Ein königlicher Tausch

MIT HOFKNICKS IN EIN FREMDES LEBEN

7/10

 

koeniglichertausch2© 2019 Thimfilm

 

LAND: FRANKREICH, BELGIEN 2019

REGIE: MARC DUGUAIN

CAST: LAMBERT WILSON, ANAMARIA VARTOLOMEI, OLIVIER GOURMET, JULIANE LEPOUREAU, IGOR VAN DESSEL U. A.

 

Tu Felix Austria, nube! – Das probateste Mittel für politischen Ausgleich war im Hause Habsburg schon immer jenes der Vermählung. Der Frieden war da weitestgehend gesichert, wer verwandt ist, kann und darf sich nicht bekriegen, zumindest wäre das nicht die feine royale Art. Diesen Leitspruch, den hatte aber nicht nur das habsburgische Königshaus, auf diese verbindlichen Worte sind auch die Franzosen und die Spanier aufgesprungen. Und da wird gleich mal nachgesehen, wer von den Sprösslingen sich nicht schon dafür eignen würde, verkauft zu werden. Denn nichts anderes ist diese Methode, ein politischer Deal, der sich über die Bedürfnisse eines Menschen, dessen Träume und Pläne hinwegsetzt. Der blaublütigem Nachwuchs keine Rechte zubilligt, außer jene, für den Fortbestand des Königshauses zu funktionieren. Das war damals bittere Realität. Bist du reich und mächtig und mit Regenten verwandt, musst du sehen wo du bleibst. Und diese Bleibe, die ist anderswo in der Fremde, bei Leuten die man nicht kennt, und bei einem Partner, den man nicht liebt. Bringt die Liaison dann irgendwann nichts mehr – ab auf den höfischen Müllplatz.

Die vierjährige Maria Anna Victoria wird also dem elfjährigen Spross der Franzosen an die Seite gestellt, natürlich noch nicht vermählt, aber das kommt schon noch, bis aus der vierjährigen dann eine gebärfähige Dame werden wird. Die ältere Tochter des Franzosen Philipp (historisch betrachtet war diese gerade mal 12 Jahre alt, im Film ist sie aber weitaus reifer) muss im Gegenzug nach Spanien, an die Seite des Prinzen von Asturien. Ein Verschachern also, des eigenen Fleisch und Bluts, fernab jeglicher Menschenrechte, und man braucht nicht glauben, dass Prunk und Wohlstand alleine alles wieder ins Lot bringen. Obwohl der Prunk, der hat in Marc Dugains Monarchendrama einen beachtlichen und gleichzeitig staunenswerten Stellenwert. Was Giorgos Lanthimos erst Anfang des Jahres mit The Favourite, seinem ebenfalls prunksüchtigen Einblick in den Intrigenstadl des britischen Königshauses mit schräger Optik und erdrückend schweren, holzvertäfelten Zimmerfluchten in preisverdächtige Höhen gehisst hat, hat Duguain weniger ins Groteske gezerrt. Seine erlesene Opulenz öffnet sich tabernakelgleich in fast schon sakraler, teils symmetrischer Vollendung. Ein bisschen wie die Tableaus eines Peter Greenaway, aber weniger malerischer und ölschinkenschwer. Direkt luftig, rötlich schimmernd wie im Schein offener Kamine. Inmitten des perückten Hofstaates Lambert Wilson in einer außerordentlich pointierten Rolle royaler Dekadenz und Wehleidigkeit, um ihn herum buckelnde Gestalten und kindheitsverlorene Jugend. Diese buckelnden Kreaturen hat Lanthimos auch, wie das bei Hofe eben so gewesen sein muss. Die Bilderwelten aus Ein königlicher Tausch sind unglaublich akkurat und aus der Leinwand geradezu herausziseliert. Da sieht man als Zuseher ganz genau, dass die Inszenierung von Macht in der Hochzeit des Barocks ein hedonistisches Schwelgen auf den geknechteten Köpfen ganzer Völker war. Absolutismus also in seiner gierigsten Form. Die Opfer waren dabei eben auch die Kinder. Ein königlicher Tausch beschreibt diese menschenverachtende Systematik und das sinnlose Unglück der beiden jungen Menschen trotz all der Ausstattung als ein Zeugnis karger Armut. Beeindruckend, wie der Film es schafft, die Fülle an Reichtum so sinn- und wertlos erscheinen zu lassen, wie billige Fassade, die nichts behübscht. Nur Defizite, mit gleißendem Stuck überschüttet. Stephen Frears hat das in Gefährliche Liebschaften natürlich anders, aber ähnlich demaskiert.

Ein königlicher Tausch ist eine ernüchternde, resignierende Episode aus einem zivilisatorischen Selbstversuch, der irgendwann nur scheitern konnte. Kein Happy End, kein Durchbrennen, kein Spiel gegen die Regeln. Das macht diesen französischen Kostümfilm zu einem sehenswerten Gleichnis für einen Notstand in Sachen Menschenwürde.

Ein königlicher Tausch

Mary Shelley

STAND BY YOUR MONSTER

5/10

 

maryshelley© 2018 Prokino Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, LUXEMBURG 2018

REGIE: HAIFAA AL MANSOUR

CAST: ELLE FANNING, DOUGLAS BOOTH, TOM STURRIDGE, MAISIE WILLIAMS, STEPHEN DILLANE U. A.

 

Was für eine denkwürdige Zusammenkunft am Genfer See. Die Geburtsstunde des Gothic-Grusels. Der Monster, Mythen und Blutsauger. Ken Russel hat diese Nacht schon in seinem Schauerdrama Gothic verewigt, nun findet sich Mary Shelley gemeinsam mit ihrem Gatten Percy und des Arztes Dr. Polidori in den verschwenderischen Gemächern des romantischen Dichters Lord Byron ein – um ein Spiel zu spielen: Jeder von ihnen muss Geschichten erfinden, Schauergeschichten um Untote, Geister und über sonstige Reiche zwischen Leben und Tod. Einiges ist da entstanden, unter anderem der erste Vampirroman noch vor Bram Stoker – und auch die Idee für einen zeitlosen Klassiker, nämlich den über einen Wissenschaftler namens Frankenstein, auch genannt der moderne Prometheus. Und laut vorliegendem Film hat Lord Byron die Idee des Vampyr von Polidori geklaut, andere Stimmen sagen das Gegenteil. Genaues weiß man vermutlich nicht. Aber ich komme vom Thema ab. Eigentlich, und obwohl das andere, nämlich das Drama rund um Byron und Polidori viel interessanter gewesen wäre, geht es um die junge Mary Shelley, vormals Godwin.

Es ist ein ganz klassisches, historisches Melodram, in welchem Elle Fanning den unkonventionellen Freigeist gibt. Adrette Kostüme, authentisches Straßenleben, dunkle Dachkammern, in die sich das relativ mittellose Paar – Mary geht die Beziehung mit dem ebenfalls als Freigeist bekannten Dichter Percy Shelley ein – dann zurückziehen muss. Unterstützung von Seiten der Familie gibt es keine. Papa Godwin missbilligt diese Liaison, die Stiefmutter ist sowieso dem Klischee entsprechend böse. Was hat man dann als junger Mensch sonst noch zu verlieren außer nichts? Eben! Also wird gemacht, was nicht der Norm entspricht. Ohne Einverständnis von irgendwoher geheiratet, sich an den wurmstichigen Tisch gesetzt und geschrieben. Haifaa Al Mansour (u. a. Das Mädchen Wajda), Regisseurin saudi-arabischer Herkunft, widmet ihr Biopic einer werdenden Künstlerin und ihrer Liebschaft. Das ist romantisch und schön bebildert, und Elle Fanning legt sich auch für Ihre Interpretation der Mary Shelley ziemlich ins Zeug. Was aber fehlt, ist der einzigartige Grund dafür, einen Film über Mary Shelley zu drehen. Verbotene Liebe, Flucht in die Armut, das Einschwören auf den eigenen Willen und täglich wiederholte Hymnen über die eigenen Ideale? Was Shelley womöglich erlebt hat, bis zu diesem einschneidenden Abend 1816 am Genfer See, ist womöglich etwas, dass nicht wenige Frauen dieses Alters und zu dieser Zeit erlebt haben. Nur von Mary Shelley weiß man es, sie ist mit Frankenstein berühmt geworden, nicht aber so wie Colette mit ihrer Emanzipation, und das ist etwas, das diesen Film bis zur eingangs erwähnten Inspiration zur Idee für Frankenstein zu einer oberflächlichen Historienschablone macht, die wenig Innovation zeigt, währenddessen man nur darauf wartet, dass endlich die Gedanken zu ihrem großen Roman Gestalt annehmen. Das passiert relativ spät, und verbleibt in diesem Film wie eine in den Plot gedrängte Fußnote, schon allein, weil sich die Begeisterung für ein solches Thema wie Meister über Leben und Tod zu sein sicherlich nicht alleine aus einem Besuch bei einem Mysterientheater so gewaltig Bahn brechen kann.

Vielleicht, ja vielleicht hat sich Mary Shelley immer mal wieder Gedanken darüber gemacht, aber es scheint, als wäre Al Mansour die literaturgeschichtliche Komponente gar nicht wrklich wichtig, als müsste sie es erwähnen, obwohl sie es gar nicht will. Der Film soll von einer Frau erzählen, und nicht von einer Künstlerin. So kommt es, dass sich in Mary Shelley die Werdung zur Autorin des neben Bram Stokers Dracula wohl berühmtesten Schauerroman nur vage erschließt. Der Input ist plötzlich da, also hätte  Shelley auch irgendetwas anderes schreiben können, auch über Napoleon zum Beispiel oder den Krieg oder über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. So ist Frankenstein eine austauschbare Nummer, die auch nicht aus den Idealvorstellungen, den Lebenswandel und der Philosophie dieser Frau abzuleiten wäre. Frankenstein selbst scheint nichts mit der Biografie dieser Person zu tun zu haben, eher die unerwartete Prämisse eines ganz anderen Dranges zu sein, so vermittelt es mir zumindest dieser Film. Und das ist dann doch etwas schal. Der Konflikt Polidori und Byron wäre, und ich erwähne es nochmal, die spannendere Geschichte gewesen.

Mary Shelley