Vergebung errichtet, aus dem das Mädchen Nina wie Theseus´ roter Faden vielleicht zu einem Ausgang führt, vorbei an den Monstern der Vergangenheit und der Gegenwart – als Symbol von Joes eigenem zerstörten Ich, das im Zwiegespräch nur mehr sich selbst retten kann.

A Beautiful Day

On the Milky Road

WENN DER MILCHMANN ZWEIMAL KLINGELT

3/10

 

milkyroad© 2017 Weltkino

 

LAND: MONTENEGRO, SERBIEN 2017

REGIE: EMIR KUSTURICA

MIT EMIR KUSTURICA, MONICA BELUCCI, SLOBODA MICALOVIC U. A.

 

Als sich der bosnische Filmemacher Emir Kusturica 1995 die goldene Palme für seine Antikriegsparabel Underground ans Revers heften konnte, so war das eine gebührende Auszeichnung. Sein bildgewaltiges Panoptikum über und unter Tage ist fraglos ein Meisterwerk, nicht weniger sein auch als Oper vertontes Epos Zeit der Zigeuner. schlägt den schrillen Folklore-Reigen sogar noch um einige Längen. Spätestens Mitte der Neunziger wusste ich – Kusturica ist ein Visionär, seine Filme haben einen völlig eigenen Stil, die Musik ist genial, allerdings besser noch live zu genießen. Mit seinem neuesten Streifen On the Milky Road hat sich der Künstler aber ein relativ mattes Eigentor verpasst. Vor allem auch, weil er diesmal nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera agiert. Das haut, gelinde gesagt, eigentlich wirklich nicht hin.

Dabei ist On the Milky Road nicht der erste Film, die Kusturica im Cast ganz oben anführt. Nur die anderen Filme kenne ich zum Glück nicht – ehrlich gesagt habe ich mit vorliegendem Filmmärchen schon genug um die Ohren – und damit meine ich nicht nur die obligaten Akkordeonklänge und enervierenden Trompetenstöße, die zwar die Mentalität eines Volkes ganz gut intonieren, auf die Dauer aber ziemlich aufreiben. Das würde auch nicht wirklich stören, wenn Emir Kusturica nicht so ein stoischer Schauspieler wäre. Als Milchmann zwischen den Fronten macht der in die Tage gekommene Junggeselle nicht nur Uhrturm-Tochter Milena schöne Augen, sondern verliebt sich auch in die ebenfalls ein bisschen in die Jahre gekommene, aber immer noch extrem anmutige Monica Belucci, die hier im Nirgendwo vor ihrem mordenden Liebhaber Zuflucht sucht. Das dann noch Milena´s Bruder, der aus dem Krieg zurückkehrt, „Schneewittchen“ Belucci heiraten wird und Milchmann Kusturica zwingt, Milena zu heiraten, sind nur Komplikationen in einem Bauerntheater, das mit allerhand burlesken Clownerien aufwartet, den Funken jedoch nicht überspringen lässt. Als Zuschauer mache ich es Kusturica gleich und beobachte relativ leidenschaftslos ein zumindest als leidenschaftlich geplantes Liebesdrama mit komödiantischen Spitzen, das sich sagenhaft in die Länge zieht.

Dazwischen gibt’s Symbolik mit dem Milcheimer, vor allem was holprig animierte Schlangen angeht. Die kreuzen immer wieder auf, oder ist es immer nur dieselbe? Ich denke doch, denn so viele Schlangen, die Milch trinken, gibt es nicht. Da kann man natürlich raten, was die Inkarnation der Versuchung oder das Reptil der Erkenntnis wohl zu bedeuten hat. Meiner Begrifflichkeit nach in einem relativ ungleich austarierten Verhältnis zum Film, der sich in seinen surrealen Momenten immer wieder selbst wiederholt und auf Biegen und Brechen verzaubern will. Da wäre es aber besser gewesen, den Regisseur hinter der Kamera zu lassen, denn so viel, wie er selbst an seinem Film kaputt macht, geht auf keine Schlangenhaut. Das passiert dann, wenn Künstler sich selbst für zu wichtig nehmen. Dann wollen sie überall im Mittelpunkt stehen. Dieses Wollen kommt gegen das Können nicht an – was bleibt, ist ein substanzlos simples Provinzmärchen zwischen Krieg und Frieden, aufreibend hölzern und so stockend wie Milch nach einem Gewitter.

On the Milky Road