Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

DUNKLE MATERIE IN DER ZWEISAMKEIT

6/10


Zendaya und Robert Pattinson im Film Das Drama von Kristoffer Borgli
© 2026 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

KAMERA: ARSENI KHACHATURAN

CAST: ROBERT PATTINSON, ZENDAYA, ALANA HAIM, MAMOUDOU ATHIE, MICHAEL ABBOTT JR., YAYA GOSSELIN, SYDNEY LEMMON, HAILEY GATES U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Kristoffer Borgli setzt sich nun schon zum dritten Mal mit den Paradoxien des urbanen Miteinanders auseinander. Sick of Myself, sein erster Film, handelt von den Auswüchsen der Geltungssucht und der Aufmerksamkeit, die man anderen Menschen schenkt, wodurch manche versehentlich ihren Selbstwert definieren. Ein seltsam analytischer, aber treffsicherer Film. Dream Scenario geht da einen Schritt weiter ins Mysteriöse, gar Surreale: Good old Nicholas Cage ist dort der Traummann für alle, und zwar deswegen, weil er des Nächtens wie einst Freddy Kruger zwar nicht auf destruktive, aber dennoch auf eskalierende Weise in den Köpfen der Menschen herumspukt. Die Rechnung geht nicht unbedingt auf, natürlich nimmt sich Borgli auch hier wieder diverse Gesellschaftsphänomene zur Brust, formgerecht zugeschnitten auf das Zeitalter der Sozialen Medien.

Das offene Buch hat geheime Seiten

Jetzt hat Borgli die omnipräsente Schauspielerin und Sängerin Zendaya sowie Ex-Vampir Robert Pattinson vor die Kamera geholt – um klar Schiff zu machen, wenn es darum geht, als Liebespaar nur auf Basis enthüllter Geheimnisse reüssieren zu können. Man muss sich einander schließlich alles sagen – oder nicht? Wer man gewesen ist, wie man sich entwickelt hat; all die Fehlleistungen, all die Abzweigungen im Leben, die einen dorthin geführt haben, wo man sich lieb hat. Auch all die dunkle Materie. Denn wie sonst könnte man sein Gegenüber wirklich kennen, wüsste man nicht auch dies?

Also nutzen Charlie und Emma, glücklich liiert und kurz davor, pompös zu heiraten, die Gunst der Stunde, um mit ihren Treuzeuginnen und – zeugen diese dunkle Materie auszugraben. Als Emma an die Reihe kommt, bleibt allen der Mund offen stehen ob dieses psychopathischen Ansatzes. Charlie (Pattinson) ist wie die anderen auch völlig vor den Kopf gestoßen. Wie kann denn die Liebe seines Lebens jemals so viel Sünde sein?

Die Sache nicht auf sich beruhen lassen

Nüchtern betrachtet folgt auf so viel Offenbarung das Gespräch und die Lösung des Konflikts. Weiters die Akzeptanz, dass die Person, die man liebt, aus ihren Fehlern gelernt hat und nun ein anderer Mensch ist. Die bessere Hälfte legt die Sache ad acta, kommt es doch auf das Vertrauen an. Bei Kristoffer Borgli geht der Reigen aber weiter. Nach zwanzig Minuten Problembewältigung stellt sich die Frage: Wie? Der Konflikt scheint bereinigt, die Sache vom Tisch, nur der Film will nicht enden. Was hat Borgli in seinem analytischen Psychodrama Das Drama – Noch einmal auf Anfang denn noch vor?

Fingerzeigen tut man nicht

Er schenkt uns einen zerrütteten Robert Pattinson, der mit skurrilen Visionen hadert und seine große Liebe plötzlich nicht mehr zu kennen glaubt. Er schenkt uns eine recht ratlose Zendaya, die anders denkt als ihr Zukünftiger, und so auch nicht wahnsinnig viel zum Fortlauf der Geschichte beiträgt. Die Bühne gehört dem hadernden Bräutigam in spe, der sich im Selbstmitleid suhlt und damit alles nur nicht schlimmer macht.

Doch ist es nur das, nur diese Unaufbringbarkeit von Akzeptanz und Vertrauen? Borgli will mehr, er widmet sich der Toxizität der Cancel Culture – also mehr oder weniger der kollektiven Verurteilung durch jene, die ihre dunkle Materie niemals haben zeigen müssen. Da fühlt man sich gleich als besserer Mensch, hat man den oder die andere am Pranger und nicht sich selbst.

Die schale Wirkung des Selbstmitleids

Das Drama – Nochmal einmal auf Anfang hat mit diesen Betrachtungen eine clevere Prämisse und bringt bewegend viel Stoff für Diskussionen nach dem Kino. Mag sein, dass man danach diesen Spaß auch selber praktiziert und die Lebensbeichte schlechthin ablegt – unter der Voraussetzung, sich zweimal zu überlegen, wie man mit den neugewonnenen Informationen umgeht. Auserzählt hätte Borgli seinen Film aber schon viel früher, er reichert ihn daher an mit repetitiven Szenen an, die im sachlichen Setting einer schmucklosen Inszenierung wie verwässerter Wein erscheinen.

Nicht vollmundig, sondern schal eskaliert das Drama im Drama zu einem offensichtlichen Höhepunkt hin, der die Freiheit des peinlichen Scheiterns genießt. Das alles ist etwas selbstverliebt und trägt vor allem bei Zendaya das Bewusstsein zur Schau, dass es einfach reicht, sie selbst zu sein, ohne viel dafür tun zu müssen. Damit hat Pattinson Raum genug, um sich künstlich reinzusteigern, doch auch das ist nicht mehr als halbwegs solide.

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

The Chronology of Water (2025)

MOLEKULARE STRUKTUREN DER BEWÄLTIGUNG

6/10

 

Imogen Poots als Schwimmerin im Film The Chronology of Water
© 2025 Polyfilm

 

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, LETTLAND, SPANIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: KRISTEN STEWART

DREHBUCH: KRISTEN STEWART, ANDY MINGO, LIDIA YUKNAVITCH, NACH IHREN GLEICHNAMIGEN MEMOIREN

KAMERA: COREY C. WATERS

SCHNITT: OLIVIA NEERGAARD-HOLM

CAST: IMOGEN POOTS, THORA BIRCH, MICHAEL EPP, EARL CAVE, SUSANNAH FLOOD, IM BELUSHI, KIM GORDON, TOM STURRIDGE, CHARLIE CARRICK, ANNA WITTOWSKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN

 

So wie alle, die im Filmfach in irgendein Franchise hineingestolpert waren, hat auch Kristen Stewart rechtzeitig versucht, sich aus diesem Twilight-Hype herauszustemmen, um nicht für den Rest ihres Lebens die schmachtende Bella Swann zu bleiben. Ihr Filmpartner Robert Pattinson hat es schließlich auch geschafft. Und Stewart, die hat noch ihr Outing mit auf den Weg genommen und ließ alle Welt wissen, dass sie lesbisch ist. Gut gemacht, keine Frage – mittlerweile kann die Schauspielerin vor allem im Independentkino alles spielen, und das ist genau auch diese Blase an zeitgenössischem Film, der sie mit Haut und Haaren angehört. Das aber beinhaltet auch das Filmemachen selbst.

Wer ist Lidia Yuknavitch?

Ab zum Drehbuchschreiben, rauf auf den Regiestuhl, und los kann es gehen mit dem Debüt, welchem die Memoiren der amerikanischen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch zugrunde liegen, von der ich noch nie in meinem Leben etwas gehört habe und die sich nun aber um deutlich mehr Umsatz betreff ihrer Bücher freuen wird können. Schließlich haben diese Memoiren einiges zu erzählen – einen schmerzlichen Kreuzweg, der durch eine Kindheit und eine Jugend voller Missbrauch und traumatischer Erfahrungen führt, und in denen die Figur des Vaters zum Angstobjekt Nummer Eins wird.

Scherben bringen Gefühle zutage

Keine leichte Kost, das wird einem schon klar, wenn man den Trailer sieht. Keine leichte Kost auch, was die Art und Weise betrifft, wie Stewart diese Lebensgeschichte erzählen will. Wenn schon im Titel von Chronologie die Rede ist, lässt sich im Film selbst eine solche nur schwer, aber doch, erkennen. Bewusst zerreißt und zerpflückt und zerschlägt die ehrgeizige Debütantin diesen persönlichen Bericht wie einen Spiegel, den man auf den Boden schmettert, dessen Scherben mit der verspiegelten Seite nach oben zeigen und mal dieses, mal jenes Licht und mal diese, mal jene Reflexion einfangen.

Zusammengenommen ist alles Teil eines Ganzen, und ja, Stewart gelingt es, dieses Ganze am Ende wie durch ein Wunder zusammenzufügen und den roten Faden zu behalten. Worauf sie aber zur Gänze verzichtet, ist das klassische Narrativ, der Aufbau einer Geschichte mit Anfang, Hauptteil und Schluss. Willkommen im Experimentalkino, wo es das alles nicht mehr braucht, wo eine Collage Anfang und Ende nebeneinander auch tolerieren kann und den Mittelteil ganz einfach hinten dranhängt, als würde man versuchen, mit Flusskiesel ein Bild zu erstellen, das etwas Gegenständliches abbilden soll. So macht es auch Kristen Stewart – und vielleicht macht sie es so, wie Lidia Yuknavitch selbst ihre Geschichte konzipiert hat. Vielleicht aber will sie auch nur ausprobieren, das Gefühl für das Visuelle erlangen, aufbegehren und es anders machen als alle anderen.

Experimentelle Gleichförmigkeit

Diese vielen Bilder, meist nur Stimmungen, Assoziationen, Impressionen und Details, die bestimmend sind für Yuknavitchs Leben, sie kehren immer wieder. Wie Erinnerungen, die man nicht loswird, die einen übermannen, weil sie einen selbst so geißeln. Bruchstücke dessen hie, Bruchstücke dessen da, alles getragen von Imogen Poots, die sich in dieser Rolle regelrecht verausgabt. Zwischen all den Scherben kriecht deren Filmleben weiter, wird zurückgeworfen, fallengelassen, muss das ganze nochmal zurücklegen – The Chronology of Water arbeitet sich langsam vor, und bleibt daher erstaunlich gleichförmig.

Die Kunst des Filmemachens verlässt sich oft und gerne auf die Dosis, auf die Nuance, und verliert durch den immer gleichen narrativen Sermon eine Lebendigkeit, die auch Nähe zu den Figuren gebracht hätte. Imogen Poots bleibt wie Alice im Wunderland hinter den (zerbrochenen) Spiegeln; wir sehen sie zwar, wie sie sich mit aller Kraft selbst neu erfindet, wir sehen aber in erster Linie das filmtechnische Experiment, was ja einerseits bemerkenswert konsequent erscheint, andererseits aber unerwartet kalt lässt. So kalt wie manches Wasser, dass sich in allen möglichen Formen durch den Film zieht und die mehr als zweistündige Selbstbeschäftigung dahinfließen, gluckern und stürzen lässt, als Sicherheit gewährende Konstante in einem dem Scheitern zugetanen Leben.

Gescheitert ist The Chronology of Water dabei nicht. Vielleicht aber ob der Gestaltungsfreiheit, die Kristen Stewart gehabt haben muss, auf streberhafte Weise zu gewollt progressiv.

The Chronology of Water (2025)

Pillion (2025)

STIEFELLECKEN AUF AUGENHÖHE

7/10



© 2025 Filmladen


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, IRLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: HARRY LIGHTON

KAMERA: NICK MORRIS

CAST: HARRY MELLING, ALEXANDER SKARSGÅRD, DOUGLAS HODGE, LESLEY SHARP, JAKE SHEARS U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Der pummelige Junge

Den wenigsten wird es womöglich aufgefallen sein, doch Harry Potter-Fans wissen: Harry Melling war seinerzeit mal ein pummeliger, garstiger Junge namens Dudley Dursley, der nichts anderes im Sinn hatte, als den Zauberlehrling zu quälen und sich an Geburtstagen lauthals darüber zu beschweren, zu wenige Geschenke bekommen zu haben. Dieser Harry Melling hat es vom Kinderdarsteller in die A-Liga des Independentkinos geschafft – ein Erfolg, der nicht vielen Nebenrollen aus dem Rowling-Franchise vergönnt war. Selbst Tom Felton, ehemals Draco Malfoy, schippert im B-Movie-Sektor herum. Doch Melling – der ist bereit für mehr, für ausgesuchte Drehbücher, für besondere Filme.

Erstmals ist er mir im Episodenwestern der Coen-Brüder aufgefallen: In The Ballad of Buster Scruggs – als extremitätenloses Highlight eines Wanderzirkus. Und dann: Das Damengambit. Und viel später: Pillion. Mit diesem Film hat sich Melling nun endgültig als Charakterdarsteller erwiesen. Sein unverwechselbares Äußeres ist eine Sache, seine leidenschaftliche Interpretation komplexer Figuren eine andere. Und beim besten Willen: Jemand anderer hätte einen wie Colin gar nicht spielen können.

Wie geil ist Stiefellecken?

Dieser Colin ist homosexuell, Single, und hat ein Faible fürs Singen. In einer Bar erweckt er das Interesse eines Bikers namens Ray – ein Adonis von einem Mann, muskulös, großgewachsen, ungemein attraktiv. Hinter dieser Figur steckt Alexander Skarsgård. Und ja, dieser Jemand ist nicht weniger faszinierend als Colin. Nur Colin ist das genaue Gegenteil von Ray. Schmalschultrig, zart gebaut, ein Feingeist, während der andere, gezwängt in eine Lederkluft, wie man sie als Biker eben trägt, den harten Mann markiert. Colin mag das – und lässt sich unterwerfen, sowohl beziehungstechnisch als auch sexuell. Alles beginnt mit einer Nacht- und Nebelaktion gerade an Heiligabend in einer dunklen Gasse mit dem Stiefellecken, ein missglückter Blowjob weckt aber gewisse Bedürfnisse bei diesem versonnenen Einzelgänger, der sich auf eine bizarre Beziehung einlässt – mit Ray als der, der anschafft, und seinen Partner mehr oder weniger wie Dreck behandelt.

Dasselbe in Latexschwarz

Die von vielen als DomCom bezeichnete Chronik einer Liaison trägt den Titel Pillion, was soviel bedeutet wie der Sozius auf einem Motorrad. Auf dem sitzt Colin, und lässt sich, ich wundere mich sehr, wirklich alles gefallen. Nun, solche Leute gibt’s, sie legen die Verantwortung in die Hände ihres dominanten Partners, werden zum freiwilligen Sklaven der Liebe und der Triebe – wer‘s mag, soll es tun. Andere wären in der ersten Sekunde schon abgehauen, dieser hier, Colin, eben nicht. Und was Regisseur Harry Lighton dabei entdeckt, ist eine vor allem in Sachen BDSM bizarre Exkursion in eine Subkultur, von der man vielleicht sogar gewollt hätte, dass sie verborgen bleibt.

Ist man allerdings aufgeschlossen genug – aufgeschlossen und neugierig, genauso wie für das erst vor kurzem im Kino aufende Domina-Drama Madame Kika sind Rollenspiele, schwarze Latex-Schweinemasken und auf dem Silbertablett servierte nackte Hinterteile nur eine Variation uns sonst so vertrauter Praktiken. Das alles findet Akzeptanz, wenn man Harry Melling folgt, wenn man seinen Blick erhascht, in seine Augen sieht, ihn schwärmen, hoffen, und letztlich revoltieren lässt.

Was man wollen will

Die beiden, Skarsgård und Melling, sind wie Feuer und Wasser, und gerade deshalb ein Dreamteam in einem gar nicht komischen, maximal kuriosen, aber vor allem gefühlvollen Psychodrama, das auch davor nicht Halt macht, auch hinter die herrische Fassade Skarsgårds zu blicken. Pillion schickt seine beiden Liebenden und sich Begehrenden langsam, aber doch und zumindest für einen kurzen Moment auf diese ersehnte Augenhöhe, auf der Respekt, Empathie und der Charme des Loslassens zu finden sind. Loslassen von Regeln, Dogmen, Praktiken. Obwohl es letztlich gar nicht darum geht, sondern mehr um die Suche nach dem Wissen, was man wollen will und nicht muss.

Pillion (2025)

La Grazia (2025)

ZURÜCK IN DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS

7/10



© 2025 Andrea Pirrello / Filmladen


LAND / JAHR: ITALIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: PAOLO SORRENTINO

KAMERA: DARIA D’ANTONIO

CAST: TONI SERVILLO, ANNA FERZETTI, ORLANDO CINQUE, MASSIMO VENTURIELLO, MILVIA MARIGLIANO, GIUSEPPE GAIANI, GIOVANNA GUIDA, ALESSIA GIULIANI, LINDA MESSERKLINGER, VASCO MIRANDOLA, RUFIN DOH ZEYENOUIN, ALEXANDRA GOTTSCHLICH U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Wem gehören unsere Tage? Mariano de Santis, italienisches Staatsoberhaupt und nur noch knapp ein halbes Jahr im Amt, weiß nicht, was er mit dieser Frage, die aus dem Mund seiner Tochter kommt, anfangen soll. Welche Tage? Die des eigenen Lebens? Die Art und Weise, wie wir sie führen? Wer bestimmt hier über wen? Oder bestimmen wir nur ganz allein, was unsere Tage ausmacht? Das alles zu beantworten, kann für einen betagten Mann wie Toni Sorvillo ihn darstellt vielleicht noch die ganze restliche Amtszeit füllen.

Und tatsächlich bedarf es einer gewissen Dringlichkeit, diesem Mysterium nachzugehen, da ein Schreiben auf seinem Tisch liegt, welches die Sterbehilfe in Italien legalisieren soll. Und nicht nur das: Zwei Gnadengesuche, eines von einer verurteilten Mörderin, eines von einem Mörder, warten ebenfalls auf Durchsicht, um im besten Falle gewährt zu werden.

Das Gravitationsgesetz der Pflicht

Doch wie leicht kann man über das Leben anderer bestimmen, was soll diese Macht in Mariano de Santis Händen? Hat er denn überhaupt Macht über sich selbst oder ist er nur Werkzeug dieses Amtes, das ihn zu Tagesagenden nötigt, die keinerlei Bedeutung mehr haben. So quälen sich die Alten, die in den Palästen sitzen, gegenseitig mit Staatsbesuchen. Eine Schlüsselszene, die Paolo Sorrentino wie gewohnt mitreissend ins Szene setzt, als wäre es die barocke Modernisierung eines Andockmanövers im Weltraum, zeigt das ebenfalls in den Herbst seines Lebens gelangte Staatsoberhaupt Portugals, das sich in quälend langen Minuten über den roten Teppich hin zu Toni Sorvillos völlig hilflos erstarrter Mine quält, durch Wind und Regen und der unabdingbar auszuführenden Pflicht.

So virtuos wie diese Szene mag Sorrentinos neuer Film später gar nicht mehr ausfallen, obwohl man immer wieder klar erkennt, wer hier einen zwar altersmilden, aber immer noch exquisit in Szene gesetzten Bildersturm entfacht, der nah an seiner Figur bleibt. Ganz nah, und sich dabei mit kaum etwas anderem beschäftigt als dieser Suche nach einer gewissen Leichtigkeit, von der man sich wünscht, dass sie, nach dem man seine Pflicht und seine Schuldigkeit getan hat, wieder zurückkehren möge. Um dort anzusetzen, wo man sie verloren hat.

Quälende Fragen, qualmende Zigaretten

Mariano de Santis hat sie verloren, als ihn seine geliebte Ehefrau Aurora vor vielen Jahren betrogen hat. Dieser Kontrollverlust wiegt noch viel schwerer als ihr tatsächlicher Verlust, so scheint es. Von der Liebe sinniert er, am Dach des Präsidentenpalastes, eine Zigarette im Mund und über alles nachdenkend, was man im Leben nicht steuern kann. Sorrentino begleitet seine fiktive Gestalt durch die letzten Phasen der Bestimmung und des schwindenden Einflusses auf andere. Wie im echten Leben, so scheint es, nur im wahrsten Sinne des Wortes staatstragender, anmutiger vielleicht, opernhaft und vorrangig lebensphilosophisch. Das beherrscht der Filmemacher aus Italien wie kaum ein Zweiter, der Werke wie La Grande Belezza – Die große Schönheit oder Parthenope als cineastisches Konfekt präsentiert.

Die Dualität als stilistische Sparringpartner

Einen alten Mann, schick herausgeputzt, stehend am Fenster, in barocken Räumen, vor flirrenden Bildschirmen, die eine andere Welt zeigen, von der dieser gerne Teil davon gewesen wäre – diese Reduktion einer Handlung so handlungsstark zu arrangieren, ohne die Aufmerksamkeit des Publikums zu verlieren – das schafft Sorrentino mit stilistischer Strenge und einer glaubhaften Bedeutungsschwere in scheinbar jeder Geste und jeder Szene. Vom Sakralen kann der Meister auch nicht lassen, niemals – den Dialog gibt es immer. Hinzu kommt: Euthanasie und Begnadigungen sind ja nicht nichts, sie schenken beide dem Leben Freiheit und eben diese Art von Selbstbestimmung, wovon La Grazia schließlich handelt.

Dieses Schwelgen in Erinnerungen und der Sehnsucht nach dem privaten, eigenen Leben erfrischt sich selbst durch kontraindizierte Stilmittel wie einer virtuosen Klangkulisse, ausgesuchten Sound-Akzenten und einer immerwährenden Dualität aus Üppigkeit und Reduktion, aus Klassik und Avantgarde. Und auch wenn Sorrentino mit La Grazia gar nicht mehr so sehr so viel zeigen will und lieber Servillo als sich selbst und seinen Ideen die Bühne überlässt, haben wir hier immer noch ein hypnotisches, in sich ruhendes Psychogramm voller Stille und Würde, und unerwartet klaren Antworten zu komplexen Fragen, was vielleicht gar etwas ernüchtert.

La Grazia (2025)

DJ Ahmet (2025)

VON WEGEN SCHWARZES SCHAF

7/10



© 2025 Neue Visionen


LAND / JAHR: NORDMAZEDONIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: GEORGI M. UNKOVSKI

KAMERA: NAUM DOKSEVSKI

CAST: ARIF JAKUP, DORA AKAN ZLATANOVA, AGUSH AGUSHEV, AKSEL MEHMET, ATILA KLINCE, SELPIN KERIM, METIN IBRAHIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Nordmazedonien und der Rest der Welt – ja, auch dort lebt man auf dem selben Planeten wie die übrige Menschheit auch, nur etwas provinzieller. Was letztlich kein Grund dafür sein soll, nicht auch die Vorteile des Fortschritts zu genießen. Doch in der Provinz, das wissen wir, haben Traditionen das Vorrecht darauf, alles andere, was da so an Einfluss aus dem Osten oder den Westen herüberschwappt, durchzulassen, damit es sich in einem jahrhundertelang gleichen Alltag integriert, oder abzuschmettern. Beim Abschmettern ist man dort vor allem dann gut, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Das mag bei den Alten vielleicht etwas zu spät kommen, denn die scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – nicht aber bei den jungen, die man heutzutage ungern noch als heiratsfähig bezeichnet. Eine dieser jungen Frauen ist Aya. Und die hat die Nase voll vom Patriarchat.

Fremdbestimmt leben

Wie es der Zufall im Film gerne will – und dieser hier mag durchaus mit dem Genre der RomCom liebäugeln, auch wenn der Schauplatz dafür ein gänzlich ungewohnter ist – trifft Aya auf den etwas schusseligen, aber musikverliebten Ahmet. Er und der Rest seiner Familie muss ein tragisches Schicksal verarbeiten, nämlich den Tod der Mutter. Bruder Naim spricht seitdem kein Wort mehr und sucht Schritt auf Tritt die Nähe Ahmets. Der Vater: verdrossen, störrisch und trauernd. Kann man verstehen, muss man aber nicht auf jene übertragen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Vielleicht streben genau die etwas ganz anderes an als am hauseigenen Hof die Schafe zu hüten statt in die Schule zu gehen, um sich der eigenen Peer-Group anzuschließen. Immerhin bleibt Ahmet noch Aya – denn die übt für eine Tanzperformance im Rahmen des kommenden Dorffestes, mit der sie ihrem dominanten Vater in seinen vorgestrigen Ansichten vor den Kopf stoßen will.

Retro-Revolution als RomCom

Wie Ahmet dabei zum DJ wird, ist eine versponnene, launig verfilmte Tragikomödie, die nicht nur von der Energie der beiden jungen Leute lebt, die sich in kleinen Schritten, zaghaft und mit sehr viel Neugier im Gepäck, einander annähern. Dabei strahlt Dora Akan Zlatanova eine Grazie, einen Esprit und eine Persönlichkeit aus, die dieser mitunter turbulenten kleinen Geschichte dMelodie verleiht. Schon die erste Szene ihres Auftretens hat Magie: Man sieht nur Ayas Turnschuhe, wie sie durchs Feld gleiten, dann wandert die Kamera höher, wir sehen ein Mädchen in traditionellem Gewand und mit geschnürtem, gelbem Kopftuch – eine blonde Haarsträhne fällt keck über ihre Stirn. Ihr Blick sagt alles – und findet den von Ahmet. So freudvoll traditionell diese Art und Weise ist, eine Romanze zu beginnen, während sie an die entzückenden Liebesfilme der 50er erinnert, so progressiv mag dann auch die Geisteshaltung sein, welche die beiden Revoluzzer dazu bringt, nicht nur aus den Mechanismen einer obsoleten Gesellschaftsstruktur auszubrechen, sondern auch aus der Enge einer auferlegten Trauer.

Jugend ändert sich überall

Die knarzende Stille der Traditionen vertreibt so mancher Techno-Beat mit Lust an der Aufmüpfigkeit, ohne aber die Geduld dabei zu verlieren, wenn es darum geht, den Traditionen von Verliebtheit und Zuneigung Raum und Zeit zu lassen. Beides passt gut zusammen, nichts davon wirkt aufgesetzt. Progressives Highlight ist zweifelsohne seine für manch konservativen Muslim provokative, für manch Taliban wohl schockierende musikalische Alternative zum Muezzin. Was Autorenfilmer Georgi M. Unkovski aber am allerbesten gelingt, und wofür man ihn regelrecht loben muss, ist, dass er aus seinem erfrischend selbstironischen DJ Ahmet kein kitschiges Märchen macht, sondern auf faire Weise das mögliches Szenario eines zwar nicht in jeder Hinsicht guten, aber auch nicht hoffnungslosen Endes durchspielt. Genau das hätte man dem Film vielleicht gar nicht so zugetraut. Genauso wenig, wie das Durchsetzungsvermögen einer nordmazedonische Next Generation, die den Wind of Change bringt.

DJ Ahmet (2025)

Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2025)

ENDZEITGERANGEL MIT DEM KABELSALAT

5/10



© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: GORE VERBINSKI

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: JAMES WHITAKER

CAST: SAM ROCKWELL, JUNO TEMPLE, HALEY LU RICHARDSON, ZAZIE BEETZ, MICHAEL PEÑA, ASIM CHAUDHRY, TOM TAYLOR, ANNA ACTON, DOMINIQUE MAHER U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wenn die Kacke am Dampfen ist, zwängen sich verkorkste Anti-Helden, die den Eindruck erwecken, nicht mehr ganz richtig in der Birne zu sein, in transparente Kunststoffregenmäntel, die so sehr nach Nicht-von-dieser-Welt aussehen, dass sie schon wieder Teil unseres zukünftigen Schicksals sein könnten. Unter Terry Gilliams Regie hat schon Bruce Willis in der nach wie vor genialen Zeitreise-Apokalypse Twelve Monkeys versucht, den Determinismus des Untergangs zu durchbrechen. Natürlich Fehlanzeige, begleitet von hämisch klingenden Stimmen im Kopf des Verfechters. Damals aber war es nicht die Technologie, die uns eingeholt und vernichtet hätte, war doch dafür schon der Terminator zuständig. Damals war es ein Killervirus, und Willis mehr oder weniger derjenige, der sich selbst gejagt hat. Einige Jahrzehnte später, so quasi fünf Minuten nach dem Paradigmenwechsel in Sachen Künstlicher Intelligenz, schüttet Gore Verbinski, seines Zeichens Piratenkapitän und zuständig für diverse Karibikflüche, die auch nicht so wirklich wussten, wann es sich ausgeflucht hat, einen Hexenkessel an Albträumen über uns Zuseherinnen und Zuseher aus – man könnte fast sagen: ein Bündel diverser Episoden aus der auf Netflix erschienenen Anthologieserie Black Mirror, die auf verstörende Weise den Horror ehrgeiziger Technologien in knappen Spielfilmlängen abbildet.

Helden-Recruiting zwischen Tür und Angel

Nur um es klarzustellen: Aus Black Mirror sind diese Episoden natürlich nicht, und es handelt sich bei Good Luck, Have Fun, Don‘t Die auch nicht um einen Episodenfilm, obwohl man manchmal und vor allem im Mittelteil des Films die Vermutung aufstellen könnte, es wäre einer. Nehmen wir mal an, es ist so, dann ist der dramaturgische Überbau des Ganzen die regennasse und unbequeme Mission eines in erwähntem Kunststoffmantel gezwängten Hausierers, der fernab jeglichen Exhibitionismus allerlei Gerätschaften als Bauchladen vor sich herträgt. An diesem besagten Abend einer nahen Zukunft, in der KI uns schon längst alle dumm und hörig gemacht hat, stürmt diese obskure Gestalt ein amerikanisches Diner mitten im Nirgendwo, um eine Gruppe kampfeswilliger Rekruten um sich zu scharen, die mit seiner Ansprache, das Ende der Menschheit möge heute Nacht verhindert werden, schon genug überzeugt worden sind, um einer höheren Sache dienen zu wollen. Realistisch betrachtet kann Sam Rockwell mit verfilztem Rauschebart eigentlich nur als durchgeknallter Asozialer mit Hang zur Geiselnahme durchgehen, doch wie es der Determinismus will, den man noch gerne ein Weilchen länger hierbehalten möchte, hat manch ein Gast durchaus driftige Gründe, um sich von Rockwells Rekrutierungsaktion triggern zu lassen.

Kabelsalat und KI-Esoterik

Um das zu untermauern, gibt Verbinski Einblick in zumindest drei Schicksale, die dieser Nacht vorangegangen sind. Und in diesen liegt die einzige und eigentliche Stärke des Films, die uns in ihrer Prämisse unheimlich vertraut vorkommen. Das beschert Good Luck, Have Fun, Don’t Die einen bitteren Zynismus, im Gegensatz zum generisch geratenen Überbau einer Nacht- und Nebel-Aktion, die keine Zwischentöne zulässt, sondern in leicht hysterischer Terry Gilliam-Manier, als hätte dieser nach Brothers Grimm wieder einen schlechten Film gedreht (was zum Glück ohnehin nur selten vorkommt), seine pseudokritische Anti-KI-Mission voranpeitscht. Letztlich ist es die Banalität eines wildgewordenen Kabelsalats, die uns Gänsehaut bescheren soll, neben einem bizarren Katzenvideo-Monster als zu neuer Form gebrachter Social Media-Slop, Toy Story-Robotern und der seiner eigenen angestrebten Konsequenz beraubten Manifestation eines Technologie-Symbolismus, der selbst so wirkt, als wäre die Idee dahinter seinerseits mit einem Prompt generiert.

Mit dem schleichenden Horror im Alltag einer möglichen Zukunft macht Gore Verbinski alles richtig, solange die Wurzel allen Übels in uns selbst zu finden bleibt. Das Abwälzen der Verantwortung auf magische Mechanismen mag der Ambition letztlich das Abonnement kündigen. Zurück bleibt eine gewisse Ratlosigkeit, und damit einhergehend eine fehlende Conclusio, die, scheinbar bedeutungsschwer, nur gut dastehen möchte.

Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2025)

To A Land Unknown (2024)

KEINE STERNE IN ATHEN

6,5/10



© 2024 Inside Out Films, Nakba Filmworks


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, DÄNEMARK, VEREINIGTES KÖNIGREICH, NIEDERLANDE, SAUDI-ARABIEN, DEUTSCHLAND, KATAR, PALÄSTINA 2024

REGIE: MAHDI FLEIFEL

DREHBUCH: MAHDI FLEIFEL, FYZAL BOULIFA, JASON MCCOLGAN

KAMERA: THODORIS MIHOPOULOS

CAST: MAHMOOD BAKRI, ARAM SABBAH, MOHAMMAD ALSURUFA, ANGELIKI PAPOULIA, MOUATAZ ALSHALTOUH U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Ich war noch niemals in Athen, wenngleich die Akropolis eine Sehenswürdigkeit darstellt, die man einmal im Leben wohl mit eigenen Augen gesehen haben sollte. Die Geschichte Europas ruht hier, in einem Land, das hinten und vorne kein Geld hat, im Sommer vom Tourismus lebt und sonst vor allem mit jenen Menschen klarkommen muss, die man als Flüchtlinge über den Kamm schert. Viel davon mögen illegal ins Land gekommen sein und haben mit diesem Status natürlich keinerlei soziale Rechte. Sie können, außer kriminell zu werden, nichts anfangen oder aufbauen. Sie sind gestrandet, können weder vor noch zurück noch seitwärts, können vielleicht an lauen Abenden auf den Hügeln rund um Athen auf eine Stadt blicken, die in den Augen von Filmemacher Mahdi Fleifel nichts Erstrebenswertes in sich trägt noch verspricht. Athen ist ein Schmelztiegel, eine verarmte, trostlose Stadt. Ein düsteres Stück Griechenland und irgendwie doch nicht Teil des großen Europas. Denn das ist entweder Frankreich, Italien oder Deutschland. Vor allem Deutschland. Wer dort einmal landet, hat den Erfolg bereits gepachtet – das gute Leben, den eigenen kleinen Coffee Shop.

Wie man an Geld kommen kann

Von diesen illusorischen Idealen lassen sich Chatila und sein Cousin Reda durch eine Tristesse tragen, die man wohl selbst nur schwer ertragen würde, es sei denn natürlich, man wäre in einer Notlage wie die beiden aus dem Libanon geflüchteten, jungen Männer, die sich zumindest zeitweise von ihren Träumen motivieren lassen, wenn mal kein Geld für Drogen bleibt. Die spielen in diesem existenziellen Vakuum eine tragende, gleichzeitig auch verheerende Rolle. Vor allem der jüngere Reda kann nicht anders, als sich dem Rausch hingeben, während Chatila, der seine Frau und seinen Sohn im Libanon weiß, allerlei Pläne ausheckt, um an Geld für gefälschte Pässe zu kommen, die sie nach Deutschland bringen sollen. Dafür geht man sogar auf den Strich, raubt älteren Leuten die Handtaschen und traut sich gar an Menschenschmuggel heran, als ihnen der Waisenjunge Malik über den Weg läuft. Mit dieser Aktion tun sich neue Möglichkeiten auf – und gleichzeitig auch neue Schwierigkeiten. Ganz so, wie es im sozialen Realismus des Nahost-Kinos kommen muss. Dort mag das Glück des Einzelschicksals niemals zu einem herzeigbaren Paradebeispiel geraten, der vielleicht falsche Hoffnungen schürt.

Ganz plötzlich ein Film Noir

Man weiß im Film To A Land Unknown natürlich sofort, dass man sich kaum Hoffnung machen braucht. Hier regiert die knochenharte Tatsache eines Überlebens- und Lebenskampfes, in dem der Zweck fast alle Mittel heiligt. Somit gerät Feifels Lokalaugenschein ins Dunkel der Straßen Athens zum pessimistischen Abgesang auf das Wunder einer Chance. Die Figuren mögen stark sein, sind aber schwach, leicht beeinflussbar und werden von Selbstlügen aufrechterhalten. Dabei ist der Blick nicht nur auf die illegalen Migranten hier in Griechenland ein kritischer – auch die eigene Bevölkerung muss einer sozialen Traurigkeit angehören, in der sie sich mitunter kaum von jenen unterscheiden, die ihr Land bereits hinter sich gelassen haben.

Realismus hin oder her, zumindest schafft es Feifel, aus seinem europäischen Weltkino kein Betroffenheitskino zu machen, sondern strebt dank der stilistischen Komponente eines Noir-Thrillers eine melancholische Poesie an, die aus Chatila und Reda prosaische Figuren macht, die in ihrer Aufgabe, Abermillionen Menschen zu vertreten, die sich durch die Welt schlagen, zu cineastischen Ikonen auf Zeit werden. Am Ende entsteht daraus gar das klassische Kino einer an allen Ecken und Enden kriselnden Gegenwart.

To A Land Unknown (2024)

Der Astronaut – Project Hail Mary (2026)

LICHTJAHRE EINER FREUNDSCHAFT

7,5/10


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LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: PHIL LORD, CHRIS MILLER

DREHBUCH: DREW GODDARD, NACH DEM ROMAN VON ANDY WEIR

KAMERA: GREIG FRASER

CAST: RYAN GOSLING, SANDRA HÜLLER, JAMES ORTIZ (STIMME), MILANA VAYNTRUB, LIZ KINGSMAN, ORION LEE, LIONEL BOYCE, KEN LEUNG, PRIYA KANSARA (STIMME) U. A. 

LÄNGE: 2 STD 37 MIN



Anscheinend gibt es nicht nur die universelle Sprache der Mathematik, die universellen Grundgesetze der Physik und all die Elemente, die wir im Periodensystem vereint haben, die überall, egal an welchem Ort in dieser Unendlichkeit des Universums ihre Gültigkeit haben. Es gilt auch die Sprache der Freundschaft, des Miteinanders und des Respekts unter all jenen, die Mathematik auch verstehen und die Grundgesetze der Physik anwenden können. Intelligentes Leben nennt man das, weit über die Kriegstreiberei hinaus, die gerade auf unserem Planeten herrscht, als hätte sich die Menschheit seit Kain und Abel sowieso nicht weiterentwickelt sondern alles lediglich neu gewandet. Fortschritt ist dabei nur die Hülle – was darin liegt, hält sich wacker an Macht und Gier.

Dieser verfluchte Hunger nach Licht

Gibt es allerdings eine gemeinsame Bedrohung, so meint Autor Andy Weir, könnten da doch interstellare Synergien entstehen. In diesem Fall ist das Problem die Sonne, die langsam an Kraft verliert. In drei Jahrzehnten könnte die Erde zum Schneeball werden, wenn nichts dagegen unternommen wird. Und im Grunde weiß man ja auch, was dahintersteckt: Es sind kleine, lichthungrige Lebensformen, genannt Astrophagen (Sternfresser), die an der Sonne nagen. Nicht nur unserem Stern geht es so – überall in der Galaxie geht den Sternen die Puste aus – bis auf einen. Warum das so ist, muss schleunigst erforscht werden, und letztlich findet sich der Molekularbiologe Grace in einem Raumschiff wieder, das niemals mehr vorhaben wird, zurück zur Erde zu gelangen. Die Entfernung von mehr als elf Lichtjahren ist Argument genug. Ganz allein muss er sich das Hirn zermartern, was die Astrophagen hier anders machen als daheim – denkt er jedenfalls. Schließlich ist da noch ein anderer Himmelskörper artifizieller Natur, ein seltsam fremdartiges Objekt, das aussieht, als hätte jemand Karamellfäden geometrisch angeordnet. In diesem ganz anderen Raumschiff sitzt Rocky – ein Alien. Doch keines von der bösartigen Sorte. Auch dieses Wesen ist allein, und aus dem selben Grund hier wie Grace: Es gilt herauszufinden, wie man die eigene Heimat retten kann. Warum also nicht gemeinsam die Köpfe (oder das, was man dafür hält) zusammenstecken und dabei jegliche Vorbehalte über Bord werfen, die man hat, wenn das Gegenüber andersartiger nicht sein kann.

Das universelle Miteinander

Andy Weirs Bücher bestechen einerseits durch zu Ende durchdachte, physikalisch akkurate  Problemstellungen, und andererseits durch einen versöhnlichen Willen zur Vernunft. Der Astronaut – Project Hail Mary ist da bislang seine stärkste Arbeit, weil es gar nicht vorrangig um die Rettung ganzer Planeten geht (das schon auch!), sondern um die Naturgesetze der Freundschaft. Mir fällt dabei ein völlig unterschätzter Film von Wolfgang Petersen aus den Achtziger Jahren ein: Enemy Mine – Geliebter Feind. Hintergrund dabei ist ein Krieg zwischen Menschen und Dracs, einer humanoiden Spezies. Jeweils einer stürzt während des Gefechts auf demselben fremden Planeten ab – und beide müssen genauso wie Grace und Rocky alles über Bord werfen, was sie entfremden könnte, angefangen vor der Furcht vor dem jeweils anderen. Um dann herauszufinden: Intelligenz hat einen gemeinsamen Nenner, der aus vielen Faktoren besteht. Damit kann man arbeiten, um zueinanderzufinden, und um zu einer Erkenntnis zu gelangen, niemals ohneeinander sein zu wollen.

Situationskomik mit den Science Busters

Chris Miller und Phil Lord, die Macher hinter den Lego Movies und dem animierten Spiderverse, pinseln dem Genre des Weltraumfilms nach zaghaften Lebenszeichen seit Gravity wieder ordentlich Farbe ins blasse Antlitz. Die kommt zwar auch, aber deutlich weniger von den zweifelsohne atemberaubenden Bildern fremder Planeten, extraterrestrischer Vehikel oder schwerelos dahingleitenden Weltraumspaziergängen. Vorrangig ist es Ryan Gosling, der dem blitzgescheiten und selbstironischen, aber völlig vor den Kopf gestoßenen Space-Pionier so viel Sympathie angedeihen lässt, dass man unweigerlich an ihm dranbleiben will, weil er so geerdet, so nachvollziehbar, so normal menschlich ist – ohne verkopfte Ideale, irgendeinem Fanatismus oder verschrobener Sheldon Cooper-Geisteshaltung. Goslings Amateur-Raumfahrer ist wie wir – greifbar, knetbar, sowohl im Hier und Jetzt als auch im Dort und Irgendwann in der Zukunft. Und das ist aber noch nicht alles. Als One-Man-Show würde es funktionieren – als Doppelconference noch besser! Denn auf der anderen Seite krabbelt die fremdartige, handwerklich talentierte Steinspinne in ihrer eigenen Atmosphäre durch die Privatsphäre dieses völlig verblüfften Menschen Gosling – und beide finden, wie schon seinerzeit Dennis Quaid und Lous Gossett Jr., die Vervollständigung des Selbst im jeweils anderen. War Enemy Mine noch ernstes Abenteuer, ist Der Astronaut – Project Hail Mary vor allem auch Situationskomödie, die gekonnt die Stolpersteine der Kommunikation und der Verständigung respektvoll belächelt – ohne sie jemals zu parodieren. Weder wird auf Kosten des Aliens noch des Menschen gelacht, doch stets um ihrer selbst willen gebangt. Lord und Miller gelingt das launige Kunststück einer so simplen wie effizienten Bromance im Nirgendwo, sie feiern den Austausch des Verstandes und die Kunst der gemeinsamen Idee. Dafür braucht man Geduld, der Film ist lang, manchmal erschöpfend. Einzig die Art und Weise, wie beide ein gemeinsames Vokabular finden, lässt sich manchmal nicht ganz nachvollziehen, kann es doch nicht sein, dass es für Begriffe, die unseren Alltag betreffen, stets ein Pendant bei Rocky gibt.

So viel Hoffnung

The Astronaut – Hail Mary ist, jenseits all der Invasions- und Alien-Thematik, die den Untergang der Erde und des menschlichen Organismus anstrebt, ein weltenbejahender Hoffnungsschimmer von Film, ein Feel-Good-Movie aus Solidarität, Selbstlosigkeit und dem Willen für das Gute. Werte, die derzeit von unserer Welt tatsächlich mehr als elf Lichtjahre entfernt scheinen.

Der Astronaut – Project Hail Mary (2026)

Das Leben der Wünsche (2025)

WAS UNS DARAN HINDERT, DIE WELT ZU VERÄNDERN

3,5/10



© 2025 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: ERIK SCHMITT

DREHBUCH: FRIEDEMANN KARIG, ERIK SCHMITT, NACH DEM ROMAN VON THOMAS CLAVINIC

KAMERA: JOHANNES LOUIS

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, LUISE HEYER, VERENA ALTENBERGER, BENNO FÜRMANN, HENRY HÜBCHEN, RUBY O. FEE, HYUN WANNER, ROMAN KANONIK, PRINCE KUHLMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Sei vorsichtig, bei dem, was du dir wünschst! Eine altbekannte Weisheit, die in den Märchen von tausendundeiner Nacht der Djinn seinem Herrn und Gebieter Aladdin, nachdem er an der magischen Öllampe gerubbelt hat, rechtzeitig nahelegt. Ein paar Schritte weiter, und wir sind im deutschen Märchenschatz von Hebel und den Gebrüdern Grimm angekommen, worin Wünsche in ihrer Anzahl begrenzt sind, um klarzumachen, wie wertvoll diese sind und gut durchdacht sein will, womit man sich das Leben erleichtern möchte. Hat man die Chance, dieses Begehren zu den eigenen Gunsten zu befriedigen, mag folgendes beachtet werden: Wünsche können eine ganze Kettenreaktion von Ereignissen in Gang setzen, die letztlich zu nichts Gutem führen.

Selbstmordgedanken und ihre Esoterik

Das verpönte und nicht sehr liebgewonnene Sequel zum DC-Origin-Abenteuer Wonder WomanWonder Woman 1984 – hievt die Problematik mit den Wünschen und ihren Folgen in die Gegenwart, gewitzt, klug und nachdenklich stimmend. Und um Eckhäuser globaler und größer gedacht als bei Matthias Schweighöfers neuem Esoterik-Schinken, der sich einer viel düsteren Erzählung des Schriftstellers Thomas Clavinic angenommen hat und einen in die Jahre gekommenen Loser vor den Spiegel seines Badezimmer stellt, um ihn erkennen zu lassen, dass die Zeit und das Glück im Begriff sind, abzulaufen – die Entropie etwas langsamer, das Glück dafür von heute auf morgen. In der Beziehung hapert es gewaltig, Ehefrau Luise Heyer will sich trennen. Und nicht nur sie, auch sein Chef. Und das güldene Haar. Es scheint, als würde das Leben nichts mehr für Felix (oha, der Glückliche) bereithalten, also wie wäre es mit einem Sprung von der Brücke, um der Sache ein Ende zu bereiten? Im richtigen Moment, und so, als wäre der Zufall nur Tarnung für ein herausforderndes Schicksal, lockt den Gescheiterten die leuchtende Inschrift eines rustikalen Eckladens, ein urbanes Maginarium mit deutlichem Drall zu asiatischem Mystizismus. Das Leben der Wünsche, steht da groß und unübersehbar, weil an diesem Abend alles andere in weitem Umkreis im Dunkeln liegt. Drinnen sitzt ein älterer, rauer Geselle, der dem Besucher zwar nicht das Buch der Unendlichen Geschichte in die Hand legt, sondern einen Talisman, einen Glücksbringer, mit dem er drei Wünsche frei hat. Felix, nicht auf den Kopf gefallen, will aber nur einen. Er wünscht sich, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. Womit Schweighöfer und seinem schütteren Haupthaar eine Macht in die Verantwortung übergeben wird, die die ganze Welt verändern könnte. Und nicht nur sein eigenes kleines Leben.

Egomane in der Romantikfalle

Doch diese Möglichkeiten nutz er nicht. Weil er doch nur sich selbst sieht. Sich und seine Bedürfnisse und seine Beziehungen, und nicht das große Ganze. Ein seltsam befremdlicher Zug, geschuldet der eigenen existenziellen Blase, wo all das, was einen nicht tangiert, auch wenn die täglichen Nachrichten Bilder des Schreckens verbreiten. Die Welt dringt nicht vor zu einem Individuum, das plötzlich mächtiger wird als all die Mächtigen auf diesem Planeten zusammen. Hat man also, wenn die Erfüllung der Wünsche garantiert ist, die Pflicht, sie für das Gemeinwohl einzusetzen? Eine Frage, die der Film Das Leben der Wünsche nicht stellt, dabei wäre genau diese eine brennend interessant.

Erik Schmitt (Cleo) verspricht im Laufe der magisch-märchenhaften Erzählung, die Schweighöfer mitunter als langmähnigen Prinz Charming zeigt, dessen Frisur leider verboten gehört, ein die Grundpfeiler der Existenz erschütternden Moral- Schicksalsreigen, der, sobald Schweighöfer seine Visionen hat, ein bisschen so aussieht wie das Artwork jener Handouts, die eine gewisse Glaubensgemeinschaft mit Hausbesuchen gerne unters Volk bringen will. Überraschenderweise gesellt sich hier auch die für diesen Film viel zu starke Ausnahmeschauspielerin Verena Altenberger (Die beste aller Welten) hinzu, deren Rolle aber wenig zu sagen hat. Das Publikum wartet auf die Erkenntnis über ein dem Scheitern verurteiltes Leben, erhält aber am Ende herzlich wenig dafür. Viel wird versprochen, Henry Hübchen als Teufel mag dem sentimentalen, in der Gewichtigkeit eines Sprüchekalenders dahinsinnierenden Schöngeist Schweighöfer allzu leicht auf den Leim gehen. Die Conclusio bleibt karg, enttäuschend privat und überhaupt nicht weltbewegend. Mit Wünschen geht man nicht leichtfertig um, das ist klar. Man nutzt sie auch nicht so dermaßen unbeholfen.

Das Leben der Wünsche (2025)

The Bride! – Es lebe die Braut (2026)

DAS ZWEITE LEBEN IST DAS DES WIDERSTANDS

7,5/10

 


© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MAGGIE GYLLENHAAL

KAMERA: LAWRENCE SHER

CAST: JESSIE BUCKLEY, CHRISTIAN BALE, ANNETTE BENING, PENÉLOPE CRUZ, PETER SARSGAARD, JAKE GYLLENHAAL, JOHN MAGARO, ZLATKO BURIĆ, LOUIS CANCELMI U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN



Letztes Jahr im Oktober geizte Netflix damit, die bahnbrechend opulente Nummer einer Neuverfilmung von Mary Shelleys Frankenstein nicht ins Kino zu bringen. Frevel! Sowas muss auf die große Leinwand, und zum Glück für unsere deutschen Nachbarn lief Guillermo del Toros ausgesuchter Bilderreigen zumindest in einigen Kinos. In Österreich war das allen Verantwortlichen, die in dieser Sache etwas zu sagen hätten, deutlich schnuppe. Doch wie auch immer: Selbst im Kleinformat des hauseigenen TV-Geräts war von Frankenstein recht viel zu halten. Ins Auge stach dabei der formschöne Bodysuit von Jacob Elordi als des Meisters Kreatur. Weit weg von James Whales Visualisierung aus dem Jahr 1931 gelangte Mary Shelleys literarische Vision zu einer zeitgemäßen, aber immer noch opulenten Body-Horror-Oper, die sich vom Vokabular früher Universal-Monster verabschiedete.

Vintage Gothic Grusel als Zitatenschatz

Muss man den alten Figuren also nachweinen? Muss man nicht. Maggie Gyllenhaal reicht uns dafür das Taschentuch in Gestalt einer aus der alten Mottenkiste vom Dachboden der Filmgeschichte entstiegenen Kreatur, die frappant an Boris Karloff erinnert. Beim näheren Hinsehen wird klar: Das ist nicht Karloff, sondern Christian Bale: verschraubt, zugetackert, zusammengeschustert – der Quadratkopf ist zurück, so wie wir ihn alle kennen. Wäre Gyllenhaal dann noch auf Schwarzweiß umgestiegen (was sie in ihrem Film zeitweise ohnehin tut), würde das Retro-Kino eine ähnliche Wiederbelebung feiern wie Frankensteins Braut. Denn mit der haben wir es in dieser freien Nachinterpretation schließlich zu tun. Dabei erinnern wir uns, sofern wir Whales Fortsetzung aus 1935 gesehen haben, an Elsa Lanchesters avantgardistisches Gothic-Outfit mit wilder, zu Berge stehender Haarpracht in Schwarz und diesen Silbersträhnen an den Seiten, so, als würde diese Figur permanent unter Strom stehen. 91 Jahre später darf sich die frischgebackene Oscarpreisträgerin Jessie Buckley auf den Labortisch legen – und schwuppdiwupp – fließen auch hier obskure Säfte durch dessen Körper, vereint mit reiner Energie, die eine von der Männerwelt gedemütigte, missbrauchte und ins Unglück gestürzte Person zurück ins Leben bringen. Eine zweite Chance?

Mary Shelleys posthume Macht

Im Original von 1935 beginnt alles damit, dass Mary Shelley höchstselbst ihr weltberühmtes Buch Frankenstein oder Der moderne Prometheus weitererzählt. In Maggie Gyllenhaals Version beginnt ebenfalls alles mit Shelley – die spukt als wütendes, kämpferisches, feministisches Bewusstsein durch die Sphären der Existenz, um ihren Entwurf über die ungeliebte Kreatur in Eskortmädchen Ida weiterzuspinnen. Doch zuallererst muss sie sterben, um zu leben – um richtig zu leben. Als eine Frau, die sich nichts gefallen lässt. Die wild und entschlossen genug ist, um dem gewalttätigen Patriarchat die Stirn zu bieten. Das alles passiert natürlich mit Hilfe des einsamen Monsters Christian Bale, der mehr als hundert Jahre nach seiner Erschaffung durch Viktor Frankenstein nun Dr. Euphronius (Annette Bening) aufsucht, damit diese ihm einen Partner an die Seite stellt, der ein ähnliches Schicksalsspektrum aufweist wie er selbst. Diese heimlich verscharrte Ida wird bald gefunden – und zurückgeholt. Doch damit kommt die Revolte der Monster, der Ausgestoßenen und Diskriminierten erst ins Rollen. Eine Bonny & Clyde-Version der Dreißigerjahre entfesselt sich ganz wie von selbst, was für sich allein vielleicht etwas zu banal gewesen wäre. In Zeiten wie diesen könnte, ja müsste solch ein Stoff ein Statement mit sich bringen, dass der Wut unterdrückter Weiblichkeit ein Ventil öffnet. Dieses Ventil ist Jessie Buckley – völlig von der Rolle innerhalb ihrer Rolle. Leidenschaftlich, impulsiv, völlig irre. Zwischen Tourette, gespaltener Persönlichkeit und der Suche nach ihrer Identität fegt sie wie ein Wirbelsturm durch ein regressives Amerika toxischer Männlichkeit und frauenverachtender Kriminalität. Das ist manchmal schwer zu greifen, zu sperrig gibt sich Buckley im gehetzten Suchen nach der inneren Mitte. Da weiß selbst Frankensteins Monster, genannt Frank, weder ein noch aus. Der ist aber sowieso neben der Spur, hat seine Identität als Asozialer vielleicht gefunden, aber nicht als Mann.

Niemandes Braut

The Bride! – Es leben die Braut ist so zeitgemäß, wie man es sich nur wünschen kann. Aus dem alten Stoff der Universal Studios eine Story wie diese auszugraben und sie so zu arrangieren, dass sie ohne viel Mühe trotz des Gewandes guter alter Hollywoodfilme mit all dem Budenzauber erfrischend gegenwärtig und klar genug erscheint, ist ambitioniert – vielleicht sogar überambitioniert, aber kann das angesichts der Agenda jemals zu viel sein? Nicht, wenn der phantastische Plot die Realität ohnehin so verzerrt, dass nur der Imperativ für Veränderung übrigbleibt. Der schwarze Fleck als Makel an der Wange, die wilde Mähne, der Drang zur Freiheit, niemandes Braut sein zu müssen, sondern eben nur die Braut – namenlos, sich selbst gehörend und stellvertretend für alle – trifft ins Schwarze. Und selbst Frankenstein selbst, der männliche Part, das eigennützige Monster, erfährt eine Wandlung, reflektiert sich selbst.

Wenn sich die Unterdrückten im Look ihres Idols zusammenrotten und für das Ende der Gewalt an Frauen kämpfen, ist das genauso ein zweites Leben für all jene, die auf die Barrikaden steigen, wie für Frankensteins Braut selbst. Letztlich braucht es keine Wissenschaft, keine Blitze und keine Schläuche, die zum Herzen führen. Es braucht nur den Triumph, endlich gehört zu werden. Das „Nein“ gab es schließlich schon immer.

The Bride! – Es lebe die Braut (2026)