Ein Hologramm für den König

IN DIE WÜSTE GESCHICKT

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hologramm

Deal geplatzt, Firma insolvent, und die Globalisierung schlägt unbarmherzig zu. Darüber hinaus ist die Ehe im Eimer und die einzige Tochter Spielball des Streits zwischen Mama und Papa. Zusammenfassend liegt die Welt des gescheiterten Handelsreisenden Alan Clay ziemlich im Argen, als er losgeschickt wird, um in der Wüste Saudi-Arabiens König Abdullah ein holografisches Telefonkonferenzsystem zu verkaufen. Nur – dieser König lässt sich bitten, über Tage, wenn sogar über Wochen. Es ist ein ewiges, die Geduld strapazierendes Warten in der Wüste, zwischen Altertum und Fortschritt, zwischen Islam und westlichen Werten, zwischen kühler Glasarchitektur und windverwehten Zelten. Und wenn der Handlungsreisende Clay jeden Abend im Hotel Sand aus seinen Schuhen lehrt, scheint ihn die Vergänglichkeit seines Lebens mehr als deutlich bewusst zu werden.

Diese endlose, leere, dialoglose Wüste ist der ideale Ort, um den gescheiterten Ist-Zustand des Lebens nochmal zu durchdenken. Und aus neuer Perspektive wahrzunehmen. Sinnbild für diesen Status Quo ist ein Geschwür am Rücken von Clay, das ihn hinunterzuziehen scheint und unbeweglich werden lässt. Und der König kommt nicht. Auch die Vertretung lässt sich entschuldigen. Doch was während einer Zeit des Stagnierens und des Stillstands passieren kann, davon kann man sich in Tom Tykwers neuem Film überraschen lassen. Für die Verfilmung des Romans von Dave Eggers hat Tykwer niemand geringeren verpflichten können als den sympathischen Tom Hanks, der selten in solch kleineren Produktionen zu sehen ist und gerade in solchen Filmen sein wahres Potenzial entfalten kann. Sein Handlungsreisender ist eine tragikomische Figur, ein Stehaufmännchen, das mit verzweifeltem Pragmatismus gegen die Windmühlen des wirtschaftlichen Wettbewerbs kämpft und gleichzeitig die Flucht nach vorne sucht. Ein unkaputtbarer Neuzeitmensch, der seinen Werten treu zu folgen versucht und um Anpassung ringt in einer schnelllebigen, übervorteilenden Menschenwelt. Tom Tykwers eigenwillige Erzählweise trifft in diesem feinen, filmischen Kosmos ins Schwarze. Das tragikomische Gesellschaftsmärchen kann gar nicht anders erzählt werden außer in dieser gelungenen Komposition aus assoziativen Traumbildern und amerikanischem Theater im Stile Arthur Millers. Nur hat Dave Eggers Geschichte viel mehr Zuversicht, die man angesichts der trostlosen Ausgangssituation nicht für möglich gehalten hätte.

Ein Hologramm für den König ist bei weitem kein Mainstream, es ist erbauliches, symbolistisches Kunstfilmkino ohne Bedeutungsschwere und Kopflastigkeit. Es ist das kleine Kunststück einer Ich-Odyssee und eine sympathische Hommage auf das gesunde Selbstbewusstsein. Hanks war in letzter Zeit selten besser, ja, er durchbricht tatsächlich die Routine seines gewohnten Rollenprofils und begegnet ohne sichtlicher Mühsal seinen internationalen Schauspielpartnern auf Augenhöhe. Ein sehenswertes Filmkonstrukt, dass sich erst in seiner Gesamtheit als besonderer Kinogenuss zu erkennen gibt.

 

Ein Hologramm für den König

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