Independence Day: Wiederkehr

DEM ALIEN DIE KUGEL GEBEN

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Spätestens dann, wenn die Sitze im Auditorium zu vibrieren beginnen und sich die fliegende Untertasse unter grummelndem Dröhnen auf die größte Leinwand des ausgewählten Kinos herabsenkt, weiß ich, dass Roland Emmerich wieder das gelungen ist, was er am besten kann. Nämlich aus dem Genre des Katastrophenkinos herauszuholen, was geht. Der ansonsten fortsetzungsscheue, deutsche Hollywood-Export hatte damals, 1996, mit seinem Invasionsszenario Independence Day neue Maßstäbe in Sachen Bilderbuchkino gesetzt. Zurecht wurde die gigantomanische, patriotische Schlachtplatte später oft kopiert oder als Referenz anderer Filmemacher herangezogen. 20 Jahre später ist das am Original plausibel anknüpfende Sequel mindestens genauso gut gelungen, wenn es nicht sogar das Original in manchen Momenten in den Schatten stellt. Mit von der Partie sind alte Bekannte wie Bill Pullmann, Jeff Goldblum und „Data“ Brent Spiner. der in seiner respektlosen Interpretation eines verrückten Wissenschaftlers sowieso allen die Show stiehlt. Den Überraschungsauftritt schlechthin aber hat wiederum Lars von Trier-Muse Charlotte Gainsbourg, die man in so einem Blockbuster wohl am wenigsten vermuten würde. Wie bei Emmerich so üblich, dominieren in seinen Desasterfilmen niemals Superhelden und Weltenretter per se das Geschehen, sondern – mit Ausnahme von einigen Top Gun-Stereotypen – Sonderlinge und einfache Menschen. Leute mit nervigen Eigenheiten und skurrile Nerds. Dieser dramaturgische Schachzug verschafft seinem Invasionsalptraum die nötige Erdigkeit, die zum Beispiel Zack Snyder völlig abzugehen scheint, sind seine Figuren doch spaßbefreite, weltfremde Egomanen in unübersichtlichen Detonationsorgien. Diese kauzige, immer wieder amüsante Erdigkeit öffnet Tür und Tor für ein spektakelverwöhntes Publikum, das sich mittendrin im Geschehen befindet, statt uneingeladen danebenzustehen. Ein Schachzug des Katastrophenkinos, der bereits in den 70er den Boom einstürzender Neubauten hofiert hat.

Doch der zweite Aufguss des vierten Julis ist nicht nur Kawumm, in dem der Kleine ganz groß wird und Teamwork alles ist. Er ist auch lupenreines, bildgewaltiges Science-Fiction-Kino. Wer zumindest irgendwann vorhat, Independence Day doch noch mal zu sehen, sollte es gleich erledigen und nicht verabsäumen, hierfür ins Kino zu gehen. Die epische, breite Leinwand ist genau das, was dieser Film braucht, um seine volle Wirkung zu entfalten. Atemberaubende Designs und perfekt komponierte Bildsequenzen erschaffen zugleich futuristische Wunderwelt und albtraumhaftes Fegefeuer aus extraterrestrischer Gigantomanie und Monsterkino. Ich erinnere mich dabei sowohl an Guillermo del Toros Pacific Rim, Neill Blomkamps District 9 (vor allem in den Szenen, die in Zentralafrika spielen) als auch an Gareth Edwards künstlerischem E.T.-Grusel Monsters, welcher für mich überhaupt einer der besten Monsterfilme überhaupt ist. Emmerichs Weltraumoper ist spannender, höchst unterhaltsamer, sauteurer Trash, natürlich vollgepackt mit Pathos, schrägem Humor und Schauwerten, die die Latte des Möglichen wiedermal um einige Zoll höher setzen. Im Vergleich zu Independence Day sind Michael Bays Transformer-Filme dramaturgische Fehlgriffe, da sie außer CGI-Getöse und schlampig gezeichneten Figuren nicht mal das nötige Quantum an mitreißendem Pathos zu bieten haben, das als Zutat in solchen Filmen einfach dabei sein muss. Somit kann Bay gemeinsam mit Zack Snyder von Emmerich noch einiges dazulernen, vor allem wenn es darum geht, das Publikum mit Action und Effekten nicht zu überfordern. Wenn eine Stadt zertrümmert wird, dann nur einmal. Wenn eine Riesenwelle die Küsten heimsucht, dann nur einmal. Wenn ein Riesenraumschiff im Feuerball verglüht, dann kann man getrost damit rechnen, in der nächsten Sequenz was völlig Anderes zu sehen zu bekommen. Abwechslungsreich und in taktisch kluger Dramaturgie ist der erste von einigen Sommerblockbustern 2016 ein eigentlich in jeder Hinsicht gelungenes Kinoerlebnis, welches keine Wünsche offenlässt. Und ehrlich – will man eine Alieninvasion anders sehen als auf diese Art? Da darf auch das eine oder andere Handlungselement hanebüchen daherkommen, manch abgegriffen kitschige Szene anbiedern oder physikalische Gesetze kurzzeitig auf eine harte Plausibilitätsprobe gestellt werden. Science-Fiction darf klotzen und dabei über den Tellerrand kleckern. Jedenfalls aber begeistern und mitreißen. Und muss nicht zwingend dystopisch sein. Die zuversichtlichen Utopien eines Perry Rhodan oder Isaac Asimovs scheinen in Emmerichs sympathischen und wahrscheinlich besten Alien-Film seiner Karriere langsam Gestalt anzunehmen. Da freue ich mich tatsächlich auf Teil 3, sofern es einen geben soll.

 

 

Independence Day: Wiederkehr

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