Virgin Mountain

JEMAND IST EINE INSEL

* * * * * * * * * *

virgin_mountain

An Islands Küsten gestrandet zu sein bedeutet nicht nur, inmitten nordischer Stürme Schiffbruch erlitten zu haben. Die naturgeschichtlich und geographisch beeindruckende Ausnahmeinsel und Hot Spot touristischer Outdoor-Aktivitäten hat auch ein Faible für gesellschaftliche Freaks. So wie das vulkanische Paradies selbst mit der Rolle als europäischer Außenseiter im wahrsten Sinne des Wortes umgehen muss, sind auch ihre Bewohner spezielle Menschen, die sich nirgendwo einordnen lassen wollen oder können. Vor allem die isländische Filmwelt nimmt sich gerne ihren verschrobenen, außergewöhnlichen Identitäten an, denen allen etwas metaphysisches, Magisches anhaftet, dass sich schwer erklären oder nachweisen lässt. Womöglich ist es auch die mythische Welt der Feen, Elfen und Gnome, diese parallele Welt, die der finster-poetischen, wunderschön kargen Realität vorort innewohnt und seine Menschen so werden lässt wie das Physische und Jenseitige, das sie umgibt. Da gibt es den Walross-Mann, der nach erlittenem Schiffbruch stundenlang in eiskaltem Wasser schwimmend, überlebt haben soll und diese Tatsache bis heute medizinisch nicht erklärbar ist. Verfilmt hat diesen Tatsachenbericht Island-Export Baltasar Kormákur in dem Survivaldrama The Deep. Dagur Kári, sein landsmännischer Regiekollege, gefällt vor allem die soziale, gesellschaftliche Komponente bei der Betrachtung außergewöhnlicher Charaktere. Noi Albinoi zum Beispiel, ein verstörend-bezauberndes Schicksalsdrama, weiß, ähnlich wie bei Aki Kaurismäki, auf tragikomische, lakonische Art von unerreichbaren Träumen inmitten einer beklemmenden Realität zu erzählen. Und auch sein aktuelles Charakterdrama Virgin Mountain, im Original kurz und knapp Fúsi genannt, nach dem Namen der Filmfigur, weicht den attraktiven Naturschönheiten Islands großräumig aus, nur um einen Menschen ins Bild zu rücken, der selbst wie eine Insel wirkt, ein Fels in der Brandung, dem man, würde man auf ihn zusteuern, instinktiv ausweichen würde. Dabei ist dieser Berg von einem Mann ein Kind in einem wuchtigen Körper, ein zutiefst empathisches, sensibles menschliches Wesen, fast schon ein Nerd wie Sheldon Cooper, doch ohne unfreiwilligen Humor und vertrackter Intelligenz. Der Film ist düster, aber auch irgendwie leichtfüßig erzählt, als würde die Figur des Fusi über Wolken schweben. Der Effekt tritt dann ein, als er seine Gefühle für ein anderes menschliches Wesen entdeckt, welches nicht weniger Einzelgänger zu sein scheint wie der gutmütige, wortkarge Riese. Philipp Seymor Hoffmans Liebesgeschichte Jack in Love kommt mir gerade in den Sinn. Ein ähnlicher, hinreißender Film. Ruhig und karg, doch von ehrlicher Emotion. Die isländische Erzählung ist wie bereits erwähnt allerdings magischer, entrückter, obwohl nicht minder realistischer. Ein sehenswertes Stück Außenseiterkino aus dem kühlen, unwirtlichen Norden. Nicht gerade verlockend, aber, menschlich betrachtet, sehr tröstlich.

Virgin Mountain

Ein Gedanke zu “Virgin Mountain

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s