CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.
LÄNGE: 1 STD 33 MIN
San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?
Zum Aufgeben sind Briefe da
Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.
Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?
Alles so schön bunt hier
Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.
Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.
Fake News als Feel Good-Pflaster
Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.
Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.
Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.
DREHBUCH: TED KUPPER, NACH DEM ROMAN VON JONAS KARLSSON
KAMERA: PAWEŁ EDELMAN
CAST: JON HAMM, SARAH GADON, DANNY PUDI, CHRISTOPHER HEYERDAHL U. A.
LÄNGE: 1 STD 41 MIN
Peter Sellers in der Bürohölle
Auf den ersten Blick möchte man meinen, Peter Sellers zu erkennen. Kann natürlich nicht sein. Der große Komödiant und auch Charakterdarsteller lebt schon lange nicht mehr, doch Jon Hamm, den wir so noch nie gesehen haben, scheint sich von seinem Rollenportfolio inspiriert zu haben. Für Peter Sellers nämlich wäre Corner Office, dieses ernüchternde Szenario einer kafkaesken Bürokratie-Hölle, wohl eine Spielwiese für eigentümliche Verhaltensweisen geworden, fast so wie als Partyschreck in Blake Edwards gleichnamiger Komödie, in der er eine eitle Gesellschaft ins Chaos stürzt.
Neuer Job, neues Glück
Völlig von der Rolle sind auch all die Kolleginnen und Kollegen, die in irgendeinem Stockwerk in einem beängstigend orwell’schen Bürokomplex mit einem wie Orson klarkommen müssen. Der beginnt seinen neuen Job in der sogenannten Behörde. Was die so treibt und wofür sie arbeitet, bleibt ein Mysterium. Auch die Obrigkeit sieht man nie, es wird nur von ihr gemunkelt – und letztlich wird auch sie in Kraft treten, doch das erst viel später.
Orson findet sich in einem Büro wieder, das wohl alle Assoziationen, die man zu einem Begriff wie Büro überhaupt haben kann, in sich vereint: Kopierpapier, Büroklammern, Aktentürme und vieles mehr. Dabei lässt sich Corner Office gar nicht mal dazu verleiten, diesen streng geregelten Alltag zu parodieren, um eine gallige Komödie daraus zu machen, ähnlich wie Stromberg oder die US-Serie The Office mit Steve Carrell und Rainn Wilson.
Vom Raum, den es gar nicht gibt – oder doch?
In diesem Büro gibt es keine Gemeinschaften – zumindest nicht solche, die Orson mit einschließen würden. Als grauer Bürohengst mit schlecht sitzender Frisur und dichter Rotzbremse bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert, rückt Jon Hamm einer reizlosen Nine-to-Five-Arbeit zu Leibe, während, in einem Glaskasten sitzend, der Abteilungsleiter für wasweißichwasalles den Einsatz seiner Untergebenen beäugt.
Die Arbeit könnte zermürbender nicht sein, würde Orson nicht auf dem Weg zur Toilette einen seltsamen Raum entdecken. Hinter einer unversperrten Tür erstrahlt ein holzgetäfeltes, gemütliches, geradezu perfektes Arbeitszimmer, mit bequemen Sitzmöbeln, allerhand Kunst an den Wänden – und einer Aura, in der man einfach nicht anders kann, als gerne arbeiten zu wollen.
Genutzt wird der Raum aber von sonst niemandem – also stiehlt sich unser grauer Star immer wieder in diese vier Wände, um letztlich seine Tasks besser und bravouröser zu erledigen als all seine anderen Mitstreiter hier in diesem Purgatorium aus Disziplin, Compliance und Konformität.
Das Problem dabei: Dieser Raum sollte eigentlich gar nicht existieren. Denn was mit Orson tatsächlich passiert, während er meint, an diesem Ort zu verweilen, ist ein Umstand, durch den er noch mehr zum Außenseiter wird.
Das Aufbrechen verkrusteter Workflows
Versteckt im wirren Ökosystem des Streaming-Anbieters amazon prime kauert diese vom dänischen Regisseur Joachim Back inszenierte Mysterysatire unbeachtet vor sich hin – bis man darauf zugreift und ein eigentümliches, sanftes Mindfuck-Märchen serviert bekommt, das eine Lanze bricht und die Türen in unentdeckte Räume eintritt für Nonkonformität, Innovation und Individualismus. Alles Eigenschaften und Zustände, die so manch scheuklappiges Büro-Biotop, das ohnehin schon am Trockenen liegt, frisches, sprudelndes Wasser aus Quellen zuführt, die in einem selbst schlummern.
Die Quellen der Innovation
Mit dieser Metaphorik kann Beck, dessen Film auf dem Roman Das Zimmer des Schweden Jonas Karlsson beruht, so treffsicher arbeiten, das sofort klar ist, wie sehr dieser Orson mit seinen unorthodoxen Methoden, die das Beste aus ihm herausholen, wohl den Kürzeren ziehen wird.
Wie so oft in der Wirtschaft ist für den „Kleinen Mann“ das selbstständige Denken wohl kaum das, was jene, die anschaffen, erleben wollen. Wenn das Ergebnis der Arbeit ein gutes ist, müsste beim Modus Operandi die Frage nach dem Wie nicht gestellt werden müssen. Doch Neid, Regeln und der damit einhergehende Starrsinn machen Innovationen den Garaus. Diese Innovation ist dieser Raum, das kreative Zimmer im Kopf, die Quelle der Inspiration und der Ideen.
Statt dem Brett gleich die ganze Wand vor dem Kopf
Nur nicht anders denken als alle anderen – Corner Office sucht seinen Fluchtweg raus aus dem Einheitsgrau durch die Flure, um die Ecke, an der Büroküche mit den flackernden Leuchtstoffröhren und dem Kopierzimmer vorbei auf eine leere Wand zu, die durchbrochen werden muss.
Diese kleine, feine Büro- und Alltagskritik im Stile lakonischer Near-Future-Dystopien aus dem Norden Europas könnte so etwas wie ein Must-See für Schreibtisch-Virtuosen sein. Vorzugsweise nach Büroschluss, um sich vorzunehmen, am nächsten Tag oder gleich nach dem Wochenende den richtigen Weg einzuschlagen, wenn es heisst, das eigene Potenzial ausschöpfen zu wollen.
DREHBUCH: ANA NOGUEIRA, NACH DER GLEICHNAMIGEN COMICREIHE (2021-2022)
KAMERA: ROB HARDY
CAST: MILLY ALCOCK, EVE RIDLEY, MATTHIAS SCHOENAERTS, JASON MOMOA, DAVID KRUMHOLTZ, EMILY BEECHAM, DAVID CORENSWET, FERDINAND KINGSLEY, DIARMAID MURTAGH, ALICE HEWKIN, WIL COBAN U. A.
LÄNGE: 1 STD 48 MIN
Thanos und eine Lanze für den Comicfilm
Ich weiß nicht, warum gerade im Genre des Superheldenfilms andauernd geunkt wird. Wenn schon, dann müsste sich den Vorwurf des sich wiederholenden Einheitsbreis fast schon jede Art von Film gefallen lassen. Dabei darf man nicht vergessen, dass alle Geschichten dieser Welt sowieso nur auf wenigen narrativen Mustern beruhen.
Dass nur in dieser Welt der Capes und Anzüge und Superkräfte mehr inhaltliche Variation eingefordert wird, und im Sektor des romantischen Films, des queeren Films oder des Actionfilms deutlich weniger, mag verwundern. Doch womöglich liegt die Provokation zum Spott gerade in der Haltung so mancher Übermenschen, wenn sie in falscher Bescheidenheit die Welt retten müssen – und der Antagonist selten reflektiert, warum er eigentlich alles unterjochen will.
Es mag dieser Mangel an Besinnung sein, der das Genre für manche so dumm erscheinen lässt. Nach dem nach wie vor für sich alleinstehenden Jahrhundertwurf eines Thanos und dem Aufbegehren ausgesuchter Avengers gegen ihn hat der Comicfilm dahingehend wirklich alles unternommen, um für voll genommen zu werden.
Superhelden und ihr Bewusstsein, Superheld zu sein
DC hat sich der Schwere eines Zac Snyder, dessen Interpretationen ich aber schätze, weile sie nahe an den Figuren der Heftvorlagen sind, entledigt. Weg mit den Ego-Trips und den Selbstgerechtigkeiten. Mit diesem Jammern auf hohem Niveau über verpasste Kindheiten, katastrophale Schicksale und sippenhaftende Widersacher.
Man muss zugeben, Henry Cavill und Ben Affleck waren sich zwischen gefälligem Gehabe eines Tech-Milliardärs und repräsentativer Eitelkeit wohl immer stets bewusst, wie toll sie nicht sind. Davon ist im neuen Tonfall von James Gunn kaum mehr etwas übrig. Sein Superman ist weitestgehend frei von Selbstüberschätzung.
Dieser Superman kann mit dem Begriff Superman wenig anfangen und wirkt eher so wie einer, der mal wieder Lust hat, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Wie angenehm unprätentiös. Und wie ehrlich bescheiden. David Corenswet trifft den Charakter auf den Punkt. Sympathisch, nahbar, manchmal peinlich und sagenhaft freundlich. Seine Cousine macht es ihm gleich.
Ein Take-Away-Abenteuer, handlich und zeitgemäß
Bereits im neuen Superman von vor einem Jahren angeteasert, bekommt Ex-Targaryen-Mädchen Milly Alcock nun ihren Solo-Auftritt. In einem Abenteuer, das an Originalität jetzt nicht gerade ersäuft, dafür aber dazu steht, dass in diesem Genre wie in jedem anderen auch Geschichten nicht viel anders können als Vorhandenes zu variieren.
Da gibt es die finsteren Briganten mit Matthias Schoenaerts als gepiercter Sklavenhändler Krem, der junge Mädchen entführt, um den Fortbestand seiner Rotte zu sichern. Ganz schön düster für ein leichtfüßiges Abenteuer. Mädchenhandel, Missbrauch, Unterdrückung – schwere Themen, die Craig Gillespie (I, Tonya, Cruella) auf wundersame Weise zu einem Missstand macht, über den man nicht lamentiert oder in Schockstarre verharrt, sondern den es zu ändern gilt. Ärmel hoch, das Schwert fest im Griff – und die Rache wird zum süßen Wort.
Leg dich nicht mit Frauchen an!
Dieses Supergirl will genauso wenig super sein wie ihr Verwandter, der es sich auf Erden bereits gemütlich gemacht hat. Mit dem animierten Hund Krypto und verbeultem Raumschiff säuft sie sich durchs Universum, von Spelunke zu Spelunke, ohne Ziel und Aufgabe. Diese lasterhafte Fehleranfälligkeit ist die Augenhöhe, die es braucht.
Die kleine Ruthye läuft ihr über den Weg, die Rache nehmen will an Krem, hat der doch ihre ganze Familie auf dem Gewissen. Kara, so Supergirls eigentlicher Name, kann da nicht nur zusehen. Der Altruismus schlägt durch, und dann wird auch noch Krypto vergiftet, von eben diesem Nadelkissen an Unhold, dem beide nun hinterherjagen – für Rache und Gegengift.
Anders als John Wick, der den Tod seines Hundes einfach nur rächen will, ist Supergirl nicht nach Rache aus – wie wohltuend wenig selbstgerecht. Im Prinzip aber ist es eine ähnliche Geschichte, nur mit deutlich mehr Aliens, und zwar so vielen unterschiedlichen Arten, dass das Star Wars- Universum fast schon Sorge haben muss, das Zepter der Biodiversität zu verlieren.
Aliens wohin man blickt
Mit liebevoll analogem Monsterdesign, wie sowas eben zu sein hat, muss Craig Gillespie gar nicht mal große Einladungen aussprechen, damit man den beiden jungen Frauen ins Abenteuer folgt. Man hätte das auch so getan, weil man mit einer wie Kara auch befreundet wäre, hätte sie keine Superkräfte. Weil die Dame schlicht und ergreifend das Herz am rechten Fleck hat, ohne Mission, ohne hehrem Ziel, sondern einfach nur, weil manche Umstände es verlangen.
Wie normal sind Superhelden?
Dieses Herunterbrechen auf den Charakter gelingt. Milly Alcock ist neben David Corenswet eine Nachbarin von nebenan, eine geerdete Person. Mit sich selbst niemals ganz im reinen, aber auf eine Weise, die Identität einfach mit sich bringt.
Supergirl ist ein launiger, kompakter, unverkrampfter Ausflug, nimmt nebenher noch feministisch angehauchte Frauenpower mit, ohne penetrant zu wirken – und schenkt am Ende noch Jason Momoa, der seinen Aquaman verloren hat, ein neues Leben als Baumarkt-Version von Gene Simmons von den Kiss. Dieses bärige Raubein schaut nur zufällig vorbei und kreuzt den Weg der beiden tatkräftigen Frauen, ohne sich gleich zu irgendeiner League zu bekennen.
Supergirl ist dabei ein Film ohne Zwang, aufgesetztem Idealismus oder einer ganze Epochen umspannenden Queste. Gillespies Film ist einfach nur ein Abenteuer. Wie herrlich simpel, geradeheraus. Zwar nicht erfrischend anders, dafür aber erfrischend normal.
DREHBUCH: JULIAN SCHNABEL, LOUISE KUGELBERG, NACH DEM ROMAN VON NICK TOSCHES
KAMERA: ROMAN VASYANOV
CAST: OSCAR ISAAC, GAL GADOT, GERARD BUTLER, JOHN MALKOVICH, MARTIN SCORSESE, AL PACINO, JASON MOMOA, LOUIS CANCELMI, SABRINA IMPACCIATORE, FRANCO NERO, BENJAMIN CLEMENTINE U. A.
LÄNGE: 2 STD 30 MIN
Was genau ist Gonzo-Journalismus?
Jedenfalls nichts aus der Muppet-Show. Es leitet sich auch nicht von Gonzales ab – im Grunde beschreibt es die Abkehr vom Objektivismus bei der Berichterstattung, ist subjektiv, polemisch, leidenschaftlich. Mehr etwas wie ein innerer Bericht, eine Ich-Bekundung zu welchem Thema auch immer.
Hunter S. Thompson zum Beispiel war so jemand. Filmfreunde und Freundinnen wissen: Dieser Mann lieferte die Vorlage zu Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegas – einem Bericht also, der beschreibt, wie sich mit allerhand Drogen und Alkohol die Realität verzerren lässt.
Die göttliche Komödie ist gar nicht zum Lachen
Wer da auch noch als Pionier für diese Ego-Form der Reportage gilt, ist Nick Tosches. Er schrieb nicht nur Biografien über Künstler wie Jerry Lee Lewis, sondern ersann auch manch Belletristisches, wie zum Beispiel den Fake-Artefakte-Thriller In the Hand of Dante. Dabei ist von Dante Alighieri die Rede, dem italienischen Wunderwuzzi aus dem Mittelalter, dem wir die Göttliche Komödie zu verdanken haben – einer symbolischen Reise durch das Jenseits, gegliedert in 3 Teile: Die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies.
Zuerst muss man als Sterblicher durch die Hölle, die wiederum ist in 9 Kreise eingeteilt – dabei lässt sich dieser ganze opulente und einzigartige Text noch weiter auseinanderklamüsern, alleine der 8. Kreis der Hölle gliedert sich abermals in zehn Bögen. Was da alles auf uns zukommt, wenn wir abnippeln – sagenhaft. Selbst Dante musst davon entzückt gewesen sein, oder von seinem eigenen Werk erschlagen.
Julian Schnabel und sein Gaunerstück
Gleich zu Beginn schickt uns der Künstler und Feingeist Julian Schnabel, der schon so manchen Künstler portraitiert hat, darunter Vincent van Gogh und Basquiat, zwar nicht durch das Inferno der Hölle, sondern gemeinsam mit Oscar Isaac in zeitgemäßer Tracht des 13. Jahrhunderts zumindest auf den im Purgatorio aufragenden Läuterungsberg.
Er selbst beschreitet den Weg, Dante Alighieri – denn niemand anderen spielt der Star in diesem ausschweifenden Hybriden aus kostümträchtigen Historienfilm und einem Mafiakrimi, der sehr viele nervöse Finger über sehr viele sensible Abzüge legt. Will heißen: In the Hand of Dante macht kaum Gefangene, was ich bei Julian Schnabel nun wirklich nicht vermutet hätte.
Von diesem schmackhaft mediterranen Ambiente verabschiedet sich der Filmemacher nur kurz, um nahe zur Jahrtausendwende 2000 bei eingangs erwähntem Nick Tosches vorbeizusehen, der sich in seiner literarischen Vorlage auch selbst zum Protagonisten erklärt hat.
Zurück in der Zukunft
Wie sich unschwer im Laufe der Handlung erkennen lässt, sieht der historische Dante diesem Nick Tosches erstaunlich ähnlich. Auch Love Interest Gal Gadot, die sich hier um redliches Schauspiel bemüht, scheint als verführerische Sekretärin mit Flashback an ein früheres Leben auch schon mal existiert zu haben. Und zwar als zumindest historisch gesicherte Gemma Donati, die bessere Hälfte des Poeten.
Wenn man also bislang schon nichts über Dante gewusst hat, so weiß man durch Julian Schnabels Film und vielleicht auch durch meine Review hier schon etwas mehr. So richtig schräg wird es dann, wenn die schwarzweiße Hatz nach diesem einzigen Manuskript, das es von Dante geben soll, losbricht. Der vom Meister bekritzelte Packen Papier: unbezahlbar – doch John Malkovich als Schwarzmarktpate will ihn haben!
Sympathieträger unter Italiens Sonne
Er schickt Nick Tosches gemeinsam mit einem Herren fürs Grobe los, einem Ungustl unter der Sonne, so einen gibt es kaum ein zweites Mal. Und Gerard Butler hat, während er diesen obszönen Killer mimt, sichtlich Freude daran. Oscar Isaac muss da sehen, wo er bleibt – und kompensiert seine Rolle mit allerhand Arroganz.
Sympathisch ist das nicht. Sympathisch ist in Schnabels Film überhaupt niemand so richtig. Und dennoch bleiben diese miniatürlichen Gaunereien, diese Dialogskizzen, die der Film zum charakterlichen Ausbau seiner Charaktere benötigt, nicht ohne Faszination.
Vom Anlocken Schaulustiger
Tatsächlich kann diese zwischen knallhartem Mafiaepos und Dan Brown, der auf einen Drink mit Nicolas Cage aus der Vermächtnis-Abenteuerfilmreihe geht, durchwegs auf eine Weise unterhalten, die hart an Schaulustigkeit grenzt.
Ordentlich im Weg steht ihm dabei der gescheiterte Versuch, den Ursprungs-Dante, und eben nicht seine Reinkarnation, auf den Weg zu bringen. Da reißt es ihn innerlich um, den Dichter, zwischen Selbstmitleid, Lamento und Entrücktheit – ein Geschwafel sondergleichen, bei dem sogar Martin Scorsese, versteckt unter ordentlich Haarwuchs, auch noch mitmischt.
Dante als ungreifbare Figur
Ergiebig sind diese Abstecher ins Mittelalter überhaupt nicht. Als Backpulver für einen Film, der sich sonst wie ein Trivialkrimi aus der Groschenroman-Abteilung anfühlt und Stereotypen schafft, dass es ärger nicht geht, vielleicht auf eine gewisse Weise sinnvoll – doch beides passt schlichtweg nicht zusammen. Wer Dante war? Davon hat man auch am Ende keine Ahnung.
Als Künstler will man Kohle machen
Wenn ein Schriftsteller also mit Abstand von 600 Jahren abermals auf sein Werk blicken würde – würde er all die verborgenen Fehler darin erkennen, die man hätte besser machen können? Schnabel wünscht sich diese Meta-Ebene so sehr, doch ein Gespür dafür, wie er sie hineinbringt, hat er nicht.
Vielleicht liegt es an der selbstgefälligen, viel zu zynischen Spielweise des Oscar Isaac,. Der ja den ganzen Film dominiert und der am Ende scheinbar seinen Charakter verrät, wäre da nicht diese Sache mit der Reinkarnation, die so manches erklärt. Und nebenbei den Wunsch erfüllt sieht, als Künstler reich zu werden.
Was bleibt ist ein unrunder Versuch, einen Egotrip als Egotrip zu inszenieren. Starbesetzt zwar, aber nicht reif fürs Paradies, scheitert In the Hand of Dante am Läuterungsberg immer wieder am Aufstieg.
CAST: PHOEBE DYNEVOR, DJIMON HOUNSOU, WHITNEY PEAK, ALYLA BROWNE, STACY CLAUSEN, DANTE UBALDI, AMY MATHEWS. ELIJAH UNGVARY, JON PRASIDA U. A.
LÄNGE: 1 STD 23 MIN
Sommersaison ist Hurrikan-Saison – zumindest im Süden der Vereinigten Staaten. Während hier im Herzen Europas der Heat Dome wie eine Käseglocke die aus Nordafrika heraufziehende Saunaluft konserviert, bewegen sich die Luftmassen andernorts um so vieles mehr, als würden sie die Trägheit des Wetters jenseits des Atlantiks kompensieren wollen.
Mach die Welle!
Im Survival- und Katastrophenreißer Thrash des Norwegers Tommy Wirkola, den wir ja alle nicht erst seit der Shootout-Variante von Hänsel und Gretel kennen und der eine siebenfache Noomi Rapace als wandelnden Wochenkalender in What Happened to Monday gegen ein dystopisches Geschwisterverbot ankämpfen ließ, schickt nun haushohe Wellen aus dem Atlantik über die Küste bis in jedes Haus, das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Pfahlhütte durchgeht.
Aufgegabelt während des Hurrikans
Die Küstenstadt Annieville ist in Thrash Schauplatz einer Katastrophe, in der Phoebe Dynevor als schwangere junge Dame, die jeden Moment ihr Kind zur Welt bringen kann, nur eine von mehreren Protagonistinnen und Protagonisten darstellt, die auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Wasser, der Gefährlichkeit dahintreibender und von der Energie des Wassers herumgeschleuderter Objekte und natürlich gefräßigen Bullenhaien klarkommen müssen. Dynevor jedenfalls steckt in einem Fahrzeug fest – so wie es aussieht, und so wie Wirkola es darstellt, ist ihre Lebenszeit wohl abgelaufen, denn die starre Astgabel, die sie umschlingt, lässt sich wohl nicht brechen.
Katastrophe überall
Falsch gedacht, zumindest bei Thrash. Denn hier geht nichts mit rechten Dingen zu. Gefährlich ist es auch nur dann, wenn die Story in Anbetracht des Ensembles schon längst zwischen entbehrlich und unentbehrlich entschieden hat. Von anderen Filmemachern, die mit diesem Genre vertraut sind wie zum Beispiel Alejandro Aja (z.B. Crawl) oder Jaume Collet-Serra (The Shallows), will Thrash kein bisschen lernen, was sich dadurch erkennen lässt, dass er sich in leidenschaftsloser Episodenhaftigkeit verliert.
Haie als kleine Fische
Wirkola begibt sich zum ersten Mal ins Genre des Katastrophenthrillers, will aber auch am Tierhorror mitnaschen, nur sind seine Haie selten viel mehr als zähnefletschendes Treibgut. Ihnen schenkt er relativ wenig Beachtung, sie sind eben Nutznießer der ganzen Situation und betreiben feuchtfröhliche Home Invasion, um in Küchen und Vorzimmern fremder Häuser ihre Runden zu drehen – mal sehen, ob ein Zweibeiner seine Extremitäten ins Wasser hält.
Im Vergleich dazu setzt Die Wasser der Seine – ebenfalls ein haarsträubender Netflix-Tierhorror ohne exorbitanter Katastrophe, die den Viechern die Show stiehlt – voll auf Fokus, zieht das Ding durch und feiert genau diesen B-Movie-Faktor konsequent bis zum Ende. Thrash hingegen weiß die meiste Zeit nicht, in welcher Tonalität er sich bewegen soll, wie weit er gehen darf und wie viel Übertreibung denn für so eine Katastrophe, die alles andere als parodiert werden will, gestattet sein darf. Wirkola verliert sich in halbgar erzählten Schicksalen, frönt Küchenkredenz-Parcours und schwimmenden Betten, konzentriert sich aber auf nichts richtig und hat schlichtweg das Problem, sich selbst in diesem Szenario nichts zuzutrauen.
Am Ende die Übertreibung
Am Ende macht er dann das, was er von Beginn an schon hätte machen sollen: Die Trash-Karte ausspielen, das überzogene Gedöns, die Natur beim Wasser-Wrestling, die lustvolle Übertreibung. Wirkolas Spaß an der Sache kommt erst spät, letztlich wirkt sein Zugeständnis nur noch aufgesetzt und kaum noch vonnöten, anders als bei den späten Gästen einer Party, die umso schöner werden.
CAST: HUGH JACKMAN, JODIE COMER, BILL SKARSGÅRD, MURRAY BARTLETT, NOAH JUPE, FAITH DELANEY, JADE CROOT, TABITHA SMYTH, CLIVE RUSSELL, BEAU THOMPSON U. A.
LÄNGE: 2 STD 2 MIN
Wie wir alle wissen, gibt es im Genre des Westerns sämtliche Unterkategorien, von denen manche – auch ich – noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel der Begriff Acid-Western. War euch der geläufig? Viel eher lässt sich mit der Bezeichnung Spätwestern etwas anfangen – was sich aber, fälschlicherweise, nicht auf die zeitliche Ebene bezieht, in der ein solcher Western spielen soll. Sondern auf die Melancholie und die Schwere später Einsicht, die Akzeptanz eines Endes, auf den Abgesang.
Raus aus den Strumpfhosen!
Auch im Historienfilm, oder eben im Genre des Mittelalterfilms, gibt es ihn: Den Spät-Mittelalterfilm. Und gab es ihn vorher nicht, hat ihn Michael Sarnoski jetzt, mit seinem Death of Robin Hood, endlich etabliert. Natürlich lässt sich Robin und Marian von Richard Lester auch als Spät-Mittelalterfilm bezeichnen.
Auch dort ist der Vagabund des Sherwood Forest eine alternde, desillusionierte Persönlichkeit, die das Abenteuer bereits weit hinter sich gelassen hat. Sarnoskis Mythos des Helden in Strumpfhosen, mit Feder in der Kappe und Sinn für Gerechtigkeit – den gibt es nicht. Oder eben nur in Geschichten. Und selbst diese Geschichten sind nur Ausreden dafür, dass einer wie Robin Hood eben plündern, morden und brandschatzen kann, was geht – trifft es doch laut eigener Meinung sowieso immer nur die „Bösen“.
Vom Monster, das keines mehr sein will
Mit so einem Robin lebt man eher mit Arm ab als dass man arm dran dahinvegetiert in einer Welt, die so unwirtlich, undankbar und gewalttätig ist, dass selbst einer wie Robert Eggers seinen Northman als braven Buben präsentieren kann, der auch nur einfordert, was ihm zusteht, während dieser Robin Hood hier sein Lebtag lang nur genommen hat, was nicht sein eigen ist.
Und jetzt – Jahrzehnte später, der Mann ist alt, mit verfilztem grauem Haar wie ein erschreckend auf Entzug gesetzter Geralt von Riva aus dem Witcher-Kosmos – denkt der große Bogenschütze über sein Leben nach. Und er ist müde, womöglich krank, jedenfalls einfach durch und durch desillusioniert, weil auf der Habenseite dieses Lebens nichts mehr existiert außer die Freiheit. Manche würden sagen: das ist ja nicht nichts. Aber Geborgenheit, Ruhe, ein Platz zum Verweilen – wäre angesichts des Lebensabends durchaus wünschenswert. Und auch die Tatsache, dass das, worauf einer wie Robin Hood zurückblicken kann, irgendwie nichts wert ist.
Morden ist wie Blumenschneiden
An Disneys kecken Fuchs ist dabei nicht zu denken. An Kevin Costners edler Gesinnung, unterlegt von Bryan Adams schmachtender Stimmlage, auch längst nicht mehr. Michael Sarnoski (Pig, A Quiet Place: Tag eins) liefert uns unwirtliche, sturmumtoste Hochebenen und einen beissenden Schneesturm. Hier ist es endlich kalt, abkühlen lässt es sich alleine durch diesen Anblick einer zumindest was die Witterung angeht lebensfeindlichen Welt, in der ein in Lumpen gehüllter Waldschrat gerne diesen Mythos gelebt hätte, in dem er steckt, der sich selbst verleugnet und für den das Töten immer noch so ist wie Blumenschneiden.
Ist Robin Hood nur eine Variable?
Was hat dieser Mann – überzeugend dargeboten von Hugh Jackman, der hinter seinen Zotteln kaum wiederzuerkennen ist – denn eigentlich noch mit Robin Hood gemein? Das könnte doch genauso gut irgendein anderer Kerl sein, ein anderer Verbrecher. Wie entstand also dieser Mythos?
Nur vage traut sich Sarnoski an die Beantwortung dieser Frage. Er behält sich auch vor, abzubilden, wie es zu diesem Sinneswandel bei Robin Hood überhaupt kommen konnte. Jedenfalls gesellt sich schon zu Beginn der gute alte Little John zu seinem Spezi, der ihn bittet, sein ebenfalls unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut einschließlich Ehefrau und Kind zurückzuholen, das ihm von der Familie des von ihm getöteten Ex-Ehemannes entwendet wurde.
Vom Blutrausch zur Besinnung
Die anfänglichen zwanzig bis dreißig Minuten dieses Films sind dann auch eine bis zum Exzess getriebene, archaische Blut- und Gewaltorgie, währenddessen Robin und Little John versuchen, ihr unrechtmäßiges Recht einzufordern. Sarnoski findet Bilder von urtümlicher Kraft, monströse Schattenrisse vor brennenden Höfen, pelzummantelte Hünen, Blut, Beuschel und Gebrülle. Menschen werden zu Tiere, das Mittelalter war furchtbar, richtig furchtbar.
Und dann der Twist – auch der stilistische Twist, die Kamera wird ruhiger, alles wird heller, Jodie Comer kommt ins Spiel als Priorin eines Klosters am anderen Ende des Königreichs. Der halbtote Robin Hood setzt zur Genesung und zur Besinnung an, entdeckt sowas wie Reue und die Möglichkeit, Konflikte auch anders klären zu können als nur mit roher Gewalt.
Die Legende hat keinen wahren Kern
Doch der Mythos wird immer noch nicht zu Robin Hood selbst, er ist das große Versäumnis eines Lebens, eine idealisierte Alternative, die einer wie er hätte leben können. Nun wird’s philosophisch, still, kontemplativ, aber immer noch von einer gewissen animistischen Magie durchdrungen, die gar nicht so sehr Christentum sein will.
The Death of Robin Hood wird zum Abgesang bar excellence, mehr absingen geht nicht. Das letzte bisschen Würde, wenn es denn überhaupt eine gab, lässt Sarnoski seiner Figur nun angedeihen. Diese Ruhe, diese Entwicklung alleine im Gespräch, in den Blicken und im Bauen von Bögen mag die Erwartungshaltung so mancher für diesen Film, die mit den ersten zwanzig Minuten gut konnten, völlig zuwiderlaufen und auch enttäuschen.
Am Ende siegt die Selbstgerechtigkeit
Doch man tröste sich, die Enttäuschung teilt man sich mit Robin Hood, den die Selbstgerechtigkeit dann doch noch holt. Lieber gleich wissen, was gut und richtig ist, denkt sich der auf ein sinnloses Leben zurückblickende, als sich nach Lust und Laune durch ein solches treiben zu lassen, dessen Weg unzählige Leichen pflastern.
Niemals wieder wird Robin Hood so sehr entzaubert werden können wie hier. Beschützer der Witwen und Waisen? Zumindest am Ende noch. Doch selbst da beugt er sich keinem Willen.
LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN, FRANKREICH 2025
REGIE / DREHBUCH: HLYNUR PÁLMASON
KAMERA: HLYNUR PÁLMASON
CAST: SVERRIR GUÐNASON, SAGA GARÐARSDÓTTIR, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, GRÍMUR HLYNSSON, ÞORGILS HLYNSSON, INGVAR SIGURDSSON, ANDERS MOSSLING, KATLA M. ÞORGEIRSDÓTTIR U. A.
LÄNGE: 1 STD 49 MIN
Ganz zu Beginn hat unser Planet ganz anders ausgesehen. Superkontinent Pangäa, dann Gondwana – bis vor die Haustüre der Stadt Wien reichte das Flachmeer, Austernbänke im Nordosten des Landes zeugen heute noch davon, wie es damals war.
Intakte Systeme haben auch mal ein Ende
Vielleicht war alles ganz harmonisch, gemächlich, unter tropischer Sonne dahinplätschernd, dahinlebend. Alles wunderbar. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich alles verändert, kein Meer mehr, kein Superkontinent, isolierte Inseln mit isolierten Arten und so weiter und so fort. Nichts ist beständig, alles vergeht, Neues entsteht, und die Welt macht weiter.
Terrence Malick hat in seinem kontemplativen Epos The Tree of Life über nichts anderes sinniert. Sein Film beginnt überhaupt schon mit dem Urknall, mit der Ausdehnung des Universums und landet am Ende bei einer Familie, deren Eltern Jessica Chastain und Brad Pritt sind. Hlynur Pálmason wagt sich an ein ähnliches Gleichnis heran. Er spart sich aber Urknall und Planetenwerdung und die ersten Lebewesen auf diesem Planeten, die aus dem Wasser krochen – obwohl das Wasser stets Bestandteil seiner bruchstückhaften und dann doch wieder stringenten Erzählung bleibt.
Papa im Sog des Meeres
Schließlich ist der Vater dieser Familie ein Fischer – und zieht, wie es der Job verlangt, immer mal wieder über Tage und Wochen aufs Meer hinaus. Er selbst wird zum Fremdkörper im System und entfernt sich, wie die Raumsonde Voyager von unserer Erde, immer weiter von jenen, die ihm viel bedeuten. Dass diese Fliehkraft so stark an der Vaterfigur zieht, liegt natürlich an der Trennung der Eltern.
In der Kinderstube selbst sitzen zwei Söhne und eine Tochter; zwei davon noch nicht mal Teenager oder gerade erst. Sie leben bei Muttern, rein berufsbedingt. Die wiederum versucht sich als Land-Art-Künstlerin, arbeitet mit dem Wetter, mit Rost und Metall. Dazwischen ein zerbrochener Alltag auf Island, mit Momenten der Vollständigkeit, wenn Papa mit auf Ausflug geht. Schön ist das, und dann wieder doch nicht. Nichts ist, wie es mal war, nur die Liebe bleibt, eine ganz gewisse Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, und Kinder für ihre Eltern. Das ist The Love That Remains.
Familie bei jeder Witterung
Es wäre ja alles eine recht ernüchternde, besinnliche, mitunter wehmütige kleine Geschichte, wenn Hlynur Pálmason hier nicht Regie geführt und sich diese isländische Miniatur zwischen all den Wetterlagen ausgedacht hätte. Pálmason ist ein Andersdenker, seine Filme sprengen Sehgewohnheiten, erklären sich nicht, bleiben kryptisch, symbolisch und experimentell.
Erkennen kann man Pálmasons Stil an den statischen Betrachtungen von Landschaften und so manchen Dingen. Nichts bewegt sich, nur die Zeit zieht vorüber – die Zeit, der Tag, die Nacht, das Wetter. Jede noch so mögliche Witterung nimmt Einfluss auf das zu Betrachtende – und gerät damit in Bewegung.
Auf die Spitze treibt Palmason seine Zeitpanoramen in Weißer weißer Tag – in seinem bislang besten und stilistisch beeindruckendsten Meisterwerk Godland über die Missionierung Islands lässt er tote Tiere eins werden mit ihrer Natur, während wir dabei zusehen.
Die ganz eigene Insel-Realität
In dieser reduzierten Opulenz, in der die Unwirtlichkeit eines Landes fast schon zum Hauptdarsteller wird, geistert diese vierköpfige Familie zwischen Sehnsucht, Begehren, Streben und Innehalten dahin. The Love That Remains behält trotz all seiner entrückten Experimentierfreude den roten Faden seiner Geschichten in der Hand und lädt sie auf mit märchenhaften Metaphern, die aber stets so wirken, als wäre hier oben im Norden das Metaphysische und Surreale Teil einer anderen, eben dieser Insel-Realität.
Immer wieder kehrt Pálmason zu einem Holzpflock in der Erde zurück, an dem irgendwann die lebensgroße Puppe eines Ritters gebunden wird, mit Helm und Harnisch. Die Kinder schießen Pfeile auf sie ab, immer wieder. Diese Manifestation einer Heldenfigur, die sowohl für den Vater als auch für die Mutter steht, wird irgendwann lebendig – als Opfer einer aufgestauten Aggression und einer Ohnmacht, die ein nicht mehr intaktes Familiengefüge vor allem bei denen, die abhängig sind, mit sich bringt.
Ein nicht planbarer Zugang
Dass Stilbrüche in einem Film zu einem eigenen Stil werden – dafür bedarf es vor allem Konsequenz in der Umsetzung von Visionen, die aus dem Inneren kommen. Vieles in The Love That Remains erklärt sich durch intuitives Wahrnehmen, wie schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen. Pálmasons Film ist einer, in den man sich genauso hineinfallen lassen sollte, ohne viel nachzudenken. Dass man dann, genauso wie die Figur des Vaters, weiter so dahintreibt wie auf offener See, weit entfernt die rettende Küste, dann macht das gar nichts. Dann ist The Love That Remains eben nicht steuerbar, wie die Sehnsucht selbst.
LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2026
REGIE / DREHBUCH: MURIEL D’ANSEMBOURG
KAMERA: MYRTHE MOSTERMAN
CAST: CAOLÁN O’GORMAN, SAFIYA BENADDI, ANDREW HOWARD, ALESSA SAVAGE, LYNDSEY MARSHAL, CAMERON JAMES-KING U. A.
LÄNGE: 1 STD 42 MIN
Alleine die Ausgangssituation, die dieser Film liefert, bricht ein Tabu: Der Sohn filmt Papa beim Sex mit anderen Frauen. Nimmt man es genauer, spielt hier der Kindesmissbrauch rein, denn Alec – der Teenie, um den es hier geht – ist 17 Jahre alt und somit immer noch minderjährig. Und Alec, der sollte das nicht tun müssen. Niemand sollte seinen Vater beim Sex filmen – auch dann nicht, wenn Porno dessen Business ist.
Skandalfilm durch die Hintertür
Ist Truly Naked also ein „Skandalfilm“? Setzt er sein Publikum einer perversen und somit auch dysfunktionalen Familiensituation aus? Das kann man so sehen, obwohl Alec zu diesem Tun nicht gezwungen wird. Was sich die Vaterfigur dabei aber zunutze macht, ist genau das: die Vaterfigur; die patriarchale Übermacht, die mit jovialem Verhalten kaschiert wird, die augenscheinlich wertschätzend wirkt. Dahinter verbirgt sich der Missbrauch eines juvenilen Gewissens, das erstens vermutlich selbst noch nicht erkannt hat, den Eltern überhaupt nichts schuldig zu sein. Und zweitens auf diese Weise Intimität und körperliche Liebe als entwertet wahrnimmt.
Niemand will liebende Menschen sehen
Ein Vater tut so etwas nicht. Und Porno ist nicht nur ein Business. Muriel d’Ansembourg will mit dieser bizarren Vater-Sohn-Beziehung die Verantwortung der Erziehenden genauso zum Thema machen wie die gesellschaftliche Verrohung im Hinblick auf Sexualität und die immer noch kolportierte toxisch-männliche Sicht darauf.
Die Pornoindustrie lebte lange davon, Frauen den Männern zu unterwerfen. Das alleine passiert durch den Male Gaze immer noch. Wenn Sohn und Vater dabei anfangs noch einen Blickwinkel teilen, wandert der des Sohnes auf unerwartete Weise dank Klassenkameradin Nina in eine ganz andere, progressive Richtung.
Denn Nina, die kommt aus einem queeren Elternhaus, ist aufgeschlossen und kritisch. Und gleichzeitig an Alec auch als Frau interessiert, während dieser sein Doppelleben als Kameramann und Schnitt-Techniker in Papas Business tunlichst geheim halten will. Was ohnehin nicht funktioniert – spätestens dann nicht, wenn Papa plötzlich vor der Schule aufschlägt, mit seinem Star im Schlepptau.
Mann kommt, Frau nicht
Mit Truly Naked will Muriel d’Ansembourg beileibe nicht nur eine ungewöhnliche Teenagerromanze für Erwachsene erzählen, die mit einem Reizthema anecken will. Verstanden kann ihr Film, der niemals voyeueristisch wird, vorrangig als Gleichnis dafür, wie unachtsam die kommende Generation in Sachen Rollenbild, Equalität und Achtsamkeit erzogen wird – mitunter nämlich gar nicht.
Der Pornoindustrie ist das egal, sie lebt von den Trieben. Doch auch dort stecken Menschen dahinter, die in Kauf nehmen, dass Sex als mechanisches Perpetuum Mobile betrachtet wird, in denen sich der weibliche Part fügen muss. Der Höhepunkt ist da nur Show, doch dem Manne reichts.
Schritt für Schritt aufeinander zu
In Truly Naked wendet sich das Blatt – für die Alten längst nicht mehr, doch zumindest für die Jungen, oder eben für „den“ Jungen, der die Sensibilisierung durch weibliche Klugheit, Provokation und simplen, aber effektiven Achtsamkeitsübungen erfährt. Einen auf die Barrikaden gestiegenen Feminismus gibt es hier keinen, auch die Frauenrolle wird hier hinterfragt. Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen sind nur zwei Antworten darauf. Den Blick der Männer vom Körper weg auf die Person zu lenken, wird dabei zur hart erkämpften Errungenschaft.
Die Kunst der Wahrnehmung
„Hier oben bin ich, schau mich an“. Mit diesen oder ähnlichen Worten lockt die bezaubernde und faszinierende Schauspieldebütantin Safiya Benaddi den grundlegend verstörten Alec aus seinem verkehrten Weltbild. Ihr zartes, verletzliches Spiel reflektiert den Film auf einer Ebene, die das Publikum ohne Hemmungen und Scham betreten kann – Benaddi lebt die Würde, das Natürliche und Kämpferische.
Mit ihr gelingen d’Ansembourg Szenen von bereichernder Raffinesse die man so, losgelöst, fast schon als Take-Away-Schlüsselmomente betrachten und eben mitnehmen kann in einen komplexen Gender-Alltag, der nach wie vor jede Menge Diskurs liefert. Woran man sieht, dass hier vieles noch im Argen liegt. Und Intimität wirklich etwas ist, das mit dem Erkennen des Gegenüber zu tun hat. Als Person, nicht nur als Körper.
CAST: CHIWETEL EJIOFOR, RENATE REINSVE, MARK DUPLASS, FINN BENNETT, LUKITA MAXWELL, AVAN JOGIA, KRISTA KOSONEN, ROBERT BOBROCZKYI U. A.
LÄNGE: 1 STD 50 MIN
„Folge dem Kaninchen!“ So heisst in Lewis Carrols psychologischem Sinnbild Alice im Wunderland, einer viktorianischen Coming-of-Age Geschichte, die das Innere eines Mädchens nach außen kehrt. Wir wissen alle: Alice taucht ein in eine Welt, für die seltsame Verfremdung der Realität ein Hilfsausdruck ist, die ihr aber insofern vertraut vorkommt, da sich Zustände manifestieren, die sich als ihre eigenen erkennen lassen.
Rabattaktion auf Reisen ins Ich!
Diese Psychofantastik hat sich mehrere Jahrzehnte später an die Gegebenheiten der Gegenwart angepasst. Kein Kaninchen mehr, kein Hutmacher, keine Spielkartenarmeen und kein Jabberwocky. Willkommen im Zeitalter des Kapitalismus, der Konzerne und der Anonymisierung des eigenen Ichs. Da hinein ist Kane Parsons geboren. In eine Welt, die kaum mehr weiße Flecken aufweist, die bis auf wenige Inseln und Täler als erschlossen gilt, wo niemand mehr auf Entdeckungsreise geht wie anno dazumal Columbus, Humboldt oder James Cook.
Die Idee von der Welt in der Welt
Beides, das Mysterium der Reise ins eigene Ich und der Drang, hinter das bereits Entdeckte zu blicken, um selbst noch mal Entdecker zu werden, lässt das Multidimensionale des Marvel-Universums genauso reifen wie die Grundidee der Gebrüder Duffer und ihren Stranger Things, die das Upside Down geschaffen haben – eine Welt, die später als manifestierte Kopfgeburt eines Psychopathen analysiert werden wird – und die reale Welt mit dieser verwaschenen Kopie ihrer selbst zeitgleich und ineinander existieren lässt.
Das Verständnis der Räumlichkeit wird dabei ausgehebelt – ob die Zeit selbst dabei verzerrt wird, mag man noch hinterfragen, denn klar ist: Zeit und Raum können nicht unabhängig voneinander existieren. Das Erfassen des Raumes ergibt sich durch die Kenntnis der Zeit, die man braucht, um ihn zu durchqueren – um es ganz simpel auszudrücken.
Betretbare Geisteszustände oder: Irgend etwas stimmt hier nicht
Kane Parsons war gerade mal elf, als der Netflix-Hype Stranger Things vom hauseigenen Bildschirm waberte. Die Idee der verkehrten Realität oder einer verzerrten Ausgeburt einer selbigen könnte aus diesem Fernseherlebnis entstanden sein, vielleicht aber auch aus dem Lesen von Stanislav Lems Solaris – und der Begeisterung für einen ganz großen Kino-Surrealisten: David Lynch.
Wenn jemand etwas mit Räumen zu tun hat, die in Zwischenwelten und einerseits in der Realität und auch wieder nicht existieren, dann ist das dieses in die Filmgeschichte eingegangene Mastermind, das mit Twin Peaks und seinen als White und Black Lodge bezeichneten Welten aus Schachbrettböden und roten Vorhängen auch Eulen nicht mehr sein ließ, was sie schienen. In ihnen tanzen Zwerge und sprechen rückwärts, ein gealterter FBI Agent Cooper sitzt in einem roten Fauteuil, auch Laura Palmer schreit sich dort die Seele aus dem Leib. All das erscheint vertraut und doch verkehrt, mit diesem Knick der Realität und dem Gefühl, irgend etwas – und tatsächlich ist dieses Etwas enorm – stimmt hier nicht.
Im Großraumbüro von Agent Cooper als Lost Place
Dabei wäre die Bezeichnung fürs Lynchs Expeditionen in Dimensionen dahinter als Traumwelten zu schwach. Sie sind mehr als das. Sie hegen schließlich die Vermutung, dass diese aus Raum und Zeit losgelösten Hirn-Welten als Makro-Welten tatsächlich, und zwar auf Quantenebene, existieren könnten.
Womit wir eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen, nun endlich auch Parsons Backrooms begreifen zu können. Denn die sind wie Lynchs Welten eine verfremdete vertraute Realität, die wie billige Kopien wirken, die eine eigene Mathematik schaffen – die der leeren Quader. Sie geben sich voll und ganz einer der Natur inhärenten Geometrie hin – ganz in Gelb.
Dieses Gelb alleine wirkt schon toxisch, doch je tiefer Chiwetel Ejiofor als Protagonist Clark in diese Welt eindringt, die als materialisiertes Ich auch für andere zugänglich scheint und eben nicht nur für sich selbst, je variabler wird das alles. Je tiefer und weiter es also in diese Backrooms hineingeht, desto gefährlicher, schmutziger und dunkler werden sie.
Jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen Hund gesehen hat
Es drängt sich der Vergleich auf, dass Backrooms vom Unterbewusstsein handelt. Was denn sonst? Das Unterbewusste existiert, als gebrochener Spiegel der Realität. Was für eine Freud(e), diese Ordnung der uns gewohnten Dreidimensionalität aufzuheben. Diesen Spaß hatte sich schon Zeichner M. C. Escher gemacht, in dem er seine unmöglichen Architekturen auf Papier brachte, in dem er die Möbius-Schleife einfach weitergeführt hat.
Auch die Backrooms sind unendlich, einen kleinen Hinweis gibt Parsons mit einem Filmzitat aus Die unendliche Geschichte. Auch hier wieder: Eine rein aus der eigenen Fantasie erzeugte Welt. Somit ist Backrooms mit seiner Prämisse längst nicht neu. Nur zeitgemäßer, weniger märchenhaft. Weniger bombastisch wie bei den Duffer-Brüdern. Sondern psychoanalytischer, essentieller. Direkt an den Molekülen andockend.
Ein Hype, ganz für sich allein
Diese Idee wurde 2019 zum Hype, dieser Hype zu einer der wuchtigsten Creepypastas im Internet. Und natürlich muss das Studio A24 hier aufspringen und ganz in seinem Sinne diese faszinierende Welt, die , wenn man sich lange genug damit beschäftigt, in ihrer Unlogik vorne und hinten völlig logisch erscheint, auf die Leinwand bringen.
Junge Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren stürmen also die Kinos sogar an heißen Sommertagen. Die Frage, ob Parsons Regiedebüt gelungen ist oder missglückt, stellt sich gar nicht. Sein Film genügt sich in seiner Prämisse völlig selbst, braucht da weder Feedback noch ein Qualitätssiegel. Das dieses Sich-selbst-Genügen genau das ist, was an dieser Sache so fasziniert, ist das Schöne daran.
Es bellt der andalusische Hund
Doch auch wenn man Backrooms bewerten will: Parsons überlässt den Kinofilm zu seiner Youtube-Legende nicht ganz dem Zufall. Und womöglich weiß er selbst nicht so genau, wen er da glücklich macht mit seinem Werk. David Lynch hätte es gefallen, er würde seine Wesenheiten als elegante Hommage wiederfinden, ohne sie benutzt zu sehen.
Gehen wir noch weiter in der Zeit zurück, würde Luis Buñuel sich darin bestätigt sehen, dass Einrichtung nicht mehr ist als der symbolische Platzhalter für das belastende Materielle, für die Schwere der Existenz. Wer je Buñuels Der andalusische Hund gesehen hat, wird bei all dem Gerümpel in dieser Backrooms-Dimension ein verwandtes Motiv erkennen, nämlich jenen Mann, der beim Durchqueren eines Zimmers einen ganzen Bulk an Möbel hinter sich herzieht. Renate Reinsve gibt Antwort: Von Jeremy Cox genial gefilmt, probt sie derweil die Flucht durch einen Sofa-Parkour.
Als Dokumentation wird alles nur noch gruseliger
Backrooms ist somit die aktuellste Antwort auf ein vernachlässigtes Filmgenre – und überhaupt auf einen vernachlässigten und sehr oft als reiner Dekor fehlinterpretierte Stil: Den Surrealismus. Parsons versteht, worum es dabei geht. Womöglich versteht er es wie sonst kaum jemand, der sich nach David Lynch daran versucht hat.
Parsons wird zum Spezialisten, der es sich aber nicht nehmen lässt, seinen Vorbildern sichtbar für alle zu huldigen. Und dazu gehört neben bereits erwähntem auch The Blair Witch Project – ohne Found Footage-Horror wäre Backrooms nur das halbe Zimmer. Der Wille zum Erforschen und Erlangen von Erkenntnis hat schon in den Neunzigern die Hexenjäger im Wald auflaufen lassen: Jetzt opfern sich bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, um der Wahrheit auf den Leib zu rücken.
Erklär‘ mir Schrödingers Gesichter
Den Horror-Regeln unterwirft sich Backrooms nur bedingt, nur solange es seinen Reminiszenzen dient. Dass er sich dabei komplett dem psychologischen – oder gar psychotherapeutischen– Aspekt unterwirft, dem will er, den Duffer-Brüdern gleich, mit der Möglichkeit eines profanen, aber immer noch rätselhaften Mysteriums entgegenwirken. Das beschert ihm eine gewisse Balance und entzieht ihm damit den Vorwurf, in irgendein Geschwurble abzudriften.
Backrooms ist verankert und gleichzeitig auch losgelöst. Und schafft obendrein, seit dem SW-Independentfilm Fremont, eines der irrsten und schönsten Schlussbilder zugleich, das im Quantengedächtnis eines Malers wie Francis Bacon, der mit seinen multiplen Gesichtern immer schon verstört hat, verankert bleibt.
Dafür alleine ist Parsons Film schon sehenswert, neben all den Details, die wie eine gebührenfreie Spielwiese für jene Enthusiasten anmutet, die in ihrem Kopf genug Abenteuer für ein ganzes Leben finden – und manchmal sonst nichts brauchen.
CAST: ROSE BYRNE, A$AP ROCKY, CONAN O’BRIEN, DANIELLE MCDONALD, CHRISTIAN SLATER, IVY WOLK, LARK WHITE, DANIEL ZOLGHADRI, DELANEY QUINN U. A.
LÄNGE: 1 STD 53 MIN
Die Abwesenheit von Personen
Das erste, was mir in Emily Bonsteins Psychotrip unangenehm auffällt, ist die Abwesenheit des Kindes. Und das, obwohl es relativ häufig Teil der Handlung ist. Die Abwesenheit von etwas in If I Had Legs I‘d Kick You treibt nicht nur Rose Byrne dem Abgrund näher, sondern auch mich in eine gewisse Dissonanz. Was Bronstein vorhat, ist so stur wie provokant: Das Kind selbst ist immer nur indirekt zu sehen, man hört es reden, weinen, schreien, toben.
Enervierend wird es, wenn Lindas Tochter spricht, wenn sich Linda selbst mit ihr unterhält. Selbst da rückt Christopher Messina mit seiner Kamera keinen Zentimeter von Rose Byrnes Gesicht weg, sondern hält stoisch drauf, rückt dabei noch näher, lässt das Gesicht sogar zu einer Art abstrakter Landschaft werden. Doch sie ist es nicht, die ich in diesem Moment sehen will.
Unbekanntes Leiden
Viel lieber aber würde ich dieses Mädchen sehen. Anscheinend ist es krank – auch hier hält sich Bronstein mit Informationen zurück. Zumindest wird klar: Das Leiden verlangt künstliche Ernährung, die über eine Magensonde verabreicht wird. Daher muss Mama Linda auf Schritt und Tritt bei ihrer Tochter bleiben. Wieder ein Faktor, der seltsam irritiert. Warum so ein Geheimnis um das Kind? Und weshalb muss Rose Byrne so dermaßen formatfüllend die Leinwand sprengen?
Ereignishorizonte des Alltags
Als Planet Mama kann es schnell passieren, und der Care-Arbeit leistende Himmelskörper, der durch den Alltag rotiert, wird über den Ereignishorizont eines Wasserrohrbruchs hinweg in ein schwarzes Loch gezogen, das sich an der Decke in der Wohnung manifestiert hat und diese zur Zeit unbewohnbar macht. Linda und ihr Kind hausen in einem Motel, der Papa existiert zwar auch, trägt aber auch das Stigma der Abwesenheit mit sich herum, schließlich ist er Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes – wenigstens das weiß man, wenn schon sonst nichts.
Rose Byrnes „Planet Mama“ gerät aus der Umlaufbahn. Als Psychotherapeutin macht sie einen miesen Job, und wenn sie den mal nicht macht, liegt sie am Sofa ihres Kollegen (Conan O’Brien, der Oscar-Host) oder geistert in der unbewohnbaren Wohnung herum, um sich von der Gravitation des Abgrunds anziehen zu lassen. Der funkelt und die Lichter tanzen, wie in einem Traum.
Albtraum einer „Rabenmutter“?
Womit wir Emily Bronsteins Film am ehesten fassen können: mit der Mechanik des Traumes. Surreale Elemente vermengen sich mit einem getriebenen Alltag, der aber auch nicht apokalyptischer scheint wie viele andere auch, wie vielleicht manchmal der eigene. Das Stigma des Versagens kann sich damit aber ausreichend nähren und scheint Rose Byrne vom Zustand des Bedauerns bis zur instinktiven Flucht zu begleiten. Das Kind ist immer noch nicht greifbar, der oscarnominierte Star immer noch formatfüllend, und irgendwann taucht auch Christian Slater auf, den wir sonst nur zu hören bekommen.
Viel Lamento um recht wenig
If I Had Legs, I‘d Kick You – ein Filmtitel, der keinen Sinn ergibt, denn die Phrase hat sich Bronstein in ihren Teenagerjahren ausgedacht – ist ein unrundes Werk, das aufreibt, Unruhe hinterlässt und ihre Protagonistin vorschnell an die Grenze der Resilienz gehen lässt.
Die Mutterrolle selbst wird, so wie in Nightbitch oder Nightborn, nicht hinterfragt oder neu definiert. Gesellschaftliche Isolation ist auch nicht das Thema. Versagensängste, die auch Danielle McDonald in einer Nebenrolle umtreiben und die als einzige den Zustand Byrnes insofern reflektiert, dass man diese Figur besser fassen kann, führen zu einem artifiziell aufgeblasenen und seltsam trotzigen Problemfilm, der sich selbst ausreichend gut gefällt.