Calvary – Am Sonntag bist du tot

DIES IST MEIN LEIB, DIES IST MEIN BLUT

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calvary

Schon ganz zu Beginn muss man einmal schwer schlucken. Denn das, was dem Priester einer irischen Kleinstadt im Beichtstuhl seiner Gemeinde zu Ohren kommt, ist schwer zu verdauen. Da geht es um Kindesmissbrauch und ein zerstörtes Leben. In Anbetracht dessen verblasst sogar die Tatsache, dass dem Seelsorger zur Wiedergutmachung sein eigener Tod widerfahren soll. Als Sündenbock. Wer sonst, wenn nicht der, der demjenigen nacheifert, der für die Sünden der Welt am Kreuz gestorben ist? Das dramaturgisch enorm dichte, aufwühlende Filmdrama ist in seiner Thematik fast schon allein auf weiter Flur. Selten wagen sich Filmemacher dermaßen konzentriert auf so schwankendes, kontroverses Terrain wie Sünde, Vergebung, und den Glauben an Gott, aus persönlicher wie institutioneller Sicht. Das interessiert kaum jemandem im Kino, es sind unbequeme Spekulationen, unbequeme Interpretationen, die aber eine enorme, ethisch-philosophische Gewichtung haben und das Werk zu einem außergewöhnlichen, wenn auch verstörenden Filmerlebnis machen. Das vor allem literarische Talent des Regisseurs John Michael McDonagh dürfte in der Familie liegen, ist doch sein Bruder der irische Erfolgsdramatiker Martin McDonagh, der Filme wie Brügge sehen…und sterben auf die Leinwand brachte. Die rotzfreche Thrillersatire The Guard geht wiederum aufs Konto von John Michael, und schon in seinem Erstling besetzte er die Hauptrolle mit dem irischen Paradeschauspieler Brendan Gleeson, im Blockbusterkino besser bekannt als Mad Eye Moody aus dem Harry Potter-Universum. Sonst verirrt sich der griesgrämig wirkende Vollblutmime selten in den Mainstream – das kontroverse Arthousekino ist das, was ihm wirklich liegt. Seine Verkörperung des geistlichen Märtyrers und sinnbildlich Gekreuzigten atmet eine trostlose, zynische Melancholie. Die Verpflichtung seiner Gemeinde gegenüber und die Bürde, die sich der Diener Gottes letzten Endes doch auferlegt, arbeitet sich immer mehr und mehr in sein stoisches, wie gemeißelt wirkendes Gesicht, grau und verwittert wie ein Grabstein. Richard Harris aus Jim Sheridans Das Feld fällt mir hier ein, nur die Verzweiflung des irischen Hirten tritt bei Gleeson nur in Momenten ans wolkenverhangene Tageslicht. Meist ist es Gottergebenheit. Die zutiefst zynische, bittere Filmpassion erschafft einen Jesus der Neuzeit, einen selbstlosen Jünger. Für seine verlorenen und herumirrenden Schützlinge, die stellvertretend für eine strauchelnde, resignierende Gesellschaft stehen, geht er den Weg nach Golgatha, um nach Tagen des Zweifelns alle Schuld der Menschen und vor allem der Kirche selbst auf sich zu nehmen. Einer Kirche, ebenfalls nicht mehr als eine verkommene Institution, die sich den Worten und Taten des Neuen Testaments längst verweigert hat. Wie ein Opferlamm schreitet Gleeson als unerschütterlicher, aufrichtiger Glaubensmann seinem Schicksal entgegen. Strauchelnd, zweifelnd, aber immer wieder aufstehend. Erstaunlich, wie klar und schnörkellos McDonagh die Bedeutung hinter der Eucharistie interpretiert und verständlich werden lässt. Diese zermürbende, eigentlich hoffnungslos traurige Geschichte erinnert an Abel Ferraras Sünderdrama Bad Lieutenant, vor allem was die Worte Schuld und Vergebung, Erlösung und Opferung betrifft. Dort steigt in einer beeindruckenden Sequenz Christus selbst vom Kreuz, während in Calvary der Mensch selbst die Mission des Erlösens übernimmt. Ein dichter, schwieriger Film, inhaltlich famos und beeindruckend. Ein Pflichtprogramm für den nächsten Karfreitag.

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