X-Men: Apocalypse

SURVIVAL OF THE FITTEST

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Fast zeitgleich kramt die Comic-Schmiede Marvel zwei Universen aus ihrem übermenschlichen Kostümfundus, um sie auf der großen Leinwand zwar nicht weltenüberschneidend, aber zumindest im parallelen Wettbewerb antreten zu lassen. Dabei fallen mir als Liebhaber dieser Art von Filmen grundlegende Unterschiede ins Auge. Die Avengers – zurzeit mit The First Avenger: Civil War im Kino – sind bis auf wenige Ausnahmen Helden, die entweder aufgrund technischen Fortschritts zu enormer Kraft und Geschicklichkeit gelangen oder Opfer sowie Ergebnis wissenschaftlich-technischer Experimente geworden sind. Der gemeinsame Nenner bei Captain America und Co ist die menschengemachte Ursache. In der Welt der X-Men aber sind die außergewöhnlichen Steckbriefe der Helden – oder Antihelden – natürlichen Ursprungs. Evolutionsbedingte Mutationen, deren Kausalität im Dunkeln liegt und eine Spezialisierung verkörpern, die sich von der darwinschen Nischenbesetzung ziemlich weit entfernt. Aber sei es drum – die Mutanten in Charles Xaviers Schule für Hochbegabte sind nun mal von der Natur Auserwählte, mit Fähigkeiten, die sonst keiner hat. Biologisch glaubwürdiger wäre es gewesen, mehrere Mutanten mit durchaus ähnlichen Spezialisierungen auftreten zu lassen. Menschen aus einem Gebiet mit gleichen Mutationen, was wiederum authentischer wäre. Aber wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit hat in den Universen von Marvel wenig Platz. Und so entgleiten die X-Men – wie schon bei der leider versemmelten Fernsehserie Heroes – zu Gänze in das Genre der Fantasie, ohne mit dem Genre der Science Fiction zu kokettieren. Das ist ja prinzipiell kein Fehler, ganz im Gegenteil. Und Apropos Gegenteil: Das X-Men-Universum scheint es generell schwerer zu haben als das Avengers-Universum. Die chronologische Erzählweise der X-Men-Filme wurde durch den Zeitreise-Ableger X-Men: Days of Future Past ziemlich durcheinandergebracht. Was war wann vorher oder nachher lässt sich nicht mehr so genau sagen. Irgendwie finden sich im Laufe des 20. Jahrhunderts alle Charaktere in Xaviers Mutantenschule ein, werden von jungen oder älteren Darstellern interpretiert, und immer wieder kommen neue Spezialisten hinzu, die wieder andere Fähigkeiten haben als die anderen. Ein heilloses Wirrwarr, einzige Konstante ist Wolverine, konsequent dargestellt von Hugh Jackman und im neuesten Abenteuer leider nur durch einen Cameoauftritt vertreten, hat man den mieselsüchtigen Krallenschwinger einfach aufgrund seines hohen Wiedererkennungswertes längst liebgewonnen. Auch die Frage, wo auf welcher Seite welcher Mutantenheld nun steht, weiß man nicht mehr so genau in Erinnerung zu rufen. Und somit verschwindet dieses Universum langfristig aus dem Gedächtnis, um beim nächsten Abenteuer wieder bruchstückhaft abgerufen zu werden. Da haben die Macher von Marvel bei den Avengers das bessere Händchen, das bessere Timing und den besseren Überblick. Langsam kristallisiert sich dort nämlich ein zusammenhängender, konstanter roter Faden heraus, den ich in meiner Rezension The First Avenger: Civil War – Entfesselte Helden näher beschrieben habe. X-Men dümpelt weiterhin in den Anfängen herum, und erzählt eine recht entbehrliche Geschichte über einen ägyptischen, machtgierigen Mutanten, der, nach einem jahrtausendelangen Schläfchen erwacht, die Herrschaft einer von der Evolution bevorzugten Menschheit anstreben will. Während das eine Marvel-Universum erwachsen geworden ist und die Balance zwischen Storytelling und Eventkino gefunden hat, suhlt sich das andere nach wie vor in trashigem Effektgewitter. Und ja, der neue X-Men ist ein richtiges B-Movie, zumindest was Masken, Kostüme und die Optik betrifft. Oscar Isaac, das neue Star Wars-Zugpferd, erinnert in seiner einigermaßen überzeichneten Bodypainting-Montur an die Gummidämonen aus Joss Whedons TV-Serie Buffy, der Auftritt von Psylocke wirkt wie die billige Antwort auf Zack Snyders Wonder Woman (der Lichtblick übrigens bei Batman vs. Superman) und manche CGI-Settings wollen mit den Live-Acts sind ganz harmonieren. Trotzdem, kurzweilig ist das fetzige, allerdings weitgehend humorbefreite Abenteuer trotzdem, die zweieinhalb Stunden vergehen wie im Fluge, und den einen oder anderen Mutanten wünscht man am Ende einen eigenen Film. Quicksilver zum Beispiel. Sein tricktechnisch ausgefeilter und selbstironischer Auftritt hat wohl die zahlreichsten Likes unter den Comicnerds.

 

 

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