Cyrus

AUF DIE PELLE GERÜCKT

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cyrus

Wenn das Leben scheinbar überhaupt keine Überraschungen mehr bereithält, bricht das Unerwartete in jeden noch so vermurksten Alltag – zum Beispiel als neue große Liebe. Underdog John C. Reilly, herrlich versifft und antriebslos, wiederfährt das Wunder eines zweiten Frühlings. Doch irgendwo ist da ein Haken. Und dieser Haken ist nicht zu übersehen, denn der ist so formatfüllend wie Ulknudel Jonah Hill. Der Komiker aus derben Filmen wie 22 Jump Street und Das ist das Ende gibt Cyrus, den ödipal veranlagten Nesthocker von Mama Marisa Tomei und zeigt, was er schauspielerisch alles draufhat. Das ist nicht das erste Mal, dass der übergewichtige Charmebolzen ernstere Rollen bravourös meistert – auch in Wolf of Wall Street stiehlt er zeitweise Leo Di Caprio fast die Show. Und in dieser Independent Komödie der Gebrüder Duplass legt er sich mit Lockenkopf John C. Reilly an. Wie er seine Rolle changiert sowie langsam und stetig ins Unangenehme steigert, ist absolut sehenswert. Zuerst gibt es nur unterschwellige Sticheleien, dann wird intrigiert und inszeniert, das große Drama ausgepackt. Mama Tomei fällt auf alles rein, ist sie doch selbst irgendwie mehr als gewöhnt an die stete Anwesenheit ihres Sohnes. In diese gegenseitige Abhängigkeit bricht nun ein liebenswerter Loser, der den Dreieckskonflikt komplett macht. Völlig unbewusst und unbedarft entpackt er das schwelende Problem einer unnatürlichen und überintensiven Mutter-Sohn-Beziehung, und das nicht ohne zwischenzeitlich den Kürzeren dabei zu ziehen.

Der kleine, feine Ensemblefilm ist gut geschrieben und fast schon wie eine Art Homevideo im Stile der Dogma 95 Konvention auffallend abgeschminkt inszeniert sowie von filmischen Extras entrümpelt. Und die subversive Dialogkomödie braucht auch nichts Anderes. Sie ist Familien-, Beziehungs- und Sozialsatire in einem, bringt aber alles wunderbar auf den Punkt und fordert Zugeständnisse sowohl für Mamas neuen Liebhaber als auch für den hochintelligenten, aber unselbstständigen Über-Sohn. Sigmund Freud hätte an dem Film womöglich seine Freude gehabt, psychologische Untiefen gibt es hier einige. Und wie sich das Problem letzten Endes tatsächlich löst, ist glaubhaft, menschlich und sogar etwas berührend. Für Freunde des intelligenten, knackigen und augenzwinkernden amerikanischen Independent Kinos ein kurzweiliger, ideal besetzter Geheimtipp zum Schmunzeln und zum Analysieren.

Cyrus

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