Ben Hur (2016)

BEHIND THE WHEELS

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benhur

Filmkritiker und Journalisten haben es in der Hand, einen Film bei Erscheinen umgehend als Desaster zu brandmarken oder über den grünen Klee zu loben. Da Berichterstattungen und Medien ohnehin einen gewaltigen Einfluss auf unser Alltagsleben haben, sind auch Rezensionen von „Experten“ sakrosankt. Diese Leute müssen ja was wissen. Was die sagen, hat Gewicht. Aber es hat nicht mehr und nicht weniger Gewicht als mein Film Blog. Hier wie auch dort sind die Meinungen nur subjektive Meinungen, vor allem in der Kunst. Denn darüber lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Oder doch?

Hinzu kommt die generelle Ablehnung von Remakes. Neuverfilmungen alter Filmstoffe aus den 50er und 60er Jahren sind verpönt. Sich an Klassikern wie Ben Hur, Spartacus oder Casablanca zu vergreifen geht gar nicht. Dabei besteht, wenn man es genauer betrachtet, die Welt der Oper und des Theaters geradezu ausschließlich aus Remakes. Uraufführungen mal ausgenommen. Sowohl im Film als auch auf der Bühne geht es um bestehende Geschichten, die unterschiedlich interpretiert und inszeniert werden. Demnach dürfte man nicht mehr ins Theater gehen, da ja das Theater auffallend ideenlos und unkreativ sein muss, wenn es doch immer nur bestehende Dramen und Libretti neu inszeniert. Was beim Film viele vergessen, ist, dass es im Medium der laufenden Bilder dieselben Parameter gibt. Filmemacher sind genauso Künstler wie Theatermacher. Sie haben ihre eigene Sicht der Geschichte, ihre ganz eigenen künstlerischen Stärken und ihre ganz eigenen Bilder im Kopf. So entstehen Remakes. Und die darf es geben. Weil es auf die Interpretation ankommt. So kann auch ein Film wie Ben Hur nach mehr als 50 Jahren durchaus und völlig zu Recht mit den technischen Mitteln des modernen Filmes, die sich radikal verändert und verbessert haben, neu ausgelegt und erzählt werden. Und letzten Endes – den Unkenrufen konservativer Cineasten und Filmspezialisten zum Trotz – ist Timur Bekmambetows Inszenierung von Ben Hur eine würdige dritte Neuverfilmung geworden.

Ja, tatsächlich – die Mutter aller Sandalenfilme ist ein staubiges, raues und stellenweise auch intensives Drama um Freundschaft und Vergebung geworden. In wenigen epischen Bildern zeigt Bekmambetow ein unterjochtes Judäa aus christlicher Zeit, dabei hütet er sich tunlichst, allzu dick aufzutragen. Seine Settings sind wüstengrau, authentisch und ungeschönt, aber dennoch von antiker Pracht. Geschickt verwebt er CGI mit realen Kulissen und lässt so die Grenzen zwischen echten und animierten Szenen verschwimmen. Die besten Effekte sind klarerweise immer noch jene, die man nicht bemerkt. Und man bemerkt in Ben Hur keine einzige davon. Nicht mal in der klassischen, wunderbar gefilmten Szene des Wagenrennens gibt der Film seine Geheimnisse Preis. Alles wirkt aus einem Guss, und mit innovativer Kameraführung und ungewöhnlichen Perspektiven gelingt eine dreidimensionale, unmittelbare Optik, ganz ohne Brille. Auch die Galeeren-Szene, eine der besten Momente im Film, nähert sich der Sichtweisen des Regisseurs Gareth Edwards an, der in seinen Filmen den Zusehern den gleichen Blickwinkel verleiht wie der gerade agierenden Filmfigur. Dieser Stil erzeugt eine suggestive Stimmung.  Allerdings ist der neue Ben Hur auch sehr dialoglastig geworden, wie man es normalerweise aus Fernsehserien gewohnt ist. Das erste Drittel entbehrt nicht eines gewissen TV-Charakters, auch wenn die Ausstattung stimmt. Erst nach der bereits zitierten Galeerenszene erreicht Ben Hur jene epische Breite, die wir von Charlton Hestons Auftritt gewohnt sind. Dieser kantige Superstar und spätere Waffennarr hat ja sowieso seinen Platz auf dem Kaminsims der Cinemascope-Sandalenfilme, daran schafft es Jack Huston als Reserveapostel und antiker Rennsportler nicht zu rütteln. Seine Figur ist vielleicht etwas zu glatt geraten, die Verwechslungsgefahr mit Jesus von Nazareth wird im Laufe der Story zusehends größer. Anders aber die Rollen der Esther und des Pontius Pilatus. Nazanin Boniadi spielt Judah Ben Hurs Geliebte mit sehr viel Gefühl und Nachdruck, „Euron Graufreud“ Pilou Asbaek interpretiert seinen römischen Präfekten aus der Bibel mit unerwartet pragmatischer, bedrohlicher Härte. Wovor ich mich am Meisten gefürchtet habe, war die Rolle des Messala. Doch Toby Kebbel macht seine Sache gut, wenn auch szenenweise vom Filmstoff etwas zu eingeschüchtert.

Was der Regisseur aber leider wirklich versemmelt hat, ist die neutestamentarische Komponente. Anders als bei William Wyler gelingt es ihm nicht, die Figur des Jesus lebendig werden zu lassen. Er lässt den christlichen Aspekt zu einer wenig berührenden Nebengeschichte verkommen, die auch die Figur Ben Hur nicht wirklich zu berühren scheint. Es ist, als wäre Bekmambetow dieser Teil der Geschichte eher unangenehm gewesen. Lew Wallace´s Roman besteht nun mal auch aus der Heilsgeschichte, diese wegzulassen würde zu einem Storyfragment führen. Die frohe Botschaft wird also pflichtbewusst verkündet, aber in keiner Weise empfunden. Wyler hat stattdessen aus seinem Ben Hur einen eigenen Bibelfilm gemacht, der Russe allerdings nicht. Womöglich aus Angst, den agnostischen Mainstream zu verkraulen. In den letzten Szenen geht dem Film wiederum die Kraft aus. Das gefällige Ende mag zwar vorlagengetreu sein, passt aber nicht zum übrigen Film. Es bleibt die Vermutung, dass der Directors Cut vielleicht etwas anders aussieht.

Zusammenfassend ist Ben Hur ein sehenswertes antikes Abenteuer geworden, das eine klassische Geschichte über menschliche Werte und Zusammenhalt erzählt. Das Epos ist zwar kein Meisterwerk, aber bei weitem auch keine Enttäuschung. Und Morgan Freeman als humanistischem Erzähler hört man immer wieder gerne zu. Also – wen es interessiert: Traut euch ins Kino. Der Film beißt nicht. 😉

 

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