Backrooms (2026)

NIMMERLANDS PIRATEN ODER:
VON MAUERN UND IHREM DAHINTER

7,5/10


Chiwetel Ejiofor auf Erkundungstour in den Backrooms
© 2026 Courtesy of A24/Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KANE PARSONS

DREHBUCH: ROBERTO PATINO, WILL SOODIK

KAMERA: JEREMY COX

CAST: CHIWETEL EJIOFOR, RENATE REINSVE, MARK DUPLASS, FINN BENNETT, LUKITA MAXWELL, AVAN JOGIA, KRISTA KOSONEN, ROBERT BOBROCZKYI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



„Folge dem Kaninchen!“ So heisst in Lewis Carrols psychologischem Sinnbild Alice im Wunderland, einer viktorianischen Coming-of-Age Geschichte, die das Innere eines Mädchens nach außen kehrt. Wir wissen alle: Alice taucht ein in eine Welt, für die seltsame Verfremdung der Realität ein Hilfsausdruck ist, die ihr aber insofern vertraut vorkommt, da sich Zustände manifestieren, die sich als ihre eigenen erkennen lassen.

Rabattaktion auf Reisen ins Ich!

Diese Psychofantastik hat sich mehrere Jahrzehnte später an die Gegebenheiten der Gegenwart angepasst. Kein Kaninchen mehr, kein Hutmacher, keine Spielkartenarmeen und kein Jabberwocky. Willkommen im Zeitalter des Kapitalismus, der Konzerne und der Anonymisierung des eigenen Ichs. Da hinein ist Kane Parsons geboren. In eine Welt, die kaum mehr weiße Flecken aufweist, die bis auf wenige Inseln und Täler als erschlossen gilt, wo niemand mehr auf Entdeckungsreise geht wie anno dazumal Columbus, Humboldt oder James Cook.

Die Idee von der Welt in der Welt

Beides, das Mysterium der Reise ins eigene Ich und der Drang, hinter das bereits Entdeckte zu blicken, um selbst noch mal Entdecker zu werden, lässt das Multidimensionale des Marvel-Universums genauso reifen wie die Grundidee der Gebrüder Duffer und ihren Stranger Things, die das Upside Down geschaffen haben – eine Welt, die später als manifestierte Kopfgeburt eines Psychopathen analysiert werden wird – und die reale Welt mit dieser verwaschenen Kopie ihrer selbst zeitgleich und ineinander existieren lässt.

Das Verständnis der Räumlichkeit wird dabei ausgehebelt – ob die Zeit selbst dabei verzerrt wird, mag man noch hinterfragen, denn klar ist: Zeit und Raum können nicht unabhängig voneinander existieren. Das Erfassen des Raumes ergibt sich durch die Kenntnis der Zeit, die man braucht, um ihn zu durchqueren – um es ganz simpel auszudrücken.

Betretbare Geisteszustände oder: Irgend etwas stimmt hier nicht

Kane Parsons war gerade mal elf, als der Netflix-Hype Stranger Things vom hauseigenen Bildschirm waberte. Die Idee der verkehrten Realität oder einer verzerrten Ausgeburt einer selbigen könnte aus diesem Fernseherlebnis entstanden sein, vielleicht aber auch aus dem Lesen von Stanislav Lems Solaris – und der Begeisterung für einen ganz großen Kino-Surrealisten: David Lynch.

Wenn jemand etwas mit Räumen zu tun hat, die in Zwischenwelten und einerseits in der Realität und auch wieder nicht existieren, dann ist das dieses in die Filmgeschichte eingegangene Mastermind, das mit Twin Peaks und seinen als White und Black Lodge bezeichneten Welten aus Schachbrettböden und roten Vorhängen auch Eulen nicht mehr sein ließ, was sie schienen. In ihnen tanzen Zwerge und sprechen rückwärts, ein gealterter FBI Agent Cooper sitzt in einem roten Fauteuil, auch Laura Palmer schreit sich dort die Seele aus dem Leib. All das erscheint vertraut und doch verkehrt, mit diesem Knick der Realität und dem Gefühl, irgend etwas – und tatsächlich ist dieses Etwas enorm – stimmt hier nicht.

Im Großraumbüro von Agent Cooper als Lost Place

Dabei wäre die Bezeichnung fürs Lynchs Expeditionen in Dimensionen dahinter als Traumwelten zu schwach. Sie sind mehr als das. Sie hegen schließlich die Vermutung, dass diese aus Raum und Zeit losgelösten Hirn-Welten als Makro-Welten tatsächlich, und zwar auf Quantenebene, existieren könnten.

Womit wir eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen, nun endlich auch Parsons Backrooms begreifen zu können. Denn die sind wie Lynchs Welten eine verfremdete vertraute Realität, die wie billige Kopien wirken, die eine eigene Mathematik schaffen – die der leeren Quader. Sie geben sich voll und ganz einer der Natur inhärenten Geometrie hin – ganz in Gelb.

Dieses Gelb alleine wirkt schon toxisch, doch je tiefer Chiwetel Ejiofor als Protagonist Clark in diese Welt eindringt, die als materialisiertes Ich auch für andere zugänglich scheint und eben nicht nur für sich selbst, je variabler wird das alles. Je tiefer und weiter es also in diese Backrooms hineingeht, desto gefährlicher, schmutziger und dunkler werden sie.

Jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen Hund gesehen hat

Es drängt sich der Vergleich auf, dass Backrooms vom Unterbewusstsein handelt. Was denn sonst? Das Unterbewusste existiert, als gebrochener Spiegel der Realität. Was für eine Freud(e), diese Ordnung der uns gewohnten Dreidimensionalität aufzuheben. Diesen Spaß hatte sich schon Zeichner M. C. Escher gemacht, in dem er seine unmöglichen Architekturen auf Papier brachte, in dem er die Möbius-Schleife einfach weitergeführt hat.

Auch die Backrooms sind unendlich, einen kleinen Hinweis gibt Parsons mit einem Filmzitat aus Die unendliche Geschichte. Auch hier wieder: Eine rein aus der eigenen Fantasie erzeugte Welt. Somit ist Backrooms mit seiner Prämisse längst nicht neu. Nur zeitgemäßer, weniger märchenhaft. Weniger bombastisch wie bei den Duffer-Brüdern. Sondern psychoanalytischer, essentieller. Direkt an den Molekülen andockend.

Ein Hype, ganz für sich allein

Diese Idee wurde 2019 zum Hype, dieser Hype zu einer der wuchtigsten Creepypastas im Internet. Und natürlich muss das Studio A24 hier aufspringen und ganz in seinem Sinne diese faszinierende Welt, die , wenn man sich lange genug damit beschäftigt, in ihrer Unlogik vorne und hinten völlig logisch erscheint, auf die Leinwand bringen.

Junge Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren stürmen also die Kinos sogar an heißen Sommertagen. Die Frage, ob Parsons Regiedebüt gelungen ist oder missglückt, stellt sich gar nicht. Sein Film genügt sich in seiner Prämisse völlig selbst, braucht da weder Feedback noch ein Qualitätssiegel. Das dieses Sich-selbst-Genügen genau das ist, was an dieser Sache so fasziniert, ist das Schöne daran.

Es bellt der andalusische Hund

Doch auch wenn man Backrooms bewerten will: Parsons überlässt den Kinofilm zu seiner Youtube-Legende nicht ganz dem Zufall. Und womöglich weiß er selbst nicht so genau, wen er da glücklich macht mit seinem Werk. David Lynch hätte es gefallen, er würde seine Wesenheiten als elegante Hommage wiederfinden, ohne sie benutzt zu sehen.

Gehen wir noch weiter in der Zeit zurück, würde Luis Buñuel sich darin bestätigt sehen, dass Einrichtung nicht mehr ist als der symbolische Platzhalter für das belastende Materielle, für die Schwere der Existenz. Wer je Buñuels Der andalusische Hund gesehen hat, wird bei all dem Gerümpel in dieser Backrooms-Dimension ein verwandtes Motiv erkennen, nämlich jenen Mann, der beim Durchqueren eines Zimmers einen ganzen Bulk an Möbel hinter sich herzieht. Renate Reinsve gibt Antwort: Von Jeremy Cox genial gefilmt, probt sie derweil die Flucht durch einen Sofa-Parkour.

Als Dokumentation wird alles nur noch gruseliger

Backrooms ist somit die aktuellste Antwort auf ein vernachlässigtes Filmgenre – und überhaupt auf einen vernachlässigten und sehr oft als reiner Dekor fehlinterpretierte Stil: Den Surrealismus. Parsons versteht, worum es dabei geht. Womöglich versteht er es wie sonst kaum jemand, der sich nach David Lynch daran versucht hat.

Parsons wird zum Spezialisten, der es sich aber nicht nehmen lässt, seinen Vorbildern sichtbar für alle zu huldigen. Und dazu gehört neben bereits erwähntem auch The Blair Witch Project – ohne Found Footage-Horror wäre Backrooms nur das halbe Zimmer. Der Wille zum Erforschen und Erlangen von Erkenntnis hat schon in den Neunzigern die Hexenjäger im Wald auflaufen lassen: Jetzt opfern sich bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, um der Wahrheit auf den Leib zu rücken.

Erklär‘ mir Schrödingers Gesichter

Den Horror-Regeln unterwirft sich Backrooms nur bedingt, nur solange es seinen Reminiszenzen dient. Dass er sich dabei komplett dem psychologischen – oder gar psychotherapeutischen– Aspekt unterwirft, dem will er, den Duffer-Brüdern gleich, mit der Möglichkeit eines profanen, aber immer noch rätselhaften Mysteriums entgegenwirken. Das beschert ihm eine gewisse Balance und entzieht ihm damit den Vorwurf, in irgendein Geschwurble abzudriften.

Backrooms ist verankert und gleichzeitig auch losgelöst. Und schafft obendrein, seit dem SW-Independentfilm Fremont, eines der irrsten und schönsten Schlussbilder zugleich, das im Quantengedächtnis eines Malers wie Francis Bacon, der mit seinen multiplen Gesichtern immer schon verstört hat, verankert bleibt.

Dafür alleine ist Parsons Film schon sehenswert, neben all den Details, die wie eine gebührenfreie Spielwiese für jene Enthusiasten anmutet, die in ihrem Kopf genug Abenteuer für ein ganzes Leben finden – und manchmal sonst nichts brauchen.

Backrooms (2026)

If I Had Legs, I’d Kick You (2025)

AM EREIGNISHORIZONT DER FÜRSORGE

5/10


Rose Byrne in If I Had Legs I'd Kick You
© 2025 A24 Films


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: MARY BRONSTEIN

KAMERA: CHRISTOPHER MESSINA

CAST: ROSE BYRNE, A$AP ROCKY, CONAN O’BRIEN, DANIELLE MCDONALD, CHRISTIAN SLATER, IVY WOLK, LARK WHITE, DANIEL ZOLGHADRI, DELANEY QUINN U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Die Abwesenheit von Personen

Das erste, was mir in Emily Bonsteins Psychotrip unangenehm auffällt, ist die Abwesenheit des Kindes. Und das, obwohl es relativ häufig Teil der Handlung ist. Die Abwesenheit von etwas in If I Had Legs I‘d Kick You treibt nicht nur Rose Byrne dem Abgrund näher, sondern auch mich in eine gewisse Dissonanz. Was Bronstein vorhat, ist so stur wie provokant: Das Kind selbst ist immer nur indirekt zu sehen, man hört es reden, weinen, schreien, toben.

Enervierend wird es, wenn Lindas Tochter spricht, wenn sich Linda selbst mit ihr unterhält. Selbst da rückt Christopher Messina mit seiner Kamera keinen Zentimeter von Rose Byrnes Gesicht weg, sondern hält stoisch drauf, rückt dabei noch näher, lässt das Gesicht sogar zu einer Art abstrakter Landschaft werden. Doch sie ist es nicht, die ich in diesem Moment sehen will.

Unbekanntes Leiden

Viel lieber aber würde ich dieses Mädchen sehen. Anscheinend ist es krank – auch hier hält sich Bronstein mit Informationen zurück. Zumindest wird klar: Das Leiden verlangt künstliche Ernährung, die über eine Magensonde verabreicht wird. Daher muss Mama Linda auf Schritt und Tritt bei ihrer Tochter bleiben. Wieder ein Faktor, der seltsam irritiert. Warum so ein Geheimnis um das Kind? Und weshalb muss Rose Byrne so dermaßen formatfüllend die Leinwand sprengen?

Ereignishorizonte des Alltags

Als Planet Mama kann es schnell passieren, und der Care-Arbeit leistende Himmelskörper, der durch den Alltag rotiert, wird über den Ereignishorizont eines Wasserrohrbruchs hinweg in ein schwarzes Loch gezogen, das sich an der Decke in der Wohnung manifestiert hat und diese zur Zeit unbewohnbar macht. Linda und ihr Kind hausen in einem Motel, der Papa existiert zwar auch, trägt aber auch das Stigma der Abwesenheit mit sich herum, schließlich ist er Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes – wenigstens das weiß man, wenn schon sonst nichts.

Rose Byrnes „Planet Mama“ gerät aus der Umlaufbahn. Als Psychotherapeutin macht sie einen miesen Job, und wenn sie den mal nicht macht, liegt sie am Sofa ihres Kollegen (Conan O’Brien, der Oscar-Host) oder geistert in der unbewohnbaren Wohnung herum, um sich von der Gravitation des Abgrunds anziehen zu lassen. Der funkelt und die Lichter tanzen, wie in einem Traum.

Albtraum einer „Rabenmutter“?

Womit wir Emily Bronsteins Film am ehesten fassen können: mit der Mechanik des Traumes. Surreale Elemente vermengen sich mit einem getriebenen Alltag, der aber auch nicht apokalyptischer scheint wie viele andere auch, wie vielleicht manchmal der eigene. Das Stigma des Versagens kann sich damit aber ausreichend nähren und scheint Rose Byrne vom Zustand des Bedauerns bis zur instinktiven Flucht zu begleiten. Das Kind ist immer noch nicht greifbar, der oscarnominierte Star immer noch formatfüllend, und irgendwann taucht auch Christian Slater auf, den wir sonst nur zu hören bekommen.

Viel Lamento um recht wenig

If I Had Legs, I‘d Kick You – ein Filmtitel, der keinen Sinn ergibt, denn die Phrase hat sich Bronstein in ihren Teenagerjahren ausgedacht – ist ein unrundes Werk, das aufreibt, Unruhe hinterlässt und ihre Protagonistin vorschnell an die Grenze der Resilienz gehen lässt.

Die Mutterrolle selbst wird, so wie in Nightbitch oder Nightborn, nicht hinterfragt oder neu definiert. Gesellschaftliche Isolation ist auch nicht das Thema. Versagensängste, die auch Danielle McDonald in einer Nebenrolle umtreiben und die als einzige den Zustand Byrnes insofern reflektiert, dass man diese Figur besser fassen kann, führen zu einem artifiziell aufgeblasenen und seltsam trotzigen Problemfilm, der sich selbst ausreichend gut gefällt.

If I Had Legs, I’d Kick You (2025)

Perla (2025)

PLEASE LOOK BACK IN ANGER

7/10


Rebeka Poláková als Perla im gleichnamigen Film© 2025 Stadtkino Filmverleih 


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SLOWAKEI 2025

REGIE / DREHBUCH: ALEXANDRA MAKAROVÁ

KAMERA: GEORG WEISS

CAST: REBEKA POLÁKOVÁ, SIMON SCHWARZ, NOËL CZUCZOR, CARMEN DIEGO, HILDE DALIK, GRAZYNA DYLAG, IVAN ROMANČIK, ZUZANA KONEČNÁ, INGRID TIMKOVÁ U. A.

LÄNGE:  STD 30 MIN



Should I Look Back in Anger?

Man soll ja nicht kramgebeugt zurückschauen auf das was war, meint zumindest die angeblich beste Band der Welt, nämlich Oasis. Mit dem, was gewesen ist, sollte man Frieden schließen, ändern lässt es sich nicht, besser wird’s auch nicht, und das einzige, was mehr zur Zufriedenheit und Harmonie führt, kann nur die Zukunft sein. In dieser Zukunft, oder besser gesagt: möglichen Zukunft, ist Perla mit einem Stipendium in der österreichischen Hauptstadt Wien angekommen – sie ist bildende Künstlerin, extrem produktiv, liefert ein Gemälde nach dem anderen ab. Und hat, so könnte man meinen, ihre Vergangenheit hinter sich gelassen.

Ich bin die Summe der vergangenen Ereignisse

Nur: Kann man das überhaupt? Insbesondere eine  Vergangenheit, die sich zusammensetzt aus schweren traumatischen Erlebnissen wie einer Vergewaltigung auf der Flucht, der sowjetischen Besatzung. Mit ihren Augen und Ohren überall und einer wilden, berauschenden Liebe, aus der ein Kind hervorging, das nun ebenfalls in Österreich versucht, wieder Fuß zu fassen?

So einfach geht das natürlich nicht, denn in diesem Brocken an Leben stecken nicht nur Dinge, die man verdrängen will, sondern auch Erinnerungen, die man nie wollte, dass sie verblassen. Eine davon ist Andrej, der auf der Flucht in den Westen verhaftet wurde und Jahre später nun freikommt. Anfangs will Perla nichts davon wissen, sie blickt zurück im Zorn, im Schmerz. Doch da sind diese nostalgischen Gefühle, die Liebe oder zumindest das Gefühl daran, wie es gewesen war.

Letztendlich beschließt sie, hinter den eisernen Vorhang zurückzukehren und Andrej wiederzutreffen, zum Leidwesen ihrer Tochter und ihres neuen Mannes – der mitfährt, um die Sache natürlich unter Kontrolle zu halten. Denn nach wie vor steht Perla auf der schwarzen Liste illegaler Flüchtlinge.

Aber schön war es doch…

Die slowakisch-österreichische Filmemacherin Alexandra Makarová stellt in ihrem zärtlich-reduktionistischen Drama die Frage, ob eine zweigeteilte Biografie wie jene von Perla das Gewesene als Chance nutzen kann, um neu anzufangen. Wie das Ganze hinter sich lassen? Ist es besser, damit Frieden zu schließen – oder diese Wut im Herzen zu belassen, die erst recht antreibt, um weiterzumachen. Ist das, woran man sich erinnert, längst idealisiert? Und wann beginnt sie, diese Idealisierung?

Den passenden Erzählstil finden

Makarovás Film atmet mitunter die eigentlich unnachahmliche Filmpoesie eines Krzysztof Kieślowski – vor allem in den Szenen, in denen Mutter und Tochter allein sind, sich über Zukunft und Vergangenheit austauschen. Ihre visuellen Arrangements wiederum können von den Arbeiten eines Ulrich Seidl inspiriert sein – mit teils planimetrischen Tableaus lebt auch Makarová den stilisierten Realismus, doch zum Glück für sie und ihren Film nicht zur Gänze.

Perla lebt vor allem durch diese poetische Lebendigkeit, diese intimen Momente, und einer manchmal ganz anderen Authentizität. Für diese Art des Filmemachens kann Perla nun Mitte Juni auf so einige Trophäen im Rahmen des Österreichischen Filmpreises hoffen. Für satte 13 „Austro-Oscars“ ist das Drama nominiert, wobei hier Jungschauspielerin Carmen Diego sträflichst übergangen wurde.

Ausbalanciertes Dreieck der Emotionen

Diego spielt ihre erwachsenen Schauspielkollegen vor allem im letzten Drittel des Films mühelos und mit entfesselten Emotionen an die Wand, ihre Ohnmacht vor den Gefahren des Sowjetstaats und des Verschwindens ihrer Mutter macht Perla sowohl vulnerabel als auch greifbar. Rebeka Poláková als titelgebende Perla und Simon Schwarz, der diesmal in einer ernsten Rolle zu sehen ist, nehmen ihre Charaktere aber ebenfalls ernst genug, um mit dem dargebotenen Einzelschicksal einer Familie im politischen Zeitbild der Achtziger die sich anbahnende Tragödie mit den Betrachtungen von Trauma und Vergangenheit in berührender Balance zu vereinen.

Die Vergangenheit zu verdrängen, so weiß der Film, ist in jedem Fall die falsche Wahl. Unbedingt mit ihr Frieden zu schließen, muss auch nicht sein. Und will man es doch, obwohl die Wut das richtige Empfinden wäre, stürzt man zurück an den Anfang.

Perla (2025)

A Useful Ghost (2025)

GEISTER DER VERGANGENHEIT SETZEN AUF SAUBERKEIT

5,5/10


Davika Hoorne als Geist im Film A Useful Ghost
© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: THAILAND, FRANKREICH, SINGAPUR, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE

DREHBUCH: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE, GEOFFREY GRISON

KAMERA: PASIT TANDAECHANURAT

CAST: DAVIKA HOORNE, WANLOP RUNGKUMJAD, APASIRI NITIBHON, WISARUT HIMMARAT, WISARUT HOMHUAN, GANDHI WASUVITCHAYAGIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN



Dabei hatte ich schon Mühe, mir den Namen Apichatpong Weerasethakul zu merken. Jetzt will auch noch Ratchapoom Boonbunchachoke im Gedächtnis bleiben – ein Name, der so klingt wie eine kontrollierte Explosion, wie pyrotechnischer Wahnsinn oder das Platzen einer Gedankenblase. Dreimal lesen, dreimal wiederholen, dann sollte es das sein. Ratchapoom Boonbuchachoke. Wenn das Filmland Thailand weiter im Weltkino mitmischt, kann das die Denkfähigkeit fördern.

So einzigartig wie die Namen der Macher

Schließlich sind nicht nur die Namen der Filmemacher so unvergleichlich und außergewöhnlich, Ihre Werke sind es auch. Dieser Weerasethakul hat bereits die goldene Palme eingeheimst. Sein Geisterfilm Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben ist ein Beweis dafür, dass faszinierendes Kino auch weit jenseits von Hollywood funktionieren kann. Nämlich so, als gäbe es den Westen gar nicht. Entsprechend anders geht man in Südostasien auch mit einem Thema um, das im Westen vorzugsweise mit Horror in Verbindung gebracht wird: Die Parapsychologie.

Geister, raus aus der Geisterbahn!

Im Film mit Uncle Bonmee, und auch in den weiteren Werken von Weerasethakul, sind Geister keine Schreckgespenster, haben keine gruseligen Fratzen und wollen nichts Böses. Sie existieren in einer Dimension, die mit dem Diesseits verzahnt ist. Sie wandeln zwischen den Lebenden, sind meist unsichtbar.

Der Tod ist im thailändischen Mysterykino nicht das Ende, sondern meist eine transzendente Verlagerung. An diese Sehgewohnheit und an dieses Verständnis muss man sich als mit westlichen Paradigmen verwöhnter Seher erst mal gewöhnen. Denn dann lässt sich auch in A Useful Ghost von besagtem Filmemacher mit dem detonierenden Namen viel besser eintauchen. Obwohl: leicht macht er es einem nicht.

Ghost in the Machine

Das liegt jedoch sicher nicht an der Grundidee dieses kuriosen Szenarios: Nat, der Geist einer viel zu früh Verstorbenen, fährt aus Liebe zu ihrem Ehemann in einen Staubsauger, um weiterhin bei ihm sein zu können. Wenn sich dieses Retro-Haushaltsgerät durch die Gegend bewegt und eigentümliche Dinge tut, dann ist das natürlich skurril, wenn nicht gar bizarr. Doch damit lässt sich gut arbeiten.

Starre Gesichter

Die Schwierigkeit, mit A Useful Ghost wirklich warm zu werden, liegt am teilnahmslosen Phlegmatismus seines Ensembles. Gut, das mag ein Stilmittel sein – wirklich nahbar wirkt das nicht. Doch andererseits: Soll doch Boonbuchachoke seine Geschichte erzählen, wie er will. Jedenfalls endet sie nicht dort, wo der Staubsauger beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln.

Stöbern im Schwarzbuch der jüngeren Geschichte

Sie geht noch weiter, viel viel weiter, und weiß nicht, wo sie aufhören soll. Bald wird klar: Boonbunchachoke hat mit dem jüngeren politischen Vermächtnis Thailands ganz klar ein oder mehrere Hühnchen zu rupfen. Denn bald wimmelt es von Geistern, die so manches zu erzählen haben.

Von den verheerenden Rothemd-Protesten aus dem Jahre 2010. Und vom sogenannten Massaker an der Thammasat-Universität aus dem Jahre 1976. Dunkle Flecken in der Geschichte des Landes, die, wie es scheint, gerne und bis zur Stunde unter den Tisch gekehrt worden sind.

Verdrängung nennt man so etwas – die fehlende Aufarbeitung einen schweren Fehler. A Useful Ghost wird so zur metaphysischen Polit-Allegorie wider dem Vergessen. Der Film wird zu allem, wozu Thailand sich bekennen sollte; zu allem, was verfolgt, diskriminiert und schöngeredet wird.

Aufgehalste Traumata und queere Ambitionen

Ein ganz schöner Brocken – vor allem deshalb, weil man nicht erwartet, was passiert. Weil sich A Useful Ghost anfühlt wie eine kauzige Geisterkomödie nach südostasiatischen Regeln. Doch alles kommt anders – Umweltsünden, LGBTQ, Konservativismus, und so weiter und so fort. Die Ambitionen des Films sprengen das Format, der findet dadurch lange keinen Rhythmus, versandet aufgrund fehlender Dynamik in angestrengt arrangierten Tableaus und wird dann sogar zum Zombiefilm.

Das Ganze muss man schließlich sickern lassen, wobei dabei einiges übers Ziel hinausschießt, im Vergessen verdunstet und als dissonantes Patchwork nur bruchstückhaft in Erinnerung bleibt. Ein Umstand, den die Geister in diesem Film wohl nicht gewollt hätten.

A Useful Ghost (2025)

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

VERSCHWURBELTE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

4/10


Colman Domingo, Emily Blunt und Josh O'Connor in Steven Spielbergs Disclosure Day
© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: STEVEN SPIELBERG

DREHBUCH: DAVID KOEPP (NACH EINER STORY VON STEVEN SPIELBERG)

KAMERA: JANUSZ KAMIŃSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOSH O’CONNOR, COLIN FIRTH, EVE HEWSON, COLMAN DOMINGO, WYATT RUSSELL, HENRY LLOYD-HUGHES, ELIZABETH MARVEL U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Noch weihnachtet es nicht. Noch nicht. In drei Monaten aber beginnt wieder das Keksebacken, zwei Wochen später stehen die auf Nikolo getrimmten Osterhasen wieder im Diskonter, wartend auf rechtzeitige Abnahme. Wer aber jetzt schon in Stimmung kommen will, kann sich an Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit von Steven Spielberg heranwagen. Dort spaziert ein Mädel im Nachthemd, erinnernd an Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern, durch den, wie es sagt, ganz warmen Schnee, begleitet von miserabel animierten Tieren, auf ein von innen heraus leuchtendes Knusperhaus im Walde zu. Wer da nicht bereits an das erste Türchen im Adventkalender denkt, denkt vielleicht darüber nach, im falschen Film zu sitzen.

Tiere sehen dich an

Was einen dazumal wohl kongenialen Filmemacher dazu getrieben hat, neu zusammengewürfelte Bremer Stadtmusikanten aus Hirsch, Fuchs, Waschbär und Rotem Kardinal in seinem brandneuen Alien-Film aufmarschieren zu lassen, als wären sie Outtakes aus der letzten Disney-Realverfilmung, wird genauso ein Rätsel bleiben wie so manches in dieser Variation eines weitaus besseren Werks, das Ende der Siebziger für Furore gesorgt hat – und das zurecht: Die Unheimliche Begegnung der dritten Art, ein Kind seiner Zeit. Atmosphärisch, geheimnisvoll, mitunter spooky. Jene Szenen, in denen Richard Dreyfus ganz verbissen immer wieder diesen Devils Tower aus Wyoming modelliert, der später als Ankunftsstelle weit Gereister herhalten soll – die waren schon großes Kino.

Ein paar Säcke Reis im Kornfeld

Jetzt hat Spielberg aber das Akte X-Fieber gepackt. Er heftet sich „I want to believe“ an die Fahnen, und los geht’s mit den wirklich relevanten Offenbarungen aus den letzten 80 Jahren, gegen die Trumps UFO-Ablenkungsmanöver anmutet wie ein umgefallener Sack Reis. In Spielbergs Erkenntnis-Evangelium spielt natürlich Roswell eine große Rolle, und natürlich auch die Kornkreise, die Spielberg einfach so einstreut, aus Spaß an der Freude oder vielleicht, um M. Night Shyamalan, der mit seiner UFO-Mystery Signs für Unwohlsein gesorgt hat, grüßen zu lassen.

Der UFO-Hype im Smartphone-Test

Erklären kann er dazu nichts. Genau so wenig interessiert ihn, worum es bei den Fremdweltlern wirklich geht, was sie antreibt, was sie erreichen wollen. Gut, das muss man nicht. Alleine die Beweisführung hinsichtlich der Frage , ob wir alleine in diesem Universum sind, sollte reichen, um einen Film daraus zu machen. Die Sache ist: Das hat er schon getan, ich verweise auf das Jahr 1977. Was Spielberg jetzt probiert hat, ist, den Stoff von früher ins Social Media-Zeitalter zu hieven, wo alle Welt nur am Smartphone hängt.

Umso mehr verwundert, dass die visuellen Beweismittel überhaupt irgendjemanden noch vom Hocker reißen, kann doch KI mittlerweile alles simulieren. Beinhalten solche Footages dann auch noch klassische Aliens mit großen Köpfen und obsidianschwarzen Mandelaugen, kostet das die Menschheit einen Lacher. Denn: Auch wenn der Beweis letztlich geliefert wird, dass Außerirdische auf unserem Planeten gelandet sind – keiner wird es glauben.

Perry Rhodan hatte eine ähnliche Idee

Doch Spielberg glaubt fest daran, dass die Menschheit vereint werden kann, wenn eine dritte Macht auftaucht. Das wiederum erinnert mich an die Science-Fiction-Heftreihe Perry Rhodan, die ähnlich beginnt, die sich während des Kalten Krieges abspielt, der bald zum dritten heißen geworden wäre, wäre es da nicht zu einer Begegnung des besagten Weltraumhelden mit der hinter dem Mond lebenden Zivilisation der Arkoniden gekommen.

Tatsächlich folgt Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit einer ähnlichen Prämisse, und es wäre ein recht routinierter Verschwörungs- und Mysterythriller geworden, in der bewährten Optik eines Janusz Kaminski. Um dem entgegenzusteuern, lassen Spielberg und Autor David Koepp (Jurassic Park) den Esoterik-Drachen von der Leine, buttern dort hinein sämtliche Narrative aus der Lebenshilfe-Abteilung vom nächstbesten Buchladen und krönen dieses unausgegorene Konstrukt mit Diskussionsstoff aus der katholischen Jungschar, die nach der Legitimität Gottes fragt, wenn die Menschheit plötzlich nicht mehr dessen krönende Schöpfung bleibt.

Was unterscheidet Telepathie und Empathie?

Man nehme diesen Aspekt, man nehme die Bremer Stadtmusikanten, die Vorweihnachtszeit und Akte X. Man nehme viele schwarze Autos und einige Actionszenen, um das im Kern repetitive Drama rund um einen Whistleblower auch für jene aufzupeppen, die wegen der Action hier sind. Mit all dieser Ambition aber scheint Spielberg mehr als überfordert.

Er schafft es nicht, seine auf mehreren Ebenen abgehende, dem Humanismus und der inneren Resilienz anbiedernde Alien-Wellness halbwegs plausibel zu verankern. Er verwechselt Gedankenlesen mit Empathie und versucht gemeinsam mit Koepp, schnell mal eingestreute Erklärungen zu deponieren, die wie unschlüssige Vermutungen dastehen. Logisches Denken dringt da nicht durch, auch die Tücke des Objekts hält sich fern – ich sage nur: Stromausfall.

Die Wahrheit unter fahlem Deckenlicht

Geglückt sind Spielberg neben seinem Star Colin Firth, der zwischen Pflicht, Sorge und Resignation absolut glaubhaft einen Antagonisten in der Grauzone gibt, die letzten zehn Minuten des Films, wenn der Disclosure Day endlich am Abrisskalender steht. Ungefähr so könnte das Szenario aussehen, wenn in den Nachrichten statt Trump, Hormus, Ukraine und Co plötzlich ein ganz anderer Knüller die Erde stillstehen lässt. Diese Momente sorgen für Gänsehaut – die dann wieder verpufft. Schließlich dürfen wir nie erfahren, was des Aliens Weisheit letzter Schluss ist. Spielberg weiß es womöglich selbst nicht. Colman Domingo meint an einer Stelle: „Irgendwann wird alles klar sein“. Darauf warten wir vergeblich.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

Babystar (2025)

DIESES LEBEN ENTHÄLT PRODUKTPLATZIERUNGEN

5/10


Maja Bons als Luca Sommer im Film Babystar
© 2025 Jakob Fliedner / LiseLotte Films


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOSCHA BONGARD

DREHBUCH: NICOLE RÜTHERS, JOSCHA BONGARD

KAMERA: JAKOB SINSEL

CAST: MAJA BONS, BEA BROCKS, LILIOM LEWALD, JOY EWULU, MAXIMILIAN MUNDT, VERENA ALTENBERGER, MATTHIAS MATSCHKE, MARIA MATSCHKE ENGEL, ALEXANDER SCHUSTER, KATHARINA LEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 389 MIN



Momentan macht österreichweit die Aktion „handyfrei“ die Runde – gut für die Kids, gut für die Psychohygiene, gut für überhaupt eh alles. Schlecht für’s Geschäft, wenn andere davon leben. Wie zum Beispiel Familie Sommer, bei denen, und das muss ja so sein, immer Sommer ist und die wirklich alles, womöglich sogar ihren Stuhlgang, posten, damit ihre Community weiß, wie gesund sie alle sind: Mutter, Vater und Tochter.

Ins öffentliche Leben hineingeboren

Der einzige Unterschied zwischen den Erwachsenen und dem Nachwuchs ist ein frappanter: Die lieben Eltern haben sich die Zurschaustellung ihres Lebens für die gesamte verdammte und vielleicht auch kaputte Öffentlichkeit ausgesucht – die sechzehnjährige Luca hat das nicht. Die ist in dieses Projekt hineingeboren. Fast schon so, und das fiel mir auch während des Filmes ein, der gute alte Jim Carrey in Peter Weirs Die Truman Show. Gefragt hat beide wohl niemand.

Ein Leben wie ein Wollknäuel

Luca ist zwar nicht im Fernsehen, doch das wäre weniger exhibitioniert als in den Sozialen Medien, wo täglich und stets um dieselben Uhrzeiten Content geliefert werden muss. Lässt man da einmal nach, sinkt auch das Interesse. Letztlich ist das Ganze auch ungefähr so, als würde man eine Katze andauernd mit einem Wollknäuel triggern. Nimmt man ihn aber weg, sucht sich das Tier etwas anderes. Während das Leben dieser Familie von einer Katzenpfote abhängt, die immerwährend gegen das Knäuel schlägt, ist der Katze das Knäuel letztendlich egal.

Werbepause gibt es nicht

Diese Anbiederung an Ruhm und Follower hat Luca also mit der Muttermilch aufgesogen – und tatsächlich ist die Geburt ihrer selbst längst unlöschbares Footage im ganzen großen Kosmos des Internet, mitsamt Nabelschnur und Plazenta. Finanziert wird das Ganze durch Produktplatzierungen, Produktbewerbungen, Empfehlungen – unterm Strich also die ganze mühsame Bandbreite des Daseins einer Influencer-Familie, die in einer selbst gemachten Werbesendung lebt.

Die Truman Show, EdTV, Babystar – was kommt als nächstes? Das will Filmemacher Joscha Bongard derweil noch nicht wissen. Mit der Krux eines im Ausverkauf befindlichen öffentlichen Lebens, in dem Intimität und Privatsphäre mit Persönlichkeitsrechten überhaupt nichts anfangen können, hat er schließlich genug zu tun. Und will, dass Luca dabei endlich aufwacht. Damit sie sieht, dass dieses Leben persönlichen Bedürfnissen weiträumig aus dem Weg geht, und auch nicht so sein muss, nur weil man genetisch dazugehört.

Gesehen, weitergescrollt

Bongard schickt Maja Bons auf einen Coming of Age-Trip. Für den er aber mal ordentlich Luft holen muss. Dieses Luftholen dauert lange. Schließlich will Babystar mal den ganzen kranken Ist-Zustand erst einfangen. Und verfängt sich. Weil es ihn selbst fasziniert. Weil man noch eins und noch eins draufsetzen kann. Nicht jeden interessiert diese Familie, ich als Betrachter im dunklen Kinosaal weiß schon, worauf es hinausläuft – ein Beitrag hier, ein Beitrag da, dann wieder hundert Fotos.

Während sich das Gesamtbild dieser Lebenssituation ohnehin schon in den ersten zehn Minuten erschließt, braucht Bongard noch länger, und vergisst dabei auch ganz auf seinen Vorspann, den er dann irgendwo einstreut. Fasziniert ist Babystar auch sehr von seiner Location – dieses geräumige, architektonische Wunder eines Einfamilienhauses, der letzte Schrei in Inneneinrichtung, Coolness und einer aller Welt vor den Latz geknallten Ausdruck des Establishments.

Nur wenige scharfe Spitzen

Eigentlich ist Babystar von seinem Thema so angetan, das sich die Ambition einer kritischen Betrachtung zwischendurch in einer Selbstverliebtheit verläuft, die den Film um sich kreisen lässt, wie die Familie selbst. In repetitiven Loops festhängend wie an einem Dornbusch, kommt Babystar nicht weiter.

Die statische Zögerlichkeit versucht Bongard dann mit Thriller-Elementen zu kompensieren – die gefühlskalte Architektur des Zuhauses wird zur Scheinbedrohung, das Abendritual zum beklemmenden Sektenritual. Doch die Stimmungsmache scheint nur kolportiert zu sein.

Beizeiten erinnert man sich an Ruben Östlund, seine Sache mit dem Square oder dem Triangle of Sadness – vor allem dann, wenn Luca in einem Nobelrestaurant zum rebellischen Aktionismus tendiert. Doch nur hier mag Bongard so ätzend sein wie sein schwedischer Fachkollege. Später gelingt ihm das nicht mehr.

Babystar (2025)

Eagles of the Republic (2025)

DER PHARAO DARF DIENEN

7/10


Fares Fares im Politthriller Eagles of the Republic von Tarik Saleh© 2025 Yirgit Eken /MFA Film GmbH


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TARIK SALEH

KAMERA: PIERRE AÏM

CAST: FARES FARES, LYNA KHOUDRI, AMR WAKED, ZINEB TRIKI, NAEL, HUSAM CHADAT, SHERWAN HAJI, AHMED KHAIRY, CHERIEN DABIS, DONIA MASSOUD, SUHAIB NASHWAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Man kann einen Schauspieler, einen Star besser gesagt, und zwar von nationalem Weltruhm (wenn das überhaupt geht) nicht einfach so verschwinden lassen, nur weil er nicht mitspielt. Man kann ihn aber so lange würgen, bis er Luft holen muss – und dann atmet er genau das, was die Mächtigen ihm vorgeben, gefälligst zu inhalieren: Den Dunst der Propaganda. Das aber ist nur die eine Seite. Es gibt noch andere, die den Staat Ägypten in Gefahr sehen. Und die alles daransetzen, einen Umsturz zu planen.

Ägypten ist eine Reise wert!

Als Tourist merkt man das alles natürlich nicht, da scheint Ägypten ein fast schon makelloses Land zu sein, mit Ferien-Resorts, Korallenriffen und dem letzten der sieben Weltwunder. Was kann schon schlecht sein an einem Land, das die Pyramiden hat. Und eigentlich aus seiner jahrtausendealten Geschichte längst hätte lernen können, um es hinter dieser Fassade besser zu machen. Doch die Autokratie herrscht auch dort, Präsident Abdel Fattah el-Sisi ist seit 2014 am Steuer, und hat auch nicht vor, die Macht abzugeben.

Nach so einer langen Regierungszeit könnte man ja einen Film in die Kinos bringen, der dessen Werdegang erzählt, selektiv gesehen natürlich und voller Schmeicheleien für einen Mann, der das Volk aber eigentlich an der Kandare nimmt und oppositionelle Stimmen genauso wenig zulässt wie weiter im Nordosten besagter Putin.

Spiel uns den Präsidenten!

George Fahmy, der Star, der irgendwann Luft holen muss, darf also el-Sisi spielen. Obwohl er ihm gar nicht ähnlich sieht. Dort ein gedrungener kleiner Onkel für alle mit freundlichem Blick, hier ein hochgewachsener „Liam Neeson Nordafrikas“ – Fares Fares. Ausgerechnet er, der Medien-Pharao, soll den Chef spielen? Egal, als Star könnte man ihn auch als Eiskönigin besetzen, und die Massen müssen wohl ins Kino strömen, andernfalls ließe sich verweigerndes Verhalten als Widerstand auslegen.

Also macht Fahmy mit, zwängt sich in die khakibraune Uniform, spielt die Revolution nach, wird dabei unentwegt beäugt von el-Sisis Apparatschik. Der mehr Engagement wünscht. Zeitgleich aber sind noch andere Energien am Werk, und so schnell kann Fahmy gar nicht schauen, haben ihn alle Seiten instrumentalisiert, ist er nur noch Marionette, Mittel zum Zweck, eingesponnen wie im Kokon einer Spinne.

Schauplatz einer Trilogie

Tarik Saleh beschließt mit Eagles of the Republic nach Die Nile Hilton Affäre – ein stimmungsmachender, wuchtiger Politthriller – und Die Kairo Verschwörung – ein Studentenkrimi – seine sogenannte Kairo-Trilogie. In jedem dieser Filme ist eine Verschwörung der komplexe Kern, den es freizulegen gilt. Diesmal aber setzt er vermehrt auf Dialog, politische Interessen, die während so manchem Meet and Greet mit der uniformierten Führungsriege geteilt werden – und ergänzend auf eine gefährliche Romanze, die dem leinwandbekannten Schürzenjäger wirklich alles kosten könnte.

Ein austauschbares Szenario

Für einen Old School-Politthriller hat Saleh diesen tatsächlich fein gesponnen – und setzt, um ihn auch wirken zu lassen, politische Vorkenntnisse voraus. Hat man die nicht, könnte es passieren, dass Eagles of the Republic von einem Platzhalter-Regime erzählt, da bis auf den Präsidenten und das Land selbst eine alternative Realität birgt – hat man sich dahingehend aber doch nachgebildet, wähnt man sich auch ohne das Panorama der Pyramiden im wohl beliebtesten nordafrikanischen Land wieder, das mit seinem Antike-Bonus Blicken von außen auf den eigentlich restriktiven Machtapparat die rosarote Brille aufsetzt.

Von Hollywood gelernt

Spannend und auf Zug inszeniert bleibt es bis zum Schluss, und gerade dann wird es richtig dramatisch. Gelernt hat Saleh sicherlich von Genre-Spezialisten wie Alan J. Pakula, Gosta Gavras oder Sydney Pollack. Den Touch of Old Hollywood konvertiert der Filmemacher in den Glamour, den die Kairo-Elite aufwarten kann.

Das mögen zwar Klischees sein und bewusst eingesetzte Versatzstücke, doch den puren, semidokumentarischen Filmrealismus strebt Eagles of the Republic – so wie in den beiden Vorgängerfilme auch – ohnehin nicht an.

Das hier ist Leinwandkino – Autorenkino zwar, aber romantisierend, ohne dabei auf die Kritik an einer Regierung zu verzichten, die mit drastischen Mitteln für Ordnung sorgt. Er kann sich leisten, so auszuteilen, wird ihm doch niemals das passieren, was der Figur von Fares Fares widerfährt. Saleh lebt in Schweden, gedreht wurde in Istanbul.

Eagles of the Republic (2025)

In the Grey (2026)

IST PLANUNG WIRKLICH ALLES?

5/10


Eiza Gonzáles, Henry Cavill und Jake Gyllenhaal in Guy Ritchies Film In the Grey
© 2026 LEONINE Studios / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: GUY RITCHIE

KAMERA: ED WILD

CAST: EIZA GONZÁLES, HENRY CAVILL, JAKE GYLLENHAAL, ROSAMUNDE PIKE, FISHER STEVENS, CARLOS BARDEM, EMMETT J. SCANLAN, KRISTOFER HIVJU, CHRISTIAN OCHOA, KOJO ATTAH U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



In die Höhle des Löwen steigt man nicht einfach so. Jedenfalls nicht, wenn man sich Profi nennen und nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen will. Lebensmüden Abenteurern ist das vermutlich egal, Touristengruppen auch, die verlassen sich auf den Baedeker. Geldeintreiber ziehen die Sache etwas anders auf. Eiza Gonzáles ist so jemand. Eine, die von den ganz bösen Buben die Knete will, die sie anderen schulden – und keinen Grund sehen, ihren Kredit zu begleichen.

Männer bei Fuß

So eine Höhle des Löwen ist nichts, wo die adrette Mexikanerin alleine hingeht. Als Entourage links und rechts von ihr fungieren zwei Mannsbilder, mit denen man sich nicht anlegen will, so böse man auch sein mag. Und nein, es sind nicht Bud Spencer und Terence Hill, auch nicht Tony Curtis und Jack Lemmon, sondern der Prinz von Persien und niemand geringerer als Superman: Jake Gyllenhaal und Henry Cavill, beide sauber mit Dreitagebart, unauffälligem Peek & Cloppenburg-Outfit und darunter Nerven wie Drahtseile. Hier tragen sie die Hundenamen Sid und Bronco. Und ja, mit so jemanden kann Frau auch in Verhandlungen treten, denn die Pläne B, C und D sind geschmiedet.

Bereiten wir uns mal vor

Wir befinden uns In the Grey nicht nur in besagter Grauzone, denn so, wie Gonzáles Figur der Rachel Wild, die von ihren „Bluthunden“ auch des öfteren Ma‘am genannt wird, ans Geld der anderen kommen will, hätte das Gesetz wohl noch einiges zu beanstanden. Wir befinden uns auch auf einer Insel vor Spanien, auf Salazars Insel, auf der Javier Bardems Bruder Carlos als milliardenschwerer Unterweltboss die Übersicht hat – zumindest glaubt er das. Diesem Mann soweit die Hähne abzudrehen, dass er willig wird, das diplomatische Geschäftsgespräch zu suchen – dazu braucht es viel, wirklich viel Vorbereitungszeit und viele kleine Missionen. Viele Tests, viel Training, viel, ganz viel Planung.

Die Zeit drängt. Also beeilt euch.

Wie viel Zeit hat Guy Ritchie? Wir schauen auf die Stoppuhr: genau 98 Minuten. Also schnell, schnell – und am besten alles gleichzeitig. Also beginnt Eiza Gonzáles, aus dem Off zu erzählen, wie die Welt, also die ihre und die ihrer Branche – funktioniert. Nebenher dürfen Gyllenhaal und Cavill inkognito irgendwo auf der Welt die ersten Strippen ziehen und den großen Gangsterboss zum Weinen bringen. Zack, zack, zack, und Gonzáles spricht immer noch. Mitschreiben kann man dabei getrost vergessen, irgendwas wird schon hängenbleiben, denn in Wahrheit ist Ritchies Inkasso-Action sowieso nur halb so komplex wie sie den Anschein hat.

Planung ist das halbe Leben – oder der halbe Film

Wie muss Ritchie sein Drehbuch gnadenlos gestrafft haben, um diese Spielfilmlänge hinzubekommen! Andere benötigen für diese Sache vielleicht eine ganze Serienstaffel, der Vielfilmer, der sich irgendwann von seinen stilsicheren Qualitäten verabschiedet hat (kaum zu glauben, dass zu seinen Arbeiten Aladdin und Fountain of Youth zählen – der erste ist zumindest kurzweilig, der zweite eine Katastrophe), schafft das im Rekordtempo.

Und bevor das ganze Spektakel rund um diesen Salazar überhaupt erst beginnen kann, hat In the Grey so viel Erklärbedarf, das man versucht ist, das ganze Projekt überhaupt zu hinterfragen. Es braucht schon eine gewisse Dreistigkeit, zumindest ein Drittel des Filmes darauf zu verschwenden, zu demonstrieren, wie all die Fluchtrouten aussehen, die Rachel Wilde von der Insel bringen sollen.

Wann geht es denn endlich los?

Kann sein, dass man den Moment beim Zusehen verpasst. Irgendwann ist man mit unterwegs im von Henry Cavill gesteuerten Buggy, während links und rechts Projektile explodieren. Langweilig wird einem dabei zwar nicht, die ganzen Planungsdetails will man sich aber auch nicht merken. Und so ist es völlig egal, was passiert und was andere schwafeln – es ist wie bei so manchem Meeting, wo nach zwei Stunden wohl nur die letzten zehn Minuten relevant genug sind, um weitere Schritte darauf aufzubauen. Doch das ist ein anderer Film – der erst erklärt werden muss.

In the Grey (2026)

Gavagai (2025)

DEM DISKRIMINIERTEN ZUR HAND GEHEN

6/10


Maren Eggert und Jean-Christophe Folly im Film Gavagai
© 2025 Port au Prince Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: ULRICH KÖHLER

KAMERA: PATRICK ORTH

CAST: JEAN-CHRISTOPHE FOLLY, MAREN EGGERT, NATHALIE RICHARD, ANNA DIAKHERE THIANDOUM, STACY THUNES U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Hurra, wir drehen einen Film! Und zwar die wasweißichwievielte Neuinterpretation eines klassischen, antiken Stoffes: Medea. Die Dame war ja nicht gerade zimperlich, was ihren Willen zur Durchsetzung eines Racheplans anging, der den Tod ihrer eigenen Nachkommen zur Folge hatte. Sie selbst, ihrer Heimat den Rücken kehrend, fand sich dann auch im Hofstaat von Jason (ja, der mit dem goldenen Vlies und seinen Argonauten) wieder, allerdings wenig akzeptiert und letztlich verraten von ihm und seiner ganzen angeheirateten Sippschaft.

Der verkehrte Medea-Mythos

Einer Autorenfilmerin, die dem Zeitgeist nicht abgeneigt ist, bleibt fast auch nicht mehr anderes übrig, als diesen Stoff in ein aktuelles, gesellschaftspolitisches Korsett zu stopfen. In diesem Fall wäre es die Verlegung des Schauplatzes in den Senegal. Jason und seine Familie, die zweite Heimat Korinth, alles afrikanisch. Medea selbst: Eine Europäerin.

Also wenn da nicht die Wogen hochgehen! Das Thema der Migration einfach umdrehen. Europa zum Flüchtling werden lassen, Afrika zum Neuanfang. Und dann doch dieser Verrat! Auch der lässt sich ändern. Niemand muss sich an Vorlagen halten, Filmkunst ist frei, wir wissen das spätestens seit Tarantinos Verfälschung der NS-Geschichte. Je freier also die Filmkunst fabulieren kann, umso mächtiger erscheint sie sich selbst.

Die Französin Nathalie Richard verkörpert dabei Filmemacherin Caroline Lescot, die voller Ehrgeiz und Inbrunst einen exotischen Monumentalfilm auf die Beine stellen will, im Geiste eines Federico Fellini – anachronistisch, surreal, aus jeglicher Zeit gefallen und einzig und allein die Umkehr der Rollenbilder auswertend, die so viel über Ressentiments, Xenophobie und vielleicht auch Remigration aussagen können.

Der ganz normale Culture-Clash

Im Schauspielensemble findet sich die in sich ruhende Maren Eggert (Der Spatz im Kamin, Ich bin dein Mensch) als Schauspielerin Maja wieder, die ihrem senegalesischen Schauspielkollegen Nourou (Jean-Christophe Folly) näher kommt. Regisseur Ulrich Köhler (u. a. Schlafkrankheit) umrahmt dabei diese zarte, tropische Romanze mit urbanem Lokalkolorit aus Dakar und Stimmungsbildern hektischer Improvisation, wenn jede Szene unter Dach und Fach gebracht werden soll. Es scheint, als wären die Unterschiede zwischen erster und dritter Welt so aufgehoben wie nur möglich, Unterschiede gibt es immer, Verständigungsprobleme auch, doch das ist ein normaler Sachverhalt, der niemanden diskriminiert.

Von Dakar nach Berlin

Im zweiten Kapitel von Köhlers Arbeit wechselt der fernwehmütige Süden einem betonkalten Berlin – unmöglich, dass man freiwillig in diese Stadt immigrieren will, die so generisch wirkt wie selten in einem Film. Maja und Nourou bereiten sich diesmal für ein fiktives Filmfestival vor, um ihr fertiges Werk zu präsentieren. Nun kommt es, dass Nourou auf Vorurteile und Diskriminierung stößt, die im rechtsdralligen Europa gang und gäbe scheint, insbesondere in Deutschland. Heisst das also, Afrika ist im Umgang mit Fremden deutlich weiter? Will sich Europa wirklich diesen Vorwurf gefallen lassen?

Die Diskriminierung beim Binden einer Fliege

Köhler skizziert hier nur vage Problemsituationen, die sich vorrangig um einen Einzelfall drehen, der nicht die Wucht und das Zeug hat, breit gefächerte gesellschaftliche Defizite aufzuzeigen. Folglich handelt Gavagai – ein Begriff, der die Unzulänglichkeit bei der sprachlichen Übersetzung eines Ausdrucks beschreibt – um wenig, streift maximal das eine oder andere Fremdenklischee, und bringt letztendlich eine Person wie Senegalese Nourou an den Rand seines Selbstwerts, an eine Form von geduldeter Diskriminierung, die er als farbige Person gedrängt wird, zuzulassen.

Lieber den Film im Film als den Film

Dieser Erkenntnisgewinn schafft nur über mehrere Ecken eine Verbindung zu Medeas filmischer Neuinterpretation, die, je mehr Szenen man von diesem Film im Film auch sieht, plötzlich deutlich interessanter, emotionaler und faszinierender erscheint als die eigentliche „reale“ Geschichte. Köhlers Meldungen zum Thema Fremdbestimmung von Ausländern sind zwar da, bleiben aber flüchtig und verlieren sich in einem scheinbar intuitiven Drehbuch, das seine Topics nicht zu Ende gedacht hat und dort den Schlusspunkt setzt, wo er sich halbwegs brauchbar anfühlt.

Gavagai (2025)

Whistle (2025)

PFEIF MIR DAS LIED VOM TOD

2/10


Dafne Keen beschwört in Whistle den eigenen Tod herbei
© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND 2025

REGIE: CORIN HARDY

DREHBUCH: OWEN EGERTON

KAMERA: BJÖRN CHARPENTIER

CAST: DAFNE KEEN, SOPHIE NÉLISSE, SKY YANG, JHALEIL SWABY, ALI SKOVBYE, PERCY HYNES WHITE, MICHELLE FAIRLEY, NICK FROST, STEPHEN KALYN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Es gibt sie wirklich: Aztekische Totenkopfpfeifen – womöglich eingesetzt zur psychologischen Kriegsführung. Wie das funktioniert hat? Diese kleinen, handlichen Blasinstrumente, die tatsächlich genau so aussehen wie im Film (nur in weniger akkuratem Zustand)  geben einen markerschütternden Ton ab, der so klingt wie der Schrei eines von Todesangst geplagten Menschen. Man kann sich den Klang mit Sicherheit auf Youtube zu Gemüte führen, doch mit Sicherheit ist es etwas anderes, den so kuriosen wie beängstigenden Sound direkt, ohne Zwischenmedium, ans Ohr zu lassen, und nicht in mauer Qualität ums Eck nochmal abzuhören. Dann weiß man, wie es ist, wenn dieser Klang nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Artefakte-Horror mit realem Bezug? Bingo!

Mit diesem archäologischen Artefakt aus Mittelamerika lässt sich doch sicher ein schmissiger Horrorfilm machen? Magische Gegenstände aus frühen Zeiten geben schon was her – so zum Beispiel die tätowierte Mumienhand aus dem Geisterhorror Talk To Me der Gebrüder Philippou. Nimmt man diese wie zum Gruß und rezitiert dabei dem genauen Ritus folgend Phrasen, steht die Verbindung ins Jenseits, wo die Toten begierig aufs Diesseits schielen, weil es dort viel besser war.

In Whistle schürzt man die Lippen und trötet in das antike, pummelige Gefäß, um Gevatter Tod ein paar frühzeitige Tode zu bescheren, auf die er nur sehnlichst wartet, denn wie das Schicksal es so will, herrscht für jedes lebende Wesen ein gewisser Determinismus, der sich prinzipiell nicht umgehen lässt, es sei denn…

Als Tote(r) ist man immer klüger

Klar spielen Teenager mit der Gefahr. Egal, wie viele Schulklassen sie schon absolviert und wie sehr sie auch schon auf den ernsten Rest ihres Lebens vorbereitet wurden. In eine antike Pfeife bläst man gerne, auch auf die Gefahr hin, dies bald aus dem letzten Loch zu tun.

Whistle hält also einen filmgewordenen Abzählreim parat, und lässt all die entbehrlichen Freundinnen oder Freunde, die Dafne Keen umgeben, über die Klinge springen. Wenn Klingen ins Fleisch schneiden, bedeutet das Blut, Blut und nochmals Blut.

Einer wird so zugerichtet, als hätte er sich mit seinem Boliden mehrmals um einen Baum gewickelt, ein anderer macht dem schwarzen Ritter aus Monty Pythons Die Ritter der Kokosnuss alle Ehre. Nick Frost zum Beispiel hätte früher mit dem Rauchen aufhören sollen, aber wie auch immer. Wie Regisseur Corin Hardy, der uns mit The Nun ein Standalone für den Dämonen namens Valak geschenkt hat, geht in seinem neuen Film davon aus, dass es vollkommen reicht, Todesfälle nur zu variieren anstatt sie in ein Skript einzubetten, dass mehr über Tod, Schicksal und daraus entstehende, sich bedingende Umstände zu erzählen weiß. Als wäre diese Pfeife nicht eines respektvollen Nachpfeifens würdig, wenn sich Whistle nur ein bisschen mehr für sich selbst und seinen Plot interessiert hätte.

So uninteressant ist das Thema Tod doch gar nicht?

Dafne Keen, einst Wolverine-Girl in Logan und in der Star Wars Serie The Acolyte als Jedi vertreten, gibt hier ein Goth-Girl ohne nennenswerte Mimik. Um sie herum völlig austauschbare Charaktere, die, wie schon erwähnt, sich selbst begegnen, und zwar in der Stunde ihres Todes. Eine coole Idee, doch selbst die verschenkt Hardy insofern, da er zu glauben scheint, Dämon Valak würde auf jede nur erdenkliche Weise mit dem immer gleichen spukhaften Verhalten noch irgendwen hinter dem Ofen hervorlocken.

Einen Pfeifton für den Film, bitte!

Whistle fehlt zur Gänze, und das ist aus meiner Sicht nicht übertrieben, das Gespür für Atmosphäre und schleichendem Grusel. Seine Wahl der Mittel ist zu offensichtlich, um man fühlt schon Minuten, bevor Whistle irgendein Horror-Element aus dem Hut zaubert, was es ist, wie es kommen wird und wohin es letztlich führt. Für einen Horrorfilm ist das der schlimmste Tod. Dabei wünscht man sich vergeblich, dass irgendwer durchs Pfeifen in den knuffigen Totenschädel diesem ein vorzeitiges Ende beschert. Früh genug kann es nicht kommen.

Whistle (2025)