Ballon

GLÜCK AB, GENOSSE!

7/10

 

BALLON© 2018 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: MICHAEL BULLY HERBIG

CAST: FRIEDRICH MÜCKE, KAROLINE SCHUCH, JELLA HAASE, DAVID KROSS, THOMAS KRETSCHMANN U. A.

 

Gar keine Kalauer mehr? Wo sind denn Winnetouch, Captain Kork und all die anderen schräg-infantilen Parodien verschwunden, die Michael Bully Herbig immer so gut drauf hatte und mit welchen er Einspielergebnisse an den Kinokassen erzielt hat, die ihm erstmal jemand nachmachen muss. Ein Liebling der seichten Komödie also, mitsamt Blödel-Variete und schwulen Attitüden. Aber vielleicht war auch hier mal das Maß mehr als voll, die Pointen verbraucht und all die Witze ausgereizt. Vielleicht musste sich Michael Herbig einfach neu orientieren. Erkennen, dass das Spektrum der Unterhaltung mehr bietet als nur Schenkelklopfer und Mokassins. Dass das Medium Kino auch wirklich Geschichten erzählen kann, die nur darauf warten, neu oder wiederholt auf die Leinwand gebracht zu werden. Das hat Michael Herbig erkannt, sich wieder mal auf den personalisierten Klappstuhl des Regisseurs gepflanzt und einen Stoff inszeniert, den man vom Hofnarr der Nation wohl überhaupt nicht erwartet hätte. Sein jüngstes Werk ist ein handfestes Fluchtdrama, ein Stück Zeitgeschichte – ein Thriller, vom Leben geschrieben, und so unglaublich, dass man meinen könnte, die Story wäre für ein hollywoodkonformes Happy End entsprechend zurechtgebogen. Dem ist aber nicht so. Die Dinge, die hier passieren, all die Zufälligkeiten und das fast schon magische Glück, dass den Familien Streyzik und Wetzel bis zu den letzten paar Metern ihres waghalsigen Ballonfluges anhaftet, sind anscheinend alle tatsächlich so passiert. Und sind das Paradebeispiel einer Flucht, die sich viele verzweifelte Bürger überall auf der Welt wünschen würden, einschließlich eines Plans, der genauso so willensstark, akribisch und konsequent umgesetzt werden kann wie dieser. Dabei bin ich mir sicher, dass, würden wir in einem Multiversum leben, das Unterfangen tatsächlich nur in einem einzigen dieser Universen gelingen kann. Am Verblüffendsten an dieser True Story ist somit das Aufeinandertreffen so vieler zufälliger Parameter, die, auch wenn die Sache auf den ersten Blick schiefzulaufen scheint, dennoch den Best Case erwählen. So, als wäre der Wille zur Selbstbefreiung auch der Wille irgendeiner höheren Macht.

Und selbst wenn bei Ballon stets zur richtigen Zeit die richtigen Winde wehen, und es auch kein Geheimnis ist, welches Ende die Sache genommen hat  – die Spannung bleibt bei dieser Chronik einer Flucht aus der totalen Überwachung eines kommunistischen Regimes stets inhärent, die Enttarnung steht nicht nur einmal kurz bevor. Michael Herbig, der regietechnisch kein Neuling ist und neben seiner Bullyparaden zum Beispiel auch Jugendfilme wie Wickie und die starken Männer verfilmt hat, findet bei Ballon von der ersten bis zur letzten Minute den richtigen Takt. Und orientiert sich dabei, was die Aufarbeitung historischer Stoffe angeht, an Altmeister Steven Spielberg. Ballon wäre alleine schon thematisch eine Okkasion für den Dreamworker, und hätte man ihm das Drehbuch herangetragen, wäre die zweite Verfilmung nun ebenfalls us-amerikanischen Ursprungs. Die erste, die wurde bereits nur drei Jahre nach den Ereignissen realisiert, und zwar mit niemand Geringerem als John Hurt in der Rolle, die diesmal Friedrich Mücke inne hat – die des Peter Strelzyk. Mit dem Wind nach Westen hieß das Werk von Regisseur Delbert Mann (u. a. Ein Pyjama für Zwei).

Jetzt aber, im Jahr 2018, darf die mittlerweile fast schon zur Legende erhobene Ballonflucht als deutsche Produktion ordentlich an Höhe gewinnen, denn Michael Herbig ist womöglich einer jener Filmemacher, die nicht stur ihrem unreflektierbar genialen Stil folgen wollen, sondern auch mal den Blick schweifen lassen, zu anderen Kollegen der drehenden Zunft, um dabei durchaus Neues dazuzulernen. Input hat sich der Mann so einigen geholt – und das Ergebnis kann sich nicht nur in den technischen Bereichen wie Kamera, Schnitt und vor allem einem strategisch äußerst klug eingesetzten Score zur musikalischen Dramatisierung der Ereignisse sehen lassen, sondern auch in Szenen, die die Handgriffe spielberg´scher Suspense erkennen lassen. Oftmals locken Schlüsselszenen auf falsche Fährten, unterlaufen damit schwarzseherische Erwartungen und verblüffen dann wieder dort, wo das Schicksal bereits determiniert erscheint. Nicht anders hätte es das Vorbild aus Übersee gemacht, und womöglich auch nicht wirklich viel besser, denn zu bemäkeln gibt es bei Ballon rein gar nichts.

Auf Zug inszeniert, und das Gefühl von Anspannung, Zeitdruck und die nervenzehrende Ungeduld bis zum Tag X spürbar übermittelnd, hat Ballon auch ein Schauspielensemble zusammengetrommelt, dass durch die Bank überzeugend agiert. Thomas Kretschmann mit Siebziger-Schnauzer setzt seinen Kommissar mit perfider, scharfsinniger Arroganz in Szene, der zielstrebige Friedrich Mücke ist hinter seine Gesichtsbehaarung kaum zu erkennen. Auch die Nebenrollen, und nicht zuletzt die Jungdarsteller, konnten sich scheinbar gut in eine Situation hineinversetzen, in der es um Freiheit, Denunziation, Mitläufertum und den Wert der Familie geht. Um das Improvisieren für menschliches Grundrecht, um die Idee für scheinbar unmögliche Möglichkeiten. Ballon ist so ein Film, der gelernt hat, sein Potenzial gekonnt zu nutzen, um eine Schlagzeile zu erzählen, die für den unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft steht. Und bei Michael Herbig, da bin ich neugierig, was als nächstes kommt.

Ballon

2 Gedanken zu “Ballon

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