I Kill Giants

ZU GROSS FÜR DIESE WELT

6/10

 

ikillgiants© 2018 Koch Films

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANDERS WALTER

CAST: MADISON WOLFE, ZOE SALDANA, IMOGEN POOTS, JENNIFER EHLE, SYDNEY WADE U. A.

 

Dämonen gibt es wirklich. Täglich haben wir mit ihnen zu kämpfen. Es sind die in unserem Inneren. Zum Verhängnis werden sie, wenn man sich nicht mit ihnen arrangiert. Dazu braucht es ganz schön viel Kraft, eisernen Willen, und – was Kinder besonders gut abrufen können, um es mit den Dämonen des Lebens aufzunehmen: Fantasie. Ein gutes Beispiel: die kleine Ofelia, die sich in Pans Labyrinth eingeschlichen hat, um sich unter anderem gruseligen Kreaturen zu stellen, die ihre Augen in den Handflächen haben. Mit Fantasie geht alles leichter, das gibt der Unwirtlichkeit des Lebens ein bekämpfbares Gesicht, das bettet sie ein in eine Form, die man aus dem elterlichen Vorlesen gewohnt ist. Warum aber brauchen Kinder Fantasie? Um die Realität besser zu begreifen. Um den Halt, den sie verloren haben, anderswo zu suchen. In einer Welt, die sie bewältigen können. Es sind Projektionen, die gebannt werden können. Und je größer die Angst, je unsicherer das Leben, je unwirtlicher das Zuhause, desto größer wird der projizierte Dämon, das Bild vor den kindlichen Augen. Und umso uferloser die Fantasie.

Bei dem 13jährigen Connor aus Bayonas Buchverfilmung Sieben Minuten nach Mitternacht war es ein riesenhaftes Baumwesen mit erdiger, tiefer Stimme, dass den um seine Mutter bangenden Jungen an drei Nächten drei Geschichten erzählen wird. In Zac Snyders Sucker Punch tanzen sich psychisch labile Girlies in eine martialische Welt aus fiktiven Kriegen hinein, in denen sie als Heldinnen ihren Ausweg finden sollen. Und hat Tolkien nicht auch seine Traumata aus dem Ersten Weltkrieg mit der Erschaffung von Mittelerde gebannt? Gut, dass der Mensch seine Fähigkeit dazu hat, die Realität zumindest in seinem Kopf zu verändern. Das tut die 15jährige Barbara in I Kill Giants auch, doch sie ist fest davon überzeugt, dass es sie wirklich gibt: Riesen. Sie streifen umher und zerstören alles, das Mädchen aber ist die einzige, die sich ihnen entgegenstellen kann. Sie besänftigt sie mit Honig und tötet sie mit einer selbstgebastelten Streitaxt. Zu ihrem Schutz trägt sie Hasenohren und vollführt seltsame Rituale. Weil sie das macht, ist sie an ihrer Schule unbeliebt, eine Außenseiterin, ein Freak. Der Nonkonformismus der jungen Frau stößt auf Ablehnung, doch wer gegen Riesen kämpft, den scheren Unkenrufe aus den hinteren Reihen wohl kaum. Einzig Zoe Saldana als Schulpsychologin wird auf den verhaltensauffälligen Teenager aufmerksam. Was ist dran an den Riesen?

I Kill Giants ist eigentlich ein Comic des Amerikaners Joe Kelly, und sieht man den Film, erschließen sich die Panels automatisch im Kopf. Riesenkillerin Barbara ist eine expressive Figur nahe am Manga, irgendwo zwischen Alita, Alice im Wunderland und einer der Nachsitzenden aus dem Breakfast-Club. Madison Wolfe versucht dieser zerrissenen Psyche des Mädchens gerecht zu werden, doch sie bleibt unnahbar, distanziert, seltsam verschroben. Was der Rolle womöglich gerecht wird. Man nähert sich ihr erst gemeinsam mit Zoe Saldana, die versucht, zu begreifen, was es mit den phantastischen Monstern auf sich hat. Das macht es, auch wenn es authentisch ist, schwer, sich für die von allen abgewandten Protagonistin ernsthaft zu interessieren. Da hat Lewis McDougall in Sieben Minuten nach Mitternacht mehr und viel eher sein Herz geöffnet. I Kill Giants erzählt im Grunde die gleiche Geschichte wie eben erwähnter Film, Vergleiche drängen sich auf. Doch während der Baumdämon in Bayonas Film eine vermittelnde, belehrende Funktion hatte, marodieren die Riesen, die durchaus an Guillermo del Toros Pacific Rim erinnern und die man nur selten zu Gesicht bekommt, wie finstere Bedrohungen durch die Landschaft. Ihnen vorangehend erscheint ein prophetisches, abgründiges Spukwesen. Wenn es erscheint, sind die Dämonen nicht fern. Fern bleibt hingegen so ziemlich den ganzen Film durch die Annäherung an die Ursache der seltsamen Wahrnehmung. Bis dahin bleibt I Kill Giants ein düsteres Jugenddrama mit phantastischen Elementen, dass aber verwirrt und weltfremd bleibt. Und ja, eigentlich wie die Psyche des Mädchens. Dass sich als Comic sicherlich großartig visualisieren lässt, sich aber als Film mehr dem Storytelling des gezeichneten Mediums verwandt fühlt als dem Kino. Für die wuchtige Katharsis des Mädchens bleibt dann doch nur wenig Zeit. Das sind dann aber die besten Momente, die man durchaus geduldig erwarten kann und die den Film dann doch noch lohnen.

I Kill Giants

Spider-Man: Far From Home

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN

6,5/10

 

spidermanfarfromhome© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, JAKE GYLLENHAL, SAMUEL L. JACKSON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, ZENDAYA, COBIE SMULDERS U. A.

 

Gibt es denn ein Leben nach dem Endgame? Ja, doch, das gibt es. Darüber hinwegzukommen, dass die finale Schlacht um Thanos nicht ohne Verluste blieb, geht natürlich nicht von heute auf morgen. Und auch nicht von Frühling bis Sommer, wie uns der neue Spider-Man klarmachen will. Da hilft meistens nur die Methode, Abstand von alldem zu gewinnen. Denn das sind ja keine Peanuts, wenn man auf fremden Planeten gegen einen violetten Giganten antritt, an der Außenhülle eines Raumschiffs hängt und am Ende noch seinen Mentor verliert. Das schreit nach einer Auszeit fernab jeglichen Heldengetöses, in der sich Jungs wie Peter Parker, nicht mal noch volljährig, auf die eigentlich wesentlichen Dinge des Lebens rückbesinnen können. Auf das Zwischenmenschliche sozusagen. Auf das Mädchen MJ aus Parkers Klasse, die durch ihre unkonformistische Art das Interesse des Fassadenjunkies geweckt hat. Gut, dass die ganze Klasse gemeinsam nach Europa fliegt, denn auf Reisen lässt sich einfacher Bande knüpfen als im Alltagstrott daheim, wo vielleicht ohnehin nur neue Heldentaten auf ihre Erfüllung warten. Was sie auch tun, denn Ex-S.H.I.E.L.D.-Manager Nick Fury versucht verzweifelt, den Jungspund zu erreichen.

Mit Spider-Man: Far From Home endet Phase 3 des Marvel Cinematic Universe. So wie es aussieht holt sich Phase 4 dann doch noch den einen oder anderen Protagonisten mit aufs Boot, das zu neuen Ufern aufbrechen will. Die ganz alten Haudegen dürften Geschichte sein, das lässt sich auch anhand des rührseligen Farewell-Intros des vorliegenden Abenteuers nochmal besser begreifen. Tom Holland aber dürfte noch einiges vorhaben, wie es aussieht. Und mit ihm auch Samuel L. Jackson als Nick Fury oder Jon Favreau als integrer Happy, die gute Seele des Hauses, wenn man so will. Das macht den Abschied leichter, und den Übergang in ein neues Kapitel gar nicht so sehr zu einem Abnabelungsprozess wie befürchtet. Mit Jake Gyllenhaal taucht dann noch dazu ein kompletter Neuling auf, einer, der von einer alternativen Erde stammt, und mit anpackt, wenn es heißt, die neue Bedrohung des Planeten durch die Eternals abzuwenden. Das neue Abenteuer sieht also nach einem jugendlichen Interrail-Trip quer durch Europa aus, nur ohne Interrail und zwischendurch gibt es weltbewegende Giganten, die nicht nur die Lagunenstadt demolieren.

Jon Watts beweist da einmal mehr ein Händchen fürs lockere Inszenieren, fürs unbekümmerte Zusammenspiel seines Ensembles, das sichtlich Spaß an der Sache hatte, sich aber manchmal zu sehr auf ihren kindlich-naiven Charme verlässt, der natürlich einnehmenden Unterhaltungswert hat, allerdings nicht ganz so treffsicher Show macht wie bei Spider-Man: Homecoming. Dessen Esprit war eindeutig besser, und auch Michael Keaton war ein Antagonist, der nicht ganz so sehr einer Allmachtsfantasie erlegen war wie das bei Bösewichten oft der Fall ist. Spider-Man: Far From Home scheint da diesmal gänzlich ohne handfesten Widerpart auszukommen – oder doch nicht? Zu leicht tappt man bei der Rezension des aktuellen Abenteuers ins Spoiler-Fettnäpfchen, an jeder Ecke lauern kleine, nicht immer schlüssige Story-Twists, die aber für enorme Kurzweil sorgen, und die auch richtig schön ins Geschehen katapultieren, sodass sich der Alltag wie bei einer Reise üblich mit dem Fingerschnippen ausknipsen lässt.

Das quirlige Actionspektakel mit allerhand Akrobatik hat aber zum Glück nicht vergessen, seine Story auch mit einem Quäntchen Zeitgeistkritik zu versehen. Hier dreht sich viel um Social Media, Fake News und Meinungsmache, nah am Puls technophiler Trends. Dem wird mit viel süffisanten Seitenhieben und durchaus auch aufrichtiger Skepsis begegnet, wobei das Vermächtnis des Tony Stark und all die paranormalen Gewaltakte der letzten 22 Filme sehr starken Einfluss auf Spider-Man: Far From Home haben, denn nichts bleibt ohne Folgen, schon gar nicht im MCU, weshalb hier auf Details geachtet und auf ein gutes Erinnerungsvermögen gesetzt werden muss, bis zurück an die Anfänge. Wichtig ist es auch, sitzen zu bleiben bis nach dem Abspann, und ich meine, ganz nach dem Abspann, denn die Post Credit-Szenen, die wir bei Endgame schmerzlich vermisst haben, sind wieder da – und haben es in sich, wie selten zuvor. Wobei klar wird: das Bündel, das der Junge im Stretch tragen muss, wird schwer auf seinen Schultern lasten, aber was hilft´s – wir alle müssen jetzt Stark sein 😉 Oder kann es doch nur einen geben?

Spider-Man: Far From Home

Men in Black: International

I WANT TO BELIEVE!

6,5/10

 

1233076 - MEN IN BLACK: INTERNATIONAL© 2019 Columbia Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: F. GARY GRAY

CAST: CHRIS HEMSWORTH, TESSA THOMPSON, LIAM NEESON, REBECCA FERGUSON, EMMA THOMPSON U. A.

 

Es ist wie es ist und man muss der Wahrheit, die irgendwo da draußen ist, einfach ins Auge sehen: Die Men in Black haben ausgedient. Will Smith und Tommy Lee Jones als Agenten J und K waren immerhin integre Agenten frei von jeglicher Befangenheit anderen extraterrestrischen Rassen gegenüber, aber auch in der streng geheimen Organisation, von der wir alle nichts wissen, geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Die Men werden endlich auch zu Women, und dass das dritte Sequel des relativ gelungenen Originals immer noch nicht gegendert wurde, ist der gelernten Marke geschuldet. Sonst aber weiß selbst Emma Thompson keine wirklich schlüssige Antwort darauf. Doch warum sollte sie auch – die ehrgeizige Molly ist ja schließlich noch im Probemonat, sofern das alles klappt, könnte man der Obrigkeit ja nochmal ein Gesuch unter die Nase reiben. Denn die Women, insbesondere Tessa Thompson, retten die routinierten Spezialisten vor einem redundanten Trott, der sich trotz farbenfroher Diversität, die den Völkern diverser Weltraumsagas alle Ehre macht, nicht erst seit dem letzten Teil breitgemacht hat.

Men in Black: International ist – oh Wunder aller Wunder – der wohl letzte Notstopp vor dem unausgeschilderten Dead End einer Straße ohne Überholspur, auf der aber Smith, Jones und Josh Brolin noch ordentlich Gas geben wollten. Selbst überholen geht aber nicht, da muss jemand anderes die älteren Herren aufs Parkett drängen. Die uns Marvel-Nerds längst bekannte Tessa Thompson tigert sich in ihre Rolle als aufgeregt engagierte Bewerberin mit einer Begeisterung hinein, die wahrscheinlich Scully zu Beginn ihrer Laufbahn auch gehabt haben muss. Tessa als spätere Agentin M „wants to believe“, und das glaube ich ihr jede Sekunde. Diese schätzenswerte Spielfreude aber schwappt nur teilweise auf ihren Arbeitskollegen über, nämlich auf Chris Hemsworth, der ja mit seinem weiblichen Buddy schon früher Bekanntschaft gemacht hat. In Takia Waititis Thor: Tag der Entscheidung war das Duo schon so dermaßen eingespielt, als hätte es eine ganze gemeinsame Sitcom hinter sich. Eingespielt sind sie auch in Men in Black: International, nur Hemsworth, der eigentlich einfach nur Thor sein will, weiß nicht so recht wie er seine Rolle anlegen soll. Ist er ein draufgängerischer Bond? Oder nur das Testimonial für einen Herrenduft? Oder beides? Und passt das überhaupt ins Profil eines Alien-Diplomaten mit Zugang zu einem Waffenarsenal, das zu kuriosem Gigantismus neigt? Das ist so eine unentschlossene Sache, währenddessen Thompson bereits alle Sympathien auf sich gezogen hat.

Regisseur F. Gary Gray hat es geschafft, die Essenz dieses freilich anspruchslosen Akte X-Panoptikums neu zu erden, und mit all seinen charmanten Extras auf den Boden der verschleierten Tatsachen zurückzuholen, Zitate aus dem Erstling inklusive. Men in Black: International gleicht dem elegant durchgegliederten Produkt einer Rechnung, wenn Star Wars mit James Bond multipliziert wird. Size does matter, diese Devise gilt zwar bei den Waffen, aber nicht bei der liebevollen Selektion diverser Aliens, die, je kleiner und detaillierter sie sind, dem Geklotze gigantischer Riesen wie unlängst in Godzilla: King of the Monsters um Lichtjahre voraus sind. Das ist einer der Stärken beim Men in Black-Franchise, nämlich Aliens in der uns umgebenden, gewohnten Realität so zu verstecken, als gäbe es sie gar nicht. Da kann es schon sein, dass Rauschebärte und Schachfiguren ganz anders gesehen werden und mit Planen verdeckte Boliden irgendwas im Deflektorschilde führen. Dass nun quer um den Erdball ermittelt wird, tut dem verspielten Konzept ebenfalls ganz gut, da kann es schon sein, dass unsere gendergemixten Agenten demnächst auch mal in Berlin oder Wien einfallen. Unerklärliches gibt’s da nämlich genug 😉 Doch angesichts des traurigen Einspiels steht das wohl noch in den Sternen.

Men in Black: International

X-Men: Dark Phoenix

ALLE(S) IN DER SCHWEBE

6,5/10

 

x-men-phoenix© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: SOPHIE TURNER, JAMES MCAVOY, JENNIFER LAWRENCE, MICHAEL FASSBENDER, NICHOLAS HOULT, JESSICA CHASTAIN, TYE SHERIDAN U. A.

 

Die Apocalypse wurde abgewandt. Das war aber angesichts dieses vor drei Jahren über die Leinwand gestelzten blauhäutigen Schnösels mit unreflektierten Allmachtsfantasien a la Steppenwolf (siehe Justice League) wohl keine allzu große Hexerei. So wenig charismatisch und furchteinflößend, wie Oscar Isaac mit offensichtlich aufgepinselter Maske eigentlich war, so hohl war das effektgeladene Getöse um ihn herum. Versucht wäre man gewesen, den viel zu hoch gegriffenen Nickname Apocalypse gegen etwas handzahmeres zu tauschen, eventuell vielleicht gegen Dark Phoenix – aber der ist schon vergeben, nämlich an die gute Jean Grey, die doch eigentlich, zumindest in den ursprünglichen Teilen, mit dem Raubein Wolverine liiert war. Doch von der wandelnden Adamantiumklinge ist weit und breit keine Spur mehr. Diesen von James Mangold inszenierten Abgesang in Farbe oder Schwarzweiß (Sie haben die Wahl!) kann keiner mehr toppen, das war Comic-Kino vom Feinsten, nämlich bis in den letzten Klingenschliff hinein so dermaßen handelsunüblich, das wohl kein anderer Filmemacher ähnliches wagen würde.

Und so ist es auch. James Kinberg lehnt sich bei seinem Zapfenstreich für eine ganze Generation Superhelden natürlich nicht weiter aus dem Fenster wie vom Gesamtkonzept des bereits existierenden, generischen X-Men-Universums vorgesehen. Das muss doch alles zusammenpassen, und keine Wege führen an Apocalypse vorbei, das heißt, hier muss angeknüpft werden. In der Optik, im Erzählstil, und überhaupt. Das hat schon seine begrüßenswerte Stringenz, da wünsche ich mir tatsächlich keinen Logan, das darf schon so bleiben, dass es aussieht, als hätten wir es mit einer hochbudgetierten Streamingserie zu tun (TV-Serie sagt man ja eigentlich nicht mehr, oder?), die so wie bei Avengers: Endgame oder Game of Thrones alles zu einem erträglichen Ende führen will, ohne bei der Fangemeinde allzu viel Sodbrennen zu verursachen. Nun, bei den X-Men ist die Fangemeinde nicht ganz so verbissen und dogmatisch wie bei Game of Thrones oder Star Wars. Drehbuchentscheidungen beim Mutantenpatchwork können gar nicht so sehr den Erwartungen quergebürstet sein, um Kontroversen zu entfachen. Da ist es eher egal, wie es endet, zumindest meinem Eindruck nach. Und auch X-Men: Dark Phoenix erleidet Verluste in den eigenen Reihen, die filmische Finals einfach mit sich bringen müssen, das sagt der gute Ton eines Schlussakkords. Kein Ende ohne Schrecken.

Dabei schreckt mich in X-Men: Dark Phoenix positiv betrachtet eigentlich gar nichts. Das letzte Kapitel rund um Sophie Turners Levitationen ist ein gestrafftes, direkt schon betriebsinternes Teambuilding, das sich den Kick fürs kommende Tabula Rasa aus dem extraterrestrischen Raum holt. Und dort gibt es ja bekanntlich jede Menge Intelligenzen, die einfach nicht an Gaja vorbeikommen können oder wollen, weil wir Menschen vielleicht doch etwas Einmaliges sind, vielleicht einmalig, weil wir uns so sehr mit uns selbst beschäftigen, dass Eroberungen jenseits des Sol-Systems noch lange nicht zur Debatte stehen. Das dürfte richtig niedlich sein, für all die eroberungswütigen Aliens. Und so lockt sie eine amorphe Energie in den Dunstkreis des blauen Planeten, die bei einer Rettungsmission unseres Mutantenkorps großen Gefallen an einer Telepathin findet, die gegen ihren Willen eine recht interdisziplinäre Begabungsförderung genießen wird. Entstehen wird Dark Phoenix, die verdrängte Traumata durchleben und sich entscheiden muss, wo ihre Skills wohl am Besten aufgehoben sind. Weiters im Mittelpunkt: der gute oder weniger gute Charles Xavier, der sich ebenfalls zu etwas durchringen muss, was seinem profunden Allgemeinwissen zwangsläufig zuwiderlaufen wird. Da ist das schauspielerische Können eines ganzen Ensembles gefragt, und Kinberg erreicht in dieser Hinsicht Qualitäten, die wir bislang fast nur von Joss Whedon kennen. Das Buffy-Mastermind kennt sich mit Teamgeist am besten aus, und Kinberg macht es ihm nach, mit sichtlichem Erfolg. Hier kommt keiner der Helden zu kurz, weder Beast noch Raven noch der fahrige Teleporter Nightcrawler, der überhaupt seine formschönsten Auftritte hat, vor allem in der Weltraumszene zu Beginn des Films.

Was zu kurz kommt, das ist die Geschichte dahinter, die den Stein der X-Men-Neuordnung überhaupt erst ins Rollen bringt. Die unbekannten Agressoren aus den Tiefen des Alls verkommen zu einer Variablen, die der Einfachheit halber so wie in gefühlt jeder Kino-Invasion Gestaltwandler sind. Das ist banal, und auch der Allmachtsdrang a la Apocalypse von Seiten der Antagonisten wenig durchdacht. Doch die Supervision der X-Men braucht dringend ein Handlungsgerüst, egal welches. Für dieses stellt sich Jessica Chastain als schlupflidriges Powerwesen in aschblondem Haar gerne zur Verfügung. Sophie Turner hat damit nebst ihren eigenen inneren Dämonen eine relativ ebenbürtige Gegnerin, ohne großen Background zwar, aber mit bekanntem Konterfei. Dem zuzusehen, und so, wie sich der wilde Haufen einer kraftvollen Elite zusammenrauft, das ist deutlich attraktiver als beim letzten Mal, spart sich am Ende auch langes Gesülze und muss niemandem die Liebe mal 3000 gestehen. Das ist recht pragmatisch, dafür aber auch ohne viel Verzettelung zu Ende erzählt. Vielleicht auch, weil Disney-Marvel schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, um auch diese Heldenclique schleunigst in das Cinematic Universe zu transferieren. Was dann folgen mag, ist vielleicht wieder ein kompletter Neuanfang, vielleicht sogar wieder mit Wolverine, der sich erneut in eine Jean Grey verguckt, die wir dann zum dritten Mal neu kennenlernen müssen.

X-Men: Dark Phoenix

Avengers: Endgame

THOSE WERE THE DAYS MY FRIEND…

6/10

 

avengers_endgame© 2019 Marvel Studios

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: ROBERT DOWNEY JR., CHRIS EVANS, SCARLETT JOHANSSON, CHRIS HEMSWORTH, JOSH BROLIN, PAUL RUDD, MARK RUFFALO U. V. A.

 

Unser Universum ist vermutlich unendlich. Ein anderes ist es nicht – und lotet gerade seine Grenzen aus. Wir sind da mit dabei, die Geeks des Comic- und Popkultur-Kosmos, die Serienjunkies und Freunde fiktiver Welten. Die Rede ist vom Marvel Cinematic Universe. Sein Ereignishorizont – zum Greifen nah. Jenseits davon eine nicht sichtbare, da alles Licht verschluckende Singularität, ein Nichtwissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Darüber sollten wir uns aber noch nicht den Kopf zerbrechen. Kommt Zeit, kommt Rat. Apropos Zeit – die ist für viele der liebgewonnenen Helden, die sich bis zum zehnten Jahr mit sämtlichem Gesocks der irdischen und interstellaren Welt herumschlagen mussten, abgelaufen gewesen. Im wohl besten Film des ganzen MCU – in Avengers: Infinity War – wurde die Marvel-Gemeinde mit einem völlig unerwarteten und vom Hocker fegenden Ende konfrontiert. Rund ein Jahr blieb also Zeit, diesen vorläufigen Status Quo überhaupt mal zu realisieren. Und um die Gewissheit zu erlangen, dass hier längst noch nicht aller Tage Abend sein kann. Denn – laut Christian Morgenstern – „kann nichts sein was nicht sein darf“. Also grübel und studier: was könnte das Schicksal denn noch nachträglich abwenden? Leerlauf genug, um sich seine eigenen Theorien zu schmieden. Wohl die meisten würden auf den gemeinsamen Nenner kommen, der irgendwie mit Zeit zu tun hat. Und spätestens nach Ant-Man and the Wasp war es beschlossene Sache – Marty McFly wird in irgendeiner Form grüßen lassen. Wenn schon nicht mit einem fliegenden De Lorean, dann zumindest mit dem profunden technischen Wissen eines Tony Stark oder Bruce Banner. Die Papas werden´s schon richten. Mit guter Hoffnung geht also das Finale Grande in die Zielgerade. Und hat den Ziellauf eigentlich schon hinter sich. Was bleibt: schön sachte auslaufen, nicht sofort stehenbleiben, den Jubel genießen. Wie das bei einem Marathon eben so ist, nämlich dass die körperliche Anspannung von rund 42 Kilometern oder 11 Jahren nicht einfach so ausgepustet werden kann.

Was ich damit sagen will – Avengers: Endgame ist wie das, was folgt, wenn das Zielbanner durchlaufen ist. Die letzten Meter Sprint, die hatten wir letztes Jahr. Das war anfeuern, bangen, mitfiebern, da war alles drin. Und das haben Anthony und Joe Russo genauso konzipiert. Mit voller Konzentration, um aufzuholen, niederzuringen, den Trumpf auszuspielen, den man noch in den Muskeln und im Equipment hat. Avengers: Infinity War ist ein Meisterwerk, weit besser als der oscarnominierte Black Panther, und von einer dramaturgischen Fingerfertigkeit, die anbetracht dieser monumentalen Riege an Stars und Sternchen punktgenau akzentuiert und erzählt wird. Das braucht schon Hirn- und Koordinationsschmalz – eine große Leistung. Hätte man Infinity War und Endgame zu einem fünfstündigen Epos zusammengeschmiedet, hätte sich das Regie-Duo sicher irgendwann verheddert. Oder wäre über ihren eigenen Perfektionismus gestolpert. Doch auch wenn – so wie de facto – Avenger: Endgame als eigenständiger Schlussakkord auf die Leinwand gewuchtet wurde, um dem Verheddern zu entgehen: dieser Stolperfalle entkommt er dann doch nicht. Mit dem Timing des Auf- und Abtretens der Charaktere stimmt so einiges nicht. Aus gewohnt geschmeidigem Rhythmus erklingen Misstöne, die gleichmäßig lodernde Fackel des Widerstands vor dem Endgegner flackert, und das durchaus kritisch. Da helfen zeitnah und akribisch eingeführte Asse im Ärmel als Standalone enttäuschend wenig – und machen ihren Platz in der bisherigen Anthologie der Superhelden ernüchternd irrelevant. Und der Antagonist selbst: der darf, damit das Drama funktioniert, frei wählen, wie stark er ist. Zum Leidwesen einer dem ohnehin Phantastischen inhärenten Logik.

Die To-Do-Liste bei den Avengers ist lang. Also Ärmel aufkrempeln, ran an die Arbeit, und am besten gestern. Multitasking, Kleingruppen und erhöhte Belastbarkeit. Das Ganze klingt wie das Bewerbungsprofil eines mittelgroßen Konzerns, der mit der Challenge am Markt mithalten will. Daraus entwickelt Avengers: Endgame den Anspruch, mehr als nur ein Film sein zu wollen. Vielleicht gleich zwei zusammen. Oder besser eine Miniserie, wie derzeit Game of Thrones. Die Westeros-Saga ist ja großes Kino im Fernsehen und funktioniert. Endgame ist aber großes Fernsehen im Kino – und setzt auf die inszenatorischen wie dramaturgischen Mechanismen einer Show, deren letzter, deutlich fahriger Akt in viele kleine zersplittert und auf einen orchestralen Tusch hinsteuert, der dann sein Publikum wohlkalkuliert in die Sitze drücken soll. Doch, mitunter tut er das ja auch. Aber so richtig packend ist etwas anderes. Und dafür gibt es zwei Gründe, nebst den bereits genannten.

Abgesehen davon, dass mir wirklich keiner – und das wage ich zu behaupten – erklären kann, wie das alles technisch funktionieren soll, und noch dazu in so kurzer Zeit, ist erstens die Wahl der Mittel zur Lösung aller Probleme eine, die Tür und Tor öffnet für die willkürliche Abänderbarkeit gegebener Umstände. Wie das Zurückblättern in einem Spielbuch darf zurechtgerückt werden, bis alles passt. Und das nimmt dem Drama etwas die Würze, schwerwiegenden Entscheidungen die zu ertragenden Konsequenzen. Und zweitens? Avengers: Endgame rekapituliert drei Stunden lang zehn Jahre MCU auf eine Weise, die alle Nichtkenner und sei es auch nur von einzelnen Episoden das eine oder andere Mal sicherlich verwirrt zurücklässt. Endgame ist also nichts, was aus dem Infinity-Kontext gerissen werden kann (Wer sich das aber trotzdem antut, dem wird vieles entgehen). Was wir sehen, ist eine Retrospektive von Iron Man bis Captain Marvel, betreten scheinbar interaktiv viele der Filme, die uns zu Recht begeistert haben – und sehen sich eigentlich nicht wirklich Neuem gegenüber. Das Neue ist das überraschend Alte, kleinteilig verwoben in einem einzig nur wählbaren, und daher auch erwartbaren Fortgang einer Geschichte, deren Dynamik seit eh und je in den Details steckt. Was mitunter gut ist, und wo Widersehen auch Freude macht. Doch die Kompromisslosigkeit von Avengers: Infinity War ist fort, die theatralische Dichte einem augenzwinkernden Heist-Movie gewichen, das durchaus großes Vergnügen macht, aber in fast rührender Wehmut vor sich hinplätschert, mit ganz viel Dialog, langen ruhigen Sequenzen und zwischendurch einigen dramatischen Spitzen, die wie schon erwähnt so typisch Serie sind, dass sich im Kino am Stück seltsame Längen einschleichen. Sind die überwunden, kommt das Ende vom Ende, kolossal wie Herr der Ringe und so bunt und angeräumt wie die Vitrine in einem Comicbuchladen. Was zu erwarten war, so wie der unvermeidliche Appendix eines rührseligen Pathos, leider ganz typisch Hollywood. Wenn die großen Gameplayer der Unterhaltung etwas beenden, dann nicht ohne Zapfenstreich. Der ist also jetzt verklungen, und das Ende ist ein neuer Anfang. Ich liebe Marvel, und all die Kritik hier ist aus einer wohlmeinenden Affinität heraus notiert, die eine ganz bestimmte Hoffnung niemals zerstreuen könnte. Nämlich jene, dass das MCU vielleicht doch unendlich ist.

Avengers: Endgame

Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN!

7,5/10

 

asterix_zaubertrank© 2019 Universum Film GmbH

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: ALEXANDRE ASTIER, LOUIS CLICHY

MIT DEN STIMMEN VON: CHRISTIAN CLAVIER / MILAN PESCHEL, GUILLAUME BRIAT / CHARLY HÜBNER, FLORENCE FORESTI U. A.

 

Was die Mickey Mouse in den USA, ist Asterix, der Gallier in Europa – die wohl populärste Comicfigur jenseits von Entenhausen, gleichermaßen ein augenzwinkernder Hit für Jung und Alt und die Erfolgsstory eines unbeugsamen Haufen weniger, die sich gegen die Übermacht eines diktatorischen, militärisch straff organisierten Imperiums stellen. Die kleinen Leute von nebenan also, die Fisch verkaufen, Hinkelsteine schlagen und auf Wildschweinjagd gehen. Einfach, bodenständig und rustikal. Dabei mit einer Bauernschläue ausgestattet, die in den gallischen Wäldern und darüber hinaus ihresgleichen sucht. Womöglich würden sie auch gegen das römische Heer bestehen, hätten sie nicht diesen Trank, der zumindest temporär unbesiegbar macht. Wie der herzustellen ist, weiß keiner. Nur Miraculix. Doch was, wenn Miraculix beim sagen wir mal Mistelschneiden unglücklich fällt und das Zeitliche segnet? Müssen sich Majestix, Verleihnix und Co dann selber helfen? Müssen sie dann so tun, als ob sie klein beigeben würden? Diesen an die Wand gemalten Teufel, den will der Druide mit dem Rauschebart nicht wahr werden lassen – und macht sich auf die Suche nach einem Nachfolger. Dumm nur, dass der Finsterling Dämonix genauso ans Geheimrezept kommen will wie viele andere im Karnutenwald (der übrigens für Nicht-Druiden und Frauen tabu ist). Der sich aber gar nicht mal erst die Mühe macht, sich um die Nachfolge zu bewerben wie alle anderen, die vom Dünger bis zum Vergrößerungstrank alles in petto haben, was bei Miraculix Eindruck schinden könnte.

Und mit diesem durchaus ausbaubaren roten Faden, der sich ungeschaut sehr einfach mit einem ganzen vergnüglichen Plot vernetzen lassen kann, haben die Regisseure Alexandre Astier und Louis Clichy nach der gelungenen 3D-Animation Asterix im Land der Götter rund um Heft Nr. 17 – Die Trabantenstadt – ein Abenteuer entworfen, das diesmal gar nicht auf bestehende Comic-Vorlagen zurückgreift. Das macht aber gar nichts. Wir wissen, das hat doch schon bei Asterix erobert Rom bestens funktioniert. Da mussten Asterix und Obelix ähnliche 12 Aufgaben erfüllen wie seinerzeit Herakles. Der äußerst humorvolle Zeichentrickklassiker aus dem Jahre 1976 ist klug, augenzwinkernd und liebevoll erzählt – und atmet auch von vorne bis hinten den versponnenen Geist einer von Legenden umwobenen Antike, wie sie Odysseus erlebt hat, stets aber immer mit Seitenhieben und Querverweisen auf Eckpfeiler der europäischen Geschichte, auf die Gesellschaft (von heute) und der Popkultur.

Nicht ganz so bahnbrechend kreativ, aber dennoch liebevoll detailliert ist die Episode Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks geworden. Und trotz der offensichtlichen Vorhersehbarkeit, die Asterix-Abenteuer immer begleitet – den jeder weiß, dass am Ende das große Fressen unter dem Sternenhimmel wartet – lebt auch dieser Film von den kleinen, beiläufigen Running Gags, die gar nicht mal wirklich den eigentlichen Plot vorantreiben, sondern die Odyssee quer durch das zukünftige Frankreich zu einem der lustigsten Filme der letzten Zeit machen.

Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks ist von einer charmanten, entspannten gallischen Lässigkeit beseelt, schiebt mit einer an den Holzpalisaden des Dorfes gelehnten Zuversicht kleine, augenzwinkernde Wuchteln aus dem Ärmel und vergisst dabei aber auch nicht darauf, die kleine, feine Geschichte rund um das meistgehütete Rezept des antiken Universums ohne Drängen hinter sich herzutragen wie Obelix seine Hinkelsteine. Denn es kommt, wie es kommen muss, ganz von alleine. Davon können sogar die Wildschweine ein Liedchen singen, die diesmal nicht nur Freiwild sind. Und das Panoptikum der unterschiedlichsten Druiden des Landes ist sowieso der herzerfrischende Höhepunkt dieser phantastischen Welt der Kartoffelnasen und dünnbeinigen Römer, der schlecht singenden Barden und bärtigen Männer mit gut genährten Wänsten, die eigentlich schon wissen müssten, dass das Geheimnis des Zaubertranks eigentlich der ist, dass dieser niemand anderen in den Genuss seiner Wirkung kommen lässt als jene, die ihn redlich verwenden wollen.

Dass am Ende dann die Magie der Sichelträger zum wiederholten Male ausufert und menschliche Formate sprengt, mögen manche vermutlich übertrieben und albern finden – aus meiner Sicht entspricht auch das dem Look and Feel von Asterix. Es ist nicht das erste Mal, dass durch den Trank der Tränke manches aus dem Ruder läuft, sofern es der Trank ist, der all das Irreale bewirkt. Und so lange die Piraten immer noch baden gehen, was man nicht oft genug sehen kann. Mit Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks haben die Fans der gewieften Helden mit Flügelhelm und Streifenhose ein autarkes, pfiffiges Spin Off der Heftreihe in wunderbar smoother, plastischer Wachsfiguren-Optik auf die Leinwand gezeichnet bekommen, das alles richtig macht und in Erinnerung an manche Szenen lange danach immer noch schmunzeln lässt.

Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks

Hellboy – Call of Darkness

KANALRÄUMEN IM MÄRCHENWALD

5,5/10

 

HB_D44-7761.ARW© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: NEIL MARSHALL

CAST: DAVID HARBOUR, MILLA JOVOVICH, IAN MCSHANE, DANIEL DAE KIM, SOPHIE OKONEDO, SASHA LANE U. A.

 

Das Zeitalter der Smartphones ist nichts für Dämonen wie Anung Un Rama, besser bekannt als Hellboy und investigativer Ermittler in Sachen paranormaler Umtriebe. Da braucht es schon Fingerspitzengefühl, und das hat der rote Kerl zumindest rechtshändig nicht wirklich. Da kann schon das eine oder andere teure Teil aufgrund überstrapazierter Wischfunktion zum sprichwörtlichen Teufel gehen. Wenn schon die Usability mangelnde Feinmotorik um Social Media bemühte Dämonen mit technischer Verachtung straft, muss wenigstens das Kino offen sein für ein Reboot, welches der zynischen Rothaut aus der Hölle grobmotorisches Hämmern und Dreschen gewähren lässt und von mir aus jede Menge kaputter Elektronik in Kauf nimmt, nur um einen gestandenen Kerl aus einem katzenverliebten und fernsehsüchtigen Sonderling zu machen, den wir unter Guillermo del Toros Regie lieben gelernt haben. Mitsamt seinem Compagnon, Fischling Abe Sapien und der Feuerlady Liz. Was war das für ein Trio, beeindruckend und schön anzusehen, souverän gegen die sinisteren Machenschaften anderer Kreaturen, die in ihrer Ästhetik kaum zu übertreffen waren. Guillermo del Toro hat dann doch lieber die Splish Splash-Poesie The Shape of Water gedreht und Oscars dafür kassiert. Seinen Hellboy, den hat er schmählich im Stich gelassen, wo er doch vermutlich selbst gewusst haben muss, dass niemand sonst die mythische Dark Fantasy jemals wieder so meisterlich aus den Grunge-Niederungen emporheben wird können. Hellboy-Schöpfer Mike Mignola wusste das auch. Oder gerade, weil er es wusste, sollte der Ansatz für weitere metaphysische Abenteuer ein anderer sein. Vielleicht näher an der gezeichneten Vorlage. Und weniger verspielt, dafür viel blutiger, dreckiger, derber. Könnte funktionieren, auch um nicht dauernd den comicfilmgeschichtlich relevanten Zweiteiler Del Toros im Hinterkopf zu haben. Allein – die Rechnung geht nur bedingt auf. Und der Vergleich mit Ron Perlman lässt sich leider – oder trotzdem – nicht unterdrücken.

Mike Mignola hatte, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, das alles wirklich so gewollt. Auf sein Bestreben hin wurden Neil Marshall und David Harbour dann wirklich die zweite Wahl für eine krude Schlachtplatte, die wenig zimperlich legendäre Mythen aus Sagen- und Märchenwelt auf einen Nenner herunterbricht, der sich letzten Endes nicht ganz entscheiden kann, ob er absichtlich trashige Low Fantasy sein will oder doch noch mit der schillernden, kreativen Epik aus dem Hexenkessel des Spaniers kokettieren soll. Im Mittelpunkt: die Figur des Hellboy selbst, penibel maskiert und aufgepumpt zu einem martialischen Schrank von einem Mann mit abgesägten Hörnern und versifftem Columbo-Gedächtnismantel, natürlich mit Luke für seinen peitschenartigen Rattenschwanz. Harbour ist als Neuansatz der Figur gar nicht mal so anders als Ron Perlman. Vielleicht etwas versoffener, weniger herzlich und deutlich lebensunlustiger. Ein Anti-Held wie aus einem Film Noir, der fast schon darunter leidet, unkaputtbar zu sein und nur mit Projektilen, zusammengemixt aus heiligen Reliquien, verwundbar scheint. Ein bisschen erinnert das an den Charakter von Tom Ellis als Lucifer aus gleichnamiger Serie. Nur Lucifer selbst ist der Leibhaftige, während Hellboy ein Mischwesen ist, im Grunde aber dessen Sohn, und darüber hinaus Erbe von etwas ganz anderem, das in Hellboy – Call of Darkness zum Thema wird.

Vieles dreht sich um die spätrömische Mittelalter-Ikone in Gestalt von König Artus, welcher Blood Queen Nimue (wer sonst außer Milla Jovovich sollte sie verkörpern?) am Pendle Hill nach ausgiebiger Blutspende zerstückelt und in alle vier Winde verstreut hat. Rund die halbe Weltgeschichte später versucht das boshafte Frauenzimmer erneut, mithilfe eines aufrecht gehenden Warzenschweins, das irgendwie aus dem Kreaturenfundus der Ninja Turtles entkommen zu sein scheint, unseren Planeten für all den monströsen Abschaum aus der Unterwelt wohnlich einzurichten. Welche Rolle Hellboy dabei spielt, bleibt an dieser Stelle natürlich ein Geheimnis, doch es braucht eine Weile, bis der von inneren Krisen gebeutelte Freak seinen Vater-Sohn-Konflikt hintenanstellt, um die Sache in die steinerne Hand zu nehmen. Und die ist, wie wir wissen, für Feinheiten nicht zu haben. Neil Marshalls Film auch nicht.

Der Film fühlt sich an wie Bloody Mary ohne Kater, schmeißt von Riesen über kinderfressende Hexen bis zu Heeren an spitzohrigen Kobolden viel Potenzial respektlos in einen Topf und kocht ein Süppchen, das wild fabulierend und gestikulierend einiges an dramaturgisch stimmigem Taktgefühl niederrennt und mit wild schwingenden rostigen Klingen Extremitäten über die Leinwand schleudert, als wären wir Gast im Titty Twister. Da fällt mir wieder Robert Rodriguez ein, der sich durchaus auch mit Hellboy vertragen hätte. Das von ihm und Tarantino so verehrte Grindhouse zwischen Machete und Planet Terror hätte nun mit Hellboy – Call of Darkness nämlich einen weiteren Knüller im Spätabendprogramm einiger Bahnhofkinos. Für übernachtige Nerds, die klassische Mythen gerne mit creepigem Grusel und schlampigen CGI-Effekten im Handgemenge eines Monster-Wrestling-Parcours verkeilt sehen, ein gefundenes Fressen mit fettigen Fingern. Der Weg dorthin führt mitunter durch die stehenden Blutlachen eines Warhammer-Schlachtfelds. Del Toro´s Kreationsstil bleibt aber dennoch zumindest ansatzweise gewahrt, ganz besondes in der atmsophärisch wohl gelungensten Szene des Filmes im Hexenhaus der Hexe Baba Jaga oder in den alptraumhaften Giganten, die gelegentlich aus den Erdspalten steigen. Ein kleines bisschen Rest an künstlerischer Raffinesse, wie Balsam auf rissiger Haut.

Dieses Wirrwarr allerdings entbehrt nicht ein gewisses Vergnügen an der reinen Lust durcheinanderplappernder hässlicher Schauermärchen, die wahnsinnig weit entfernt sind vom Marvel- oder DC-Kosmos und durch ihre räudige Rauflust einen ganz eigenen Stil entworfen haben, der ab heute ganz allein Hellboy gehört. Wegnehmen wird es ihm niemand.

Hellboy – Call of Darkness