CHECK-IN MIT HEXE
6/10
EIN GASTKOMMENTAR VON MARIJA MEGUSCHER

© 2026 Neon
LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE 2026
REGIE / DREHBUCH: DAMIAN MCCARTHY
KAMERA: COLM HOGAN
CAST: ADAM SCOTT, PETER COONAN, DAVID WILMOT, FLORENCE ORDESH, MICHAEL PATRIC, WILL O’CONNELL, AUSTIN AMELIO, SIOUX CARROLL U. A.
LÄNGE: 1 STD 47 MIN
Es gibt Hotels, bei denen bereits beim Betreten klar ist, dass man hier möglichst schnell wieder auschecken sollte. Und dann gibt es das Bilberry Woods Hotel. Warmes, schummriges Licht, dunkles Holz und draußen jene feucht-düstere irische Herbstlandschaft, die förmlich nach Halloween riecht. Eigentlich möchte man sofort ein Wochenende buchen. Wäre da nicht die Kleinigkeit mit der Hexe in der Honeymoon Suite. Und ein Mordfall lässt ebenfalls nicht allzu lange auf sich warten.
Regisseur Damian McCarthy (Oddity, Caveat) versteht es in Hokum, einen Ort zu schaffen, der gleichzeitig behaglich und bedrohlich wirkt. Das alte Hotel ist dabei mindestens ebenso wichtig wie seine Bewohner – und wird mit jedem Stockwerk sowohl rauf als auch runter ein bisschen unheimlicher.
Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem letzten Kapitel
Im Mittelpunkt steht Ohm Bauman (Adam Scott), ein mürrischer Schriftsteller, der nach Irland reist, um die Asche seiner Eltern unter einem Mammutbaum zu verstreuen. Gleichzeitig arbeitet er am finalen Kapitel seiner „Konquistadoren-Trilogie“. Oder besser gesagt: Er versucht es.
Denn Ohms Problem ist weniger die Formulierung als die fehlende Quintessenz. Sein bisheriges Leben scheint ihm schlicht zu unspektakulär verlaufen zu sein, um jene Erkenntnis hervorzubringen, die sein Werk zum Abschluss bringen könnte. Ein Problem, um das sich Irland bald höchstpersönlich kümmert.
Im Bilberry Woods Hotel stößt Ohm auf die Geschichte einer Hexe, die mit dem Haus verbunden sein soll, eine Honeymoon Suite, die aus guten Gründen besser nicht betreten wird, und schließlich auf einen Mordfall. Als eine junge Barkeeperin verschwindet, die ihm zuvor aus einer ziemlich misslichen Lage geholfen hat, wird aus dem Schriftsteller wider Willen ein Ermittler.
Dass ihn dabei ausschließlich sein plötzlich erwachtes Pflichtgefühl antreibt, darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht ist es auch die schriftstellerische Neugier. Denn wo Ohm zu Beginn noch mit einem gepflegten „Mir ist alles wurscht, ich will nur in Ruhe gelassen werden“ durchs Leben geht, beginnt er zunehmend, hinter die Geheimnisse des Hotels blicken zu wollen und Stoff für sein letztes Kapitel bekommt er dabei mehr, als ihm lieb sein dürfte.
Irland, Whisky und die Hexe ohne Lebenslauf
Besonders sympathisch ist, wie deutlich sich McCarthys irischer Hintergrund in der Atmosphäre des Films widerspiegelt. Hokum sieht aus, als hätte man den irischen Herbst persönlich darum gebeten, einen Horrorfilm auszustatten. Umso erstaunlicher ist allerdings, wie wenig der Film tatsächlich in die irische Folklore eintaucht.
Da gibt es eine Hexe, selbstverständlich. Einen richtigen Hexen-CV inklusive Werdegang bekommen wir nur anfangs kurz und knapp vom Hauseigentümer, dessen Aufgabe im Film dann auch gleich wieder erledigt scheint. Das Buch Cursed People and Places taucht gleich zweimal auf und wirkt dabei beinahe wie das modische Must-have der irischen Herbstsaison.
Aber sonst? Gerade ein Land, das für seine Mythen, Legenden und Anekdoten bekannt ist, hätte doch einiges an Material zu bieten. Wurde das alles zugunsten der 107 Minuten Laufzeit gestrichen?
Der vielleicht authentischste irisch-mythische Moment gehört Jerry, einem Einsiedler aus der Gegend. Auch er trägt eine tragische Vergangenheit mit sich herum: Seiner schwerkranken Frau leistete er einst Sterbehilfe. Als er Ohm erstmals im Wald begegnet, bietet er ihm – wie könnte es anders sein – erst einmal einen kräftigen Schluck Whisky an, den er annimmt, weil er zuvor den Cocktail aus Milch und Magic Mushrooms vorbildlich ablehnt.
Ganz entkommt er dem Rausch trotzdem nicht. Und ausgerechnet während seines kurzzeitigen Ausfalls passiert jener Mord, der ihn tiefer in die Geschichte des Hotels hineinzieht.
So ernst die Biografien seiner Figuren teilweise sind, McCarthy lässt sie nie vollständig in Schwermut versinken. Ohm und Jerry sind zynisch, trocken und bisweilen überraschend komisch. Das tut einem Film gut, der ansonsten fast vollständig in herbstlicher Melancholie badet.
Horror nach Farbenlehre
Die eigentliche Stärke von Hokum liegt ohnehin weniger in seiner Mythologie als in seiner Atmosphäre. Das Hotel wird zu einem kleinen vertikalen Horrorkosmos: Erdgeschoss, Ohms Zimmer, die ominöse Honeymoon Suite und schließlich das Untergeschoss. Je tiefer Ohm in das Gebäude und seine Vergangenheit vordringt, desto stärker bekommt man das Gefühl, dass auch die Grenzen zwischen Realität, Mythos und Halluzination verschwimmen.
Ob sich die Hexe nun in der Honeymoon Suite eingenistet hat, ursprünglich aus den Tiefen des Hotels stammt oder gerade sukzessive die Immobilie übernimmt, bleibt dabei nicht immer ganz eindeutig. Vielleicht hätte man ihr doch einen Mietvertrag geben sollen.
Visuell funktioniert das ausgesprochen gut. Warme Farbtöne und schummriges Licht wiegen uns im Hotel zunächst in Sicherheit. Sobald Hokum in seine übernatürliche Welt hinübergleitet, übernehmen kühlere Farben. Das ist keine Neuerfindung filmischer Bildsprache, sondern im Gegenteil ziemlich klassische Horrorschule, aber genau deshalb funktioniert es.
Die vertraute Farbdramaturgie gibt dem Film seine Behaglichkeit und zugleich seine Bedrohlichkeit. Man weiß intuitiv, wann etwas nicht stimmt. Hokum versucht gar nicht erst, die Regeln des atmosphärischen Horrors neu zu schreiben, sondern beherrscht sie lieber.
Daher danke für diesen Horror-Klassizismus.
Ähnlich verhält es sich mit den Jumpscares. Fans zählen – je nach Zählweise – rund 19 davon. Viele folgen einem ähnlichen Muster: ein Gesicht hier, ein Gesicht dort, eine Bewegung im richtigen beziehungsweise falschen Moment. Oft spürt man bereits, dass gleich etwas kommt.
Adam Scott macht Adam-Scott-Dinge
Schauspielerisch liefert Adam Scott ziemlich genau das, was man von ihm erwartet – allerdings auch nicht wesentlich mehr.
Den unnahbaren, leicht genervten Schriftsteller nimmt man ihm sofort ab. Sein trockener Zynismus macht Ohm trotz seiner abweisenden Art erstaunlich sympathisch. Interessanter ist seine allmähliche Wandlung: Der Mann, der zu Beginn eigentlich nur seine Ruhe haben, die Asche seiner Eltern verstreuen und irgendwie sein Buch fertigschreiben möchte, findet plötzlich etwas, das ihn aus seiner selbstgewählten Distanz herauszieht.
Vielleicht sucht Ohm ohnehin nach mehr als nur einem Ende für seine Trilogie. Seine Reise wirkt auch wie der Versuch, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und irgendwo jenes gutgelaunte, längst verflossene Ich wiederzufinden, das nicht nur seinem Leben, sondern womöglich auch seinen Figuren guttun könnte.
Dass ausgerechnet Mord, Hexerei und ein ausgesprochen fragwürdiges Hotelarrangement dabei therapeutisch hilfreich sein könnten, gehört zu den angenehmen Absurditäten von Hokum.
Einchecken?
Hokum ist am stärksten, wenn der Film nicht erklärt, sondern Atmosphäre erzeugt. Das Bilberry Woods Hotel ist warm, gemütlich und unheimlich zugleich; seine Figuren tragen tragische Geschichten mit sich herum, ohne ihren trockenen Humor verloren zu haben. Und Damian McCarthy inszeniert seinen Horror mit einer erfreulich klassischen Lust an Licht, Schatten, Gesichtern im falschen Moment und Dingen, die besser hinter verschlossenen Türen geblieben wären.
Etwas schade ist, dass der Film sein irisches Setting eher atmosphärisch als mythologisch ausschöpft. Gerade die Hexengeschichte hätte ein wenig mehr Folklore vertragen. Irland hätte schließlich genügend Geschichten dafür auf Lager.
Vielleicht ist Hokum damit ein bisschen wie sein Bilberry Woods Hotel selbst: Man weiß nicht immer ganz genau, was sich hinter jeder Tür befindet oder warum manches dort ist, wo es ist. Aber es ist so schön schummrig beleuchtet, dass man trotzdem weiter durch die Gänge geht.
Nur die Honeymoon Suite würde ich beim Check-in sicherheitshalber nicht nehmen.









