Air

ATEMLOS DURCH DEN SCHACHT

5,5/10

 

air© 2015 Sony Pictures International

 

LAND: USA 2015

REGIE: CHRISTIAN CANTAMESSA

CAST: NORMAN REEDUS, DJIMON HOUNSOU, SANDRINE HOLT U. A. 

 

Nein, dieser Film handelt nicht von der französischen Synthie-Pop-Band gleichen Namens. Er handelt – ganz ohne viel Hang zur Fehlinterpretation – tatsächlich von Luft. Die ist knapp bemessen, oder wir könnten auch sagen, es gibt sie gar nicht mehr so, wie wir sie kennen. Ist mir da nicht unlängst so etwas Ähnliches auf Netflix über den Weg gelaufen? Ja natürlich, der Film hieß IO, und auch dort war unserer Atmosphäre nicht mehr wirklich danach, weiterhin atembar zu bleiben. Eine fragwürdige neue Zusammensetzung der Bestandteile führte bei IO also zum großen Exodus – und einem Lockdown der ganzen Erde. Bei IO konnten die Menschen zumindest entkommen – was für ein Glück, technisch gesehen ordentlich was weitergebracht zu haben, sonst wären wir alle gnadenlos erstickt. In Air ist der Worst Case anscheinend passiert. Homo sapiens mit Schnappatmung, danach das Ende. Die Technik: leider in den Erwartungen ganz weit hinten, und nichts innovativ genug, um dem Planeten den Rücken zu kehren. Was tut Mensch also, um nicht komplett aus den terranischen Geschichtsbüchern zu verschwinden? Er versetzt das Wissen der Menschheit in Gestalt renommierter wissenschaftlicher Koryphäen auf ihrem Gebiet in Tiefschlaf – um sie dann wieder daraus hervorzuholen, wenn die menschengemachte Kontamination der Atmosphäre (Auslöser dafür waren womöglich Kriege) wieder neutralisiert ist. Wenn es denn so weit kommt. Bewachen und Warten muss das Ganze natürlich auch irgendwer – zwei sagen wir mal Facility Manager, oder schlicht und ergreifend technisch versierte Hausmeister, die das Standby am Laufen halten. Die dürfen alle 6 Monate ebenfalls erwachen, um nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich kommt, wie es kommen muss – die Technik versagt, und scheinbar nirgendwo gibt es Ersatzteile, um das Handwerkerduo wieder in Tiefschlag versetzen zu können. Ein Königreich für einen Baumarkt! Die Zeit drängt, denn nach zwei Stunden schaltet sich die automatische Sauerstoffzufuhr wieder ab.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Technik in Air weit davon entfernt ist, mit dem Exodus zu fremden Planeten zu liebäugeln. Wir haben es hier mit Konsolen aus dem Fundus der antiken Enterprise zu tun. Ein Knopfgewusel und Herumgeblinke, selbst für stark Fehlsichtige nicht zu übersehen. Bildschirme aus der Prä-Apple-Klassik-Zeit. Und Videorecorder, um Aufgezeichnetes abzuspielen. In diesem Knöpfe- und Schalterkeller verrichten Walking Dead-Star Norman Reedus und Djimon Hounsou ihre Pflicht, und sie halten es gerade mal miteinander aus, wohlwissend, kurzerhand wieder weiterzuschlummern. Einer von den beiden hat aber ein Geheimnis, und das macht die ganze Szenerie durchaus interessant – wie es eben bei Zwei-Personen-Filmen interessant werden kann. Air ist ein sichtlich niedrigbudgetiertes B-Movie – angesichts des Equipments, das sich selbst für unsereins relativ schnell zusammenstellen lässt, vorausgesetzt, man hat einen Hobbykeller im Eigenheim und das Eingelegte lässt sich hinter Planen gut verbergen. Doch warum nicht – es kommt doch immer nur auf das Wie an. Und eine Idee dahinter, die natürlich zünden muss. Demzufolge hat das Science-Fiction-Kammerspiel nicht wirklich etwas falsch gemacht. Es ist ein kleiner Film, fast schon ein Intermezzo oder sagen wir ein Präludium zu etwas Größerem, zum eigentlichen Hauptfilm, der aber nie kommt. Eine solide Spielerei ist Air geworden, ein Filmchen unter Freunden, durchaus bedrückend, nicht weniger postapokalyptisch wie I am Legend oder der neuseeländische Endzeitthriller Quiet Earth. Zumindest gibts ein Backup im Dornröschenschlaf. Bleibt nur die Frage, welcher Prinz im Blaumann für den Aufwachkuss die Lippen schürzt.

Air

IO

LEBWOHL, ERDE

6,5/10

 

io© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN HELPERT

CAST: MARGARET QUALLEY, ANTHONY MACKIE, DANNY HUSTON, TOM PAYNE

 

Nochmals Danke an die Redaktion der deutschsprachigen Kinomagazins cinema für ihre Filmempfehlungen quer durch gefühlt alle Streamingplattformen, mit Gentle Reminders auf der Liste für längst vergessene Filme, die mit der richtigen Stimmung am Abend vor dem TV-Schirm durchaus vereinbar wären. Wie zum Beispiel der postapokalyptische Streifen IO.

Dabei ist IO alles andere als die wutentbrannte oder völlig mit jedweder Resignation ausgestattete Zukunftsvision einer Bestie Mensch, die sich selbst ihr Grab schaufelt. Nein, das ist IO sicher nicht. Dafür aber ein Abgesang. Nicht auf die Menschheit, denn die scheint es sich mehr recht als schlecht gerichtet zu haben, sondern auf unseren Planeten Erde. Und genau das, dieser Abschied, den man partout nicht nehmen will, der stimmt melancholisch, wehmütig. Das kann doch nicht das Ende dieser Jahrtausende währenden fruchtbaren Beziehung sein? Was genau war denn das Problem?

Nun – keine Luft zum Atmen ist zumindest ein driftiger Grund. Aus was für Gründen auch immer hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre grundlegend verändert. Der Film erklärt aber nicht, wodurch. Doch es ist hier nunmal Fakt, und tendenziell räumt Regisseur Jonathan Helpert sogar ein, dass Mutter Gaia vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein hat, und irgendwann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben. Luftentzug schien wirksam: der Mensch beginnt also, Raumschiffe zu bauen und die Erde zu verlassen. Als Ziel winkt der Jupitermond IO – eine riesige Raumstation umkreist den Himmelskörper im Orbit. Von dort weg soll ins System Proxima Centauri aufgebrochen werden, um erdähnliche Planeten zu finden. So gut wie fast alle haben den Planeten bereits geräumt. Manche harren aus – und suchen in den windtechnisch günstigen letzten Enklaven mit atembarer Luft nach einem Sinn hinter dem Zerwürfnis. Eine davon ist die Tochter eines Wissenschaftlers, gespielt von Margaret Qualley (das Hippiemädchen aus Tarantinos Once upon a Time… in Hollywood, die Brad Pitt schöne Augen macht), die immer noch Tests an Bienen durchführt. Dann schneit ganz plötzlich „Jules Verne“ Anthony Mackie mit seinem Heliumballon vom Himmel – um den Professor für seinen flammenden, aber letztendlich verpeilten Appell, auf der Erde auszuharren, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei dürfen beide den Start des letzten Shuttles aber nicht verpassen, bevor die Erde endgültig dicht macht.

Nein, bei dem Gedanken, Terra Lebewohl zu sagen, schnürt sich auch bei mir die Kehle zu. Mir geht’s da so wie Margaret Qualley, die eine Chance für einen Neuanfang in all der ganzen Katastrophe sieht, ungefähr so wie das Zombie-Mädchen Matilde aus dem Endzeit-Querdenker The Girl with all the Gifts. Vielleicht steckt ja hinter all dem ein Plan, ein biologisches, selektives Konzept? Sam Walden, so heißt die junge Frau, macht sich so ihre Gedanken, wägt ab was klüger ist – den Planeten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben? Gesprochen, überlegt und abgewogen wird hier viel, Spannungskino ist IO keines, hat keine Action und ist weit davon entfernt, Big Drama zu sein. Im Grunde passiert nicht viel, und vielerorts ist man auch nicht unterwegs. Leicht kann es sein, und IO darf sich den Vorwurf eines Langweilers gefallen lassen. Aus meiner Perspektive ist er das nicht. Denn dieser Knackpunkt, dieses Sich-Ausmalens, den Blauen Planeten zu den Akten zu legen, ist alles, was der schwermütige, stille Science-Fiction-Film beim Namen nennen will. Er spinnt daraus die letzte Strophe eines Farewell-Songs, oder anders gesagt fühlt sich IO an wie der letzte hallende Ruf zurück in die leere Wohnung der eigenen Kindheit. Der Mensch scheint erst jetzt, nachdem alles vorüber scheint, erwachsen geworden zu sein.

IO

A Quiet Place

HAST DU TÖNE!

6,5/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOHN KRASINSKI, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE U. A. 

 

Besser spät als nie: den Überraschungshit von Ehepaar Krasinski/Blunt kann ich nun endlich von meiner Watchlist streichen. Die Kritikerstimmen aus dem Off ließen sich ja damals schwer ausblenden. Von innovativ bis sauspannend war alles zu hören. Ich ging in diesen Film also nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne einer aus medialer Beeinflussung resultierender Erwartungshaltung. A Quiet Place also. Horror vom Feinsten? Eigentlich – und zum Glück für mich – weniger.

John Krasinksis Idee ist natürlich genial. Er schafft eine alternative Realität, in der wie mit dem Finger geschnippt (ähnlich wie bei Thanos) eine wenig autochthone Spezies auftaucht, die urplötzlich am Ende der Nahrungskette steht. Ein Bio-Invasor allererster Güte, da können sich Kaninchen, Langschwanzmakaken oder all die Nachtbaumnattern auf Guam einiges abschauen. Aber nicht, dass man sich nun ein Invasionsszenario wie in Independence Day vorzustellen hat, nein. Das ist nicht das Einfallen einer intelligenten Zivilisation, ganz im Gegenteil. Diese Kreaturen sind Tiere niedrigsten Instinkts. Blinde Carnivoren, die nur eines verdammt gut können – na gut zwei Dinge – mindestens so gut hören wie eine Fledermaus und tödliche Ohrfeigen verteilen. Ich denke mal da spürt man fast nichts, denn diese artspezifische Maniküre macht jeden Widerstand zwecklos. Wenn diese Viecher also nichts hören, ist alles gut. Leise sein ist die oberste Devise. Das sind natürlich Einschränkungen, so will keiner leben. Aber es muss, anders geht’s nicht. Musik schallt nur mehr via Ohrstöpsel, und die Gebärdensprache ist das neue Englisch.

Die trauernde Familie Abbott (zu Beginn des Films gibt’s gleich den ersten Schicksalsschlag) hat es sich also fernab urbaner Gefilde recht kommod eingerichtet. Sie bewältigen den Alltag, die Kreaturen sind allgegenwärtig. Größtes Problem allerdings – und darauf hängt Krasinski seinen Spannungsbogen auf – ist die Schwangerschaft von Emily Blunt. Mehr brauche ich dazu nicht sagen: Babys schreien nun mal, wenn sie auf der Welt sind, und die Geburt selbst verläuft vermutlich auch nicht gerade im Flüsterton. Hier tut sich für mich schon das erste große Fragezeichen auf: warum nur wird Frau während dieser konstanten Katastrophe schwanger? Es ist ja nicht so, dass sie vorher schon, bevor das Fingerschnippen eingesetzt hat, schwanger wurde – nein. Sondern während bereits alles im Argen lag. Man muss mit der Krise leben, schon klar, aber ich mach´s mir nicht schwerer als es ohnehin schon ist. Was noch seltsam und gleichzeitig nicht ganz so durchdacht anmutet: der Film gewährt uns einen Einblick rund eineinhalb Jahre nach der – sagen wir mal – Invasion, und der Mensch mit seinem Stand des Wissens und der Technik hat es nicht geschafft, herauszufinden, womit man den Tieren Herr werden kann? Während der Koexistenz von Mensch und Tier haben es erstere ohnehin nicht nur einmal geschafft, ganze Spezies auszurotten. Das Halali zur Jagd überhört Homo sapiens nur ungern, Waffen sind genug gebunkert, das ganze Militär wäre endlich für etwas gut. Bio-Invasoren gehören natürlich verdrängt, um das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In A Quiet Place hat die globale Bevölkerung anscheinend keinen Finger gerührt. Sei´s drum, vielleicht sollte man hier nicht allzu viel über plausible Gegebenheiten nachdenken, vielleicht ist unsere Zivilisation schon von etwas ganz anderem vernichtet worden. Einblicke und Erklärungen gibt’s in diesem Film bis auf ein paar Spickzettel im Office des Papas keine. Das ist fast zu wenig. Aber gut. Was zählt ist die Idee, und die kostet Krasinski 90 Minuten lang aus. Wichtig ist ihm hier das Element des Hörens und Gehörtwerdens. Die Toneffekte sind genial, aus der absoluten Stille heraus werden gar leise Knackgeräusche zum explosiven Kick-off aus der Resignation. Weder Blunt noch Krasinksi noch sonst wer sind die Stars des Films, sondern der Sound. Das alleine ist ein Kunststück. Es ist das Duell zwischen einer aphonen Welt und dem Weltreich des Klangs. Das birgt jede Menge faszinierende Szenen, und nicht zuletzt ist auch das Wesen selbst ein dringend zu offenbarendes Ergebnis kreativer Creature-Designer, die ein Hör-Wesen geschaffen haben, das so noch nie zu sehen war. Für mich als Monsterfan eine Augenweide, fast schon so gut wie Gigers Xenomorph. Leise durch die Gegend tapsen werde ich nach diesem Film aber trotzdem nicht. Weil Geräusche können täuschen, traue ihnen nicht 😉

A Quiet Place

The Girl with all the Gifts

ZOMBIE 2.0

7,5/10

 

girlwithallthegifts© 2016 SquareOne Entertainment

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: COLM MCCARTHY

CAST: SENNIA NANUA, GLENN CLOSE, GEMMA ARTERTON, PADDY CONSIDINE, FISAYO AKINADE, DOMINIQUE TIPPER U. A. 

 

Was genau ist eigentlich eine Zombie-Apokalypse? Im Grunde genau das, was auch unsere Covid-19-Pandemie sein könnte. Eine natürliche Katastrophe, oder künstlich erschaffen und dann außer Kontrolle geraten. Zombies sind überdies popkulturell gesehen längst nicht mehr Ergebnis eines paranormalen Spuk-Phänomens, das aus der Friedhofserde kriecht (mit Ausnahme von Jim Jarmuschs jüngster George A. Romero-Hommage The Dead Don´t Die), sondern fast zur Gänze das wandelnde Symptom einer destruktiven Mikrobiologie. Mit Horror hat das nur peripher etwas zu tun – viel eher ist das geliebte Genre eine Subkategorie des Katastrophenfilms, das natürlich mehr Schockwirkung hat, weil hier Paradigmen der menschlichen Ethik ausgehebelt werden. Zum Beispiel das Fressen von Menschen. Aber, was sich viele Zombie-Filme nicht stellen, ist die Frage nach dem Danach: geht die Welt gerade wirklich unter? Ist die Menschheit dann wirklich vernichtet? Ist die Bezeichnung Apokalypse gerechtfertigt?

Nicht aus evolutionsbiologischer Sicht. In The Girl with all the Gifts ist die bluttriefende Katastrophe nichts anderes als ein globales Artensterben, und zwar das Sterben einer einzigen Art, der des Homo sapiens. Doch Moment – so kurzsichtig ist die Natur auch wieder nicht. Im Laufe der Erdgeschichte sind zu bestimmten Zeiten massenhaft viele Arten verschwunden, allerdings: freie Nischen werden neu besetzt. Wir sprechen von adaptiver Radiation. Eine Mechanik, die im Kreislauf der Natur nichts verschendet. So präzise hat noch kaum ein Film hinter den reißerischen Bodyhorror eines Zombie-Szenarios geblickt, außer vielleicht World War Z, aber im Vergleich zu Colm McCarthys Vision war dieser doch relativ schwachbrüstig, was das Verständnis der ganzen Situation anbelangt.

The Girl with all the Gifts ist also eines der Kinder, die sozusagen als zweite Generation an Zombies in die Welt gesetzt wurden. Wie es der evolutionäre Zufall eben so will, ist passiert, was sich keiner vorstellen will – und siehe da – die Jungspund-Untoten (was sie ja nicht sind) gieren nicht nur mit schnappendem Gebiss nach Menschenfleisch, sondern können auch eigenständig denken und sind lernfähig, solange der Pilz, der sich um ihre Gehirne gelegt hat (ja, wir haben es hier nicht mit einem Virus zu tun, ein Pilz ist aber auch recht unangenehm) nicht die Oberhand gewinnt und das kognitive Zentrum des Denkapparats lahmlegt. Wissenschaftlerin Glenn Close (sehr tough, sehr hemdsärmelig und pragmatisch) sieht in einem dieser Kids, eben dem Mädchen Melanie, die wandelnde Quelle eines Impfstoffs. Bevor aber der Silberstreifen am Horizont Gestalt annehmen kann, stürmen die Hungries, wie sie genannt werden, den Stützpunkt – und eine Handvoll Überlebender, mit Zombie Melanie im Schlepptau, flüchten nach London.

The Girl with all the Gifts birgt genretechnisch einen wahrhaft klugen Ansatz. Der Horror ist hier lediglich die Begleiterscheinung einer biologischen Neuorientierung. Man erfährt zwar nie, woher diese Pilzart eigentlich kommt, doch auch die Bedeutung des Pilzes ist nur eher zweitrangig. Richtig interessant ist der Zugang zu den Begrifflichkeiten vom Ende aller Tage oder der artenspezifischen Auslöschung. Evolution, selbst beim Menschen, sieht in ihrer Gesamtheit keine Auslöschung vor, sondern lediglich einen Übergang, eine Mutation oder Transformation. Mädchen Melanie, extrem klug und fähig, Beziehungen zu anderen Wesen aufzubauen, weiß das natürlich nicht sofort. Erst allmählich begreift sie alle Zusammenhänge, die ihre Begleiter nicht sehen. Wir als Zuseher ahnen es, hängen an ihren Erkenntnissen, sind fasziniert von diesem Pionier- und Revierverhalten, von dieser hereinbrechenden neuen Ordnung, die in ihrer logischen Konsequenz ausnahmsweise mal und für einen Film eher ungewöhnlich, mutig genug ist, sich selbst zu Ende zu denken. Das Ergebnis mag zwar nicht allen schmecken, und vielleicht ist diese Neuordnung nicht der Natur optimalste Lösung (wäre interessant, das weiter zu beobachten), jedoch für den Moment wird die dem Zombiegenre inhärente Unlogik vom sich todlaufenden Ende der Nahrungskette konterkariert und nicht nur einen, sondern gleich mehrere torkelnde Schritte weitergedacht.

The Girl with all the Gifts

The Promise

DIE EPIK EINES GENOZIDS

6,5/10

 

thepromise© capelight pictures 2004-2017

 

LAND: USA, SPANIEN 2017

REGIE: TERRY GEORGE

CAST: OSCAR ISAAC, CHRISTIAN BALE, CHARLOTTE LE BON, ANGELA SARAFYAN, TOM HOLLANDER, JAMES CROMWELL, JEAN RENO U. A. 

 

18 Jahre nach den Ereignissen im damaligen Osmanischen Reich hat der begnadete Schriftsteller Franz Werfel 1933 einen epischen Roman verfasst, welcher an den Widerstand der Armenier gegen die Türken am Berg Musa Dagh im September 1915 erinnert. Damals, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, hatte das osmanische Komitee für Einheit und Fortschritt – welcher Zynismus! – nichts anderes zu tun gehabt, als das Volk der Armenier zu vertreiben und massenhaft zu töten. Ein Völkermord, wie er im Schwarzbuch steht. Fast hätte ich vermutet, vorliegendes Werk ist Werfels Tausendseiter im Filmformat. Falsch gedacht – der irische, politisch motivierte Regisseur Terry George, der 2004 mit Hotel Ruanda bereits einen ganz anderen Genozid zum Thema hatte und die Geschichte eines schwarzafrikanischen Oscar Schindler auf bewegende Weise erzählen konnte, erinnert sich nun an das Genre epischer Monumental- und Cinemascope-Filme wie Vom Winde verweht oder an wuchtige literarische Werke wie Tolstoi´s Krieg und Frieden, um eine fiktive Dreiecksgeschichte zu erzählen, die vor dem Hintergrund der systematischen Auslöschung der Armenier erzählt wird.

The Promise bot schon im Vorfeld, bevor der Film überhaupt noch in den Kinos anlief oder von irgendeinem Publikum gesehen wurde, genug Stoff, um sowohl von den militanten Leugnern als auch von den Verfechtern der Aufklärung hitzig diskutiert zu werden. Da lässt sich wieder mal deutlich erkennen, wie sehr Journalismus menschliches Verhalten beeinflussen kann, vor allem wenn nichts Greifbares zugrundeliegt, sondern nur die Tatsache, dass das Schicksal der Armenier Thema eines Filmes werden wird. Allerdings lockte The Promise auch nach der Premiere nur wenige Menschen ins Kino – das haben womöglich Filme über Minderheiten so an sich. Grausamkeiten von Menschen an Menschen locken anscheinend nur, wenn es fiktiver Horror ist, weniger geschichtliche Tatsache, wobei Terry George alles daransetzt, nicht nur das Grauen in explizit arrangierten Szenen nachzustellen, sondern auch eine prosaische Liebesgeschichte zu erzählen, die von Sehnsucht, Eifersucht, Versprechen und Leidenschaft geprägt ist. Eine durchaus romantische Konstellation theatralischen Ausmaßes erwächst zwischen dem armenischen Medizinstudenten Michael, einem amerikanischen Reporter namens Chris und dessen armenischer, allerdings in Paris aufgewachsener Freundin Ana. Erschwerend hinzu kommt, dass Michael sich unsterblich in Ana verliebt, während daheim in der Provinz die Verlobte mit der Mitgift wartet, die letzten Endes das Studium finanzieren soll. Das alleine wäre schon heikel genug, allerdings von relativ trivialer Natur – wären nicht alle drei Kinder ihrer Zeit, nämlich Zeitzeugen der erstarkenden Endzeit des ersten Weltkriegs. Wie die Hutus in Ruanda haben auch die Osmanen in Kleinasien nur auf das Signal gewartet, um zuzuschlagen. Die Vertreibung der christlichen Armenier soll angeblich in den Wirren eines Krieges untergehen – gäbe es nicht Kriegsberichterstatter wie Chris, angenehm zurückhaltend gespielt von Christian Bale, die über die schändliche Ausnahmepolitik der dortigen Regierung berichten.

Terry George findet mit seinem Kameramann Javier Aguirresarobe und all seinen Ausstattern beeindruckende Bilder aus einer vergangenen Epoche, die sowohl die Schönheit des Landes, den orientalischen Zauber Konstantinopels als auch die Tragödie der Vernichtung in farbintensiven Bildern einfangen. Menschenschlangen ziehen durch die Ödnis, ganz so, wie Fotografien von damals die Verbrechen bezeugen. Die Schlacht am Musa Dagh am Ende des Filmes hat dann schon bibelgleiche Ausmaße. Große Gefühle sind hier nun Thema, das Beklagen der Toten und das Wiederfinden der Geliebten. Historisches Pathos in Reinkultur, professionell inszeniert, auch wenn das Schicksal von „Poe Dameron“ Oscar Isaac gegen Ende vielleicht etwas über die Maßen strapaziert wird.

The Promise lässt sicher nicht kalt, das große Drama packt den Gerechtigkeitssinn, der uns Wohlerzogenen innewohnt, gehörig und schmerzhaft am Schopf. Sehgewohnheiten neu zu definieren ist aber ebensowenig die Absicht des Films wie ein junges Publikum abzuholen – George´s Epos ist ein Zugeständnis an Traditionalisten älteren Semesters. Das ist immerhin noch malerisches, bestens gelerntes Breitwandkino im Stile Spielfilmlängen sprengender Klassiker – und selbst wie aus einem anderen, vergangenen Jahrhundert.

The Promise

Light of my Life

DIE PANIK DES ERLKÖNIGS

6/10

 

lightofmylife© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

DREHBUCH UND REGIE: CASEY AFFLECK

CAST: CASEY AFFLECK, ANNA PNIOWSKY, ELISABETH MOSS, TOM BOWER U. A.

 

Ich schätze, wir alle kennen diese Song von James Brown: It´s a Man’s Man’s Man’s World. Aber das ist noch längst nicht alles. It´s a Man’s Man’s Man’s World, schon klar. But It wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a Girl. James Browns erschreckende Was wäre wenn-Vision gibt´s im Grunde jetzt auch als Film. Oscar-Preisträger Casey Affleck (tieftraurig in Manchester by the Sea) erzählt in seiner selbst verfassten Dystopie von einer alternativen Gegenwart, in der ein Virus fast die gesamte weibliche Bevölkerung dahingerafft hat. Viel zeit bleibt Homo sapiens jetzt nicht mehr, um auszusterben. Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie wirkt Light of my Life umso unbequemer. Bei so einem Worst Case-Szenario scheint Corona das weitaus kleinere Übel zu sein, selbst wenn man die Gefahr potenziert. Eine Spezies, die sich nicht mehr fortpflanzen kann, ist eine gescheiterte Spezies. In Children of Men sterben die Frauen zwar nicht weg, dennoch: Fruchtbarkeit ist gut, aber aus. Ein ähnliches Damoklesschwert lässt Affleck in seinem Film allerdings mehr hinter wolkenverhangenem, grellem Softbox-Himmel kreisen, so richtig wahrhaben will es in seinem Film eigentlich niemand. Dabei unterwegs durch ein tristes, herbstlich kaltes und nasses Szenario aus moosbewachsenen, düsteren Wäldern und leerstehenden Gemäuern: ein Vater mit seinem Kind. Zwei wie aus der Ballade des Erlkönigs, nur nicht zu Pferde, und wohl im Arm hält er nicht den Knaben, sondern ein Mädchen, allerdings schon älter. Eine der letzten ihrer Art – und in höchster Gefahr. Denn die Man´s World, die will um alles in der Welt nicht von der Bildfläche unseres Planeten verschwinden, und sammelt sie ein, die menschlichen Wesen mit den Doppel-X-Chromosomen, in schierer Panik, und mit entmenschlichter Bosheit. Das weiß Papa Casey Affleck, und so tarnt er seine Tochter als Jungen, was meistens auch funktioniert. Manchmal aber auch nicht, denn Tochter Rag ist auffällig jung – zu jung, um nach der Pandemie noch auf die Welt gekommen zu sein.

Der Erlkönig ist also hinter beiden her, durch dichtes Grün und bis hinauf in die verschneite Wildnis. So weit weg von der Zivilisation kann man gar nicht sein, um sich in Sicherheit zu wiegen. Der Mensch ist wieder mal des Menschen Wolf. Affleck allerdings hält sich in seiner Vision nicht mit schockierenden Szenen auf, er lässt bis auf ein paar Ausnahmen die Bedrohung wie Hintergrundszenen aus einem Home-Invasion-Thriller über die beiden Flüchtenden hereinbrechen, die aber Dank des vorausschauenden Dads stets einen Plan B in petto haben. Dieser Dad, der kann auch jede Menge Geschichten erzählen. Was vielleicht manchmal etwas ermüdet. So startet seine Regiearbeit mit einer rund zehnminütigen Gutenachtgeschichte, und einer recht statischen Kamera, die dem Erzählten zuhört. Ein bisschen zu lange, für meinen Geschmack, Und ja, es geht um die Arche Noah, und ja, er interpretiert den Mythos anders, sodass er sich irgendwie mit den tatsächlichen Geschehnissen vereinbaren lässt. Immer wieder hängt Light of my Life etwas durch. Die Balance zwischen Bedrohung, Spannung, Survivaldrama und stillen Szenen scheint manchmal zu kippen. Casey Affleck spielt sehr souverän, auch Töchterchen Anna Pniowsky weiß ihrer Rolle das richtige Quantum an kindlicher Neugier und Sinn für Selbstverantwortung abzugewinnen. Affleck aber sieht sich sehr gerne in der Rolle des philosophierenden und desillusionierenden Endzeit-Poeten, was vielleicht in manchen Szenen über die Stränge schlägt und eine gewisse Langatmigkeit und Redundanz erzeugt. Das Ende wiederum gelingt ihm furios, da geht es wirklich um alles, und dann lohnt es sich auch, die beiden ziellos Umherwandernden auf einem Stückchen ihrer Mission zu begleiten, die da heißt: Überleben, in einer gleichzeitig frauenfeindlichen und nach Frauen gierenden Welt, wo das männliche Geschlecht großteils aus einem zomboiden und charakterlosen Proletariat besteht, das sich ohne Nachwuchs letzten Endes selbst tilgt. Ohne Frauen und Mädchen sind wir nichts, so die Prämisse. Genau das sagt James Brown. Und auch dieser Film.

Light of my Life

Arctic

HILF DIR SELBST, SONST HILFT DIR KEINER

7/10

 

arctic© 2018 Koch Films

 

LAND: ISLAND 2018

REGIE: JOE PENNA

CAST: MADS MIKKELSEN, MARIA THELMA SMÁRADÓTTIR, TINTRINAI THIKHASUK U. A.

 

Da sieht man mal wieder, wie unausgewogen Planet Erde besiedelt ist. In der arktischen Tundra hält sich keine Menschenseele auf. Bis man endlich auf ein anderes Individuum trifft, trifft man eher noch auf einen Eisbären. Und sonst? Sonst ist es saukalt, Stürme sorgen für Schneeverwehungen, die die Landschaft bis zur Orientierungslosigkeit verändern. Inmitten dieser kargen, lebensfeindlichen Wildnis: Der Pilot Mads Mikkelsen, ebenfalls relativ unkenntlich gemacht durch einen dichten Vollbart. Und auch sonst steckt der Rest des Dänen in einem dicken Anorak. Was ist passiert? Nun – zu Beginn des Filmes sehen wir Mikkelsen schaufeln, was das Zeug hält. Doch er schaufelt nicht sein eigenes Grab, denn aufgeben tut der Mann maximal einen Brief. Eigentlich schaufelt er, um zu überleben. denn irgendwo in den Weiten des Nordens, da ist seine Maschine, mit der der Wissenschaftler unterwegs war, abgestürzt. Den Absturz sieht man nicht, es ist nicht so wie in Castaway von Robert Zemeckis, wo das Grauen einer Notlandung auf Wasser detailgetrau geschildert wird. In Arctic ist das Gröbste schon passiert. Doch das Schlimmste soll noch kommen. Nach tage- oder gar wochenlangem Unterfangen, mit einem Sender Kontakt zum Stützpunkt aufzunehmen, wagt ein Hubschrauber während wirklich miesem Wetter eine Such und Rettungsaktion, nur um vor den Augen des zu rettenden abzustürzen. Gerade so weit im Norden ist es unerlässlich, meteorologisch was am Kasten zu haben. Daher seltsam weltfremd, dass der Hubschrauber bei so einem Wetter überhaupt startet. Ein Tag mehr wäre auch schon egal gewesen, aber nein – sonst gäbe es keinen Film wie diesen, den der Brasilianer Joe Penna, eigentlich Musiker, hier selbst verfasst und inszeniert hat.

Um nochmal auf Zemeckis zurückzukommen: Ja, Arctic ist ein bisschen wie Castaway, nur anstatt tropischer Hitze haben wir es hier mit polaren Verhältnissen zu tun. Und statt des Volleyballs Wilson nimmt Überlebender Mads Mikkelsen die einzige Überlebende seiner Rettungscrew unter seine Obhut. Die Retter müssen also gerettet werden oder: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner mehr. Das bisschen, was Absturzopfer 1 zum Überleben hat, muss nun auch für Opfer Nr. 2 reichen – und die junge Dame, die ganze Zeit über kaum bei Bewusstsein, ist so gut wie keine Hilfe, um dieser kalten Ödnis effizienter als zuvor zu entfliehen. Was zu erwarten ist: Mikkelsen macht sich auf den Weg, quer durch unwegsames Terrain, die Schwerverletzte im Schlepptau.

Mehr Plot gibt es nicht. Ist aber bei Genrefilmen wie diesen auch nicht erforderlich. Da reicht es, spärlich bis gar nicht ausgerüstete Personen irgendwo in der Wildnis abzusetzen. Zuzusehen, wie sie sich durchkämpfen, das ist die ganze Geschichte. Und es ist jedes Mal anders, weil die Natur unberechenbar ist. Weil manchmal nur ein kleines, im zivilisierten Alltag völlig nichtiges Detail zu einer unbezwingbaren Hürde werden kann. Nirgendwo fühlt sich der Mensch kleiner als in einer von terranen Kräften geformten Weite. Da der Mensch aber fähig ist, seine Unzulänglichkeiten mit Intelligenz auszugleichen, sind Filme wie Arctic fast eine Art Vexierspiel, dessen Lösung das Überleben sichert. Da der Mensch aber auch fühlt, und die Psyche auch nicht unendlich belastbar ist, kann Verzweiflung schon mal überhandnehmen. Oder der Wille übermenschliche Kräfte verleihen. Wobei Penna vor allem eines wichtig war: die Pflicht, trotz aller Not kein Menschenleben zurückzulassen. Dieser aufopfernde Altruismus, diese Selbstverständlichkeit des Rettens, obwohl man selbst Rettung benötigt, verleiht dem Film durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit dem Füreinander unter extremsten Bedingungen eine enorm humanistische Note fernab jeglicher Egozentrik und kopfloser Panik. Das macht Arctic zu einer bemerkenswerten, klar strukturierten und kämpferischen Leistungsschau der menschlichen Vernunft.

Arctic