Star Wars Anthology

EINE PETITION FÜR JOHN WILLIAMS

 

johnwilliams

Man stelle sich nur folgendes vor: Zu Weihnachten gibt es kein Stille Nacht mehr. Händels Hochzeitsmarsch gibt’s zu Hochzeiten auch nicht mehr. Die Bundeshymne haben wir auch schon viel zu lange gehabt, jetzt brauchen wir Neues. John Barrys James Bond-Intro? Nicht mehr notwendig.

Kennmelodien – Musikstücke, die mehr sind als nur Gehörtes. Es ist Musik, die identifiziert und Bände spricht. Ein Teil vom großen Ganzen. Was man kaum oder gar nicht wegdenken kann. So ein orchestrales Herzstück ist das Eröffnungsthema zum Star Wars Universum, komponiert vom Meister John Williams, neben Ennio Morricone einer der größten und legendärsten Filmkomponisten. Mit dieser Musik wird das Tor in ferne Universen aufgestoßen, in eine Welt voller Phantasie, voller Emotion und Dramatik. Die Fanfare, gemeinsam mit der schräg hineinlaufenden Schrift in sattem Gelb, ist wie das Amen im Gebet, wie der Erkennungsgruß einer riesengroßen, millionenfachen Fangemeinde. Ein Dank an J. J. Abrams, die Fans von Star Wars weltweit nicht enttäuscht zu haben. Die Einstiegssequenz aus Episode 7 ist genau das, worauf wir 2015 sehr sehr lange gewartet haben. Und als sie da war, war auch die Gänsehaut wieder da. Der Glücksmoment und Höhepunkt, die Erkenntnis, zuhause angekommen zu sein. Zuhause im wohlbekannten Star Wars Universum. Die Orientierung ist geglückt, genau da müssen wir hinsehen und hinhören. Dort, wo das epochale Orchester ertönt. Diese Musik irgendwann einmal aus dem Star Wars Universum wegzulassen wäre ein Sakrileg. Undenkbar. Etwas, das keiner der Millionen Fans wollen würde.

Und dann aber der Worst Case, in einem Artikel über den neuen Star Wars Film Rogue One, der zwar nicht der Hauptlinie von Krieg der Sterne folgt, allerdings aber eine wichtige Episode zur gesamten Geschichte erzählen soll. Die Fanfare von John Williams soll nicht mehr erklingen. Wie bitte? Was war das? Keine Kennmelodie mehr? Kein John Williams? Niemand anderer als er kann das vielfältige Universum musikalisch interpretieren. Einer, der Star Wars kennt, als wäre er selbst mit Luke, Leia oder Han verwandt. Ein Mitglied und Mitgestalter der ersten Stunde. Und genau er soll Rogue One nicht mehr vertonen dürfen? Ein Schachzug von Disney, dessen Notwendigkeit sich jedem Verständnis entzieht. Weder entspricht das dem Willen der Fangemeinde, noch ist diese Änderung je verlangt worden. Darüber hinaus würde sich das Weglassen der Fanfare, und das wage ich zu behaupten, erstens den Unmut des Publikums nach sich ziehen.

Will Disney das? Warum krampfhaft Neues, warum dort etwas umstoßen, wo sich seit Jahrzehnten ein Kult entwickelt hat? Disney will sich der Star Wars Gemeinde natürlich nicht unterwerfen. So ein Konzern lässt sich sicher nichts vorschreiben, noch lässt es sich irgendeinen Wunsch diktieren. Die Mächtigen haben das Zepter in der Hand, und es geschieht, was geschehen soll, allen Umfragen und Erwartungen zum Trotz.

Die Filme aus der Anthologie sollen anders sein. Anders ja, aber vertraut. Identifizierbar. Gareth Edwards hat gemeint, wir sollen das Unerwartete erwarten. Damit hat er wohl recht, Williams Ouvertüre wegzulassen, würde tatsächlich unerwartet kommen. Und nicht nur mich, sondern, und das ungefragt, alle Fans wahrlich enttäuschen. Star Wars ist nicht nur eine Filmreihe, sondern ein Phänomen. Eine Lebenseinstellung, für manche sogar eine Religion (unglaublich, aber wahr). Dieses Phänomen kann man nicht handhaben wie andere Ikonen der Popkultur oder sonstige Filmreihen. Das wussten Williams und Abrams. Sie haben den Score von Episode 7 auf kluge und geschickte Art soweit verändert und erneuert, dass die neuen Charaktere ihr unverwechselbares musikalisches Thema bekommen haben, einzelne Elemente aus den frühen Filmen aber immer mal wiedergekehrt sind. Auch wenn die Kompositionen neu waren, hatten sie immer noch alle gemeinsam eine Färbung, einen gemeinsamen Tonus, einen Nenner. Und die Eröffnung blieb erhalten, wie eh und je, wie immer. Und so sollte es bleiben. Manche Elemente tastet man nicht an. Das will niemand.

Star Wars ist ein Begriff aus unserer Jugend. Episode IV bis VI waren, sind und bleiben das Herzstück, das Maß aller Dinge, das Stilbuch im Star Wars Universum, aus welchem man liest und an dem man sich zu orientieren hat. Visuell und musikalisch hat Star Wars hier eine Corporate Identity. Wie John Barrys James Bond-Intro. Nach unzähligen Abenteuern mit unterschiedlichen Darstellern hat sich bis dato keiner an dem irren, genialen Sound vergriffen. Sondern dem Vermächtnis des Kults seine Ehre erwiesen. Alexandre Desplat soll das musikalische Zepter in die Hand nehmen. Ein völlig anderer Künstler, der den Grundtonus von Star Wars sicher nicht treffen wird, ist dieser doch eher im Twilight-Universum zuhause und erzeugt generell Scores, die austauschbarer nicht sein können. Musikalischer Einheitsbrei aus dem Filmsupermarkt. Das kann nichts werden. Schon 3 Monate vor dem heiß ersehnten neuen  Star Wars-Film erhält die Vorfreude einen satten Dämpfer.

Aber was noch nicht Tatsache ist, kann ja noch anders werden. Vielleicht besinnt sich das Studio noch eines Besseren. Vielleicht bin es nicht nur ich, der seine Enttäuschung darüber veröffentlicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber wahrscheinlich stirbt sie. So wie die Geschichten von Timothy Zahn und die Erben des Imperiums, die mittlerweile nur noch Legende sind. Und wir werden machtlos im Kino sitzen und vergebens auf die Ouvertüre warten, die nicht kommen wird. Auf den vertrauten Sound, der aber ein anderer sein wird. Und dann wird es ein befremdlicher Film, der die Erwartungen nicht erfüllt, sondern verwirrte Gefühle hervorruft. Klar halten wir das aus. Auszuhalten ist vieles. Kann aber sein, dass sich das Star Wars-Universum durch die neue Tonalität spalten wird. Und die weit weit entfernte Galaxis in ihrer Einheit zerfällt. Kurz gesagt: Wir wollen John Williams zurück, bevor es zu spät ist.

 

Star Wars Anthology

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