Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Das etruskische Lächeln

MIT OPA AUF AUGENHÖHE

5,5/10

 

etruskischeslaecheln© 2018 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIHAL BREZIS, ODED BINNUN

CAST: BRIAN COX, ROSANNA ARQUETTE, JJ FEILD, THORA BIRCH U. A.

 

Das österreichische Gesangstrio STS hat ihn bereits besungen, und Heidi wüsste nicht, wo sie ohne ihren knorrigen Almöhi abgeblieben wäre: Es ist die Rede vom Großvater, gemeinsam mit Oma eine familiäre Institution, und die Bindung zwischen Enkel und selbigem kann manchmal sogar noch jene mit dem eigenen Erzeuger in den Schatten stellen. Zu Großvätern geht man, wenn die Paradigmen der Erziehung andere sein sollen, wenn sich die Betrachtung der Welt mal auch aus anderem Blickwinkel aufdrängen will. Gelobt sei da der frische Wind, der festgefahrenen Alltagsmanierismen die Scheuklappen abnimmt. Ungefähr so wie in dem Generationendrama Das etruskische Lächeln, einem Roman des Spaniers Jose Luis Sampedro. Verfilmt wurde die Geschichte von den beiden israelischen Filmemachern Oded Binnun und Mihal Brezis, deren Kurzfilm Aya 2012 für den Oscar nominiert war. In der Hauptrolle: Charakterdarsteller Brian Cox mit blanker Sohle und Dreitagebart, und wenn das Bad im kühlen Atlantik genommen werden soll dann sogar komplett textilfrei. Dieser knurrige alte Eremit, der da an der Küste auf einer Insel der Äußeren Hebriden seinen Lebensabend verbringt, kommt bald unfreiwillig in den Genuss der eigenen Familie, von der er sich doch eigentlich losgesagt zu haben scheint. Gesundheitliche Probleme allerdings zwingen ihn dazu, wieder Kontakt zum Sohnemann aufzunehmen, der noch dazu als frischgebackener Papa des kratzbürstigen Neo-Opas sensible Seiten wachkitzelt. Und nicht nur das – das urbane New York birgt sogar noch einen späten Frühling fürs Herz.

Erstaunlich an diesem Film ist, dass er sich geografisch sehr schwer einordnen lässt. Durch den wuchtigen und erzschottischen Brian Cox mit gälischem Wortschatz bin ich zweifelsfrei der Meinung, hier einen ebensolchen Film vor mir zu haben. In Wahrheit aber ist Das etruskische Lächeln ein amerikanischer Film, inszeniert von israelischen Künstlern, basierend auf einer spanischen Vorlage. Das Lächeln selbst, von welchem hier die Rede ist, finden wir auf den Sarkophagen der alten Etrusker – wer die menschlichen Darstellungen der frühen Italiener vom vielleicht letzten Museumsbesuch noch in Erinnerung hat, weiß, dass diese schlicht modellierten Gesichter zufrieden lächeln, als wären sie von einer inneren Ausgeglichenheit, die jeder Herausforderung spielerisch trotzt. Selbst im Tod ist dieses Lächeln präsent – als wäre das Ableben der Anfang von etwas ganz Großem. Vor so einem dieser Skulpturen steht also dieser Rory MacNail, in einem New Yorker Kunstmuseum, und lernt noch dazu die attraktive Claudia kennen (lange nicht auf der Leinwand: Rosanna Arquette). Vieles scheint sich im fortgeschrittenen Leben des Schotten doch noch zum Guten zu wenden, bevor die Diagnose Krebs ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen bald schon unmöglich macht. Oder doch nicht?

Das etruskische Lächeln kommt über den Reiz eines konventionellen Melodrams, das stellenweise so glatt wirkt wie ein Fernsehfilm, nicht hinaus. Da ändert auch der Schauplatzwechsel und die durchwegs solide Besetzung nichts. Obwohl Vater und Sohn genug Reibungsfläche aufbieten, fehlt hier die Reibung. Es fehlt der richtige Konflikt, oder das ganz große Drama, stattdessen mangelt es, wie bei TV-Produktionen meist das Problem, an dramaturgischer Griffigkeit. Die Momente zwischen Großvater und dem kleinen Enkel sind zwar liebevoll in Szene gesetzt, berühren aber nur bedingt – vielleicht, weil Urgestein Cox nicht nur die Familienbande neu knüpfen muss, sondern auch die der Liebe, für die es natürlich nie zu spät sein kann. Und Heimweh an die wilde Küste kommt auch dazu – zuviel für den alten Mann, und zu viel Unruhe, um einen ruhenden Erzählfokus zu erzeugen. Das lässt das Ganze oberflächlich wirken, was es aber eigentlich nicht ist. Jedenfalls ist das Miteinander der Generationen von Enkel, Sohn und Vater das Herzstück dieser Verfilmung, und der Sprung ins kalte Wasser direkt spürbar – wie sinnbildlich man das auch verstehen mag.

Das etruskische Lächeln

El Olivo – Der Olivenbaum

EINEN BAUM AUFSTELLEN

8/10

 

olivo

SPANIEN 2015
REGIE: ICÍAR BOLLAÍN
MIT ANNA CASTILLO, JAVIER GUTIÉRREZ, PEP AMBRÒS

 

Ein Jahrtausende alter Olivenbaum, dessen knorriger Stamm an ein schreiendes Gesicht erinnert. Der Ausverkauf beständiger Werte. Und ein alter Mann, der lange schon nicht mehr spricht. Selten hat das europäische Kino in den letzten Jahren so unmissverständliche Akzente gesetzt – in einer berührenden Allegorie über die Globalisierung Europas und den Verrat an der familiären Biografie. Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín, die schon 2010 über den Identitätsverlust der bolivianischen Urbevölkerung in dem beklemmenden Drama Und dann der Regen philosophiert hat, setzt nun alle Hebel ihrer Erzählkunst in ihrem eigenen Land in Bewegung – in Spanien. Ganz im Zentrum steht nicht nur das Objekt der Beständigkeit – der alte Baum – sondern ein junges Mädchen namens Alma. Sie ist die Enkelin des schweigenden alten Mannes, eines ehemaligen Olivenbauern. Beide haben eine innige Bindung zu diesem Baum. Zwei Generationen, Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart aber, das Hier und Jetzt, sieht in der bizarren Olive lediglich verschenktes, monetäres Potenzial. Der Baum wird verkauft, zum Leidwesen des Vaters, und zum Leidwesen der Tochter. Und wofür? Für ein Restaurant am Strand, das kurze Zeit später bankrottgeht. Manipuliert, ungefragt und hintergangen, kennt der alte Mann seine Familie fortan nicht mehr – mit Ausnahme der rebellischen Alma. Sie ist es auch, die alles daransetzt, den Baum zurückzuholen – der jetzt in der Aula eines Energiekonzerns, inmitten von Glas und Stahl seine kleinen Blätter künstlichem Licht entgegenstreckt. Alma ist im Herzen eine Aktivistin. Das Wohlergehen ihres Großvaters setzt sie über allem. Und wenn es sein muss, werden selbst die besten Freunde mit Halblügen dazu motiviert, die Seele ihrer Kindheit, ihres Lebensmenschen und ihrer ureigenen Welt zurückzuholen.

El Olivo ist ein wunderbarer, charmant erzählter und energischer Appell, sich selbst, seiner Geschichte und seinen Werten treu zu bleiben. Dabei geht es weniger um traditionelle, nationale Werte. So könnte man den Film natürlich auch sehen – als ein Blut und Boden-Gleichnis mit dem Aufruf dazu, nationale Identität zu bewahren und bei Verlust notfalls darum zu kämpfen. Aber ich denke, dieses Nationalbewusstsein ist nicht Basis der Rebellion, die hier beschrieben wird. Es ist der Wert der eigenen Geschichte, der Quell der eigenen Kraft und des eigenen Lebens. Dass die Macht europäischer Konzerne die Bedürfnisse des Einzelnen mit Füßen tritt und dort verlockt, wo das Geld knapp ist, ist das eine Drama des Films. Das andere ist die Bedeutung der Familie. Und zuletzt die Bedeutung natürlicher Ressourcen. Dass gerade einer dieser gesichtslosen Energieriesen diesen alten Baum in sein künstlich geschaffenes Territorium holt, um nachhaltiges Denken zu signalisieren, ist ein trauriger Widerspruch in sich. Doch die Kraft, die ungebrochene Energie und die Beharrlichkeit der jungen Idealistin Alma lassen den Zuseher bis zuletzt hoffen, dass die Sache gut ausgeht.

El Olivo ist kein Märchen, und verspricht auch nicht das Unmögliche. Doch es ist eine Geschichte, die in ihrer Essenz an die metaphorischen Dramen eines Anton Tschechow erinnern. Die in ihrer warmherzigen Offenheit zumindest für kurze Zeit in einem selbst alles möglich erscheinen lässt. Auch die Erfüllung zum Guten, und die Wiederherstellung einer Ordnung, die auf Menschlichkeit setzt.

El Olivo – Der Olivenbaum