A Perfect Day

DIE (UN)RUHE NACH DEM STURM

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perfectday

Ist ein Krieg einmal vorbei, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Es herrscht apokalyptische Not, Anarchie und völlige Orientierungslosigkeit. Sich davon zu erholen gelingt meistens nicht ohne fremde Hilfe. In dem subtilen Nachkriegsfilm von Fernando León de Aranoa versuchen fünf grundverschiedene Entwicklungshelfer im ehemaligen Jugoslawien nach dem Bürgerkrieg, eine Leiche aus einem Brunnenloch zu bergen. Im Grunde dreht sich der Film um nichts Anderes. Das mutet teilweise an wie absurdes Theater, wie ein Theaterstück von Samuel Beckett, in einer zerrütteten und zerschossenen Welt, wo Improvisationstalent das Überleben sichert und keiner weiß, wie es weitergehen soll. Das wissen die 5 Helfer, selbst von entwurzelter Existenz und permanent auf eigener Sinnsuche, ebenso wenig zu beantworten. So scheint der Film voller Ironie, Sarkasmus und leiser Hoffnung ziellos durch die Gegend zu vagabundieren, um sich aber gleichzeitig zu einer der besten Gesellschaftsallegorien der letzten Jahre zu manifestieren. Was bewirken die vielen NGOs in einer Dimension des Chaos, wozu dient die UNO, das internationale Militär oder zu welchen Mitteln greift die traumatisierte Bevölkerung selbst, um das Ideal einer zivilisierten Ordnung wiederherzustellen?

Das Thema ist jedenfalls eines, aus dem Filmemacher schöpfen können. Kriege an sich wurden schon weiß Gott wie oft visualisiert, der Schrecken immer wieder auf Zelluloid gebannt. Das Nachkriegsbeben allerdings birgt viel interessantere Beobachtungen, zeigen sie doch eine Grauzone zwischen Normalität und abklingendem Wahnsinn, ungreifbarer Bedrohung und überlebenswillige Zuversicht. A Perfect Day ist eine atmosphärische, stimmige Momentaufnahme, die sich mühelos auf andere Krisenherde rund um den Globus übertragen lässt. Stellenweise erinnert er an Emir Kusturicas Kriegsallegorien wie Underground oder Time of the Gypsies, manchmal auch an Tarkovskij – vor allem die Szene, in der Tim Robbins und Benicio del Toro ein zerbombtes Haus betreten. Wieder und wieder scheitert die Bergung der Leiche – bis am Ende etwas geschieht, womit keiner gerechnet hätte, weder die Charaktere im Film noch der Zuschauer. Diese Lösung aller Probleme, dieser Aha-Effekt, ist eine wunderbare Metapher auf Verantwortung, ethnischem Selbstbewusstsein und gesellschaftlicher Wiederauferstehung. A Perfect Day ist ein ruhiges, eindringliches Roadmovie – bedrohlich, absurd und berührend.

 

A Perfect Day

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