Life

DER MENSCH IM SUCHER

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Menschen abzubilden ist die schwierigste Disziplin in der Erschaffung eines Lichtbildes. Schwieriger sogar als wildlebende Tiere vor die Linse zu bekommen. Denn beim Fotografieren von Menschen kommt es nicht alleine darauf an, die Äußerlichkeiten der Person einzufangen, sondern auch seine Seele, seinen Charakter. In manchem Kulturkreis ist das Fotografieren von Gesichtern geradezu ein Sakrileg, denn es könnte ja ein Stück der eigenen Seele mit dem duplizierten Selbst verschwinden. Mit diesen Dingen, mit dem Verhalten als Fotograf anderen Menschen gegenüber, damit kennt sich Anton Corbijn sehr gut aus, ist er doch als Musik- und Künstlerfotograf längst selbst Legende. Nach der Joy Division-Bio Control, dem Film Noir The American und der John Le Carre-Verfilmung A Most Wanted Man besinnt sich der Schöpfer diverser Musikvideos für Depeche Mode, U2 und Herbert Grönemeyer hier erstmals auf die Macht und Magie des Künstlermediums Fotografie. Und welches menschliche Mysterium, welcher Mythos würde einem da nicht gleich in den Sinn kommen? Klar, Marilyn Monroe wäre eine Kandidatin, doch sie hatte bereits ihren sehr gelungenen Seelenstriptease in dem Künstlerdrama My Week with Marilyn. Der, der als Kinomythos schlechthin mit nur drei Filmen in den ewigen Olymp der Leinwandmärtyrer eingegangen ist, ist niemand anderer als James Dean. Und Corbijn hat mit dieser Episode aus seinem verdammt kurzen Leben eine würdige, personennahe Hommage geschaffen. Eine Nahaufnahme von Film, die tatsächlich tief in das Innerste des menschenscheuen, familienverbundenen, traumverlorenen Exzentrikers hineinleuchtet und einen verletzlichen, in sich selbst versunkenen Menschen hinter dem unbekannten Kultstar hervorholt. Möglich ist dies aber nur durch die Erinnerungen und Erlebnisse des Pressefotopioniers Dennis Stock, der das Potenzial des scheuen Eigenbrötlers noch vor seinem großen Durchbruch erkannt haben soll. Drauf und dran, eine Fotoserie mit dem Newcomer zu ergattern, wich der Fotograf, selbst ein Egozentriker und Karrieremann, nicht mehr von dessen Seite. Und im Laufe dieser Begegnung gelang Stock jene Fotoserie, die in die Fotogeschichte eingegangen ist – James Dean am Time Square. Wie es dazu kam und was darauf noch folgte, ist in stimmige, klare und kühle Novemberbilder umgesetzt. Noch großartiger aber ist die Performance des jungen Schauspielers Dennis Dehane, der dem Idol nicht nur ähnlich schaut, sondern in vielen Szenen dem Zuseher auch tatsächlich das Gefühl vermittelt, wirklich James Dean zu sein. Die nuschelnde, leise Stimme, die Haltung, der Gang. So könnte er gewesen sein. Und so wird James Dean tatsächlich lebendig. Ähnlich intensiv verkörperte Michelle Williams schon die eingangs erwähnte Marilyn, ebenfalls mit frappanter Ähnlichkeit zur tatsächlichen Person. Corbijn liefert einen faszinierenden Dialog zwischen Fotograf und Modell. Und verdeutlicht, dass gute Fotografie mehr ist als die bloße Abbildung des Gesehenen, mehr als die Summe seiner Teile. Es ist die Firnis nach einem längeren Prozess der Annäherung, wenn nicht gar nach begonnener Freundschaft. Ein gelungener, berührender Film über Mensch und Medium.

 

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