Everest

GEHT NICHT GIBTS NICHT

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Einmal im Leben ein Held sein, zum Abenteurer werden. Sich selbst und seinen inneren Schweinehund überlisten, um im hohen Alter sagen zu können, etwas Großes geleistet zu haben. Allerdings wird das „Große“ viel zu wörtlich genommen – und so pilgern Jahr für Jahr Tausende Touristen an den höchsten Berg der Welt, um Gott oder ihrem übersteigerten Ego näher sein zu können. Denn bei dieser Tortur geht es nur um einen selbst, um sonst gar nichts. Der isländische Filmemacher Baltasar Kormakur hat ein Faible für wahre Geschichten, die mit dem Kräftemessen gegen Naturgewalten zu tun haben. So war auch sein isländisches Survivaldrama The Deep ein spannendes Duell gegen Kälte und Wasser. Everest ist – wie der Name schon sagt – ein Ringen um Höhe, Ausdauer und ganz viel Luft. Darüber hinaus aber ein fatales, hochdramatisches Zeugnis menschlicher Selbstüberschätzung. Diese schmerzliche Chronik des Scheiterns widmet sich von vornherein deutlich mehr den einzelnen Charakteren als dies normalerweise bei Bergfilmen der Fall ist. Natürlich ist die technische, physische Katastrophe Höhepunkt des Filmes. Aber es ist auch klar, welchen Faktor Regisseur Kormakur tatsächlich in den Fokus rücken will – das psychologische, menschliche Dilemma der Figuren. Ihre Beweggründe, ihre Entscheidungen, vor allem ihr irrationales Verhalten in Extremsituationen. Menschliche Vernunft verliert sich in den Gletscherspalten einer unwirtlichen, lebensfeindlichen Gegend, hier hat der urbane Wohlstandsmensch nichts verloren. Die Zivilisations- und Tourismuskritik schwankt des Öfteren zwischen Sensationslust und Verachtung, schwelgt in atemberaubenden, kristallklaren und dreidimensionalen Bildern. Parteien ergreift der Film für seine armseligen Kreaturen keine, dafür aber Verständnis für ihr Verhalten und folglich ihr Verderben. Die, die überlebt haben, sind geläutert und neu geboren. Wahrscheinlich muss die eigene persönliche Apokalypse über den Menschen kommen, um ihn klar sehen zu lassen. So ein zum Scheitern verdammtes Kräftemessen kann überall auf der Welt stattfinden – das Dach der Welt ist aber das Paradebeispiel für all diese Szenarien. Ein intensives, hochspannendes Drama, psychologisch durchdacht, bedächtig in seiner Erzählweise und fesselnd bis zum Ende. Und selbst in der ganzen Traurigkeit zerplatzter Träume geschehen noch Zeichen und Wunder. Nach Sturz ins Leere einer der besten Gipfelstürmerfilme seit Langem.

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