Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Bumblebee

HEAVY METAL ZUM FRÜHSTÜCK

6/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: TRAVIS KNIGHT

CAST: HAILEE STEINFELD, JOHN CENA, PAMELA ADLON, KENNETH CHOI, JOHN ORTIZ U. A.

 

Ein Schlaukopf, ein Muskelprotz, eine Ausgeflippte, eine Prinzessin und ein Freak – wer kann diese letzten Zeilen des Jugendklassikers The Breakfast Club nicht nachsprechen? Natürlich jene, die ihn noch nicht gesehen haben (und das dringend nachholen sollten) und folglich auch das eine oder andere Bonmot aus dem aktuellen Transformers-Ableger wohl weniger erkennen werden. Und jetzt, jetzt ist es passiert – jetzt habe ich Transformers gesagt. Für Cineasten sowas wie das Weihwasser für den Teufel, oder? Was Michael Bay da in bereits gefühlten hundert Teilen hier angerichtet hat, ist, als würde man sämtliche Schrotthalden der Welt in einen Malstrom werfen, nur um zu sehen wie es quietscht, birst und detoniert. Nichts gegen die visuelle Raffinesse in manchen Szenen – doch das Geklotze ist selbst für Hardcore-Destruktivisten enervierend. Wieso im Namen aller Talismane, die da unter den Cockpitspiegeln sämtlicher Kraftwägen baumeln, habe ich mir einen Transformers-Film angetan? Weil ich, wie so oft (und auch zuletzt bei Robin Hood) neugierig wurde. Neugierig, wie denn das Hasbro-Spielzeug dramaturgisch überhaupt noch anders verpackt werden kann. Und ob das funktioniert, bei all diesen extraterrestrischen Kolossen, die unsereins so verwundbar scheinen lassen wie Schmetterlingsflügel.

Sich von den Rezensionen anderer überhaupt nicht leiten zu lassen, da braucht es schon parabolschirmgroße Scheuklappen. Irgendwie beeinflusst das immer, und so auch die relativ positiven Stimmen, die mich dann doch zu einer Sichtung von Bumblebee motiviert haben. Gemeinsam mit Besucherkonstellationen wie Vater-Sohn, After-Work-Kollegen und jungen Ehepaaren konnte das Getöse – oder Nicht-Getöse dann beginnen. Und all die positiven Stimmen weitestgehend abnickend kann ich sagen: Ja, Bumblebee von Travis Knight (Kubo – der tapfere Samurai) geht in eine andere Richtung, mitunter sogar in eine, die nostalgisches Erinnern weckt. Nämlich an die guten alten Jugendfilme der Siebziger-Generation. Und damit meine ich jene, die mit der Magie des Phantastischen kokettierten. Was fällt mir da ein? Natürlich E.T., die Freundschaft eines Jungen mit einem knorrigen Alien. Und wer kann sich noch an den Flug des Navigators erinnern? Das Raumschiff – der absolute Hingucker. Oder an Nummer 5 lebt? Da hatte es Ally Sheedy (die Ausgeflippte aus erwähntem Breakfast-Club) mit einem sprechenden Roboter zu tun, der die spätere Figur von Pixar´s Wall-E schon vorwegnahm. In all diesen Fällen standen Freundschaft, soziale Nähe und innere Werte im Mittelpunkt. Das „Über-sich-Hinauswachsen“ und der Mut der Schwächeren. Travis Knight hat sich dieser Elemente im Rückblick auf eine ganze Epoche kluger Coming-of-Age-Filme besonnen, sie entstaubt und wieder vereint. Entstanden ist ein Film. der vom Zeitgeist daher irgendwie aus dem Rahmen fällt, dafür aber statt dröhnender Kopfschmerzen den narrativen Beat der 80er auf gefällige Zimmerlautstärke dreht, ohne die Nachbarn zu alarmieren.

Herzstück des Ganzen ist dabei zweifellos eine hingebungsvolle Hailee Steinfeld, die als Halbwaise mit Mama, Stiefpapa und einem nervigen Bruder über den Tod ihres Vaters hinwegkommen muss, gerne an fahrbaren Untersätzen schraubt und es nicht fassen kann, als ein ziemlich ramponierter VW-Käfer in Signalgelb plötzlich humanoide Gestalt annimmt. Dieser verängstigte, stumme Bumblebee, der von den Häschern der Decepticons verfolgt wird, findet in der einzelgängerischen Charlie eine vertraute Seele. Beide fühlen sich verlassen, unverstanden und fehl am Platz. „Ich bin ich“ war gestern, der Sinn ihres Daseins wartet also auf Input. Ein kleiner Breakfast-Club, und in diesen Szenen des Miteinander und Füreinander liegt der Charme des Films. Mal humorvoll, mal emotional, nie albern. Zumindest dann nicht, wenn zum Beispiel „Charlie“ Hailee Steinfeld den wortlosen Karosserie-Buster Keaton, der nur anhand seines Autoradios kommuniziert, trendige Popmusik näherbringt. Bumblebee ist ein Roboter mit Herz und kleinem Ego, ein Nummer 5, aber auch ein Wall-E, vor allem was die Eloquenz angeht – und sogar ein bisschen Alf, wenn er in einer der besten Szenen im Bemühen, alles richtig zu machen, versehentlich die elterliche Wohnung verwüstet.

Das auf Basis der Actionfiguren errichtete Element der kriegerischen Vorgeschichte für Michael Bay´s Filmreihe ist hingegen nicht der Rede wert. Decepticons und Autobots hin oder her, darum geht es nicht wirklich. Schon, auch – und womöglich auf Wunsch von Produzent Bay, aber es ist nicht sonderlich relevant und wütet auch eher im Hintergrund, in radikal reduziertem Gekloppe, im Grunde relativ austauschbar. Letzteres sind auch die charakterschwachen Stereotypen aus Militär und Wissenschaft, allesamt lächerlich hohl – aber das waren die Figuren aus den 80er-Filmen vermutlich auch, nur haben wir die bisweilen verklärt oder verdrängt. Darüber mag man gern mit den Augen rollen – und es gnadenhalber hinnehmen, wenn auf der Haben-Seite Alien-Herbie mit dem Mädchen von nebenan verstecken spielt. Da könnte man fast den Geist in der Maschine vermuten – und hoffen, dass Bumblebee als Spin Off von der Maschekseite als Stand-Alone keine Sequels nach sich zieht, die nur wieder das hervorbringen, was bei Michael Bay schiefgelaufen ist. Als Stand-Alone wäre dann der kauzige Gigant aus dem All ein lichter Moment inmitten martialischer Zerstörungswut. Versöhnlich und trotz der tonnenschweren Mechanik ungewohnt leichtfüßig. Wie „Freak“ Judd Nelson, der am Ende des Breakfast Club über den Sportplatz schlendert.

Bumblebee

Der Grinch

DAS FEST DER DIEBE

8/10

 

dergrinch© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: YARROW CHENEY, SCOTT MOSIER

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BENEDICT CUMBERBATCH, RASHIDA JONES, ANGELA LANSBURY, PHARRELL WILLIAMS

STIMME DES GRINCH AUF DEUTSCH: OTTO WAALKES

 

Weihnachtsfilme gibt es viele. Und viele davon sind Klassiker, die sich jedes Jahr ihres Flimmerns über den hauseigenen Bildschirm sicher sein können. Kevin – Allein zu Haus zum Beispiel. Oder natürlich Hilfe, es weihnachtet sehr – alles anderes als ein besinnliches Fest. Demnächst könnte es sein, dass sich der neue und bislang beste Animationsfilm der Illumination Studios als zukünftiger weihnachtlicher Dauerbrenner etablieren könnte. Denn Der Grinch – ein kauziges Märchen nach einer Geschichte von Dr. Seuss – ist nicht nur tricktechnisch, sondern auch erzählerisch und überhaupt charakterlich ein echter Hit.

Jim Carrey war in der Realverfilmung aus dem Jahr 2000 natürlich auch ein Knüller – wem sonst hätte man den expressiven Mimiker im grünen Pelz auch zugetraut? Doch was die kreativen Köpfe Yarrow Cheney (Pets) und Scott Mosier für uns vorfreudige Familien hier vorbereitet haben, ist genau die richtige Mischung aus entrückter Fabelwelt und einer pointierten Charakterstudie, die den Weihnachtshasser als solchen behutsam hinterfragt. Denn der Grinch, der einzige grün gepelzte Who im ganzen sogenannten Land, ist keine bösartige, egozentrische oder schadenfrohe Kreatur, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Sondern schlicht und ergreifend ein Außenseiter, dessen prädestiniertes Unglücklichsein auf einer lieblosen Kindheit beruht. Sein gekränkter Stolz lässt ihn einen neiderfüllten Plan schmieden, der den Diebstahl von Weihnachten zur Folge hat. Das klingt nach monströsem Unterfangen, doch der geniale Erfindergeist im grün geärgerten Köpfchen wird es wohl möglich machen. Und ihn letzten Endes mit einer Tatsache konfrontieren, die sein eigenes Denken und Handeln lawinengleich erschüttern lässt. Und vielleicht auch den Weihnachtshandel, der urplötzlich entbehrlich wird.

Allein, wie die Macher des Grinchs die Figur angelegt haben, ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Entwicklung eines Charakters gelingen kann. Das gleichzeitig dickliche, birnenförmige, aber auch schlaksige Äußere, der hinterlistige und zugleich sehnsüchtige Blick. Das hämische Grinsen und das beleidigte Schmollen. Dass die Regisseure gleichzeitig Designer sind und hier ordentlich mitreden konnten, ist in jeder Bewegung des Grinchs erkennbar. Hier hinter die Kulissen der Produktion zu blicken und herauszufinden, wie viele Skizzen für jede Mimik wohl notwendig gewesen waren, wäre lohnenswert. Und nicht nur die bildliche Charakterisierung, auch der Ton macht die gute Musik. Im Original verleiht das sonore Organ Benedict Cumberbatchs dem traurigen Dieb seine Stimme – in der deutschen Synchro ist es niemand geringerer als Otto Waalkes, der die sprachlichen Attitüden eines Sid aus Ace Age tunlichst außen vorlässt und für seine Figur einen ganz anderen Tonus findet. Nämlich einen viel weniger blödelnden, sondern nuancierten. Vom gackernden Gekicher – und das nicht zu viel – bis zu seufzender Sanftmut. Sein Hündchen Max, das scheint er ja als einzigen ins viel zu kleine Herz geschlossen zu haben. Und wenn dann das walzenförmige Rentier unter dem Berge einzieht, gelingen dem Film zwerchfellerschütternde Momente köstlicher Situationskomik.

Wie die Kekse zur Weihnachtszeit, so ist auch dieser Weihnachtsfilm mit Liebe gemacht. Und befindet sich auf Augenhöhe mit den dramaturgischen Qualitäten einer Pixar-Produktion. Weder zielt Der Grinch darauf ab, einen Kalauer nach dem anderen wie blinkende Lichterketten auf das altersdurchmischte Publikum loszulassen, noch verliert er sich, wie man es aufgrund von Werken wie Ich- Einfach unverbesserlich vielleicht vermuten würde, in chaotischem Stakkato quirlig-hysterischer Action. Das würde auch zu dieser psychosozialen Erzählung über Nächstenliebe gar nicht passen. Viel schlägt Der Grinch besinnlichere Töne an, nimmt sich manchmal gar zurück. Gezielt überzeichnet, das natürlich. Wobei szenenweise das Gefühl aufkommt, das selbst Tim Burton, inspiriert von Nightmare before Christmas, sein visuell bizarres Händchen mit im Spiel gehabt zu haben scheint. Whoville selbst ist ein Schwibbogen in der dritten Dimension, gemixt mit Lebküchenhäusern zum Quadrat, darunter alle Weihnachtsmärkte dieser Welt, vom Polarkreis bis ans Mittelmeer. Das minutiös möblierte Grinch-Cave mit all seinem fantasievollen Interieur ein geschmackvoll-absurder Antiquitätenladen. Diese knapp 90minütige Komposition aus Charakterkomödie, Bilderbuch und Winterzirkus beschert Kleinkind wie Opa sein eigenes Päckchen an augenzwinkernder Unterhaltung, die stets die Balance hält und einfach ein herzerwärmendes Gleichnis erzählt. Eines, das selbst das eigene Herz zumindest für einen Moment fast unmerklich, aber doch, größer werden lässt.

Der Grinch

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

VOM KNOPF, DER NICHT AUFGEHEN WILL

4/10

 

jimknopf© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: DENNIS GANSEL

CAST: SOLOMON GORDON, HENNING BAUM, ANNETTE FRIER, CHRISTOPH MARIA HERBST, UWE OCHSENKNECHT U. A.

 

Die Welten, die Michael Ende Zeit seines Lebens schuf, sind schon höchst seltsam. Und je seltsamer, umso faszinierender. In Die unendliche Geschichte einzutauchen ist ein ganz eigenes, nicht unbedingt erbauliches, aber zumindest fast schon bewusstseinserweiterndes und höchst rätselhaftes Erlebnis. Klar, dass sich laut Michael Ende selbst Wolfgang Petersen an der Verfilmung des ersten Teils des Buches die Zähne ausgebissen hat. Gerecht, so Ende, ist er seinem Werk mit der Bebilderung von Fantasien nicht geworden. Aber was soll´s, mich hat Die unendliche Geschichte in den 80ern sehr bewegt. Werfe ich heute einen Blick auf die Kulissen der Babelsberg-Studios, hat das ganze Szenario ähnlich wie Der dunkle Kristall immer noch seinen analogen Reiz und ungelenken Charme. Den tricktechnisch verwöhnten Nachwuchs hat es jedenfalls immer noch fasziniert. Warum? Weil die epische Geschichte rund um Bastian, Fuchur und Atreju keine Allerweltsfantasy ist. Von dieser surrealen Phantasmagorie ist der Weg nicht allzu weit zu Michael Ende´s einsamer Insel, die mitten im Nirgendwo liegt: Lummerland. Dieses Twin Peaks für Kinder ist sogar noch um einiges eigenartiger. Eine enklavische Welt, in der fünf Personen so leben, als wären sie Teil einer größeren Gesellschaft. Lummerland ist ein Königreich mit Untertanen, die in ihrer Abgeschiedenheit so niemals überleben könnten. Wohin Herr Ärmel jeden Morgen geht, weiß man genauso wenig wie all die Telefonate, die König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte den lieben langen Tag führt. Und die Lokomotive Emma kann sich tagtäglich eines chronischen Passagiermangels erfreuen. Diese Welt, die muss Michael Ende irgendwann erträumt haben. Und es ist nicht unbedingt ein gemütlicher Traum. All diese merkwürdigen Figuren folgen der abstrakten Logik einer zeitlos-surrealen Traumsequenz, in der es keine Vergangenheit und keine Zukunft zu geben scheint. Wie Geister, die täglich das Gleiche tun. Der Waisenjunge Jim Knopf ist der Einzige, der irgendwie ein Ziel hat. Die Neugier nach seiner Herkunft führt ihn also weg von diesem spieluhrähnlichen Mikrokosmos des Irrealen, und zwar mitsamt Lokomotive Emma und Lukas, des Lokomotivführers. Auf schienenlosen Wegen geht´s in eine weitaus ergiebigere Welt jenseits des Horizont, auf der Suche nach einer gewissen Frau Malzahn, an die Jim Knopf von 13 völlig identen Piraten eigentlich verkauft hätte werden sollen.

Der deutsche Filmemacher Dennis Gansel (u. a. Die Welle, Napola) hat sich dieses eigenwilligen Märchens angenommen, wohl wissend, wie schwer es ist, Michael Ende adäquat auf die Leinwand zu bringen. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mag ein ambitioniertes Stück hoch budgetiertes Eventkino sein, ist aber von einem inspirierenden Abenteuer so weit entfernt wie ein Rationalist von den unendlichen Weiten Fantasiens. Ende selbst wird wohl nicht mehr seinen Senf dazugeben können, umso mehr wundert es mich, dass die Odyssee des zugegeben trefflich gut gecasteten Jim Knopf und des brummigen Blaumannträgers Lukas gar so stockend vorwärtskommt, als wäre die Regie ein Abklopfen der Befindlichkeiten des Urhebers in einer Geschichte, mit der eigentlich niemand so richtig warm wird. Schon gar nicht Henning Baum, der zwar recht lässig seine Pfeife raucht, aber so wirkt, als müsste er für jede weitere Szene neu motiviert werden. Da kommt der kleine Solomon Gordon trotz seiner Spielfreude nicht wirklich an. Womöglich ist es die Arbeit vor dem Greenscreen, die diesem Film seine Geschmeidigkeit nimmt, obwohl manche Szenen an natürlichen Schauplätzen wie zum Beispiel in Südafrika gedreht wurden. Irgendwann – ich weiß nicht, ob das im Buch ähnlich beschrieben wird, denn ich habe Jim Knopf nur auszugsweise gelesen bzw. vorgelesen – mündet die Suche nach Jim´s Ursprung in einer Mischung aus Terry Gilliam´s Time Bandits und des kleinen Drachen Kokosnuss, was stilistisch nicht wirklich miteinander harmonieren will und auch nicht dazu beträgt, das holprige Ablesen der Textzeilen vor dem geistigen Auge ablenkend zu kaschieren.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist der zaghafte Versuch, der schrägen Fantasie eines versponnenen Tagtraumes zu entsprechen und bleibt trotz aller tricktechnischen Raffinesse befremdliches Stückwerk, das nur in wenigen Momenten durch die glatte Oberfläche eines hastig durchgeblätterten Bilderbuchs dringt, das wie ein ungeliebtes Auftragswerk zu Ende gedreht sein will. Dass der Knopf dabei aufgehen soll ist ein Ding der Unmöglichkeit. obwohl bei Michael Ende doch eigentlich alles möglich scheint.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Alpha

ES WAR EINMAL… DER HUND

6/10

 

alpha© 2018 Sony Pictures Entertainment

 

LAND: USA 2018

REGIE: ALBERT HUGHES

CAST: KODI SMIT-MCPHEE, LÉONOR VARELA, NATASSIA MALTHE U. A.

 

Besucht man in Wien das Naturhistorische Museum am Maria Theresien-Platz, empfiehlt es sich, die erste Etage hochzugehen und die Besichtigung der prähistorischen Abteilung mal von links zu beginnen. Kurz vor dem Eingang in den Saal mit den Dinosaurier-Skeletten und dem beweglichem Allosaurus gibt es links in einem Seitengang das Modell einer steinzeitlichen Behausung im Originalformat. Blickt man dort hinein, so sieht man einen Screen, auf dem ein Nonstop-Filmchen über die Kreaturen des Pleistozäns im Endlos-Loop zu sehen ist. Genauso gut könnte dort der Abenteuerfilm Alpha laufen, nur wäre der Bildschirm im muffigen Inneren des mit Fellen und Schädelknochen ausgebauten Unterschlupfs für all die Bildgewalt, die Alpha bietet, entschieden zu klein. Da hätte ich lieber einen eigenen Kinosaal innerhalb des klassizistischen Gebäudes, für genau solche Filme, wie Albert Hughes jugendkonforme Antwort auf The Revenant einer ist.

Ein ähnlich intensives Erlebnis wie Jean Jacques Annaud´s Am Anfang war das Feuer zu erwarten, würde mit einer gewissen Enttäuschung einhergehen. Ebenso würde ich ohne Zweifel den österreichischen Ötzi-Thriller Der Mann aus dem Eis als um Mammutlängen authentischer einstufen, da dieser sogar versucht hat, den ohnehin wortkargen Film in einer möglichen Ur-Sprache erklingen zu lassen. Ohne Untertitel wohlgemerkt, um noch das letzte bisschen Bequemlichkeit zu nehmen, und außerdem erschließt sich die übersichtliche Handlung alleine schon durch das Agieren der archaisch bekleideten Opfer und Täter irgendwo in Südtirol ohnehin. Alpha hat weder Annaud´s erdig-urtümliche Atmosphäre, noch den Anspruch auf Authentizität wie Felix Randau´s unwirtliche Zeitreise. Aber: Alpha besticht durch landschaftliche Tableaus im Morgen- und Abendlicht, nach dem Regen und vor dem Sturm. Das Licht legt sich wie flüssiges Gold über das Grasland, rotviolettes Zwielicht taucht die Szenerie in ein mitunter leicht kitschiges, aber sattes und opulentes Damals eines Europas vor rund 20.000 Jahren, das sich geografisch nicht so genau festlegen will und daher alle möglichen Ökosysteme des alten Kontinents miteinander vereint – von scharfkantigen Schluchten bis hin zu ausladenden Gletschern und schroffen Gebirgen. Alpha ist wie ein Diorama, und auch solche Arrangements finden sich in den Naturkundemuseen dieser Welt. Es ist, als steige man in Albert Hughe´s Steinzeitabenteuer direkt in ein interaktives Museum. All das, was sich in den Sammlungen zur Frühgeschichte des Menschen so finden mag, haben wir hier fein säuberlich vereint. Die Sippschaften von damals sind adrett gekleidet, mit Knochen-, Federn- und sonstigem Behang. Minuten später ziehen Mammutherden im Abendlicht übers Feld. Prähistorische Schweine dürfen ebenfalls gejagt werden wie Herden des Ur-Rinds – hier wieder werden Erinnerungen an die Büffel-Szene von Der mit dem Wolf tanzt wach, in Alpha ist die Konfrontation der Speerjäger mit der ungebändigten Naturgewalt auf vier Hufen ein bereits schon sehr früh verbrauchtes Highlight. Aber das macht nichts, irgendwann kommt der Häuptlingssohn namens Keda auf den Hund. Um genauer zu sein kann von Hund Anfangs keine Rede sein. Womit er sich anlegt, das sind ein Rudel Wölfe, und das, nachdem der schlaksige Frischling vom eigenen Papa für tot erklärt wird. Wider Erwarten – also zumindest für den nichtsahnenden Papa – rafft sich Keda auf und macht sich auf den Heimweg, der sich natürlich endlos in die Länge zieht, da der Junge weder einen Plan noch sonst irgendwelche ausgereiften Kenntnisse besitzt, mit denen sich gezielt orientieren lässt. Soviel zu The Revenant, und ja, manchmal leidet, ächzt und stöhnt der australische Schauspieler Kodi Smit-McPhee genauso intensiv vor sich hin wie Leonardo DiCaprio. Nur Leo hatte sich keinen Wolf erjammert – Smit-McPhee schon. Und als beide dann irgendwo im Nirgendwo in einer Höhle kauern, der Mensch das verletzte Tier verarztend und gleichzeitig unterwerfend, sehen wir alle die Genesis des besten Freundes des Menschen aus einem vorsintflutlichen Licht, wie es um die Stunde Null für den Hund wohl gewesen sein mag, wie durch Zufall das Tier an seinem Herren den Eigennutzen erkennt und umgekehrt. Eine artenübergreifende Symbiose ist das, eine Kosten/Nutzenrechnung, die aufgeht – und eine bis heute andauernde Geschichte der unterschiedlichsten Rassen nach sich gezogen hat, vom Rehrattler bis zur Deutschen Dogge. Über so viel Science-Fiction würde die Wölfin Alpha nur ein ungläubig bellendes Lachen von sich geben.

Als Landschafts- und Naturfilm gewährt Alpha einen so tröstenden wie idealisierten Blick auf eine Erde, auf welcher der Mensch noch Teil der Nahrungskette war. Insofern verspricht Alpha Schauwerte im anspruchsvollen Kalenderstil aus dem Museumsshop, darüber eine recht berechenbare, simple Geschichte, die es allerdings gut meint und auch versucht, den Wolf so wenig zu animieren wie möglich, wobei ich mir hier manchmal nicht ganz sicher bin, wann Meister Isegrim aus Nullen und Einsen besteht und wann nicht. Alpha ist schönes Volkskino aus und über die Urzeit, so schön wie eine wohlgefällige Terra Mater-Doku und entsprechend überschaubar packend.

Alpha

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer

Das Haus der geheimnisvollen Uhren

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

4/10

 

House With A Clock In Its Walls© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

ORIGINAL: THE HOUSE WITH A CLOCK IN ITS WALLS

LAND: USA 2018

REGIE: ELI ROTH

CAST: JACK BLACK, CATE BLANCHETT, KYLE MACLACHLAN, OWEN VACCARO U. A.

 

Jeder, der auch nur irgendwie im Englisch-Unterricht aufgepasst hat, wird um die meisterhafte Erzählung Edgar Allan Poe´s, nämlich The Tell-Tale Heart, nicht herumgekommen sein. In dieser äußerst gruseligen Geschichte, auf Deutsch Das verräterische Herz, treibt das Pochen desselbigen einen Mörder in den Wahnsinn. In einen ähnlichen Geisteszustand soll das Ticken einer verhängnisvollen Uhr die Bewohner einer alten Zauberervilla versetzen. Des Nächtens nämlich treibt das dröhnende, mechanische Pochen den Onkel des Waisenjungen Lewis aus dem Bett und in die weitläufigen, brockatgeschmückten Gänge, um dem Ursprung dieses vermaledeiten Geräuschs auf den Grund zu gehen. Dieser Onkel, gewohnt exaltiert und verschroben verkörpert von Jack Black, muss sich nach dem Tod seiner Schwester des 10jährigen Jungen annehmen. Ihm zur Seite: Cate Blanchett als stets in Zyklamen gekleidete, gutmütige Hexe. Lange können die beiden ihre Ambitionen vor dem hellhörigen Jungen nicht verbergen – und mit der Offenbarung einer bisher unbekannten Welt der Magie und des Phantastischen findet auch allerlei Ungemütliches ihren Einzug in das üppig ausgestattete Gemäuer, das ohne weiteres auch ehemaliger Besitz der Addams Family hätte sein können. Allein es fehlt Butler Lurch, der stets in erschreckend fahler Lethargie auf die Schwelle tritt. Diese Aufgabe übernimmt in Eli Roth´s Fantasygrusel ein altmodischer Fauteuil. Ganz nett, auch das von selbst klimpernde Klavier und die als Generali-Löwe zugeschnittene Hecke, die permanent unter Laubdurchfall leidet. Warum eigentlich nicht, zur Überbrückung bis zum kommenden Grindelwald-Verbrechen ein pittoresker Zeitvertreib. Doch der ehemalige Folterknecht Roth, der gerne ein bisschen das Gespür von Edgar Allan Poe oder R. L. Stine hätte und aus einer guten Laune heraus nur so ansatzweise Harry Potter und Konsorten zeigen will, wo der Zauberstab sonst noch geschwungen werden könnte, scheitert wieder mal ganz besonders an seiner Unfähigkeit, sein ambivalent kinderfreundliches Abenteuer dramaturgisch richtig zu timen.

Ich kenne leider John Bellair´s literarische Vorlage nicht, doch jene Geschichte, die Roth hier erzählt, bleibt in ihrem vermeintlichen Detailreichtum, der gar keiner ist, weit hinter Rowling´s Magierwelten zurück, mag vielleicht ein bisschen so sein wie Gänsehaut, kommt aber nie richtig in Schwung. Dafür tut der Cast, was er kann, um die holprige Regie auszugleichen. Jack Black und Cate Blanchett sind Professionisten nach Vertrag, Jungschauspieler Owen Vaccaro lässt sein Gefühlsspektrum zwischen Trauer, Furcht und Zuversicht auf Hochtouren laufen. Die Schauspieler sind also nicht das Problem – es ist die Dynamik einer windumtosten Nacht und seiner schlagenden Fensterläden. Mal herrscht Leerlauf, dann heult es wieder in den Ritzen und Sollbruchstellen baufälliger, aber bewohnbarer Denkmäler. Ähnlich verliert Das Haus der geheimnisvollen Uhren immer wieder an Energie, erarbeitet sich mühsam einen neuen Spannungsbogen, der aber nie so wirklich kommen will. Spooky wird es, das schon – jüngeres Publikum könnte versucht sein, bei begleitenden Erwachsenen Zuflucht zu suchen. Älteren wird das teils überzeichnet groteske Szenario, das im Wiederspruch zur oberflächlich auserzählten Story steht, leicht irritieren oder langweilen. Viel ältere werden den augenzwinkernden Retro-Zauber Der Rabe von Roger Corman mit den Horror-Ikonen Vincent Price und Boris Karloff vergeblich erhoffen – so kauzig-verspielt hätte ich mir die Uhren-Odyssee nämlich durchaus erwartet.

Ein Versuch war die Verfilmung des Schauerromans vielleicht aber sicherlich wert, nur Eli Roth scheitert auch wie zuvor bei Death Wish an dem Qualitätsanspruch, potenziell spannende Geschichten aus einem Guss zu erzählen. Das vergeblich ambitionierte Abarbeiten einzelner Szenen ist als wochentagsfüllendes Tageswerk allerdings permanent spürbar. So können Welten wie diese kaum fesseln, trotz Auferstehung der Toten. Kyle MacLachlan als wurmzerfressener Hexer ist wohl bildgewordenes Fazit des ganzen Streifens: irgendwie untot, manchmal sehr lebendig, aber gleichzeitig bar jeglicher Vitalität.

Das Haus der geheimnisvollen Uhren