Hokum (2026)

CHECK-IN MIT HEXE

6/10


EIN GASTKOMMENTAR VON MARIJA MEGUSCHER


Adam Scott als Ohm Bauman im Gothic-Grusel Hokum
© 2026 Neon


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE 2026

REGIE / DREHBUCH: DAMIAN MCCARTHY

KAMERA: COLM HOGAN

CAST: ADAM SCOTT, PETER COONAN, DAVID WILMOT, FLORENCE ORDESH, MICHAEL PATRIC, WILL O’CONNELL, AUSTIN AMELIO, SIOUX CARROLL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Es gibt Hotels, bei denen bereits beim Betreten klar ist, dass man hier möglichst schnell wieder auschecken sollte. Und dann gibt es das Bilberry Woods Hotel. Warmes, schummriges Licht, dunkles Holz und draußen jene feucht-düstere irische Herbstlandschaft, die förmlich nach Halloween riecht. Eigentlich möchte man sofort ein Wochenende buchen. Wäre da nicht die Kleinigkeit mit der Hexe in der Honeymoon Suite. Und ein Mordfall lässt ebenfalls nicht allzu lange auf sich warten.

Regisseur Damian McCarthy (Oddity, Caveat) versteht es in Hokum, einen Ort zu schaffen, der gleichzeitig behaglich und bedrohlich wirkt. Das alte Hotel ist dabei mindestens ebenso wichtig wie seine Bewohner – und wird mit jedem Stockwerk sowohl rauf als auch runter ein bisschen unheimlicher.

Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem letzten Kapitel

Im Mittelpunkt steht Ohm Bauman (Adam Scott), ein mürrischer Schriftsteller, der nach Irland reist, um die Asche seiner Eltern unter einem Mammutbaum zu verstreuen. Gleichzeitig arbeitet er am finalen Kapitel seiner „Konquistadoren-Trilogie“. Oder besser gesagt: Er versucht es.

Denn Ohms Problem ist weniger die Formulierung als die fehlende Quintessenz. Sein bisheriges Leben scheint ihm schlicht zu unspektakulär verlaufen zu sein, um jene Erkenntnis hervorzubringen, die sein Werk zum Abschluss bringen könnte. Ein Problem, um das sich Irland bald höchstpersönlich kümmert.

Im Bilberry Woods Hotel stößt Ohm auf die Geschichte einer Hexe, die mit dem Haus verbunden sein soll, eine Honeymoon Suite, die aus guten Gründen besser nicht betreten wird, und schließlich auf einen Mordfall. Als eine junge Barkeeperin verschwindet, die ihm zuvor aus einer ziemlich misslichen Lage geholfen hat, wird aus dem Schriftsteller wider Willen ein Ermittler.

Dass ihn dabei ausschließlich sein plötzlich erwachtes Pflichtgefühl antreibt, darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht ist es auch die schriftstellerische Neugier. Denn wo Ohm zu Beginn noch mit einem gepflegten „Mir ist alles wurscht, ich will nur in Ruhe gelassen werden“ durchs Leben geht, beginnt er zunehmend, hinter die Geheimnisse des Hotels blicken zu wollen und Stoff für sein letztes Kapitel bekommt er dabei mehr, als ihm lieb sein dürfte.

Irland, Whisky und die Hexe ohne Lebenslauf

Besonders sympathisch ist, wie deutlich sich McCarthys irischer Hintergrund in der Atmosphäre des Films widerspiegelt. Hokum sieht aus, als hätte man den irischen Herbst persönlich darum gebeten, einen Horrorfilm auszustatten. Umso erstaunlicher ist allerdings, wie wenig der Film tatsächlich in die irische Folklore eintaucht.

Da gibt es eine Hexe, selbstverständlich. Einen richtigen Hexen-CV inklusive Werdegang bekommen wir nur anfangs kurz und knapp vom Hauseigentümer, dessen Aufgabe im Film dann auch gleich wieder erledigt scheint. Das Buch Cursed People and Places taucht gleich zweimal auf und wirkt dabei beinahe wie das modische Must-have der irischen Herbstsaison.

Aber sonst? Gerade ein Land, das für seine Mythen, Legenden und Anekdoten bekannt ist, hätte doch einiges an Material zu bieten. Wurde das alles zugunsten der 107 Minuten Laufzeit gestrichen?

Der vielleicht authentischste irisch-mythische Moment gehört Jerry, einem Einsiedler aus der Gegend. Auch er trägt eine tragische Vergangenheit mit sich herum: Seiner schwerkranken Frau leistete er einst Sterbehilfe. Als er Ohm erstmals im Wald begegnet, bietet er ihm – wie könnte es anders sein – erst einmal einen kräftigen Schluck Whisky an, den er annimmt, weil er zuvor den Cocktail aus Milch und Magic Mushrooms vorbildlich ablehnt.

Ganz entkommt er dem Rausch trotzdem nicht. Und ausgerechnet während seines kurzzeitigen Ausfalls passiert jener Mord, der ihn tiefer in die Geschichte des Hotels hineinzieht.

So ernst die Biografien seiner Figuren teilweise sind, McCarthy lässt sie nie vollständig in Schwermut versinken. Ohm und Jerry sind zynisch, trocken und bisweilen überraschend komisch. Das tut einem Film gut, der ansonsten fast vollständig in herbstlicher Melancholie badet.

Horror nach Farbenlehre

Die eigentliche Stärke von Hokum liegt ohnehin weniger in seiner Mythologie als in seiner Atmosphäre. Das Hotel wird zu einem kleinen vertikalen Horrorkosmos: Erdgeschoss, Ohms Zimmer, die ominöse Honeymoon Suite und schließlich das Untergeschoss. Je tiefer Ohm in das Gebäude und seine Vergangenheit vordringt, desto stärker bekommt man das Gefühl, dass auch die Grenzen zwischen Realität, Mythos und Halluzination verschwimmen.

Ob sich die Hexe nun in der Honeymoon Suite eingenistet hat, ursprünglich aus den Tiefen des Hotels stammt oder gerade sukzessive die Immobilie übernimmt, bleibt dabei nicht immer ganz eindeutig. Vielleicht hätte man ihr doch einen Mietvertrag geben sollen.

Visuell funktioniert das ausgesprochen gut. Warme Farbtöne und schummriges Licht wiegen uns im Hotel zunächst in Sicherheit. Sobald Hokum in seine übernatürliche Welt hinübergleitet, übernehmen kühlere Farben. Das ist keine Neuerfindung filmischer Bildsprache, sondern im Gegenteil ziemlich klassische Horrorschule, aber genau deshalb funktioniert es.

Die vertraute Farbdramaturgie gibt dem Film seine Behaglichkeit und zugleich seine Bedrohlichkeit. Man weiß intuitiv, wann etwas nicht stimmt. Hokum versucht gar nicht erst, die Regeln des atmosphärischen Horrors neu zu schreiben, sondern beherrscht sie lieber.

Daher danke für diesen Horror-Klassizismus.

Ähnlich verhält es sich mit den Jumpscares. Fans zählen – je nach Zählweise – rund 19 davon. Viele folgen einem ähnlichen Muster: ein Gesicht hier, ein Gesicht dort, eine Bewegung im richtigen beziehungsweise falschen Moment. Oft spürt man bereits, dass gleich etwas kommt.

Adam Scott macht Adam-Scott-Dinge

Schauspielerisch liefert Adam Scott ziemlich genau das, was man von ihm erwartet – allerdings auch nicht wesentlich mehr.

Den unnahbaren, leicht genervten Schriftsteller nimmt man ihm sofort ab. Sein trockener Zynismus macht Ohm trotz seiner abweisenden Art erstaunlich sympathisch. Interessanter ist seine allmähliche Wandlung: Der Mann, der zu Beginn eigentlich nur seine Ruhe haben, die Asche seiner Eltern verstreuen und irgendwie sein Buch fertigschreiben möchte, findet plötzlich etwas, das ihn aus seiner selbstgewählten Distanz herauszieht.

Vielleicht sucht Ohm ohnehin nach mehr als nur einem Ende für seine Trilogie. Seine Reise wirkt auch wie der Versuch, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und irgendwo jenes gutgelaunte, längst verflossene Ich wiederzufinden, das nicht nur seinem Leben, sondern womöglich auch seinen Figuren guttun könnte.

Dass ausgerechnet Mord, Hexerei und ein ausgesprochen fragwürdiges Hotelarrangement dabei therapeutisch hilfreich sein könnten, gehört zu den angenehmen Absurditäten von Hokum.

Einchecken?

Hokum ist am stärksten, wenn der Film nicht erklärt, sondern Atmosphäre erzeugt. Das Bilberry Woods Hotel ist warm, gemütlich und unheimlich zugleich; seine Figuren tragen tragische Geschichten mit sich herum, ohne ihren trockenen Humor verloren zu haben. Und Damian McCarthy inszeniert seinen Horror mit einer erfreulich klassischen Lust an Licht, Schatten, Gesichtern im falschen Moment und Dingen, die besser hinter verschlossenen Türen geblieben wären.

Etwas schade ist, dass der Film sein irisches Setting eher atmosphärisch als mythologisch ausschöpft. Gerade die Hexengeschichte hätte ein wenig mehr Folklore vertragen. Irland hätte schließlich genügend Geschichten dafür auf Lager.

Vielleicht ist Hokum damit ein bisschen wie sein Bilberry Woods Hotel selbst: Man weiß nicht immer ganz genau, was sich hinter jeder Tür befindet oder warum manches dort ist, wo es ist. Aber es ist so schön schummrig beleuchtet, dass man trotzdem weiter durch die Gänge geht.

Nur die Honeymoon Suite würde ich beim Check-in sicherheitshalber nicht nehmen.

Hokum (2026)

Victorian Psycho (2026)

DIE VERNÜNFTIGSTE PERSON ÜBERHAUPT

7/10


Maika Monroe als Winifred Notty in Victorian Psycho
© 2026 Bleecker Street


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ZACHARY WIGON

DREHBUCH: VIRGINIA FEITO, NACH IHREM ROMAN

KAMERA: NICO AGUILAR

CAST: MAIKA MONROE, JASON ISAACS, RUTH GORDON, THOMASIN MCKENZIE, JACOBI JUPE, AMY DE BHRÚN, PAUL REID U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Als Abschlussfilm des großartigen Slash Festivals hat sich Markus Keuschnigg einen besonderen Leckerbissen aufgehoben – einen dieses Jahr in Cannes für den Un Certain Regard nominierten Killerfilm, der selbstredend nicht so banal daherkommt wie vielleicht vermutet, sonst würde man ihm auch nicht „den anderen Blick“ attestieren.

Kein Slasher und kein Metzelfilm, keine Home Invasion oder die Origin-Story gepflegter Bösartigkeit ist das, was andere vielleicht hier erwarten. Zachary Wigon (u. a. Sanctuary mit Margaret Qualley) nimmt sich des Romans der Schriftstellerin Virginia Feito an, die für diesen Film gleich auch das Drehbuch schrieb, kennt sie ihre Figuren doch wohl am besten. Und die sind alles andere als schwarzweiß gezeichnet, hart kontrastiert oder bequem in eine Schublade zu quetschen.

Unwesen im Anwesen

Die Familie in diesem Anwesen mag zwar gesellschaftlichen Normen folgen und nach außen hin alles erfüllen, was es damals zu erfüllen galt, im Inneren aber kocht so manches kurz vor der Oberfläche vor sich hin. Ruth Wilson als auf ihren Nachwuchs fixierte Gattin von Jason Isaacs, der bemüht aufgeräumt und höflich wirkt. Dann sind da noch zwei Kinder, die bereits in viel zu jungen Jahren ihre rebellische Ader entdecken – und Haushälterin Thomasin McKenzie, etwas simpel im Gemüt, gutherzig und mit dem Herzen auf der Zunge, was angesichts einer Person wie Winifred Notty entweder die ideale Methode ist, um ihr näherzukommen – oder das Gegenteil bewirkt. Denn Notty klingt wie Naughty.

Alles nur eine Frage der Sichtweise

Denn Winifred Notty ist Maika Monroe. Und Maika Monroe ist Winifred Notty – eine schräge Persönlichkeit mit dem Zeug zur popkulturellen Ikone. Scheinbar besitzt sie genug Prinzipien, um der fehlenden Kinderstube ausreichend Struktur zu geben. Die Eltern sind anfangs begeistert, und natürlich ahnt niemand etwas von Nottys blutiger Vorgeschichte. Denn die Dame ist eine Psychopathin, seelisch zerrüttet, krank im Gemüt und mordend aus einer Notwendigkeit heraus.

Sie selbst bezeichnet sich als die vernünftigste Person überhaupt. Eine krude Annahme, die ihre Rechtfertigung aus einem ganz bestimmten Blickwinkel bezieht. Die Welt lässt sich schließlich auch mit anderen Augen sehen, mit denen einer im Geiste Verwirrten, die nichts anderes will als die Gunst, die ihr zusteht. Das fordert Opfer, wenngleich nicht unentwegt. Notty will den Worst Case einer Bluttat immer wieder hinauszögern. Das macht sie menschlich, das weckt Sympathien. Sympathien für eine Mörderin?

Sympathy for the Devil

Wie war das noch gleich mit Grenouille aus dem Roman Das Parfum von Patrick Süskind? Ein Werk aus der Sicht eines Menschen, der die Welt und den Wert von Leben anders sieht. Oder was ist mit Bret Easton Ellis‘ elegantem Freizeitmörder Patrick Bateman? Ein Mann, der nichts fühlt, nichts empfindet, das Produkt seiner Welt ist? Auch hat das Kino- und Fernsehpublikum seit jeher Verständnis für die Moral der Selbstjustiz, wenn es denn die „Bösen“ trifft. Ach, wäre die Welt doch so einfach. In Victorian Psycho ist sie es nicht.

Diese Antithese zu Mary Poppins hat dennoch das Herz irgendwie am rechten Fleck, und diese Sympathie für die Dunkelheit irritiert. Vielleicht mag Maika Monroe ihrer Figur als Schutz vor einer gewissen Ächtung das Verhalten eines komödiantischen Charakters angedichtet haben. Ihre praktizierte Etikette, ihre offensichtliche Anständigkeit mögen zu dick aufgetragen sein, um Züge ihres wahren Wesens nicht zu erkennen. Und dennoch tut es niemand. Das manövriert Victorian Psycho mehr ins Eck einer Groteske und nimmt dem zugrunde liegenden Charakterdrama jene Ernsthaftigkeit, die es wohl eher verdient hätte.

Ordentlich abgeliefert

Dennoch ist Monroes Spiel eine Glanzleistung – kennt man sie bereits in anderen Rollen, ist diese hier so erfrischend anders, dass sie damit ihre Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten zu ihren Gunsten neu absteckt. Victorian Psycho wird dadurch zum letzten Kapitel einer bedauernswerten Lebensgeschichte, die die eigene verquere Wahrheit einfach nicht abschütteln kann.

Victorian Psycho (2026)

Whalefall (2026)

VON WALEN UND VERWANDTSCHAFTEN

5,5/10


Austin Abrams als Jay im Survivalthriller Whalefall
© 2026 Disney / 20th Century Fox


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: BRIAN DUFFIELD

DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD, DANIEL KRAUS, NACH SEINEM ROMAN

KAMERA: AARON MORTON

CAST: AUSTIN ABRAMS, JOSH BROLIN, ELISABETH SHUE, JOHN ORTIZ, JANE LEVY, EMILY RUDD U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Keine Hand mehr frei

Austin Abrams hat im Kino derzeit zwei Probleme zu bewältigen – oder genauer gesagt drei, denn zwei davon sind in einem Film vereint. Dass er nebenher noch in Resident Evil vor den Untoten Haken schlägt, mag man kaum glauben, wenn man gesehen hat, wie dieser zur selben Zeit von einem Pottwal verschluckt wird, während eigentlich ein wuchtiges Vater-Sohn-Drama die Bühne entern und von Meeressäugern, die mehr frühstücken, als ihnen lieb ist, keinen Meter verdrängt werden will.

Ein Vater, so einschüchternd wie das Meer

Schließlich hat sich Josh Brolin als verwegener Seebär mit Muckis und Tattoos dazu bereit erklärt, seinem eingeschüchterten Filius die Welt und noch mehr zu erklären, und zwar auf eine Weise, die einen zum Duckmäuser werden lässt, es sei denn, man plant die innerfamiliäre Revolution.

Austin Abrams tut das aber nicht. Er hält sich zurück, gibt klein bei, kann auch später nichts mit diesem Unangepassten von Vater anfangen. Letztendlich aber lernt man immer irgendetwas von denen, die einen aufziehen – ungeachtet der Tatsache, ob man sie schätzt oder nicht. Und so hat Jay, wie sich Abrams im Film nennt, zumindest perfekt tauchen gelernt, sodass er selbst ohne Buddy an einem wenig einladenden Tag ins Meer steigt, um die Überreste jenes Papas zu finden, der, schwer erkrankt, an seinem Lieblingstauchspot den Freitod gewählt hat.

Muss man alles einfach runterschlucken?

Und so finden wir uns nach der obligaten Episode des Kennenlernens, um mal ein Gefühl für die Figur und ihr Umfeld zu schaffen, bald schon an einer Abbruchkante im tosenden Pazifik wieder. Abrams blickt über den Rand in die Tiefe, man könnte Nietzsche wieder mal zitieren, aber ich lasse es. Zwischen Kelp, bunten Fischen und reichlich Plankton, das die Sichtweite einschränkt, macht Jay ganz plötzlich die Tierbeobachtung seines Lebens: Ein Architeuthis oder Riesenkalmar! Eines jener Exemplare, die man als Lebendtier lange nicht vor die Linse bekam. Neidisch wird man angesichts dieses einzigartigen Moments in der maritimen Natur. Ach, hätte Jay doch eine Kamera dabei – was für eine verpasste Chance.

Dieser Kalmar ist aber nicht alles. Was dem Kopffüßer hinterherjagt, ist ein Pottwal, ein stattliches Tierchen, das den vielarmigen Pechvogel (einen Schnabel hat er immerhin) verschlingt, und mit ihm rutscht, weil Beilagenesser, auch noch der strampelnde und sich windende Jay mit hinein, will doch der Kalmar anscheinend nicht alleine sterben.

Gastroskopie mal anders

Diese Szene ist wahrlich spektakulär, und man kann schon einen guten Teil dieses anatomischen Bio-Action-Kunststücks während des Trailers miterleben. Im Film ist das Ganze natürlich extended, und wie Austin Abrams ins Innere des Tieres gelangt, ist so atemlos wie komplex und dennoch nicht völlig chaotisch gefilmt.

Es stellt sich die Frage: Wie lässt sich in der Finsternis eines Leibes denn überhaupt die ganze Geschichte darstellen? Mangels einer Taschenlampe dient die Biolumineszenz sämtlicher Mikroorganismen, die für lauschige Lichtstimmungen sorgen – inmitten höhlenwandgleicher, gigantischer Muskeln. Die Panik, die Abrams dabei durchlebt, macht er jede Sekunde glaubhaft, Nichts davon scheint nur so getan, als ob. Alles ist hier auf Flucht ausgerichtet – man fühlt, man bangt, man kämpft hier lange Zeit mit, und vergisst dabei fast, sich zu fragen: Ist so etwas überhaupt möglich?

Wie realistisch ist das Ganze?

Die sensationellen Aufnahmen eines Surfers, der versehentlich von einem Buckelwal geschnappt, aber dann gleich wieder ausgespuckt wird, sind das Höchste der Gefühle tatsächlicher Ereignisse. Unser Held hier erlebt womöglich dann doch höchst unwahrscheinliche Momente, die zwar nicht ganz auszuschließen sind, bei denen aber der Zufall sämtliche absonderlichen Faktoren zusammenbringen muss, um die Geschichte von Jonas und dem Wal nacherzählen zu können. Auch Pinocchio gelangte doch damals in so eine Situation, oder? Da ist Whalefall dann doch noch eine Spur realistischer, denn möbliert ist das Innenleben des Säugers schließlich nicht.

Regisseur Brian Duffield bemüht sich, dem Roman von Daniel Kraus ein reales Setting zu bescheren und Brehms Tierleben nicht gleich ganz zu verbrennen. Weniger beim Verhalten der Tiere wurde die Glaubwürdigkeit strapaziert, sondern mehr bei Abrams Fluchtversuchen. Wenn man will, kann man schon ein, zwei Augen zudrücken, um etwas zu sehen zu bekommen, was man so wohl noch nicht kennt.

Der Wal als Vatersymbol – Echt jetzt?

Whalefall, was eigentlich den in die Tiefe gesunkenen Kadaver eines Wales beschreibt, mag sich zwar wie Trash anhören, will aber mithilfe des Vater-Sohn-Dramas glaubwürdig bleiben. Genau da liegt aber das Problem des Films: Die Familienangelegenheiten lassen sich nur schwer mit dem existenziellen Überlebenskampf vereinen, das Loblied auf die Naturgewalt ringt mit der Atemluft. Es drängt sich sogar auf, den Walhorror metaphorisch zu verstehen, was aber richtig creepy wird, wenn man da weiterspinnt.

Doch irgendwie muss Duffield die Story ja auch genug strecken, um den Abend zu füllen. So kann man Brolin und Abrams zwar zusehen, wie sie sich streiten, vertragen und zwischen den Dimensionen des Tiefenrauschs miteinander reden, während der Wal als Sprachrohr dient – mehr Aufmerksamkeit bekommt das Drama trotzdem nicht, während der Fall mit dem Wal im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefe geht. Dorthin, wo man ohnehin nicht mehr zwischen Realität und Fabulierlust unterscheiden kann.

Whalefall (2026)

The Fox (2025)

FUCHS, DU HAST DIE BRAUT GESTOHLEN …

8/10

 

Jai Courtney als Nick entdeckt in The Fox ein Loch im Boden.
© 2025 Protagonist Pictures

 

LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: DARIO RUSSO

KAMERA: MATTHEW CHUANG

CAST: JAI COURTNEY, EMILY BROWNING, DAMON HERRIMAN, CLAUDIA DOUMIT, OLIVIA COLMAN, SAM NEILL, ZLATKO BURIĆ, MIRANDA OTTO, PETER O’BRIEN, HEATHER MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN

 

Oberstes Gebot: Folge niemals den Ratschlägen eines Fuchses! Reineke ist in den literarischen Fabeln dieser Welt seit jeher zwar clever, aber niederträchtig und moralisch wenig versiert. Einer, der dem Bauern die Hühner stiehlt. Und der letztlich draufzahlt, wie der Coyote im ewigen Clinch mit dem Roadrunner.

Hier, in den Außenbezirken Wiens, sieht man den rotpelzigen Gesellen immer wieder mal über die Straße laufen. Innegehalten und mir so manchen Tipp auf den Weg gegeben hat er dabei noch nicht. Wenn es doch mal so weit kommen sollte, wäre Vorsicht geboten. Es könnte da vielleicht eine Klausel geben, die man gerne übersieht. Die man verdrängt oder unbewusst in Kauf nimmt. Wird man dann aber konfrontiert mit einem Kompromiss, der beide Parteien auf gewisse Weise schadlos hält – denn schließlich geht es in diesem Film um Beziehungen –, will diesen keine akzeptieren.

Eheberatung findet im Wald statt

Nachdem sich der passionierte, doch recht konservative Jäger Nick (Jai Courtney) zum Jawort hat hinreißen lassen und eine wie Kori (Emily Browning) geehelicht hat, mag in dieser Beziehung relativ schnell die Luft entwichen sein. Vielleicht, weil Kori niemand ist, der sich gerne unterwirft und eine Beziehung leben will, die den Erwartungen des Mannes entspricht. Sie wirft sich ihrem Arbeitskollegen Derek (Damon Herriman) an den Hals, der wiederum seine Frau betrügt, und das noch im eigenen Schlafgemach.

Nick kann diese Schmach nur schwer ertragen, bei der nächtlichen Fuchsjagd gerät er wie durch Zufall und kaum verwunderlich für ihn selbst (womit wir in der Logikwelt einer Fabel wären) an eine sprechende Füchsin, die über Nicks Liebesleben überraschenderweise Bescheid weiß und die auch, um obendrein ihren felligen Hintern zu retten, nicht mit Ratschlägen spart, wie er sich die Treue seiner Frau zurückholen kann.

Ein geheimnisvolles Loch im Wald soll alle Probleme lösen. Einmal da hineingefallen, mag Tage später die Angetraute 2.0 wieder erscheinen, ohne jeden Makel, als hätte Pygmalion seine Pretty Woman erschaffen. Einzige Ausnahme: der hauseigene Hund soll nur nicht zu nahe kommen.

Gute Zeiten für Satire

Kluge Komödien haben anscheinend wieder Hochkonjunktur. Und zwar solche, die nicht nur für Kurzweil sorgen und Spaß vermitteln wie so mancher Klamauk aus den letzten Dekaden, sondern unter ihrer verspielten Oberfläche soziale und gesellschaftliche Belange auf eine Weise durchspielen, die draufgängerischen Experimenten gleicht. So zum Beispiel gelingt es Iñárritus genialem Kassenflop Digger, seinem Publikum auf satirische Weise die Wahrheit ins Gesicht zu knallen.

The Fox indessen macht die Probe aufs Exempel und entdeckt dabei so manche Scheinheiligkeit in partnerschaftlichen Beziehungen, die Egoismus, Eigennutz und Bequemlichkeit übertüncht. Die Natur deckt schließlich alles auf, Autorenfilmer Dario Russo steuert dabei in Richtung einer verschwörerischen Mysterygroteske, die mit Schadenfreude und märchenhaften Elementen einen aufgeweckt erwachsenen Geschlechterkampf einläutet. Dabei ist The Fox nicht zwingend feministisch, sondern universell anwendbar. Im Hinblick auf die natürliche Ordnung und verschworen mit dem Leitsatz „It is, what it is“ zeigt die pointierte Komödie jedem die Zunge, der glaubt, nicht aus seiner Haut hinauszukönnen oder den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen.

Die Suche nach den Quellen der Manipulation

Der Entschluss dabei, die Tierwelt in dieser absonderlichen Mystery statt digital mit analoger Mechatronik lebendig werden zu lassen, mag die Kirsche auf dem Sahnehäubchen sein – der Retro-Faktor sorgt für Extravaganz, erinnert an die guten alten DEFA-Filme und weckt damit deutlich mehr Faszination als jedes pixelgenerierte Tierchen. Genüsslicher Bonus ist dabei vor allem im Original Olivia Colmans unverwechselbare Stimme, die sie der geheimnisvollen Füchsin leiht, und einmal noch, weil’s so schön war, Sam Neill als schnippische Elster. Beide manipulieren die Menschen, diese manipulieren sich untereinander, und unterm Strich folgt alles seiner Natur.

The Fox (2025)

The Weed Eaters (2025)

KIFFEN & GRILLEN

6,5/10

 

Alice May Connolly als Jules in der Horrorkomödie The Weed Eaters
© 2025 Causeway Films

 

LAND / JAHR: NEUSEELAND 2025

REGIE: CALLUM DEVLIN

DREHBUCH: FINNIUS TEPPETT

KAMERA: SAMUEL AUSTRIN

CAST: ALICE MAY CONNOLLY, ANNABEL KEAN, FINNIUS TEPPETT, SAMUEL AUSTRIN, PAUL KEAN, DAVID CORREOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 20 MIN



Es sind keine Monster, keine Zombies und keine Psychopathen, die sich ihrem Fetisch unterwerfen. Kein indigener Dschungelstamm filetiert Reisegruppen aus dem Westen wie in Cannibal Holocaust, kein Hannibal Lecter genießt zur Menschenleber wohltemperierten Chianti. The Walking Dead schlendert auch nicht durch die Gegend, obwohl man bei schnellem Hinsehen und in sternenklaren Nächten eines Sommers auf der Südhalbkugel das bekiffte Grüppchen Normalsterblicher in Silvester-Feierlaune mitunter für Untote halten könnte.

Because I Got High

Denn Drogen, das wissen wir, verändern die Motorik, betäuben das Sprachzentrum, nehmen die eine oder andere psychosoziale Hemmung. Wo lässt sich die Freiheit des Rausches besser ausleben als irgendwo in der Landschaft, wo kein Exekutivorgan seine Schritte setzt und keiner den anderen dahingehend maßregelt, über die Stränge geschlagen zu haben. Diese beiden Paare, Jules und Brian, Charlie und Campbell, haben sich zusammengetan, um die letzten Tage des Jahres mit Party, Bier und feinstem Gras zu feiern.

Die Location mag als Scheune weniger berauschend sein, das gefundene Einmachglas mit Marihuana dann aber doch. Was die vier dabei nicht erwartet hätten: So einen Joint mit genau diesem Extrakt zu rauchen macht hungrig. Hungrig auf Menschenfleisch. Was aber tun, wenn der Kühlschrank gänzlich andere Speisen birgt? Aufeinander losgehen? Oder die Gelegenheit am Schopf packen, wenn der kauzige Farmer, dem dieses Zeug eigentlich gehört, ganz plötzlich das Zeitliche segnet?

Besser gemeinsam statt einsam Tabus brechen

Man könnte natürlich eine Schlachtplatte inszenieren ohne Gespür für Zwischenmenschliches, nur um all die Gorehounds im Publikum zu befriedigen. Man könnte einen Horrorthriller inszenieren, der nach einer anfänglichen Gesellschaftskomödie wie ein Jack-in-the-Box aus der Kiste springt. Oder aber man bleibt dabei, man hält fest an der Tonalität einer urkomischen, lässig dahergeplauderten Beziehungskomödie mit ausreichend Wortwitz und schrägen Charakteren, die sich untereinander gar nicht mal so gut kennen und allerlei peinliche Momente generieren, die den Reiz von Callum Devlins Spielfilmdebüt ausmachen.

Anscheinend weiß Devlin ganz genau, wie man ein Tabuthema, mit dem eigentlich niemand wirklich anecken will, zu einer skurril-pikanten Gesamtsituation umkrempelt, die wie ein peinlicher Unfall aussieht. Der Witz liegt darin, dass gewöhnliche Leute zwanghaft einem Tabu ausgesetzt werden, das unter Wahrung der Zivilisiertheit schließlich wieder tabuisiert werden muss.

Gehen wir’s pragmatisch an

Diese neuen Kannibalen per Zufall, die eigentlich keine sind, sondern lediglich aufgrund ihres zugedröhnten Zustandes so sein müssen, versuchen, das Beste aus ihrer Situation. The Weed Eaters fühlt sich an wie einer dieser hemmungslos-kuriosen Spots der Hornbach-Baumarktkette: praktisch veranlagt, versponnen, lösungsorientiert.

Und dann kippt das Ganze aber doch. Ganz so pragmatisch und urkomisch hätte es vielleicht weitergehen können, ohne weiteres hätte The Weed Eaters gerade auch mit Seth Rogen, Zach Galifianakis oder Jason Sudeikis als groteske Verzerrung ihrer Filme Ananas Express oder The Hangover funktionieren können, mit der Voraussetzung, dass Menschenfleisch am Grill salonfähig wird – wenn es denn sein muss.

Alles aufgegessen?

Gegen Ende weiß Callum Devlin irgendwie nicht weiter, die Pointe bleibt aus – gerade auf die hätte man gewartet, wenn das Ganze schon bisher so pointiert war und die Begegnung mit einem Dorfgendarmen zu den besten und witzigsten Momenten des ganzen Films zählt. So situationskomisch hätte es weitergehen können, doch Genrekonventionen verlangen ihren Tribut.

The Weed Eaters (2025)

The Spiral (2026)

DEM SCHICKSAL EIN BEIN STELLEN

6,5/10


Jasmina Trinca spielt in The Spiral mit dem Schicksal
© 2026 Le Pacte


ORIGINALTITEL: L’ESTRANEA

LAND / JAHR: ITALIEN 2026

REGIE: PAOLO STRIPPOLI

DREHBUCH: PAOLO STRIPPOLI, SALVATORE DI CHIRICO

KAMERA: CRISTIANO DI NICOLA

CAST: JASMINE TRINCA, ROMANA MAGGIORA, VERGANO, ADRIANO GIANNINI, VALERIA BRUNI TEDESCHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN



Und wofür das alles? Für den neuen Werbespot der Nudelmarke Barilla, die man auch hierzulande im Supermarkt kaufen kann und die in Italien so einen Bekanntheitswert hat wie hierzulande die Schnitten der Firma Manner. Denn Alice, die Tochter aus gutem Hause und jüngster Spross einer Familie, die in der Gesellschaft so gut angesehen ist wie kaum eine andere, hat in ihrem blutjungen Volksschulalter die tragende Rolle ergattert. Besser könnte es für die Sippe nicht laufen – bis das Schicksal mit harter Faust zuschlägt. Denn schließlich kann so viel Glück einem allein nicht gehören, das Leben fordert seinen Tribut. Ist nur die Frage: Wo genau? Und wer wird als Tribut ins Rennen geschickt?

Die Kausalität und ihre Tücken

Wir sind schließlich nicht in Panem, sondern in der metaphysischen Realität eines alternativen Italiens. Hier verbeißt sich der Familienhund ins Bein des zukünftigen Kinderstars, und so wie es aussieht, wäre dieses auch nicht zu retten, wäre die verzweifelte Mama namens Anna in Gestalt von Jasmina Trinca nicht auf die Idee gekommen, zum lieben Herrgott zu beten.

Wo der Herrgott aber ist, mag sein gefallener Engel nicht weit sein – obwohl wir uns zu dieser Banalität, wir hätten es mit dem Teufel zu tun, nicht unbedingt bekennen müssen. Die andere Seite des vom Christentum auferlegten Credos, das Leben sei Schmerz und dieser Schmerz eben zu ertragen, macht das Angebot, den Schmerz zu delegieren. Den Tribut zu wechseln, das Opferlamm aus den Fängen eines Determinismus zu reißen – und einen neuen, anderen Familien-Jesus zu wählen, der das Leid für andere tragen muss, ohne dazu bereit zu sein.

Wie viel wiegt eine Tragödie?

Man kann dieses Angebot aus dem Munde von Valeria Bruni Tedeschi nicht ablehnen, die als wildfremde Kirchengeherin über diese Tragödie Bescheid weiß und Jasmina Trinca die Wahl überlässt: Die Tochter und ihr Bein retten – oder eben nicht. Der Preis ist nicht die Seele wie in den altbekannten Volkslegenden Mitteleuropas, sondern der „Pain-Switch“. Der Sohn, sportlich orientiert und womöglich mal ganz groß im Fußball, wird lediglich ein paar Kilos zulegen, das ist alles.

Es lässt sich vorausahnen, dass diese höheren Mächte bei einem verlorenen Bein wohl mehr Gewicht in die Waagschale legen müssen als nur ein paar Kilos. Die Spirale beginnt sich also zu drehen. Das russische Roulette des Schicksals sagt: Rien ne va plus war gestern – einer geht noch, zusammen sind es vier.

Vom Wunderknaben zur Schicksals-Prokrastination

Letztes Jahr hat mich Paolo Strippolis gespenstische Parabel über Religion, Wunder und Machtmissbrauch, das spektakuläre Horrordrama The Holy Boy, komplett in seinen Bann gezogen. Sträflicherweise lief der Film nur ganz kurz hier in den Kinos, außerdem unter dem Radar, dabei war dieser einer der besten des Jahres 2025 und eine metaphorische Abhandlung zu relevanten Themen, die ordentlich in die Tiefe ging. Ob Strippoli ein Jahr später wieder so ein Meisterwerk gelingt? War es einfach nur ein Zufallstreffer, dieser Holy Boy, oder ist Strippoli ein genauso vom Schicksal Gesegneter wie diese Familie hier im Film, bevor der Hund in den Garten kommt?

Alles eine Frage des Glaubens?

Zumindest ist Strippoli nicht vom Pech verfolgt, und sein neues Werk The Spiral – im Original eigentlich „Die Fremde“ – fischt abermals im okkulten Terrain einer experimentellen Moralphilosophie. Wieder lotet Strippoli die Grenzen unseres Handelns aus und auch die Bereitschaft, zwischen denen, die man liebt, zu entscheiden. So verschlimmbessert die Figur von Jasmina Trinca das Schicksal der anderen immer mehr, sie verspielt auch noch den letzten Rest, wie Ashton Kutcher in The Butterfly Effect, nur dieser bemüht sich in seinem Film, allein klarzukommen, ohne religiös angehauchte Instanz.

Alles eine Frage des Glaubens?

Ohne Religion geht es schließlich nicht bei Strippoli, diesen Faktor zu sezieren ist sein oberstes Anliegen. Anders jedoch als in The Holy Boy kokettiert The Spiral überdeutlich mit den Fabeln einer Sagen- und Märchenwelt, die die Konsequenz des Handelns bewertet und nicht das sogenannte Experiment für sich sprechen lässt.

Fast schon scheint das Gleichnis zu offensichtlich, zu vorhersehbar. Auf mehrere Zeitebenen verteilt und eingezwängt in einen hochdramatischen Dialograhmen, der zum Leidwesen aller Agnostiker die Sintflut nebenbei heraufbeschwört, ohne sie dann letztlich hereinbrechen zu lassen, mag Strippoli von seinem Erfolg des Holy Boy so motiviert gewesen sein, dass er ordentlich aufträgt.

Das hat schon seine Wirkung, ohne Zweifel. Das Leiden der anderen, mit denen die von der Versuchung herausgeforderte Anna spielt, ist grimmig genug, um seine Lehren daraus zu ziehen. Ein Lehrstück also, effektiv, aber letztlich nicht so konsequent wie der Diskurs über den Machtmissbrauch eines Wunderheiligen.

The Spiral (2026)

Recluse (2026)

LEBENSBEICHTE EINES HAUSES

5/10


Xander Berkeley als bedrohliche Vaterfigur in Recluse
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: HENRY CHAISSON

KAMERA: BRYCE HOLDEN

CAST: SASHA FROLOVA, XANDER BERKELEY, TOBY POSER, MIA VALLET, KIMBALL FARLEY, FRANKIE SERATCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



In den Sechzigern landete Schlagersänger Bruce Low einen morbid-finsteren und dennoch humorvoll intonierten Hit: Das alte Haus von Rocky Docky. Da kann man, also zumindest ich, gleich mitsingen. Schließlich hat dieses alte Haus vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt.

Häuser solcher Art können viel erzählen, wenn man sie denn versteht. Jahrhunderte haben sich in Gemäuer wie dieses eingeschlichen: Auren verblichener Persönlichkeiten, Erinnerungen, Reste von Leid und Glück und Trauer, Behaglichkeit und Angst. Da zittert und bebt, jammert und weint es – auch diese Zeile findet sich in Bruce Lows launigem Architektur-Steckbrief.

Einem Gemäuer das Mikro hinhalten

In Recluse jammert und weint auch so einiges – um das alles interpretieren zu können, hat Protagonistin Joan, die als Soundtechnikerin beim Film ihr Auskommen findet, gleich ihr ganzes Equipment mitgebracht, um in den Gängen, Räumen und Nischen nach dem Klang des Damals zu forschen. Hochsensible Gerätschaften sind das, die man womöglich nirgendwo im Einzelhandel für Normalsterbliche erstehen kann, da bedarf es schon der Fachkenntnis von Experten.

Mit diesem schmucken Equipment geistert Joan durch das Anwesen mit sehr wahrscheinlich düsterer Geschichte. Es ist der Ort ihrer Kindheit, die nicht ganz so lieblich gewesen sein mag, wie sich das manche gerne für ihre eigene gewünscht hätten. Irgendeinen Faktor kann Joan nicht fassen. Und es ist nicht ihr Vater, der im Erdgeschoß in einem Bett vor sich hinvegetiert und nur noch auf das Ableben wartet, schwer gezeichnet durch Verbrennungen und das Gesicht hinter einer weißen Gipsmaske verborgen, die bei schnellem Hinsehen so aussieht, als wäre sie Michael Myers entwendet worden.

Gruselig kann man das Szenario durchaus nennen, doch das ist nicht der Grund, warum Joan Kontakt zu ihrem alten Herrn anfangs tunlichst meidet. Der war schließlich zu seiner aktiven Zeit hochgelobter und abgöttisch verehrter Künstler, praktizierend mit dem Okkulten und für die Familie nicht greifbar. So ein Ego-Trip forderte seine Opfer. Damit hat auch dieses rätselhafte Geheimnis zu tun, das in den alten Wänden schlummert. Darüber hinaus spukt noch die verstorbene Mutter durch den Flur – in jedem Fall lohnt es sich, als Geisterjäger dranzubleiben. Alle anderen würden hier Reißaus nehmen, denn es kann sein, dass das Blut gefriert.

Im Haunted-House-Grusel daheim

Das Blut gefror schon bei Shirley Jacksons verfluchtem Hill House, einem Gothic-Schauerroman, der in den 60er Jahren und später von Mike Flanagan stilsicher verfilmt wurde. Doch nicht nur Flanagan hat eine Vorliebe für verfluchte Häuser, auch Henry Chaisson, der bislang als Autor unter anderem für Antlers oder Servant tätig war und nun seine erste eigenständige Arbeit präsentiert, hört das Flüstern und Rumoren, das Knarzen der Dielen und spürt die Kälte unruhiger Seelen in der Zwischenwelt.

Ganz im Stile Flanagans plustert sich Recluse (was soviel heißt wie Einsiedler) zu einem traumatischen, jedoch umständlich erzählten Familiendrama auf, dessen halbtote Ahnen Zeit ihres Lebens so einige Fehler machten. Mit rätselhaften Figuren wie der langjährigen Haushälterin oder einer Pflegerin für den alten Herrn, die mehr Zeit mit ihm verbringt, als sie müsste, gestaltet Chaisson sein Gruseldrama zu einem Cold-Case-Whodunit aus, der auf etwas zähe Weise Verborgenes ans fahle Licht des Tages bringt.

Der Funke springt nicht über

Sasha Frolova als zentrale Figur jenes Films verpasst in ihrem Spiel allerdings die Gelegenheit, dass man sich für sie und ihre Familiengeschichte auch wirklich interessiert. Genauso zäh, wie der Film in Gang kommt, genauso sperrig zeigt sich unsere Hauptfigur, für die sich wenig Zuneigung empfinden lässt. Damit fügt sie sich aber gut ins ganze Ensemble ein, denn die übrigen Verdächtigen und Nicht-Verdächtigen bleiben auf Distanz zur knisternden, kratzenden und jaulenden Geschichte, die sich in ihrer filmischen Umsetzung zu sehr auf den Sound verlässt und auf stimmige Atmosphäre verzichtet.

Recluse (2026)

Beware Boiúna (2026)

SCHUPPEN VOR DEN AUGEN

6/10


Kiana Madeira als Lena in Beware Boiúna
© 2026 Constantin Film


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MIKE P. NELSON

DREHBUCH: ALAN B. MCELROY

KAMERA: NICK JUNKERSFELD

CAST: KIANA MADEIRA, JESSICA ROTHE, LOGAN MARSHALL-GREEN, JACKSON BEWS, JUAN PABLO SHUK, WILL CLOSE, VICENTE PEÑA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Manches Mal habe ich schon so eine Vorahnung, was Überraschungsfilme betrifft. Vor zwei Jahren lag ich bei der Viennale goldrichtig, als sie den Daniel Craig-Fiebertraum Queer gezeigt hatten. Diesmal blätterte ich kurz vor Filmbeginn im Fachmagazin cinema und las vom Creature Feature Beware Boiúna. Minuten später flimmerte mir auch schon ein allen Genremustern entsprechendes Dschungelabenteuer entgegen. Wenn das kein Zufall ist, dann zumindest eine mittlere Verschwörung, die auch ganz gut zu diesem Festival passt, wo nichts ist, wie es scheint – außer dieser Film.

Die Angst der Herpetologen vor mehr als elf Metern

Denn der ist brutto für netto genau das: Ein Schlangenhorror, aber nicht ganz im Stile des käsigen 90er-Trash-Klassikers Anaconda mit Jennifer Lopez als blutjungem Final Girl, das dem Kriechtier gezeigt hat, wie man Schlangenhaut weiterverarbeiten kann. Beware Boiúna hat sich den Spaß erlaubt, keinen Spaß zu haben. Da können Jack Black und Paul Rudd gleich ihre Sachen packen und heimgehen oder besser gesagt: mit ihrer Meta-Ware gar nicht erst Schlange stehen.

Schlangenhorror will schließlich ernst genommen werden. Damit ein Thriller wie dieser auch wirklich funktionieren kann, dürfen all die peripheren Parameter auch das tun, was man von ihnen verlangt. Zum Beispiel der Dschungel. Der muss echt sein. Gedreht wurde somit tatsächlich in Kolumbien – dort, wo der ganze Horror in der Geschichte seinen Lauf nimmt. Was wir sehen, ist also weder Studio noch KI noch CGI, sondern die feuchte, kratzige, wunderschöne und tödliche Botanik.

Die lateritrote Erde ist so, wie sie ist, wenn man, tuckernd auf dem Amazonas, dort anlegen will. Werner Herzog weiß, wovon man spricht, wenn man behauptet, im Dschungel gedreht zu haben. Mike P. Nelson hat aber das große Glück, keinen Kahn über irgendeinen Hügel zu zerren. Zwei Boote, ein Sumpf, eine Schlange, die nur zähnefletschend lachen kann über jene Gummidinger, die man damals verwendet hat, um dem Publikum Angst einzujagen.

Wenn der Mythos die Regeln vorgibt

Diese Boiúna ist nicht kurz vor dem Dreh ausgedacht, sondern ein in der brasilianischen Mythologie tief verankertes Meta-Wesen, das seine Natur beschützt, Eindringlinge, die nichts Gutes im Schilde führen, verspeist und jene respektiert, die mutig genug sind, sich ihr entgegenzustellen.

Sehr komplex ist das nicht, doch eine Schlange muss tun, was sie eben tun muss. Dahingleiten, sich im Dickicht verstecken wie der Predator, dann plötzlich zuschlagen. Auf diese Weise dezimiert sich auch das Ensemble erschreckend schnell, und Regisseur Nelson macht das, was so manche Vorbilder wie Steven Spielberg und Ridley Scott schon längst als bewährte Methode etabliert haben: Das Monster erst spät zu zeigen. Somit entsteht der Mythos auch im Film und greift so weit in die Geschichte ein, dass er anfangs nur eine Ahnung von etwas Bedrohlichem ist, ohne die Story rund um einen vertuschten Todesfall für sich zu beanspruchen. Anfangs sind die Monster noch Menschen, doch dann tobt die natürliche Gerechtigkeit.

Das Schema F hält sich klein, Nelson wagt so einige unerwartete Züge, doch im Grunde ist der Survivaltrip, der in einer herrlich beklemmenden Sumpfszene seinen Höhepunkt findet, genauso viel wie die Summe seiner Teile – nichts anderes will man.

Beware Boiúna (2026)

Bloody Tennis (2026)

SUSPIRIA IM FILZBALL-CAMP

3/10


Sandra Guldberg Kampp schwingt das Racket im Film Bloody Tennis
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE / DREHBUCH: NIKIAS CHRYSSOS

KAMERA: CONSTANTIN CAMPEAN

CAST: SANDRA GULDBERG KAMPP, ELINA LÖWENSOHN, HELENA ZENGEL, ZLATKO BURIĆ, VINCENT ROMEO, TRACY GOTOAS, LILY TAÏEB, JULIANA VIEIRA-GUERRA, LUCIE ZHANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn Zlatko Burić, dem Tom Cruise in Digger szenenweise richtig ähnlich sieht, als grantelnder Tennislehrer die KO-Spiele seines Jungmädchen-Clubs kommentiert, sind das zumindest noch die am besten funktionierenden Szenen in einem eigenwilligen Verschwörungs-Mystery-Sonstwas-Thriller, der sich in unverhohlener Trittbrettfahrerlust an Dario Argento anbiedert – insbesondere an Suspiria.

Wir erinnern uns: Eine Tanzschule in Westberlin zur Zeit der Mauer ist Tarnung einer teuflischen Sekte, die den Leibhaftigen beschwört und die Tänzerinnen dazu benutzt, diesen am Leben zu erhalten. Auch Luca Guadagninos Remake spart nicht mit grell-blutigem Finale – bis es so weit kommt, blüht uns allerlei Suspense. In Bloody Tennis zeigt man zumindest nicht konkret auf den Teufel höchstpersönlich, doch irgendetwas ist auch hier im Gange – und ganz ehrlich: Man will es eigentlich gar nicht so genau wissen.

Man muss doch nicht gleich die Eltern anrufen

Als gute Wahl gilt zumindest die Location in Nikias Chryssos‘ neuem Film. Ein ehemaliges Kloster auf Gran Canaria dient als Kulisse, weitab vom Schuss inmitten der Wüste. Dort soll die Mary Tyrone Tennis Academy untergebracht sein, geleitet von ebenjener, die von Elina Löwensohn verkörpert wird und die ein Gefühl absolutistischer Langeweile vermittelt, da die Dame den ganzen Tag sonst nichts zu tun hat außer die Monitore ihrer Überwachungskameras zu inspizieren. Tut sie das mal nicht, lächelt sie keck und allwissend, wenn mit unlauteren Mitteln der Leistungssport Sieger und Verlierer ermittelt. Blut sehen kann man am Tenniscourt nämlich schon früh, und Blut ist auch Teil des Programms. Egal, ob Reißnägel in den Schuh gestreut wurden oder der Knöchel lautstark knickt. Es wird weitergespielt auf Teufel komm raus.

Den jungen Frauen scheint das alles recht – auch der scheußlich schmeckende morgendliche Umtrunk, der aussieht wie Rote-Rüben-Saft, aber womöglich aus menschlichen Überresten mancher Verliererinnen gebraut ist, wer weiß das schon so genau. Und man will auch das nicht so genau wissen. Denn Bloody Tennis ist vor allem eins: unmotiviert.

Eine Sportart, für die man alles geben sollte

Es liegt, wie wir wissen, nicht an Zlatko Burić, sondern wohl eher an einem Plot, der sich ungehemmt an bereits etablierten Beispielen des Giallo und der Young-Adult-Mystery bedient, aber überhaupt nicht am Sportfilm.

Tennis ist in Bloody Tennis nur eine Behauptung. Chryssos filmt das Ganze so, dass die Matches kaum nachvollziehbar bleiben. Viel eher sind die Verletzungen das, woran man sich ergötzen sollte, und nicht der Tennissport. Von dem Gefühl, eine Leistung erbringen und besser sein zu wollen als die anderen, lässt sich kein einziger Vibe empfinden.

Warum die jungen Mädchen, darunter auch „Systemsprengerin“ Helena Zengel, hier gegeneinander wetteifern, erschließt sich ihnen wohl selbst nicht. Vielleicht ist es einfach nur Frust, weil sie alle einem Ehrgeiz entsprechen müssen, den sie nicht empfinden. Es scheint fast so, als wäre Tennis eine Variable, denn keine hat die Lust, das Spiel auch zu spielen.

Knapp im Out ist leider auch daneben

Will man der Geschichte die Ambition andichten, dass man für Höchstleistungen Opfer bringen muss, nur eben nicht die eigenen, geht die Rechnung nicht auf. Schon viel zu oft sind Hunger, Blut, Kannibalismus und das Sich-Einverleiben der Stärke anderer zitiert worden. Szenen wie diese wirken nur noch pflichtbewusst in Szene gesetzt. Das Netz des mit Katzendarm fein gesponnenen Rackets hängt durch, die Mädels hängen durch, Löwensohn bleibt auf provokante Weise eine unheilverkündende Tachiniererin. Letztlich ist Bloody Tennis genau das: ein Vorbilder imitierendes Low-Budget-Trainingscamp, in dem nichts, was passiert, durch höhere Ziele gerechtfertigt wird.

Bloody Tennis (2026)

AnyMart (2026)

TOTALITARISMUS IM SONDERANGEBOT

7/10


Shôta Sometani folgt den Regeln im Film Anymart
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: YUSUKE IWASAKI

KAMERA: MAO OHKAWARA

CAST: SHÔTA SOMETANI, ERIKA KARATA, MASAHIKO NISHIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Ein Trailer, der nichts preisgibt

Zeig mir den Trailer, und ich sag dir, ob ich mir den Film ansehe: Das, was man vorab von AnyMart zu sehen bekommt, wird wohl niemanden so schnell dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Wir sehen einen Japaner, womöglich Mitte zwanzig, irgendwo an einer Supermarktkassa irgendeiner Lebensmittelkette, daher auch der Titel: AnyMart.

In so einem Laden steht da einer und schaut – ausdruckslos, gelangweilt und fast schon wie in Trance. Diese Gleichgültigkeit nahe am Gehirn-Standby hat auch etwas Bedrohliches. Langsam fährt die Kamera näher, als würde gleich in der nächsten Sekunde etwas Entsetzliches passieren. Doch es ist nur dieser Mann, der während des Wartens auf Kundschaft vor sich hin starrt. Was will uns dieser Trailer damit sagen?

Endstation Supermarkt?

Ist es die Ruhe vor einem Amoklauf? Aufgestauter Frust? Ermüdung angesichts der Uniformität verpackter Hühnerteile? Bedient AnyMart das Gerücht oder vielleicht das Klischee, dass im gehorsamen Mikrokosmos eines Supermarktes ein Tag wie der andere ist, jede Woche wie die nächste und jedes Jahr wie das darauffolgende? Dass es zwischen Kassa, Rabattaktionen und dem Nachschlichten von Waren nichts gibt außer das Vakuum eines zomboiden Konformismus, den das Management vorschreibt?

Das Urteil, das AnyMart über eine gesamte Branche fällt, ist aber nur eine Metapher für etwas ganz anderes. Und zwar für ein System aus Regeln, Normen und Disziplin. Ist dieses Konstrukt erstmal geschaffen, lässt sich das Individuum so sehr unterordnen, dass es nicht mehr zu denken braucht.

Die totale Kontrolle

In diesem kleinen Lebensmittelladen arbeitet der bereits aus dem Trailer bekannte Sakai – es stellt sich heraus: Völlig eingelullt von der Tristesse des Alltags ist er noch nicht, doch er folgt brav den Anweisungen seines Vaters, dem das Geschäft gehört. Dieser sitzt vorwiegend in einem schmalen Hinterzimmer vor dem Bildschirm und beobachtet seine Bediensteten, er ist Herr über Recht und Ordnung. Was er sagt, ist Gesetz. Selber denken darf hier keiner, sondern ausschließlich befolgen, was zu tun er aufträgt. Ein Big Brother im Kleinformat.

Die totale Unterdrückung

Diese Starre des Systems ist unerbittlich. Nichts bewegt sich, jede Abweichung wird geahndet. Und dann kommt Ogawa, eine engagierte junge Frau, die sich so viel Geld dazuverdienen will, um nach ihrer Ausbildung zur Friseurin einen eigenen Laden zu eröffnen. Siehe da, da hat jemand Ambitionen. Da denkt jemand selbst. Auch gegenüber dem AnyMart versucht es ein Einzelunternehmer mit Quiches aller Art.

Der Konformismus schlägt jedoch überall zu, das Individuum zählt nichts, die Furcht und die Abscheu vor Ideen brennen auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf selbstbestimmten Erfolg nieder. Wie unbarmherzig lässt diese triste Dystopie eines Arbeitsmarkt-Horrors die Peitsche knallen. Schwarzhumorig kann man das nennen, oder aber auch zutiefst zynisch. Das leise Aufbegehren gegen Windmühlen mag gar nie zu einer Revolution ausarten, denn unter den Teppich gekehrt wird, was das System fehlerhaft erscheinen lässt.

Anders gedacht ist schon halb verloren

Der ebenfalls besondere und außerhalb der Wahrnehmung existierende Geheimtipp Corner Office schickt Jon Hamm statt in den Supermarkt ins Büro, um dort einen imaginären Raum zu entdecken, der die Leistungsfähigkeit beflügelt. Gern gesehen wird das Ausscheren aus der Reihe dort genauso wenig wie im japanischen Plastikverpackungs-Eldorado. Während Corner Office als smarte Mystery daherkommt, taucht AnyMart resignierend in die Finsternis ab.

Dabei zündet Regiedebütant Yusuke Iwasaki für seinen ersten Spielfilm eine lange Lunte. Die repetitive Trostlosigkeit der Existenzen mag in ihrer ereignislosen Nüchternheit beunruhigen – und ja, AnyMart bleibt selbst unbeweglich und starr in der Schilderung tödlichen Starrsinns in einer Vorhölle aus Ordnung, die keinen Widerspruch duldet.

Der wohl bitterste Film des ganzen Slash Filmfestivals ist ein Spätzünder und wirkt mit einiger Verspätung erst so richtig nach wie Muskelkater. Als hätte man sich halb zu Tode geschuftet und wüsste gar nicht mal, wofür.

AnyMart (2026)