Irrational Man

WOHLTÄTIGKEITSMÖRDER

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Der Schreibmaschine sei Dank. Woody Allen ist zurück, und wüsste man nicht im Vorhinein, dass der Film von ihm ist – man würde es sofort merken. Denn Woody Allen wiederholt sich. In seinen Figuren, in seiner Story, in seinem dieser Story stets zugrundeliegendem moralischen Dilemma. Aber, ehrlich gesagt, das macht nichts. Denn der kleine, kurzsichtige Amerikaner ist ein Meister des Originals, des selbst erdachten und geschriebenen Werks. Seine Geschichten sind dicht und unterhaltsam, voll hintergründigem Witz und hausgemachter Tragik. Nach seiner missglückten Sommerkomödie Magic in the Moonlight, in welcher zwischen Emma Stone und Colin Firth überhaupt keine Chemie vorhanden war, ist die Rollenauswahl mit Joaquin Phoenix weitaus besser geglückt. Und auch das allzu Unbeschwerte ist verschwunden, diese oberflächliche, sonnendurchflutete Attitüde, die Allen so gar nicht kann. Um es banal auszudrücken: seine Filme brauchen eine dunkle Seite, ein dunkles, existenzbedrohendes Zentrum, um welches sich eine scheinbar arglose Komödie dreht. Die Philosophie von Aktion und Reaktion, die Todsünden der Menschheit, denen Woody Allens Figuren gerne erliegen, vor allem Liebe, Mammon und Geltungssucht, sind seine Rohmaterialien, aus welchen er urbane Moralpredigten schnitzt, ohne aber mit dem Finger zu zeigen. Denn das kann sich der jazzaffine Künstler selbst nicht erlauben. Es sind die Schwächen der Menschen, die lustvoll seziert, ja geradezu schadenfroh angegafft werden. Ähnlich erging es Josh Brolin in Ich sehe den Mann deiner Träume, Ewan McGregor in Cassandras Traum oder Jonathan Rhys Meyers in Match Point, allerdings allesamt vielschichtiger. Immer ist seine männliche Hauptrolle irgendwie er selbst. Sinnsuchend, gebeutelt, lebensüberdrüssig, jammernd. Phoenix meistert diese Rolle spielerisch. Schmerbäuchig, unbeweglich, resignierend – bis eine scheinbar sinnhafte Idee auf Kosten anderer sein Leben ändert. An seiner Seite die bezaubernde Emma Stone, immer ein Lichtblick. Ihre lebensfrohe, natürliche Art, ihr selbstbewusstes, authentisches Spiel hat einen hohen Sympathiewert. Eine strahlend unbekümmerte Intelligenz geht von ihr aus, womit Phoenix als depressiver Universitätsdozent spielerisch den notwendigen Kontrapunkt setzt. Moral gegen Amoral ist das „David gegen Goliath“ Woody Allens. Die verschobene Perspektive eines Wohltätigkeitsmörders, welcher über gesellschaftliche Grenzen hinweg ähnlich eines Robin Hood das Gutmenschentum über den Haufen wirft, ist der verblüffende Storytwist des Films. Der Mensch als einzelner kann nicht darüber definieren, was gut oder schlecht ist, es muss die Definition aller sein, es muss die demokratische Erläuterung vieler sein, die Erlaubtes und Unerlaubtes voneinander trennen. Ohne Gesetz und Demokratie gibt es viele Wahrheiten. Die Frage, welche richtig ist, entscheidet die Mehrheit. Insofern ist eine Entindividualisierung bis zu einem gewissen Grad tatsächlich notwendig. Die Rolle des Joaquin Phoenix schwebt aber selbst nicht in einem moralischen Dilemma, sondern definiert sich durch eine wohlüberlegte, neue Weltsicht nochmal neu, was ihm Flügel zu verleihen scheint. Funktionieren so Motive von Serienmördern? Von Terroristen? Die nicht das Ganze sehen, sondern nur das Bedürfnis einer politischen oder gesellschaftlichen Position bedienen, vielleicht sogar nur sich selbst? Würde man aber das Ganze sehen, gäbe es für die individuelle Handlungsfreiheit einen sinnbildlichen elektrischen Grenzzaun. Ob dieser Gedanken wirklich irrational ist, mag dahingestellt sein – jedenfalls ist er nicht gesellschaftsfähig. Und lässt man sich darauf ein, setzt die Sogwirkung in den Untergang ein. Aber genug der philosophischen Spinnereien. Die leichtfüßig amoralische Komödie ist zufrieden damit, das Wahrheitsdilemma nur zu streifen. Der Intellektuellenkrimi will unterhalten, und keine Diskurse vom Zaun brechen. Der Mensch ist ein irrelaufendes Opfer seiner selbst, und das ist mitunter schmunzelnd und voller Genugtuung mitanzusehen.

 

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