Legend of Tarzan

AFFENZIRKUS

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tarzan

Da ist er wieder, der Urschrei des Affenmenschen. In deutlich auf- und abfallendem Stakkato bricht das Geheul durch das Blätterdach des afrikanischen Dschungels. Genauso haben schon Johnny Weißmüller und Lex Parker geschrien, bei Christopher Lambert bin ich mir nicht mehr so sicher. Jedenfalls ist man Tarzan zumindest akustisch treu geblieben, wenn schon Lendenschurz und Schimpansenfreundin Cheetah weggefallen sind. Die wilden Wasser des Kongo und die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich im Westen des Kongo oder womöglich in Gabun aufgenommen worden sind, dienen als idealer Schauplatz einer Neuinterpretation, welche die Verbindung zu tatsächlichen, geschichtlichen Ereignissen sucht und zumindest den Anspruch hat, dem Earl of Greystoke authentische Züge zu verleihen. Tatsächlich ist Alexander Skarsgård eine überraschend willkommene Besetzung, wirkt er auf den Werbeplakaten zum Film doch eher wie der farblose Bruder eines Owen Wilson. Im Film bekommt Stellan Skarsgårds Sohn tatsächlich jede Menge Struktur. Die Wortkargheit und tierische Verkniffenheit der verhaltenspsychologisch außergewöhnlichen Person bekommt der Newcomer gut auf die Reihe. Sein Tarzan ist nur in seltenen Fällen Opfer unfreiwilliger Komik. Meist setzt seine Interpretation eines charismatischen, erwachsenen Mowgli auf das richtige Timing. Und auch Samuel L. Jackson als Tarzans treuer, ironischer Sidekick sowie Christoph Waltz als kühl kalkulierender, böswilliger Fitzcarraldo, beides tatsächliche Gestalten aus Afrikas finsterer Kolonialgeschichte, machen in ihren Szenen den Film zumindest schauspielerisch sehenswert. Das Pendeln zwischen historischer Orientierung und frei fabulierender Tierwelt hingegen gelingt dem Dschungelabenteuer leider gar nicht. Harry Potter-Regisseur David Yates, der die düstere Bildsprache aus den letzten Teilen der Hogwarts-Epen auszugsweise übernommen hat, ist in der Wahl seines inhaltlichen Filmstils inkonsequent und unentschlossen. Einerseits streift er das dunkle Zeitalter des Kongo unter Belgiens König Leopold II., andererseits irrt er in Sachen Geographie und Zoologie in rücksichtsloser Unkenntnis wüst hin und her. Dass Gorillas, grundsätzlich friedliebend, nicht auf Bäumen leben, geschweige denn imstande sind, ihren voluminösen Körper per Liane durch die Luft zu wirbeln, ist nur eine von vielen verqueren Unmöglichkeiten, mit denen der Legendenfilm jongliert. Dass Straßenvögel wohl kaum im Kongobecken beheimatet sind und die Kraft eines Menschen dem eines Menschenaffen erbärmlich unterliegt, sind weitere Störfaktoren, die jede Glaubwürdigkeit im Keim ersticken. Das alles mag ja gut getrickst sein, obwohl die Affen auch schon mal besser animiert worden sind. Yates hätte mit seiner Neuinterpretation keinerlei Verluste eingefahren, hätte er die natürlichen Verhältnisse zwischen Mensch und Tier mehr im Auge behalten. Im Gegenteil, sein Film wäre dadurch vielleicht magischer geworden, fesselnder und plausibler. Doch wenn sich Drehbuch und Regie sowieso nicht scheren, innerhalb des hier ersonnenen, realen Universums inhärenten Gesetzmäßigkeiten zu folgen, kann auch Tarzan, ähnlich wie X-Man Wolverine, mit unzerstörbarem Knochenbau und ungebremster Kondition die Dinge für sich entscheiden und die Gegebenheiten so zu verbiegen, damit die plakative Abenteuergeschichte erzählt werden kann. So geht der Herr der Affen neuerdings den Weg der Superhelden, verheddert in einer unglücklichen Grauzone aus erdachtem und realem Universum. Unterm Strich bleibt Hugh Hudsons Greystoke aus dem Jahr 1984 nach wie vor der beste und psychologisch dichteste Film über Edgar Rice Burroughs Mann aus dem Dschungel, auch wenn der neue Tarzan im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen anhat.

 

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