Lebensansichten eines Huhns (2025)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ (K)EIN HUHN

7/10


Dieser Vogel erlebt in György Pálfi's Lebensansichten eines Huhns so einige Abenteuer
© 2025 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: KOTA

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GYÖRGY PÁLFI

KAMERA: GIORGOS KAVELAS

CAST: ESZTI, SZANDI, FERI, ENCI, ETI, ENIKÖ, NÓRA, ANETT (ALLES HÜHNER), IOANNIS KOKIASMENOS, MARIA DIAKOPANAGIOTI, ARGYRIS PANTAZARAS, ELENI APOSTOLOPOULOU, MAHMOD BAMERNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Das meiner Review den Titel gebende Lied der Comedian Harmonists aus der Frühzeit der Spaß- und Quatschlieder tönt mir in den Ohren, und lieber ein Huhn zu sein, das würden sich wohl so einige der Zweibeiner in dieser bitteren Groteske des Ungarn György Pálfi wünschen. Denn so, wie Homo sapiens sich hier aufführt – das kann nicht der Zivilisation letzter Schluss sein, oder doch?

Denn zum Essen sind sie da

Zumindest wundert sich darüber das namenlose schwarze Schaf innerhalb seiner Spezies Gallus gallus domesticus, kurz: das Haushuhn. Kosmopolit, gezüchtet aus der wilden Urform des fasanartigen Bankaviahuhns und eigentlich nur dazu da, um von Milliarden an Menschen tagtäglich getötet, geröstet, gebraten, gekocht und letztlich verspeist zu werden. Zu diesem Schicksal gesellt sich dann noch die erniedrigende Tatsache des Eierklaus, tagtäglich und immer wieder.

Die schwarzgefiederte, durchaus schmucke Lady mit dem Seitenblick muss mit so einigen Schicksalsschlägen und radikalen Wendungen klarkommen. Mit der Hasswelle übler Gehege-Genossinnen, mit den Übergriffen eines wirklich hässlichen Hahns. Mit dem Kiefer eines Hundes, dem flammenden Inferno, heißem Asphalt und lauernden Füchsen. So ein Tier hat ein hartes Leben, doch wie es aussieht, lässt sich immer noch der Schluss ziehen, dass der von Gott gegebene Umstand, Federn zu tragen, direkt schon als nachhaltiges Glück erscheint.

Irgendwo in Griechenland…

Will Pálfi damit die Ironie auf die Spitze treiben? Natürlich geht es Gallus gallus domesticus schlecht. Und dem Menschen? Ebenso. Denn irgendwo in Griechenland, und zwar dort, wo man meinen könnte, hier lässt es sich sogar Urlaub machen, schwappen humane Tragödien von der anderen Seite des Meeres hinüber, wollen grimmige Gesellen ihre Geschäfte machen, und will ein versoffener alter Patriarch aus seinen Fehlern lernen.

Der hat das schwarze Huhn unter seine Fittiche genommen. Die beiden sind sich ähnlich, zumindest, was das Straucheln und Wiederaufstehen betrifft. Doch bei diesen Lebensansichten, die ein Huhn an den Tag legt, sind wir weit entfernt von George Millers Schweinchen Babe, und sogar noch weit entfernt von Schafen, die kriminelle Fälle lösen. Diese Lebensansichten nähern sich jenen Erfahrungen, die mal ein Esel gesammelt hat – im assoziativen Kunstfilmdrama EO, das aber dem Esel jedoch nicht jene Ehre erweist und ihn zu einem Individuum formt wie György Pálfi es tut.

Vielleicht besser, doch ein Huhn zu sein

Der ungarische Exzentriker hat mit seiner Gesellschaftskritik keine Fabel im Sinn, er entzieht seinem Huhn niemals seine natürliche Bestimmung und den tierischen Aspekt. Er spricht keine gackernden Sätze, aber gackert.

Wie zäh und widerstandsfähig so ein Wesen sein kann, ist einerseits wirklich witzig, andererseits respekteinflößend. Und es wäre nicht Pálfi, wären die Lebensansichten eines Huhns ein lediglich unterhaltsamer Schwank, der einer uns so reichlich ernährenden Tierart alles in die Hand gibt, damit es Freiheit erlangt. Die Aardman Studios hatten mit ihrem Plastilin-Geflügel die Hühnerstall-Version von Gesprengte Ketten fabriziert (Chicken Run) – Palfi will sein Huhn sogar noch mehr herrschen und bestimmen lassen, ganz so, wie es das Schicksal will. Und dieses meint es für Hühner gut, für Menschen nicht.

Antihumanistische Gutenachtgeschichte für Kücken

Palfis bisheriges Filmschaffen ist von eigentümlichem Kolorit. Der fast wortlose Dorfkrimi Hukkle ist nur eines seiner Experimente, im Generationeepos Taxidermia wissen so manche, wie man sich und seine Familie präpariert. Die Lebensansichten eines Huhns sind so eigenwillig und unzuordenbar wie alles Bisherige von Pálfi. Zwischen Düsternis, Hässlichkeit und kauziger Satire bewegt sich dieser von allen Schubladen befreite, beharrliche Selbstverwirklichungstrip eines Vogels auf eine Welt ohne Menschen zu, um tatsächlich sowas wie kitschige Harmonie zu finden. Ein bizarres Abenteuer zwischen Leben, Tod und allen Unannehmlichkeiten dazwischen – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Lebensansichten eines Huhns (2025)

Guru (2025)

IM ZUCKERHOCH DER BÜHNENPREDIGT

7/10


Pierre Niney als Life Coach in Guru
© 2925 Jerome Prevois / Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: YANN GOZLAN

DREHBUCH: YANN GOZLAN, JEAN-BAPTISTE DELAFON

KAMERA: ANTOINE SANIER

CAST: PIERRE NINEY, MARION BARBEAU, ANTHONY BAJON, CHRISTOPHE MONTENEZ, HOLT MCCALLANY, LEANNA CHEA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es tut so gut, kluge Reden zu hören

Bei Ernährungscoaches hört man stets folgendes Leitmotiv: „Du bist, was du isst“. Bei Coaches, die sich mit der Entfaltung und positiven Entwicklung der eigenen Persönlichkeit beschäftigen, schallen folgende Worte durchs bis zum Bersten gefüllte Auditorium, in dem sich eine jubelnde Menge den massenphänomenalen Zucker-Kick holt: „Du bist, was du willst!“

Wenn das so einfach wäre. Wenn da außerhalb der sündteuren Selbstfindungsshow noch irgendwelche Tipps mit auf den Weg gebracht werden würden, um auch im Alltag all dieses clevere Gerede anwenden und umsetzen zu können.

Sieh her! Das Leben ist so einfach!

In den Events von Matthieu Vasseur, dem angesagtesten Life-Coach von ganz Frankreich, scheint es plötzlich ganz simpel, sich und dann die Welt zu verändern. Mit dem Effekt der Massendynamik manipuliert die charismatische Rampensau jeden noch so gearteten Charakter, der auch nur ein bisschen danach lechzt, gesehen, respektiert und wertgeschätzt zu werden.

Von solchen Menschen gibt es in Zeiten wie diesen viele. Da reicht oft der Social Media-Auftritt nicht aus, da braucht es den Fast-Food-Zucker guter Worte, da braucht es Begeisterung und ein geputschtes Gemüt, um dann wieder – sind die Emotionen verflogen – von vorne anzufangen.

Rezeptpflichtiges Mind-Resetting

In Guru von Yann Gozlan ist das sündteure Seminar so viel wert wie ein Drogentrip. Im Moment könnte man Bäume ausreißen – doch was fehlt, ist der nachhaltige Nutzen, der Wert eines Werkzeugkoffers, der Life-Hack, den Matthieu aber nicht weitergibt, sondern für sich behält. Das Beste dabei: Er weiß selbst nicht, wie all diese Versprechen auf Dauer funktionieren sollen. Jeder Mensch ist schließlich anders, und keinen Zentimeter in die Tiefe dringt diese über den Kamm geschorene Predigt, die als Universal-Faustregel ungefähr so gut so manche Krankheit in seinem Ursprung bekämpft wie ein Ibumetin.

Einer, dem man gerne zuhört

Ein Film, der sich Guru nennt, hat schon mal grundlegend keine Sympathie für seinen Anti-Helden und Reserve-Bergprediger. Von Anfang an ist klar: Dieser energische, kämpferische Influencer hat nichts in der Tasche, was wirkt. Besser noch: Im Laufe des Films wird diesem Matthieu Vasseur so gut wie alles abhandenkommen, was seinen Erfolg ausmacht – und seine eigene Überzeugung.

Das Irritierende dabei ist aber, wie Pierre Niney (Der Graf von Monte Christo) den Charakter dieser Person anlegt. Matthieu scheint keineswegs arrogant, blickt auch nicht auf all die Bedürftigen herab. Er schätzt seine Fans und seine zahlenden Besucher, er spricht vernünftig, einnehmend, hat Charisma und Charme. Klar, man erliegt ihm schnell, und auch ich hier im Kinosaal kann ich diesem weltoffenen und mitreißenden Niney nichts entgegenhalten, ganz im Gegenteil.

Da ist was faul im Coach-Programm

Es gelingt Regisseur Gozlan, diesen Guru ins richtige falsche Licht zu rücken, indem er anfangs all die faulen Stellen versteckt, die später zu stinken beginnen. Kernkonflikt ist dabei das Verhältnis des Influencers zu seinem Bruder. Die Meinungen darüber, wer wohl wem unrecht tut, wechseln wie Tageswäsche. Der Idealist mit Programm, der nicht reflektiert, was er tut, wird es wohl nicht sein, oder?

Tatsächlich lässt Guru während dieser Chronik einer Demontage die Figur des Matthieu relativ wenig davon erkennen, was bei ihm selbst im Argen liegt. Wer immer sich dabei eine persönliche, vielleicht gar charakterliche Weiterentwicklung erwartet, wird wohl irgendwo die Ernüchterung ob einer Lernresilienz gegen aufkeimende Schadenfreude tauschen. Und zwar dann, wenn alles zusammenstürzt und des Gurus eigene kolportierte Mechanik auf ihn selbst angewandt wird.

Die Lehre aus den leeren Versprechungen

Es ist, als säße Niney selbst im Publikum, als würde er gar als einziger dort sitzen, während all die anderen, die diese Drogendosis Glück inhaliert und dann den Entzug erfahren haben, auf die Bühne treten und dem großen Pharisäer zeigen, wie wenig Praxisdenken sich in diesen Worthülsen befindet.

Gozlan weitet den Radius der Demontage weiter aus als notwendig, findet sogar noch einen Antagonisten, der die Glaubwürdigkeit des Szenarios etwas untergräbt. Diese Fülle an Ereignissen ist dann nur noch schwer steuerbar, und irgendwann muss dann auch noch ein Ende her, eine Erlösung, eine totale Vernichtung oder ein Plan B?

Guru entlässt sein Publikum relativ ratlos, unfertig, oder zumindest den letzten Rest an Schaulust abwürgend, den alle mit der Hand vor Augen erwarten. Vielleicht, weil die totale Vernichtung eines Life-Coachs, der gar nicht weiß, dass er all das selbst verursacht hat, zu gnadenlos gewesen wäre, um sich diesem Moment hinzugeben.

Guru (2025)

Bitteres Fest (2026)

DAS SCHICKSAL HAT SINN FÜR NOBLES DESIGN

6/10


Bárbara Lennie tröstet Victoria Luengo in Pedro Almodovars Bitteres Fest
© 2026 Constantin Film


ORIGINALTITEL: AMARGA NAVIDAD

REGIE / DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR

KAMERA: PAU ESTEVE BIRBA

CAST: LEONARDO SBARAGLIA, BÁRBARA LENNIE, AITANA SÁNCHEZ-GIJÓN, VICTORIA LUENGO, PATRICK CRIADO, MILENA SMIT, QUIM GUTIÉRREZ, ROSSY DE PALMA, CARMEN MACHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Spaniens Regie-Gott Pedro Almodóvar fühlt sich dort am wohlsten, wo er auch selbst zuhause ist. Und er kann dort die schillerndsten Charaktere schaffen, wo er beruflich verkehrt: Im Territorium des Autorenfilmers, in der hermetischen Blase der Schreiberlinge, im Biotop der Filmemacher, die sich längst selbst produzieren.

Künstler kennen den Schmerz nur zu gut

Almodóvar sieht sich natürlich als Künstler, und er sieht auch seine Figuren vorwiegend als genau das: Als Künstler entweder in der Schaffenskrise, in der Identitätskrise oder in was für Krisen auch immer. In Almodóvars Welten wird Zeigbares produziert und entworfen – und so entwirft er auch mehr oder weniger einen Splitter seiner selbst als Drehbuchvirtuose und Regisseur, der endlich mal wieder etwas Neues zuwege bringt, eine neue Geschichte mit sehr viel Schmerz, Leid und Katharsis. Kaum ein Stoff, der sich besser eignet, um einen anspruchsvollen Film zu erschaffen, als des Lebens Schicksal. Als Krankheit, Tod und das Ende von Beziehungen.

Vom Schicksal der Lebenden inspiriert

Pedro Almodóvar ist in Bitteres Fest – ein Titel, der sich auf Weihnachtsfeierlichkeiten bezieht, die alles andere als entspannt verlaufen – der Autor Raúl, ein Feingeist mit grauem Haupt- und Gesichtshaar, lebend in einer queeren Beziehung und umgeben von Leuten, die im Dienste seiner Projekte stehen. Dazu zählt auch sein Partner und eine Assistentin, die Raúl nur zu ungern gehen lassen muss. Doch Mónica hat das große Bedürfnis, ihrer Freundin beizustehen, die gerade eben ihren krebskranken Sohn verloren hat. Eine Tragödie sondergleichen ist das, da ist keine Zeit fürs Kunstschaffen, doch die Kunst weiß dabei selbst, was sie aus der Realität ziehen kann, um eine Geschichte, die sich nur mühsam vorwärtsschreiben lässt, aufzupeppen.

Wie existent ist die fiktive Welt?

Dass diese Timeline wohl nicht die einzige in Bitteres Fest sein kann, ist wohl allen klar, die Almodóvars Œuvre kennen. Natürlich gibt es eine zweite Ebene; eine, die sich mehr als zwei Jahrzehnte früher abspielt, die allerdings nicht real, sondern fiktiv ist – und eben genau jene Handlung visualisiert, die Raúl gerade „zu Papier“ bringt.

Dort, in dieser imaginären Welt, ist Elsa die Protagonistin, ebenfalls ehemalige Filmemacherin, nunmehr in der Werbung tätig und mit einem Unterhosenmodel liiert, der zumindest auch Brände löscht, wenn er nicht gerade als Stripper gebucht wird. Diese Figur ist die wohl eingängigste in Almodóvars Ensemble – kaum um sich kreisend, während alle anderen Reichen und Schönen in elitärer Unantastbarkeit mit der Schwere des Lebens dennoch zu tun haben müssen, denn Menschen sind sie schließlich alle.

Die tröstende Expertise eines Innenausstatters

Und so wechselt der Schauplatz von Madrid ins luxuriöse Anwesen auf der Kanareninsel Lanzarote, die mit ihrer einzigartigen Landschaft natürlich ordentlich Schauwerte in den Film bringt. Das geschieht immer dann, wenn Almodóvar seine Lieblingsfarben Grün und Rot in allen möglichen Abstufungen und Schattierungen sowie in akribischem Kompositionsdrang auf der Leinwand arrangiert.

Bitteres Fest ist wie Malen auf bewegtem Grund. Bicolore Ornamentik, grobe Muster, Retro-Orange – dann wieder Werke von Künstlern, nach denen sich jeder Innenausstatter alle zehn Finger abschlecken würde und die womöglich ein Heidengeld kosten. Der Filmemacher hat sie alle beisammen, stattet seine Wohnzimmer, Schlafgemächer und Loggias mit allerlei Kunst aus, die einen Großteil seiner Arbeit einnehmen. Wie das gelingt?

Für Arrangements wie diese gibt es Platz genug. Bitteres Fest selbst mag zwar Fiktion und Realität miteinander verbinden, doch längst nicht so raffiniert wie in anderen seiner Werke. Von daher sprengt die Handlung wohl kaum den Rahmen. Thematisch wendet sich das große Drama des Trostes und der seelischen Heilung dem künstlerischen Missbrauch tatsächlicher Tragödien zu.

Ist Raúl dabei skrupellos genug, wenn er einen ähnlichen Fall wie jenen skizziert, den seine Assistentin Mónica erlebt? Verletzt die Implementierung realer Persönlichkeiten in eine schriftstellerische Arbeit das Persönlichkeitsrecht, auch wenn nur einzelne charakterliche Spuren neu interpretiert werden?

Die Realität bleibt immer Inspiration

Zu einer Antwort lässt sich Almodóvar gar nicht hinreißen, zu sehr schwingt in seinen Arbeiten stets das Autobiografische mit, wobei man davon ausgehen kann, dass so manche Figur in seinem bisherigen Schaffen tatsächlichen Ursprungs ist.

Vielleicht will sich Almodóvar mit diesem Film auch rehabilitieren und zur Sprache bringen, was ihn dahingehend wohl immer schon beschäftigt hat. Es reicht ihm, den kritischen Blick zu werfen. Alles Übrige arrangiert sich in gediegenen Bildern, in denen virtuose Dialoge schlummern, die jedoch niemals so stark an Gewohnheiten rütteln, dass diese sich ändern könnten.

Bitteres Fest (2026)

Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

SALZIGE UMARMUNGEN

5/10


Sara Khorami duckt sich vor dem Kraken
© 2026 Splendid Film


LAND / JAHR: NORWEGEN 2026

REGIE: PÅL ØIE, SJUR AARTHUN

DREHBUCH: VILDE EIDE, NATASHA ARTHUR, KJERSTI HELEN RASMUSSEN

KAMERA / SCHNITT: SJUR AARTHUN

CAST: SARA KHORAMI, MIKKEL BRATT SILSET, INGVILD HOLTHE BYGDNES, ØYVIND BRANDTZÆG, JENNY EVENSEN, HANS MORTEN HANSEN, SILJE BREIVIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Zeig dich doch!

Monster nur peripher oder gar nicht vor die Kamera zu holen – nun, da hat Ridley Scott bewiesen, dass so etwas geht. Seine Alien-Kreatur sieht man im Original gerade mal ein paar Minuten, wenn überhaupt. Und dennoch ist dieses Wesen omnipräsent, obwohl man gar nicht mal so genau weiß, wie es aussieht. Hinter jeder Ecke hätte es lauern können, und ja, genau so wars dann auch. Übrig blieb nur Sigourney Weaver als legendäre Ripley, und erst im Showdown wird klar, womit man es eigentlich zu tun hat.

Ridley Scott ist das deswegen gelungen, weil er die Idee eines unberechenbaren Monsters im Kopf der Zuseher aufbauen konnte. In der Fantasie ist schließlich alles umso schrecklicher, je weniger man weiß. Auch Gareth Edwards konnte in seinem fulminanten Extraterrestric-Wildlife-Drama Monsters zeigen, wie sehr es gelingen kann, eine potenzielle Gefahr in der Geschichte alles, den ganzen Schauplatz, einfach nur durch die Möglichkeit, dass es sie gibt, durchdringen zu lassen.

Keine Ruh‘ hat man als Weichtier!

In Kraken von Pål Øie und Sjur Aarthun geschieht das nicht. Und das, obwohl man weiß, wie Kraken aussehen. Dieser Koloss von einem Weichtier schlummert inkognito im Sognefjord vor sich hin, keiner weiß wie lange schon, doch vermutlich ist diese Kreatur wahnsinnig alt, was die Vintage-Nachrichten zu  Beginn des Filmes belegen sollen. Da hat ein Bursche namens Olav Kryptozoologisches zu berichten – von seltsamem Nebel und einem monströsen Schatten.

Jahrzehnte später wird dieses Tier gestört – von einer Erfindung, die sich Sonic Lice nennt und als Schallwaffe die Lachse einer Zuchtfarm von Läusen freihalten soll. Schlecht justiert, lässt dieses Geräusch alle mögliche Meereslebewesen durchdrehen, auch den Koloss in der Tiefe, der die Dauerbeschallung satt hat und die acht Ärmel hochkrempelt, um Tabula Rasa zu machen. Die Belegschaft der Farm versucht, dem Kollateralschaden zu vertuschen, während Meeresbiologin Johanne der Gefahr relativ nahe kommt.

So fummeln Kraken

So richtig Schwung kommt nicht in die Sache, Lachsläuse hin oder her. Der Krake mag im Wasser lauern, fühlt sich aber nicht präsent an. An diesem Fjord spielt sich so einiges ab, auch Umweltschützer sind drauf und dran, diese Geräuschbojen zu sabotieren. Doch der Krake kann nicht so recht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Seine Arme können das noch weniger, auch wenn sie jeweils eigene kleine Gehirne haben. Irgendwann, und das erst sehr spät, stochern jede Menge schleimige Extremitäten die schiffsähnlichen Gänge der Fabrik entlang, Saugnäpfe hier, Saugnäpfe da, doch das große Ganze war den Filmemachern dann doch zu viel Aufwand.

Szenenweise können durchaus Assoziationen zu The Abyss oder Underwater – Es ist erwacht erweckt werden, der Monsterhorror zieht dann auch – auf die möglichst generische Art und Weise. Und ist mal kein dicker Fangarm im Weg, tun‘s gigantomanische Läuse dann auch. Sie muten an wie Pfeilschwanzkrebse, haben aber einen anderen Sinn von Humor als diese.

Die Natur und ihre Moral

Kraken – nicht zu verwechseln mit einem anderen Film gleichen Titels, und zwar einem russischen, in dem ein U-Boot gegen ein anderes dieser Kreatürchens kämpft, der aber noch weniger kann als die norwegische Ausgabe – bietet klassisches „Wir schaden der Natur – die Natur schlägt zurück“-Kino, wo immer einer oder eine im Ensemble längst alles besser weiß. Den Profitgeiern steht das Wasser höher als bis zum Hals, Mutter Erde ist eben moralisch. Und so ergötzt man sich zumindest ein paar Sekunden lang an einem Monster im Licht der Leuchtraketen. H. P. Lovecraft würde sagen: „Ein dicker, fetter Cthulhu“. Vielleicht ist er das ja auch, vielleicht aber ist es nur ein Prozent von den vielen, die zu den unbekannten Regionen dieser Weltmeere zählen.

Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

The Last House (2026)

ICH GEH‘ MAL VOR DIE TÜR

4/10


Wagner Moura kann in The Last House nicht vor die Tür
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE: LOUIS LETERRIER

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: GRETA LEE, WAGNER MOURA, RILEY CHUNG, EMMA HO, NOAH ALEXANDER SOSNOWSKI, GABRIEL BARBOSA, AUDREY ANDERSON, SID EDWARDS U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Die Textzeile „Am Tag, als der Regen kam“ klingelt wohl mitsamt geschmetterter Melodie von Dalida in den Ohren sämtlicher Boomer, allerdings klingelt sie auch bei mir, und ich bin Generation X. Doch keine andere trifft wohl das schicksalhafte Setting im Film The Last House so zielgenau wie diese.

An Familien beißen sich Monster ihre Zähne aus

Denn Netflix hat uns nach langer Durststrecke endlich wieder mal einen exklusiven Blockbuster vor die Tür geworfen, einen mit zwei Shootingstars und angesiedelt in einem Subgenre, das ich gerne als „Familie gegen Monster“ bezeichne. Dazu zählen moderne Klassiker wie A Quiet Place oder auch rustikal Analoges aus den Achtzigern wie Tobe Hoopers Poltergeist. Damit wären wir wohl eher in der paranormalen Ecke, während es in The Last House deutlich diesseitiger zugeht – obwohl man nicht weiß, was zu „diesseitig“ alles zählt. Schließlich peilt in den ersten Sekunden des Films das Zitat von Arthur C Clarke (2001 – Odyssee im Weltraum) schon die richtige Richtung an: „How inappropriate to call this planet Earth when it is clearly Ocean.“

Eins und eins ist zwei: Der Ozean ist nur geringfügig erforscht, keine Ahnung, was da drin noch alles wohnt. Vielleicht gar intelligente Völker, wie in Aquaman? Außerirdische, wie in The Abyss von James Cameron? Wie sieht es bei H. P. Lovecraft aus, an dessen Visionen sich die Filmwelt ja mittlerweile ausgiebigst bedient? Bei ihm wohnen die „Alten“ in den Tiefen der Meere, krakenähnliche Kreaturen, die unsere Menschenwelt dank der Fähigkeit des Gestaltwandelns längst infiltriert haben.

Alternativprogramm bei Regenwetter

Familie also, gegen Monster. Zumindest kämpft diese vierköpfige Gesellschaft nicht gegen Dürre, Trockenheit und vernichtender Hitze – sondern gegen den Regen. Als der nämlich kommt, verändert sich alles. Vor allem aber eins: Der Bewegungsradius. Greta Lee (Past Lives) und Wagner Moura (The Secret Agent) sitzen wie in einem verordneten Lockdown während der Corona-Krise zu Hause fest, ihre beiden Kinder ebenso. Nichts lässt sich öffnen, keine Türen, keine Fenster. Der Regen macht es, dass dieses „Last House“ mehr oder weniger als hermetisch abgeschlossenes Gefängnis funktioniert, die zumindest noch Luft von außen beziehen kann, sonst wäre der Film frühzeitig zu Ende.

So sitzen, liegen und stehen diese Vier langmächtig daheim herum und improvisieren. Machen das Beste draus. Kommen auf wirklich großartige Ideen, denn die Kreativität des Menschen ist womöglich das letzte wirklich nützliche Gut, das wir haben. Ansonsten wären wir sowieso nicht dort, wo wir jetzt sind, wobei uns, zugegeben, die Ideen momentan doch etwas ausgehen.

Wie man im Lockdown auch ohne Bananenbrot den Tag füllt

Im Film von Louis Leterrier allerdings nicht. Zum Glück ist Wagner Moura Ingenieur, er kann basteln und gibt sich als MacGyver. Das alles ist ganz nett anzusehen, doch es zieht sich. Es ziehen sich die Jahre, und dann stellt man sich doch die Frage: Zu mehr hat es nicht gereicht? Wie in einer apokalyptischen Sitcom schauen wir einer Familie beim Überleben zu. Das hat Höhen, aber weitestgehend träge Tiefen. Zwischendurch begeistert das Außen durch rätselhafte Schatten und physikalische Anomalien. Jetzt geht es richtig los, denkt man sich da. Und immer noch nichts.

Anders als in A Quiet Place von John Krasinski, der wusste, welche Tonalität er anschlagen muss, um die Story zu halten, bleibt Leterrier orientierungslos und kann sich mit sich selbst auf kein stringentes Vokabular einigen. Familienabenteuer ist das eine, Suspense-Horror rund um nicht-menschliche Aggressoren das andere. Für einen Familienfilm ist es manchmal zu heftig, für einen Horrorfilm zu lahm. The Last House weiß nicht, was es sein will. Science-Fiction vielleicht? Dazu ist es zu sehr Mystery, vieles bleibt vage – und macht es sich auch viel zu einfach.

Wie man das Ende einer Geschichte herunterbiegt

Wie glücklich das Überleben, wenn, sobald die Fallen aufgestellt sind, so manches wilde Tier schnurstracks darauf zugeht. Lediglich Sekunden verstreichen, bis das Mittagessen gesichert ist. Es nach fünf Jahren nicht geschafft zu haben, das Haus zu verlassen, zeugt nach den gegebenen Parametern von laxem Einsatz. Am Ende biedert sich The Last House, nachdem das Abenteuer nochmal ordentlich den Wasserhahn aufdreht, einer Konklusio an, die man improvisiert, wenn die Gutenachtgeschichte vor dem Einschlafen zu lange dauert. Damit sind wir genauso ratlos wie der zuhörende Filius und die von höheren Mächten schadlos gehaltene Familie, die in psychischer Resilienz und gänzlich ohne Lagerkoller den Biosphären-Elchtest macht. Was für starke Naturen das sind – angesichts einer starken, aber unbeholfen konzeptlosen Natur!

The Last House (2026)

Exit 8 (2025)

FINDE DEN FEHLER!

6/10


Yamato Kôchi im Mysterythriller Exit 8
© 2025 ”Exit 8” Film Partners


LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: GENKI KAWAMURA

DREHBUCH: GENKI KAWAMURA, HIRASE KENTARO, NACH DEM GAME VON KOTAKE CREATE

KAMERA: KEISUKE IMAMURA

CAST: KAZUNARI NINOMIYA, YAMATO KÔCHI, NARU ASANUMA, KOTONE HANASE, NANA KOMATSU U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



So manchen U-Bahn-Ausgang hat man selbst schon nicht gleich auf Anhieb gefunden, insbesondere wenn man in einer fremden Metropole als Tourist oder geschäftlich unterwegs ist und dabei die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. In London oder in Moskau ist die Mitfahrgelegenheit im Untergrund gefühlt nahe am Erdkern, anderswo windet man sich wie in einem Labyrinth um unzählige Ecken, nimmt Abzweigungen und Rolltreppen, um zum Ziel zu gelangen. Anders wird einem auch dann, wenn vertraute Arbeitswege ganz plötzlich in einer Möbius-Schleife enden. Gibt es denn da einen Ausweg? Bei Möbius-Schleifen nicht, denn der Weg darauf ist unendlich.

Da will doch nur jemand spielen

So unendlich wie jene U-Bahn-Passage, in der ein namenloser junger Mann feststeckt und verzweifelt nach dem Ausgang Nummer 8 sucht. Das Ganze beginnt noch recht vertraut, zuerst noch weist ein Schild zum Ausgang Zero hin, doch selbst der erscheint nie. Stattdessen kommt diesem Mann, der eigentlich unterwegs zu seiner Freundin ist, die kurz vor der Entbindung steht, und der nicht weiß, ob er sich nun dazu bekennen soll, Vater zu sein oder nicht, immer wieder derselbe Passant entgegen: Ein Geschäftsmann mit einem Koffer in der linken, einem Mobiltelefon in der rechten Hand, stur geradeaus blickend und auf keinen Zuruf reagierend.

Langsam wird klar: Ein Entkommen gibt es nur, wenn sich der werdende Vater im ewig gleichen U-Bahn-System zu Exit 8 hocharbeitet. Schließlich prangen die Spielregeln unübersehbar auf einer Tafel: Findet er Anomalien, muss er zurück, findet er keine, geht es weiter. Rutschbahn und Leiter? Ja, nur ohne Würfelglück, sondern mit dem Auge eines Haftelmachers. Oder: Exit 8 ist wie ein Bilderrätsel, auf dem acht Fehler unbekannter Art versteckt sind.

Tunnelblick mal anders

Der japanische Filmemacher und Autor Genki Kawamura, der mit seinem Roman Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden – ein Buch, das man nicht verfilmen kann – schon einen Bestseller geschrieben hat, widmet sich nun der Verfilmung des Computerspiels Exit 8, in dem man immer wieder durch einen weiß gekachelten, mehrmals geknickten Tunnel-Abschnitt wandert. Jedes Mal ist irgendetwas anders – oder auch nicht. Das mag eine launige Horror-Challenge sein, denn manchmal geht auch das Licht aus und ganz plötzlich steht der Geschäftsmann, der sonst sowieso nie reagiert, breit grinsend hinter dir.

Creepiness, die im Trend liegt

Kawamura hat dieses Mindfuck-Abenteuer eines labyrinthartigen Horrors gerade zur rechten Zeit inszeniert, in der so manche Creepypasta, die im Internet kursiert, auf Kinotauglichkeit untersucht wird. Darunter eben Nick Parsons‘ Backrooms-Legenden, die eben erst erfolgreich das Licht der Leinwand erblickten.

Mystery, die sich nicht erklären lässt, hat eine Zeit lang die Stranger Things-Furore erklärt – bis dort aufgeklärt wurde, was man nicht hätte aufklären müssen. Zum Glück gibt Exit 8 genauso wie Backrooms das Geheimnis hinter seinem Schleifen-Horror sowieso nicht preis. Auch nicht, was entscheidend dafür ist, um in diesen Parcours zu tappen. Kawamura erzählt dieses seltsame Phänomen eines urbanen „Escape Rooms“, der mitten im Alltag auf x-beliebige Menschen hereinbricht, aus unterschiedlichen Perspektiven. Würde er das nicht tun, hätte der ganze Plot für einen Spielfilm einen viel zu kurzen Atem; dann wäre Exit 8 ein Kurzfilm geworden, ein kleines, beklemmendes Filmchen, eine Anekdote zum Thema psychologische Manifestation.

Such doch einfach selbst!

Den Mitmachfaktor hat Backrooms nicht – Exit 8 hingegen schon. Man darf also selbst rätseln, was wohl beim nächsten Mal anders läuft – ist es der Mona-Lisa-Effekt auf den Werbeplakaten oder eine verkehrte Ziffer? Mutierte Ratten oder Blut an den Wänden, das auf Weiß immer gut kommt?

Eine Meta-Ebene hat das Ganze ohnehin nicht, und eine solche müsste man auch gar nicht anstreben – doch Kawamura tut es. Letztlich aber lässt sich dieses Szenario gar nicht in diese Richtung biegen. Jeder innere Konflikt, der in Exit 8 von den Auserwählten für das Spiel eben dort hineingetragen wird, bleibt ein dekoratives Add-On ohne Funktion. Klar, man versteht schon, was es zu erreichen gilt, doch wirkt genau das im Gegensatz zu den strengen Regeln in diesem Spiel allzu willkürlich und austauschbar.

Exit 8 (2025)

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

DER ABGRUND HINTER DEM SCREEN

7/10

 

Anna Cobb verliert sich in We're All Going to the World's Fair im Internet
© 2021 MUBI

 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: DANIEL PATRICK CARBONE

CAST: ANNA COBB, MICHAEL J ROGERS, HOLLY ANNE FRINK U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Wann habt Ihr Euch zuletzt im Spiegel betrachtet? Und wie oft am Tag? Im Vergleich dazu gaffen wir, sofern es Arbeit und Interesse erfordert, weitaus öfter und ausdauernder auf und in irgendwelche Screens als ins eigene seitenverkehrte Konterfei. Nicht aber, um uns selbst zu entdecken – oder doch? Wohl eher, um nichts zu verpassen in dieser Welt, wo das Digitalisierte einfach bequemer ist als das Analoge. Stößt man dabei irgendwann nicht dennoch auf ein verändertes Selbst?

Der Bildschirm als bodenloser Abgrund

Bei den Jungen mag das so sein. Social-Media-Verbote bahnen sich an, in Australien gibt es sie schon, mit mäßigem Erfolg. Für Screens wird es sie nie geben. Da hinein dürfen alle weiterhin gaffen, um eben all die Dinge zu erfassen, die im Leben zu erfassen sind. Und dennoch: Wie hat Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Zitat neben der Totenbescheinigung für den Allmächtigen gesagt? Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich. Könnte der Abgrund mittlerweile nicht auch der vermaledeite Screen sein? Das Display, das Smartphone, die Benutzeroberfläche – die Tiefen des Internets, an dessen Oberfläche all diese Tools und Apps und KI-Masken herumwabern?

Metaphysik-Test für Teenager

We’re All Going to the World’s Fair! So betitelt die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun den ersten Teil einer sogenannten Screen Trilogy und setzt Teenagerin Casey (Anna Cobb) einem weltumspannenden Abgrund aus, der so sehr in ihr Innerstes kippt, dass einem selbst beim Mitverfolgen dieses Prozesses ein seltsames Unbehagen beschleicht, gleichzusetzen mit einer ins Kosmische gehenden Vorahnung und Beklemmung, die man bislang in fast allen Werken von David Lynch empfindet, wenn das rätselhaft Mysteriöse in eine scheinbar rationale Welt dringt und das Entsetzliche sich versteckt.

Ob nun David Lynch oder Ari Aster – das vage Erfassen von etwas Seltsamem übersteigt die Resilienz dieses jungen Mädchens zusehends. Was sie verlockt, ist diese Challenge, die sich so nennt wie Jane Schoenbruns smoother Mysterygrusel – We’re All Going to the World’s Fair. Dreimal muss sie es sagen. Dann muss sie sich blinkenden Lichtern aussetzen, im rosafarben-blauen Farbspektrum. Um Teil dieser Herausforderung zu sein, muss sie den Screen auch noch mit Blut signieren – natürlich ihrem eigenen. Und dann kanns losgehen. Nur… was eigentlich?

Heraufbeschwören seltsamer Anomalien

Es heisst, es würden Veränderungen stattfinden. Anomalien in der Physis, in der Wahrnehmung, in der inhärenten Welt um Casey herum. Im Verhalten, im Ich selbst. Casey hat Angst, ist aber zugleich neugierig genug, um das Experiment an sich selbst durchzuführen. Ihr Zustand verändert sich, sie scheint von etwas besessen. Andere, die auch Teil der Challenge sind, zeigen wiederum andere Symptome. Und irgendwo ist die Rede von einem Schleifen-Phänomen, von dem keiner weiß, was das sein soll.

Genau hier setzt Schoenbrun die innere Reise fort. Eine Reise ins Ahnungslose, Überfordernde. Schauspielerin Anna Cobb – über weite Strecken des Films die einzige Besetzung – blickt irgendwann nur noch mit weit aufgerissenen Augen und stierem Blick in die Kamera, die den Screen darstellt. Dinge verändern sich, man weiß nicht was. Die eigenwillige Lichtgestaltung des Films tut ihr übriges. Schwarzlicht, pink-violette Farben, Mintgrün und grobkörnige Schatten. Mitunter enthält der Film eine der verstörendsten Gruselszenen seit langem.

Ein befremdender Trip ins Dazwischen

Den einen aber verstören physische Gewaltspitzen, den anderen gespenstisches Footage-Material. Im Footage-Sektor siedelt auch diese Arbeit hier, und wie schon bei Schoenbruns Nachfolgefilm I Saw the TV Glow als Teil 2 der Screen Trilogy hat We’re All Going to the World’s Fair auf einer eigenen Metaebene weder ein Oben noch ein Unten; was bleibt, ist eine vage Gemütserfassung, ein Psychotrip als schlafparalytische Selbsterfahrung zwischen Halluzination und Paranoia – als würde der ganze Film von etwas wahrgenommen werden, was nicht zwingend menschlich sein muss.

Obwohl dieses Experiment ganz klar auf den veränderungsfähigen Moloch des Internets und seine abgründige manipulative Macht abzielt, das Ganze eine Agenda verfolgt und einen ganz eigenes Vokabular verwendet: Die Befremdlichkeit beim Betrachten überwiegt, das Andocken fällt schwer. Zu sperrig ist das Werk, zu sehr um sich selbst kreisend und grübelnd. Filmkunst ja, das zweifelsohne. Und mit der kann man entweder emotional viel anfangen oder eben nicht. Oder es ist irgendwas dazwischen. Wie beim Betrachter und dem Bildschirm, eine im biolumineszierenden Zwielicht befindliche Grauzone als Passage in eine erschreckende Welt.

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

The Invite (2026)

IM SPIEGELKABINETT DER SEHNSÜCHTE

7,5/10

 

Olivia Wilde und Seth Rogen haben in The Invite die Nachbarn zu Besuch
© 2026 Tobis Film

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: OLIVIA WILDE

DREHBUCH: WILL MCCORMACK, RASHIDA JONES, NACH DEM THEATERSTÜCK VON CESC GAY

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: OLIVIA WILDE, SETH ROGEN, PENÉLOPE CRUZ, EDWARD NORTON

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Theaterliebhaberinnen und -liebhaber kennen den Klassiker: Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?. In diesem zünftigen Ehedrama, das mehr ist als es auf den ersten Blick scheint, ladet ein langjähriges Ehepaar zwei jüngst Verlobte zum Dinner. Während dieses Abends kommen Krisen zum Vorschein, die sich gewaschen haben. Martha und George schenken sich nichts, reißen alte Wunden auf, vernichten sich selbst und einander. Das jungfräuliche Ehepaar, das da nur tatenlos zusehen kann und dann letztlich ebenfalls in diesen Ehekrieg hineingezogen wird, fungiert wie ein Spiegel des Damals, als alles noch aus Liebe war. Paradebesetzung für dieses Stück: Natürlich Liz Taylor und Richard Burton.

Wer hat Angst vor den Nachbarn?

Eine Soft-Version von Edward Albee gefällig? Diesmal haben wir es mit Olivia Wilde, die auch selbst Regie führt, und Seth Rogen zu tun. Auf der anderen Seite kein „unbeflecktes“ Ehepaar, viel mehr ein Liebespaar mit unorthodoxen Lebensweisen, dargestellt von Penélope Cruz, diesmal in Blond, und Edward Norton. Die beiden sind Nachbarn von Wilde und Rogen, wohnen einen Stock höher und rufen sich vor allem des Nächtens in Erinnerung, wenn es sexuell heiß hergeht. Doch deswegen haben Angela und Joe – so heißen die beiden Eheleute von unten – die beiden nicht eingeladen. Joe weiß gar nichts davon, dass Angela heute noch Gäste erwartet, kommt von einem langweiligen Arbeitstag als Musiklehrer nachhause und muss dann noch Small Talk treiben. Aber immerhin: Eine gute Gelegenheit, um das Gekeuche und Gestöhne anzusprechen, dass den beiden immer wieder den Schlaf raubt.

Let’s Talk About Sex

Sobald der Besuch hereinschneit, ist nichts mehr so wie vorher. Erstrebenswert wäre das ohnehin nicht, denn Angela und Joe haben sich nicht mehr viel zu sagen, sind aneinander gewöhnt, und dennoch voller Erwartungen und Sehnsüchte, was den jeweils anderen betrifft. Wer könnte das besser widerspiegeln als das kokette, frivole Lustpärchen, das die beiden verstockten Traditionalisten geradewegs zu einer Sexorgie einlädt. Jede mit jedem, jeder mit jeder.

Wie Seth Rogen diesem Angebot begegnet, ist hinreißend komödiantisch. Einerseits konservativ zugeknöpft, andererseits einfach nur voller Sarkasmus. Olivia Wildes frustrierte Ehefrau ist da schon anders gepolt, weitaus interessierter, neugieriger, aber auch verängstigt. Norten und Cruz? Sie scheinen nicht die zu sein, die sie sind. Oder doch? Stimmt das überhaupt, mit diesem Gruppensex? Denn wie seltsam mag es erscheinen, dass der Besuch gerade jene Bedürfnisse erfüllt, die die beiden nicht gestillt bekommen.

Widererkennen im anderen

Mit The Invite, basierend auf dem spanischen Film Sentimental, was wiederum auf einem Theaterstück von Cesc Gay beruht und sogar in Deutschland verfilmt wurde, hat Olivia Wilde wohl mehr herausgeholt, als in diesem Dinner-Drama eigentlich stecken mag. Und zwar ist das die dunkle Seite, der „Edward Albee-Aspekt“. Obwohl: dunkel wäre vielleicht sogar etwas zu viel des guten, dunkelblau trifft es wohl besser.

Zu Beginn feiern soziale Gepflogenheiten in kleinen Gesprächen und höfliche Bewunderungen, unterspickt mit frechen Ehrlichkeiten, noch allzu gewohnte Chill-Time unter Erwachsenen, die gerne beeindrucken wollen. Dann aber verändern sich die Konstellationen, Cruz wird zum Spiegel für Rogen, Norton zum Spiegelbild von Wilde. Es ist, als wären die Nachbarn von oben Manifestationen nicht nur intimer Begehrlichkeiten, sondern auch immaterieller Wünsche wie nach Anerkennung und danach, wahrgenommen und begehrt zu werden.

Schmerzen im Rücken

Der verbale Vierer treibt es zwischen Peinlichkeiten und grotesker Hürden so weit, bis das Gefüge letztlich bricht – bis alles zum Vorschein kommt. Wilde verlässt sich dabei voll und ganz auf sich und ihrem übrigen Ensemble. Zu recht, denn das Gemenge reagiert wie in einem chemischen Experiment – oder ist es doch nur eine metaphysische Notbremse für eine emotionale Notlage?

In körniger Optik und viel Fokus auf die Gesichter gestaltet Wilde eine tragikomische Ehekrise, die genauso viel Feingefühl wie Zärtlichkeit besitzt und all das, was im Argen liegt, hier und jetzt übers Knie brechen will. Es bricht zwar nicht das Knie, aber es schmerzt der Rücken. Und die Erkenntnis, viel zu lange nicht mehr aufeinander geachtet zu haben.

The Invite (2026)

H wie Habicht (2025)

FEDERN VOR DEM LEBEN

6/10


Claire Foy als Helen mit ihrem Habicht Mabel im Film H wie Habicht
© 2026 Panda Lichtspiele


ORIGNALTITEL: H IS FOR HAWK

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, SINGAPUR 2025

REGIE: PHILIPPA LOWTHORPE

DREHBUCH: PHILIPPA LOWTHORPE, EMMA DONOGHUE, NACH DEM AUTOBIOGRAFISCHEN BUCH VON HELEN MCDONALD

KAMERA: CHARLOTTE BRUUS CHRISTENSEN

CAST: CLAIRE FOY, BRENDAN GLEESON, LINDSAY DUNCAN, DENISE GOUGH, SAM SPRUELL, EMMA CUNNIFFE, JOSH DYLAN, EDEN HAMILTON, ARTY FROUSHAN, ANGUS COOPER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Kommt ein Vöglein geflogen

Dieses Vöglein hat allerdings kein Briefchen im Schnabel, sondern eher ein erlegtes Kaninchen. Doch was will man machen, das ist die Natur der Sache bei einem Habicht, der als Beutegreifer und Raubvogel das Töten anderer Lebewesen sowieso nicht bewerten kann, wo es doch in der Natur selbst kein Gut und Böse gibt, keine Moral und keinen Anstand. Die Natur verlangt den Zweck, sie selektiert, lässt überleben, wer sich geschickter anstellt, und sterben, wer nicht das Zeug dazu hat, die Challenge mit dem Titel „Survival of the Fittest“ zu stemmen.

Tut uns das Kaninchen denn nicht leid?

Der Vorwurf einer gewissen Zuhörerschaft im Film H wie Habicht, den sich Cambridge-Dozentin Helen McDonald gefallen lassen muss, nämlich, dass sie den Tod anderer Tiere in Kauf nimmt, fußt wohl auf einer gewissen Ahnungslosigkeit oder fehlenden Bereitschaft, sich mit Natur, Biologie und Verhaltensforschung jemals auseinandergesetzt zu haben oder auseinandersetzen zu wollen. Am liebsten würde man, sitzend im dunklen Auditorium, diesen woken Besserwisser des Saales verweisen. Während man Helen dabei zusieht, wie sehr sie die Notwendigkeit verteidigen muss, tut sie einem leid. Dass ein Habicht eben sein Habichtverhalten an den Tag legen muss, ist essentiell – sonst wäre er in dieser Welt fehl am Platz.

Ein Todesfall verleiht Flügel

Genauso fehl am Platz fühlt sich Helen McDonald, auf deren Autobiografie dieser Film hier beruht. Sie wird vollends aus ihrem geregelten Leben geworfen, aus ihrem Habitat sozusagen, als ihr über alles geliebter Vater an Herzversagen stirbt. Mit ihm konnte sie schließlich alles teilen: Die Begeisterung für die Welt, das Birdwatching, den Humor – und den steten Drang, immer ganze Berge bewegen zu wollen und nie stillzuhalten. Dieses Stillhalten muss die trauernde Tochter aber lernen, als sie sich im Zuge einer Kurzschlussreaktion oder aber durch Überkompensation ihrer emotionalen Notlage einen Greifvogel anschafft.

Jetzt wohnt dieses freiheitsliebende Tier in ihrer Wohnung, darf anfangs nur diese blickdichte Haube tragen, die Falkner den Tieren so gerne überstülpen, damit sie ruhig bleiben. Dann aber begegnen sich beide von Angesicht zu Angesicht. Und es scheint, als würde Helen plötzlich so sein wollen wie dieser Vogel, der, sofern man ihn lässt, weiß, wie er leben und was er tun muss.

Ein Mensch weiß das nicht, der ist stets Produkt seiner Umwelt und seiner Emotionen, die lange nachhallen und nicht verschwinden wollen. Auch Tiere können depressiv werden, auch Tiere können trauern, doch immer wieder erlangt sich das Überleben die höchste Priorität zurück. Wie soll das also Helen schaffen, die immer mehr sich selbst verliert, oder besser gesagt: in diesem Tier, das plötzlich alles für sie ist. Freiheit, Triumph, Ordnung, Klarheit.

Des widerspenstigen Vogels Zähmung

Die Britin Philippa Lowthorpe, bekannt für ihre Arbeit an Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution – muss hier nun trotz einer überschaubaren, recht handlungsarmen Geschichte ein Psychogramm erstellen, in dem es hauptsächlich um Empfindungen geht, die sich zumindest im Verhalten des Vogels widerspiegelt. Daher setzt sie auch unmissverständlich den Fokus auf die Zähmung eines widerspenstigen gefiederten Freundes, der als Metapher dafür steht, wie gut oder wie schlecht man sein innerstes Ich steuern kann.

Von der Recherche im Internet bis zur innigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier sehen wir alle Zwischenstufen eines Falkner-Lebens, zwischendurch mutet H wie Habicht wie eine Dokumentation an, während der aber immer wieder die Überlegung aufkommt, ob die Bindung eines freiheitsliebenden Tieres wie ein Greifvogel an einen Menschen nicht doch ein bisschen so etwas wie Tierquälerei sein kann. Kein Lebewesen entzieht sich gerne seinem Sehsinn. Da lässt sich doch nur vermuten, dass sich ein Vogel durch diese Falknerhaube sicherer fühlt – wissen kann man es nicht.

Doch sei es wie es sei – das Tier ist prachtvoll, man wünscht ihm, es könnte entfliehen, und man wünscht Helen die Eingebung, dass sie doch dieses Tier endlich loslassen soll.

Wie habt ihr es mit Falknerei?

Muss man sich für Falknerei also interessieren? Nun, bis zu einem gewissen Grad schon, und tut man es nicht, geht doch einiges verloren. Was man gewonnen hat, ist Claire Foys Schauspiel – sie ist phänomenal, macht es sich niemals einfach, indem sie im Selbstmitleid versinkt, sondern entwickelt ihre Verhaltens-Transformation fast schon beiläufig, sich selbst etwas vormachend, nur langsam reflektierend, was sie hier tut. Dafür ist H wie Habicht wirklich sehenswert, obendrauf gibt es natürlich Brendan Gleeson, den man, obwohl man ihn nie als Vater hatte, wirklich auch zu vermissen beginnt.

Es ist nun mal eine True Story

Lowthorpes Psychodrama ist fasziniert von seinem Habicht, ist fasziniert von Claire Foy, doch führt für meine Begriffe die Lebensgeschichte nicht zu einem konsequenten, vielleicht auch radikalen Ende. Diese Diskrepanz zwischen Wildheit und gesellschaftlicher Norm, die hätte das Zeug gehabt, sich freizukämpfen und weiterzuentwickeln. Sie hätte über ihren narrativen Schatten springen können, das wäre eine Wucht gewesen. So aber muss H wie Habicht der True Story gerecht werden. Manchmal ist das Leben durchaus auch weniger spektakulär als die Fiktion. Reales kann man nicht erfinden? Doch, diese Geschichte schon.

H wie Habicht (2025)

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

EMANZIPIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN

5/10

 

Haley Bennett will in Virginia Woolf's Night & Day einfach nur studieren
© 2026 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: TINA GHARAVI

DREHBUCH: JUSTINE WADDELL, NACH DEM ROMAN VON VIRGINIA WOOLF

KAMERA: SEBASTIAN EDSCHMIED

CAST: HALEY BENNETT, ELYAS M’BAREK, LILY ALLEN, TIMOTHY SPALL, JENNIFER SAUNDERS, JACK WHITEHALL, MISIA BUTLER, SALLY PHILLIPS, SIMON PHILLIPS, CAMILLA BORGHESANI, ERIKA LINDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Wenn ein Trailer den Film erzählt

Es gibt keinen anderen Film, von welchem ich in den letzten drei Monaten im Kino nicht öfters den Trailer ansehen habe müssen als für diesen hier: Virginia Woolf’s Night & Day. Haley Bennett, die, des Nächtens im Wasser schwimmend, zu den Sternen blickt und sich bei diesen Lichtjahre entfernten Himmelskörpern erkundigt, ob diese ihr nicht zublinzeln. Immer und immer wieder, es ist, als hätte man den Film bereits gesehen, da der Gusto machende Zusammenschnitt sogar das zu erwartende Ende vorwegnimmt. Da will ich schließlich auch wissen, ob der Film selbst dann mehr bietet als nur Sterne, Blinzeln, Heiratsanträge und ein griesgrämiger alter Patriarch namens Timothy Spall, der seine Tochter anhält, gefälligst Mutter und Ehefrau zu sein.

Drängende Themen bis heute

Virginia Woolf war da immer schon eine Avantgardistin in Sachen Frauenrecht und Selbstbestimmung. Ihr zweiter, 1919 erschienener Roman Night and Day erzählt von einer resoluten jungen Frau, die nicht daran denkt, sich mit ihrem Sandkastenfreund zu verloben, nachdem der ihr einen mehr oder weniger unbeholfenen Antrag macht. Katharine, so nennt sich Bennetts Figur, will studieren, das Universum erforschen, und ganz im Speziellen herausfinden, was es zu bedeuten hat, wenn manche Gestirne heller scheinen als andere. Dafür büffelt und erforscht sie im Obergeschoss einer Fabrik, die nebenbei noch den Suffragetten als Basislager dient. Mit anderen Worten: Eine Kämpferin wie Katherine können all die Frauenrechtlerinnen (und Frauenrechtler) gut gebrauchen.

Nur nichts ausprobieren!

Was nicht zu erwarten war: Elyas M’Barek, Zugpferd des Deutschen Kinos, darf sich hier im England des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts als immigrierter Lektor versuchen – bei einem unaufgeregten Film wie diesen gelingt ihm das formidabel, und natürlich kann man, was die Professionalität des ganzen Ensembles angeht, nicht wirklich meckern. Doch obwohl Virginia Woolf’s Night & Day naturgemäß für eine gute Sache einsteht, oder besser gesagt: von den Anfängen weiblicher Emanzipation berichtet (worüber man nie zu viel bringen kann), plätschert der ganze Streifen ohne Wendungen recht gediegen und von vornherein schon durch seine thematische Ansage gesättigt vor sich hin – und kann tatsächlich kaum viel mehr beitragen als bereits schon im Trailer veröffentlicht. Dort ist tatsächlich alles schon gesagt, im Film dann vom selben noch viel mehr, was Virginia Woolf’s Night & Day eine Beschaulichkeit angedeihen lässt, die jedwede gesellschaftliche Aufbruchs- und Ausbruchsstimmung einfach nicht empfinden kann.

Was läuft denn zu den Feiertagen?

Tina Gharavis Arbeit hat den Verve eines für die Weihnachtsfeiertage angefertigten BBC-Fernsehfilms, der sich mehr hat kosten lassen als womöglich andere Projekte, der aber in seiner konventionell erzählten Simplifikation der Geschichte jeden fernsehenden Haushalt weitestgehend zufriedenstellen wird. Ist ja nett anzusehen, dieses Drama, es regt nicht auf, es schert nicht aus, es bedient den Glanz der Festtage mit gefällig aufbereiteter Literatur.

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)