PANELS EINER FREUNDSCHAFT
7/10

© 2026 K2 Pictures
ORIGINALTITEL: RUKKU BAKKU
LAND / JAHR: JAPAN 2026
REGIE: HIROKAZU KORE-EDA
DREHBUCH: HIROKAZU KORE-EDA, NACH DEM MANGA VON TATSUKI FUJIMOTO
KAMERA: SENZO UENO
CAST: NATSUKI DEGUCHI, AJU MAKITA, MASAKI SUDA, KANKURŌ KUDŌ, KAYO NORO, RYŌ IKEDA, MIYU SASAKI, MAHO YAMADA U. A.
LÄNGE: 1 STD 40 MIN
Mehr als die Summe aller Panels
Comics – oder kultivierter ausgedrückt: Graphic Novels – müssen sich längst nicht mehr nachsagen lassen, als minderwertige Lektüre für Lesefaule zu gelten, die obendrein nicht mal sinnerfassend lesen können. Comics sind eine Kunstrichtung, denn allein schon eine ganze Geschichte in Panels zu setzen ist aufwändiger als jedes Gemälde, und mindestens so aufwändig wie ein Hunderte Seiten starker Roman.
Dem Zeichnen von Comics muss zumindest mal so etwas wie ein roter Faden vorangehen, das Definieren der Charaktere, des Stils, des Umfelds. Diese Charaktere müssen in allen möglichen Blickwinkeln, Mimiken und Positionen so abgebildet sein, dass man sie auch als diejenigen wiedererkennt. Dann müssen die Panels vor- und mit Tinte nachgezeichnet werden, dann koloriert und am Ende mit Texten befüllt, die in den Sprechblasen landen.
Als man früher noch aller per Hand machte, stand und fiel die aus mehreren Panels bestehenden Seite damit, dass man keinen Fehler machte. Mittlerweile ist man beim digitalen Zeichnen auf der sicheren Seite, da hat man ein Zeichentablet und einen Stift, der alles kann.
Künstlerinnen, die die Schulbank drücken
Am Anfang, da war das Stück Papier. Da waren vier Panels untereinander. Da war ein Mädchen namens Fujino, ein Naturtalent im Zeichnen von Mangas, gerade mal mit der Grundschule fertig und bewundert von ihren Mitschülerinnen und -schülern. Die Schülerzeitung darf sich glücklich schätzen, ihre Werke zu veröffentlichen.
Doch plötzlich passiert das: Die soziophobe Kyomoto, die als Schulverweigerin gilt und aus diesen Gründen daheim lernt, hat ein ähnliches Talent. Ihre Panels sind atemberaubend, anders und vielleicht besser als die von Fujino. Was zu Beginn wie eine Geschichte über Rivalität aussieht, nimmt eine ganz andere Wendung, als sich herausstellt: Fujino gilt in den Augen Kyomotos als Meisterin. Letztere unterwirft sich ihr als Freundin und als Zeichnerin, gemeinsam schaffen sie es, einen ganzen Manga fertigzustellen. Die Synergien führen auch zu einer echten Freundschaft – bis sich nach Jahren die Lebenswege der beiden trennen. Schließlich gesteht sich Kyomoto ein, längst schon andere Ziele vor Augen gehabt zu haben als jene, die Fujino verfolgt.
Von einer Schaffenskraft, die Verbindungen knüpft
Bindungen, Familie, Freundschaft – leichter gesagt als gelebt. Das weiß Hirokazu Kore-eda in seinen Filmen immer wieder darzustellen. Das Konzept der Familie und dessen Neuordnung findet sich in seinen Arbeiten Shoplifters (Goldene Palme von Cannes 2018) und Broker wieder. Die Unschuld stellt erstmals eine freundschaftliche Verbindung in den Fokus, die am Erwachsenensystem fast scheitert. Mit Look Back bleibt Kore-eda an diesem Thema dran und verfilmt einen berühmten Manga, der seine eigene Kunstform als abenteuerlichen, inspirierenden und vor kreativen Impulsen nur so wabernden Workshop darstellt, in dem von Superhelden bis zu den kleinen, feinen Emotionen alles darstellbar sein kann.
Jedes Kritzeln auf dem Papier, jede gezogene Linie – ob mit Lineal oder freihändig – und jedes mimisch überzogene Gesicht eines Charakters zeugen von einer Schöpfungskraft, von der es sein kann, dass sie das eine oder andere Tintentröpfchen ins Auditorium schleudert.
Kore-eda nimmt sich viel Zeit gerade für diese Szenen – und jene, die mit der zeichnerischen Zunft nichts am Hut haben, könnte Look Back vielleicht mehr langweilen als faszinieren.
Manga-Stories lassen sich steuern – das Leben nur bedingt
Es geht aber gar nicht so sehr nur ums Zeichnen und um kreative Synergien, sondern um Unterwürfigkeit, Dominanz und alternative Schicksale. Freundschaft ist erstens schwer zu etablieren und zweitens oft in einer Schräglage, die man oft nicht merkt. Look Back ist daher auch ein Konkurrenzdrama voll tragikomischer Leichtigkeit, das völlig problemlos Reue, Gewissen und tragische Momente in düster-grauen Bildern mit hineinpackt. Womit wir wieder bei einer Eigenheit wären, die asiatische Filme so besonders macht.
Kore-eda meistert dabei ein schwierig zu balancierendes Werk, wobei er sich zu Beginn recht viel Zeit lässt, die Geschichte Fahrt aufnehmen zu lassen – ein Defizit, das den Gesamteindruck am Ende aber nicht trübt. Die quirlige, leichtfüßige Vielfalt in panel-artigen Realbildern, in denen Schwäne aus dem Takt ihrer Jahreszeiten fallen, in dem Lebensentwürfe aufeinanderprallen und Selbstbestimmung Freundschaften unterliegt, sucht und findet ihren Weg und ihren Rhythmus.









