Krampus

DAS FEST DER HIEBE

6/10

 

krampus© 2015 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, NEUSEELAND 2015

REGIE: MICHAEL DOUGHERTY

CAST: ADAM SCOTT, TONI COLETTE, CONCHATA FERRELL, EMJAY ANTHONY, KRISTA STADLER U. A.

 

Doch für die Kinder nur, die schlechten, Die trifft sie auf den Teil, den rechten – Theodor Storm, der alte Lyriker aus dem 19. Jahrhundert, der hat es schon immer gewusst. Das „bisserl brav sein“, wie es unser aller Kaiser immer wieder gerne betont, zahlt sich einfach aus, vor allem in der Vorweihnachtszeit, wenn der heilige Mann aus Myra wieder sein Säckchen schultert und häusliche Stuben entert. Mit ihm sowohl im Schlepptau als auch in seinem Schlagschatten: die Kehrseite des weißbärtigen Alten, der Krampus oder Kramperl, der Knecht Ruprecht, wenn wir den Dämon aus der Unterwelt namentlich besänftigen wollen. Bei unseren Urgroßeltern womöglich noch Feindbild Nr. Eins in der kalten Jahreszeit, und wenn die Schläge mit dem Rohrstaberl während des Unterrichts nicht genügt haben, dann gab’s das Kettenrasseln und ab in den Sack.

Michael Dougherty hat sich diesen Weihnachtslegenden aus dem Alpenraum angenommen, sämtliche Perchtenläufe rund um den fünften Dezember von Bregenz bis in die Voralpen hinein studiert und einen fiesen, kleinen Fantasy-Alptraum gebacken. Im Mittelpunkt: eine mehr schlecht als recht biedere Familie, die sich gerade mal gegenseitig duldet und mit sekkanten Spitzen nicht hinterm Berg hält. Von dort aber, von drauß‘ vom Walde, wie es so schön heißt, wuchtet sich eine urtümliche, steinalte Kreatur Richtung Wohnsiedlung, mitsamt einer aufmüpfigen Entourage aus knorrigen Elfen, die an Terry Gilliams Eskapaden erinnern, und die noch dazu bissfreudiges Spielzeug herankarren. Warum? Ganz einfach: der Junge, um den es hier geht, der wünscht sich das Weihnachten von damals zurück, und da keiner mehr aus der ganzen Sippschaft an das Fest der Liebe glaubt, zerreißt er den Brief an den Weihnachtsmann voller Wut und streut die Fetzen Papier in den Nachthimmel. Natürlich ein Affront gegen all das Mythische zwischen Allerheiligen und Dreikönigstag. Das kann so einer wie der Krampus nicht auf sich sitzen lassen. Und holt sie alle, allesamt. Einzig die in westösterreichischem Dialekt faselnde Omi (Austro-Akteurin Krista Stadler in ihrem Hollywood-Debüt!) kennt den gehörnten Anti-Nikolo schon von früher – und bewahrt im Gegensatz zu allen anderen Weihnachtsgästen des Hauses noch am ehesten Countenance.

Eines ist klar: Krampus ist nichts für Kinder. Weder der Krampus an sich noch der 2015 veröffentlichte Film, der etwas an die finnische Fantasygroteske Rare Exports erinnert, allerdings eindeutig willensstärker die Kerbe Richtung Annabelle einschlägt. Was da in den von Mister Unbekannt dagelassenen Präsenten steckt, will man nicht in der Wohnung haben. Und das man glaubt, mit Faust- und Handfeuerwaffen so finsteren Mächten wie diesen Herr zu werden, bleibt frommes Wunschdenken. Entkommen lässt sich den sprichwörtlichen Hieben auf den Allerwertesten nicht, und wenn sich der mächtige Rutengänger durch den Kamin schiebt und sein durch ganz viel Bad Karma entstelltes Weihnachtsmann-Konterfei zeigt, lässt sich Grauen mit weihnachtlicher Vorfreude auf eine erquickende, reizvoll unheimliche Art verbinden, die man so selten gesehen hat. Vielleicht, weil man es gar nicht sehen will. Seltsam ungerechtfertigt allerdings ist die Wucht des Verderbens, die über eine Familie hereinbricht, die sich im Grunde bis auf einer gewissen Weihnachtsüberdrüssigkeit nichts zuschulden kommen hat lassen. Dass sie dennoch so sehr dafür büßen muss, dass die Geister der Weihnacht rigoroser oder genauso rigoros austeilen wie Jahwe aus dem Alten Testament, hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit, und vergeblich sucht man einen gewissen Kodex, oder sowas wie einen Deal zwischen Gut und Böse, den es anscheinend aber gar nicht gibt, weil der Nikolo womöglich selbst schon die Mitra an den Nagel gehängt hat.

Krampus

Frankensteins Braut

DIE HAARE ZU BERGE

7/10

 

frankensteinsbraut© 1935 Universal Studios

 

LAND: USA 1935

REGIE: JAMES WHALE

CAST: BORIS KARLOFF, COLIN CLIVE, VALERIE HOBSON, ELSA LANCESTER, ERNEST THESIGER U. A.

 

Kaum eine Nacht blieb so nachhaltig legendär wie jene auf dem Anwesen des Schriftstellers Lord Byron, wo dieser höchstselbst mit dessen Leibarzt John Polidori und dem Ehepaar Shelley bei Nacht, Sturm und Gewitter einen Wettstreit um Gruselgeschichten führte. In diesen paar Stunden trauter Stimmungsmache dürfte wohl die Grundidee zu Frankenstein entstanden sein, ebenfalls der Roman Vampyr, den Polidori zwar ersonnen, von Byron aber des Plagiats bezichtigt wurde. James Whale nimmt in der Fortsetzung seines Klassikers aus den 30er Jahren jene Zusammenkunft zum Anlass, um die blutjunge Mary Shelley eine Fortsetzung zu ihrem Bestseller erzählen zu lassen – nämlich Frankensteins Braut. Etwas hat also überlebt. und alle, die mit Frankenstein bereits eine Mußestunde fürs Retrokino genossen haben, möchten meinen, dass Frankensteins Monster in der brennenden Windmühle wohl nicht überlebt haben kann. Hat es doch. Und es ist wütend. Wäre ich auch, wäre ich das Monster. Keiner liebt mich, keiner will mich, jeder will mir an die Schrauben. Boris Karloff wäre mit einem einmaligen Auftritt als Kultmonster wohl sowieso nicht zufrieden gewesen. 4 Jahre später soll dann noch die letzte Episode mit ihm als finsterer Quadratschädel in die Kinos kommen – Frankensteins Sohn. Aber den hebe ich mir für nächstes Halloween auf.

Die geschundene, gedemütigte Kreatur irrt also nach dem Showdown in der Mühle durch die Lande, hungrig, durstig, müde. Und keine Menschenseele ist gewillt, dieser Schreckgestalt menschliche Grundrechte zuzugestehen. Das Monster muss sich also selbst nehmen, was es braucht, sonst gibt´s kein Morgen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner, das muss sich der klobige Riese mit den mächtigen Stiefeln wohl hinter die angenähten Ohren schreiben. Aber nicht alle Menschen sind schlecht. Boris Karloff wiederfährt auch diese Erkenntnis, doch leider viel zu kurz. Eine traurige Geschichte, wäre da nicht ein sinisterer Wissenschaftler namens Prätorius, der den traumatisierten Dr. Frankenstein dazu zwingt, nochmal durch die Hölle neuen Erschaffens zu wandeln. Wenn es schon einen künstlichen Adam gibt, dann darf eine Eva nicht fehlen. Wer macht schon gerne halbe Sachen? Und das Monster freut´s obendrein, denn dann wäre es nicht mehr ganz so allein. Der Good Will geht da mit dem Fanatismus Hand in Hand, und das ethische Gewissen hält brav die Klappe.

James Whale findet in seinem Sequel zum Original aus dem Jahr 1931 einen wunderbaren Zugang. Auch wenn der knapp 80 Minuten lange Streifen bereits schon 84 Jahre auf dem Buckel hat, erstaunt es, wie stilsicher der Brite seinen Gruselklassiker inszeniert hat. Wobei: auf der Gruselskala erreicht Frankensteins Braut wohl nicht mal die goldene Mitte, mittlerweile gruseln uns in Film und Fernsehen ganz andere Sachen und längst nicht mehr die Ikonen des Schwarzweißhorrors. Doch man staune: Der gediegene Schloss-und-Riegel-Grusel, den sich Whale hier mit aufwändigen Kulissen und ganzen Indoor-Waldszenen für eine Menge Dollars bezahlen lässt, hat nach so vielen Jahrzehnten nichts von seinem Charme verloren. Und für damalige Sehgewohnheiten dürfte dieser Blockbuster tricktechnisch sehr wohl State of the Art gewesen sein. Highlight ist ohnedies das Erwachen von des Monsters besserer Hälfte als die schillernde Geburtsstunde der wirren Stehfrisur, quasi der Grundstein der Gothic-Matte für Damen, mitsamt silbernen Strähnchen. Wie Elsa Lancaster als frisch geteaserte Königin der Untoten in mechanisch anmutenden Rundblicken ihre Umwelt wahrnimmt, ist nach wie vor eine kleine Sternstunde filmischen Expressionismus, die die Werke Robert Wienes oder Friedrich Wilhelm Murnaus ehrt. Der verwirrten Braut zur Seite natürlich Boris Karloff, der sich aber nur noch Karloff nennt, und beide zusammen sind, ob sie es wollen oder nicht, das wohl schaurig schönste Paar, wenn es ums Tindern von Freaks geht.

Frankensteins Braut

Cronos

DIE MADE IM SPECK DER EWIGKEIT

6,5/10

 

cronos© 1993 CNCAIMC

 

LAND: MEXIKO 1993

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

CAST: FEDERICO LUPPI, RON PERLMAN, CLAUDIO BROOK, TAMARA SHANATH U. A.

 

Die Idee zu seinem Langfilmdebüt dürfte Guillermo del Toro wohl am Flohmarkt gekommen sein, oder bei einem Antiquitätenhändler. Davon gibt es sicher viele in Mexiko Stadt. Was man da allerlei Kurioses in die Finger bekommt, von dem man nicht mal weiß, wozu diese Artefakte überhaupt gut sein sollen. Da wird das Stöbern in alten Sachen tatsächlich zum Abenteuer. Kann also sein, dass der junge Guillermo irgendwann mal ein seltsames goldenes Ei im Sammelsurium sämtlicher Verlassenschaften zu Gesicht bekommen hat. Fabergé wird’s wohl nicht gewesen sein, vielleicht aber tatsächlich etwas Geheimnisvolles, etwas, dass sich durch einen versteckten Mechanismus hätte öffnen lassen. Ein schöner Ansatz für eine mysteriöse Geschichte, für eine Art Märchen zwischen Leben und Tod, zwischen Okkultem und den Schwächen der menschlichen Seele. Sein Hang zum Phantastischen, der wurde 2018 fürstlich mit dem Oscar belohnt – The Shape of Water war eine Liebensgeschichte zwischen dem Fremden und dem Vertrauten, zwischen dem Schwachen und dem Furchteinflößenden, weil Unbekannten. Die dunkle Seite der Fantasie, die kaum erschlossene Sphäre des Versteckten, Gejagten, die beschäftigt del Toro seit jeher. Sein Oscar-Film ist da sogar noch die versöhnlichste Version seiner (Alp)träume, meist sind es aber auch Geister, Vampire und Untote, die auf der Suche nach Erlösung sind.

In Cronos sind es die Sterblichen, oder sagen wir: ein Sterblicher, ein sogar schon etwas in die Jahre gekommener Antiquitätenhändler, der im Fundus seiner Altwaren eben jenes güldene mechanische Ei zu Tage befördert, dass ein seltsames Lebewesen in sich birgt – eine Larve, ein üppiges Insekt, dass die Fähigkeit besitzt, ewiges Leben zu schenken. Natürlich nur unter der Voraussetzung, gewisse Dinge und strenge Regeln zu beachten. Diese stehen in einem Buch, das wieder ganz wer anderer besitzt, der allerdings wieder das Ei sucht, und bei der Suche nach diesem Cronos-Apparat vor nichts zurückschreckt. Und da alle irgendwie ewig leben wollen, ist es in Folge schwierig, jeder Partei, die hier im Spiel ist, gerecht zu werden. Am ehesten noch Ron „Hellboy“ Perlman, der eigentlich nur seine Visage verschönern und gar nicht mal unsterblich werden will.

In diesem Vampir-Kleinod aus den frühen 90er Jahren steckt schon so Einiges, was Guillermo del Toro später in seinen weiteren Filmen gekonnt variiert. Das Paranormale fremdartiger Geschöpfe, der Mythos rund um die Unsterblichkeit, das stimm- wie wehrlose Mädchen mit einer Mission (z.B. Pans Labyrinth) oder der Stachel im Fleisch des Opfers (The Strain). Aber ist das schon Horror? Wenn jemand anderer mit diesen Versatzstücken hantiert hätte, dann ja. Bei del Toro genießt diese Finsternis eher eine seltsam wärmende Vertrautheit, etwas intensiv Poetisches, Folkloristisches, Opernhaftes. Auch Cronos schlägt in seiner Ausstattung, in seiner malerischen Farbgebung und bühnenhaften Opulenz bereits den stilistischen Weg für die nächsten Jahrzehnte filmischen Schaffens ein, und es soll del Toros Schaden nicht sein, seine Schauergeschichten auf diese melodiöse Art zu erzählen. Und ja, diese Art des Filmemachens ist eine Rückbesinnung auf ein Kino des Damals, was nicht heißen soll, dass die Erzählweise dieser Werke einem konservativen, vielleicht gar altbackenen Kanon folgt. Viel mehr zitiert Cronos neben all seinen morbiden Gleichnissen die Schnoddrigkeit früher Gangsterfilme aus der Epoche des frühen Film Noir. Dieser Mix ist es, der dem ganzen Setting seine unverwechselbare Note verleiht, dass sich seltsam, aber profitabel zu- und ineinander fügt. Für Fans des mexikanische Phantasten ist Cronos fast schon ein Muss, für Liebhaber des gediegenen Blutdurst-Grusels, die zum Beispiel auch Tony Scotts Begierde mit David Bowie mochten, ein im wahrsten Sinne des Wortes aufgewecktes Stück geschmackvolles Genrekino, wenn auch im Abgang etwas metallisch…

Cronos

Cold Skin

VIELE SIND EINE INSEL

5/10

 

coldskin© Tiberius Film 2018

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN 2018

REGIE: XAVIER GENS

CAST: RAY STEVENSON, DAVID OAKES, AURA GARRIDO U. A.

 

Leuchtturmwärter in Kunst und Kultur sind ganz eigene Persönlichkeiten. Vorwiegend Eigenbrötler, Eremiten, vielleicht auch Misanthropen. Oder nur Leute, die zumindest eine Zeit lang zwar nicht ins Kloster gehen wollen, um dort innere Einkehr zu pflegen, sondern inmitten einer entfesselten Natur, insbesondere nah am Meer, mit sich selbst ins Reine kommen möchten. Zumindest im Kino ist das so. Und im Kino sind diese Leuchttürme vorwiegend auf Inseln oder Halbinseln errichtet, weitab vom Schuss, im Nirgendwo. Auch in Cold Skin geht es um dieses Nirgendwo. Und das ist eine Insel vulkanischen Ursprungs, wo nichts ist außer Sturm, Gischt und rheumafreundliche Feuchtigkeit, die in die Knochen kriecht. Wer will das schon? Nun, in diesem Fall ein an Robinson Crusoe erinnernder Kauz, der, versoffen und textilfrei die Tage im Bett verbringt, und den neu angereisten Meteorologen, der Windmessungen vornehmen soll, am Liebsten dumm sterben lassen will.

Warum dumm sterben? Nun, diese Insel hat ein Geheimnis, dessen Kenntnis fürs Jobprofil nicht unwichtig gewesen wäre: jenes über eine fremde, fischähnliche Spezies, die scheinbar willkürlich – vor allem des Nächtens und zu Scharen – das einzig gemauerte Gebäude auf diesem unsäglichen Stück Fels mit rätselhafter Verbissenheit attackiert. Und nicht nur dieses, auch die Bude des nichtsahnenden Wissenschaftlers, der glaubt, sich in einem nicht enden wollenden Albtraum zu befinden, spätestens dann, wenn blaugraue Hände mit Fischhäuten durch den Türspalt greifen. Am Ende bleibt nur noch die Bastion des als wehrhafte Festung hochgerüsteten Leuchtturms, in dem beide, der Wärter und der Wettermann, vor den fremdartigen Froschkerlen Zuflucht suchen. Und sich regelmäßig zur Wehr setzen.

Ob diese humanoiden Lungen- und Kiemenatmer den beiden verkorksten Herren wirklich ans Leder oder etwas ganz anderes wollen – das ist eine Frage, zu deren Klärung es niemals kommen wird, zumindest vorerst nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass das rabiate Verhalten dieser Wesen die Reaktion auf eine Aktion ist, die in unbeobachteter, näherer Vergangenheit wohl eher xenophob veranlagt war. Diese Furcht vor dem Fremden ist die parabelhafte Essenz dieses phantastischen Märchens, das so verstohlen kokettiert mit dem schmucken Kreaturenkino eines Guillermo del Toro. Nur schade, dass dieser die Verfilmung des Buches von Albert Sánchez Piñol nicht selbst übernommen hat. Wäre naheliegend gewesen, nach seinem großartigen Shape of Water und seinem Know-How, was Amphibienwesen betrifft. Womöglich wäre das ein beeindruckendes Epos geworden, in liebevoller Huldigung an die Swap Thing-Ära. Doch leider leider – der Horrorfilmer Xavier Gens war am Ruder, und er hat aus dem naturgewaltigen Stoff einen unausgegorenen Brocken Treibgut herangekarrt, grob verzahnt und nur peripher interessiert an seinem eigenen Thema. Dafür aber ist das Ganzkörper-Make up der seltsamen Wesen ein Hingucker in Sachen dermatologischer Jumpsuits. Die Haptik dieser Cold Skins ist förmlich fühlbar, das ganze Gehabe dieser fischzahnigen Wesen – insbesondere Aura Garrido als das amphibische Sklavenmädchen Aeneris – ein Must-Explore für jeden Humboldt-Abenteurer, der umso obsessiver wird, je fremdartiger die Dinge werden, die er entdeckt. Überhaupt könnte Cold Skin mitsamt seines historischen Settings aus der Feder eines H.G. Wells oder Jules Verne aufs Papier gebracht worden sein. Sogar ein bisschen Moby Dick schwingt hier mit – aber was heißt ein bisschen: Leuchtturmwärter Gruner gebärdet sich wie seinerzeit Captain Ahab, um das, wovor er sich fürchtet und nicht fassen kann, zu bekämpfen. Das ist unterm Strich eine moralische Mär, mit durchaus philosophischen Ansätzen, die aber auf fahrige Art und Weise trotz wildromantischer Bilder ihrer eigenen Aufgabe etwas zu wenig Respekt zollt.

Cold Skin

The Dead Don´t Die

NUR NICHT DEN KOPF VERLIEREN

6/10

 

THE DEAD DON'T DIE© 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 

LAND: UDA 2019

REGIE: JIM JARMUSCH

CAST: BILL MURRAY, ADAM DRIVER, CHLOË SEVIGNY, STEVE BUSCEMI, SELENA GOMEZ, DANNY GLOVER, TILDA SWINTON, TOM WAITS, IGGY POP U. A.

 

Schon mal was von Sturgill Simpson gehört? Ein Singer und Songwriter relativ späten Baujahres, vorwiegend Country. Gut, das ist ein Genre, mit dem muss man etwas anfangen können. Das muss man wollen, dieses schmerzliche Romantisieren, dieses intonierte Fernweh an Orte ohne Wiederkehr. Das ist ein bisschen wie das Wienerlied, nur amerikanisch. Sturgill Simpson, der klingt, als wäre er ein Zeitgenosse von Johnny Cash gewesen – ist er aber nicht. Der Musiker aus Kentucky, der könnte mit Jim Jarmuschs neuen Film aus eng gezogenen Kennerkreisen zu höherer Bekanntheit aufsteigen – mit seinem Song The Dead Don´t Die. Mit diesen saitenbewegenden Klängen, und mit bunter Retro-Typo vor schwarzem Hintergrund, damit betritt Amerikas kultigster Autorenfilmer abermals ein Terrain, auf dem er sich bereits 2013 erstaunlich gut zuerechtfand. Aufgrund dieser Trittsicherheit macht sich nun nochmal weihnachtliche Vorfreude breit, in Erwartung, etwas ähnlich neu Intepretiertes vorgelegt zu bekommen. Dieses Terrain, das ist jene des mythenbesetzten Grusels, bevölkert von den Kindern der Nacht, den Untoten. In Only Lovers Left Alive durften Tilda Swinton und Tom Hiddleston im Cure-Look die schlechten Zeiten für Vampire beklagen. Traumverloren und scheinbar nicht von dieser Welt, völlig deplaziert in einer Gesellschaft, die des Tages lange Stunden nutzt und mit Ewigkeit nichts anfangen kann. Eine Filmballade, die Jarmusch daraus gemacht hat, durchaus selbstironisch und durchdrungen von einem erlesen sortierten Soundtrack, der das Ensemble erst so richtig in der Schwebe hielt, der das Szenario im Zwielicht den nötigen psychedelischen Drive mit auf dem Weg in die Finsternis mitgegeben hat.

Jim Jarmuschs Filme sind ohne ihre groovigen Sampler völlig undenkbar. Man nehme nur Broken Flowers. Da sucht Bill Murray die Mutter seines Sohnes. Wenn The Greenhornes den Song There is an End über die Szene schmettert, während Murray, längst kein oberflächlicher Spaßvogel mehr, mit einem Strauß Blumen in der Hand völlig orientierungslos in der Landschaft steht, dann ist das im Ganzen lakonisches Kino vom Feinsten, für Aug und Ohr gleichermaßen. Ähnlich verläuft es mit seinem neuen Streifen, der wieder mal die Skills der Untoten zelebriert, sich diesmal aber deutlich mehr schmutzig macht, mit Friedhofserde unter den Fingernägeln. Die Zombies brechen aus, und sie tun es endlich wieder wie zu Zeiten von Michael Jackson, als das Video zum Disco-Meilenstein Thriller die Ghule aus den Gräbern geholt hat. Von dort sollen sie auch kommen, meiner Meinung nach. Das sind wiedermal Zombies, die sich ihren ursprünglichen Pflichten besinnen, nämlich als Tote wieder aufzuerstehen, und nicht durch einen fragwürdigen, x-beliebigen Virus erst zu solche gemacht zu werden. In The Dead Don´t Die überfallen sie allesamt eine Kleinstadt namens Centerville, fressen natürlich auch Menschenfleisch, zeigen aber deutlich mehr Vorliebe für die Dinge, die sie Zeit ihres Lebens verehrt haben. Kaffee zum Beispiel, Smartphones oder Süßes, vor allem bei Zombie-Kindern. Das ist ein erfrischend origineller Ansatz, der sein Potenzial aber leider nicht allzu bewusst ausspielt.

Die hirnlose Sucht nach Dingen und Gewohnheiten, nach Konsum und sozialen Mustern hat John Carpenter damals bei Sie leben viel präziser kritisiert. Dass das Zombie-Genre gerne als gesellschaftskritischer Zerrspiegel angesehen wird, kann man so annehmen, oder aber auch nicht. Dafür sind die mit der Tür ins Haus fallende Bedrohung und die Gier nach Blut vorwiegend zu plakativ und effektorientiert, um eine tiefsinnigere Metaebene deutlich auszumachen. Ausnahmen gibt es natürlich genug, allen voran sicherlich auch George A. Romeros Klassiker in Schwarzweiß – The Night of the Living Dead. Obwohl ich den Film nicht kenne, könnte es gut sein, dass Jarmusch den Horrorstreifen bewusst und von Herzen zitiert hat. Die Szenen einer Welt wie wir sie kennen, in der latent und undefinierbar Bedrohliches aufkommt, die Ruhe vor einem unausweichlichen Sturm, erinnern an Twin Peaks, haben aber einen ganz anderen Rhythmus. Einen, den Jim Jarmusch stets zelebriert – die Langsamkeit, das Entschleunigte. Unterlegt mit den bedrohlich-melodischen Klängen der Postrock-Band Mogwai, ebenfalls in genüsslich zurückgeschraubtem Tempo, entfaltet der eigenwillige Künstler durch eben diesen rätselhaften Chill einen fast schon zeitlosen, beklemmenden Ist-Zustand, wie die windstille Schwüle vor einem Gewitter. Mittendrin ein Cast, der wahrlich ungern Macheten und Katanas schwingt, um die faulenden Rüben der Untoten zu kappen, auf lakonische Komik der Rat- und Kopflosigkeit ausweicht, und der wohl gerne zugibt, mit dieser Art Endzeit nichts mehr anstellen zu können.

The Dead Don´t Die ist längst nicht so parodierend wie Shaun of the Dead zum Beispiel, auch nicht so abenteuerlich wie Zombieland oder so hitzig wie Train to Busan. Jarmuschs Antwort auf den Zombie-Hype ist kein innovativer, aber bewusst träger Zitatenschatz, in versonnenen Alltagsfloskeln verloren und voller verpeilter Sprüche, die dem Unausweichlichen höhnen. Da stellt Jarmusch die richtigen Figuren auf, lässt sie scheinbar unentwegt Sturgill Simpson hören und in aus schierer Überforderung entsprungenem Stoizismus eins und eins zusammenzählen. Das wiederum geht sehr langsam. Aber langsam ist hier gut, fast wie neu entdeckt.

The Dead Don´t Die

Hellboy – Call of Darkness

KANALRÄUMEN IM MÄRCHENWALD

5,5/10

 

HB_D44-7761.ARW© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: NEIL MARSHALL

CAST: DAVID HARBOUR, MILLA JOVOVICH, IAN MCSHANE, DANIEL DAE KIM, SOPHIE OKONEDO, SASHA LANE U. A.

 

Das Zeitalter der Smartphones ist nichts für Dämonen wie Anung Un Rama, besser bekannt als Hellboy und investigativer Ermittler in Sachen paranormaler Umtriebe. Da braucht es schon Fingerspitzengefühl, und das hat der rote Kerl zumindest rechtshändig nicht wirklich. Da kann schon das eine oder andere teure Teil aufgrund überstrapazierter Wischfunktion zum sprichwörtlichen Teufel gehen. Wenn schon die Usability mangelnde Feinmotorik um Social Media bemühte Dämonen mit technischer Verachtung straft, muss wenigstens das Kino offen sein für ein Reboot, welches der zynischen Rothaut aus der Hölle grobmotorisches Hämmern und Dreschen gewähren lässt und von mir aus jede Menge kaputter Elektronik in Kauf nimmt, nur um einen gestandenen Kerl aus einem katzenverliebten und fernsehsüchtigen Sonderling zu machen, den wir unter Guillermo del Toros Regie lieben gelernt haben. Mitsamt seinem Compagnon, Fischling Abe Sapien und der Feuerlady Liz. Was war das für ein Trio, beeindruckend und schön anzusehen, souverän gegen die sinisteren Machenschaften anderer Kreaturen, die in ihrer Ästhetik kaum zu übertreffen waren. Guillermo del Toro hat dann doch lieber die Splish Splash-Poesie The Shape of Water gedreht und Oscars dafür kassiert. Seinen Hellboy, den hat er schmählich im Stich gelassen, wo er doch vermutlich selbst gewusst haben muss, dass niemand sonst die mythische Dark Fantasy jemals wieder so meisterlich aus den Grunge-Niederungen emporheben wird können. Hellboy-Schöpfer Mike Mignola wusste das auch. Oder gerade, weil er es wusste, sollte der Ansatz für weitere metaphysische Abenteuer ein anderer sein. Vielleicht näher an der gezeichneten Vorlage. Und weniger verspielt, dafür viel blutiger, dreckiger, derber. Könnte funktionieren, auch um nicht dauernd den comicfilmgeschichtlich relevanten Zweiteiler Del Toros im Hinterkopf zu haben. Allein – die Rechnung geht nur bedingt auf. Und der Vergleich mit Ron Perlman lässt sich leider – oder trotzdem – nicht unterdrücken.

Mike Mignola hatte, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, das alles wirklich so gewollt. Auf sein Bestreben hin wurden Neil Marshall und David Harbour dann wirklich die zweite Wahl für eine krude Schlachtplatte, die wenig zimperlich legendäre Mythen aus Sagen- und Märchenwelt auf einen Nenner herunterbricht, der sich letzten Endes nicht ganz entscheiden kann, ob er absichtlich trashige Low Fantasy sein will oder doch noch mit der schillernden, kreativen Epik aus dem Hexenkessel des Spaniers kokettieren soll. Im Mittelpunkt: die Figur des Hellboy selbst, penibel maskiert und aufgepumpt zu einem martialischen Schrank von einem Mann mit abgesägten Hörnern und versifftem Columbo-Gedächtnismantel, natürlich mit Luke für seinen peitschenartigen Rattenschwanz. Harbour ist als Neuansatz der Figur gar nicht mal so anders als Ron Perlman. Vielleicht etwas versoffener, weniger herzlich und deutlich lebensunlustiger. Ein Anti-Held wie aus einem Film Noir, der fast schon darunter leidet, unkaputtbar zu sein und nur mit Projektilen, zusammengemixt aus heiligen Reliquien, verwundbar scheint. Ein bisschen erinnert das an den Charakter von Tom Ellis als Lucifer aus gleichnamiger Serie. Nur Lucifer selbst ist der Leibhaftige, während Hellboy ein Mischwesen ist, im Grunde aber dessen Sohn, und darüber hinaus Erbe von etwas ganz anderem, das in Hellboy – Call of Darkness zum Thema wird.

Vieles dreht sich um die spätrömische Mittelalter-Ikone in Gestalt von König Artus, welcher Blood Queen Nimue (wer sonst außer Milla Jovovich sollte sie verkörpern?) am Pendle Hill nach ausgiebiger Blutspende zerstückelt und in alle vier Winde verstreut hat. Rund die halbe Weltgeschichte später versucht das boshafte Frauenzimmer erneut, mithilfe eines aufrecht gehenden Warzenschweins, das irgendwie aus dem Kreaturenfundus der Ninja Turtles entkommen zu sein scheint, unseren Planeten für all den monströsen Abschaum aus der Unterwelt wohnlich einzurichten. Welche Rolle Hellboy dabei spielt, bleibt an dieser Stelle natürlich ein Geheimnis, doch es braucht eine Weile, bis der von inneren Krisen gebeutelte Freak seinen Vater-Sohn-Konflikt hintenanstellt, um die Sache in die steinerne Hand zu nehmen. Und die ist, wie wir wissen, für Feinheiten nicht zu haben. Neil Marshalls Film auch nicht.

Der Film fühlt sich an wie Bloody Mary ohne Kater, schmeißt von Riesen über kinderfressende Hexen bis zu Heeren an spitzohrigen Kobolden viel Potenzial respektlos in einen Topf und kocht ein Süppchen, das wild fabulierend und gestikulierend einiges an dramaturgisch stimmigem Taktgefühl niederrennt und mit wild schwingenden rostigen Klingen Extremitäten über die Leinwand schleudert, als wären wir Gast im Titty Twister. Da fällt mir wieder Robert Rodriguez ein, der sich durchaus auch mit Hellboy vertragen hätte. Das von ihm und Tarantino so verehrte Grindhouse zwischen Machete und Planet Terror hätte nun mit Hellboy – Call of Darkness nämlich einen weiteren Knüller im Spätabendprogramm einiger Bahnhofkinos. Für übernachtige Nerds, die klassische Mythen gerne mit creepigem Grusel und schlampigen CGI-Effekten im Handgemenge eines Monster-Wrestling-Parcours verkeilt sehen, ein gefundenes Fressen mit fettigen Fingern. Der Weg dorthin führt mitunter durch die stehenden Blutlachen eines Warhammer-Schlachtfelds. Del Toro´s Kreationsstil bleibt aber dennoch zumindest ansatzweise gewahrt, ganz besondes in der atmsophärisch wohl gelungensten Szene des Filmes im Hexenhaus der Hexe Baba Jaga oder in den alptraumhaften Giganten, die gelegentlich aus den Erdspalten steigen. Ein kleines bisschen Rest an künstlerischer Raffinesse, wie Balsam auf rissiger Haut.

Dieses Wirrwarr allerdings entbehrt nicht ein gewisses Vergnügen an der reinen Lust durcheinanderplappernder hässlicher Schauermärchen, die wahnsinnig weit entfernt sind vom Marvel- oder DC-Kosmos und durch ihre räudige Rauflust einen ganz eigenen Stil entworfen haben, der ab heute ganz allein Hellboy gehört. Wegnehmen wird es ihm niemand.

Hellboy – Call of Darkness

Die Mumie (1932)

WENN BLICKE TÖTEN KÖNNTEN

6/10

 

themummy1932© 1932 Universal Pictures

 

LAND: USA 1932

REGIE: KARL FREUND

CAST: BORIS KARLOFF, ZITA JOHANN, DAVID MANNERS U. A.

 

Halloween ist auch schon wieder Monate her, kommt aber bestimmt wieder. Und ich überlege jetzt schon, in welcher Verkleidung ich diesmal die Schüssel mit den Süßigkeiten auszuteilen gedenke. Mumie kann ich bereits abhaken, das war letztes Jahr. Und um den dämonischsten Herbstabend des Jahres natürlich themenverwandt abzuschließen, habe ich mir endlich mal den nach Frankenstein aus dem Jahr 1931 zweiten Filmklassiker mit Boris Karloff zur bandagierten Brust genommen.

Der knackige 72-Minüter des böhmischen Kameramanns Karl Freund (u. a. Dracula und Metropolis von Fritz Lang) sorgt vor allem in den ersten Minuten für verspielt-opulenten Retrocharme, wenn in sandsteinbehauenen Lettern DIE MUMIE in grobkörnig flirrendem Schwarzweiß, Format 4:3, vom Bildschirm knistert. Doch so, wie wir Boris Karloff vielleicht schon irgendwo, sei es in Filmlexikas oder Zeitschriften, gesehen haben, präsentiert sich uns der Brite mit dem verdächtig russisch klingenden Künstlernamen nur ganz am Anfang. Als mumifizierter Hohepriester Imhotep lehnt er mit überkreuzten Armen senkrecht im geöffneten Sarkophag, um alsbald daraus zu verschwinden, und das nicht ohne manch einen Archäologen in den Wahnsinn zu treiben. Dieser Imhotep, der hat nämlich nur eines im Sinn: Ank-es-en-Amun, die Liebe seines antiken Lebens, ebenfalls zurückzuholen. Am besten gleich in den Auffangkörper einer schönen Frau, die gar nicht weiß wie ihr geschieht, und der hypnotischen Wirkung des nun zum mysteriösen Ardath Bey regenerierten Zeitgenossen nicht widerstehen kann.

Im Grunde ist das die ganze Geschichte. Und wäre nicht Boris Karloff, der laut eigenen Angaben tatsächlich slawische Vorfahren gehabt haben soll, hätte das naive Grusel-Abenteuer wohl keine wirklich stechenden Argumente. So aber ist es der stechende Blick des ledergesichtigen Charakterdarstellers, der tatsächlich irgendwie beunruhigt, und das ganz ohne Zuhilfenahme bewusstseinsverändernder Substanzen. William Henry Pratt, so mit bürgerlichem Namen, wird auf ewig die Horror-Ikone bleiben, die er damals war – auf der Schreckskala allerdings gibt es im Vergleich zum Untoten aus der Hochkultur ganz andere Figuren, die effektiver das Gruseln lehren. Alleine schon Tod Browning´s Frankenstein, der deutlich mehr verängstigt und sogar den einen oder anderen Schreckensmoment für sich verbuchen kann. Als Frankenstein, da ist Boris Karloff bis heute von zeitlosem Erscheinungsbild. Die Mumie selbst aber würde perfekt in das Nachts im Museum-Konzept für etwas ältere Semester passen, so wie eigentlich der ganze Film. Was per se natürlich nichts Schlechtes ist, Nachts im Museum ist ein nettes Konzept – und die Vorstellung, dem Stoiker mit dem Killerblick zu nachtschlafender Zeit in den Untiefen des kunsthistorischen Museums zu begegnen, das sorgt dann doch wieder für wohliges Schaudern. Am Liebsten farblich entsättigt, und auf keinen Fall in Dolby Surround.

Die Mumie (1932)