Suffragette

DU BIST EINE GÜLTIGE STIMME

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Eines vorneweg: Das Schockierendste an diesem mitreißenden Geschichtsdrama sind die harten Fakten im Abspann. Dass die Schweiz erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts den Frauen das Wahlrecht eingeräumt hat, ist ein atemberaubend skandalöser Umstand. Und die Regierungen vieler anderer Länder haben auch erst sehr spät eingesehen, dass die Frau nicht weniger Rechte haben soll als der Mann. Eine Tatsache, die Jahrtausende hindurch von einer patriarchalisch geführten Welt tunlichst ignoriert wurde. Angesichts dieser Tatsache die Menschheit als eine weit entwickelte, fortschrittliche Zivilisation zu bezeichnen, ist daher etwas zu verfrüht.

Der Film über den Kampf ums Frauenwahlrecht im England des frühen 20. Jahrhundert ist eine längst überfällige Geschichtsstunde, die womöglich und das zu Recht zukünftig in allen wohlsortierten Schulmediatheken zu finden sein wird. Anhand eines fiktiven, doch in seiner Art und Weise womöglich hundertfach dagewesenen Einzelschicksal schildert die britische Regisseurin Sarah Gavron, ähnlich wie Steven Spielberg in Amistad oder Jim Sheridan in Im Namen des Vaters die Chronik der Anfänge einer erstarkenden Menschenrechtsbewegung. Dabei ist die Methode der ins Geschehen einführenden Identifikationsfigur ein probates Mittel, um den Zuseher nicht nur auf Informationsebene, sondern auch emotional mitzuziehen und in den Film einzubinden. Carey Mulligan gelingt die Aufgabe ausgesprochen gut. Als Fabrikarbeiterin in den Mittzwanzigern, die nichts in der Hand hat außer ihr gutes, drängendes Recht, als Frau politisch mitbestimmen zu dürfen, verleiht sie der urbanen weiblichen Arbeiterklasse ein intelligentes, leidenschaftliches, aber auch ohnmächtiges Gesicht mit all seiner Hoffnung und seinem Schmerz. Über dem Geschehen steht die wie immer authentische Grand Dame Meryl Streep als Erzfeministin Emmeline Pankhurst. Obwohl Streep nur einen Gastauftritt von knappen fünf Minuten hat, ist sie dennoch als Idol, Vorreiterin und unkaputtbares Symbol einer möglichen siegreichen Revolte gegen patriarchalische Willkür allgegenwärtig. Mit Sicherheit war ihr Auftritt in diesem Film mehr Ehrensache als Gefälligkeit. Und auch all die anderen zahlreichen Nebendarstellerinnen machen aus ihren Rollen persönliche Anliegen. Mögen die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen schon fast ein Jahrhundert her sein – abgeschlossen ist das Thema noch lange nicht. Global gesehen tatsächlich erst am Anfang. Doch hier ins Detail zu gehen, würde den Rahmen sprengen.

Der Film selbst hat seine Pflicht mehr als erfüllt. Er ist packend und gefühlvoll, schonungslos und in seiner schmutziggrauen Optik eine lebendig gewordene Momentaufnahme aus einem Zeitalter menschenverachtender Industrialisierung. Wie einst Charlie Chaplin einem Staubkorn gleich zwischen den Zahnrädern der Modern Times machtgieriger Globalisierung den Spiegel vorgehalten hat, so ist das Frauendrama Suffragette die bestürzende Simulation einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderung und des politischen Umsturzes. Und wenn am Ende dann nur die Opferbereitschaft einer Einzelnen das Räderwerk des Umdenkens in Gang setzt, wird die bislang unterschätzte Wirkungskraft des Individuums, des schwachen, kleinen, arbeitenden Menschen im Angesicht starrer, monströser Machtordnung zu einer – wie Roland Düringer immer wieder sagt – gültigen Stimme, die auch, ganz allein für sich, vieles verändern kann.

 

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