Nach der Hochzeit

DAS SCHICKSAL IST EIN MIESER VERRÄTER

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nachderhochzeit

Dänisches Kino muss man sich erst erarbeiten. Entspannende Unterhaltung sind Filme aus Hamlets Landen allesamt keine, dafür aber inhaltliche, thematische und dramaturgische Herausforderungen, bei denen man sich anfangs zweimal überlegt, ob man sich ihnen stellen will. Im Nachhinein ist man aber froh, es getan zu haben. Vor allem, weil sie bereichernd sein und die eigene Sicht der Dinge etwas verändern können. Neben Thomas Vinterberg, der mit erschütternd genialen Filmen wie Das Fest oder Die Jagd gesellschaftlichen Tabuthemen durch das Medium Kino eine entlarvende und anklagende Stimme verliehen hat, ist Susanne Bier Spezialistin für Schräglagen gesellschaftlicher Mikrokosmen, die bis ins Mark seziert werden. Oberflächlichkeit ist ein Fremdwort, mehr Tiefgang geht nicht, zumindest emotionaler Tiefgang nicht. In diesem Familiendrama sind die Protagonisten zum Leiden geschaffen. Unglücklich, sinnsuchend und ausweglos verheddert in einem selbstverschuldeten, versponnenen Netz aus vergangenen Fehlern und scheinbar grundlosem Schicksal – oder doch nicht grundlos? Unweigerlich fallen mir die existenzialistischen Dramen Henrik Ibsens und August Strindbergs ein. Humanistische Tragödien, die den Menschen im Mittelpunkt eines deterministischen Kosmos mit sich selbst und den anderen hadern lassen. Auch in Nach der Hochzeit holt eine verdrängte Vergangenheit die Gegenwart ein, arrangiert sich ein todkranker, stinkreicher Mäzen mit dem Nebenbuhler. Das klingt jetzt nach Seifenoper, doch wie eingangs erwähnt ist das dänische Kino weit davon entfernt. Aus einer scheinbar vorprogrammierten Eifersuchtsgeschichte entwickelt sich ein wuchtiges, brachial aufspielendes Drama um Verantwortung, Ohnmacht und dem Beistand der Anderen. Um ihr Leben spielen Mads Mikkelsen und vor allem Rolf Lassgard als eine Art „Big Daddy“ aus Tennessee Williams Die Katze auf dem heißen Blechdach. Ihnen gehört und folgt der Film durch ein unmögliches, erzählerisches Dilemma. Filmprosa oder existenzielles Theater – jedenfalls verzwicktes Schauspielkino, distanzlos, teils lakonisch und zum Greifen nah.

 

 

 

Nach der Hochzeit

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