A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

WENN LANGFINGER TURTELN

5/10


aeiou© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: NICOLETTE KREBITZ

CAST: SOPHIE ROIS, MILAN HERMS, UDO KIER, NICOLAS BRIDET, BERNHARD SCHÜTZ, MORITZ BLEIBTREU U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Handtaschenklau ist nicht erst seit Tony Wegas kein Kavaliersdelikt mehr. Wars auch nie. Von diesen hopsgenommenen Lederwaren sind maximal die Portemonnaies von Interesse – der ganze Rest erzählt vielleicht noch ein bisschen was vom Leben derer, die diese getragen haben. Im österreichischen Spielfilm Die Farbe des Chamäleons ist dem Protagonisten wohl kaum daran gelegen, sein Taschengeld mit Barem aus fremder Börse aufzubessern – viel interessanter ist da das kleinteilige Nettogewicht an Habseligkeiten, die den Charakter der Bestohlenen teasern können. In AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe ist der Raub an Umgehängtem die scheinbar selbsttherapierende Verzweiflungstat eines verhaltensauffälligen Teenagers namens Adrian, der seinen Platz im Leben nicht finden kann. Bis er der großen Liebe begegnet. Und das ist Sophie Rois alias Anna, Opfer von Adrians Übergriffigkeit und eine am Zenit des eigenen Erfolges längst vorbeigeschrammten Schauspielerin, die sich mit halbseidenen Hörspielen herumschlagen muss und lieber Problemkindern per Schauspielunterricht auf die Sprünge helfen will. Dafür entscheidet sie sich allerdings erst, nachdem sie sieht, um wen es sich hierbei handelt. Sie coacht Adrian für sein Shakespeare-Theaterstück an der Schule, lehrt ihn die Bedeutung von Vokalen und Konsonanten und wie man sie auf der Bühne betont. Dabei kommen sich beide näher, trotz des massiven Altersunterschieds. Und es ist ja nicht so, als hätte Adrian keine sozialen Handicaps. Im Slalom von Pflegeeltern zu Pflegeeltern, findet der überdies an ADHS leidende, junge Erwachsene in Anna endlich jemanden, der ihn zu schätzen weiß.

Eine Lovestory zwischen Jung und Alt? Natürlich, zum Beispiel Hal Ashbys Harold und Maude. Doch so dominant ist die Altersschere dann doch wieder nicht. Sophie Rois, für mich erstmals präsent geworden in Stefan Ruzowitzkys Heimatthriller Die Siebtelbauern, ist längst keine Greisin wie Erni Mangold in Der letzte Tanz. Rois ist überdies nicht nur wegen ihres rauchigen Timbres eine unverwechselbare Charaktermimin, sie hat stets eine gewisse Pfeifdrauf-Attitüde, was ihr Wirken auf das Publikum angeht. Sie bleibt ihrem Charakter treu und biedert sich nicht an. Ein bisschen holprig wird’s bei den englischen Passagen, die zwar grammatikalisch alle richtig sind weil auswendig gelernt, die aber ob des dahinter schlummernden deutschen Akzents unfreiwillig komisch wirken. Newcomer Milan Herms hat seine durchaus schwierige Rolle noch besser im Griff – irgendwo zwischen Tom Schillings Müßiggängen in Oh Boy und einem jungen Jean Paul-Belmondo aus den Anfängen der Nouvelle Vague. Dabei gelingt es ihm, den Eindruck zu vermitteln, gleich den beiden Wellensittichen im Film über und zwischen den Dingen zu schweben und nirgendwo landen zu können.

Es geraten also zwei Seelen aneinander, die eine Romanze jenseits sämtlicher Konventionen versprechen. Nicolette Krebitz, als Schauspielerin zumindest aus dem Musik-Roadmovie Bandits bekannt, hätte aus ihrem Autorenfilm wahrhaftige Emotionen herausholen können, gibt ihre Zweierbeziehung aber viel zu plakativ und sprunghaft wieder. Zwischen den einzelnen Szenen liegen unbestimmte Zeitabstände, und was Sophie Rois in ihrer Rolle eigentlich will, bleibt ein Rätsel – genauso wie ihre Beziehung zum Hausherren Udo Kier, der als Nachbar lediglich Zaungast bleibt und in die Handlung kaum verwoben wird, obwohl sich beide mit Kosenamen rufen.

Eine emotional nachvollziehbare Liebesgeschichte gewinnt ihre Wirkung aus einer relativ stufenlosen Annäherung und kleinen, feinen Momenten dazwischen. In A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe setzt Krebitz tatsächlich nur Vokale für eine potenziell dichte Tragikomödie über Außenseiter ein, dazwischen entstehen Lücken, die das Szenario merkbar austrocknen. Wenn beide sich liebend und leidenschaftlich in den Armen liegen, ist das eine Szene, deren Intensität hier in dieser Romanze sonst selten zu finden ist. Und gerade gegen Ende, wenn die beherzte gesellschaftliche Rebellion – wie in Außer Atem, nur weniger kriminell – an ihre Grenzen stößt, wirft Krebitz ihrem Publikum nur noch Bruchstücke zu, die das Wesentliche zwar aufzeigen, mit den Gefühlswelten der Liebenden aber nur noch wenig zu tun haben.

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

Spring – Love Is a Monster

DER SCHÖNE UND DAS BIEST

7,5/10


spring_loveisamonster© 2014 Koch Media


LAND / JAHR: USA 2014

REGIE: JUSTIN BENSON, AARON MOORHEAD

BUCH: JUSTIN BENSON

CAST: LOU TAYLOR PUCCI, NADIA HILKER, FRANCESCO CARNELUTTI, JEREMY GARDNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Die Herren Justin Benson und Aaron Moorhead sollte man sich merken. Wenn man phantastische Filme mag, die abseits von teurem Mainstream verlockend gedankenakrobatische Geschichten erzählen. Da wäre der vor kurzem erschienene Zeitreisethriller Synchronic mit Anthony Mackie und Jamie Dornan: Eine düstere Hommage an Zurück in die Zukunft und wie man mit dem Mysterium Zeit eigentlich sonst noch so umgehen kann. Um dafür eine Droge zu entwickeln – diese Idee lief mir noch nicht über den Screen. Busenfreund Jeremy Gardner hat sich des weiteren vom Stil der beiden kreativen Köpfe inspirieren lassen und mit dem kauzigen Grusel-Kammerspiel After Midnight romantische Partnerschaften und alles was dazugehört auf ein irritierendes, atmosphärisches Level gehoben. Selbstredend haben Benson und Moorhead diesen Streifen produziert – so deutlich und klar trägt After Midnight jenen stilistischen Stempel, der nun auch deutlich vom etwas anderen Liebesfilm Spring – Love is a Monster abzulesen ist. Alle zehn Finger könnten sich Kuratoren diversester Themenfestivals ablecken, um ein Gustostückchen wie dieses zu bekommen.

Der 2014 entstandene Film erzählt im Grunde eine zeitgenössische Liebesgeschichte mit ganz vielen Dialogen, wie wir das bereits von Richard Linklater kennen. Zwei Reisende treffen sich irgendwo in einer für beide fremden Stadt, kommen durch Zufall zusammen, schwafeln den ganzen Abend und die ganze Nacht, lernen sich kennen. Über allem schwebt die Stimmung des herannahenden Frühlings: es ist, als würde sich ein ratloses Leben in neue Bahnen lenken, als würde man finden, was man lange gesucht hat. So ist es doch Julie Delpy und Ethan Hawke ergangen. Zwei Fortsetzungen gab´s, eine besser als die andere. Wenn’s funkt, dann funkt’s. Spring ist auch tatsächlich so, als hätte Linklater Pate gestanden. Zumindest anfangs. Dann fügen Benson und Moorhead aber noch eine anderen Zutat hinzu – ein gewichtiges, geschmacksintensives Mystery-Element. Die Mixtur mundet.

Der Single Evan, joblos und seiner verstorbenen Mutter nachtrauernd, muss dringend sein Leben evaluieren. Was eignet sich dafür nicht besser als eine Auszeit auf ganz anderen Breitengraden, am Besten jenseits des Atlantiks in Europa, in Bella Italia. Als Rucksacktourist streunt er mal mit Anhang, mal solo, durch Stadt und Land – und landet schließlich irgendwo in Apulien. Klar, dass er dort der Liebe auf den ersten Blick begegnet. Und auch die aparte Dame in Rot scheint den Blick zu erwidern. Evan weiß, was er tun muss – er nimmt den Job als Knecht bei einem alten Olivenbauern an, um der geheimnisvollen Frau nahe sein zu können. Aus dieser Begegnung muss mehr werden. Und das wird es auch. Man quatscht, man trinkt, man küsst und liebt sich. Die Chemie stimmt. Die Biologie wohl weniger. Ein Geheimnis, das rosige Zukunftsaussichten für etwas Festes im Keim ersticken könnte.

Wie bei Benson und Moorhead üblich, bleiben die kredenzten Bilder entsättigt und mit zartem Sepiafilter verfremdet. Das alleine erzeugt schon eine ganz eigene Stimmung, wie nicht von dieser Welt. Das Artfremde, Entsetzliche, kommt auf leisen Sohlen, will gar nicht mal erschrecken oder verstören. Es ist Teil einer obskuren Evolution, eine metaphysische Anomalie, die sich gar wissenschaftlich verankert sehen will. Wie bei Synchronic ist auch hier das Durchstoßen universitärer Lehren auf verblüffende Art ein glaubhaft anmutender Umstand. Noch dazu verknüpfen sich geschichtsträchtige Orte wie Pompeij oder der Vesuv mit der erstaunlichen Beschaffenheit einer anomalischen jungen Frau zu einer faszinierenden Legende, die Phänomene wie diese als immer schon mit dieser Welt inhärent betrachtet. Nadia Hilker (u. a. The Walking Dead) und Lou Taylor Pucci (u. a. Evil Dead, 2013) sind ein Traumpaar, fast wie Delpy und Hawke, da gibt´s nichts, was nicht zu glauben wäre. Demnach ist Spring – Love Is a Monster eine sinnliche Romanze, ein aufgeweckter Liebesfilm mit einem triftigen Quäntchen an Monstrosität, ganz so wie es Belle in Die Schöne und das Biest aushalten muss, um ihrer Liebe nahe zu sein. Benson und Moorhead ist ein augenzwinkerndes Horrormärchen gelungen, das, so möchte man meinen, aus den dunklen Kellern von Disneys Traumschloss hätte hervorgeholt werden können. Gut, dass sich ab und an einer dorthin runterwagt.

Spring – Love Is a Monster

Ema

FEUERTAUFE NICHT BESTANDEN

5/10


ema© 2020 Filmladen Filmverleih

LAND / JAHR: CHILE 2020

REGIE: PABLO LARRAIN

CAST: MARIANA DI GIRÓLAMO, GAEL GARCIA BERNAL, PAOLA GIANNINI, SANTIAGO CABRERA U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Wieder ein Film aus Chile! Noch dazu einer von Pablo Larrain – einem Mann, mit dem man filmhistorisch schon einiges anfangen kann. Zum Beispiel durfte unter seiner Regie Natalie Portman die traurige Witwe Jackie Kennedy mimen. Kenner und Liebhaber des Films Neruda werden sich ebenso angesprochen fühlen. Und überraschenderweise hat der von mir so sehr gepriesene Nobody Knows I´m Here mit Herrn Larrain auch noch seinen Produzenten gefunden. Ema ermöglicht dem Künstler eine Rückkehr in seine Heimat, genauer gesagt in die Hafenstadt Valparaíso, in welcher dieser doch recht eigenwillige Kunstfilm die chilenische Schauspielerin Martiana Di Girólamo einer Mutter Gottes gleich anzubeten gedenkt wie Klimt seine Muse Zuckerkandl, Henry Miller seine Anaïs Nin oder Franz Werfel seine Alma. Aus Martiana Di Girólamo wird eine Kunstfigur mit streng modelliertem, wasserstoffblondem Haar und lockeren Sporthosen – eine Reggaeton-Tänzerin, die aber ganz etwas anderes zu quälen scheint als die zum Leiden verpflichtende Kunst.

Die titelgebende Ema hat eine Künstlerbeziehung mit Gastón, gespielt von Larrains Haus- und Hofstar Gael Garcia Bernal. Beide haben ob der Unfruchtbarkeit des Mannes ein Kind adoptiert. Bald stellt sich heraus: beiden gelingt es nicht im Geringsten, zu tun, was Eltern für ein Kind eben tun müssen. Der Kleine siebenjährige Pablo bekommt unter anderem beigebracht, wie man Feuer legt. Das macht er dann auch – fackelt die Bude ab und seine Tante gleich dazu. Nach dieser Tragödie fällt der Entschluss, das Kind wieder zurückzugeben. Auch keine noble Tat. Da Ema Gastón die Schuld dafür gibt und umgekehrt, grübelt erstere darüber nach, wie es anzustellen wäre, dem grundsätzlich geliebten Kind nahe zu sein, ohne es wieder adoptieren zu müssen. Ema pirscht sich an die neuen Eltern ran, macht sie von sich abgängig, was eine feuchtfröhliche Menage a Trois zur Folge hat.

Zwischendurch spielt das Feuer keine unwesentliche Rolle. Es ist das, was Ema gut kann – abfackeln. Es brennen Ampeln, Autos oder Spielplätze. Kunst im öffentlichen Raum, wenn man Kunst nicht knebeln will. Zwischendurch wird getanzt und in spärlich beleuchteten Farbräumen Liebe gemacht, egal ob mit Mann oder Frau. Pablo Larrain hält die Zügel sehr locker, es scheint, als lässt er seine Muse einfach machen, kann sich nicht sattsehen an ihrem Gesicht, und ja, es stimmt, Martiana Di Girólamo weiß mit ihrer unnahbar-erotischen Ausstrahlung zu faszinieren. Allerdings scheint es so, als wäre Ema die urbane Installation einer freigeistigen Weiblichkeit, die sich plötzlich ihrer bioethischen Funktion als Mutter entbunden sieht.

Dennoch: Ema spielt zwar viel mit Licht und Farbe, findet surreal anmutende Arrangements und weiß gekonnt, mit seinen Tanz-Choreographien eine gewisse hypnotische Wirkung zu erzielen. Darüber hinaus allerdings bleibt das artifizielle Selbstfindungs- und Erotikdrama viel Kunst um wenig Substanz. Bis die ganze, vage angedeutete Geschichte überhaupt ins Rollen kommt, sorgen entrückte Dialoge und assoziative Szenen, die in ihrer Sinnhaftigkeit vorerst schwer zu verstehen sind, für hinauszögernde Affektiertheit. Viel zu spät wird das skurrile Tête à Tête etwas griffiger und runder, anfangs jedoch hat man das Gefühl, Larrain hätte vor lauter Faszination für seine Protagonistin völlig vergessen, was er hier eigentlich erzählen wollte.

Ema

The Good Liar – Das alte Böse

WER EINMAL LÜGT, DEM GLAUBT MAN NICHT

4/10

 

thegoodliar© 2019 Warner Bros. GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: BILL CONDON

CAST: HELEN MIRREN, IAN MCKELLEN, RUSSEL TOVEY, JIM CARTER, JOHANNES HAUKUR JOHANESSON U. A.

 

Ich hätte nie gedacht, dass der integre, weise, knollennasige Gandalf zu so etwas fähig wäre: nämlich zu lügen wie gedruckt. Er sieht ja auch viel zu treuherzig aus, aber Vorsicht: man soll nie einen Menschen nach seinem Äußeren beurteilen. Ian McKellen, der sieht tatsächlich schon sehr knuddelig aus, fast schon wie seinerzeit Walter Matthau. Dessen Hängebacken waren legendär, aber auch Matthau war zuletzt ein richtiger Grumpy Old Man. Ian McKellen ist – ohne wallendem weißen Haar, Rauschebart und Zauberhut – ein gewinnender älterer Herr, der scheinbar überhaupt nichts Böses will. Seine kleinen wässrigen Augen blicken gütig, er ist ganz Gentleman, vor allem Damen gegenüber, und insbesondere Helen Mirren, die beim ersten Date der beiden ganz die diskrete feine Dame gibt und fast ein bisschen wie die Queen mit verschmitztem Understatement punktet. Wir wissen natürlich: der Schein trügt hier gewaltig, auf beiden Seiten, so schmeichelnd, süßlich und zuvorkommend die beiden auch sind. Der Film würde nicht The Good Liar – Das alte Böse heißen (der deutsche Zusatztitel ist ein bisschen bärbeißig, aber gut), würden Mirren und McKellen sich nicht gegenseitig gehörig auf die Seife steigen lassen.

Und ja, anfänglich macht es Spaß, den beiden zuzusehen. Und der beste Moment ist wohl der, wenn Ian McKellen mit sich alleine ist, ganz inkognito, und aus dem gütigen Opa-Blick plötzlich ein finsteres „Gschau“ wird, inklusive abschätziger, arroganter Mundhaltung. Gut gemimt, keine Frage. McKellen weiß, Theater zu spielen. Und selbiges vorzuspielen. Ob aber Helen Mirren etwas im Schilde führt, bleibt lange unklar. In diesem Punkt erreicht The Good Liar doch einige Momente dezenten Suspense, in gepflegter pensionsbedingter Gemütlichkeit, obwohl Altsein allein nicht zwingend heißt, nichts mehr auf dem Kerbholz zu haben.

Dann aber ganz plötzlich weiß The Good Liar einfach nicht mehr weiter. Bill Condon, der mit Mr. Holmes jetzt nicht gerade für den cineastischen Bringer in Sachen Sherlock Holmes gesorgt hat, der hat sich meiner Meinung nach mit der literarischen Vorlage zu seinem aktuellen Film gehörig vergriffen. Der Roman von Nicholas Searle ist nur bedingt empfehlenswert. Der Plot nimmt eine Wendung, die ungefähr so aufgesetzt wirkt wie die pflichtbewusste Sonntagseinladung der lamentierenden Schwiegermama am Muttertag. The Good Liar fühlt sich an, als wären zwei Geschichten fragmentarisch vorhanden, die aber unbedingt entweder einen Anfang oder ein Ende brauchen. Natürlich auch mit Story-Twist, denn ein Thriller ohne solchen ist kein Thriller mehr, der Rest wäre dann allzu vorhersehbar. Schön und gut, wenn beide Geschichten zusammenpassen würden. Das überkonstruierte Schicksal der beiden Altvorderen jedoch ist weder glaubwürdig noch authentisch oder ernsthaft nachvollziehbar. Das, so vermute ich, liegt sicher an der literarischen Vorlage, und ein Film dazu macht es nicht besser.  Interessant dabei ist, dass beide Darsteller – Mirren und McKellen – nur schwer die unwillkürlich aufgebrummten Aufgaben ihrer Filmfiguren stemmen können. Als hätten sie selbst nicht gewusst, was auf sie zukommt. Und darauf verzichtet, ihre Charaktere dem Plot entsprechend neu zu orientieren. Nun, das hätten sie schon zu Beginn machen sollen, aber der Beginn des Films, der versprach etwas ganz anderes. Und der hätte diesen bedeutungsschweren Überbau über Schuld, Verjährung und Rache überhaupt nicht nötig gehabt. Lieber einfach ganz charmant hinters Licht führen, ohne die Welt zu bewegen. Das hätten die augenzwinkernden Psychoduelle der beiden zwischen Kaffeekränzchen, Schlummertrunk und galantem Türaufhalten schon vollauf erfüllt.

The Good Liar – Das alte Böse

Marriage Story

TROTZDEM FAMILIE

7,5/10

 

marriagestory© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: NOAH BAUMBACH

CAST: SCARLETT JOHANSSON, ADAM DRIVER, MERRITT WEVER, LAURA DERN, AZHY ROBERTSON, RAY LIOTTA U. A.

 

Vorsicht: Die Sicht auf diesen Film könnte durch eigene Erfahrungen im Ehe- und Zusammenleben maßgeblich beeinflusst werden. So geschehen bei mir. Noah Baumbachs vielfach hochgelobtes Ehe-Endgame wird wohl von vielen Menschen gesehen werden, die selbst in einer Beziehung stecken, Familie haben oder geschieden bzw. getrennt sind. Marriage Story ist ein Film, der lässt sich nicht unvoreingemnommen betrachten, da gibt es Vorbehalte, Vorurteile und emotionale Trigger, da gibt es alles mögliche, was aus der eigenen Geschichte der Zwei- oder Dreisamkeit hochgefahren wird. Marriage Story wirkt hundertmal anders, bestätigt oder hinterfragt den Zustand des Zusehers zu dem, was hier abgeht. Dabei beginnt der Anfang vom Ende relativ alltäglich, er beginnt mit einer Sicht auf die Dinge, die erst dazu geführt haben, dass sich zwei Liebende entschieden haben, ein Leben gemeinsam zu führen. Es sind die positiven Skills, die ein jeder hat. Es ist das, was der andere am anderen liebt. Es ist das große Ganze, dass das Zusammenleben ausmacht. Die Schwächen haben da vorerst nichts zu suchen. Baumbach gelingt mit seiner Steckbrief-Overtüre ein origineller Kniff, eine Methode, um ein ganzes harmonisches Eheleben als Prolog anzuführen, damit der Zuseher vollends begreifen und empfinden kann, um wen es hier eigentlich geht.

Vergessen wird aber das Kind. In Marriage Story läuft alles darauf hinaus, dass es nicht um die Trennung eines Paares geht, sondern um die Teilung einer Familie. Das kommt bekannt vor. Das hatten wir schon Ende der Siebzigerjahre in Robert Bentons zutiefst berührendem, höchst intensiven Scheidungs- und Sorgerechtsdrama Kramer gegen Kramer. Ich kenne diesen Film, da bleibt wirklich kein Auge trocken. Dustin Hofmann und Mery Streep als liebende Eltern litten da unübersehbar an gebrochenem Herzen, ein meisterlicher Film, allerdings auch nicht leicht verdaulich. Es ist der Kampf um ein Kind, von der Trennungsabsicht bis zum Urteil vor Gericht. Noah Baumbachs Erzähl- und Filmstil ist da trotz sehr ähnlichem Plot wesentlich anders. Natürlicher, ungeschminkter, spontaner. Scarlett Johansson hat man so noch nie gesehen. Auch Adam Driver geht an seine Grenzen. Zwischen seinem phlegmatischen Schauspiel in BlackKklansman und Marriage Story liegen Welten, irgendwo dazwischen sein Kylo Ren aus Star Wars. Im Film sind beide Künstler, die eine Schauspielerin, der andere Regisseur. Um Künstler dieser Art zu sein braucht es schon ein starkes Ego, eine Egozentrik gar, und die haben beide. Das Kind? Das hat das Nachsehen. Natürlich, die Eltern kümmern sich liebevoll, doch machen sie das, was sie tun, wohl eher für sich selbst. Würde man sie danach fragen, wäre natürlich der Nachwuchs, der den Eltern überraschend distanziert gegenübersteht, an erster Stelle. Vielleicht aber liegt es am Spiel des jungen Azhy Robertson, der manchmal so wirkt, als wären Driver und Johansson nicht seine Eltern, sondern Fremde, die eben nett sind, aber nicht wirklich die Emotionen des Kindes bewegen. Keine Vorstellung davon, wie sehr dieser Umbruch den achtjährigen Buben bewegt. Das liegt aber daran, dass Robertson keine Vorstellung davon gibt.

Der spannende Konflikt des Filmes entsteht erst durch den Auftritt der Anwaltschaft. Damit bekommt das Ehedrama eine ganz andere Dimension, aber auch eine, die mich irritiert. Da sie im Grunde einander weder hassen noch einander ernsthaft aus dem Weg gehen wollen, wirken die emotionalen Schreiduelle, von denen es ohnehin eigentlich nur eines gibt, etwas erzwungen, die dargestellten Gefühle verpassen um Sekunden den richtigen Einsatz. Dennoch brillieren sie, vor allem Johansson. Und das weniger dank der dichten, gehaltvollen Dialoge, sondern vielmehr der Monologe, die einfach fabelhaft, elegant und genau so geschrieben sind, sodass man stundenlang und ohne Anstrengung zuhören könnte. Das ist die Stärke Baumbachs, sein Händchen für wortgewaltigen Seelenstriptease in bestem Rhythmus eines Bühnendramas. Auf Augenhöhe begegnet er da sprachlichen Altmeistern wie Woody Allen, der es auch scheinbar mühelos beherrscht, die Facetten komplizierter Gemüter durch Ich-Bekenntnisse so greifbar werden zu lassen.

Wäre aber diese fein justierte Wortgewalt nicht, wäre Marriage Story nur das halbe Sorgerecht, wäre der Film der torschlusspanische Luxus einer Trennung, die so garantiert nicht sein müsste, und die im sinnlosen Verprassen von Ressourcen dem Kind seine Lebensgrundlage entzieht, anstatt sie zu erhalten. Ob beide die Kurven kriegen, verrate ich natürlich nicht. Sehenswert ist Baumbachs Analyse in jedem Fall, und ist auch nur um ein Quäntchen zu lange geraten. Meistens aber fasziniert das, was Johansson und Driver leisten, aber auch, wie Laura Dern wieder mal ganz im Stile von Big Little Lies aufspielt oder Alan Alda seine väterliche Liebe zu seinem Klienten entdeckt. Im Grunde also Schauspielkino mit der wohl am besten formulierten Sprache des Jahres, aber mit dem wohl am wenigsten konstanten Impact auf den Zuseher, der mit seinem eigenen Bild vom Anfang und Ende einer Liebe den Film zu einer Laune seiner gerade aktuellen Emotionen macht.

Marriage Story

Skin

TABULA RASA MIT HAUT UND HAAR

7/10

 

skin© 2019 24 Bilder

 

LAND: USA 2018

REGIE: GUY NATTIV

CAST: JAMIE BELL, DANIELLE MCDONALD, VERA FARMIGA, MIKE COLTER, MARY STUART MASTERSON U. A.

 

Über dem rechten Auge ein Pfeil, der nach oben zeigt. Der Name des Vereins, dem Bryon „Babs“ Wydner angehört, steht in verschwurbelten Lettern gleich unter dem Jochbein. Und auch sonst nennt der junge Mann zahlreiche Tattoos sein Eigen, die vielleicht nur temporär cool sind, weil die Phase der Selbstdefinition durch andere gerade der probateste Weg ist, um zu überleben. Irgendwann aber kommt der Moment, in dem sich zwei Existenzen über den Weg laufen, oder besser: in dem ein Lebensmensch erscheint, der nichts davon hält, wenn der andere Jagd auf Immigranten und ethnische Minderheiten macht. Das ist eine Ideologie, die ist so kleinkariert und ohne Durchblick, die kann durch nichts ihren Anspruch als Herrenrasse geltend machen. Wenn die eigene Existenz aber von vorne bis hinten im Argen liegt, ist dieses rechtsradikale Gedankengut gerade gut genug, um ein Rädchen in einer verqueren Gemeinschaft zu sein, die was auch immer propagiert. So zeigt sich das Defizit einer lieblosen Kindheit in einer seiner destruktivsten Formen. Der ganze Hass findet da sein Ventil, und da sich andere Ethnien mühelos brandmarken lassen, dann werden es auch wohl diese Minderheiten sein, die als Sündenbock herhalten müssen. Bryon Wydner war ebenfalls einer dieser so wütenden wie gescheiterten Existenzen: furchtbare Kindheit, heimat- und ziellos. Aufgelesen von Ma und Pa, so wie sie sich nennen, ebenfalls gesellschaftlich unter aller Sau, ebenfalls vertrieben, wohnhaft in einem Knusperhaus im Wald, voller gehirnwaschender Gedanken und verquerer Wikinger-Philosophien, die anders als der Ku Klux Klan eher den nordischen Gottheiten huldigen – Thor, Freya, Odin und wie sie alle heißen. Na klar, Wydner macht da mit, jahrzehntelang – bis eben die alleinerziehende dreifache Mutter Julie in sein Leben tritt.

Skin ist, und ich wollte es kaum für möglich halten, am Ende des Tages ein Feel-Good-Movie. Oder, um es etwas weniger euphemistisch zu deklarieren: Ein Feel-Better-Movie. Die Lebens- und Wandelsgeschichte des Neonazis oder Vinlanders ist aber auch weder ein Film über Rechtsradikalismus noch über gesellschaftspolitische Zustände in den USA, dafür bleibt das Werk zu sehr an der Oberfläche. Skin will nur eines sein: die Chronik einer Loslösung aus einem familiär anmutenden Totalitarismus, aus einem sektenähnlichen Konstrukt der Abhängigkeit und selbstlosen Verpflichtung. Der Extremismus, den Guy Nattiv in seiner Verfilmung von Wydners Um- und Aufbruchsmemoiren schildert, ist eine Variable. Der Fokus liegt auch weder auf dem Alltag des Vinlander-Vereins noch will Skin dessen Strukturen analysieren. Worum es hier einzig und allein geht, das ist der Wandel zu einem besseren Menschen, unterteilt in Reflexion, Evaluierung und Umsetzung, Rückschläge inbegriffen. Denn nichts im Leben bekommen Leute wie Wydner geschenkt, den Ex-„Billy Elliott“ Jamie Bell zwischen schwankender Zuversicht, Aufbäumung und kaum unterdrückbarer Aggression plausibel verkörpert. Wie Zwischentitel eines Artikels, und als würde wie um ein gravitätisches Zentrum herum das ganze packende Drama einer Flucht nach vorne kreisen, gibt Regisseur Nattiv Einblick in die jeweiligen Stadien der Tattoo-Entfernung, vom ersten bis zum letzten. Dazwischen die True Story eines Präzedenzfalles, mehr Psycho- als Sozialdrama, mit dem unerwarteten Impakt zuversichtlicher Good News, die Veränderung – vielleicht auch für andere – menschenmöglich macht.

Skin

Beautiful Boy

PROBIEREN UND STUDIEREN

5/10

 

BEAUTIFUL BOY© 2019 Filmladen

 

LAND: USA 2018

REGIE: FELIX VAN GROENINGEN

CAST: STEVE CARELL, TIMOTHÉE CHALAMET, AMY RYAN, MAURA TIERNEY, CHRISTIAN CONVERY U. A.

 

Er ist schön, er ist klug, er ist nicht von schlechten Eltern: Thimotée Chalamet, Cineasten natürlich spätestens aus Call Me by Your Name bestens bekannt, muss diesmal zwar nicht seine Liebe zum gleichen Geschlecht entdecken, dafür aber zu bewusstseinserweiternden Substanzen. Dabei geht’s nicht nur um das in manchen Ländern bereits salonfähige Marihuana, sondern auch um all den anderen Stoff, aus dem die Süchtigen sind – angefangen von Koks bis zum vernichtenden Crystal Meth, von dem der gute Walter White ganz genau weiß, wie man es herstellt. Der dunkel gelockte Jüngling also will es wissen, ist neugierig, was natürlich legitim ist, denn Neugier während des Coming of Age erschließt einem die Welt in all seinen Facetten. Zu weit darf es natürlich nicht gehen, alles sollte man auch nicht wagen müssen. Vieles sagt einem bereits der Menschenverstand – oder die eigenen Eltern, aber das ist wieder weniger gut, denn die Meinung der Eltern ist in diesem Alter wohl die, die man am wenigsten hören will. Also selbst ein Bild machen – und nicht mehr davon loskommen. Papa Steve Carell, längst nicht mehr nur im Komödienfach daheim (siehe u. a. Willkommen in Marwen) verbringt auch nur mehr die Tage damit, sich Sorgen um seinen Sprössling zu machen. Der kommt nächtelang nicht heim und muss wieder irgendwo frühmorgens aufgesammelt werden, weil all die schädigenden Substanzen in dessen Körper einfach nicht Feierabend machen wollen. Irgendwann hat aber auch die Geduld der Eltern ein Ende, zumindest die des alleinerziehenden Vaters. Von dieser Opferbereitschaft seinem eigenen Fleisch und Blut gegenüber und von der Neugier am künstlich geschaffenen Glücksgefühl – davon erzählt der Belgier Felix van Groeningen in seinem US-Debüt. Und bleibt im Grunde dem Thema treu, mit dem er sich bereits 2012 in A Broken Circle ausführlich beschäftigt hat: Mit der Leidensfähigkeit von Mutter und Vater.

In Beautiful Boy tut Steve Carell alles, was in seiner Macht steht, um seinem Sohn zu helfen. Allerdings – den Entzug muss der Nachwuchs schon selbst wollen, die Bereitschaft für einen Neuanfang kann ihm auch keiner abnehmen. Allein: die Lust an der Ekstase ist immer noch größer. Chalamet spielt einen Jungen, dessen Beweggrund für Drogenmissbrauch auf keinerlei Defizite basiert. Die Scheidung der Eltern allein kann nicht der Auslöser sein, elterliche Liebe ist genug da, und alle Türen für die Zukunft stehen offen. Gründe für Drogen sind also nicht zwingend soziale Mängel, vielleicht auch nur der Luxus eines sicheren Zuhauses als Basis, um sich weiter als es der Vernunft gebührt aus dem Fenster zu lehnen. Papas Sorgen und versuchte Neustarts wechseln sich also ab – mehr passiert nicht. Anders als im thematisch sehr ähnlichen Krimidrama Ben is Back mit Julia Roberts und Lucas Hedges bringt Felix van Groeningen sein schwermütiges Vater-Sohn-Drama nicht wirklich auf einen grünen Zweig, obwohl er seinen Film mit formatfüllenden Baumriesen dekoriert, die mit ihren wuchtigen Ästen wie Lebensader und Stammbaum zugleich über den strauchelnden Gestalten aufragen. Der abwechslunsgreiche, liebevoll gesampelte Soundtrack wirkt da fast schon ausgleichend, und unterstreicht auch das emotionale Chaos zwischen Eigen- und Fremdverantwortung relativ gut. Doch Peter Hedges Film ist straffer, bewegender, viel fokussierter. Beautiful Boy verliert sich immer noch im Grundgedanken seiner Problematik, tritt dadurch aber auf der Stelle und quält sich bis zur Erkenntnis hin, dass man sich irgendwann als Kind seiner Eltern nur mehr selber helfen kann – oder eben gar nicht.

Beautiful Boy

Den Sternen so nah

RETTET GARDNER ELLIOTT!

7/10

 

THE SPACE BETWEEN US© 2017 Tobis Film GmbH

 

ORIGINAL: THE SPACE BETWEEN US

LAND: USA 2017

REGIE: PETER CHELSOM

CAST: ASA BUTTERFIED, BRITT ROBERTSON, GARY OLDMAN, CARLA GUGINO U. A.

 

Ridley Scotts großangekündigter Marsbesuch ist auch schon wieder eine Weile her. Vier Jahre sind schon ins Land gezogen, da wäre ein bemanntes Raumschiff nach unserem Stand der Technik auch schon einmal hin und retour geflogen. Mark Watney haben wir also schon gerettet, der ist wieder sicher auf Erden gelandet, nachdem man ihn eigentlich mehr oder weniger nach guter alter Kevin-Manier allein zuhause gelassen hat, auf einem Planeten ohne atembarem Luftgemisch und auf dem es saukalt ist. Schön anzusehen ist er ja, der Mars. Und eine Kolonie dort mit Sicherheit zumindest die erste Zeit abenteuerlich genug, um es dort auszuhalten. Natürlich ist das nichts für Kinder. Oder doch? Das Tempelhüpfen würde etwas epischer ausfallen, ungefähr Marke Stabhochsprung, nur ohne Stab. Fußbälle würden weiter gekickt werden als sonst wo und die Sandkiste wäre so groß so weit das Auge in dieser rötlichbraunen Welt reicht. Allerdings – die Zahl an Spielgefährten wäre endenwollend. Das ist ernüchternder als die ewige Warterei unseres Astronauten-Kevin Mark Watney. Doch so ist es mit Gardner Elliott passiert. Der Junge: ein blinder Passagier, heimlich ausgetragen von einer Astronautin, die um alles in der Welt am roten Planeten Pionierarbeit leisten wollte. Schwanger ins Weltall geht natürlich gar nicht, bei all diesen riskanten Variablen, aber irgendwie hat es doch funktioniert. Und jetzt retten wir nicht mehr Mark Watney, sondern Gardner Elliott, der aber Probleme hat, auf der Erde im wahrsten Sinne des Wortes Fuß zu fassen, ist doch seine Physiognomie eher auf die Schwerkraft des Mars ausgerichtet als auf die des blauen Planeten. Was das für physische Komplikationen nach sich ziehen kann, und wie sehr ein Teenager unbedingt altersadäquates soziales Umfeld braucht, davon erzählt Peter Chelsoms leichtfüßiges Abenteuer rund um ein Planetenhopping im Solsystem und um die erste Liebe.

Liebe gab es bei Ridley Scotts astrotechnischem Thriller keine, aber Peter Chelsom ist immer schon ein Romantiker gewesen, Gefühle haben da auch jenseits des terrestrischen Orbits ihren Platz. Also verliebt sich Gardner Elliott erstmal in seine Chat-Freundin, der er natürlich verheimlicht hat, dass er nicht gleich um die Ecke wohnt. Das Science-Fiction-Abenteuer für die jüngere Generation, im Original viel trefflicher mit The Space between us tituliert, zeigt auf sympathisch formulierte Art, wie der erste extraterrestrische Erdling gleichzeitig zum ersten Homo marsianus wird. Darwin würde sich im Rahmen seiner Idee zur adaptiven Radiaton mehr als bestätigt fühlen, es würde ihm gefallen zu sehen, wie schnell Anpassungen an extrem unterschiedliche Lebensräume vonstatten gehen können. Doch Daheim ist Daheim, und der Mars trotz aller lebensfeindlichen Abzüge die Heimat von Asa Butterfield, der schon in Enders Game der Auserwählte war – und hier jetzt nochmals. An seiner Seite aber statt Harrison Ford Oscar-Preisträger Gary Oldman als vergrämter Wissenschafter mit langer Mähne. Gut gespielt, aber routiniert. Brit Roberston (u. a. A World Beyond) hingegen als Gardner Elliotts Schwarm weiß da schon etwas mehr die Sehnsucht eines einsamen Teenies zu vermitteln, und die Chemie zwischen den Jungdarstellern stimmt. Das hat schon weitaus mehr greifbare Romantik als all diese Twilight-Originale und -Ableger, weil hier angenehmerweise keine Antagonisten den Frieden stören, sondern nur  der Brückenschlag zwischen zwei Welten zur unüberwindbaren Challenge wird. Es ist, als träfen die Geschichten eines John Green auf den bereits schon zitierten Marsianer – Den Sternen so nah erzählt von Einzelgängern und der Einsamkeit von Pionieren, von junger Liebe und einer Zukunft, in der Mann und Frau sich irgendwann nicht nur entscheiden müssen, welchen Nachnamen sie tragen, sondern auch, zu welchem Planeten sie gehören wollen.

Den Sternen so nah

Die Frau des Nobelpreisträgers

RINGEN UM ACHTUNG

5/10

 

© Meta Film London ltd© 2018 Constantin Film

 

ORIGINAL: THE WIFE

LAND: GROSSBRITANNIEN, SCHWEDEN, USA 2018

CAST: GLENN CLOSE, JONATHAN PRYCE, CHRISTIAN SLATER, MAX IRONS, HARRY LLOYD, ANNIE STARKE U. A.

 

Marie Curie hatte ihn, Barack Obama hat ihn, Gabriel Garcia Marquez zum Beispiel ebenso. Und die Österreicherin Elfriede Jelinek (u. a. Die Klavierspielerin): den Nobelpreis. Die Auszeichnung aller Auszeichnungen, die Ehrung aller Ehrungen, im Grunde der Oscar für literarische, wissenschaftliche und politische Disziplinen und da es den Oscar fürs Filmschaffen gibt, braucht es nicht hierfür nicht auch noch Standing Ovations in Stockholm. In vorliegendem Film ist der Nobelpreis der Literatur gefragt – und der geht an den fiktiven Buchstabenvirtuosen Joe Castleman, gespielt vom langjährigen Profi Jonathan Pryce, der vor nicht allzu langer Zeit sogar noch in Game of Thrones mitwirken und unter der Regie Terry Gilliams die Lanze gegen Windmühlen erheben durfte. Pryce, der hat an seiner Seite eine ebenfalls schon selten zu Gesicht bekommene Dame, nämlich Glenn Close. Auch sie mittlerweile legendär, und zuletzt in der Agatha Christie-Verfilmung Das krumme Haus seltsam undurchschaubar unterwegs. Beide zusammen in einem Drama um den begehrten Preis der intellektuellen Elite, da kann nicht viel schief gehen. Der Schwede Björn Runge hat sich dafür den US-Roman The Wife von Meg Wolitzer zur Brust genommen, in Zeiten wie diesen ein brisanter Stoff, aus dem in Wahrheit die Heldinnen sind. Und die sind selten in den ersten Reihen zu finden, geben sich selten selbstgerecht und lassen die selbstverliebte und zur Anhimmelung auffordernde Arroganz des Mannes außen vor. Frauen wie Glenn Close, die haben so etwas gefälligst nicht notwendig. Frauen wie Glenn Close, die sollten lieber nicht in die erste Reihe vordringen, vielleicht sogar vor dem eitlen Geck treten, der sich seines Könnens mehr als bewusst zu sein scheint. Doch ist es wirklich sein Können? Und darf Glenn Close, die Frau, erwachsen geworden in einem Zeitalter, wo die Weiblichkeit etwas war, das hinter den Herd gehört, sich nicht vielleicht doch so platzieren, dass ihr Schatten auf den Patriarchen fällt?

Die Frau des Nobelpreisträgers hat interessante Ansätze und funktioniert nicht nur auf der offensichtlichen Ebene, die von Verrat und Wertschätzung erzählt. Die andere Ebene, die noch viel interessanter ist, stellt die Frage: Definiert sich die Qualität einer Kunst, das Glück eines Künstlers oder einer Künstlerin, tatsächlich nur durch das Lob der Kunstkonsumierer? Durch die Leserschaft, das Auditorium, der Fans? Braucht Kunst nicht nur dann ein Publikum, wenn es die Existenz finanzieren soll? Oder sind Künstler Menschen, die sich längst nicht mehr selbst und ihrem Talent genügen, sondern am Response der anderen ihren Selbstwert definieren? Das ist die eine Seite, die Die Frau des Nobelpreisträgers zu einem anregenden Diskurs über Ruhm, Ehre und Öffentlichkeit führt. Die andere Seite stellt die Frage: Wie viel Achtsamkeit braucht der Mensch? Und brauchen Mann und Frau gleich viel? Natürlich, was ist das für eine Frage. Nur – Glenn Close, die kommt zu kurz. Und als der große Preis verliehen wird, das Paar dem schwedischen Monarchen die Hand schüttelt und von vorne bis hinten geehrt und bedient wird, da wärmt das Licht unter dem Scheffel niemanden mehr, da hat die Genügsamkeit und die Ich-Definition ihre Grenzen. Wer genau wissen will, was in diesem Künstlerdrama wirklich vorfällt, der sollte sich bei der Nobelpreis-Ehrung filmtechnisch auf die Gästeliste setzen lassen, denn genauer ins Detail werde ich in meiner Review nicht gehen können, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Ohnehin bleibt die Vorahnung sowieso omnipräsent. Und die aparte, unverwechselbare Ausnahme-Akteurin Close wird mit Engeln und Teufeln ringen müssen, die entweder ihre Persönlichkeit neu definieren wollen oder an ihre Verbundenheit zu ihrem Gatten, den größten Literaten des Jahres, appellieren.

Trotz all dieser Zerwürfnisse, dieser spitzen Bemerkungen am Hotelzimmer und den anmutigen Aufnahmen eines vorweihnachtlichen Stockholm bleibt Runges Film ein zwar opulentes und famos besetztes, aber irgendwie auch emotional beengtes Kammerspiel, das sich relativ leicht für die Bühne adaptieren ließe. Viel störender hingegen ist die dramaturgische Gliederung des Filmes, insbesondere die eingestreuten Rückblenden, die so gar nicht in das intensive Spiel von Pryce und Close passen und die besondere, angespannte und diskussionsbereite Intimität der beiden immer wieder aufs Neue zerreißt. So sehr die Zeitebene der Gegenwart auch aus einem gehaltvollen Guss zu sein scheint, so hölzern hinkt das Damals hinterher. So bemüht schielen die beiden Jungstars auf Schreibmaschine und Ehebett, um das ganze akute Schlamassel überhaupt erst zu erklären, was sie eigentlich nicht müssten. Die beiden Ebenen passen nicht zusammen, sind sich stets im Weg, behindern ein Werk, das einiges zu erzählen hat, aber nie wirklich bis zur Mitte der Geschichte kommt. Die Gedanken zu all den vorhin aufgeworfenen Fragen, die machen sich selbstständig, die suchen sich Referenzen in der eigenen Lebensagenda, die lassen den Film Film sein. Dafür, dass dieser sie allerdings aufwirft, verdient er meinen Respekt – alles andere daran sind Fragmente, die sich gegenseitig ausbremsen.

Die Frau des Nobelpreisträgers

Cold War – Der Breitengrad der Liebe

KEIN KRAUT GEGEN LIEBE

6/10

 

coldwar© 2018 Polyfilm

 

LAND: POLEN 2018

REGIE: PAWEL PAWLIKOWSKI

CAST: JOANNA KULIG, TOMASZ KOT, BORYS SZYC, AGATA KULESZA U. A.

 

Unterwegs im Nachkriegs-Polen, natürlich in Schwarzweiß. Erinnerungen an Schindlers Liste werden wach, aber das legt sich bald. Viel mehr ist nun Andrej Tarkowskij am Zug. Die Bilder aus der Provinz sind karg und authentisch, irgendwie auch entrückt. In dieser folkloristischen Wildnis bemüht sich Komponist Wiktor, altes Liedgut zu entlocken, direkt vorort, sowohl von den Alten als auch von den Jungen. Entdeckt verborgene Talente und Melodien, die berühren. Mitunter berühren sie auch deswegen, weil die Liebe ewiges Thema dieser Volksstücke sind. Kummer, Sehnsucht, ewiges Versprechen. Da findet die traute Zweisamkeit zwischen Mann und Frau ihr Elysium, ihre poetische Reife. Da wird Liebe zur Legende. Zu etwas, das sich wiederholt rezitieren lässt, in harmonischen Klängen. Wiktor weiß das zu schätzen, will er doch ein Ensemble auf die Beine stellen, das all die vom Krieg verschüttete Kultur wieder auf einen Nenner bringen soll, gebündelt und überarbeitet, neu und auch jenseits der Grenzen präsentierbar. Kultur darf natürlich nicht verloren gehen, muss konserviert werden. So wie die Liebe. Und die ist manchmal da, wenn man sie gar nicht braucht. Wie im Fall der jungen, selbstbewussten Zula (Joanna Kulig, auch zu sehen in der amazon-Serie Hanna), die einfach jeden Ton trifft, quasi ein verborgenes Talent zu sein scheint und den ehrgeizigen, etwas stoisch dreinblickenden Komponisten fasziniert. Aber ist das nicht eher ein Fluch, der da übertragen wird? Ähnlich einer ansteckenden Krankheit, der Krankheit Liebe?

Liebe, so wie wir sie uns jetzt vorstellen mögen, mit all ihrem rosenstreuenden Brimborium, schmachtenden Blicken und gehauchten Geständnissen, fast ein bisschen so wie Bogart und Bergmann in Casablanca, diese Liebe werden wir in Cold War – Der Breitengrad der Liebe, leider verzweifelt vermissen. Obwohl Pawel Pawlikowski sich zumindest bei Thomasz Kot an das charakterliche Grundmuster des Trenchcoatträgers Bogart angelehnt hat. Joanna Kulig hingegen ist längst nicht Ingrid Bergmann. Dafür ist sie viel zu resolut. Viel zu eigennützig. Und ebenfalls einem Fluch verfallen, der sich nur zu gerne abschütteln lassen würde. Allein – es klappt nicht. Denn was die beiden verbindet – den Komponisten und die Sängerin – ist höchstens ein gewisses gemeinsames Leiden unter einer Verbundenheit, die sich wie ein amorphes Stigma über die beiden Auserwählten gelegt hat. Das klingt jetzt etwas hart, vielleicht habe ich da auch zu radikale Wörter bemüht. Was ich damit aber sagen will: Cold War ist zwar ein Liebesfilm, aber einer, der soweit von Romantik und Gefühlsidealen entfernt ist wie Roman Polanskis bizarrer Beziehungsreigen Bitter Moon.

Pawlikowskis Film ist eine mögliche Antithese zu diesem viel zitierten, in Kunst und Kultur flächendeckend angewandten Mysterium zwischenmenschlicher Zweisamkeit. Sobald sich die erste Gelegenheit ergibt, stehlen sich Zula und Wiktor davon, um ihrer vorrangig sexuellen Wut Luft zu machen. Sex wird zu einem quälenden Symptom, schafft kaum Befriedigung, ist wie das Niesen bei einem Schnupfen. Ist der Einstand mal getan, können Mann und Frau nicht mehr voneinander lassen, obwohl, und das lässt sich in jeder Szenen des Filmes spüren, beide dies so gern tun würden. Weder Zula noch Wiktor vermitteln dem Zuseher das innige Lodern einer Leidenschaft. Beide bleiben sachlich, direkt kühl und abschätzend. Nach längerer Trennung dann wieder die Vereinigung – im Zuge dieser Stationen der Beharrlichkeit eines inneren, unzerreissbaren Bandes verändert sich auch die Liedkultur des Minnesangs. Vom ländlichen Stimmzauber bis zum anrüchigen Chanson reicht die Palette, und immer bizarrer wird das Verhältnis zueinander. Immer ignoranter, beschämender, eigentlich ausdrucksloser. Thomasz Kot trägt sowieso nur die Maske eines vorgestrigen Männerbildes. Joanna Kulig ist wie eine Joanne Moreau in ihren besten Jahren, die, und das könnte man vermuten, die bessere Hälfte rational betrachtet am liebsten loswerden will.

Die Liebe, die hat in Cold War nichts verloren, von Anfang an nicht. Sie bleibt konserviert im Liedgut europäischer Romanzen aus Stadt und Land. Pawlikowskis Film ist wie ein Versuch, einer seltsamen Bestimmung auszuweichen, ungefähr so wie Amors Pfeil, der seine Opfer sucht. Trifft er, so hat man ihn, und der einzige Weg hier wieder raus bleibt vielleicht nur Shakespeare überlassen.

Cold War – Der Breitengrad der Liebe