BACKE BACKE KUCHEN, SADDAM HAT GERUFEN
7/10
© 2025 Filmladen Filmverleih
ORIGINALTITEL: THE PRESIDENT’S CAKE
LAND / JAHR: IRAK, USA, KATAR 2025
REGIE: HASAN HADI
DREHBUCH: HASAN HADI, ERIC ROTH
KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU
CAST: BANEEN AHMAD NAYYEF, SAJAD MOHAMAD QASEM, WAHEED THABET KHREIBAT, RAHIM ALHAJ U. A.
LÄNGE: 1 STD 42 MIN
Ich habe die Bilder noch vor mir, die damals um die Welt gingen. Der Diktator in einem Erdloch, ein Schatten seiner selbst, verfilztes Haar, langer Bart. Dann, Ende desselbigen Monats die Hinrichtung durch den Strang. Auch diese Bilder blieben einem nicht erspart, so wie damals schon, als das rumänische Verbrecher-Ehepaar Ceaușescu am Christtag erschossen wurde. Frohe Weihnachten, könnte man da nur sagen, und auf Erlösung hoffen. Die Rumänen konnten es, die Iraker wohl weniger – die stürzten daraufhin ins politische Chaos. Doch wie auch immer: Dieser Über und Unmensch Saddam Hussein, dieser Folterer und Forderer, Kriegsherr und Schwerverbrecher, ließ sich im Zenit seiner Regentschaft feiern, als hätte man es mit einem Gott zu tun, der seinen Untertanen das Wunder unterbreitet hat, unter ihnen auf Erden zu wandeln. Es ist sogleich faszinierend wie ekelerregend, dabei zu beobachten, wie ein Personenkult aus den Fugen gerät, wie ein Normalsterblicher sich dermaßen erhöhen kann, wenn er nur ausreichend Gewalt ausübt. Spätestens dann himmelt man jeden an, aus Angst, nicht selbst von der Bildfläche des eigenen Lebens zu verschwinden. Dann buckelt man, feiert man, rezitiert Leitsätze wie Heit Hitler, nur in diesem fall noch viel expliziter: „Mit der Seele, mit dem Blut, opfern wir uns für dich, Saddam.“
Vier statt sieben Sachen
Ein mit Verve geschmetterter Treueschwur wie dieser sagt mehr als tausend Worte. Dem ist tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht ein Kuchen. Den Saddam sowieso nie zu Gesicht bekommt, denn der blickt an seinem Geburtstag auf eine überlebensgroße Torte, da macht sich jede Prunkhochzeit dagegen armselig aus. Doch wie es damals, in den Neunzigern, die Ordnung verlangt hat, mussten selbst die Armen unter den Ärmsten dafür sorgen, dass der Diktator Süßes bekommt. Oder zumindest eine ganze Schulklasse einschließlich indoktriniertem Lehrer, der anlässlich des bevorstehenden Jubeltages die Rollen unter den Kindern verteilt. Mädchen Lamia, die mit ihrer Großmutter in einer Papyrushütte inmitten der mesopotamischen Sümpfe lebt, schafft es trotz aller Bemühungen nicht, dass der Kelch an ihr vorübergeht. Letztlich ist sie es, die den Kuchen zu verantworten hat. Doch dafür fehlen ihr alle Zutaten. Im Kinderlied Backe Backe Kuchen ist von sieben Sachen die Rede – Lamia begnügt sich mit vieren: Zucker, Mehl, Eier und Backpulver. Das alleine scheint schon unmöglich, zu beschaffen. Von Safran, der den Kuchen gelb macht, gar keine Rede. Zu ihrem Glück ist sie nicht allein – Schulkollege Saeed hilft ihr dabei, schließlich muss er das ganze Obst auftreiben.
Die mesopotamischen Sümpfe
Hasan Hadis bedrückender Jugend- und Politfilm, den man, auch wenn keine Kriegshandlungen per se zu sehen sind, als Antikriegsfilm bezeichnen kann, hat letztes Jahr in Cannes einige Erfolge erzielt, darunter die Goldene Kamera. Wichtig dabei zu erwähnen: Ein Kuchen für den Präsidenten wurde tatsächlich zur Gänze im Irak gedreht. In den südliche Sümpfen, in den umliegenden Städten (vermutlich Basra). Die zum Weltnaturerbe der UNESCO hochgestufte Wasserwelt mit ihren kunstvoll arrangierten Naturbauten und all den eleganten Ruderbooten, die da die Wasseradern entlangschippern, beeindruckt nicht nur bei Sonnenauf- und untergang sowie zur blauen Stunde. Die augenscheinlich völlig harmonische Lebensweise feiert ethnographische Romantik, die gerne verschleiert, wie bettelarm all diese Leute sind. Doch das Regime ist gnadenlos, und selbst ein Kuchen wird zur Mission Impossible.
Sollen sie doch Kuchen backen
Hasan Hadi bleibt den beiden Jungschauspielern auf den Fersen, die während ihrer Odyssee durch die Stadt nicht nur ihren eigenen Überlebenskampf austragen, sondern miterleben, wie es andere tun – vor allem die Erwachsenen, die in ihrer Not Werte und Würde verraten. Saddams Regentschaft aus der Sicht des einfachen Volkes erinnert an den französischen Absolutismus, wobei hier wieder der Kuchen ins Spiel kommt, den – so wird kolportiert – zumindest Marie Antoinette ihren Untertanen ans Herz gelegt hat zu essen. So ungerecht geht es auch hier zu, immer wieder hat man das Gefühl, einer Postapokalypse beizuwohnen, einer grotesken, aufgeblähten Vision, die aber Realität gewesen war und kurz davor stand, zu platzen. Am deutlichsten, so meint auch Hadi, erkennt man die ironische Diskrepanz mit Kinderaugen und dem Augenmerk auf genau diese Generation. Ein Kuchen für den Präsidenten ist kein Kinderfilm, dennoch lässt er das Drama einer scheinbar unmöglichen Aufgabe, an deren Ende bei Nichterfüllen drakonische Strafen stehen, mit einer unsentimentalen, ungestümen Abenteuerlichkeit passieren, die keine Zeit lässt, Prinzipien zu hinterfragen und schmerzlichen Verlusten nachzuhängen. Hier geht’s ums Überleben, das Behalten des Kopfes über Wasser – und um reichlich Improvisation.
Als Symbol der Verantwortung trägt Lamia stets einen Hahn mit sich herum, der in seinem Beutel vor sich hin gackert. Im Hintergrund tobt der Krieg, nur ein Wimpernschlag von einer gerade noch bezwingbaren Welt entfernt. Nur nicht blinzeln, sonst fallen die Bomben.









