Zwingli – Der Reformator

MIT DER KIRCHE ÜBER KREUZ

5/10

 

zwingli© 2019 W-film / C-Films

 

LAND: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: STEFAN HAUPT

CAST: MAX SIMONISCHEK, SARAH SOPHIA MEYER, ANATOLE TAUBMAN, STEFAN KURT, UELI JÄGGI U. A.

 

Die Schweiz ist nicht gerade berühmt für ihr immenses Filmschaffen, ganz im Gegenteil. Spontan gefragt fällt mir bis auf Wolfgang Panzers Mönchsfilm Broken Silence oder Beresina oder die letzten Tage der Schweiz sonst weiter nichts mehr ein. Das ändert sich aber jetzt, und zwar aktuell mit einem Film, der den Begründer des protestantischen Glaubens in der kleinen, neutralen Bergnation zum Thema hat: Ulrich Zwingli. Der Geistliche und Humanist war ein Zeitgenosse Martin Luthers, und nach dessen Thesenanschlag war auch dieser motiviert genug, Reformen an der katholischen Kirche durchzuführen, die mit Ablassbriefen, Pomp und Protz dem so einfachen wie leichtgläubigen Volk in grenzenlos überheblicher Arroganz auf der Nase herumtanzen konnte. Natürlich will die Kirche das nicht ändern, und natürlich wird Zwingli zu einem Feind des Vatikan, was er letzten Endes auch mit dem Leben bezahlt. Doch wer war Zwingli wirklich – und wie kam es zu diesen bahnbrechenden Veränderungen, die das größte Schisma der Menschheit auf den Weg brachte?

In Stefan Haupts Historienfilm zieht eines winterliche Tages Schauspielersohn Max Simonischek durch die Gegend rund um Zürich, um letzten Endes dort sein Quartier aufzuschlagen. Der neue Prediger fällt, ehe man es sich versieht, sogleich mit der Sakristei ins Haus, indem er anfängt, Bibelexegese in deutscher Sprache zu betreiben, und das vor versammelter Menge. Latein hat ja bislang sowieso keiner verstanden, mit Ausnahme sämtlicher Würdenträger, die somit ihre Privilegien beschnitten sehen. Stoff genug also für eine faktenbasierte Disputation im Kinoformat, für eine Zielgruppe, die überschaubar bleibt, und für ein Genre, das bestenfalls sein Nischendasein als Kirchenfilm fristet. Wer Luther mit Joseph Fiennes mochte, das vor 16 Jahren im Kino lief, sollte an Zwingli – Der Reformator nicht vorbeigehen, denn mit diesem biographischen Fragment über dessen Wirken haben wir die Reformation des frühen 16. Jahrhunderts quasi in Dolby Surround – von Luthers Norden bis zu Zwinglis Süden. Historiker wissen: Zwingli und Luther hatten zwar regen Briefkontakt, ein Disput über die Bedeutung der Kommunion hat sie dann aber letztendlich entzweit. Was nicht heißt, dass Jahrzehnte später beide Reformationsbewegungen doch noch zueinanderfinden konnten. Details, die der Film Zwingli – Der Reformator leider ausspart oder halbherzig in einem Nebensatz erwähnt.

Die Hoffnung, jenem legendären Streitgespräch zwischen den beiden Querdenkern filmisch folgen zu können, stirbt zuletzt. Aber sie stirbt. Stefan Haupt wagt sich während seiner über zweistündigen Laufzeit, die teilweise gehörige Längen hat, kaum hinter den mittelalterlichen Mauern des historischen Zürichs hervor. Schön anzusehen ist die rekonstruierte Stadt schon – aber das ist das einzig Epische an einem sonst zur Epik neigenden Stoff, der im Korsett einer Guckkastenbühne leider nur sein dialoglastiges Dasein fristen muss. Es hat den Anschein, als blieben aufgrund des knappen Budgets große inszenatorische Sprünge leider nur Wunschdenken. Nichts gegen all die Details der Ausstattung – die Lagerhallen des Zürcher Kostümfundus hätten wieder mal durchgefegt werden können, so zahlreich haben sich sowohl Statisten als auch der Haupt-Cast in die spätmittelalterliche Kluft gezwängt – vom Bettler bis zum Bischof. Darüber hinaus aber meist die gleichen Settings, immer widerkehrend, wie bei einem Theaterstück, als würde man einem Drama von Fritz Hochwälder oder Jean Anouilh beiwohnen, die ja bekanntlich historische Stoffe dialogfertig für die Bühne adaptiert hatten.

Im Kino ist der Verwöhnfaktor ein ganz ein anderer. Erst unlängst konnte David Michöds The King so richtig wuchtige Bilder zumindest auf den Netflix-Bildschirm schmettern – in Zwingli – Der Reformator bleibt das alles außen vor, selbst die finale Schlacht zwischen Altchristen und den wütenden Reformern war Haupt nicht mal einen Rundumblick wert. Zum Glück für ein Publikum, dass kein Blut sehen kann, und Pech für Liebhaber historischen Kräftemessens. Dafür wäre Zwingli – Der Reformator aber ideal gewesen, denn was der Film erzählt, ist kraftvoll genug, um auch kraftvolleres Kino zu produzieren. So aber bleibe ich zwar mit geschlossenen Bildungslücken in Sachen Kirchengeschichte zurück, wundere mich aber dennoch, wie hölzern so mancher Auftritt absolviert und wie eng geschnürt der filmische Blickwinkel bleibt. Da kann auch Simonischeks angenehme Stimmlage (ja, ganz der Papa!) nur bedingt etwas ändern, wobei dessen rustikaler Haarschnitt sowieso allem die Show stiehlt.

Zwingli – Der Reformator

A Private War

DEN BLICK DORTHIN, WO´S WEHTUT

6/10

 

privatewar© 2018 Ascot Elite

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: MATTHEW HEINEMAN

CAST: ROSAMUNDE PIKE, JAMIE DORNAN, STANLEY TUCCI, TOM HOLLANDER, GREG WISE U. A.

 

Einem Schulkollegen aus der gymnasialen Unterstufe bin ich vor Jahren zufällig mal auf Facebook begegnet. Beeindruckt hat mich, was aus ihm geworden ist – nämlich Journalist. Das wäre auch für mich eine Alternative gewesen, und zumindest als Blogger kann ich gegenwärtig der Freude am Schreiben ein bisschen nachgehen. Was aber besagter Kollege aus seiner Profession letzten Endes gemacht hat, das würde ich nie tun, schon allein aus einer gewissen Grundverantwortung heraus: mich beruflich in Gefahr begeben. Den Schreibtisch hat der Ex-Kollege schon mal gegen Schussweste und Helm getauscht, zum Beispiel auf seinen Recherchen nach Afghanistan. Sichere Wege sind das keine mehr, aber den Blick dorthin zu richten, wo es weh tut, das machen nur wenige. Wie sonst könnte man erfahren, was in Regionen wie diesen alles abgeht. Unerfreuliches, Bitteres, humanitär höchst Bedenkliches. Das wird, da man nur einer oder eine von wenigen ist, zu einer Berufung, zu einer ganz anderen Verantwortung, der man sich schwer entziehen kann, die sich schon fast damit vergleichen lässt, auserwählt zu sein. Mit so einem Umstand musste zum Beispiel die amerikanische Journalistin Marie Colvin klarkommen. Und die hat, was Krieg und Krisen betrifft, wirklich keine halben Sachen gemacht. Hat dabei sogar ein Auge verloren. Und ist auch sonst wie dem Tode entkommen, bist dieser dann doch zugeschlagen hat, im syrischen Homs, so geschehen im Februar des Jahres 2012.

Für die Lebens- und Leidensgeschichte dieser Reporterin ohne Grenzen hat sich Rosamunde Pike verpflichten lassen. Und sie entfesselt diesen diffizilen Charakter mit einer grimmigen Hartnäckigkeit, die preisverdächtig erscheint. Pike war schon immer für alle Rollen zu haben, doch meist waren es solche, die sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen lassen, die gerne eine dunkelgraue Seite haben, die anecken und provozieren. Provokant ist ihre Marie Colvin in jedem Fall, denn das Bild, dass sie zeichnet, ist weder das einer furchtlosen Heldin, die den Adrenalinkick zum Eigennutz braucht, noch das einer schillernden Ikone des Kriegsjournalismus. Es ist die Studie einer Psyche mit massiver posttraumatischer Belastungsstörung, und viel weniger die Sucht nach dem Kick, den manchen Kriegsreportern nachgesagt wird. Regisseur Matthew Heineman differenziert die Stereotype einer manisch-selbstlosen Reporterin, die vielleicht nur auf den ersten Blick so wirkt, als wäre sie eine todesverachtende, fast schon mythologische Heldin, die in den Tartaros menschengemachter Zwistigkeiten eindringt. Auf den zweiten Blick ist Colvin eine ruinierte Seele, die ohne den Level der Anspannung in sich zusammensackt, die ein normales Leben nie wieder führen kann, die sich mit Haut und Haaren einer Wahrheitsfindung geopfert hat, die wir in den täglichen News konsumieren, nichts oder nur peripher ahnend, was dahintersteckt. In A Private War, wie der Titel schon sagt, blicken wir hinter und unter die Trümmer nicht nur ganzer Minderheiten, sondern auch eines Individuums, das seinen ganz privaten, inneren Krieg führt. Das ist etwas, was dem Film gelingt, wenngleich er aufgrund seines Fokus auf Rosamunde Pike das dramaturgische Grundgerüst etwas vernachlässigt. Was heissen soll, dass Marie Colvins letzte Lebensjahre wie von ihr besuchte Niemandsländer aneinandergereiht sind. Diese fragmentarische Erzählweise kann man machen, wenn man es kann. Heineman verlässt sich zu sehr auf seine Hauptdarstellerin, worauf man sich prinzipiell auch problemlos verlassen könnte. Nur ist der Unterbau unterkühltes Sückwerk ohne Raffinesse. Die Bilder aber, die sprechen für sich, und es ist ein besonderer Kniff dabei, A Private War mit demselben Bild beginnen und enden zu lassen: Mit dem Blick dorthin, wo nichts mehr wehtut, weil alles vernichtet ist.

A Private War

Skin

TABULA RASA MIT HAUT UND HAAR

7/10

 

skin© 2019 24 Bilder

 

LAND: USA 2018

REGIE: GUY NATTIV

CAST: JAMIE BELL, DANIELLE MCDONALD, VERA FARMIGA, MIKE COLTER, MARY STUART MASTERSON U. A.

 

Über dem rechten Auge ein Pfeil, der nach oben zeigt. Der Name des Vereins, dem Bryon „Babs“ Wydner angehört, steht in verschwurbelten Lettern gleich unter dem Jochbein. Und auch sonst nennt der junge Mann zahlreiche Tattoos sein Eigen, die vielleicht nur temporär cool sind, weil die Phase der Selbstdefinition durch andere gerade der probateste Weg ist, um zu überleben. Irgendwann aber kommt der Moment, in dem sich zwei Existenzen über den Weg laufen, oder besser: in dem ein Lebensmensch erscheint, der nichts davon hält, wenn der andere Jagd auf Immigranten und ethnische Minderheiten macht. Das ist eine Ideologie, die ist so kleinkariert und ohne Durchblick, die kann durch nichts ihren Anspruch als Herrenrasse geltend machen. Wenn die eigene Existenz aber von vorne bis hinten im Argen liegt, ist dieses rechtsradikale Gedankengut gerade gut genug, um ein Rädchen in einer verqueren Gemeinschaft zu sein, die was auch immer propagiert. So zeigt sich das Defizit einer lieblosen Kindheit in einer seiner destruktivsten Formen. Der ganze Hass findet da sein Ventil, und da sich andere Ethnien mühelos brandmarken lassen, dann werden es auch wohl diese Minderheiten sein, die als Sündenbock herhalten müssen. Bryon Wydner war ebenfalls einer dieser so wütenden wie gescheiterten Existenzen: furchtbare Kindheit, heimat- und ziellos. Aufgelesen von Ma und Pa, so wie sie sich nennen, ebenfalls gesellschaftlich unter aller Sau, ebenfalls vertrieben, wohnhaft in einem Knusperhaus im Wald, voller gehirnwaschender Gedanken und verquerer Wikinger-Philosophien, die anders als der Ku Klux Klan eher den nordischen Gottheiten huldigen – Thor, Freya, Odin und wie sie alle heißen. Na klar, Wydner macht da mit, jahrzehntelang – bis eben die alleinerziehende dreifache Mutter Julie in sein Leben tritt.

Skin ist, und ich wollte es kaum für möglich halten, am Ende des Tages ein Feel-Good-Movie. Oder, um es etwas weniger euphemistisch zu deklarieren: Ein Feel-Better-Movie. Die Lebens- und Wandelsgeschichte des Neonazis oder Vinlanders ist aber auch weder ein Film über Rechtsradikalismus noch über gesellschaftspolitische Zustände in den USA, dafür bleibt das Werk zu sehr an der Oberfläche. Skin will nur eines sein: die Chronik einer Loslösung aus einem familiär anmutenden Totalitarismus, aus einem sektenähnlichen Konstrukt der Abhängigkeit und selbstlosen Verpflichtung. Der Extremismus, den Guy Nattiv in seiner Verfilmung von Wydners Um- und Aufbruchsmemoiren schildert, ist eine Variable. Der Fokus liegt auch weder auf dem Alltag des Vinlander-Vereins noch will Skin dessen Strukturen analysieren. Worum es hier einzig und allein geht, das ist der Wandel zu einem besseren Menschen, unterteilt in Reflexion, Evaluierung und Umsetzung, Rückschläge inbegriffen. Denn nichts im Leben bekommen Leute wie Wydner geschenkt, den Ex-„Billy Elliott“ Jamie Bell zwischen schwankender Zuversicht, Aufbäumung und kaum unterdrückbarer Aggression plausibel verkörpert. Wie Zwischentitel eines Artikels, und als würde wie um ein gravitätisches Zentrum herum das ganze packende Drama einer Flucht nach vorne kreisen, gibt Regisseur Nattiv Einblick in die jeweiligen Stadien der Tattoo-Entfernung, vom ersten bis zum letzten. Dazwischen die True Story eines Präzedenzfalles, mehr Psycho- als Sozialdrama, mit dem unerwarteten Impakt zuversichtlicher Good News, die Veränderung – vielleicht auch für andere – menschenmöglich macht.

Skin

The King

SCHLACHTEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN

8/10

 

theking© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, AUSTRALIEN 2019

REGIE: DAVID MICHÔD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, BEN MENDELSOHN, LILY-ROSE DEPP, ROBERT PATTINSON U. A.

 

Issos, Actium, Dürnkrut oder Hastings – Wendepunkte der Geschichte, mit Schwert, Schild und Kriegsgerät erzwungen. Hätte die jeweils andere Partei gewonnen, hätten wir eine gänzlich andere Gegenwart und wäre Europa nicht zu dem geworden, was es ist. Kriege also, die waren die Politik der Antike, des Mittelalters und weit darüber hinaus. Statt Wahlduelle im Fernsehen Schlachten, die Geschichte machten. Zu eingangs erwähnten Eckpfeilern aus Tod und Verderben gesellt sich die alles andere als unter ferner Liefen geschlagene, legendäre Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415: England gegen Frankreich, mit der die zweite Phase des bis 1453 andauernden 100jährigen Krieges begann. Unter flatterndem Banner und mit Gottes Segen: Heinrich V. Widerspenstiger Prinzensprössling und später König wider Willen – idealistisch, besonnen und klug, leider aber auch leicht beeinflussbar. Mit der Schlacht bei Azincourt schrieb der junge Mann aufgrund seiner taktischen Asse im Ärmel wie Langbögen und Kriegern in leichten Rüstungen schwarze Zahlen, denn mit dem Gemetzel im herbstlichen Schlamm, das bis heute als strategische Ausnahmeerscheinung zur Schlachtenanalyse gilt, hat sich England zumindest für kurze Zeit den Westen Europas unter den gerissen. Der Australier David Michöd (u. a. The Rover mit Robert Pattinson) hat für seinen Heinrich V. besetzungstechnisch die absolut richtige Wahl getroffen: Timothée Chalamet brilliert mit mediävalem Undercut und verbissenem Trotz als die puristische Version einer shakespeareschen Theatergestalt, frei von Versen und pathetischem Gehabe, was ihn aber nicht davon abhält, Gänsehaut erzeugende Schlachtenreden zu halten. An seiner Seite ein so bäriger wie bärtiger Joel Edgerton, nicht minder originär – und als Antagonist (zumindest aus der Sicht der Briten) der mittlerweile enorm wandelbare Robert Pattinson in wohl einer seiner besten Nebenrollen.

Da der Cast bis in ebensolche hinein eine charakterlich völlig autarke Dramatis Personae um sich geschart hat, bedarf es nur noch eines geharnischten Sprungs von den Schiffsplanken bis zu festgestampftem Boden packenden Geschichtskinos, die Michöd mit The King mehr als gelungen ist. Tatsächlich darf der Streamingriese Netflix stolz sein, mit diesem brandneuen Schlachtenepos endlich mal wieder den fahrig produzierten On-Demand-Einheitsbrei hinter sich gelassen und neben Alfonso Cuarons Roma die bislang beste Produktion in seinen Bauchladen aufgenommen zu haben. Dem fast zweieinhalb Stunden langen Film (dessen Laufzeit man ihm nicht anmerkt) gelingt es, die wuchtige, aufgewühlte, spannende Intensität historischer Meisterwerke wie Elizabeth von Shekhar Kapur mühelos zu erreichen. Und das, weil Michöd sich eigentlich nur auf eines konzentriert – auf die penible Rekonstruktion eines nachhaltigen Kräftemessens, mit dem Anspruch, so detailliert wie möglich auf all die Wägbar- und Unwägbarkeiten der beiden Parteien in dieser Konfrontation einzugehen. Michöd und Edgerton haben da ein ausgezeichnetes, zwischen Vorgeschichte und Höhepunkt perfekt abgestimmtes und ausgewogenes Drehbuch entworfen, dass seinen Charakteren genauso viel Luft lässt wie den Blut- und Boden-Fakten der epochalen Schlacht. Und selten zuvor, nicht mal in Game of Thrones, hat man jemals gesehen, wie sich von Kopf bis Fuß geharnischte Ritter wie hier auf der vom Regen morastigen Wiese bei Azincourt den Rest geben. Das ist ein Blechsalat, den muss man gesehen haben, das ist ein Kampf, der letzten Endes keine Gefangenen macht. Dabei lässt Michöd expliziter Gewalt kaum Spielraum, und wenn, dann nur, wenn unbedingt nötig. Der Film ist zwar brutal, weil mittelalterliche Schlachten eben brutal sind, doch gerät die Gewalt nicht zum Selbstzweck, sondern bleibt archaische Notwendigkeit, wenn es darum geht, dem frechen, überheblichen Dauphin Frankreichs wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Wer eine Leidenschaft für Geschichte hat, wer das späte Mittelalter in seiner kühnen, kalten, bitteren Rauheit und seinem Kalkül aus Vergeltung, Bestrafung und Barmherzigkeit unter Freunden faszinierend genug findet, der sollte um The King keinen Bogen machen. Sondern lieber den Bogen spannen – um irgendwie dabei zu sein, in einem Gefecht, das mit urtümlichen, gemäldeartigen Bildern und erdigen, kargen Kontrasten in ein Damals lädt, wo Könige noch an vorderster Front waren. Und wir hintendrein.

The King

Birds of Passage

DAS ÜBEL MIT DER WURZEL

7,5/10

 

birdsofpassage© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Matea Contreras

 

ORIGINAL: PÁJAROS DE VERANO

LAND: KOLUMBIEN 2018

REGIE: CIRO GUERRA, CRISTINA GALLEGO

CAST: CARMINA MARTINEZ, JHON NARVAEZ, JOSÉ ACOSTA, NATALIA REYES, GREIDER MEZA, JOSE VICENTE COTES U. A.

 

Eine karge Ebene, über die der Wind weht. Dürre Bäume. Man möchte meinen, man wäre in der Sahelzone. Falsch gedacht. Dieses Ödland ist Kolumbien. Wobei ich bei Kolumbien in erster Linie an dichte Wälder denke, bis an die Küste. Die Hütten der Wayuu allerdings, die stehen dort, wo Touristen womöglich kaum hinkommen. Nämlich an der Halbinsel La Guajira im Norden des Landes, direkt an der Grenze zu Venezuela. Wer die Wayuu eigentlich sind? Ein indigenes Volk mit Prinzipien, strengen Regeln und Ritualen. Und mit einem schier grenzenlosen Glauben an eine höhere, fast schon prophetische Bedeutung der Dinge. Kommt bekannt vor? Zumindest wenn man ans Römische Reich denkt, da waren die sogenannten Auguren jene, die aus allem was sie sahen, hörten oder in die Finger bekamen, die Zukunft lesen oder zumindest erahnen konnten. Soweit ich weiß, wurde selbst Cäsar davor gewarnt, an den Iden des März im Jahre 44 v.Chr. den Senat aufzusuchen. In den Wind schlagen lässt sich sowas recht einfach. Und in den Wind, der da an der Halbinsel unablässig weht, schlagen auch die Wayuu sämtliche Omen, wenn es um Profit geht. Den entdeckt nämlich in den 60er Jahren ein in die Sippe der Wayuu eingeheirateter junger Mann namens Rapayet, der einigen Amis Marihuana verkauft. Die wollen bald mehr, und so wird das grüne Gold, wie es im Untertitel des Filmes heißt, Zankapfel sämtlicher Clans, die alle ein Stück vom Kuchen wollen und bald lästige Konkurrenz mit bewährtem Blei der Einfachheit halber auszuschalten gedenken. Irgendwie rauft man sich zusammen, auch wenn man sich nicht ausstehen kann und die Ehre der Familie ständig im Weg ist. Die wird dann auch, nachdem alle Jahrzehnte später in ihrem Reichtum förmlich ertrinken, allen zum Verhängnis – und eine bittere Tragödie nimmt ihren Lauf.

Birds of Passage – das sind die Zugvögel, die übers Land Richtung Süden ziehen. Das sind aber auch Seelenträger Verstorbener, die keine Ruhe finden. Der stelzende Graureiher ist ein Symbol, dass den ganzen Film frequentiert und Verrätern nicht von der Seite weicht. Stets stakst das Federvieh über Lehm- und Teppichboden, erinnernd an den Blutzoll, der dem Perpetuum Mobile der Gewalt erst den Anstoß gegeben hat. Der Kolumbianer Ciro Guerra, der schon mit der bemerkenswerten Dschungelodyssee Der Schamane und die Schlange den künstlerischen Aspekt des Schwarzweißfilms wieder zu neuen Sphären erhoben hat, reist nun vom Amazonas in die eigene Heimat und gräbt so tief es geht in der kolumbianischen Erde, um das grüne Übel an der Wurzel zu packen und die kriminelle Genesis des Drogengeschäfts von der Stunde Null an zu erzählen. Auch für Birds of Passage findet Ciro Guerra epische Bilder, die auf den ersten Blick so gar nichts mit irgendeiner Art des Suchtmittel-Business zu tun haben. Wenn das Wayuu-Mädchen Zaida vom Mädchen zur Frau wird, und das im Rahmen einer penibel durchexerzierten Initiation, dann erinnern die wallenden, vom Wind gebauschten roten Gewänder an die Bildsprache von Tarsem Singh, wie aus einem surrealen Märchen, das aber bei näherem Hinsehen nur scheinbar so anmutig und verzaubernd wirkt. Das rote Tuch – eine weitere Metapher, vielleicht für das vergossene Blut, das den heiligen Boden tränkt, der für das im wahrsten Sinne des Wortes fatale Joint Venture unerlässlich ist. Die Leichen aber, die hier den Weg pflastern, säumen wie Mahnmale die Landschaft. Was wir sehen ist nicht das Töten, sondern den Tod, das Resultat eines unlösbaren Konflikts, dazwischen gezogene Waffen, traditionelle Gesänge, und entrückte Visionen, die genauso zu deuten sind wie alles andere. Birds of Passage ist eine flirrende, womöglich nach eigenen filmischen Ritualen streng komponierte Oper um Gewalt, Reichtum und die Geißel ethnisch bedingter Zwänge. Und ein verlustreiches Lehrstück über die Institution Familie als Grundstruktur für das finstere Wesen der Kartelle, wie Pablo Escobar sie später mal regieren wird.

Birds of Passage

Das Salz der Erde

WELTGEWISSEN IN SCHWARZWEISS

6/10

 

salzdererde© 2014 NFP marketing & distribution GmbH

 

LAND: BRASILIEN, FRANKREICH 2014

REGIE: WIM WENDERS, JULIANO RIBEIRO SALGADO

MIT SEBASTIÃO SALGADO, WIM WENDERS, JULIANO RIBEIRO SALGADO, LÉLIA WANICK SALGADO U. A.

 

Das Herz der Finsternis liegt nicht nur in den Dschungeltiefen Zentralafrikas, auch nicht nur in den Oberläufen der Flüsse Vietnams. Es ist dort zu finden, wo Menschen einander unterdrücken. Einer, der Licht in diese Finsternis bringt, ist Sebastião Salgado. Kenner der Fotoszene wissen: Salgado ist ein brasilianischer Fotograf, und seine preisgekrönten Schwarzweiß-Fotografien weltberühmt. Fotografieren kann natürlich jeder, und dabei kommt es, wie man weiß, nicht in erster Linie auf das technische Equipment an. Salgado fotografiert mit einer stinknormalen Kamera und ohne Stativ, das höchste der Gefühle ist ein Teleobjektiv. Worauf es also ankommt, ist das Auge dahinter. Und auf den Mut, dort zu sein, wo keiner hinwill. Zur falschen Zeit also, aber am richtigen Ort, um Bilder aus den Eiterherden dieser Welt zu schießen mit dem Risiko, dabei verlustig zu gehen. Sebastiao Salgado ist nicht das nicht passiert, zumindest nicht physisch. Seine Seele allerdings hat gelitten, so hat er es in einem Gespräch mit Wim Wenders auch tacheles zu Protokoll gegeben. Was er gesehen hat, kann nicht spurlos an einem vorüberziehen. Vor allem die Gräuel in Afrika haben ihm zugesetzt, insbesondere Ruanda und der Kongo. Von Ruanda weiß ich, dass man gar nicht mal wirklich der Katastrophe als solche gewahr werden muss – da reicht es, in einem Land unterwegs zu sein, dessen Bevölkerung Unvorstellbares erlebt hat. Die Gedenkstätten als solche habe ich mir, als ich dort war, dann auch verkniffen, aus eigener psychohygienischer Verantwortung heraus. Gut ist es, so denke ich mir, dass es jene gibt, die da genau hinsehen können, die das Objektiv drauf halten auf oft verborgenen, menschlichen Notstand. Bis gar nichts mehr geht, selbst bei denen, die das Weltgewissen erhobenen Blickes herausfordern.

Wim Wenders ist fasziniert von berufenen Weltbürgern wie Salgado einer ist. Ein Mann, der die Erde wohl so kennt wie kein zweiter, der in seinem Tun eine Pflicht sieht und gar nicht anders kann. Der überall gewesen sein mag, der jeden Winkel dieses Planeten kennt, der die Nomaden der Sahelzone besucht oder Walrösser in der Arktis aufspürt, um deren Stoßzähne im Licht der Mitternachtssonne zu fotografieren. Wenders und Juliano Ribeiro Salgado, der Filius des Fotografen, haben eine Dokumentation entworfen, die – unüblich für einen Film – vor allem aus unbewegten Bildern besteht. Aus Salgados Bildern. Ein Meisterwerk nach dem anderen wird auf den Screen geschoben, vom Künstler selbst erklärt. Es ist wie eine Diashow mit Audiokommentar. Manchmal sieht man das Foto selbst soweit verblassen, damit Salgados sprechendes Konterfei dahinter zum Vorschein kommt. Und diese Art des Interviews, diese für den Zuseher bequeme Führung durch eine Best Of-Galerie, für die dieser keinen Schritt zu machen braucht, die überall auf der Welt und auf jedem Bildschirm gleichzeitig sein kann, ist sowieso und in jedem Fall erhellend – als Film ist Das Salz der Erde aber sehr wohl ein mutiges Experiment, welches das Medium Kino mit den Features eines Lichtbild-Vortrags verbindet. Was, wie man sieht, durchaus machbar ist.

Der große deutsche Autorenfilmer geleitet also mit bedächtiger, äußerst phlegmatischer Stimme durch zwei Stunden Interview und Dokumentationsmaterial, begleitet Salgado in den Norden, zu den Lanis nach West Papua und zurück in seine Heimat nach Brasilien. Wenders filmt manche Szenen selbst in Schwarzweiß, um Salgados Fotostil nachzuahmen, in manchen Szenen – vor allem in jenen, die von Instituto Terra, einem Verein zur Wiederaufforstung des Regenwaldes, erzählen – auch in Farbe. Stilistisch ist das Ganze relatives Patchwork, auf Spielfilmlänge zusammengeschnitten, und wenn man mal die eindrucksvollen Bilder des Fotokünstlers ausklammert, bleibt vom Film selbst nichts als Routine, natürlich die eines Profis. Aber haben das Dokus nicht so an sich? Dass es mehr um den Inhalt geht, um das, was bei all der Investigation herauskommt, und weniger um filmtechnische Besonderheiten? Wohl eher, würde ich meinen. Daher sind Dokus nicht zwingend etwas fürs Kino. Bei Das Salz der Erde aber habe ich so meine Zweifel, sorgt das Element der Diashow doch für die nötige Wucht, auch wenn Salgados Werke wie bei der Besprechung eines Kunstwerkes aus der Serie 1000 Meisterwerke (lief früher mal im Fernsehen) in statischer Ruhe wie Schwarzbuch-Dokumente eines finsteren Zeitalters irgendwann von berauschenden Momentaufnahmen unserer Natur abgelöst werden. Das ist typisch Wim Wenders, der selten hudelt, sich stets Zeit nimmt für sein Gegenüber, und sich auch hier in dessen Erinnerungen verliert und aus einem Künstlerportrait ein biographisches Essay über das Schwarze und Weiße unserer Welt erdenkt. Das ist bereichernd, faszinierend, aber auch seltsam versucht, nicht nur Salgados, sondern auch Wenders innerer Einkehr zu folgen.

Das Salz der Erde

White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick