Der Staat gegen Fritz Bauer

DAS (UN)FASSBAR BÖSE

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fritzbauer

Er ist alt, exzentrisch, aufbrausend und mürrisch. Spricht viel und lange, in sächsischem Dialekt, ist Jude und obendrein noch schwul. Er gilt bzw. galt als einer der unbequemeren Unbequemen im Deutschland der Nachkriegszeit, als Anti-Held und Macher: Oberstaatsanwalt Fritz Bauer. Einer, der wie Simon Wiesenthal nach Gerechtigkeit, und nicht nach Rache verlangt hat. Einer, der nicht kleinzukriegen war und der die Dinge selbst in die Hand genommen hat, bevor es niemand getan hätte.

Viel zu spät setzt die deutsche Filmwelt mit dem Charakter- und Politdrama von Lars Kraume dem Freidenker und Nazi-Jäger lange nach den biografischen Verfilmungen von Wiesenthals Leben ein weiteres würdiges Denkmal für einen aufrichtigen Geist. Der Tatsachenbericht rund um die Ergreifung, Verurteilung und Hinrichtung von Adolf Eichmann erzählt sich wie ein Geheimdienstthriller. Wenn es nicht wahr gewesen wäre, dann wäre es gut erfunden gewesen. Dass einer der schlimmsten Verbrecher des Holocaust vom Mossad in Brasilien gekidnappt und in Israel vor Gericht gestellt wurde, müsste Kennern der Geschichte bereits hinlänglich bekannt sein. Wie es aber dazu kam, und wer die Sache ins Rollen gebracht hat – all das zu erfahren wird zur spannenden, aufschlussreichen Geschichtsstunde. Burghart Klaußner in der Rolle des bizarr frisierten Gerechtigkeitsfanatikers raucht wie ein Schlot und hustet wie ein Lungenkranker. Der stets verkniffen dreinblickende Charaktermime zieht wieder einmal alle Register seines Könnens. Souverän wie immer scheint er seine Rollen nicht nur zu spielen, sondern auch zu leben. Fast wie eine Art Daniel Day Lewis aus deutschem Lande. Der Staat gegen Fritz Bauer ist sowohl sachlich-trockenes Justizdrama als auch gnadenloses Sittenbild der Nachkriegszeit. Dass Fritz Bauer für viele Politfunktionäre ein rotes Tuch war, liegt auf der Hand. Die Angst vor einem erneuten Aufkeimen rechtsextremer Gesinnung steht dem Juristen ins sorgenvolle Gesicht geschrieben. Und das zu Recht. Seine Arbeit war ein Kämpfen gegen Windmühlen, ein Navigieren über unruhiges Gewässer. Dass man dabei selbst Opfer bringt und ungewollt Gesinnungsgenossen zur Opferbereitschaft motiviert, auch das zeigt dieser Film. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, das Böse lässt sich nicht im Keim ersticken.

Das informative, von stimmigem Zeitkolorit gefärbte Drama um Mut und Hartnäckigkeit im Angesicht einer als Demokratie maskierten jungen Staatsform mag ein weiteres Pflichtprogramm in den Schulklassen der Oberstufe sein. Bedrückend, aufschlussreich, intensiv.

Der Staat gegen Fritz Bauer

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