Carol

HINTER GLAS

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Carol

Regennasse Autofenster, in welchen sich die Lichter der Großstadt spiegeln. Milchige Glasscheiben, Trennwände in öffentlichen Räumen. Beschlagene Fenster, dahinter undeutliche, geradezu abstrakte, verschwommene Gesichter. Die Gesichter zweier sehnsüchtiger Seelen. Den ganzen Film hindurch drängt sich ein unsichtbar scheinendes Hindernis zwischen verbotenes Begehren. Nach einem weitab vom Krimigenre befindlichen Roman der Schriftstellerin Patricia Highsmith leben und leiden die unschlagbar überzeugende Cate Blanchett und die fragile, bezaubernde und nicht weniger überzeugende Rooney Mara im New York der 50er Jahre, in der sexuelle Freiheit und Identität ein Fall für den Psychiater oder gar für die Anstalt war. Einhergehend damit war Entmündigung aufgrund von sittlichem Fehlverhalten keine Seltenheit. Highsmith schrieb ihren Roman Salz und sein Preis unter einem Pseudonym und schuf vor allem durch sein zur damaligen Zeit unüblich zuversichtlichem Ende ein geradezu revolutionäres Werk voller Hoffnung.

Regisseur Todd Haynes offenherzige Interpretation wirkt niemals reißerisch, niemals plakativ. Das Gesellschaftsbild der McCarthy-Ära wird weder lautstark getadelt noch aus dem politischen wie moralgeschichtlichem Kontext gerissen. Um die eine oder die andere Sicht der Dinge zu beurteilen, dafür ist die Geschichte viel zu fein gesponnen. Die behutsame Zeichnung der beiden Liebenden setzt scheinbar verborgene Blicke, fast unmerkliche Gesten und wenige Worte und schafft damit doch große Gefühle. Die hohe Kunst des Schauspiels erinnert mich an James Ivorys Was vom Tage übrig blieb aus den frühen Neunzigerjahren. Oder aber auch an Eastwoods Die Brücken am Fluss. Beides Liebesfilme, deren Protagonisten wahrhaftig zu empfinden scheinen. Die in einem Klassengefängnis aus sozialen Zwängen und gesellschaftlicher Devotion wie Rilkes Tiger auf und abtrotten. Ein Ausweg, sofern es einen gibt, scheint diesen aufrichtig Liebenden nicht vergönnt zu sein. Das Gesellschaftsportrait Carol scheint hier aber einen Schritt weiter zu gehen und schenkt seinen Ausgestoßenen jenes Quantum an Stärke, um das Diktat ihrer Umwelt letzten Endes abzuschütteln. Schwierig scheint die Lage, aussichtlos und zum Verzweifeln traurig. Um die innere, intime Freiheit zu erlangen, die eine Persönlichkeit letzten Endes reifen und entwickeln lässt, müssen Opfer gebracht werden. Schmerzhafte, aber heilsame. Wie brennende Arznei auf offenen Wunden. Aus dieser Sicht ist der Film ansprechend und anmutig erzählt. Der größte Genuss neben den Darstellerinnen ist, wie eingangs bereits erwähnt, die ausgereifte Bildsprache in dunklen, flimmernden Sepia- und Brauntönen. In diese kunstvollen Bilder bettet Haynes ein Drama, das mitfühlen lässt, aber zumindest mich nicht tiefer berührt hat.

Woran dies gelegen haben mag? Filme, die wie dieser sehr auf Stimmung setzen, müssen auch auf die richtige Stimmung des Publikums hoffen. Diese schwankt natürlich, je nach Tages-, Gemüts- und körperlicher Verfassung. Wann man sich mit einem Film identifiziert und wann nicht, hängt wie gesagt stark davon ab. Carol ist so ein Film. Einer, der zwar selbst eine intensive Stimmung erzeugt, aufgrund seiner leisen Töne aber sehr auf die Bereitschaft des Zusehers angewiesen ist. So kann es sein, dass der Film beim nächsten Mal ansehen eine ganz andere Intensität vermittelt als bei erster Betrachtung. Sehenswert ist er natürlich in jedem Fall, in seinen Signalen aber schwer zu fassen. Als säße man selbst hinter einer Glasscheibe, die einmal regennass, sonnenbeschienen oder beschlagen sein kann.

 

Carol

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