Die Kommune

DER TERROR DES MITEINANDER

* * * * * * * * * *

kommune

Wenn wir alle zusammenziehen, und alle immer mehr zusammenrücken, haben wir alle – immer weniger Platz. Und immer weniger Raum zur individuellen Entfaltung. Doch das war den scheinbar liberalen Damen und Herren der 60er und 70er Jahre noch nicht wirklich bewusst, wenn überhaupt wichtig, ging es doch damals einzig und allein um das Brechen mit althergebrachten, verstaubten gesellschaftlichen Konventionen. Diese Barrikaden niederzubrechen und das spießige Bürgertum, das sich in seinen eigenen vier Wänden gewohnt ist sich zu verbarrikadieren, um seine Vorurteile und ungesunden Gewohnheiten zu pflegen, ad absurdum zu führen. My home ist längst nicht mehr my castle – das gehört jetzt allen. Wenn man es mal anders macht als alle anderen, kann es eigentlich nur richtig sein. Ob richtig oder falsch, war nicht die Frage. Eine revolutionäre Sicht auf anerzogene, soziale Paradigmen zu haben, das war das Credo all jener, die im nachblumenkindlichen Zeitalter des Aktionismus zu wissen glaubten, wie der Hase sonst noch laufen kann. Und da gab es dann ganz einfach die Idee der Kommune. Ein Zusammenleben unterschiedlichster Menschen, die sich gar nicht mal richtig gekannt hatten oder sich von vornherein fremd waren. Spannend, mit Sicherheit. Aber nach den theoretischen Regeln um Gleichberechtigung, Nächstenliebe und Altruismus nicht wirklich praktizierbar. Schon gar nicht, wenn Liebe im Spiel ist. Aufrichtige Liebe. Und Abhängigkeit.

Der dänische Regisseur und Ex-Mitglied von Dogma 95, Thomas Vinterberg, der mich mit erschütternden Meisterwerken wie Das Fest oder Die Jagd schwer beeindruckt hat, seziert auch diesmal wieder die psychologischen Mechanismen des Menschen in der Gruppe im Angesicht unlösbar scheinender Extremsituationen. Nach Kindesmissbrauch und Rufmord haben wir es jetzt mit dem Mikrokosmos des Zusammenlebens zu tun. Verrat, Verlust und Eifersucht sind da nur einige Emotionen, die sich infolge einer destruktiven Dreiecksbeziehung jeglicher Vernunft entziehen.

Trine Dyrholm, ein bekanntes Gesicht im dänischen Arthousekino, ist der Mittelpunkt des Geschehens. Ihr zur Seite steht – anfangs noch – der nicht minder omnipräsente Ulrich Thomsen, der auch schon in Das Fest die Vergangenheit seines Vaters öffentlich gemacht hat. Als cholerischer Universitätsdozent setzt er seiner sonst sehr aufgeschlossenen Gattin Hörner auf. Als diese vorschlägt, den blutjungen Seitensprung des selbstverliebten Tyrannen mit ins Kommunen-Boot zu holen, ist Schluss mit lustig. Denn auf Liebeskummer folgt die Selbsterniedrigung. Und letzten Endes die Verzweiflung. Dumm nur, dass keiner ihrer Mitbewohner imstande ist, darauf zu reagieren. So idealistisch unkonventionell wollen die jungen Wildern der Siebziger sein, ohne die Werte einer zwischenmenschlichen Beziehung zu verstehen, geschweige denn das Recht auf Intimität zu akzeptieren. Die Eigendynamik einer Kommune hat meist zu Folge, dass eine oder einer der Auserwählten deutliche Dominanz entwickelt. Aus der kommunistischen Theorie wird unweigerlich eine Diktatur, die allzu Persönliches mit Füßen tritt. In einer Kommune finden sich Menschen, die begleitet werden wollen und begleiten wollen. Meister und Diener. Unterdrücker, Ignoranten und Abhängige. Vinterberg zeigt zwar viel Verständnis für seine gequälte Protagonistin, ein Freund der Kommune, so macht er deutlich, ist er allerdings nicht. Man wird das Gefühl nicht los, dass das sich einschleichende Unglück hausgemacht ist. Denn wie autoagressiv muss man sein, die Ursache des Konflikts ins Haus zu holen? Klar, die Hand zu reichen ist besser als dem Gegenüber ins Gesicht zu spucken. Doch seine Seele zu verkaufen ist schmerzhaft demütigender. Und auch schmerzlich für den Zuseher, der die Naivität der Kommunengesellschaft, und vor allem jene von Trine Dyrholm, nur schwer ertragen kann.

Vinterberg war zwar schon mal besser, aber intensiver und sehenswerter als Am grünen Rand der Welt, sein Ausrutscher ins Romantische, ist dieses Drama allemal. Ein Film über menschliches Totalversagen auf engstem Raum. Emotional und bitter, aber nur schwer nachzuvollziehen.

 

Die Kommune

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s