Black and Blue

DIENST NACH GEWISSEN

5,5/10

 

black-and-blue© 2019 Sony Pictures GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEON TAYLOR

CAST: NAOMIE HARIS, TYRESE GIBSON, FRANK GRILLO, MIKE COLTER, REID SCOTT U. A.

 

Trau ihm, er ist ein Cop – so hieß der begleitende deutsche Untertitel des Polizeithrillers Internal Affairs aus den Neunzigern mit Andy Garcia und Richard Gere als schlimmem Finger. Spätestens seit damals ist uns Filmnerds klar: die Exekutive, die für Recht und Ordnung sorgt, dein Freund und Helfer in allen öffentlichen Lebenslagen, der meint es nicht immer gut. Vor allem nicht dann, wenn Profit im Spiel ist, das Geld der Bösen lockt und der Schlüssel zur Aservatenkammer locker in der Hand sitzt. Drogen sind auch gern gesehen, deren Handel gebilligt, sofern der Schnee nicht auf die blauen Schultern fällt. Kommt irgendwas ans Licht, gibt’s einen Triple 9 – folglich Tod der Schurken durch Notwehr, angeblich. Die meisten sind aber ohnehin rechtschaffen, tragen das Gesetz am rechten Fleck und verbiegen es nicht. Im Laufe von Filmen wie diesen sind das aber genau jene, die zum Handkuss kommen, und die, die das Gesetzt verdrehen, sitzen am längeren Hebel, weil sie ein besseres Netzwerk haben als so ein junges Greenhorn wie Naomie Harris. Miss Moneypenny ist hier als blauuniformierte Streifenpolizistin unterwegs, die ihr jugendliches Gossenleben hinter sich lässt und nach ihrem Einsatz in Afghanistan einen Neustart wagen will.

Wie es Copthriller wie diese eben wollen, fällt für die Hauptfigur aller Anfang schwer. Alicia, so heisst die brave Gesetzteshüterin, darf Zeuge davon werden, wie genau das Drogendezernat mit verdächtigen Subjekten umgeht. Und zwar nicht sehr zimperlich. Die Methode lässt sich auch gut und gerne auf unliebsame Augen- und Ohrenzeugen erweitern, vor allem dann, wenn diese eine Bodycam mit sich herumführen, die alles brav in Farbe festgehalten hat. Was folgt, ist natürlich ein Katz-und-Maus-Spiel. Niemandem ist mehr zu trauen und Naomi versucht, wo es nur geht, sich zu verstecken. Tyrese Gibson als brummeliger Ex-Krimineller, der, geläutert und resozialisiert, Schichtdienst im Supermarkt schiebt, wird auch irgendwann wichtig und gibt dem sonst sehr vorhersehbaren Thriller eine  – sagen wir mal so – gewisse Starthilfe in eine recht geschmeidige Richtung. Denn Gibson ist auf seine Art von einnehmender Vertrauenswürdigkeit, und zu sehen, wie der Schrank von einem Mann drauf und dran ist, sich abermals in gefährliche Situationen zu begeben, geht nicht ohne Bangen ab. Also hofft man, das für ihn alles gut ausgeht. Es sei Harris aber verziehen, den Kerl mit in die Sache hineingezogen zu haben, denn beide sind ein recht gutes Gespann. Dieses Buddy-Movie-Element im spaßbefreiten Stile von „Freunde in der Not“ macht den Streifen vor allem recht menschlich und von der Seite der Guten her angenehm aufrichtig.

Black and Blue könnte auch genauso gut Black and White heissen, da die Grenzen sehr klar gezogen sind. Die Guten und die Bösen. Grauzonen gibt es nur alibihalber. Wir wissen, woran wir sind. Klar spielt Frank Grillo nur den Oberbösling, was könnte der Mann mit der einschlägigen Visage eines Antagonisten denn sonst noch spielen? 100 Meilen gegen den Wind wird klar, welche Bullen zur inoffiziellen Sorte gehören. Da strengt sich Regisseur Deon Taylor nicht wirklich an, das läuft alles nach stereotypem Schema. Aber gut, dank dem ungleichen Pärchen lässt sich Black and Blue als brauchbarer Actionthriller, der nicht sonderlich aufwühlt, als Absacker nach einem aufwühlenden Tag durchaus genießen.

Black and Blue

Paula – Mein Leben soll ein Fest sein

AUS DER FORM, AUS DER NORM

7/10

 

paula© 2016 Polyfilm Verleih

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: CARLA JURI, ALBRECHT ABRAHAM SCHUCH, ROXANE DURAN, JOEL BASMAN U. A.

 

Heutzutage echauffiert sich kaum jemand mehr über diverseste Pioniere der Kunst, egal welches Ding sie drehen und auf welche noch so seltsamen Ideen sie kommen. Damals war das anders. Also damals, vor weit mehr als hundert Jahren. Da hieß es: Kunst kommt von Können – und malst du nicht nach der Natur, hast du kein Talent. Und falls du doch Talent hast, bist du verrückt. Nun, Vincent van Gogh als seiner Zeit voraus, der war psychisch doch etwas labil, sah die Welt mit komplett anderen Augen, und hatte obendrein noch technisches Talent, was Farbe und die Abstraktion der Form betraf. Scheel angesehen ist er dafür trotzdem worden. Seine Bilder: zu Lebzeiten nicht mehr als Kritzeleien eines Durchgeknallten. Doch der Anfang von etwas ganz großem. Einer Zeit, in der Kunst zum Ausdruck innerer Befindlichkeiten wurde. Wo Malerei sich so darzustellen begann, wie der Künstler sie sieht, mit all ihrem subjektiven Kontext.

Für diesen Expressionismus war Paula Modersohn-Becker selbst noch zu früh dran. Im deutschen Künstlerdorf Worspwede hatte man die junge Dame permanent angehalten, doch bitte natürlicher zu malen, die Realität abzubilden, und nicht so deformiertes Zeug abzuliefern. Hände wie Löffel, Nasen wie Kartoffeln, verrenkte Haltungen. Das Verständnis dafür: gleich null. Paula ließ sich aber nicht beirren. Schön, wenn jemand seinen Stil finden kann, obendrein noch dazu steht. Das ist die halbe Miete in der Kunst. Nichts nachzuahmen, weder die Natur noch sonstige große Meister. Selbst die eigene Sicht der Dinge kreieren. Um nicht zuletzt als Künstler gerne im Mittelpunkt zu stehen. Regisseur Christian Schwochow, der erst letztes Jahr mit der eigentlich grandiosen Literaturverfilmung von Siegfried Lenz‘ Deutschstunde sein Händchen für urdeutsche, schwere Stoffe unter Beweis stellen konnte, hatte sich ein paar Jahre zuvor eben jener wegweisenden Künstlerin angenommen, die ein viel zu kurzes Leben hatte, in diesem aber sich selbst als moderne Frau und die Kunst des Neuen gefunden hat.

Wie in Deutschstunde erschuf Schwochows Kameramann Frank Lamm eine erdige, naturalistische, kontrastreiche Bilderwelt. Schatten sind hier unergründliche Nischen, Schwarz so richtig Schwarz. Aber auch die Sonne erzeugt schweres, goldenes Licht, das Grün der Landschaft ist gesättigt bis zur Fäulnis. Alles in allem schafft Lamm eine intensive Lebendigkeit, die dem Wesen von Paula entspricht. Quirlig, rastlos, gedankenverloren. Voller eigenen Idealismus, voller Sturheit und der Fähigkeit, sich zu begeistern. Carla Juri verleiht der Querdenkerin und Aussteigerin aus herkömmlichen Sozialmustern ein authentisches Gesicht, schenkt dieser künstlerischen Ikone enorme Sympathie. Lässt sie ganz auf sich selbst konzentrieren. Natürlich, mit dieser Egozentrik fällt Familienplanung extrem schwer, das Miteinander wird zum Nebeneinander. Aber welcher Künstler, der sich präsentiert, hat diese Egozentrik nicht? Diesen Drang, sich und sein Werk aller Welt zu zeigen? Um auch als abgehobenes Unikum wahrgenommen zu werden, das mit den Konventionen bricht, und somit auch seine Werke nicht nur kreiert, sondern diese auch lebt. Schwochow findet gleich von Anfang an seinen Zugang zu dieser Person, Juri ebenso – beide bringen ihre Biographie formschön, erlesen getextet und trotz aller inneren Aufgeregtheit angenehm unaufgeregt auf den Punkt.

Faszinierend ist diese Lebensgeschichte ohnehin allemal, und wieder ist es so, dass ich jetzt, nach Filmen wie diesen, liebend gerne meine Sachen zusammenpacken und ins Museum gehen würde, um diese Bilder auch selbst zu sehen, die auch ich, ein Freund dieser Kunstepoche, für sagenhaft gelungen halte, und die auch in Paula – Mein Leben soll ein Fest sein in ausladender Großzügigkeit vor die Kamera gehalten werden. Eine zeitverlorene Galerie erlebt hier ihre Vernissage, gesteckt voll mit unzähligen bunten Leinwänden und dem Esprit prinzipiellen künstlerischen Schaffens. Dazwischen Paula, die hinter einer Staffelei hervorguckt, um sich in Erinnerung zu rufen als eine große, emanzipierte Künstlerin, die Hand in Hand mit berühmten Frauen wie Colette das Heimchen hinterm Herd aus dem Hause peitscht. Einfach, um sich selbst zu verwirklichen.

Paula – Mein Leben soll ein Fest sein

Photograph

ICH MÖCHT´ VON MIR EIN FOTO

4/10

 

photograph02© 2018 Joe D’Souza, Tiwari’s Ghost, LLC

 

LAND: INDIEN, DEUTSCHLAND, USA 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: NAWAZUDDIN SIDDIQUI, SANYA MALHOTRA, FARRUKH JAFFAR, ABDUL QUADIR AMIN U. A.

 

Wie es wohl in Zeiten wie diesen dem indischen Tourismus geht? Vor dem Taj Mahal oder dem indischen Tor in Mumbai werden sich womöglich nicht ganz so viele Touristen tummeln als sonst. Auch die Hausierer und Souvenir-Verkäufer werden an den Mauern lehnen und auf Kundschaft warten. Auch die ganzen EPU-Fotografen, die mit ihrer Polaroid-Kamera im Normalfall Sofortbilder der Besucher anfertigen, werden wohl zusehen müssen, dass ihre Filmemulsion nicht die Haltbarkeitsdauer überschreitet. Als Lunchbox-Regisseur Ritesh Batra seinen Liebesfilm Photograph inszeniert hat, war noch alles im Guten und Corona samt sozialem Stillstand weit entfernt. Da lief der Vorplatz vor dem antiken Bauwerk noch auf Hochbetrieb, war chaotisches Wuseln von Alt und Jung ein Garant für Umsatz. Oder ein Garant dafür, neue Beziehungen zu knüpfen.

Das hat Single Rafi aber nicht im Sinn. Der bleibt lieber solo, wohnt in einer Wellblech-WG mit ein paar weiteren Jungs und hat nur Draht zu seiner hochverehrten Oma, die endlich will, dass ihr Enkel unter die Haube kommt. Nach einigen hoffnungslosen Versuchen, ihn umzustimmen, droht die Alte sogar, ihre lebensnotwendigen Medikamente abzusetzen – was für ein Ultimatum! Rafi aber ist Fotograf, und hat unlängst erst eine junge Dame abgelichtet. Warum nicht einfach dieses Foto schicken, mehr muss Oma ja nicht wissen. Falsch gedacht: Rafi bleibt nicht viel Zeit, denn Oma hat sich angekündigt. Und will ihre Schwiegerenkelin in spe mal unter die Lupe nehmen.

Was muss das für ein origineller Film sein. Humorvoll, situationskomisch, berührend. Inklusive indischer Lebensfreude made for cinema. So dachte ich mir. Schwer zu glauben, wenn es anders wäre. Aber wir sind mit Photograph nicht in Bollywood. Ritesh Batra distanziert sich davon völlig. Weder ist sein Film üppig, noch allzu exotisch, noch übertrieben farbenfroh. Batra strebt etwas völlig anderes an: eine Art filmischen Realismus. Dafür ist die prinzipiell kuriose Romanze kaum die richtige Wahl. Photograph ist unerwartet lakonisch und völlig humorbefreit. Weder Hauptdarsteller Nawazuddin Siddiqui noch seine Partnerin Sanya Malhotra haben schauspielerischen Esprit. Siddiqui wirkt geradezu stoisch, enorm introvertiert, geradezu lustlos. Malhotra scheint auch keine großen Gefühle zu empfinden. Dass beide sich füreinander interessieren werden, lässt sich lediglich aus der Inhaltsangabe erahnen, aus dem Film lässt es sich schwer ableiten. Wenn bei einer Lovestory wie dieser beide Parts nicht wissen, was sie miteinander anstellen sollen, dann geht die Rechnung einfach nicht auf – und der Streifen frönt der Langeweile, die sich durch die Straßen Mumbais schleppt. Als hätten wir Monsun mitsamt depressiver Schwüle,und alle harren in ausgesuchtem Phlegmatismus auf ein Ende dessen, um sich wieder befreiter bewegen zu können. Für die Zeitspanne des Films jedoch war ein Ende des Wartens nicht absehbar.

Photograph

We Have Always Lived in the Castle

GESCHWISTER ÜBER ALLES

5/10

 

alwayslivedcastle© 2019 Kinostar

 

LAND: USA 2018

REGIE: STACIE PASSON

CAST: TAISSA FARMIGA, ALEXANDRA DADDARIO, SEBASTIAN STAN, CRISPIN GLOVER, PETER COONAN U. A.

 

Dieses Setting kommt mir irgendwie bekannt vor: Auf einem Hügel ein herrschaftliches Gemäuer, drum herum eine Kleinstadt, bevölkert von Leuten, die dem Schloss da oben nicht wirklich wohlgesinnt sind. Da gäbe es zum Beispiel die von Charles Addams ersonnene Familie gleichen Namens, die über alle gängigen Sozialformen erhaben ist und sich so verhält, wie ihr Eigensinn eben gewachsen ist, und in welche Richtung er auch steuert. Spooky sind sie obendrein. Und vor allem eines: durchaus komisch. Die beiden Geschwister aber, die in vorliegendem Film das immobile Erbe ihrer Eltern hüten, sind weit davon entfernt, irgendeinen Gefallen an ihrer Situation zu finden. Zumindest vorerst nicht. Denn das Anwesen war Schauplatz eines Giftmords. Die Opfer: beide Eltern. und ja, auch der Onkel, der aber knapp überlebt hat und seitdem im Rollstuhl sitzt. Obendrein wohnt der noch mit seinen Nichten unter einem Dach und gibt sich traumatisierter und durchgeknallter als die beiden Stammhalterinnen selbst.

Davon ist eine sehr daran interessiert, den Schein eines perfekten Lebens zu wahren, nach guter alter Hausfrauenart aus der Waschmittelwerbung. Die andere macht einen auf Hexe, erntet Kräuter, vergräbt Dinge unter der Erde. Will verfluchen und Flüche bannen. Wenn ihr mich fragt: ich würde mich diesem düsteren Wohnsitz wohl auch nicht nähern, weil Halbwissen oftmals zu Gerüchten führt, und Gerüchte zu Jahrzehnte überdauernden Legenden werden. Ich hätte mich dem Spuk im Hill House aber auch nicht ausgesetzt. Kenner des Filmes aus den 60er Jahren – Bis das Blut gefriert – und der aktuellen Serie auf Netflix würden wissen, was sie erwartet. Beides – We have always lived in the Castle und Bis das Blut gefriert – sind Werke aus der Feder von Shirley Jackson. Eine Art weiblicher Edgar Allan Poe, nur vielleicht romantischer, bürgerlicher, auf eine gediegene Art schauriger, während Poe in seinen Werken stets einer Schrecklichkeit zusteuert, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ich könnte mir We have alyways lived in the Castle gut als Schwarzweiß-Produktion vor vielen Jahrzehnten vorstellen. Jean Crawford, Bette Davis in jüngeren Jahren, hausend in verfluchten vier Wänden. Rätselhafter Suspense in Reinkultur. Den lässt die aktuelle Verfilmung fast zur Gänze vermissen. Gibt es wenigstens mehr Mystery? Stimmungen, die so in ihren Bann ziehen, dass man nicht wegsehen kann? Wohl eher nicht. Aus Shirley Jacksons Vorlage wird ein hemdsärmeliger, etwas steifer Gesellschaftskrimi, der mehr an Agatha Christie erinnert, wobei aber die Suche nach dem Unheilvollen, nach den Tätern, sollte es solche geben, nicht vorrangig verfolgt, sondern sich ganz auf seine Schwestern konzentriert, die aber aneinander vorbeispielen. Alexandra Daddario wird natürlich ihrer Rolle gerecht und gibt sich unglaublich maskenhaft, wie eine der Frauen von Stepford. Das schafft aber auch Distanz. Die buckelnde Taissa Farmiga (unübersehbar die Schwester von Vera Farmiga) hingegen bleibt so richtig undurchschaubar, sie ist die Erzählerin aus dem off gleichermaßen und das Zentrum des Geschehens. Die übrigen Figuren bleiben schemenhaft, Was dahintersteckt, lässt sich bald erahnen, lässt aber aufgrund dieser eher gestelzten Inszenierung die Neugier außen vor. Der Thriller mit behändem Eskalationsfaktor will zwar geheimnisvoll sein, will vielleicht auch über Urban Legends und ihre Opfer philosophieren, verschenkt aber sein Potenzial an dem Anspruch, sich von Gothic-Stilmitteln allzu sehr loszulösen. Da wäre ein tieferer Griff in die durchaus gern verstaubte Trickkiste klassischer Stimmungsmacher durchaus ratsam gewesen.

We Have Always Lived in the Castle

Der Tod von Ludwig XIV.

MONARCHIE IM ABENDROT

5/10

 

DerTodvonLudwigdemXIV© 2016 Filmgarten

 

LAND: FRANKREICH, PORTUGAL, SPANIEN 2016

REGIE: ALBERT SERRA

CAST: JEAN-PIERRE LÉAUD, PATRICK D’ASSUMCAO, MARC SUSINI, IRENE SILVAGNI, BERNARD BELIN U. A.

 

Die Epoche des Barock ist ein Liebling des Kinos. Der Brite Peter Greenaway hat sich diesen bizarren Erscheinungsformen des elitären Lebensstils in üppigster, direkt maßloser Form hingegeben. Auch Jorgos Lanthimos konnte erst vor kurzem mit seinem Intrigenspiel The Favourite Perücke, Puder und Brokat bis zur Schadenfreude zelebrieren. Das krasse Gegenteil zu diesen Bilderorgien ist Albert Serras extrem zentriertes Kammerspiel, dass eigentlich – in strengem Fokus und in völliger Bedächtigkeit versunken – nur eines zum Thema hat: Hospiz für den Sonnenkönig. Für einen absolutistischen Herrscher, der länger als ein halbes Jahrhundert über Frankreichs Gestaden herrschten durfte. „Der Staat bin ich“, soll er gesagt haben. Historikern zufolge stimmt das aber nicht. Allein: das Zitat sagt über die Regentschaften zu dieser Zeit so ziemlich alles. Ludwig der XIV. also, fast schon gottgleich, ist in dieser französischen Film-Agonie auch nichts mehr anderes als ein gewöhnlicher Sterblicher. Was mich wiederum an das Zeremoniell der Habsburger erinnert, die nur als arme Sünder Einlass in die Kapuzinergruft erbeten können. So ist es auch mit König Ludwig XIV., der sich fatalerweise eine Infektion im linken Bein einfängt. Und was ihm, auch dank der Inkompetenz von Leibarzt und Co, den Rest geben wird.

Nouvelle Vague-Legende Jean Pierre Léaud spielt den Herrscher als Schatten seiner selbst mit unglaublicher Intensität. Vor allem in den Momenten, in denen sein wächsern gewordenes Antlitz für Minuten ins Nichts starrt, bedient sich der Historienfilm barocker Maßlosigkeit. Sonst aber bleibt der Pomp schön draußen in all den anderen Gemächern, und hat keinen Zutritt in das Schlafzimmer, in welchem sich der ganze Film fast ausschließlich abspielt. Um das Bett mit dem Baldachin, um Pölster und Satin herum und nur beleuchtet von wenigen Kandelabern, steht der nahe Hofstaat mit ratlosen Gesichtern. Betrübt, nachdenklich, kaum lösungsorientiert. Hand anzulegen an des Königs Bein? Nie und nimmer. Dass es sich bei den schwarzen Flecken auf dessen Fuß um Wundbrand handelt, wird viel zu spät erst bemerkt. Die rechtzeitige Initiative ergreift auch niemand. Denn was gilt, ist der Befehl des Königs. Und der kommt nicht. So beginnt der Anfang vom Ende eines politischen Zustandes, der das Volk in Abhängigkeit vor den königlichen Worten weiß und dann keine Worte mehr über die Lippen bringt.

Dunkel, mitleidig und befangen bleibt Albert Serras Film. So leicht ließe sich Melodiöses in dieses siechende Szenario einbringen. Der Regisseur tut es nicht. Die Szenen bleiben still, nüchtern. Getuschelt wird im Flüsterton. Alles wartet. Es ist ein Harren auf den ewigen Frieden, unterbrochen von Jammern und dem Flehen um Wasser aus Kristallgläsern. Zugegeben – so hat man Geschichtsfilme noch selten gesehen. Doch war die Wahl der wenigen Mittel und die Kunst des Weglassens wirklich zielführend, um diesen Moment eines Endes am besten zu fassen? Faszinierend ist der fluktuierende Aufmarsch um des Königs Bett seltsamerweise schon. Doch auch gleichermaßen träge, schleppend und zeitraubend. Irgendwann warten wir alle – der Hofstaat und ich – auf die doch bitte endlich hereinbrechende Erlösung des großen Mannes, der unter der Last seiner mächtigen Wolkenperücke wie unter der Last eines Geschichtsbuch füllenden Lebens geradezu erdrückt wird. Das nächste Mal machen sie’s besser, sagt die Entourage beim postmortalen Entnehmen der Organe.

Ja, vielleicht hätte der Film auch besser werden können, wäre des Königs Reflexion auf sein Leben auch Teil des Requiems geworden. Mit dem Tod aber macht man keine Spielchen, so Albert Serras filmische Prämisse. Oder zumindest meine ich, genaus das aus seinem Werk herausgehört zu haben.

Der Tod von Ludwig XIV.

Emma (2020)

LIEBELEI IN HELLEN TÖNEN

8/10

 

emma© Universal Pictures Int. Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: AUTUMN DE WILDE

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, BILL NIGHY, MIA GOTH, JOSH O´CONNOR, JOHNNY FLYNN, GEMMA WHELAN U. A. 

 

Diese Blicke sagen mehr als tausend Worte. Wenn Anya Taylor-Joy als literarische Establishment-Kupplerin Emma ihr Gegenüber beobachtet, wenn sie neue „Opfer“ für ihre harmlos intriganten Gesellschaftsspielchen findet oder wenn sie plötzlich selber merkt, dass ihr Herz schneller schlägt, dann sind das garantiert bezaubernde Filmmomente in einer gelungenen Neuinterpretation von Jane Austens Klassiker. Dieser handelt von einer intellektuellen jungen Dame, die eigentlich nicht viel mehr zu tun hat außer sich die Zeit damit zu vertreiben, jungen Männern schöne Augen zu machen und junge Damen für ihre Liebesrochaden auf wohlwollende Art zu manipulieren. Das klingt jetzt nicht wahnsinnig nett, aber Emma ist es die meiste Zeit trotzdem. Keiner merkt wirklich, was sie vorhat. Der, der es merken könnte, ist ihr Vater – der einzige, mit dem Emma in ihrem stattlichen Anwesen zusammenlebt – die Mutter verstorben, die Schwester verheiratet und ausgezogen. Der Vater aber: ein unheilbarer Hypochonder, den jeder Luftzug mutmaßlich ins Grab bringen könnte – sehr zurückhaltend und lustvoll dargeboten von Bill Nighy, der in so klassischen Stoffen einfach seine Rolle haben muss, es geht gar nicht anders. Und es geht auch gar nicht anders, Jane Austens lustvolle Sezierung der Hautevolee des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht als Kostümorgie zu inszenieren.

Die Neuverfilmung, die macht hier alles andere als einen großen Bogen um stilvolle Meisterwerke historischer Schneiderskunst: Was die Herr- und Damenschaften hier alles an schicker Mode zur Schau tragen, wird vielleicht nur noch getoppt von einer sagenhaft penibel arrangierten und akkurat fotografierten Ausstattung, vorzugsweise in pastelligem Setting aus Lavendel- und Rosatönen, aus hellem Orange und überhaupt einer ganzen Palette verdünnter Farben, die nur so von der Leinwand fließen. Emma ist filmgewordenes Aquarell, eine Bilderflut aus der Romantik und stark verwandt mit dem deutschen Biedermeier. Heller, strahlender, aber längst kein bunter Kitsch, sondern wohlgesetzte Farbgebung, meist in der Kombination zweier ausgesuchter Komplementen. Berauschend, was hier zu sehen ist. Geschmackvoll, wenn Emma unter einer blühenden Kastanie steht, und dabei ein Kleid trägt mit derselben Farbe der Blüten. Wenn über weite, parkähnliche Wiesen mit vereinzelten Baumriesen in roten Umhängen die Schülerinnen des Mädchenpensionats eilen. Wenn der Zylinder der Herren passend zur Verbeugung vor den Damen nobel vom Haupt genommen wird. Ein Augenschmaus, diese Zeit, unbekümmert und entrückt. Der Wohlstand als gesellschaftliche Blase, die von den Erinnerungen der Revolution gänzlich unberührt bleibt.

In all diesem schwelgerischen Zuckerbäckerstil – auf Silbertellern Makronen in allen Farben und der Tee in edlem Porzellangeschirr – wirft eben Anya Taylor-Joy ihre unwiderstehlichen koketten Blicke. Vortrefflich, wie sie Emmas Stil, ihre Anmut, aber auch ihre manchmal soziale Unbeholfenheit in die gefilmte Epoche hinausträgt. Wie sie fähig ist, einzutauchen in eine Zeit, die schon so wahnsinnig lange zurückliegt. Wo Heiratsanträge brieflich hereinflattern. Oder Gesellschaftstänze als Auslöser für eine Leidenschaft bedeutender waren denn je. Die junge Britin, ehemals Hexe (The Witch) und an der Seite von James McAvoy in Split, verleiht ihrer Emma wirklich alles, was man sich von dieser klassischen Figur nur wünschen kann. Klugheit, Eloquenz, Witz und letzten Endes wie bei allen jungen Damen auch: die große Liebe, die sich erstmal wie etwas Fremdes anfühlt, bevor sie ihre Bestimmung findet. Mia Goth als Emmas Schützling Harriet ist da nicht weniger bezaubernd.

Autumn De Wilde, eigentlich Fotografin, hat mit ihrem ersten Film die romantische Literatur für das Kino des 21. Jahrhundert aufbereitet, mit akzentuierter, klassischer Musik unterlegt und dem sonst subjektiven Begriff des Schönen und Geschmackvollen durchaus wieder mal alle Ehre erwiesen.

Emma (2020)

Der Honiggarten

BIENENFLÜSTERN GEGEN BIGOTTERIE

6,5/10

 

honiggarten© 2019 capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: ANNABEL JANKEL

CAST: ANNA PAQUIN, HOLLIDAY GRANGER, GREGOR SELKIRK, KATE DICKIE, LAUREN LYLE, BILLY BOYD, STEVEN ROBERTSON U. A. 

 

Verdammt lang ist das schon her – 1993 erhielt das junge Mädchen namens Anna Paquin für ihre außergewöhnliche Leistung in Jane Campions Neuseeland-Drama Das Piano mit gerade mal zwölf Jahren den Oscar. Sie war somit die zweitjüngste Gewinnerin in der Geschichte des Goldjungen nach Tatum O´Neal für Papermoon. Das nur am Rande. Seitdem hat die kanadisch-neuseeländische Schauspielerin allerhand zu tun gehabt – für nicht zu knappe Bekanntheit sorgte natürlich ihr Auftreten in Xaviers Mutantenschule bei den X-Men. Der  Liebesfilm Der Honiggarten (im Original viel treffender: Tell it to the Bees) lief noch vor Scorseses The Irishman, wo Paquin die von De Niro schwer enttäuschte Tochter spielt. Interessant, welche Künstler am Set dieses durch und durch britischen Streifens zusammengefunden haben: Paquin eben, und eine Dame namens Annabel Jankel, die, was wohl angesichts dieses Films niemand vermuten wurde, den virtuellen Kultkopf Max Headroom in den 80ern mitentwickelt hatte. Nebst diesem Medien-Trendsetter geht auch die weniger prickelnde Game-Verfilmung Super Mario Bros auf ihr Konto – rückblickend eigentlich nicht mehr anschaubar. Gut, auch die Zeiten verändern die Ambition der Schaffenden, und so ist es diesmal die Verfilmung gediegener Belletristik von Fiona Shaw.

Schöne, rustikale Bilder sind´s, die das Stückchen Arthousekino hier beschert. Die britischen Fünfzigerjahre kann man sich sowieso nicht anders vorstellen als verpackt in kleinstädtische Gemeinden, die von der Industrie leben, Backsteinhäusern, Rockabilly-Moden, kleinen Läden und sehr viel Asphalt. Sehr oft Regen und wenn’s mal nicht regnet, spärlicher Sonnenschein, in dessen Gegenlicht die paar schönen Momente stattfinden, die die beiden Liebenden, um die es hier geht, für sich verbuchen können. Natürlich, Der Honiggarten ist kein gewöhnlicher Liebesfilm, das wäre dann gar etwas zu sehr abgegriffen – es ist die sexuelle Beziehung zweier Frauen. Etwas Verbotenes, das niemand wissen darf. Die Nachbarn nicht, der Vater des einzigen Sohnes nicht, der seine Familie verlassen hat (finster: Emun Elliott) – überhaupt niemand. In den 50ern war Homosexualität auf der großen Insel etwas Verachtenswertes, Krankes. Aber nicht nur dort. Aus Todd Haynes betörenden Film Carol wissen wir, dass das auch an der Ostküste der USA ein gesellschaftliches No-Go war. Cate Blanchett und Rooney Mara haben es versucht. Auch Anna Paquin und Holliday Granger versuchen es. Und wie sie es versuchen, genau das bekommt der Film auf geschmeidige Weise hin. Dieses Annähern, dieses diskrete Beobachten, die unausgesprochene Sympathie. Dann will es das Schicksal, dass Mutter Granger und Sohn mit Anna Paquin unter einem Dach leben. Nichts besser als das, sagt die romantische Ader der beiden Frauen. Das ist schon sehr behutsam, sehr zartfühlend inszeniert. Paquins Rolle der verschreckten Erbin eines Landsitzes mit Mut zum unorthodoxen Lebensstil entbehrt nicht einer gewissen Faszination – Grangers Sehnsucht nach dieser Person lässt sich durchaus nachvollziehen. Dazwischen der Junge, der nicht weiß, wo er hin soll. In den bigotten Konservatismus seiner väterlichen Verwandten – oder mit dem Neuland, welches ihn umgibt, zurechtkommen. Dazwischen auch jede Menge Bienen, denn zu diesem geerbten Landsitz gehört auch eine Imkerei. Dieses Mysterium der nützlichen Insekten, zu denen man sprechen kann und die einem auch angeblich zuhören, quasi eine freud´sche Biene Maja samt Hofstaat, dieses Mysterium verleiht dem traditionellen Liebes- und Leidensreigen eine Art literarische Abgehobenheit, die sich dann aber gegen Ende etwas zu viel erlaubt – das dick aufgetragene Irreale wirkt leider etwas schnulzig.

Macht aber nicht allzu viel, darüber lässt sich hinwegsehen. Der Honiggarten ist eine ansehnliche Verfilmung geworden, die in ihrer klassisch erlernten Erzählweise jetzt nicht die Liebe neu erfindet, aber zumindest der eher selten gesehenen Anna Paquin einen noblen, sinnlichen und selbstbeherrschten Auftritt ermöglicht.

Der Honiggarten