Population Boom

IMAGINE ALL THE PEOPLE

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Als im Jahre 2004 Michael Moore mit seiner aufsehenerregenden Verschwörungshypothese Fahrenheit 9/11 das Bild der Vereinigten Staaten in Frage gestellt und Morgan Spurlock mit seinem Selbsttest Super Size Me vielen Bürgern aus aller Welt den Fast Food-Konsum verleidet hat, war ein neues Genre im Kino und später auch im Fernsehen geboren. Oder sollte man besser sagen: Subgenre. Ich würde es mal als Shokumentation bezeichnen, kurz gesagt: Shoku, zusammengesetzt aus den Worten Show und Dokumentation. Denn plötzlich stand nicht nur das Thema im Mittelpunkt, sondern auch derjenige, der das Projekt ersonnen hatte. Als Erzähler, Moderator, Selbsttester, Schauspieler. Eine Art Alexander von Humboldt des Medienzeitalters. Das Thema blieb natürlich auf roter Linie, doch der Showfaktor kam hinzu, indem der erfinderische Kopf der ganzen Spuren- und Ergebnissuche öfter ins Bild gerückt wurde als Personen, die als Beantworter vieler ungeklärter und provozierender Fragen die Authentizität der Sache bemühen. Der Dokufilmer selbst kann natürlich schalten und walten wie er will. Und diese gewinnbringende Ergänzung sorgte und sorgt bis heute für den nötigen Faktor an Ironie, hintergründigem Witz, schaulustiger Blöße und Selbstquälerei. All diese Eigenschaften machen aus einer Doku ein showmäßiges Erlebnis, bei dem man sich bestens unterhält, und, wenn es gut gemacht ist, jede Menge dazulernt (im Gegensatz zu effektheischendem, gefaktem Reality-TV). Gelungen ist dieser Mittelweg auch Werner Boote, einem gewieften Filmemacher aus Wien, der schon mit seinem Erstlingswerk Plastic Planet, immer selbst vorort, der Kunststoffverschwörung „das Wilde heruntergeräumt“ hat. Das ist famos gelungen, denn bei Boote, der als einnehmender und glaubwürdiger Moderator das Wieso und Warum der Plastikkatastrophe erklärt, spürt und weiß man, dass dieses Thema mehr als nur ein Thema, sondern ein echtes Anliegen gewesen sein muss. Im wechselnden Rhythmus zwischen Selbsterkenntnis, Kommentaren aus dem Off und zu Wort kommenden Experten schafft es die Shokumentation, Gedanken und Diskussionen anzuregen, eigenes Handeln zu überdenken und das Globale Ganze zu sehen. Ein Bildungsauftrag, der beim Fernsehen viel zu schulmeisterlich rüberkommt, im Kino aber den Frontalunterricht des im Dunkeln sitzenden Auditoriums neu interpretiert und somit zu packen weiß. Das Gleiche gilt natürlich auch für Werner Bootes zweiten Film, der sich mit der Frage der Überbevölkerung auf unserer kleinen großen Erde vorurteilsfrei und, als käme die Jungfrau zum Kind, losgelöst von jedweder vorgefassten Meinung, auseinandersetzt. Wenn man mit so einer Einstellung einen sachkundigen Film produziert, ist die Abdeckung der gesamten Bandbreite zu diesem Thema ein klarer Fall. So soll Dokumentation sein, und mit Werner Boote selbst im Mittelpunkt entsteht ein Bindeglied zwischen der neuen, fremden Materie und dem Zuseher. Boote lädt ein, sich vom Stuhl zu erheben und mitzukommen auf eine spielfilmlange Exkursionsstunde der Wahrheitsfindung hinter einem schwarzmalerischen Mythos. Übrigens: Das Wissen auch im Fernsehen Spaß machen kann, hat in jüngster Zeit Hanno Settele mit seinen Mittwochsdokumentationen auf ORF1 unter der Rubrik dokeins ebenfalls bewiesen. Auch er ist ein Shokumentarfilmer, ein Journalist mit dem richtigen Gespür für Information und Unterhaltung. Spielerisch lernen – so lässt man sich gerne eines Besseren belehren.

 

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