Raum

AUF DER ANDEREN SEITE DER WAND

7,5/10 


raum© 2015 Film 4


LAND / JAHR: KANADA 2015

BUCH: EMMA DONOGHUE, NACH IHREM ROMAN

REGIE: LENNY ABRAHAMSON

CAST: JACOB TREMBLAY, BRIE LARSON, JOAN ALLEN, WILLIAM H. MACY, TOM MCCAMUS, SEAN BRIDGERS, CAS ANVAR U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Was gibt es nicht für menschliche Monster auf dieser Welt. Damit meine ich nicht mal Diktatoren und Kriegsherren, die das Schwarzbuch füllen, sondern der unscheinbare Otto Normalverbraucher, dessen Horizont maximal bis zur Befriedung des eigenen kaputten Egos reicht, und dessen Kindheit womöglich selbst ganz anderen unscheinbaren Otto Normalverbrauchern zum Opfer gefallen sein könnte. Jene, die sonst, wohin sie auch blicken, nur ihr eigenes Unvermögen erkennen, halten sich zwecks Kompensation dieses Umstands rechtlose Leibeigene, die in Isolation Wochen, Monate und Jahre damit zubringen, nicht gänzlich zu zerbrechen. Ich kann mich noch genau an das erste Fernsehinterview von Natascha Kampusch erinnern, die nach 3096 Tage in Gefangenschaft unter der Herrschaft eines gewissen Priklopil von ihrer geraubten Kindheit erzählt hat. Den ruinierten Seelen unter Peiniger Fritzl blieb so eine Medienkonvertierung erspart. Was Buchautoren aber, inspiriert durch diese skandalösen Zustände, nicht davon abgehalten hat, ähnliche Szenarien zu entwerfen. Zum Beispiel die Kanadierin Emma Donoghue. Ihre Vorlage Raum aus 2010 wurde zum Bestseller. Solche Inhalte stillen die Neugier am Schrecklichen, am geradezu Undenkbaren. So tickt die Psyche so mancher Leser und Seher nun mal – der Impact des Leidens anderer stillt die Furcht und relativiert die eigene Ohnmacht, die dann nicht mehr ganz so farbintensiv im Alltag verweilt.

Der irische Filmemacher Lenny Abrahamson, der vor seinem Durchbruch mit Raum Michael Fassbinders Konterfei im Künstlerdrama Frank hinter Fiberglas versteckt hat, wendet sich allerdings weitgehend davon ab, peinlich berührten Voyeurismus zu bedienen. Donoghues Drehbuch fokussiert von Anfang an jene Figur, aus dessen Sicht diese ganze Geschichte erzählt wird. Es ist nicht Brie Larson als die 7 Jahre in Gefangenschaft dahindämmernde Joy – sondern es ist der kleine, in ebensolche Isolation hineingeborene Jack, sagenhaft gut verkörpert von Jacob Tremblay, und der eigentlich den ganzen Film so ziemlich im Alleingang trägt, da kann selbst sein oscarprämierter Co-Star nicht viel ausrichten, obwohl auch Larson natürlich zeigt, was in ihr steckt. Bei Kinderdarstellern verblüfft so ein Umstand aber immer mehr: das war auch schon im österreichischen, äußerst sehenswerten Film Die beste aller Welten so, in der Jeremy Miliker den mimischen Realismus neu definiert zu haben schien. Tremblay macht das genauso. Und das Beste an Raum: Donoghue und Abrahamson geht es nicht in erster Linie, und auch nicht in zweiter Linie, um die Chronik eines Martyriums, dessen Ende und dessen Nachwehen, die sowieso nur halbherzig erörtert werden. Die Wahrnehmung der Welt und ihrer inhärenten Freiheiten ist das, was Raum so interessant macht. Nicht das Täter-Opfer-Gefüge. Sondern – wenn man so will – die Relativierung einer Realität mit all ihren Parametern zu einer nächsten, viel größeren. Eine Art Erleuchtung sozusagen. Und das einem Fünfjährigen!

Der Mensch bleibt angesichts seines nach oben hin offenen Erkenntnispools sowieso immer ein Kind. Zu entdecken gibt´s immer noch etwas. Tremblays Charakter des Jack ist wie die Art Höhlenbewohner aus Platons Gleichnis, der die Schattenbilder in seinem Raum wahrnimmt, sie als die alles umfassende Freiheit, als seinen Kosmos empfindet. Demzufolge scheint ihm nichts zu fehlen. Die Definition der Geborgenheit scheint anfangs auch in diesen kargen vier Wänden zu funktionieren. Was fehlt, ist das Wissen jenseits der Wände. Das Wissen über den Ursprung der Schatten, um bei Platon zu bleiben. Die Entdeckung dieses Neulands ist die zu bewältigende Aufgabe dieses Dramas, und Tremblay mittendrin. Larsons Rolle der Mutter ist da nur ein Leo, ein Fixpunkt, das Mutterschiff sozusagen.

Zum Glück holt dieser Film mehr als eine Handvoll dieser Gedanken an die narrative Oberfläche. Auch gelingt Raum, niemals seinem inhaltlichen Skandal zum Opfer zu fallen, indem er diesen Umstand geradezu als unkommentierte und fast wertfreie Gegebenheit hinnimmt. Raum ist überraschend objektiv, trotz all seiner Emotionen, die da hochkochen und überkochen. Trotz all dieser beruhigenden Melodien, die den grauenhaften Zustand so mancher panikmachenden Aussichtslosigkeit überspielen sollen. Tremblay bleibt aber über allen Dingen – als kindlicher Superheld, als ein Entdecker, der Übermenschliches leistet, um all die Ohnmacht umzukehren.

Raum

Du lebst noch 105 Minuten

MORD AUF DRAHT

6,5/10


sorry-wrong-number© 1948 Warner Bros. Studios


LAND / JAHR: USA 1948

BUCH: LUCILLE FLETCHER, NACH IHREM HÖRSPIEL

REGIE: ANATOLE LITVAK

CAST: BARBARA STANWYCK, BURT LANCASTER, ED BEGLEY, ANN RICHARDS, WILLIAM CONRAD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das ukrainische Multitalent Anatole Litvak hat noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einen Film gedreht, der so heutzutage nicht mehr funktionieren würde. Das Handicap von damals: das Festnetztelefon fernab günstiger Tarife. Aber was heißt Festnetztelefon – wenn’s doch nur das gewesen wäre. Barbara Stanwyck muss sich hier als herzkranke Industriellenerbin über die Hürden der Vermittlungsdamen hieven, die da, aufgefädelt wie Perlen an einer Kette – bedürftige Telefonierer in alle Welt zu verbinden hatten. Was für ein Job – den gibt es zum Glück auch nicht mehr. Mit Smartphones hätten Barbara Stanwyck und der blutjunge Burt Lancaster zumindest über entleerte Akkus und verlegte Devices stolpern können, doch der nostalgische Reiz von Wählscheibe und separiertem Sprechteil ginge natürlich flöten. Das wäre schon ein Film fürs technische Museum, Schauraum Fernsprechgeschichte. 

Der Leinwandstar von damals harrt also, in Habtacht-Position neben dem Apparat, dem Kommen ihres Gatten, der allerdings ausbleibt – und dem auch leider nicht in den Sinn kommt, seine bessere Hälfte über sein Fortbleiben zu informieren. Stanwyck versucht, Gott und die Welt an den Hörer zu bekommen. Letzten Endes muss sie sich mit zwei fremden Stimmen begnügen, deren Gespräch sie belauscht. Dabei kommt ihr Schreckliches zu Ohren: die beiden planen einen Mord. Und nicht nur irgendeinen, sondern einen Mord an einer unbekannten Dame, die anscheinend allein zu Hause sitzt. Um Viertel nach Elf soll das Kapitalverbrechen grünes Licht bekommen – bis dahin haben wir – so sagt uns der Filmtitel – 105 Minuten! Der bettlägerigen Barbara dämmert leise ein Verdacht… gar nicht gut fürs schwache Herz.

Zugegeben, Du lebst noch 105 Minuten (im Original: Sorry, Wrong Number) ist kein Hitchcock und nimmt sich trotz seiner knappen Spielzeit von 88 Minuten (da hätte man locker für den Echtzeit-Faktor 105 Minuten herausschlagen können) aufgrund einer gewissen Dialoglastigkeit doch so manches Mal die Eigendynamik und wäre fast ein bisschen schal. Hätte Litvak – oder eben Lucille Fletcher, die Autorin sowohl des zugrundeliegenden Hörspiels als auch des Drehbuchs, nicht die Idee gehabt, eine Geschichte zu erzählen, die eigentlich fast nur aus (leicht verwirrenden) Rückblenden besteht. Dabei ist es mit einer Zeitebene zurück nicht getan – Litvak eröffnet noch eine. So ein Konstrukt fiel mir zuletzt in der spanischen Psychogroteske Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden auf. Auch hier erzählten einzelne Figuren von Figuren, die wiederum von Figuren erzählen. Und Regisseur Aritz Moreno schraubt sogar noch eine Zeitebene runter. Du lebst noch 105 Minuten begnügt sich mit drei solcher Ebenen, was den Film schön genüsslich im Sud möglicher Motive fischen lässt, die vielleicht eben auch Burt Lancaster betreffen, der hier noch am Anfang seiner Karriere stand und entsprechend hölzern agiert.

Wie in den damaligen Krimis, inspiriert durch das Suspense-Kino Hitchcocks, handelt auch dieses gewiefte Drama von Psychospielen und inszenierten Abhängigkeiten, von Macht und Ohnmacht zwischen Mann und Frau. Der Spannungsfaktor kommt da etwas zu kurz – die fatale Psychologie dahinter jedoch nicht. Mehr Melodram als Thriller also, dafür aber eine runde Sache, die ihr Dilemma konsequent auserzählt.

Du lebst noch 105 Minuten

Echo Boomers

DIE RÜCKKEHR DER VANDALEN

6/10


echo-boomers© 2020 Saban Films


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: SETH SAVOY

CAST: PATRICK SCHWARZENEGGER, ALEX PETTYFER, NICK ROBINSON, HAYLEY LAW, MICHAEL SHANNON, GILLES GEARY, LESLEY ANN WARREN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Die Vandalen wurden ja geschichtlich betrachtet zu Unrecht mit ihrem ethnischen Namen dafür verwendet, als Begriff für Zerstörungswut herhalten zu müssen. Dabei haben die damals nicht mehr kaputt gemacht als all die anderen. Aber wir haben diesen Begriff nun mal, und er passt auch ganz gut auf die Gruppe von 5 Mitt- bis Endzwanzigern, die nichts Besseres zu tun haben als einen auf Revoluzzer zu machen und in neureiche Villen einzubrechen um a) alles Wertvolle mitgehen zu lassen und b) den übrigen Rest genussvoll zu zertrümmern. Da sieht Oasis-Frontmann Liam Gallagher mit dem Zertrümmern von Hoteleinrichtung ja geradezu blass aus. Gibt’s in diesen noblen vier Wänden genug Glas, freut das ganz besonders. Das gestohlene Zeug wird dann an einen Hehler vertickt. Da weiß man wieder, wofür man studiert hat, oder? Nun, die 5 hier wissen es nicht. Zumindest vorerst nicht. Bis einer von ihnen, und zwar der Neuzugang, das Ruder rumreißt und der destruktiven Gesinnung ein Ende macht.

In Midnight Sun war der junge Mann bereits zu sehen, jetzt nähert sich Arnies Filius Patrick Schwarzenegger langsam, aber doch, den Genregefilden seines Papas, wenngleich Echo Boomers von Regiedebütant Seth Savoy natürlich kein Actionkracher der alten Schule ist, sondern vielmehr ein Thrillerdrama irgendwo zwischen Die fetten Jahre sind vorbei (mit Daniel Brühl) und Ben Afflecks The Town. Sohn Schwarzenegger bemüht sich sichtlich, wirkt aber teils noch arg einstudiert, wenn er vom Schüchti zum Systemveränderer erstarken will. Da braucht´s noch Praxis, damit der junge Mann aus dem Schatten des elterlichen Ruhms treten kann und man aufhört, fortwährend zu überlegen, ob der Mime eigentlich irgend etwas von der markanten Gesichtsphysiognomie seines Papas übernommen hat.

Gegen ein Schauspielkaliber wie Michael Shannon bleibt Schwarzeneggers Darbietung auch noch etwas blass – ersterer wiederum darf als präpotentes Mastermind hinter den Raubüberfällen so richtig großkotzig andere niedermachen. Dieses Machtverhältnis zwischen den ungestümen Home-Invasoren und dem Hehlerkönig sorgt für knisterndes Tauziehen, die Kanadierin Haley Law lotet die emotionale Tiefe aus und Schnösel Alex Pettyfer in seiner Rolle als blitzgescheiter Studienabsolvent opfert seine Arroganz leider auch nicht dem niedersausenden Baseballschläger, der sonst nur ausgesuchtes Interieur zerstört. Auch wenn das Arm-Reich-Gefälle manchmal wirklich für Sodbrennen sorgt – zu sehen, wie alles kaputtgeht, tut richtig weh und lässt auch Anti-Materialisten über diese Notwendigkeit des Vandalismus sinnieren, die auch mit Graffiti-Statements nichts transportiert, worüber man nachdenken sollte. Somit lügen sich die Echo Boomers wohl selbst in die Tasche, und wo niemandem der Sinn nach Kompromissen steht, ist einem die Zerstörung dessen näher, was man selbst gerne hätte, aber unerreichbar scheint. Andere würden Neid dazu sagen.

Echo Boomers

Wonder Woman 1984

WÜNSCH DIR WAS!

6/10


wonder-woman-1984© 2020 Warner Bros. GmbH Deutschland


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: PATTY JENKINS

CAST: GAL GADOT, CHRIS PINE, KRISTEN WIIG, PEDRO PASCAL, ROBIN WRIGHT, CONNIE NIELSEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 31 MIN


Da sitzen sie nun, der Fischer und seine Frau, in ihrer schäbigen Hütte. So viel hätten sie haben können. Leider hat die liebe Gattin nie genug bekommen. Wieso hat auch dieser vermaledeite Zauberfisch immer alle Wünsche erfüllt? Tja, das ist die Moral von dieser Geschichte, die uns die Brüder Grimm zur genüsslichen Selbstreflexion nähergebracht haben. Diesen lehrreichen Märchenklassiker scheint im DC-Universum allerdings kaum einer so recht zu kennen. Oder aber die Lernresistenz für folkloristische Lehrstücke hält sich wacker. Dabei ist Wonder Woman 1984 selbst ein Märchen – ein verspieltes, gleichnishaftes noch dazu. Und Regisseurin Patty Jenkins hat es sich nicht nehmen lassen, das ganze Sequel des Erfolgsfilms von 2017 auch als Hasch mich-Kindergeburtstag zu inszenieren, speziell in der sogenannten Eröffnungssequenz, in der Diana Prince in ihrem wirklich kessen Outfit desperaten Dieben das Handwerk legt.

Wäre diese Szene notwendig gewesen? Vielleicht nicht so, aber prinzipiell ja, da sich die Story in weiterer Folge auf dieses sichergestellte Diebesgut bezieht, das im Smithsonian Museum von Wonder Woman und der nun neu eingeführten Noch-Nicht-Antagonistin Barbara Minerva (später dann als vernachlässigter Sidekick Cheetah unterwegs) unter die Lupe genommen wird. Da fällt ihnen zwar nicht der Stein der Weisen, aber der Stein der Wünsche in die Hände. Djinn kann da keiner drin sein, aber dennoch: berührt man diesen scheinbaren Allerwelts-Zitrin, werden Wünsche wahr. Jeder nur einen, bitteschön. Und nicht, ohne dafür auch etwas einzuzahlen. Das mag dann wohlüberlegt sein. Bei Einzelgängerin Diana Prince, die Jahrzehnte später immer noch ihrer Liebe aus dem Zweiten Weltkrieg nachtrauert, ist die Sehnsucht größer als die Akzeptanz der Wahrheit. Ihr Wunsch somit naheliegend. Bei der schusseligen Minerva spielt, wie bei so vielen anderen Antagonisten, Neid und Kränkung eine relevante Rolle. Auch hier: Sehnsucht tilgt Realitätsmanagement. Und als ob Heldin und Antiheldin nicht reichen würden, mischt Pedro Pascal noch mit. Der allerdings stiehlt locker beiden Damen – und nicht nur denen – im besten Wortsinn die Show. Als Mandalorian nur selten sichtbar, darf er hier als des „Fischers Frau“ Schritt für Schritt und mit schweissnasser Stirn seinem Größenwahn nachgeben. Ein Stein macht’s möglich.

Von der Düsternis aus Jenkins frühem Meisterwerk Monster ist in Wonder Woman 1984 wirklich überhaupt nichts mehr zu spüren. Die Figur der von Gal Gadot nach wie vor treffend verkörperten Schildmaid erlaubt auch gar nichts anderes als die Welt in ihrem formidabelsten Konjunktiv zu sehen. Man könnte auch unheilbar naiv dazu sagen, vom frommen Wunsch globaler Einsicht und Genügsamkeit vorangetrieben. Das macht das DC-Universum recht orientierungslos – einerseits so abgründig unrettbar wie bei Batman, und andererseits so simpel und aufgelegt lustig wie bei Wonder Woman (Shazam! würde dabei noch Händchen halten). Da prallen zwei Welten aufeinander: In der einen, also in jener, in der die Fledermaus und der Kryptonier zum Beispiel in ihrer Ambivalenz andauernd mit ihrer Biographie hadern müssen, passt die Exil-Amazone überhaupt nicht mehr hinein. Sie folgt lieber den Ideen einer uns allen bekannten Namensvetterin, nämlich Lady Diana, die als Gutmensch ohne Selbstzweck das Schwarzbuch der Menschheit um einige Seiten dünner gemacht hat. Nobel auch die Motivation hinter diesem Superhelden-Sequel, das aber gleichermaßen auch dazu einlädt, aufgrund seiner direkt unschuldigen Formelhaftigkeit menschlichen Verhaltens augenrollend belächelt zu werden.

Wonder Woman 1984 transportiert mit seiner teils redseligen und mit Schauwerten recht großzügig hinter dem Berg haltenden Stand-Alone-Episode moralphilosophisches Volksgut, dessen Lasso-Star man trotz oder gerade wegen dieses unzynischen Naja-Optimismus jedenfalls zu schätzen weiß. Und vielleicht, ja vielleicht verdanken wir Chris Pine ja noch die Rückkehr der 80er-Bauchtasche.

Wonder Woman 1984

Fast Color

NUR DIE SUMME SEINER TEILE

4/10


fast-color© 2021 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JULIA HART

CAST: GUGU MBATHA-RAW, LORRAINE TOUSSAINT, SANIYYA SIDNEY, DAVID STRATHAIRN, CHRISTOPHER DENHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Erst kürzlich feierte auf amazon prime der Retro-Krimi I’m Your Woman seine „Premiere“. Regie führte in diesem recht ansehnlichen Emanzipationstrip einer Gangsterbraut eine Dame namens Julia Hart. Ich habe dann natürlich nachgegoogelt und bin auf das eben frisch veröffentlichte Mysterydrama Fast Color gestoßen, mit der aparten Gugu Mbatha-Raw in der Hauptrolle (sehr sehenswert übrigens in Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution und nicht nur wegen ihres Aussehens). Der Trailer sah ja recht vielversprechend aus. Doch wie das bei Trailern manchmal so ist – können sie ihre Versprechen letzten Endes nicht halten. Julia Harts bereits 2018 abgedrehter Film ist einer jener Produktionen, bei denen man bereits in der ersten Minute weiß, wie es enden wird. Nimmt das dem Film die entsprechende Spannung? Oh ja, das tut es. Leider Gottes.

Gott hat in diesem Drama allerdings wenig mitzureden. Denn die übersinnlich begabte Mutantin hat’s ganz alleine drauf. Ruth, wie sich Mbatha-Raw nennt, bekommt ab und an Anfälle, bei denen sie zu zittern und zu scheppern beginnt wie ein Kluppensack, muss sich dann aber selbst am Bettgestell (falls eines vorhanden) festbinden, um nicht Schaden zu nehmen, und vergisst auch nicht, allen anderen in Hörweite zurufen: verkriecht euch unter den Tisch oder klemmt euch in den Türstock. Ruth bringt nämlich die Plattentektonik ins Wanken. Das ist mal eine Leistung, die gab’s bei den X-Men noch nicht (Magneto hätte das vielleicht geschafft, mit all dem Eisen im Boden). Dabei ist das nicht Ruths einziges Problem. Julia Hart stößt uns Zuseher nämlich direkt mitten ins Geschehen hinein, wir hängen uns also an den Kühler von Mbatha-Raws Fluchtauto, denn Polizei und Wissenschaft ist hinter ihr her. Wo sie selbst hinwill, wird bald klar: zurück zu ihrer Mum, denn dort lebt auch ihre Tochter. Und ja, bevor ich’s vergesse: Fast Color ist nicht nur ein „Superhelden“-Streifen, wenn man so will (wobei Superhelden stets das Image des anzuhimmelnden Weltenretters mit sich herumtragen), sondern auch eine düstere Zukunftsvision, in der das Grundwasser auf unserem Planeten so gut wie versiegt ist und Wasser so viel kostet wie ein Manhattan-Cocktail.

Na, kommt schon der erste Verdacht auf, wie das Ganze vielleicht enden könnte? Mit Fast Color hat Julia Hart nicht nur aufgrund ihres sehr locker gestrickten Scripts allzu stark durchscheinen lassen, was ihre Ambitionen sind. Auch sonst wirkt das Drama streckenweise sehr behäbig und hat zwischen dieser Behäbigkeit noch allerlei Längen drin, die ein namhafter Nebendarsteller wie David Strathairn (u. a. The Expanse) nur noch verschlimmert, weil dieser sich mehr als Statist genügt. Schön sind vielleicht die eingestreuten CGI-Effekte von Gegenständen, die sich in ihre Einzelteile auflösen, als hätte man sie durch die Kaffeemühle gedreht – das sind by the way die Skills der übrigen Family, denn Mutationen sind schließlich vererbbar.

Fast Color

I Care a Lot

DAS GELD ÄLTERER LEUTE

8/10


icarealot© 2021 Photo Cr. Seacia Pavao / Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: J BLAKESON

CAST: ROSAMUNDE PIKE, EIZA GONZÁLES, PETER DINKLAGE, DIANNE WIEST, CHRIS MESSINA, ISIAH WHITLOCK JR. U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


In Österreich ist der Pflegeregress – das Finanzieren von Pflege aus privatem Vermögen – seit Anfang 2018 abgeschafft. Na, Gott sei Dank für die Angehörigen und Nachkommen. Und Gott sei Dank natürlich für die Betroffenen. Etwas zu besitzen macht schon auch etwas mit dem Selbstbewusstsein. Vom Ende des Pflegeregress hat die toughe Marla Grayson allerdings noch nichts vernommen. Keine Ahnung wie das in anderen Ländern gehandhabt wird. Bei Marla Grayson jedenfalls bläht sich die Brieftasche dank sozialer Scheinliebe bis zum Äußersten. Denn sobald gerichtlich verfügt wird, dass hilfsbedürftige Senioren unter Graysons Kuratel gestellt werden müssen, sie noch dazu Heim und Hof verlieren und nicht mehr als zu melkendes Gemüse sind, wird der ganze Besitz veräußert. Nachlass für andere zu Lebzeiten sozusagen. Ein Vorgehen, fern jeder Ethik. Aber wer braucht schon Ethik in Zeiten von Konzerndenken und dem lukrativen Gewinn aus dem Schaden anderer? Du musst ein Schwein sein in dieser Welt, das sangen schon die Prinzen. Und recht haben sie damit. Allerdings übersehen sie, dass ein Leben auf Kosten anderer irgendwann auf holprigen Pfaden endet. Denn mit der Enteignung und Einweisung der betagten, aber geistig noch völlig fitten Jennifer Peterson (Dianne Wiest) tritt sich Marla Grayson einen Haufen Schwierigkeiten ein, mitunter den finsteren Burschen Peter Dinklage, der, was keiner weiß, Jennifer Petersens Sohnemann ist und sich ernsthaft fragt, warum Mutti sich nicht meldet.

Regisseur und Autor J. Blakeson (u. a. Die Entführung der Alice Creed, Die 5. Welle) hat mit seiner schwarzen Thrillersatire I Care a Lot verdammt vieles richtig gemacht und Netflix zu einem sehenswerten Stück Zeit- und Gesellschaftskritik verholfen, das sich überdies streckenweise zu einem sauspannenden Schachspiel zwischen Rosamunde Pike und dem alten Tyrion Lennister mit Rauschebart und Hipster-Scheitel aufbäumt, den man auch spätnachts ansehen kann, ohne dabei müde zu werden. I Care a Lot ist ein Film, der fesselt, und nicht nur zynisch sein will, weil medialer Zynismus den intellektuellen Kritiker hofiert. In diesem Zynismus liegt eine komödiantisch verzerrte Wahrheit, was die Gier einiger weniger betrifft, die sich zur fröhlichen Oligarchie zusammenschließen, um das Fußvolk, das gar nicht weiß, wie ihm geschieht, auszunehmen. Man möchte diese eiskalte, berechnende und scharfsinnige Figur der Marla Grayson, die das Kaliber einer mörderischen Sharon Stone in ihren besten Zeiten erreicht, ohne dabei mit plumpen Kapitalverbrechen anzugeben, am liebsten hassen. Doch das kann man nicht, weil Rosamunde Pike einfach zu begnadet agiert, um sich von ihr abzuwenden. Pike, längst eine meiner großen Favoriten im Filmbiz, ist eine strahlende, makellose Erscheinung und gleichsam so perfide wie eine Renaissance-Regentin, die ihre Widersacher beseitigt, nämlich so, dass es keiner merkt. Pike gibt sich die Frauenpower auf der Schattenseite, da geht selbst einem ebenso versierten Peter Dinklage irgendwann die Eloquenz aus. Und man selbst bleibt sprachlos bei so viel Kälte und Gleichgültigkeit dem Humanismus gegenüber, und man könnte sich auch denken, manch ein Mensch ist ein tigerartiger Einzelgänger, der soziales Miteinander als schier überbewertet empfindet.

J Blakeson folgt seinem erdachten Konzept des amoralischen Duells mit einigen Kompromissen, um zum notwendigen Ziel zu gelangen. Das merkt man leider, da sind in Sachen Plausibilität manchmal schwächelnde Wendungen drin, die aber das Gesamtbild nur geringfügig durcheinanderbringen. Doch vielleicht ist dieses Schwächeln auch Teil des Plans, um den Konkurrenten zu umschleichen, ohne ihn ernsthaft um die Ecke bringen zu wollen? Löwen und Lämmer werden hier des Öfteren als Gleichnis bemüht – zu welcher Fraktion Rosamunde Pike gehört, wird wenig überraschend schnell klar. Wenig klar bleibt, wohin sich dieses toughe Lust- und Frustspiel wohl hinentwickeln wird, was den Film angenehm unberechenbar macht. Und der so sagenhaft gut unterhält wie den Erbschleicher das notarielle Verlesen eines üppigen Testaments. Zu Lebzeiten, versteht sich.

I Care a Lot

Neues aus der Welt

DIE LAGE DER NATION

7/10


neuesausderwelt© 2021 Bruce W. Talamon/Universal Pictures/Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: PAUL GREENGRASS

CAST: TOM HANKS, HELENA ZENGEL, ELIZABETH MARVEL, RAY MCKINNON, BILL CAMP, MARE WINNINGHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Auf diesen Film hatte ich schon gewartet, als im Herbst letzten Jahres der erste Trailer zu sehen war. Damals hieß es noch, diesen Western will man garantiert auf die große Leinwand bringen. Wo er, nach Sichtung, natürlich auch hingehört hätte. Herrliche Landschaftsaufnahmen in spätnachmittäglichem Licht, Indianer im Sandsturm (was für Bilder!), ausgesuchte und üppig ausgestatteter Naturalismus des kleinstädtischen Lebens quer durch die Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg. Aber gut, bei einem Western ist die Bildgewalt meist mit von der Partie. Viel eher der Grund dafür, diesen Film auf meine Watchlist gesetzt zu haben, war wohl die Überraschung, Systemsprenger Helena Zengel am Kutschbock neben Filmstar Tom Hanks zu sehen. Nora Fingscheidts Psychodrama rund um ein schwer erziehbares, aggressives Mädchen hat der Schauspielerin ja schon den Deutschen Filmpreis beschert. Das natürlich völlig zu Recht, da man ihr wütendes Gebaren nicht so schnell wieder vergisst. Diese Performance konnte selbst Paul Greengrass nicht übersehen – solche Rollen sind selten und solche Filme machen dann auch quer über den Globus von sich reden. Also dauerte es womöglich nicht sehr lange, bis Helena Hand in Hand mit dem zweifachen Oscarpreisträger durch die Wildnis stiefelte. Das passt doch, oder? Und wie das passt. Man nennt das auch: einen Draht zueinander haben. Greengrass fängt diesen glücklichen Umstand in seinem elegischen, teils sehr ruhigen Roadmovie genüsslich ein.

Dabei ist der Stoff des Western im Grunde der, den wir auch schon aus Disneys The Mandalorian kennen: ein Reisender findet ein besonderes Kind und will es seiner Bestimmung zuführen, während andere ihm auf den Fersen sind. Nur: Tom Hanks ist kein Kopfgeldjäger (würde er nie spielen), sondern – wenn man so will – der Larry King des 19. Jahrhunderts. Einer, der von Ort zu Ort tingelt und dem leseschwachen Volk die Nachrichten rezitiert. Neues aus der Welt eben, und alles im Rahmen einer Bühnenshow. Wie es das Schicksal so will, stößt er auf der Durchreise auf eine verunglückte Kutsche samt juvenilem Passagier. Rätselhaft: Das Kind spricht ausschließlich die Sprache der Kiowa und trägt deren Kleidung. Am besten wird sein, Captain Kidd – so Tom Hanks Charakter – bringt das heimatlose Wesen zu seinen Verwandten in den Süden.

Helena Zengel darf auch hier wieder ausrasten. Natürlich nicht so extrem wie in ihrem Debütfilm, aber die eine oder andere Widerborstigkeit kostet Hanks und Co durchaus einige Nerven. Und es sind nicht diese Ausraster, die vom enormen Talent des Mädchens überzeugen sollen – es sind die stillen Momente. Es ist Helena Zengels erfrischend ungefälliges Auftreten. Da war wohl auch Tom Hanks fasziniert, denn als Captain Kidd kann er das Kind selten aus den Augen lassen. Das Duo ergänzt sich prächtig, und die ruhigen Momente am Lagerfeuer oder am Kutschbock verraten eine solide Verbundenheit. Andererseits: an Hanks staubiges Sakko würde ich mich aber auch lehnen wollen. Der Mann ist wahrlich der gute Mensch Hollywoods – ein Humanist vor der Kamera, stets nach bestem Wissen und Gewissen handelnd. Mit sich hadernd, an sich zweifelnd, das wohl immer. Aber stets das Rechtschaffene verkörpernd, andere errettend, für andere sorgend, auch wenn’s für die eigene Achtung kaum mehr reicht. Das schafft Hanks wieder bravourös – er liefert, was man von ihm erwartet, und Helena Zengel kitzelt dabei noch mehr von dieser sinnenden Selbstlosigkeit aus ihm heraus.

Mag Neues aus der Welt noch so elegisch, vielleicht gar vorhersehbar oder plätschernd sein, mag das Genre des Westerns einen neuen Grad der späten Erschöpfung erreicht haben: Helena Zengel als Bindeglied zwischen den Fronten, als Heimatlose in einer Zeit voll posttraumatischen Vakuums begleitet den Seher durch ein weites Land, das gerade erst beginnt, sich neu zu orientieren. Greengrass Film ist also viel mehr Zeitbild als ein klassisches Genreabenteuer mit Blei, Saloon und Pferdemist. Eine Reportage voller neuer Nachrichten, in denen die alten keines Blickes mehr wert sind.

Neues aus der Welt

Wir beide

GELIEBTE NACHBARIN

7,5/10


wirbeide© 2020 Paprika Films


LAND / JAHR: FRANKREICH, LUXEMBURG, BELGIEN 2019

REGIE: FILIPPO MENEGHETTI

CAST: BARBARA SUKOWA, MARTINE CHEVALLIER, LÉA DUCKER, MURIEL BÉNAZÉRAF, JÉRÔME VARANFRAIn U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Auch dieser Film steht auf der Shortlist zu den Oscars für den besten fremdsprachigen Film 2021. Und das völlig zu Recht. Allerdings nicht in erster Linie, weil das Liebesdrama Wir beide gleich zwei Tabuthemen auf einmal thematisiert. Sondern weil ein Stoff wie dieser so selten ohne übertriebene Sentimentalitäten auskommt – hier aber Regiedebütant Filippo Meneghetti eine Möglichkeit gefunden hat, auf geradezu erfrischende Weise von einer Liebe zu erzählen, die an gesellschaftlichem Normdenken gerade bei der jüngeren Generation beinahe gescheitert wäre.

Dabei haben die beiden reiferen Damen – die eine gleichzeitig Oma und Witwe, die andere nonkonforme Lebenskünstlerin – alles was sie brauchen würden, nämlich sich und rosige Aussichten für die Zukunft, da der Traum, gemeinsam nach Rom zu ziehen, kurz davor steht, verwirklicht zu werden. Ein einziges Problem gibt es jedoch noch, das noch aus dem Weg zu räumen wäre: Oma Madeleine muss endlich den Mut aufbringen, ihre Sippschaft zu verklickern, dass sie in einer glücklichen Beziehung mit Nina weilt. Alleine der Umstand, auf ihre alten Tage zu ihrer sexuellen Identität zu stehen, scheint schon unmöglich zu sein, wenn Madeleine nur daran denkt. Der Sohn ist ein zynischer Grantler, und die Tochter glaubt immer noch, dass Mama und Papa damals aus Liebe geheiratet hätten. Bei all den Troubles passiert etwas, dass alles über den Haufen wirft. Madeleine erleidet einen Schlaganfall. Und niemand weiß, dass Nina im Grunde ihre Partnerin ist und eigentlich das Recht hätte, sich um ihren Lebensmenschen zu kümmern.

Das Script zu diesem auf den ersten Blick vielleicht eher konventionell scheinenden Drama überrascht und ist umso cleverer konstruiert, da man erstmal nicht ahnt, welche Schwierigkeiten entstehen können, wenn das Outing zu spät kommt. Klar, in Liebesdingen geht niemanden Dritten auch nur irgendwie an, was Sache ist. Zählen die Beteiligten allerdings nicht mehr zum jungen Eisen, könnte der Nachwuchs mehr mitzureden haben, als den Beteiligten lieb wäre. All diesen aufreibenden Hürden, die plötzlich aufpoppen, nachdem Madeleine ihre Selbstständigkeit verloren hat und plötzlich auf Hilfe von außen angewiesen ist, begegnet eine großartig aufspielende Barbara Sukowa in einer ihrer besten Rollen mit Argwohn und kämpferischer Jugendlichkeit. Martine Chevallier hingegen spielt die zu Beschützende fein nuanciert und mit einem Repertoire an sehnsüchtigen Blicken. Wie die beiden Frauen füreinander kämpfen, wie sehr sie sich brauchen und was sie überwinden, um zusammen zu sein, sind fast schon Shakespear´sche Liebeswirren für eine entsexualisierte Generation, die aber genauso queer sein kann wie jene, die bei den Regenbogenparaden auf die Straße geht.

Wir beide ist jedenfalls eine der besten Liebesfilme der letzten Zeit – authentisch, poetisch und mit augenzwinkerndem Humor.

Wir beide

I’m No Longer Here

ICH TANZE, ALSO BIN ICH

7/10 


imnolongerhere© 2020 Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO, USA 2020

REGIE: FERNANDO FRÍAS DE LA PARRA

CAST: JUAN DANIEL GARCÍA TREVIÑO, XUEMING ANGELINA CHEN, RODÍO MONSERRAT RÍOS HERNÁNDEZ, LEONARDO ERNESTO GARZA ÁVILA U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Übergroße Hosen, weites Gewand, locker und verkehrt aufs Haupt platzierte Schirmkappen und meist ein Haarschnitt, zumindest bei den Jungs, der, würde ich es nicht selbst sehen, mir nicht mal im Traum einfallen würde. Will heißen: hinten kahlgeschoren, das Schläfenhaar bis zum Kinn, und der zottelige Busch, der noch übrig ist, wird hochgefestigt bis zum Hahnenkamm. Verrückt, natürlich gewöhnungsbedürftig – aber auch unübersehbar. So und nicht anders muss man sich als Bursch in Schale werfen, wenn man zu den Terkos gehören will. Das ist nichts Kriminelles, ganz im Gegenteil. Terkos zu sein bedeutet, sich voll und ganz der Musikrichtung des Cumbia zu verschreiben, und den zugehörigen Tanz bereits im Vorschulalter erlernt zu haben. Der Cumbia kommt übrigens aus Kolumbien, nur so nebenbei.

Jede andere Musik wäre für Ulises eine Zumutung. Der Teenager ist stolz, Anführer dieser Gruppe zu sein. Was andere Gruppen mit Argwohn betrachten. Bis es zur Auseinandersetzung kommt – und Ulises aus Mexiko fließen muss, sofern ihm sein Leben lieb ist. Mit einem Schlepper geht’s in die USA, dort landet er in New York. Ziellos, allein – und nur mit seinen Cumbia-Rhythmen auf seinem tragbaren Player, das wichtigste Utensil, um noch er selbst zu bleiben.

I’am No Longer Here steht auf der Shortlist für den Fremdsprachen-Oscar 2021. Mancherorts liest man auch, der mexikanische Streifen wäre schon fix nominiert. Das Portrait eines Flüchtlings ist auf jeden Fall mal ein Film, bei dem man einiges dazulernt. Cumbia-Musik? Kannte ich bislang nicht. Die mexikanische Subkultur? Ebenso wenig. Wie es ist, sich selbst verleugnen zu müssen? Auch das lässt sich fast dokumentarisch beobachten. Der unaufgeregte, in klarem Neorealismus gedrehte Film hätte zur sozialen Tristesse mutieren können. Jedoch nichts dergleichen ist passiert. Sein Protagonist Ulises ist eine stolze Person. So wie der ganze Film. Stolz, ein bisschen trotzig, niemals aber weinerlich. Ulises ist einer, der das Glück hatte, seine Identität gefunden zu haben. Anfangs trägt ihn diese Identität noch durch die Wirren dieser neuen Welt. Für Selbstmitleid wäre da kein Platz. Und dann zeigt Regisseur Fernando Frías de la Parra, der diesen Film noch dazu geschrieben und produziert hat, wie es sich anfühlt, wenn man feststellt, dass man in der Fremde mit Identität nicht mehr weiterkommt. So eine Flucht ist also nichts, was an einem entspannten Sonntagnachmittag beim Kaffee auf die To Do-Liste kommt, um den monotonen Alltag abenteuerlicher zu gestalten. Es ist einfach nur die pure Not.

I’m No Longer Here ist kein Tanzfilm, auch kein folkloristisches Ethnokino. Wie eine Reise ist dieser Film aber dennoch zu sehen, eine, die in mehrere Richtungen führt, die zur Umkehr zwingt und Abschiede unterschiedlich wahrnimmt. Die vor allem bewusst macht, wie wichtig das etablierte soziale Ökosystem eines einzelnen ist, um als Mensch seine Rechte wahrnehmen zu können. All das beginnt mit Finden, Halten und Behalten der Identität. Diese zu verlieren gleicht einer humanitären Katastrophe. Aber manchmal – und leider viel zu oft – geht es nicht anders.

I’m No Longer Here

Wendy

VON DER ANGST, ERWACHSEN ZU WERDEN

6/10


wendy© 2020 The Walt Disney Company 


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: BENH ZEITLIN

CAST: DEVIN FRANCE, YASHUA MACK, GAGE NAQUIN, GAVIN NAQUIN, AHMED CAGE, KRYSZTOF MEYN, LOWELL LANDES, SHAY WALKER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Alt werden ist die einzige Möglichkeit, länger zu leben, so Johann Nestroy. Dieses Zitat prangt übrigens in metallenen Lettern unübersehbar auf der Fassade des unweit meiner Heimstatt gelegenen Pensionistenheims. Als Zusatz ließe sich noch hinzufügen: Alt werden heißt aber nicht, sich von seinem inneren Kind verabschieden zu müssen. Nur weil man alt aussieht, muss nicht alles vergessen sein, wofür man als Dreikäsehoch geträumt hat. J. M. Barrie, der Autor und Schöpfer von Peter Pan, hat sein Nimmerland als einen Ort gesehen, an dem sich das innere Kind vom eigentlichen Individuum, dass womöglich irgendwo in einer ungreifbaren Zwischenwelt vor sich hin döst, loslösen kann. Peter Pan, der wurde ja niemals mehr alt, es sei denn er würde Nimmerland verlassen und bseinen alten Körper zurückbekommen. Das hat Robin Williams selig unter Steven Spielbergs Regie ja schon erleben müssen. Das erlebt in dieser enorm freien Interpretation des literarischen Stoffes auch das Mädchen Wendy, das über einem von Mama geführten Bahnhofsdiner irgendwo in Florida wohnt und an welcher das Leben in vollen Zügen vorbeirattert. Bis sie eines Nachts jemanden sichtet, der auf den Waggondächern hin- und herläuft. Es ist – wir können es uns denken – ein Junge namens Peter, der Wendy mitnimmt auf eine Insel, auf der – auch das wird bald klar – nimmerländische Zustände herrschen, scheinbar niemand alt wird und die Kids tun und lassen können, was sie wollen. Ein Paradies! Endlich fei von elterlichen Zwängen. Endlich frei von Erziehung. Aber ist das wirklich genau das, wonach Kinder streben wollen?

Benh Zeitlin, längst berühmt für sein metaphysisches Kinderdrama Beasts of the Southern Wild, geht mit Wendy erneut auf Spurensuche nach den Essenzen juvenilen Selbstbewusstseins, betritt dabei phantasmagorische Gefühlswelten mit versinnbildlichten Kreaturen und stellt Zeit und Raum auf den Kopf. Gedreht auf den Karibikinsel Antigua, Montserrat und Barbados, entlässt der Film sein Publikum in tropische Gefilde und schwelgt in majestätischen Aufnahmen von Montserrats Vulkan Souffrière Hills. Ein bisschen allerdings schwelgt Benh Zeitlin zu viel des Guten – pittoresker Leerlauf entsteht. Das Schwelgen beginnt dabei schon, als das Mädchen im Grunde noch überhaupt keine Sehnsucht nach ihrer Kindheit haben muss, weil sie mittendrin in selbiger steckt. Dennoch lässt Zeitlins Drehbuch besagtes Mädchen Dinge vermissen, die nur ältere vermissen. Schwer lässt sich vorstellen, dass Wendy und ihren beiden Brüdern irgendetwas fehlt, um Kind sein zu dürfen. Dieser Widerspruch sorgt für leichte Dissonanzen. Auch ist die kindliche Kraft der Imagination in diesem Film von zu vielen äußerlichen Faktoren abhängig, lässt diese zerbrechlich erscheinen und nicht so autark wie in jenen Filmen, in denen eine entbehrliche Realität ganze phantastische Welten in den Kindern entfachen kann, wie in Pans Labyrinth, I Kill Giants oder Wo die wilden Kerle wohnen.

Mit letzterem lässt sich Wendy durchaus vergleichen. Auch Spike Jonzes Verfilmung des Kinderbuchs von Maurice Sendak schwelgt zur Genüge, hat auch eine ähnliche Bildsprache, lässt aber einer verblüffenden Fantasie die Ordnungsgewalt. Benh Zeitlin tut das nicht. Sein Peter Pan-Mythos ist ein Abgesang. Die Fantasie ist keine kindliche Projektion, sondern eine Enklave irgendwo außerhalb, die anderen Gesetzen unterliegt. Der junge Darsteller Yoshua Mack wirkt in seiner Rolle als Anführer der Schar relativ unglücklich wirkender Kinder am verlorensten. Wendy, die bald begreift, dass es ohne Erwachsenwerden nicht geht, bekommt nicht umsonst den Titel für diesen Film zugesprochen. Sie ist die, die irgendwann checkt, wo´s eigentlich lang gehen muss.

Wendy