Harriet – Der Weg in die Freiheit

FLUCHT NACH VORNE

5/10

 

HARRIET© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: KASI LEMMONS

CAST: CYNTHIA EVIRO, LESLIE ODOM JR., JOE ALWYN, CLARKE PETERS, JENNIFER NETTLES U. A. 

 

Letztens lief wieder mal Steven Spielbergs vielfach oscarnominiertes Südstaatendrama Die Farbe Lila im Free TV. Whoopie Goldberg war damals die Idealbesetzung, und hätte es damals in den 80ern schon die Idee gegeben, ein Biopic über Harriet Tubman zu produzieren, wäre sie natürlich ebenfalls erste Wahl gewesen. Gegenwärtig übernimmt solche Rollen wohl Cynthia Eviro. Ein breiteres Publikum kennt sie vielleicht aus Black Panther – die Schildmaid aus Vakanda mit den kurz geschorenen, blonden Haaren. Ich muss zugeben, diese Schauspielerin ist extrem wandelbar. Mit Harriet werden Eviro vermutlich noch mehr Türen ins Filmbiz geöffnet, da ihre schauspielerische Leistung in vorliegendem Historienfilm der Academy gar eine Oscarnominierung wert war. Sonst ist Harriet in kaum einer Weise preisverdächtig. Und das liegt natürlich nicht an der äußerst spannenden und ungewöhnlichen Episode aus dem Vorabend der Sezessionskriege. Eine Art Rebellion wird hier erzählt, der Sturm vor dem Hurrikan, der ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzen wird. Eine Art Rogue One der schwarzen, versklavten Minderheit, angeführt von einer stolzen, freiheitsliebenden, patenten jungen Frau, die nicht weniger zu verlieren hätte als ihre wiedergewonnene Freiheit.

Kurze Zeit vor dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs: die damals noch nicht als Harriet in die Geschichte eingegangene junge Frau fristet ihr Dasein mitsamt Familie unter der Fuchtel eines strengen Großgrundbesitzers und Überbauern, der seine Sklaven selbstredend als Eigentum betrachtet. Die Möglichkeit einer Vermählung steht im Raum, doch der Sklaventreiber gibt die junge Frau nicht frei. Trotz Zugeständnis des Vorbesitzers gelten nun andere Regeln. Was für eine Schmach, was für eine untragbare Situation. Noch dazu soll Harriet neu verkauft werden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Einziger Weg raus aus dem Schlamassel: die Flucht. Wie durch ein Wunder schafft sie es, sich über Hundert Meilen zu Fuß Richtung Norden durchzukämpfen. Kaum zu glauben, dieses Schicksal. Ob ihr fester Glaube an Gott, mit dem sie tatsächlich immer wieder Zwiesprache hält, geholfen hat? Oder all ihre Visionen? Zumindest sollen diese sie vor Schlimmerem bewahrt haben. Kein Fehler, wenn man diesem Umstand mit Skepsis begegnet. Der Heilsfigur Harriet gelänge hier fast schon eine kleine Apotheose. Doch warum nicht, für kultische Verehrung reichen die Fakten ohnehin schon. Wie viele Sklavinnen und Sklaven Harriet aus der Knechtschaft befreit hat, ist erstaunlich. Nicht umsonst trägt die resolute Dame den Decknamen Moses. Religion spielt also eine wichtige Rolle. Vielleicht ist da wirklich was dran?Jedenfalls hatte Harriet selbst schon eine Ahnung, was den Bürgerkrieg betraf. Dass die Nordstaaten gegen die Yankees siegen würden. Dass die Sklaverei alsbald der Geschichte angehören wird. Genau dieser Aspekt macht Harriet zu einem interessanten Prolog, zu einer wichtigen Vorgeschichte zum oft dokumentierten, dramatisierten und in Prosa gefassten Krieg der beiden Himmelsrichtungen Nord und Süd.

So faszinierend diese Chronik einer Nacht- und Nebel-Rebellion auch sein mag, so konservativ und manchmal uninspiriert lässt sich der Film darüber aus. Vieles erinnert an Twelve Years a Slave, zum Glück allerdings bleiben uns die blutigen Folterszenen aus Steve McQueens zermürbendem Leidensweg erspart. Die übrigen Komponenten haben fast schon etwas Westernhaftes, wenn Harriet mit breitkrempigem Hut und Revolver den gefährlichen Süden aufmischt. Eviro verleiht ihrer Figur sowohl Zerbrechlichkeit als auch eine zutiefst militante Attitüde. Unnahbar bleibt sie trotzdem, gleichsam entrückt und für ganz anderes bestimmt als das übrige Volk. Ein Moses eben, nur ohne Gesetzestafeln.

Im Grunde ist Harriet – Der Weg in die Freiheit ein recht simpel erzählter, fast schon volkstümlicher Film. Ein Umstand, oder gar eine Versuchung, dem Geschichtsfilme wie dieser sehr gerne erliegen, weil sie sich vielleicht zu sehr auf die Attraktivität der Fakten verlassen, ohne aber eine eigene künstlerische Handschrift einzubinden, eine persönliche Sicht der Dinge. Könnte gut sein, dass Geschichte nicht verfremdet werden soll, aber sagt das mal Quentin Tarantino. Harriet wird dadurch vielleicht auch etwas zu spröde, zu trocken. Eine Meinung fehlt, ansonsten bleibt es gespielte Dokumentation. Und das ist mir fürs Kino fast zu wenig.

Harriet – Der Weg in die Freiheit

Da 5 Bloods

VOM KRIEG, DER NICHT IN RENTE GEHT

6/10

 

da5bloods© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: SPIKE LEE

CAST: DELROY LINDO, CLARKE PETERS, ISIAH WHITLOCK JR., NORM LEWIS, CHADWICK BOSEMAN, JEAN RENO, MÉLANIE THIERRY, PAUL WALTER HAUSER, JASPER PÄÄKKÖNEN U. A. 

 

Da fällt mir doch gleich ein echter Klassiker von Dire Straits ein: Brothers in Arms. Im Vibra-Sound, recht verhalten und in den imaginären Stahlhelm gesungen, erzählt der Song vom Durch- und Zusammenhalten, wenn die Waffen sprechen. Sowas begründet natürlich, sofern man überlebt, niemals endende Freundschaften. Zwangsfreundschaften sozusagen. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist das gefühlsmäßig etwas anders. Die sind nicht nur im Krieg Brüder – die solidarisieren sich auch so. Vor allem jetzt, wenn Black Lives Matter. Da sind all jene afrikanischen Ursprungs eine ganze große Familie, um gegen den zur us-amerikanischen Tagesordnung gehörenden Rassismus anzurennen. Spike Lee ist da ganz vorne mit dabei. Rassenhass, Gewalt und Politik waren immer sein Thema. Politik ganz besonders. Und all die ganzen zersetzenden Mechanismen einer Gesellschaft, die, egal ob schwarz oder weiß, so leicht in Frieden miteinander leben könnte. Lee sucht aber in seinen Filmen ganz andere Ansätze und verleiht dem Ansinnen auf ethnische Liberalität den Klang von Stereo, lässt seine wild schraffierten Ideen wie aktivistische Transparente nicht nur auf das Kinopublikum los – sondern jetzt auch auf all die User von Netflix, die exklusiv sein neues Werk begutachten können – und sich, sofern sie es gesehen haben, vielleicht an BlacKkKlansman erinnert fühlen.

Diese True Story, fast schon Satire, führt mit Freuden die White Power der USA ad absurdum, lässt Tomaten auf die weißen Gewänder der Kapuzenträger hinabregnen, wenngleich Lees Film trotz seiner ruhelosen Ambitionen weitestgehend handzahm daherkommt. Diese Phlegmatik könnte mit Da 5 Bloods jetzt ein Ende haben – obwohl auch dieser neue, überlange Streifen rund um den Vietnamkrieg und seine Nachwehen relativ viel Zeit benötigt, um wirklich in die Gänge zu kommen. Aber so ist das in den Tropen: einer Akklimatisierungsphase folgt ein Abenteuer Marke Baedeker, wie man es daheim anschließend gern erzählt. Die 4 Bloods – der fünfte im Bunde hatte schon während des Kriegseinsatzes in Fernost das Zeitliche segnen müssen – finden sich nach Jahrzehnten wieder dort ein, wo die „Blutsbrüderschaft“ ihren Anfang nahm: In Saigon, im Süden des Landes. Warum nun sind sie hier, diese vier Rentner? Mitnichten zum Urlauben. Sondern um einen Goldschatz zu heben, der im Hinterland vergraben liegt, mitsamt den Überresten des fünften Blood, den es als Vorwand zu finden gilt, würden doch die vietnamesischen Behörden dieses satte Kapital niemals ausreisen lassen. Vier Knacker sinds also, denen das Leben bereits ganz schon mitgespielt hat. Und die den Krieg nicht überwinden können. Zumindest einer – Delroy Lindo in bemerkenswert intensiver Spiellaune – scheint massiv traumatisiert. Doch wie geplant brechen sie in den Dschungel auf, und je näher sie ihrer gemeinsamen Vergangenheit kommen, umso präsenter wird ein Krieg, der Jahrzehnte vorbei zu sein scheint. Es ist fast wie ein Fluch, der auf denen lastet, die gekämpft haben.

Da 5 Bloods ist trotz einiger Verzettelungen und zäher Konfusion ein kurioses Konstrukt, das auf gewisse Weise nachwirkt. Perfekt ist Lees Film keineswegs. Die erste Stunde lang, wenn nicht länger, sieht man den vier Veteranen beim Quatschen zu, über das Leben und das Damals. Das wirkt fast so wie eine dieser Travel-Soaps, in denen Promis auf Reisen gehen. Irgendwann gibt’s auch noch einen Reiseleiter, der nur die Geschichte des fünften Blood kennt, aber nicht die des vielen Goldes. Lee wechselt das Bildformat wie ein Fotograf sein Objektiv – von 4:3 bis Cinemascope ist alles da. Aus einem Guss ist das nicht. Gewöhnungsbedürftig sind nicht nur die Szenen aus vergangenen Kriegstagen, die wie Super 8-Aufnahmen inszeniert sind, untermalt von pathetischer Orchestermusik wie für einen Chuck Norris-Reißer, und in denen die Bloods, bis auf den einen fünften („Black Panther“ Chadwick Boseman), genauso alt sind wie 5 Jahrzehnte später. Gewöhnungsgbedürftig ist der ganze Film, der manchmal einfach zu viel skandiert, der schockierende Archivaufnahmen aus dem echten Krieg wie Schrapnelle so manche Szene spaltet. Der Power-Point-Files in seinen War-Punch hineinwirft und alles nochmal aufkocht. Lees Senf zu Black Lives Matter wirkt dabei leider wie aufgesetzt, hat auch aus meiner Sicht mit dem Werk nur peripher zu tun. Aber gut, Spike Lee will so viel wie möglich, fällt fast schon in Rage. Dabei kippt das Werk ins Anarchische. Was folgt, ist ein regelrecht bizarres Apokalypse Now-Revival für die R.E.D.-Generation in drastischen Bildern, ein Antikriegsfilm mit nostalgischem Blick zurück ins Desaster, in dessen Folge der Sieg über den Feind auch nichts weiter ist als eine Niederlage der anderen Art.

Da 5 Bloods

Kursk – Niemand hat eine Ewigkeit

BAUERNOPFER FÜR FALSCHEN STOLZ

7,5/10

 

A950C001_170406_R74N© 2019 The Wild Bunch Germany

 

LAND: BELGIEN, FRANKREICH, NORWEGEN 2018

REGIE: THOMAS VINTERBERG

CAST: MATTHIAS SCHOENAERTS, LÉA SEYDOUX, COLIN FIRTH, AUGUST DIEHL, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, PETER SIMONISCHEK, MAX VON SYDOW, MAGNUS MILLANG U. A. 

 

Anfangs erinnert so manches an Michael Ciminos Antikriegsdrama Die durch die Hölle gehen. Die bunt zusammengewürfelte Crew eines russischen U-Bootes plant eine Hochzeit, feiert auch diese recht ausgelassen – Thomas Vinterberg findet in den ersten Szenen seines Films einen ungeahnt intimen Zugang zu seinen Figuren, die hier das Leben und die Zukunft zelebrieren. Kinder legen quirlige Langeweile an den Tag, wie das bei Festen eben so ist. Reden werden gehalten, der eine oder andere flennt. Kurzum: da sind Freunde alle auf einen Haufen, und all diese guten Kameraden, die werden tags darauf auf Mission geschickt. Zwar nicht in den Krieg, dafür aber zu einer Testfahrt für eine Handvoll Marschflugkörper, deren Effektivität geprüft werden muss. Routine, mehr nicht. Und deshalb sind auch all die Angehörigen – Töchter und Söhne jede Menge – relativ entspannt beim Verabschieden der Väter und frisch Verheirateten, die natürlich wieder zurückkehren werden. So ist das, wenn man der Marine dient. Und bisweilen läuft ja die Erwartungshaltung Mütterchen Russlands mit denen der Matrosen recht konform. Bis das Unglück eintritt.

Am 12. August 2020 jährt sich die Tragödie aus der Barentssee zum 20ten Mal. Wer die Schlagzeilen von damals noch im Kopf hat, wird wissen, dass hier keiner überlebt hat. Warum also sollte man gemeinsam mit der Kursk stimmungstechnisch so tief sinken wollen, wenn klar ist, dass sich sowieso keiner der Verunglückten schadlos hält? Ich habe lange hin und her überlegt: Inwiefern lohnt sich ein Film, wenn man weiß, wie es endet? Weil Kursk von Thomas Vinterberg nicht nur Chronik einer Agonie zwischen den Wänden eines geschrotteten U-Boots sein will. Sondern auch – und das vor allem – das katastrophale Portrait einer Weltmacht, die ihren Nationalstolz über Menschenleben stellt. Unter diesem Aspekt ist Kursk ein beeindruckender Geschichtsfilm aus dem jungen neuen Jahrtausend geworden. Starbesetzt bis unter den Meeresspiegel, angefangen von Colin Firth als Kommandant der britischen Marine bis hin zu „Toni Erdmann“ Peter Simonischek und – welche Überraschung – Matthias Schweighöfer fernab jeglicher Bobo-Romantik. Er ist es auch, der relativ früh schon bemerkt, dass einer der Torpedos Mucken macht. Die Bitte, diesen etwas früher abzuwerfen als geplant, wird von der U-Boot-Führung abgelehnt. Sekunden später das Desaster: das Vehikels explodiert, gleich zweimal hintereinander und reißt sofort zwei Drittel der Besetzung mit sich ins Verderben. Die anderen retten sich ins andere, noch heile Ende, machen die Schotten dicht, harren dort aus, in Eiseskälte und mit wenig Sauerstoff. Rein theoretisch hätten die zwei Dutzend Mann problemlos gerettet werden können, hätte Russland nicht so dermaßen verschlissenes Bergungsgerät zur Verfügung gestellt, dass jeder Andockversuch des Rettungsbootes folglich scheitern hat müssen.

Was folgt, sind bange Stunden – sowohl unter Wasser als auch an Land. Die Familien tun sich zusammen, nötigen den Krisenstab, Informationen preiszugeben, die sich nicht preisgeben wollen. Max von Sydow darf in seiner letzten Filmrolle die verknöcherte Eitelkeit eines obsoleten weltpolitischen Denkens verkörpern, die gnadenlose Zensur von Schwäche. 110 Meter unter dem Meeresspiegel zittern Matthias Schoenaerts mit einer Handvoll Überlebender um die Wette. In fast jedem anderen Film könnte der Zufall noch Vater der Hoffnung sein – hier allerdings ist es umso bitterer, wenn man weiß, dass alle Zuversicht umsonst ist. Vinterberg, berühmt für seine messerscharfen Gesellschaftsdramen, fängt auf mitfühlende, aber niemals mitleidende Weise den Notstand an unterschiedlichen Fronten ein. Sei es an Deck eines Kriegsschiffes, am Ort des Unglücks oder in den vier Wänden einer Wohnung in irgendeinem Plattenbau am Meer. Und Vinterberg schenkt uns nichts – naja, fast nichts. Der Moment des Todes bleibt uns erspart, die nackte Angst allerdings nicht. Kursk, das filmische Zeugnis politischer Eitelkeit, ist Wolfgang Petersens Das Boot für das neue Jahrtausend. Ein zutiefst tragischer Film, dessen Fakten man kaum glauben kann. So leicht hätte es nämlich anders kommen können.

Kursk – Niemand hat eine Ewigkeit

The Nightingale – Schrei nach Rache

GESCHUNDENES TASMANIEN

7/10

 

The Nightingale© 2020 Koch Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2020

DREHBUCH & REGIE: JENNIFER KENT

CAST: AISLING FRANCIOSI, BAYKALI GANAMBARR, SAM CLAFLIN, DAMON HERRIMAN, EWEN LESLIE, CHARLIE SHOTWELL U. A. 

 

Erst vor Kurzem hatte sich das belgische Könighaus für seine Gräuel während der Kolonialzeit im Kongo entschuldigt. Wem nützt das noch? Eine Entschuldigung ist schnell daher gesagt, und nichts mehr wert, nach so vielen Jahrzehnten des Zierens. Besser spät als nie, würden manche behaupten. Wäre es nie so weit gekommen, würde ich sagen. By the way: hat sich Großbritannien eigentlich schon dafür entschuldigt, die Ureinwohner Tasmaniens ausgerottet zu haben? Wahrscheinlich schon, und wahrscheinlich gab’s jede Menge Reparationen, um zumindest das letzte Bisschen ethnisches Erbe zu konservieren und fortleben zu lassen, zumindest in musealen Freilichtenklaven und in der Sprache der Ureinwohner, dessen zeitgerechte Archivierung grundlegend dafür war, das gesprochene Wort in seiner Originalität auch für diesen Film hier zu adaptieren, einem Rape and Revenge-Thriller im erd- und blutverkrusteten Gewand eines historischen Abenteuerfilms aus einer Zeit, in der Tasmanien noch Van Diemens-Land hieß und in welcher der Genozid gegen die schwarze Bevölkerung hoch im Kurs lag. Wie erquickend kann so ein Film nur sein, der von Ausbeutung, Versklavung, Vergewaltigung und Tod erzählt? Gar nicht.

The Nightingale von Jennifer Kent, bekannt geworden durch ihren Psychohorror The Babadook, ist trotz all der Hoffnungslosigkeit ein zutiefst feministisches, aufbrausend rechtefordendes Werk. Im Zentrum steht die Ex-Strafgefangene Clare, die beim britischen Leutnant Hawkins (gnadenlos böse und perfide: Sam Claflin) ihre Restschuld abarbeitet, von diesem aber regelmäßig missbraucht wird und die Freiheit, die ihr längst zugesteht, auch nicht bekommt. Irgendwann aber platzt Clares Ehemann der Kragen – was Hawkins natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann und seinen ganzen Unmut eines Nachts an Clares Familie auslässt. Die Folge: Mann und Kind sind tot, der Leutnant mitsamt seines nicht weniger abscheulichen Sergeants (ekelerregend: Damon Herriman) bereits unterwegs in die Stadt, um sich befördern zu lassen. Doch falsch gedacht, wenn man vermutet, dass Clare sich nach all der Tragödie das Leben nimmt. Nein: Clare wird zur Furie, zum wütenden, keifenden, schreienden Racheengel, der Hawkins hinterherfolgt. Ohne Fährtenleser allerdings geht’s nicht, also gesellt sich unter anfänglichem Widerwillen der Tasmanier Billy an ihre Seite. Beide haben anfangs nichts gemein, doch später mehr, als sie vermutet hätten.

Eine Warnung gleich vorweg: The Nightingale hat nicht zu Unrecht eine FSK-Freigabe von 18. Die dargestellte sexuelle Gewalt an Frauen ist in diesem Film ziemlich unerträglich. Wer hier also zu sensibel auf solche Szenen reagiert, und das auch weiß, sollte den Film möglichst vermeiden. Ich selbst habe kurz überlegt, vorzeitig abzubrechen, denn nachdem man ohnehin schon die Nase voll hat von so will menschlichen Abgründen und irreversiblem Leid, setzt Jennifer Kent noch eins drauf. In The Nightingale ist die Bestie Mensch allgegenwärtig, andererseits aber findet die Kamera für einen ruhenden Gegenpool atemberaubende Aufnahmen der tasmanischen Wälder, in denen die Verlorenen umherirren. Doch der eigentliche Grund, The Nightingale nicht dem Bösen zu überlassen und sich erbaulicheren Themen zu widmen ist die Figur des Fährtenlesers Billy. Der Aborigines Baykali Ganambarr ist in jeder Sekunde seiner Spielzeit eine Entdeckung. Seine pragmatische Sicht auf die Gegenwart vereint sich auf berührende Weise mit seiner Wut über das Übel der britischen Land- und Lebensenteignung. Dann aber ist er wieder kindlich beseelt von den alten Mythen seiner Kultur, und man wünscht sich unentwegt, Billy möge diese Tortur durch die Wildnis gut überstehen. Die Finsternis aber, die legt sich über jedes Bild. Die Schönheit einer fremden Welt leidet – sie bleibt entsättigt, regennass und düster. In manchen Szenen, wenn Clare Alpträume plagen, hat der Streifen auch einigen Horror parat, um dann, nach ihrem Erwachen, in das gutmütige Gesicht des Fährtenlesers zu blicken, der sich ihrer annimmt. The Nightingale ist ein erschütterndes Drama über eines der dunkelsten Episoden der Menschheit, ein tiefschwarzer Film, in seiner Kompromisslosigkeit vergleichbar mit Twelve Years a Slave, allerdings nicht ohne bedingungsloser Liebe zu einem verlorenen Paradies, die letzten Endes über den Tod erhaben sein lässt.

The Nightingale – Schrei nach Rache

Wasp Network

KUBA OHNE LIBRE

3,5/10

 

waspnetwork© 2019 Netflix

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN, BRASILIEN, BELGIEN 2019

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

CAST: ÉDGAR RAMIREZ, PENÉLOPE CRUZ, WAGNER MOURA, ANA DE ARMAS, GAEL GARCIA BERNAL, TONY PLANA U. A. 

 

Mittlerweile wird spürbar – also mir fällt´s jedenfalls auf – wer auf Netflix ganz besonders lieb Kind zu sein scheint: Lateinamerika und Spanien. Das hat schon mit Alfonso Cuarons Roma begonnen. Mit Der Schacht, im Grunde Cube für das neue Jahrtausend, konnte Spanien seine Kreativität unter Beweis stellen. Gern gesehene Darsteller sind der Brasilianer Wagner Moura (u. a. Sergio, den ich für recht gelungen halte) und Édgar Ramirez, der die Last Days of American Crime erlebt hat. Ana de Armas taucht ebenfalls vermehrt auf.  Die eben genannten Drei tauchen wiederum im brandneuen Politdrama Wasp Network auf, inklusive Penélope Cruz als Powerfrau, die in Kuba zur Zeit des US-Embargos gemeinsam mit der Tochter ums Auskommen bangt. Der gute Papa, der ist nämlich abgehauen. Was nicht heißt er ist fremd gegangen, nein – in Zeiten wie diesen ist Kuba von Libre so weit entfernt wie die Erde vom Mond, die Castros predigen den Kommunismus und wenn man sich vertrollt, dann Richtung USA, am besten nach Florida. Dort angekommen, plant Papa René nach außen hin einen Neuanfang, inoffiziell hingegen eilt man den Bootsflüchtigen aus Kuba per Fluggerät zu Hilfe. Aus dieser humanitären Courage wird schnell etwas anderes – ein Spitzelverein sozusagen, der Anti-Kommunismus-Gruppen, die mit Terroranschlägen auf Kubas  Tourismus dessen Wirtschaft schwächen, infiltrieren soll. Und genau das ist prinzipiell mal nicht erlaubt in Amiland.

Wasp Network basiert auf einem Roman des Brasilianers Fernando Morais unter dem Titel: Die letzten Soldaten des kalten Krieges. Klingt spannend – ist es aber nicht. Verantwortlich für diese illustre Langeweile ist der Franzose Olivier Assayas, was mich angesichts von Filmen wie Die Wolken von Sils Maria oder Personal Shopper dann doch überrascht. Na gut, ein bisschen im kriminellen Metier herumgestochert hat er schon, zum Beispiel mit Carlos – Der Schakal. Sein von ihm aus der Vorlage extrahiertes Drehbuch ist allerdings eines, das angesichts all der kleinteiligen Fakten, Namen und Personen komplett den Überblick verliert, vieles nur halbherzig anreißt und in Tequila trinkender Redefreudigkeit vor sich hinschwatzt. Das ist zäh, und die Story selber ist nur so halb interessant, wie sie vorgibt zu sein, zumindest für mich jedenfalls. Die Familiengeschichte rund um Édgar Ramire´Figur ist das einzige, was als Konstante herhalten kann, der Rest ist ein Kommen und Gehen bunt behemdeter Pseudo-Rentner, die in Sachen Kuba und auch auf Drogen machen; Piloten und grünohrige Burschen, die mal da, mal dort sind und vielleicht in Gefahr geraten. Mit Sicherheit liest sich dieser Stoff besser, als er filmtechnisch funktioniert, denn das tut er kaum, da verstehe ich die Rolle des Streifens bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig nicht, wo Wasp Network um den Goldenen Löwen konkurriert hat.

Gewonnen hat er nichts, und gewinnend ist der Film mit einer Überlänge von zweieinhalb Stunden auch nicht. Man wartet auf den narrativen Höhepunkt, doch der kommt nicht. Klar, als Künstler muss man nicht zwingend den gelernten Parametern für den Storyaufbau folgen, doch wenn man diesen solchen verlässt, sollte zumindest die Alternative gut sein. So ist Wasp Network ein Einheitsbrei aus bereits erwähnten Versatzstücken. Ana de Armas ist wieder hübsch anzusehen und auch Penélope Cruz macht ihre Sache gut, doch die True Story um fünf Polit-Idealisten (Sind es fünf? Ich weiß es nicht mehr), die noch dazu viel zu oberflächlich umrissen sind, um mehr von ihnen wissen zu wollen, ist weder Politthriller noch Familiendrama. Wenn’s gut gemixt wäre, wäre das natürlich kein Ding, aber angesichts dieses ausufernden Wulsts an Notizen, Szenen und Orten könnte man fast vermuten, das Skript zum Film war als Rohfassung schon gut genug.

Wasp Network

Milchkrieg in Dalsmynni

THERE WILL BE MILK

5/10

 

MilchkriegInDalsmynni© 2019 Thimfilm

 

LAND: ISLAND, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2019

REGIE: GRÍMUR HÁKORNASON

CAST: ARNDÍS HRÖNN EGILSDÓTTIR, SVEINN ÓLAFUR GUNNARSON, ÐORSTEINN BACHMANN, HINRIK OLAFSSON U. A. 

 

Ein gutes Gefühl, beim Club zu sein. Oder bei der Gewerkschaft. Oder bei sonst einer Vereinigung gleichgesinnter Wirtschafter, die sich gegenseitig in schwierigen Lagen eine Stütze sind und sich auch sonst gegenseitig unterstützen, indem sie die Produkte der anderen kaufen, die auch in diesem Club sind. Es ist ein Geben und Nehmen, und wehe du gibst aber nicht, dann stehen sie vor deiner Tür, die ausgeschickten Bluthunde, die dich zur Rechenschaft ziehen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Bluthunde. Muss doch nicht sein. Doch die Genossenschaft, die will Loyalität. Hat somit das Monopol und kann die Preise für systemrelevante Rohstoffe hin und her schrauben, wie es ihr passt. So ein Sicherheitsnetz will was kosten. Im Grunde ist das auch die Idee von bezirksdeckend organisierten Syndikaten, die Kleinbetrieben Schutzzölle abpressen. Naja, es wäre wegen der Sicherheit, weswegen sonst? Schnell gleicht so eine unter die Achseln greifende Hilfsgemeinschaft einem sektiererischen Ordnungsruf, der sich aber für den einzelnen wirtschaftlich gesehen kaum rentiert. Das findet auch die Milchbäuerin Inga, die ihren Gatten immerwährend dazu drängt, es doch mal mit einem anderen Futterlieferanten zu probieren, der um Eckhäuser günstiger ist. Wie soll man die Schulden für den Hof sonst zurückzahlen? So einfach ist das nicht, denkt der Gatte, denn der ist selbst so eine Art Sheriff von Nottingham in diesem System, ohne es zuzugeben. Wohin das führt, endet tragisch – und Inga steht alleine da. Ohne sich nun rechtfertigen zu müssen, spricht sie aus, was viele denken – und erklärt der Genossenschaft den Krieg.

Natürlich doch, ein isländischer Film wie dieser wäre kein solcher, wäre er nicht wieder ausnehmend lakonisch. Die da oben sind nicht unbedingt die Eddie Murphys des Planeten, was gesagt werden muss, wird gesagt, der Rest ist Schweigen. Sowas passt in die wildromantische Landschaft ehemals nordischer Gottheiten. Sowas passt, wenn’s stürmt und schneit und regnet, und es nicht mal richtig hell wird. Da bündelt man seinen Grant und wandelt ihn in den Willen zu harter Arbeit. Grímur Hákornason, der mit dem ruppigen Bruderzwist Sture Böcke schon mal einen Konflikt auf offenem Gelände austragen ließ, lässt jetzt eine verbitterte Bauersfrau den Fehdehandschuh werfen. Wobei diese Offensive nicht aus Wut geschieht. Zumindest mit nicht viel mehr Wut wie in Ken Loachs Notstands-Tragödie Ich, Daniel Blake. Hákornasons Film ähnelt im Stil tatsächlich den Sozialdramen des Iren. Entschleunigt, beobachtend, und bis zur letzten Konsequenz, die weit entfernt ist vom Abendrot eines versöhnlichen Happy Ends. Milchkrieg in Dalsmynni findet einen zutiefst nordischen Ausgang aus der abgesicherten Komfortzone einer Dienstleistung, hinaus auf die wilden, schneebedeckten Spielwiesen des Aneckens, mit hervorgerecktem Kinn und trotziger Sachbeschädigung.

Wie bei Ken Loach ist auch dieser Kampf Klein gegen Groß ein sehr nüchterner, beobachtender Film geworden, der natürlich weiß, was er sagen will und für fairen Handel wirbt, unterm Strich aber gerät Milchkrieg in Dalsmynni zu spröde, vielleicht gar zu vorhersehbar und auch zu wirtschaftspolitisch, um Bäuerin Inga voller Überzeugung anzufeuern. Klar will man, dass Inga gewinnt, doch anders als in Sture Böcke fehlt hier das Quäntchen augenzwinkernder Esprit, der so einem aufs Wesentliche heruntergebrochenen Thema sicher nicht geschadet hätte – im Gegenteil, es hätte den Film besser gemacht. Diese rationale, etwas träge Netto-Version eines Aufstands ist in ihrem Purismus für mich leider etwas zu wenig.

Milchkrieg in Dalsmynni

Die Taschendiebin

WER DREIMAL LÜGT…

7/10

 

dietaschendiebin© 2016 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2016

REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: MIN-HEE KIM, KIM TAE-RI, HA JUNG-WOO, CHO JIN-WOONG U. A. 

 

Egal, was für eine elendslange Laufzeit seine Filme auch haben mögen – bei Park Chan Wook wird einem einfach nicht langweilig. In Anbetracht eines zweieinhalbstündigen Historienfilms namens Die Taschendiebin könnte man ja ansatzweise vermuten, dass sich der Plot in die Länge zieht – aber eben nicht bei Park Chan Wook, und das weiß ich jetzt, obwohl ich es bereits bei Oldboy hätte wissen müssen, seinem meisterwerklichen Aushängeschild aus der vielgepriesenen Rachetrilogie, dessen vorderes und hinteres Ende, nämlich Lady Vengeance und Sympathiy for Mr. Vengeance, ich noch tunlichst von meiner Watchlist streichen muss. Aber eines nach dem anderen, diesmal war Die Taschendiebin dran – und ja: Park Chan-Wook ist ein einerseits strenger, andererseits aber auch zumindest inhaltlich sehr wild fabulierender Komponist. Ein dogmatischer Ästhet, der seinen Prinzipien folgt, der sicherlich kein einfacher Künstler ist, und der für alles, was er abbildet, eine chemische Formel hat. Das war schon bei Oldboy so, ein Arthouse-Zwölfgängemenü, ein Geschmackserlebnis, das nicht zwingend wohlgefällig sein muss. Nein, das ist Die Taschendiebin auch nicht immer. Manchmal würgt man den Bissen auch hinunter. Obwohl alles seine Ästhetik hat.

In dieser von Sarah Waters Roman Solange du lügst inspirierten Dreiecksgeschichte haben betuchte Chauvinisten keine Ahnung von der Cleverness des weiblichen Geschlechts. Diese Herren im Anzug, die finden sich nämlich im japanisch besetzten Korea der Dreißigerjahre beim literaturaffinen Grafen von Kouzouki ein, der mit seiner Nichte Heidiko in einem britisch-japanischen Architekturhybrid von Villa residiert und ein Faible für pornographische Literatur hegt, die er auch seinen Schützling rezitieren lässt. Die Heirat der eigenen Verwandtschaft soll noch folgen – wie ekelhaft. In dieses Konstrukt sadomasochistischer Abhängigkeit aus tintigen Zungen, wunden Pobacken und erotischen Lesungen gerät ein Dienstmädchen, das allerdings von einem Betrüger namens Fujiwara engagiert wird, damit diese ihm hilft, ans Erbe der wohlhabenden Heidiko zu kommen, die in kindlicher Naivität nichts davon zu ahnen scheint, welches grausame Spiel mit ihr getrieben wird.

So pausenlos gab sich Niedertracht und Eigennutz zuletzt nur in Jorgos Lanthimos The Favourite die Klinke in die Hand. Auch die strenge Bildsprache beider Filme ist ähnlich, obwohl ich mir auch nicht verkneifen kann festzustellen, dass mit diesem erotischen Stoff aus Thriller und Liebesreigen wohl auch Peter Greenaway (u. a. Die Bettlektüre) seine Freude gehabt hätte. Beiden scheint die bizarre Verknüpfung aus akribisch arrangierten Bildern, geschmackvoller Ausstattung und abgründigem menschlichen Verhalten wirklich zu liegen. Park Chan-Wook gliedert seinen stellenweise wahrhaft freizügigen Streifen in drei Akten. Die ersten zwei werden jeweils aus der Sicht der Taschendiebin und der psychisch labilen Erbnichte erzählt, der dritte sammelt all die losen Enden schließlich zusammen. Diese entspringen manchmal etwas überkonstruierten Wendungen, die so vielleicht gar nicht zwingend nötig wären. Um diesen Parcour aus Bluffs und guter Miene zu bösem Spiel aber auszureizen – vielleicht doch. Die Taschendiebin ist ein Kopf an Kopf-Rennen für all jene, die glauben, klüger zu sein als der andere. Hinter der Fassade des eitlen Scheins hat der Mann in all seiner Eitelkeit das Nachsehen, während Frau nicht nur Erkenntnisse in Sachen Lust gewinnt. Ein Lustgewinn ist Chan-Wooks Film aber auf jeden Fall, und der lässt seine grotesken Spitzen in der gesittet scheinenden Opulenz eines obsoleten Establishments aus dem Hinterhalt hervorschnellen. Die Taschendiebin ist dem japanischen Kino verwandter als jenem Südkoreas, näher an Oshimas Reich der Sinne zum Beispiel, vielleicht auch ein bisschen dessen Hommage, obwohl die Sexualität hier statt Tod in Ekstase unangepasste Freiheit verspricht.

Die Taschendiebin

Sunset

HUTMACHER OHNE WUNDERLAND

4/10

 

sunset© Laokon Filmgroup – Playtime Production 2018

 

LAND: UNGARN, FRANKREICH 2018

REGIE: LÁSZLÓ NEMES

CAST: JULI JAKAB, VLAD IVANOV, EVELIN DOBOS, MARCIN CZARNIK, JUDIT BÁRDOS, SUSANNE WUEST U. A. 

 

Der ungarische Regisseur László Nemes wurde für sein erschütterndes Holocaust-Drama Son of Saul mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Kurze Zeit später hat Nemes gleich einen weiteren Film nachgelegt, der sich nicht weniger mit der europäischen Geschichte beschäftigt, dafür aber einige Jahrzehnte zurückdreht in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, in die beginnenden Zehnerjahre des 20ten Jahrhunderts sozusagen, als die Popstar-Kaiserin Sissi schon lange tot und der Kaiser Franz Josef sich bereits vermehrt schon gefragt hat, warum ihm denn eigentlich nichts erspart bleibt. Das Kaiserhaus aber ist in Sunset eine Mehrtageskutschenfahrt von Budapest entfernt. Die Vielvölkermetropole an der Donau legt ein frühlingshaft flirrendes Stelldichein an den Tag. Die Straßen sind voll mit gutbetuchten Grüppchen, die sich dieses und jenes leisten wollen, vielleicht auch einen dieser ausladenden Hüte, die es im entsprechenden Salon des Handelshauses Leiter zu bestaunen gibt. In diesen impressionistisch bebilderten Alltag zwischen sonnendurchfluteten Monetbildern und Aquarelle Rudolf von Alts bricht durch die homogene Kakophonie der Mieder, Zylinder und Steckfrisuren das Konterfei einer jungen Frau im Großformat, die mit unsteten Blicken nach ihrer Vergangenheit sucht, die nur im Hutsalon Leiter zu finden ist. Dort ist keiner erfreut, auf das Erbe dieses Unternehmens zu stoßen, das längst von anderen Leuten dirigiert wird. Der Name Leiter ist zur Familie non grata geworden, und das Gerücht, ein unbekannter Bruder treibe in der Stadt sein Unwesen, erhärtet sich.

Das klingt natürlich nach einer spannenden Familiengeschichte. Ein bisschen nach Der Engel mit der Posaune, und wenn man die ersten Minuten des Filmes bereits genossen hat, ließe sich sehr leicht der Stil eines Heimito von Doderers verbergen, der in seinen Romanen sehr viel Wert auf gesellschaftliches Ambiente gelegt hat, ohne den eigentlichen roten Faden seiner Beschreibung konsequent voranzutreiben. Doch ich bewege mich zusehends in Richtung Literatur und verlasse das Medium Kino – was László Nemes nach meiner resümierenden Empfehlung voll eher auch früher als später feststellen hätte sollen. Sunset ist nämlich zu einem zähen, narrativen Ungetüm verhoben worden, das sich sehr bald in vielen Manierismen festfährt, ohne das Kind beim Namen zu nennen.

Dabei ist sein visueller Stil anfangs von betörender, ja geradezu berauschender Art. Panoramen, wie man sie vielleicht erwarten würde, gibt es bei Nemes keine. Sein Kameramann Mátyás Erdély, der auch bei Son of Saul hinterm Sucher saß, komponiert mit sehr viel Objektivunschärfe diffuse Malereien in stark begrenzten Ausschnitten, man erahnt gepinselte Schemen flanierender Personen mit Sonnenschirmen, Kutschen im Hintergrund, die Unruhe einer Monarchie im Abendrot ist spürbar, erlebbar. Ganz vorne, stets zentriert, das Gesicht von Juli Jakab, einmal von vorne, einmal von hinten, dann wieder im Profil, meist mit Hut, und die Kamera weicht ihr nicht von der Seite, niemals, so hat es den Anschein. Bei über zwei Stunden Laufzeit ist dieser wechselnde Stil aus Unschärfe und Portraitaufnahme bald totgelaufen. Vor allem auch deswegen, weil Nemes seine Geschichte nur verhalten weiterbringt, seine Protagonisten meist im murmelnden Flüsterton reden lässt, Juli Jakab versteht man kaum. Der Historienfilm beginnt sich zu ziehen, die Bilder sind nach wie vor stimmig, verlieren aber das Interesse an dem, was sie visualisieren sollen.

Von der Endzeit einer verkommenen Monarchie will Sunset erzählen, von einer Götterdämmerung kaiserlicher Hörigkeit. Das konnte Axel Corti mit seiner phänomenalen Verfilmung des Radetzkymarsch viel besser. Mit Joseph Roth als literarischer Vorlage kann auch nicht viel passieren, seine messerscharfen Beobachtungen rund um den Ersten Weltkrieg sind zeitlos, niemals wehleidig und auf den Punkt gebracht. Nemes ergeht sich in selbstverliebter Schwammigkeit jenseits aller Griffigkeit und ohne fesselnde Akzente zu setzen. Will der Überdruss für ein Politsystem allerdings sein filmisches Pendant finden, dann ist mit Sunset der Wunsch nach dem Ende einer Epoche längst gut genug empfunden.

Sunset

Herz der Finsternis

IM AUGE DES TOTEN ELEFANTEN

5/10

 

heart_of_darkness© 1993

 

LAND: USA 1993

REGIE: NICHOLAS ROEG

CAST: TIM ROTH, JOHN MALKOVICH, ISAACH DE BANKOLÉ, JAMES FOX, IMAN U. A.

 

Er setzte elternlose Kids ins australische Outback, ließ schwarz beflaggte Gondeln zu Wasser und Anjelica Huston das Hexen-Einmaleins aufsagen: die Rede ist von Nicolas Roeg, britisches Film-Urgestein und Relikt aus der Ära des psychedelischen Kaderschnitts. Sobald irgendwer in seinen Werken auch nur annähernd Visionen hatte, so waren diese wie Fremdkörper ins Werk montiert, als wäre man Testobjekt für Gehirnströme, die sich verändern, sobald Einsprengseln artfremder Bilder homogene Betrachtungen stören. Beliebt war die Methode sehr gerne bei Experimentalfilmen der Siebziger. Das Ganze sieht dann ungefähr so aus wie der Vorspann des ehemaligen österreichischen TV-Kinomagazins Trailer. Verändert hat sich Roegs assoziative Schnitttechnik bis in die 90er Jahre hinein nicht, mit der (un)bewussten Ambition, als anachronistischer Konterpart übrigzubleiben. Roeg konzentrierte sich dabei später nur noch auf das Medium Fernsehen, daher ist auch seine Verfilmung des Klassikers von Joseph Conrad eine solche fürs inoffizielle Heimkino geworden, lange bevor es den Begriff On Demand gab.

Herz der Finsternis ist die bislang dritte Verfilmung des gern zitierten Abenteuerromans, wovon eine natürlich, wie wir alle wissen, auf das Konto von Francis Ford Coppola ging, der für sein Meisterwerk Apocalypse Now das zutiefst kolonialkritische Szenario aus den Dschungeln Belgisch-Kongos geholt hat, um es in den Kontext des Vietnam-Debakels der USA zu stellen. Der Rest ist Filmgeschichte. Roeg bleibt dem schwarzen Kontinent treu und lässt statt Matin Sheen „Pumpkin“ Tim Roth nebst den eigenen inneren Dämonen den ominösen Kurtz finden, für dessen Darstellung John Malkovich gar mit einer Golden Globe-Nominierung geadelt wurde. Anders als der diabolische Marlon Brando im Halbdunkel gebärdet sich Malkovich als wehleidiger König im Tüllkleid, umringt von einer Kohorte halbnackter Maskenträger, die wie mythologische Wesen aus welcher Zwischenwelt auch immer den Normalsterblichen Angst einjagen. Bei beiden Kurtz-Interpretationen steht die Barbarei des Menschen im Vordergrund – Malkovich hat allerdings eindeutig die ökologische Fraktion inne, und zwar jene mit Greenpeace und Amnesty-Gedanken im Hinterstübchen, während Brando wie der Leibhaftige all die Kriegsgebeutelten für das Endspiel erwartet. Statt Krieg quält bei Roeg der Raubbau an Elfenbein die Welt, in der wir leben – währen des Vorspanns zu Herz der Finsternis setzt der Film mit Close Ups auf Elefantenhaut ein bitteres Mahnmal.

Dennoch ist die in Belize gedrehte und zugegeben selten gezeigte Version von Herz der Finsternis sehr träge geraten, so träge wie der Flusslauf durch den Regenwald und so matt wie das Aufwachen nach einer tropischen Siesta. Die Zooms wirken seltsam billig und Blut sieht aus wie das Ziegelrot aus dem Tempera-Malkasten. Roth steht meistens nur staunend herum, es wird viel palavert und nichts kommt in die Gänge. Es ist wie das Warten auf das Public Boat während des Rucksack-Trampens, das irgendwann abfährt, keiner weiß wann, jedenfalls aber bringt es uns fort von dieser grob montierten Phlegmatik, die Roeg hier zulässt. Der Mensch, schon klar, ist ein Monster bei Joseph Conrad, und das Grauen ist auch hier das letzte Wort, das Kurtz über die Lippen kommt. Doch allzu deutlich fehlt die Ambition, fürs Kino zu drehen, was für diesen Stoff das bessere Medium gewesen wäre.

Herz der Finsternis

Monstrum

WHO LET THE DOG OUT?

5,5/10

 

monstrum© 2018 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2018

REGIE: HUH JONG-HO

CAST: PARK SUNG-WOONG, MYUNG-MIN KIM, KIM IN-KWON, WOO-SIK CHOI U. A. 

 

Bong Joon-Ho ist nicht der einzige Südkoreaner, der im Kino seine Monster versteckt. Mit The Host hatte er ein selbiges auf sein gleichsam verblüfftes wie begeistertes Publikum losgelassen, später wurden die Monster dann zu ganz normalen Menschen. Gegenwärtig scheinen Monster ins Reich der Legenden befohlen worden zu sein, wo sie in Monstrum auch hingehören. Kein wirklich ausgefallener Titel für einen Film, der von einem Monster erzählt, aber dafür macht er auch keine leeren Versprechungen. Dieser nationale Blockbuster, der einen Monat nach seiner Premiere im Kino bereits online zu streamen war, dreht die Uhr um einige Jahrhunderte zurück – wir befinden uns im Mittelalter nämlichen Landes, genauer gesagt im Jahr 1527 zur Zeit der Joseon-Dynastie. Und wie es zu diesen Zeiten oft der Fall war, wüten gerade irgendwelche Epidemien, schlimmstenfalls die Pest. Die suhlt sich also am Ende der Befehlskette, und könnte auch irgendetwas mit seltsamen Begebenheiten aus der montanen Wildnis zu tun haben. Ein Monster, so sagt man, geht um. Und der Kaiser befiehlt, einen Trupp loszuschicken, seine besten Krieger und auch noch solche, die früher mal gedient haben und in Ungnade gefallen sind. Persona non grata hin oder her, manche können einfach gut kämpfen, und wieso sollte man sie nicht wieder rekrutieren. Für ein blutrünstiges Ungeheuer reicht es allemal.

Interessanterweise wurde der Film durch einen Eintrag in den Annalen nämlicher Dynastie inspiriert – kann also sein, dass Sichtungen unbekannter Tierarten die Fantasie der Leute beflügelten. Von nichts kommt natürlich nichts, und wir haben es hier mit diesem Ungetüm auch mit einem – vorrangig bei Touristen oder Asia-Kennern – alten Bekannten zu tun. Doch nein, es ist nicht Godzilla, keines dieser Kaijus. Ihr kennt doch sicher alle diese drachenähnlichen Tempelhunde, die als steinerne, hölzerne oder aus Porzellan gefertigte Wächter sämtliche Portale asiatischer Heiligtümer flankieren. Richtig, das sind sogenannte Haitais, in China nennt man die Xiezhi. Endlich hat solch ein kultiger Geselle auch seinen eigenen Film bekommen, und er darf wüten und brüllen und Menschen zerreißen und was weiß der Teufel was sonst noch alles. Ein gepflegter, groschenromanartiger Fantasyfilm ist das geworden, jedenfalls feine Ausstattung, tolle Gewandungen und gut getrickst. Intrigen gibt’s auch, wie immer am Hof der Mächtigen. Ist nun mal so ein Monster da, kann es natürlich auch für sinistere Zwecke missbraucht werden, denn der Tempelhund per se ist ja prinzipiell nicht vorsätzlich bösartig. Vielleicht krank, vielleicht einsam… näheres wird man herausfinden.

Insgesamt aber bietet Monstrum kaum etwas Neues, außer Haitai eben. Weder ist das Abenteuer sonderlich spannend, noch hat es das gewisse Etwas. Pro- und Antagonisten sind austauschbare Stereotypen aus einem Genre vom Fließband. Aber immerhin: wer statt auf Mantel- und Degenfilme auf lederne Schuppenpanzer- und Schwerterfilme steht, kann darin sein Glück finden. Und bevor Monster-Nerds alle Monster ausgehen, wäre der Streifen auch für sie ein gefundenes Fressen.

Monstrum