DEM SCHICKSAL EIN BEIN STELLEN
6,5/10

© 2026 Le Pacte
ORIGINALTITEL: L’ESTRANEA
LAND / JAHR: ITALIEN 2026
REGIE: PAOLO STRIPPOLI
DREHBUCH: PAOLO STRIPPOLI, SALVATORE DI CHIRICO
KAMERA: CRISTIANO DI NICOLA
CAST: JASMINE TRINCA, ROMANA MAGGIORA, VERGANO, ADRIANO GIANNINI, VALERIA BRUNI TEDESCHI U. A.
LÄNGE: 1 STD 55 MIN
Und wofür das alles? Für den neuen Werbespot der Nudelmarke Barilla, die man auch hierzulande im Supermarkt kaufen kann und die in Italien so einen Bekanntheitswert hat wie hierzulande die Schnitten der Firma Manner. Denn Alice, die Tochter aus gutem Hause und jüngster Spross einer Familie, die in der Gesellschaft so gut angesehen ist wie kaum eine andere, hat in ihrem blutjungen Volksschulalter die tragende Rolle ergattert. Besser könnte es für die Sippe nicht laufen – bis das Schicksal mit harter Faust zuschlägt. Denn schließlich kann so viel Glück einem allein nicht gehören, das Leben fordert seinen Tribut. Ist nur die Frage: Wo genau? Und wer wird als Tribut ins Rennen geschickt?
Die Kausalität und ihre Tücken
Wir sind schließlich nicht in Panem, sondern in der metaphysischen Realität eines alternativen Italiens. Hier verbeißt sich der Familienhund ins Bein des zukünftigen Kinderstars, und so wie es aussieht, wäre dieses auch nicht zu retten, wäre die verzweifelte Mama namens Anna in Gestalt von Jasmina Trinca nicht auf die Idee gekommen, zum lieben Herrgott zu beten.
Wo der Herrgott aber ist, mag sein gefallener Engel nicht weit sein – obwohl wir uns zu dieser Banalität, wir hätten es mit dem Teufel zu tun, nicht unbedingt bekennen müssen. Die andere Seite des vom Christentum auferlegten Credos, das Leben sei Schmerz und dieser Schmerz eben zu ertragen, macht das Angebot, den Schmerz zu delegieren. Den Tribut zu wechseln, das Opferlamm aus den Fängen eines Determinismus zu reißen – und einen neuen, anderen Familien-Jesus zu wählen, der das Leid für andere tragen muss, ohne dazu bereit zu sein.
Wie viel wiegt eine Tragödie?
Man kann dieses Angebot aus dem Munde von Valeria Bruni Tedeschi nicht ablehnen, die als wildfremde Kirchengeherin über diese Tragödie Bescheid weiß und Jasmina Trinca die Wahl überlässt: Die Tochter und ihr Bein retten – oder eben nicht. Der Preis ist nicht die Seele wie in den altbekannten Volkslegenden Mitteleuropas, sondern der „Pain-Switch“. Der Sohn, sportlich orientiert und womöglich mal ganz groß im Fußball, wird lediglich ein paar Kilos zulegen, das ist alles.
Es lässt sich vorausahnen, dass diese höheren Mächte bei einem verlorenen Bein wohl mehr Gewicht in die Waagschale legen müssen als nur ein paar Kilos. Die Spirale beginnt sich also zu drehen. Das russische Roulette des Schicksals sagt: Rien ne va plus war gestern – einer geht noch, zusammen sind es vier.
Vom Wunderknaben zur Schicksals-Prokrastination
Letztes Jahr hat mich Paolo Strippolis gespenstische Parabel über Religion, Wunder und Machtmissbrauch, das spektakuläre Horrordrama The Holy Boy, komplett in seinen Bann gezogen. Sträflicherweise lief der Film nur ganz kurz hier in den Kinos, außerdem unter dem Radar, dabei war dieser einer der besten des Jahres 2025 und eine metaphorische Abhandlung zu relevanten Themen, die ordentlich in die Tiefe ging. Ob Strippoli ein Jahr später wieder so ein Meisterwerk gelingt? War es einfach nur ein Zufallstreffer, dieser Holy Boy, oder ist Strippoli ein genauso vom Schicksal Gesegneter wie diese Familie hier im Film, bevor der Hund in den Garten kommt?
Alles eine Frage des Glaubens?
Zumindest ist Strippoli nicht vom Pech verfolgt, und sein neues Werk The Spiral – im Original eigentlich „Die Fremde“ – fischt abermals im okkulten Terrain einer experimentellen Moralphilosophie. Wieder lotet Strippoli die Grenzen unseres Handelns aus und auch die Bereitschaft, zwischen denen, die man liebt, zu entscheiden. So verschlimmbessert die Figur von Jasmina Trinca das Schicksal der anderen immer mehr, sie verspielt auch noch den letzten Rest, wie Ashton Kutcher in The Butterfly Effect, nur dieser bemüht sich in seinem Film, allein klarzukommen, ohne religiös angehauchte Instanz.
Alles eine Frage des Glaubens?
Ohne Religion geht es schließlich nicht bei Strippoli, diesen Faktor zu sezieren ist sein oberstes Anliegen. Anders jedoch als in The Holy Boy kokettiert The Spiral überdeutlich mit den Fabeln einer Sagen- und Märchenwelt, die die Konsequenz des Handelns bewertet und nicht das sogenannte Experiment für sich sprechen lässt.
Fast schon scheint das Gleichnis zu offensichtlich, zu vorhersehbar. Auf mehrere Zeitebenen verteilt und eingezwängt in einen hochdramatischen Dialograhmen, der zum Leidwesen aller Agnostiker die Sintflut nebenbei heraufbeschwört, ohne sie dann letztlich hereinbrechen zu lassen, mag Strippoli von seinem Erfolg des Holy Boy so motiviert gewesen sein, dass er ordentlich aufträgt.
Das hat schon seine Wirkung, ohne Zweifel. Das Leiden der anderen, mit denen die von der Versuchung herausgeforderte Anna spielt, ist grimmig genug, um seine Lehren daraus zu ziehen. Ein Lehrstück also, effektiv, aber letztlich nicht so konsequent wie der Diskurs über den Machtmissbrauch eines Wunderheiligen.









