Silent Friend (2025)

VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN

8/10


© 2025 Lenke Szilágyi / Polyfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: ILDIKÓ ENYEDI

KAMERA: GERGELY PÁLOS

CAST: TONY LEUNG CHIU-WAI, LUNA WEDLER, ENZO BRUMM, LÉA SEYDOUX, SYLVESTER GROTH, MARTIN WUTTKE, JOHANNES HEGEMANN, RAINER BOCK, MARLENE BUROW, YUN HUANG, LUCA VALENTINI, FELIX BUROSE U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Mein Sitznachbar im Kino verrät mir, dass der Film schon viel zu lange dauert. Alle zehn Minuten wandert sein Blick aufs Handgelenk, nur mit viel Disziplin schafft er es, die Überlänge abzusitzen. Das in Film empfohlene Zeitempfinden scheint bei ihm nicht angekommen zu sein. Liegt es daran, dass Pflanzen die Geduld strapazieren? Wenn ja, dann wäre der Film von vornherein schon nicht sein Thema gewesen, und es würde mich wundern, ihn hier vorzufinden. Allerdings gibt es aber auch Leute, die gar nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie ins Kino gehen. Sich überraschen zu lassen, ist in dem Fall alles. Auch eine Methode, warum denn nicht. Von Methoden weiß Ildikó Enyedi schließlich auch so einiges zu berichten.

Die Relavitität der Langsamkeit

Während also mein Sitznachbar immer wieder das temporäre Voranschreiten kontrolliert, verliere ich komplett das Zeitgefühl. Zweieinhalb Stunden dauert Silent Friend, ein technisch-philosophisches Triptychon zu manch elementarem Rätseln unserer Existenz, das ein eigenes Empfinden von Geschwindigkeit auslöst. Anders gesagt: Man kann einen Film so entschleunigen, dass eine gewisse Relativität entsteht – damit meine ich eine gewisse verblüffende Kurzweiligkeit, das Ergebnis eines erzählerischen Sogs, der, wenn man alle Sinne öffnet, diese auf sich zieht. Das passiert gerade dann, wenn nichts passiert. Oder nur sehr wenig. Diese Langsamkeit, die sich einer gewissen permanenten Beobachtung entzieht, ist wohl die Charaktereigenschaft der Pflanze.

Drei Zeitebenen, drei Studien

Bis auf die Mimose, die Enyedi auch thematisiert, bleiben Reaktionen der Botanik auf äußere Einflüsse in ihrer Unmittelbarkeit eher endenwollend. Weder hören wir Menschen, noch sehen wir Menschen, wie diese Lebensformen kommunizieren – und wir wissen gar nicht mal oder denken darüber auch nicht nach, ob sie es tun. Auch wenn wir täglich diesen Wesen begegnen, empfinden wir weniger Leben in ihnen als im Tierischen, was sich als Trugschluss herausstellt – spätestens dann, wenn Student Hannes (Enzo Brumm) Anfang der Siebziger Jahre auf die Geranie seiner Kommilitonin achtet, während diese sich auf Forschungsreise begibt. Die Geranie ist aber nicht nur zum Bewässern da – sie ist Teil einer Studie, um herauszufinden, wie Pflanzen wann und worauf reagieren. Hannes sieht das als Herausforderung, das kleine pinke Gewächs aus der Reserve zu locken. Viele Dekaden früher sehen wir Luna Wedler als einzige weibliche Biologiestudentin an der Universität Marburg, in dessen Garten ein stattlicher Ginko-Baum steht. Sie entdeckt ihre Vorliebe für Fotografie, unüblich damals für Frauen, wie so ziemlich alles, was nicht Herd bedeutet, ganz so wie Karl Blossfeldt, und erkennt dabei aus physiologischer Sicht verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Pflanze. Um das Triptychon komplett zu machen, reist Enyedi ins Jahr 2020, zur Hochzeit der Covid-Lockdowns. Ebenfalls in Marburg, und immer noch mit Blick auf den stattlichen Ginkgo, ist Tony (Tony Leung Chiu-wai, In the Mood for Love) ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, zum Nichtstun verdammt. Dieser Müßiggang bringt ihn aber auf neue Ideen. Warum denn nicht die Impulse dieses Baumriesen aufzeichnen, der schon vieles gesehen haben muss in seiner Existenz. Ob er sich an diese Dinge erinnern kann? Ob Mensch und Baum in Verbindung treten können, so, als würden sie ein Gespräch führen?

Einlassen auf ein lebendiges Gegenüber

Aktion und Reaktion, die verblüffende Vielfalt der Formen, die Suche nach Verbindung, die das Zeug hat, in andere Dimensionen vorzustoßen: Silent Friend lässt die vertraut unvertraute Welt aus Rinde, Blatt und Wurzel als reflektierenden Erkenntnisspiegel uns selbst betrachten. Unsere Wissbegier, unsere Sehnsucht nach Mysterien, und vor allem das Geborgenheit schaffende Gefühl, ein Teil des großen Ganzen zu sein. Der Ginkgobaum im Garten, er scheint alles zu wissen, jedes Geheimnis dieser Existenz. Wir selbst sind ahnungslos, und dadurch unerbittlich im Erlangen von einem Stückchen Wahrheit nach dem anderen.

Selten zuvor war ein filmisches Werk gerade durch seine jedem Drängen erhabene Erzählweise so erquickend. Die Sekunden sind lang, doch keine davon zu viel. Minuten werden zu Augenblicken, die Stunde zur halbstündigen Episode, beim Betrachten von Silent Friend geraten Wahrnehmungen durcheinander – ich als Zuseher (nicht mein Sitznachbar) nehme diesen Rhythmus an. Silent Friend verlangt Bereitschaft, Unvoreingenommenheit, und ganz wichtig: Geduld. Es ist aber nicht die Geduld des Wartens und Nichtstuns und Harrens, bis eintritt, was wir schon am liebsten gestern gewollt hätten, dass es passiert. Es ist die Geduld, die man erfordern muss, wenn man sich auf etwas einlässt. Auf eine Studie, ein Tier im Dickicht des Waldes und man möchte es beobachten. Auf die Geburt eines Kindes oder die Hoffnung, dass der Gingkosamen keimt. Ausdauer und Beharrlichkeit – in Zeiten wie diesen schwindende Werte. Ildikó Enyedi gibt sie uns zurück, mit noch einem Quäntchen Emanzipation, Feminismus und der mühsam erlernten Voraussetzung, das vor allem erst mal der Mensch unter seinesgleichen bereit sein sollte, sein Gegenüber wahrzunehmen, bevor er eintaucht in etwas ganz anderes. Silent Friend ist so etwas. Etwas ganz anderes.

Silent Friend (2025)

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

BREHMS TIERLEBEN ALS TEAMSPORT

7/10


© 2026 Sony Pictures Animation


ORIGINALTITEL: GOAT

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TYREE DILLIHAY, ADAM ROSETTE

DREHBUCH: AARON BUCHSBAUM, TEDDY RILEY

KAMERA: JOHN KLARK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CALEB MCLAUGHLIN, GABRIELLE UNION, AARON PIERRE, NICOLA COUGHLAN, DAVID HARBOUR, NICK KROLL, STEPHEN CURRY, JENIFER LEWIS, PATTON OSWALT, JENNIFER HUDSON U. A.

LÄNGE: 1STD 40 MIN



Warum steckt der Strauß eigentlich seinen Kopf in den Sand? Manche sagen, er tut dies, weil, wenn er nichts sehen kann, sehen die anderen, die ihn vielleicht jagen, genauso wenig. Stimmt aber nicht. Der Strauß steckt den Kopf gar nicht in den Sand, es ist lediglich das Resultat falscher Beobachtungen. Und dennoch, auch wenn wir eines besseren belehrt werden können, bleibt dieses Verhaltensklischee an diesem Tier haften wie Honig auf Bienenwaben. Vielleicht, weil es so kurios ist.

Auf Tierklischees herumdribbeln

Folglich kann man davon ausgehen, dass Straußdame Olivia genau das tun wird. Und Mane, das Pferd im Netztrikot und vollbeladen mit überheblichen Sprüchen, tut so, als wäre es die schlichtweg auserwählte Spezies auf dem Planeten, während darüber gar nichts mehr kommt. Wen wir sonst noch im Team haben? Nashorn Archie, der seine beiden Kinder mit sich herumschleppt, den verhaltensauffälligen Leguan Modo (fälschlicherweise auf Wikipedia als Komodo Dragon bezeichnet), eine Giraffe, die trotz ihres langen Halses am wenigsten parodiert wird – und zu guter Letzt der kleine Ziegenbock Will, aufgrund seiner Statur eben vollkommen ungeeignet für einen Sport, der sich ROAR nennt und frappant an Basketball erinnert, mit einigen abenteuerlichen Extras natürlich, die man im normalen Spiel nicht finden wird. Für dieses ROAR begeistert sich der Spalthufer schon von klein auf – im gerade mal erlangten Erwachsenenalter scheint ihm die Tür zum Erfolg gerade aufgestoßen zu werden. Ein Capybara und eine Hyäne sind an dieser Sache nicht ganz unbeteiligt. Schon findet sich Will im Team der nicht gerade auf der Erfolgswelle dribbelnden Thorns wieder, was Panther-Teamchefin Jett sauer aufstößt. Die – und auch alle übrigen des Teams – können mit so einem Dreikäsehoch so gut wie gar nichts anfangen. Was in ihm steckt, offenbart sich erst später, wenn es hart auf hart kommt und Will beweisen kann, dass es nicht auf die Größe, nicht auf die Tierart, nicht auf etablierte Klischees ankommt. Dass ein Um- und Andersdenken von Stereotypien neue Potenziale eröffnet.

Der ganze Brehm in Farbe

Klar läuft alles darauf hinaus, dass es gut wird. Hindernisse sind in G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge nur dazu da, um sie zu überwinden, um sie aus dem Weg zu räumen. Filme wie diese legen es auch nicht drauf an, Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen. Es passiert, was passieren muss, und das ist fast schon Nebensache, wenn man sich nur ansieht, wie die gefühlt ganze Fauna eines Planeten niemals despektierlich, sondern wohlwollend karikiert oder gar parodiert wird. Das Pferd ist dabei einer der Highlights, mitunter auch das der Komfortzone erliegende Capybara oder das auf den eigenen Vorteil bedachte Warzenschwein als toughe Business-Lady. Viele Liebe fürs Detail und ein ausgeprägtes Gespür für Farbgebung haben die Macher von Sony hier hineingesteckt, und das mussten sie auch tun, um ihr eigenes Zoomania aus der Taufe zu heben.

Was Disney hat, will auch der andere Konzern, und legt dabei noch eines drauf: Während bei Zoomania ganze Tiergattungen warum auch immer fehlen, sind die urbanen Gefilde in G.O.A.T. deutlich artenvielfältiger, von der Schabe bis zum Papagei kreucht und fleucht es deutlich mehr, ist die Biomasse einfach üppiger, ist der Hamsternachwuchs fast schon mit einer kleinen Bevölkerungsminderheit gleichzusetzen, wenn die kleinen Flauschbälle Tribbles-like auf der Couch vor dem Fernseher Platz nehmen, um das Spiel zu sehen. Und das ist zugegeben furios gefilmt.

Diese Jugend von heute

Wenn man so will, lässt sich G.O.A.T. tatsächlich als insgeheimes Spin-Off von Zoomania betrachten, und was man auch deutlich erkennen kann, ist, dass das Thema Mannschaftssport deutlich mehr Charakterwitz lukriert als es ein Kriminalfall tut – was nicht heisst, dass Fuchs und Kaninchen bei ihren Nachforschungen nicht auch zur Genüge auf artspezifisches Verhalten stoßen. In G.O.A.T. gelingt dieser Umstand aber wie von selbst und macht erst dann Halt, wenn die Jugendsprache Einzug hält ins sportive Weltgeschehen. Das hat dann gar nichts mehr mit Tieren zu tun, sondern eher nur mit einem jungen Publikum, das im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sehr wohl auch mitbekommen haben, was so als Jugendwörter des Jahres in Frage kommt, in Augenhöhe mit dem Film positioniert werden. Mitunter mag das andauernde Wiederholen von „Das Crazy“ etwas auf die Nerven fallen, die durchaus heftige Anbiederung an die Zielgruppe bisweilen ebenso.

Doch seis drum, wer Tiere mag, und diese auch gerne als Fabel sieht: wer sowieso auf Zoomania steht und eine Welt frei von Homo sapiens (obwohl Homo sapiens durchaus auch in jedem dieser Tiere steckt) als die bessere betrachtet, der findet in dieser scheinbar gepinselten Bilderwelt 100 Minuten überraschungsfreie, gute Laune.

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

Wuthering Heights – Sturmhöhe (2026)

VERLORENE LIEBESMÜH

7/10


© 2026 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: EMERALD FENNELL

DREHBUCH: EMERALD FENNELL, NACH DEM ROMAN VON EMILY BRONTË

KAMERA: LINUS SANDGREN

CAST: MARGOT ROBBIE, JACOB ELORDI, HONG CHAU, SHAZAD LATIF, ALISON OLIVER, MARTIN CLUNES, EWAN MITCHELL, AMY MORGAN, VICKI PEPPERDINE, PAUL RHYS, OWEN COOPER, CHARLOTTE MELLINGTON, VY NGUYEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN



Emily Brontës einziger Roman hat es in sich. Es geht um Arm und Reich, um mögliche und unmögliche Liebe, um Arrangements und gescheiterte Existenzen. Um Machtmissbrauch, Verschmähungen und wütende Egotrips. Im Grunde ist der ganze Stoff alles andere als romantisch, weit weg von Jane Austen und Henry James, von Sinn und Sinnlichkeit, Gefühl und Verführung oder leicht ironischen Werken wie Emma. Und doch bezeichnen viele Sturmhöhe als den romantischen Schmöker schlechthin, während im Kino gerade recht zum Valentinstag ein theatralisches Epos die Leinwand erobert hat, dass glückselige Zweisamkeiten entweder mit Füßen tritt oder die Harmonie zwischen zwei Liebenden einfach nicht als etwas anerkennen will, das es auch tatsächlich gibt.

Nachhaltige Romantik tut weh

Man muss dazusagen: Einem Film wie Love Story, nun, dem war, nach gefühlt 100 Packungen Taschentüchern, ein glückliches Liebesleben genauso wenig vergönnt. Vielleicht sind Happy Ends genau nicht das, was glücklich vereinte Paare eigentlich sehen wollen. Vielleicht ist der Herzschmerz, der nicht getilgt werden will, genau das, um die eigene Beziehung in Relation zu setzen und dankbar dafür zu sein, dass man in einer solchen weilen darf. Da können sonstige RomComs nur der Zerstreuung dienen, ohne jeglichen Nachhall. Die wirklich bedeutenden Liebesfilme, die haben kein gutes Ende, sondern ziehen in den Abgrund, in den Tod, in die Ausweglosigkeit. Hach, wie herrlich vernichtend ist doch die Liebe. Und gerade weil sie das ist, tragisch und traurig und schmerzlich und vielleicht auch regelrecht gehässig und wütend, gerade deswegen findet die Romantik überhaupt erst Einzug in die Kunst. In die literarische, in die gestalterische, in die cineastische.

Von Liebe kann man nicht leben, oder?

Und hier sind wir wieder, bei Emerald Fennell, die sich nur den halben Schmöker von Emily Brontë zu Gemüte geführt hat und auch nur diese eine Hälfte verfilmt hat – bis zu jenem Punkt, an dem die Zweisamkeit ihr Ende findet. Der Herzschmerz geht Fennell aber im Grunde ihr wisst schon wo vorbei. Sie hält nichts von all dem Regelwerk, den Geschlechterrollen, dem sozialen Korsett vor allem auch aus einer Zeit, in der zwei Liebende unterschiedlicher Klassen niemals den Jackpot knacken würden. In der Stallburschen niemals auf die Liebe einer Adeligen hoffen konnten und umgekehrt. In der sich Frau verhökern und verkaufen musste, wenn das Hab und Gut des herrischen Vaters durch die Finger sickert und dieser der schwer verliebten Catherine Earnshaw, dargestellt von Margit Robbie, nichts außer Leergut aus dem Suff eines alten Mannes hinterlassen kann. Ihr Traummann ist zu diesem Zeitpunkt schon die längste Zeit ihr Ziehbruder Heathcliff, aufgegabelt als verstoßener Junge, aufgezogen vom Vater und Kindermädchen Nelly und als Erwachsener nicht mehr als ein Knecht. Die Liebe aber ist eine schmachtende und schwülstige – nackte, verschwitze Oberkörper tun da ihr Übriges. Und dann das: Der wohlhabende Nachbar Edgar Linton eröffnet Catherine ein Leben an seiner Seite unter Wohlstand und Ansehen. Stellt sich die Frage: Der wahren Liebe frönen, von der man nicht leben kann? Oder in der Gesellschaft aufsteigen, ganz ohne Liebe, sondern nur mit Duldsamkeit? Es kommt wie es kommen muss, der verschmähte Heathcliff verschwindet für ein paar Jahre und taucht dann wieder auf als gemachter Mann. Dumm nur, dass Catherine nun fremdgehen muss. Denn, nun ja, Everlasting Love ist so eine Sache.

Nicht nur Herzen flattern im Wind

Wenn es doch nur um die wahre, einzige Liebe gehen könnte in diesem opulenten Requiem der romantischen Ideale! Perfide Intrigen, trotzige Handlungen, manipulative Charaktere auf dem Ego-Trip. Klingt irgendwie nach Saltburn? Nicht weit verfehlt – der Psychothriller mit Barry Keoghan und ebenfalls Jacob Elordi ließ am Ende einen nackt durch die Flure tanzenden Egomanen zurück. Hier, auf den Wuthering Heights, ist es zu stürmisch, um nackt zu tanzen. Da flattern höchstens die Roben, die Schleier, Margot Robbies Haar. Fennell setzt ihre beiden neckenden Liebenden, die irgendwie alles tun und nichts so richtig, um wieder zusammenzukommen, in ein üppiges, provokant kitschiges Kostümgemälde, das burgtheaterhaften Glamour versprüht und derweil so dick aufträgt, dass man nicht umhin kann, das Werk als ein Stück postmodernen Naturalismus zu bezeichnen, vermengt mit Salz und Wind und Erde auf der Haut, die nach Sex schmeckt.

Wuthering Heights wirkt wie die Antithese zu Barbie, mit deutlich weniger Rosa, aber schadenfrohen Verhöhnungen auf der Zungenspitze, als wäre das alles nicht der Liebesmühe wert, als würde Fennell das Genre der untröstlichen Romantik gleichsam parodieren und es zu einem schwarzen Loch werden lassen, von dem man zweifellos angezogen wird, egal ob man mit solch verschwurbelten Emotionen letztlich kann oder nicht.

Wuthering Heights – Sturmhöhe (2026)

Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? (2025)

WEHMUTSSEUFZEN IM FLASCHENWALD

7/10


© 2025 Zieglerfilm / X-Verleih AG


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2025

REGIE: NICOLAS STEINER

DREHBUCH: BETTINA GUNDERMANN

KAMERA: MARKUS NESTROY

CAST: LUNA WEDLER, KARL MARKOVICS, LARS EIDINGER, DOMINIQUE PINON, NIKOLAI GEMEL, SAGA AGNES SUSANNA SARKOLA, JAN BÜLOW, VERA FLÜCK, PAUL SCHRÖDER, BETTINA STUCKY, BARBARA COLCERIU U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN



Dworak? Nein, Drowak. Leicht stolpert man über diesen Namen, dessen Konsonante r augenscheinlich nicht dort sitzt, wo sie sitzen soll, nämlich zwischen zwei Vokalen. Diese Schwierigkeit, über diesen Namen zu gelangen, entspricht auch ganz der Schwierigkeit, sich Drowak selbst anzunähern. Einem mit dem Leben nicht mehr mitziehenden alten Zausel, der sein Wehmutsseufzen, wenn es denn hochkommt, in die Hälse sämtlicher Flaschen bläst, die gefüllt sind mit allem, was Alkohol enthält. Ein Säufer unter dem trüben Licht einer geschäftigen Sozialdystopie, die es vielleicht nur gut meint mit ihren Rechtsbrechern und Außenseitern, und sie dazu verdonnert, Buße zu tun auf eine Weise, die sie an die Quelle ihrer Inspiration bringen soll. Dort, wo die ureigene Begabung wohnt, und die damit einhergehende Kreativität. Einmal ausgelebt, soll sie Rehabilitation und Heilung bringen.

Hilf dir selbst, sonst helf‘ ich dir

In diesem alternativen Entwurf einer sehr nah in der Zukunft liegenden Welt werden Individuen wie Drowak dazu verpflichtet, ihren kreativen Dienst zu leisten. Der kann mannigfaltig ausfallen, ob im Schauspiel oder in der bildenden Kunst. Drowak wählt als einziger die Schreibkunst, schließlich weiß er aus Erfahrung: Da hat er was am Kasten. Einzig und allein: es fehlt die intrinsische Motivation, und dafür gibt es vom Staat bereitgestellte Betreuerinnen und Betreuer, die motivierend unter die Arme greifen sollen. Bei Drowak beißt sich eine junge Dame wie Luna Wedlers Figur der Lena Jakobi gefühlt alle Zähne aus. Wobei sie gleich erkennt: Dieser alte, verlotterte Griesgram, dieser schwere Alkoholiker, der es nicht lassen kann – der hat einen weichen Kern, eine verbitterte, traurige Seele. Ihn aus dem Loch herauszuholen hätte Erfolgsgarantie, würde die selbst sehr einsame Lena, die daheim mit ihren lebensgroßen Puppen spricht, nicht der Ehrgeiz übermannen. Was letztlich nach hinten losgeht.

Empfohlen sei der Setzkastenblick

Visueller Overkill, keine stringente Handlung – nur ein paar Kritikpunkte ganz anderer redaktioneller Meinungen, mit denen das Langfilmdebüt von Nicolas Steiner klarkommen darf. Oder auch nicht, schließlich sind Meinungen verschieden, was man ohnehin immer wieder betonen muss, wenn sich mindestens zwei über die Qualität eines Films streiten. Bei Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? sollte man tun, was man schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen getan hat: Sich einfach hineinfallen lassen, ohne groß zu überlegen. Die Dinge wahrnehmen, sich darauf konzentrieren. Die virtuose Kamera, die einmal extreme Close Ups einfängt, um dann wieder brutalistischer Architektur in der Totalen zu frönen, mitverfolgen und sie vor allem auch akzeptieren. So kann ich, der diese Herangehensweise an Steiners Film praktiziert hat, weder visuellen Overkill noch eine fehlende stringente Handlung entdecken.

Zwischen Lummerland und Ostblockcharme

Die Tragikomödie rund um diesen Herrn Drowak hat im Grunde alles, was sie benötigt. Sehr viel Schicksal, eine schmerzliche Vergangenheit in Farbe, die Suche nach dem einzigen und wahren Ich, das sich im Schöpferischen manifestiert – und sehr viel Alkohol, bis hin zum Toilettenreiniger. Dem ganzen übergeordnet ist diese diffuse, traumartige Gesellschaftspolitik, deren Vorsitz ein clownesker Lars Eidinger einnimmt, der so entrückt wirkt, als wäre er ein Bewohner auf Michael Endes Insel Lummerland. Dieses Lummerland besteht in Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? aus dieser ohnmächtigen, beklemmenden Düsternis einer von Bürokratie überrumpelten und vereinsamten Welt, in der Nähe etwas Suspektes ist. In der sich die innere Freiheit an den Erfahrungen eines bisher gelebten Lebens unentwegt aufreibt. Und als wäre wieder einmal die Welt eines Jean-Pierre Jeunet nicht weit – denn so bizarr mag es mitunter in Drowaks Welt auch zugehen – taucht einer wie Dominique Pinon auf, den wir schon seit Delicatessen kennen, und ohne den Jeunet niemals auch nur einen Film machen will. Als Drowaks Nachbar erzählt dieser eine nebenher laufende, bittersüße Groteske, ohne dass Steiner dabei den Faden verliert. Schließlich kann er auf das Drehbuch der deutschen Schriftstellerin Bettina Gundermann zugreifen, die von vornherein klarmacht, welch existenzialistische Literatur ihr Euvre färbt.

Klar schreit ein Stoff wie dieser nach Schwarzweiß, damit auch jede Falte, das Papiermaché von Lenas Puppengesichter und jedes gespenstisch vollgeräumte Stiegenhaus, das Kafkas Ämterhorror auf spielerische Weise interpretiert, als sattes Relief die Leinwand strukturiert. Zwischendurch der farbige Kontrapunkt eines gelben Kleides in einem der atemberaubendsten Kinobilder des heurigen Jahres.

David Lynch meets Hans Moser

Das große Drama des entmündigten geistigen Eigentums, der veruntreuten und übervorteilten Kunst, die man vielleicht nur für sich selbst und seinen liebsten Menschen auf dieser Welt aus sich herauslässt – das große Drama eines Verratenen (den vielleicht sogar Hans Moser hätte spielen können) hält beharrlich an seinem Stil fest und rudert niemals völlig orientierungslos mit den Armen, um dick aufzutragen. Nicolas Steiner weiß, was er tut. Farben, Formen, Symbole – alle sind sie von Anfang an festgelegt, so erzählt Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? recht präzise seine tiefgründige Geschichte, die sich manchmal fast zu sehr in einer selbstbemitleidenden Düsternis verliert und ins Universum eines David Lynch eintaucht, wenn statt Hasen ganz andere Nager auf der Matte stehen.

Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? (2025)

Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (2025)

WER SICH SORGT, DEM WACHSEN FLÜGEL

5/10



© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: AZIZ ANSARI

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: KEANU REEVES, AZIZ ANSARI, SETH ROGEN, KEKE PALMER, SANDRA OH, BLANCA ARACELI, JOE MANDE, ADITYA GEDDADA, ALEXANDER JO, KRISTEN HENLEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Schau nicht so griesgrämig drein

Dass Keanu Reeves eigentlich auch Lustig kann, hatte ich längst vergessen. Ich muss auch zugeben: Seine Bill & Ted-Kultfilme habe ich nie gesehen (Filmbildungslücke – Ja oder nein?) Wir kennen den bekanntlich mit einer starken sozialen Ader ausgestatteten Filmstar schon seit geraumer Zeit nur noch als Kandidaten für das schwermütige Actionfach, als grübelnden Auserwählten oder als  spaßbefreiten Hardliner, der die Dinge in überzogenem Maße ernst nimmt. Als Ikone der distinguierten Killermaschine wird er sowieso schon längst in die Filmgeschichte eingehen, zusätzlich zu Matrix und My Own Private Idaho. Dabei kann seine Rolle als unkaputtbarer John Wick ohne Selbstironie ja gar nicht existieren. In John Wick: Kapitel 4 hat ihm dann doch jemand das Handwerk gelegt. Bevor sich die Ikone aber wieder aus dem Grabe erhebt und Reeves nur noch dazu ausersehen ist, seine von regennassen urbanen Nächten strähnig wirkende Haarpracht aus dem stoischen Gesicht zu wischen, um raunende Onliner zu schieben, muss er schnell die Seite wechseln. Zurück ins Komödienfach, raus aus dem Slimfit-Anzug, hinein in einen beigen Columbo-Gedächtnis-Trenchcoat. Was hier noch dazukommt, sind Engelsflügel aus dem Diskonter, ganz bewusst auf Billig getrimmt, denn Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel, will damit schon die wohllaunige Basis säen, auf der einer wie Reeves schon mal, bevor er auch nur irgendetwas zum besten gibt, gar nicht erst ernstgenommen werden kann.

Reichtum ist keine Schande

Als Schutzengel der Autofahrer, und dort wiederum nur in der Kategorie Handy am Steuer tätig, fühlt sich Gabriel (nicht der Erzengel) längst schon unterfordert und denkt an Karriere, die einhergeht mit etwas mehr Verantwortung. Und zwar über das Leben eines Sterblichen. Also nimmt er sich des von einer Pechsträhne verfolgten Arj an, der alles verliert: Job, Geld, Wohnung, Selbstachtung. Die Chance, beim superreichen Jeff (Seth Rogen) das Mädchen für alles zu machen, vermasselt er ebenso. Was Arj sich wünscht? Soll er doch zufrieden sein mit seinem Dasein, Reichtum ist nicht alles, meint Gabriel, der auf Probezeit nun intervenierender sein darf. Und schon tauschen der Reiche und der Arme wie durch Zauberhand die Rollen. Die Gegenwart schreibt sich neu, Jeff ist nun der Loser, Arj einer, der ein Haus mit Pool in den Hollywood Hills besitzt und auf die sozial Schwachen hinabsieht. Doch damit, dem Neureichen mit dieser Methode zu verklickern, was Materialismus alles für Schattenseiten besitzt, wird Gabriel nichts erreichen. In Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel stellen wir alle fest: Geld macht glücklich. Und Arm sein lässt sich nicht schönreden. Zumindest vorerst nicht.

Wohlstandsengel im Argumentationsnotstand

Es ist, als träfe John Landis‘ Die Glücksritter auf Wim Wenders. Fernsehliebling Aziz Ansari dürfte dessen Himmel über Berlin längst gesichtet haben, anders lassen sich die eingängigen Reminiszenzen an den in Schwarzweiß gedrehten Arthouse-Hit der 80er gar nicht anders erklären. Wie Reeves da vom Dach eines Hochhauses auf die darunterliegende Metropole blickt, hat was melancholisch-nostalgisches. Es könnte sich eine himmlische Romanze anbahnen, wie zwischen Nicolas Cage und Meg Ryan, die in der US-Amerikanisierung des Films mit Bruno Ganz die Tiefe der Vorlage etwas trivialisierten. Doch romantisch wird es eigentlich nie – und auch  von einer gewissen schadenfrohen Leidenschaft, die noch bei Dan Aykroyd und Eddie Murphy zu beobachten war, bleibt wenig über. Ansari mag das Drehbuch zwar löblicherweise auch selbst verfasst haben, doch ein Schreiber fürs Kino ist er nicht. Vielleicht liegt es auch am unbeholfenen Charme dieses Engels, der zwei linke Hände hat, der die auf der Hand liegenden Turbulenzen etwas ausbremst. Für mangelnden Verve sorgen auch die etwas zu grobmaschigen Dialogszenen, der betulich arrangierte Plot und die überhaupt nicht aufgehende Besinnung auf das Wesentliche im Leben, für das man dennoch auch ohne Geld schwer seine Motivation zeigen kann. Natürlich will Anzaris Figur von diesem Wohlstand nicht weg, selbst der Engel Gabriel hätte den gern.

Was Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel letztendlich aussagen will, sucht nach wie vor nach einer Probe aufs Exempel. Finden wird er sie nie, doch immerhin bleibt die Erkenntnis am Rande für alle übrig, dass Keanu Reeves eben nicht immer den angepissten Elite-Killer spielen muss, sondern einfach den völlig ausgenüchterten Good Guy von nebenan, der dir in der Fast Food Bude die Pommes rüberreicht. Ein angenehmer Anti-Star in einem zu beiläufigen Wertesuchspiel, dessen Ziel irgendwo dazwischen liegt, nur nicht am Ende.

Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (2025)

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

BACKE BACKE KUCHEN, SADDAM HAT GERUFEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: THE PRESIDENT’S CAKE

LAND / JAHR: IRAK, USA, KATAR 2025

REGIE: HASAN HADI

DREHBUCH: HASAN HADI, ERIC ROTH

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: BANEEN AHMAD NAYYEF, SAJAD MOHAMAD QASEM, WAHEED THABET KHREIBAT, RAHIM ALHAJ U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ich habe die Bilder noch vor mir, die damals um die Welt gingen. Der Diktator in einem Erdloch, ein Schatten seiner selbst, verfilztes Haar, langer Bart. Dann, Ende desselbigen Monats die Hinrichtung durch den Strang. Auch diese Bilder blieben einem nicht erspart, so wie damals schon, als das rumänische Verbrecher-Ehepaar Ceaușescu am Christtag erschossen wurde. Frohe Weihnachten, könnte man da nur sagen, und auf Erlösung hoffen. Die Rumänen konnten es, die Iraker wohl weniger – die stürzten daraufhin ins politische Chaos. Doch wie auch immer: Dieser Über und Unmensch Saddam Hussein, dieser Folterer und Forderer, Kriegsherr und Schwerverbrecher, ließ sich im Zenit seiner Regentschaft feiern, als hätte man es mit einem Gott zu tun, der seinen Untertanen das Wunder unterbreitet hat, unter ihnen auf Erden zu wandeln. Es ist sogleich faszinierend wie ekelerregend, dabei zu beobachten, wie ein Personenkult aus den Fugen gerät, wie ein Normalsterblicher sich dermaßen erhöhen kann, wenn er nur ausreichend Gewalt ausübt. Spätestens dann himmelt man jeden an, aus Angst, nicht selbst von der Bildfläche des eigenen Lebens zu verschwinden. Dann buckelt man, feiert man, rezitiert Leitsätze wie Heit Hitler, nur in diesem fall noch viel expliziter: „Mit der Seele, mit dem Blut, opfern wir uns für dich, Saddam.“

Vier statt sieben Sachen

Ein mit Verve geschmetterter Treueschwur wie dieser sagt mehr als tausend Worte. Dem ist tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht ein Kuchen. Den Saddam sowieso nie zu Gesicht bekommt, denn der blickt an seinem Geburtstag auf eine überlebensgroße Torte, da macht sich jede Prunkhochzeit dagegen armselig aus. Doch wie es damals, in den Neunzigern, die Ordnung verlangt hat, mussten selbst die Armen unter den Ärmsten dafür sorgen, dass der Diktator Süßes bekommt. Oder zumindest eine ganze Schulklasse einschließlich indoktriniertem Lehrer, der anlässlich des bevorstehenden Jubeltages die Rollen unter den Kindern verteilt. Mädchen Lamia, die mit ihrer Großmutter in einer Papyrushütte inmitten der mesopotamischen Sümpfe lebt, schafft es trotz aller Bemühungen nicht, dass der Kelch an ihr vorübergeht. Letztlich ist sie es, die den Kuchen zu verantworten hat. Doch dafür fehlen ihr alle Zutaten. Im Kinderlied Backe Backe Kuchen ist von sieben Sachen die Rede – Lamia begnügt sich mit vieren: Zucker, Mehl, Eier und Backpulver. Das alleine scheint schon unmöglich, zu beschaffen. Von Safran, der den Kuchen gelb macht, gar keine Rede. Zu ihrem Glück ist sie nicht allein – Schulkollege Saeed hilft ihr dabei, schließlich muss er das ganze Obst auftreiben.

Die mesopotamischen Sümpfe

Hasan Hadis bedrückender Jugend- und Politfilm, den man, auch wenn keine Kriegshandlungen per se zu sehen sind, als Antikriegsfilm bezeichnen kann, hat letztes Jahr in Cannes einige Erfolge erzielt, darunter die Goldene Kamera. Wichtig dabei zu erwähnen: Ein Kuchen für den Präsidenten wurde tatsächlich zur Gänze im Irak gedreht. In den südliche Sümpfen, in den umliegenden Städten (vermutlich Basra). Die zum Weltnaturerbe der UNESCO hochgestufte Wasserwelt mit ihren kunstvoll arrangierten Naturbauten und all den eleganten Ruderbooten, die da die Wasseradern entlangschippern, beeindruckt nicht nur bei Sonnenauf- und untergang sowie zur blauen Stunde. Die augenscheinlich völlig harmonische Lebensweise feiert ethnographische Romantik, die gerne verschleiert, wie bettelarm all diese Leute sind. Doch das Regime ist gnadenlos, und selbst ein Kuchen wird zur Mission Impossible.

Sollen sie doch Kuchen backen

Hasan Hadi bleibt den beiden Jungschauspielern auf den Fersen, die während ihrer Odyssee durch die Stadt nicht nur ihren eigenen Überlebenskampf austragen, sondern miterleben, wie es andere tun – vor allem die Erwachsenen, die in ihrer Not Werte und Würde verraten. Saddams Regentschaft aus der Sicht des einfachen Volkes erinnert an den französischen Absolutismus, wobei hier wieder der Kuchen ins Spiel kommt, den – so wird kolportiert – zumindest Marie Antoinette ihren Untertanen ans Herz gelegt hat zu essen. So ungerecht geht es auch hier zu, immer wieder hat man das Gefühl, einer Postapokalypse beizuwohnen, einer grotesken, aufgeblähten Vision, die aber Realität gewesen war und kurz davor stand, zu platzen. Am deutlichsten, so meint auch Hadi, erkennt man die ironische Diskrepanz mit Kinderaugen und dem Augenmerk auf genau diese Generation. Ein Kuchen für den Präsidenten ist kein Kinderfilm, dennoch lässt er das Drama einer scheinbar unmöglichen Aufgabe, an deren Ende bei Nichterfüllen drakonische Strafen stehen, mit einer unsentimentalen, ungestümen Abenteuerlichkeit passieren, die keine Zeit lässt, Prinzipien zu hinterfragen und schmerzlichen Verlusten nachzuhängen. Hier geht’s ums Überleben, das Behalten des Kopfes über Wasser – und um reichlich Improvisation.

Als Symbol der Verantwortung trägt Lamia stets einen Hahn mit sich herum, der in seinem Beutel vor sich hin gackert. Im Hintergrund tobt der Krieg, nur ein Wimpernschlag von einer gerade noch bezwingbaren Welt entfernt. Nur nicht blinzeln, sonst fallen die Bomben.

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

Das Flüstern der Wälder (2025)

NATUR, WENN SIE LAUT IST

8/10



© 2025 Vincent Munier


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: VINCENT MUNIER

KAMERA: VINCENT MUNIER, ANTOINE LAVOREL, LAURENT JOFFRION

MUSIK: WARREN ELLIS, DOM LA NENA, ROSEMARY STANDLEY

MIT: VINCENT MUNIER, MICHEL MUNIER, SIMON MUNIER

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Unter Flüstern verstehe ich etwas anderes. Die Dezibelgrenze zum lauten Geräusch hat zumindest der Auerhahn nämlich längst durchbrochen. Wenn er seinen Balzruf loslässt, ist das weniger ein Ruf als mehr ein metallisches Knacken – als würde man eine Delle in einen Blecheimer schlagen, als wären darin überdies gläserne Murmeln, die hin und her klackern. Nicht tierisch klingt dieses Geräusch, und gerade deshalb ist es das. Ein Kuriosum der Natur, wie so vieles. Zum Glück gibt es sie noch in den Wäldern Österreichs, in den Kalkalpen und im Gesäuse. Geführte Touren kann man zur besten Auerhahnzeit des Jahres buchen, um es mit eigenen Augen zu hören. Dieses Glucksen, gutturale Klucken und Gurgeln. Ein Jahrhundertschauspiel.

Männer allein im Wald

In den Vogesen, einem Mittelgebirge in Frankreich, scheint der Auerhahn fast verschwunden. Dennoch stehen „Two and a half Men“ allein im Wald, die sehnsüchtig nach diesem Geräusch die Ohren spitzen. Und nicht nur nach diesem. Egal, was kommt, und ganz egal, wo es raschelt, knackt und wo sich dampfende Leiber durchs Unterholz schieben. Jedes noch so beiläufige Geräusch erweckt das Interesse nicht nur von Filmemacher Vincent Munier, sondern auch von dessen Sohn und wiederum von dessen Großvater. Drei Generationen schieben sich durch die atemberaubende Wildnis eines märchenhaft unberührten Urwaldes, in dem womöglich sonst kein Normalsterblicher Zutritt erhält, ganz so wie im österreichischen Urwald des Dürrenstein. Die Audienz aber würde ihnen gewährt, und so auch uns naturaffinen Zuseherinnen und Zusehern, die noch immer so viel Ruhe in sich selbst bewahren können, um angesichts dieser Entschleunigung nicht gleich nervös im Kinosessel herumzuwetzen, weil sozialmediale Dauerbeschallung und der durchgetaktete Zack-Zack-Rhythmus einer denaturierten, urbanen Welt längst neue Parameter für den Alltag gesetzt haben. In der Ruhe liegt die Kraft, und die Kraft liegt in der Natur. Ein jeder weiß das, nur wenige besinnen sich darauf. Ein Wald in seiner Gesamtfunktionalität eines intakten Ökosystems ist sowieso der beste Therapeut. Und auch wenn keine Wege in so einem Dickicht erkennbar sind, führen doch alle Wege zum Ursprung des Selbst.

Den Wald wirken lassen

Dafür brauchen die drei Slow-Mode-Abenteurer wirklich nur eine stromlose Hütte im Wald, in der es ausnahmsweise mal nicht spukt, wenn man mal davon absieht, dass das gespenstische Röhren, Brüllen und Kichern da draußen im Dunkel einem das Gänsehautgefühl gibt, nicht allein zu sein. Dieses Unbehagen weicht aber schnell einer kribbelnden, aufgeregten Neugier, so, als würde man eine Terra incognita betreten. Niemals weiß man in der Natur, was kommt. Es bleibt einem, festzustellen, dass sich etwas bewegt. Dass im Zwielicht des frühen Morgens, inmitten des leise tröpfelnden Regens und des knarzenden Winters etwas unterwegs sein muss. Was folgt, ist die disziplinierte Stille des beobachtenden Menschen. Und das meditative Warten. Warten darauf, einem Wesen zu begegnen, was immer es auch sein mag. Ein Dachs, ein Eichhörnchen, ein Waldkauz, vielleicht sogar ein Luchs.  Durch das stille Gewässer pflügt eine Hirschkuh, begleitet von ihrem Kalb. Der Nebel hängt über dem Wasser, das Licht zeichnet Silhouetten. So muss es gewesen sein, vor dem Menschen. Und ist es immer noch, siehe da.

Ein Essay aus Erahnen und Erlauschen

Vincent Munier hat sich in den letzten Jahren auf die Spur eines der seltensten Tiere unseres Planeten begeben: Dem Schneeleoparden. Dafür hat ihm sogar Nick Cave einen Song geschrieben, der am Ende des Films zu hören ist und den Spirit von Muniers Arbeiten auf beste Weise musikalisch einfängt. Komponist Warren Ellis ist auch diesmal wieder dabei – und vertont diese immersive Wanderung gerade dann durch seine reduktionistische Stimmungsmusik, wenn gerade mal nichts röhrt und knackt und knistert. In diese inszenatorische Harmonie taucht Munier abermals ein, er taucht in den Wald, in die Wildnis; hat zwar den Auerhahn als hehres Ziel vor Augen, doch letztlich ist es im einerlei, was ihm begegnet. Alles hat seinen Zauber, alles zelebriert und lebt die perfekte Kunst des Versteckens, des Tarnens und Flüchtens vor der leisesten Regung der Beobachter. Das Flüstern der Wälder ist kein populärwissenschaftliches Werk, sondern ein Daseinszustand. Ein Essay aus Hören und Sehen, ein meditatives Eintauchen in die Vollkommenheit des Erahnens und Erhaschens.

Ein Wald wie eine Schachtel Pralinen

Wie mich einst schon der Kurzfilm Anima Mundi von Godfrey Reggio beeindruckt hat, der die Seele der Natur in schnellen Schnitten und mit der Musik von Philipp Glass auf 28 Minuten herunterbricht, so spüre ich auch diesmal bei Muniers teils assoziativen wie intuitiven Abenteuer der Wahrnehmung eine meinem persönlichen Zugang zur Natur adäquate Wahl des Dialogs, in welchem von Seiten des Menschen einfach nur durch das Vorhandensein von Respekt schon alles gesagt ist. Die Antwort des Gegenübers, des ganzen kompakten, diffusen, uneinsehbaren, rätselhaften Öko-Wunders eines Waldes, kann lange dauern, ist niemals zu Ende. So flüstert eigentlich nur der Mensch, während das ohrenbetäubende Crescendo eines wirbelnden Gemütszustandes aus Wetter, Flora und Fauna alleine durchs Hinsehen und Hinhören zum kostenfreien Überraschungskonzert in der ersten Reihe fußfrei wird.

Das Flüstern der Wälder (2025)

13 Tage, 13 Nächte (2025)

EIN LAND ERLIEGT DEM TALI-WAHN

6,5/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: MARTIN BOURBOULON

DREHBUCH: MARTIN BOURBOULON, ALEXANDRE SMIA, TRÂN-MINH NAM, NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON MOHAMED BIDA

KAMERA: NICOLAS BOLDUC

CAST: ROSCHDY ZEM, LYNA KHOUDRI, SIDSE BABETT KNUDSEN, CHRISTOPHE MONTENEZ, SINA PARVANEH, YAN TUAL, FATIMA ADOUM, SHOAIB SAÏD, SAYED HASHIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Vor nicht ganz drei Jahren hat uns der Franzose Martin Bourboulon mit einer übertrieben erdfarbenen zweiteiligen Version des wohl berühmtesten Werks von Alexandre Dumas verwöhnt – die Musketiere waren da schon alteingesessene Haudraufs, D’Artagnan wurde von Francois Civil verkörpert – als bittersüße Milady de Winter glänzte Eva Green. Ein schönes Stück Historienkino, wenngleich der zweite Teil niemals ins Kino kam und im Streaming- und Retail-Sektor komplett unterging. Ein unwürdiges Verfahren, um Filme zu verwerten.

Vakuum am Hindukusch

Jetzt aber ist das alte Frankreich vergessen, Bourboulon wendet den Blick über den Nahen Osten hinaus bis ins landschaftlich schöne Afghanistan – zumindest tut er so als ob, denn gedreht hat er diesen Film klarerweise woanders, in diesem Fall in Marokko. Die meisten von uns Zuseherinnen und Zuseher werden wohl kaum nach Afghanistan gereist sein (obwohl: ich kenne jemanden, einen alten Schulkollegen, der das getan hat), somit fällt der Unterschied wohl kaum wirklich ins Gewicht. Viel mehr konzentrieren wir uns in 13 Tage, 13 Nächte auf jene Stunde Null des August 2021, die den Untergang eines vor langer Zeit kultivierten, weltoffenen Landes einläutet: Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wird das hinterlassene Vakuum am Hindukusch sehr schnell aufgefüllt, und zwar mit jenen Finsterlingen, die da als Taliban bezeichnet werden: Vorsintflutliche wilde Männer, fanatisch und misogyn, antiliberal und voll mit weiß der Teufel sonst noch an dem Frieden und der Freiheit zuwiderhandelnden Agenden, die wohl alle davonscheuchen, die nicht unbedingt die Hölle auf Erden erleben wollen.

Nichts wie weg

In diesen Tagen des August steht in Bourboulons Film eine reale Person im Mittelpunkt, die man durchaus als eine bezeichnen kann, die Nerven wie Drahtseile besitzt. Ein harter Hund, ein kühler Kopf, ein pragmatisch agierender Franzose, genannt Mohamed Bida, der als Kommandant einer Sicherheitseinheit die letzte noch intakte Botschaft sichert. Die von wehrhaften Betonmauern umgebenen Räumlichkeiten sind das letzte Leo, bevor es gar nichts mehr gibt. Das wissen so einige aus der Bevölkerung, und ehe es sich Roschdy Zem als eben dieser Bida versieht, hat er Hunderte Zivilisten an der Backe, die in Frankreich um Asyl ansuchen wollen. Nebst der eigenen Belegschaft müssen, da gibt es gar keine andere Wahl, alle diese Seelen quer durch Kabul zum Flughafen gebracht werden, um sie dann in die letzten noch verfügbaren Maschinen zu verfrachten und außer Landes zu schaffen. Ein Himmelfahrtskommando? Das kann man laut sagen.

Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen

An Roschdy Zems Seite agiert die bildschöne Lyna Khoudri als eine der Flüchtigen, die zufällig die Sprache des Feindes beherrscht. In diesem dichten Wirrwarr an Personen und Bedürfnissen lässt sich auch Sidse Babett Knudsen (Die Wärterin) als Reporterin verorten, die bereit ist, zum Wohle anderer sehr viel einzustecken. 13 Tage, 13 Nächte lässt sich ab eines gewissen Zeitpunkts durchaus als Roadmovie betrachten – irgendwann setzt sich der Konvoi in Bewegung, der etliche Hürden bewältigen muss, die zwischen Schikane und ernsthafter Bedrohung die Nervenkostüme aller Beteiligten ordentlich ramponiert – bis auf Roschdy Zem. Ihn scheint nichts aus der Fassung zu bringen – ein Held inmitten einer humanistischen Katastrophe. Bourboulon bleibt nah an ihm dran, was dann doch noch auf Kosten jener geht, die das Ganze verursacht haben: Die Taliban.

Alles im Blick, auf Kosten der Details

Hier ist Ende Legende mit der Glaubwürdigkeit. Die Gesinnung, das Weltbild, die Mentalität dieser Leute: Bourboulon kann sie nicht greifen. Zumindest nicht so sehr, um ein Gefühl der Authentizität zu erzeugen. Schauspieler Shoaib Saïd als Gruppenführer der Invasoren fühlt sich viel zu feingeistig an, um ihn als jemanden anzunehmen, der Karriere bei den Taliban gemacht hat. Glaubhaft oder nicht: Zumindest liefert Bourboulon in seinem Politthriller, den er chronologisch erzählt und dabei versucht, nichts Wichtiges zu vergessen, was die True Story vervollkommnet, beeindruckende Schauwerte. Wenn die Bevölkerung Kabuls den Flughafen stürmt und dabei jedes Mittel recht scheint, um die letzte Hürde zu nehmen, lässt sich das Ausmaß der Tragödie erahnen. Umso mehr, da während des Abspanns die tatsächlichen Bilder dieser Tage zu sehen sind.

13 Tage, 13 Nächte – sie vergehen wie im Flug. Und obwohl der Film zumindest meint, einen Einblick zu gewähren, indem er den Paradigmenwechsel so groß als möglich und auch ziemlich straff inszeniert: Die Rekonstruktion der Ereignisse nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und erfasst sie lediglich im Ausnahmezustand. So, als würden sie nur dann existieren.

13 Tage, 13 Nächte (2025)

Primate (2025)

DEM HERRENTIER HERR WERDEN

5,5/10


© 2026 PARAMOUNT PICTURES. ALL RIGHTS RESERVED / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOHANNES ROBERTS

DREHBUCH: JOHANNES ROBERTS, ERNEST RIERA

KAMERA: STEPHEN MURPHY

CAST: JOHNNY SEQUOYAH, TROY KOTSUR, JESSICA ALEXANDER, VICTORIA WYANT, BENJAMIN CHENG, GIA HUNTER, MIGUEL TORRES UMBA, CHARLIE MANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Was Schimpansen-Expertin Jane Goodall zu Primate wohl sagen würde? Sie würde sagen: Film ist Film, Realität ist Realität, beides muss man wohl streng auseinanderhalten. Denn was der Tierhorror aus primatologischer Sicht an schockierenden Schauwerten liefert, lässt Zoologen und Verhaltensforscher die Haare raufen. Menschenaffen, die mit Tollwut infiziert sind: was werden sie wohl tun? Im Grunde zeigen sie ganz ähnliche Symptome wie der Mensch, schon allein deshalb, weil die DNA beider Primatenarten (ja, das sind wir, wir zählen zoologisch gesehen immer noch zu den Primaten) zu mehr als 90% identisch ist. Bekanntestes Symptom bei Infektion mit dem Tollwut-Virus: Aggression, Wut, Reizbarkeit – all das. Doch selten geplantes, bösartiges Verhalten. Ben, der Affe, tut aber, als wäre er von einem Dämon besessen. Es stellt sich somit gar nicht mehr die Frage, wie würde sich ein Schimpanse wirklich verhalten – und schon gar nicht die Frage, wie würden sich seine kognitiv versierteren Verwandten verhalten, die diesem Affen ausgesetzt sind, der natürlich an dieser Krankheit sichtlich leiden muss?

Der Affe im gemachten Nest

In Primate unterliegt logischerweise alles dem Konzept des expliziten Slashers, der alle erdenklichen Parameter abliefert, die notwendig sind, um eine scheinbar ausweglose Situation zu erzeugen. Überraschend ist das nicht, und vielleicht will man sich ja auch als Horror-Affiner gerne in ein gemachtes Nest setzen, umgeben von vertrauten Versatzstücken, um mit Schadenfreude, Ekel und Schreckstarre in den Gliedern einem eskalierenden Szenario zu folgen, dass gleich zu Beginn eine aus dem Kontext der späteren Handlung gerissene Szene als Prolog zitiert. Das wirkt etwas undurchdacht, doch wie auch immer: Roberts hat große Lust, uns den Horror auf nüchternem Magen zu servieren, damit jeder weiß, wie sehr es später zur Sache geht. Will heißen: Wo auf einer Gewaltskala von eins bis zehn Primate seinen wie vom wilden Affen gebissenen Affen randalieren lässt. Die paar Mädels und Jungs, knapp beschürzt und natürlich kein bisschen ahnend, welche Nacht des Grauens sie wohl alle erleben werden, hat Johannes Roberts auch nicht gerade neu charakterisiert. Mal sehen, wie souverän der Macher vom Taucherhorror 47 Meters Down und 47 Meters Down: Uncaged den recht trivialen Plot auf Spur bringt.

Intelligenzbestien und menschliche Leuchten

In den Achtzigerjahren trieb ein Film mit dem Titel Link, der Butler vor allem in den Videotheken sein Unwesen. Synopsis des Thrillers: In diesem Fall randaliert – oder besser gesagt – erwehrt sich ein Orang-Utan im Hause eines Primatologen mit allen ihm zur Verfügung stehenden tödlichen Mitteln der Euthanasie. Tierhorror der alten, natürlich billigen Schule, obgleich mit Elisabeth Shue und Terence Stamp. Für den neuen Affenhorror verpflichtet sich der gehörlose CODA-Star Troy Kotsur als des Schimpansen Vertrauter, der, leider auf Geschäftsreise, besagter Handvoll Jugendlicher das abgelegene Luxusanwesen zwecks Sommerparty überlässt. Soweit aber kommet es hat nicht, stört doch der mit Tollwut infizierte Ben die Nachtruhe, um gezielt Terror und Tod zu verbreiten. So viel Verständnis kann man für die Erkrankung des Herrentieres gar nicht aufbringen, um dem blutrünstigen Berserker seine bewusst ausgeführten Verfehlungen nicht übelzunehmen. Das Tier wird so zum Monster, infolgedessen beantwortet man, was zu erwarten war, die Frage nach adäquatem Verhalten einer Handvoll Homo sapiens im Publikum wohl etwas anders als im Film. Es ist so wie bei der Millionenshow: Daheim ist man immer klüger, mittendrin wohl unterliegt die planende Intelligenz wohl jener des Schimpansen, was die felllosen, knapp beschürzten und im Pool vor sich hin winselnden Zweibeiner nicht gerade als Vorzeigeexemplare unserer Spezies ausersieht.

Hals- und Kieferbruch!

Film ist Film, könnte hier wieder Jane Goodall meinen. Schon in Ordnung, sehen wir uns einfach an, wie nun einer nach dem anderen über des Affen Klinge springt. Und da will Roberts die FSK-Freigabe ohne mit der Wimper zu zücken in den Rotbereich befördern. Wie Ben seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes mitunter auseinandernimmt, ist, als würde Evil Dead wiedermal risen. Der sabbernde Schimpanse hat den diabolisch grinsenden Finsterblick dermaßen gut drauf, da kann einem schon anders werden. Wie in der Prologszene von Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum ereifert sich der brachiale Tierkiller, um ordentlich einzudreschen. Zugegeben, das ist astrein gefilmt, ordentlich explizit und auch der Affe selbst überzeugt in so gut wie jeder Szene.

Viel Neues fällt Roberts aber auch nicht ein, ganz bewusst hält er an Bewährtem fest, womöglich, weil alte Besen eben gut kehren und das Genre-Publikum vorzugsweise in der Sektion gefährliche Tierarten gar nichts anderes will, als das Bewährte. Viel Spielraum scheint es dabei nicht zu geben. Wobei: Man müsste sich nur Dangerous Animals ansehen. Der Genremix aus Tierhorror mit klassischem Serienkillerthriller ist als Rechnung verhaltensauffällig gut aufgegangen.

Primate (2025)

Crime 101 (2026)

AM ENDE LOCKT IMMER DER KLUNKER

6/10



© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: BART LAYTON

DREHBUCH: BART LAYTON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON DON WINSLOW

KAMERA: ERIK WILSON

CAST: CHRIS HEMSWORTH, HALLE BERRY, MARK RUFFALO, BARRY KEOGHAN, MONICA BARBARO, COREY HAWKINS, NICK NOLTE, JENNIFER JASON LEIGH, TATE DONOVAN, DEVON BOSTICK, PAYMAN MAADI U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wie viel Charme verträgt ein Verbrechen? Sofern keine menschliche Seele zu Schaden kommt, durchaus einigen. Vorausgesetzt, der Gesetzeswidrige hat Gesicht und Physiognomie wie zum Beispiel Bilderdieb Josh O’Connor (The Mastermind), Tageskassenplünderer Channing Tatum (Der Hochstapler) oder Juwelen-Entwender Chris Hemsworth. Gegen so viel Attraktivität macht die Moral gerne einen Kniefall, gerade bei letzterem wird Verbrechen zum Kavaliersdelikt, wenn der dann noch den geheimnisvollen Sinnierer gibt, der zwischen seinen Coups gerne gedankenverloren ins Narrenkästchen blickt oder das nächtliche Treiben der Großstadt beobachtet, als würde sie ihm gehören. Hemsworth ist zum Anhimmeln da, vorwiegend von der weiblichen Seite, so auch im Film Crime 101, einem anmutigen Kriminalkonstrukt, der verschiedene Parteien gleichzeitig aus ihren Tiefgaragen fahren lässt und zusieht, wohin sie abbiegen und ob sie sich dabei irgendwann in die Quere kommen.

Raus aus der Tiefgarage

Dabei kommt es ganz drauf an, von wo aus jede der Parteien startet. Letztlich folgen sie alle dem Highway 101, einem nicht erst seit Depeche Mode popkulturtauglichen Stück Straße, an welchem der eine oder andere Juwelier seine Zelte aufgeschlagen hat. Der zu entwendende Reichtum taucht dann als Inkognito-Lieferung auf, die für Hemsworths Figur aber alles andere als das ist: Der weiß längst, wer hier wann wem die Klunker rüberreicht, um im rechten Moment zuzuschlagen. Ein zerzauster, brummbäriger Mark Ruffalo, der als Prequel-Version eines Inspektor Columbo wirklich keine Anstalten mehr macht, Hulk sein zu wollen, darf als vom Leben recht enttäuschter Detektive dem Juwelendieb auf den Fersen sein. Von anderer Seite versucht Halle Berry ihr Karriereglück als Versicherungsmaklerin, was nun auf den ersten Blick nichts mit der ganzen Sache zu tun hat, aber da würde ich sagen: nur langsam mit den jungen Pferden, die Story braucht etwas, um den richtigen Gang einzulegen, nichts will schließlich überhastet passieren, denn Filme wie Crime 101 will man ja auch nicht hinhudeln und dann an Glaubwürdigkeit und Akkuratesse verlieren.

Die Reichen beklauen

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist dabei so diffus gehalten wie nur möglich, wobei den genannten Figuren eindeutig die Seite des Lichts zufällt – auf der anderen hängt immerhin ein verbraucht wirkender Nick Nolte an den Fressbuden in Little China herum, während der immer wieder unberechenbare Barry Keoghan den Antagonisten mimt, und zwar den wirklichen, nicht nur den halbseidenen wie Hemsworth. Schließlich ist Klunkerklau nichts, was wir zwingend als falsch erachten würden, trifft es schließlich, wie wir finden würden, keinen Armen.

Da haben wir es wieder, das bisschen Neid und die Genugutuung – diese innere Zufriedenheit, wenn die, die nichts haben, plötzlich, uneinsehbar für Passanten, den Inhalt eines kleinen braunen Kuverts in die Handfläche plumpsen lassen. Ob Hemsworth verdient hat, damit Erfolg zu haben? Ob die Rechtschaffenen, die durch ihre Rechtschaffenheit übervorteilt werden, nicht auch mal mit der Illegalität liebäugeln dürfen? Robin Hood hat es doch längst schon vorgemacht, und längst finden wir diese Handhabe durchaus heldenmütig. Doch das war im Mittelalter – und Hemsworth klaut die Karat ja nicht für wohltätige Zwecke. Sondern um etwas zu verarbeiten, das irgendwo in seiner Vergangenheit liegt. Deswegen zeigt er sich ja so lakonisch und geheimnisvoll. Wer will so einem Typen dann nicht alles entschuldigen, was vielleicht nicht ganz des Gesetzen entspricht?

Stadtfahrt ohne Überholmanöver

Crime 101 von Bart Layton (American Animals mit Barry Keoghan) liegt eine Kurzgeschichte von Don Winslow zugrunde, der – wir erinnern uns – das Drehbuch zu Oliver Stones brutalem Drogenthriller Savages verfasst hat. So blutig wie damals geht es in diesem zündschlüsselintensiven Karren-, Knarren- und Karat-Thriller längst nicht zu, hier wählt Layton gediegenes urbanes Ambiente, das nicht sonderlich auffällt. In dieses durchschnittliche Umfeld bettet Layton eine durchschnittliche Handlung, die zwischen all den Figuren den Durchschnitt sucht, also einen gewissen gemeinsamen Nenner, um so alle Fäden zusammenzuführen. Wie schon erwähnt treiben diese Fäden noch lange Zeit den Highway entlang, und immer wieder, sobald Chris Hemsworth zähneknirschend bedeutungsschwer und gleichermaßen stocksteif die Szene dominiert, lässt einen das Gefühl nicht los, dass die Figur dieses James Davis längst nicht so interessant ist, wie sie scheinen möchte. Ruffalo und Berry kompensieren das Defizit mit deutlich mehr Lust, sich zu öffnen. Sobald Barry Keoghan die ungewollt duldsame Harmonie zwischen den Protagonisten stört, indem er für Reibung sorgt, dreht Layton an der Spannungskurve. Es scheint, als wäre der ganze Film von dieser einen Figur abhängig, als würde sich alles auf diesen Keoghan verlassen. Der Showdown wird zur dramaturgischen Artistennummer, und am Ende zählt, wie so oft, immer nur der Klunker.

Crime 101 (2026)