Escobar – Paradise Lost

DAS BÖSE IST IMMER UND ÜBERALL

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escobar

Der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar war wohl einer der größten Bösewichte des realen ausgehenden 20ten Jahrhunderts. Seine Grausamkeit und die unzähligen Todesopfer, seine Killereliten und der verheerende Terror, der das ganze südamerikanische Land überzogen hat, kann bei detaillierter Betrachtung für schlaflose Nächte sorgen. Ähnlich wie Kevin McDonald in seinem Polithorror The Last King of Scotland, wo Scheusal Idi Amin von Forest Whitaker oscarwürdig verkörpert wurde, schleust auch Regisseur und Schauspieler Andrea di Stefano eine unbescholtene Identifikations- und Erzählfigur in die Geschichte ein, um Charakter und Umfeld der historischen Figur greifbarer zu machen. Ein kluger dramaturgischer Schachzug, der auch in Biografien wie My week with Marylin und Politdramen wie Suffragette erst kürzlich wieder Verwendung fand. Diesmal darf uns Tribute von Panem-Darsteller Josh Hutcherson ins Geschehen hineinbegleiten. Als lebensfroher Surfer-Dude, der nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und unvermittelt in eine menschliche Katastrophe hineingezogen wird, weiß der Jungschauspieler tatsächlich zu überzeugen und seine Rolle gekonnt zu managen, ohne jemals damit überfordert zu sein. Und auch Benicio del Toro begegnet Hutcherson auf Augenhöhe. Der Puerto-Ricaner spielt den Drogenbaron mit dem kleinen Finger. Distanziert, kühl, bestimmend. Sein Escobar ist ein heuchlerischer, gieriger Familienmensch, ein Machtmonstrum mit der unerschütterlichen Siegesgewissheit eines Darth Vader. Wenn Escobar seine „Sicarios“ losschickt, um potenzielle Mitwisser zu beseitigen, scheint er ein unangreifbares Virus zu entfesseln, das sich quer durchs tropische Paradies zieht und sogar den Betrachter des Filmes mitunter paranoid werden lässt. Am Ende ist niemand mehr sicher, der Tod lauert an jeder Ecke. Der Grundtonus des Filmes ist nüchtern, schleichend eskalierend, wie der Würgegriff einer Anakonda. Man weiß von vornherein, dass der gewissenhafte Junge aus Kanada keine Chance hat, dem Kartell die Stirn zu bieten, so sehr man ihm es auch wünschen würde. Mit dieser trostlosen Erkenntnis erinnert der biografische Killer- und Drogenthriller an Werke aus der düsteren Ära des Film Noir, wo die Guten dem Schicksal nicht gewachsen sind und bereit sind, sich für ihre Idee einer heilen Welt zu opfern. So konzentriert sich der Film sehr auf den hochspannenden Thrillerfaktor und streift nur beiläufig tatsächliche Ereignisse, ähnlich wie bei Last King of Scotland betrachtet Paradise Lost den Konflikt zwischen Gutmensch und Bestie Mensch mit den Augen von Zaungästen. Als reine Biografien sind beide Filme nicht wirklich zu betrachten, zu sehr sind beide Persönlichkeiten, so sehr sie auch oszillieren, Abziehbilder, welche die Erwartungen des Publikums zu bestätigen wissen. Was sie zu ihrem Tun letztendlich bewegt hat und wie sie so geworden sind, bleibt verborgen – und dadurch zu wenig, um als Charakterbild bezeichnet zu werden. Di Stefano hat meines Erachtens auch keinen anderen Film beabsichtigt, worin ich mich durch das Fehlen eingeblendeter geschichtlicher Fakten vor dem Abspann bestätigt sehe. Was bleibt ist ein politisch angehauchter, durchaus gelungener Thriller zwischen Der Pate und The Beach, mit realen Referenzen, einigem Pathos und konstanten, dichten Spannungsbögen.

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