The Big Short

DIE KATZE AUS DEM SACK

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Ein Ratschlag für all jene, die mit den Naturgesetzen des globalen Wirtschaftsuniversums nicht ganz so vertraut sind: Es gibt zwei Möglichkeiten, Adam McKays Finanzdrama anzusehen. 1) Man stürzt sich völlig unbedarft in die Materie und leistet dabei ganze Arbeit, nicht den Faden zu verlieren. Oder 2) Man lässt sich die Geschehnisse rund um den Finanzcrash 2008 erklären, entweder von jemandem, der mit diesem Thema vertraut ist oder unter Zuhilfenahme ganz außerordentlich gelungener YouTube-Videos, die den Domino-Effekt der Wall Street-Katastrophe so augenscheinlich erklären, dass es auch ein Volksschulkind versteht. Mehr dazu unter folgendem Link. Ich persönlich habe den ersten Weg gewählt, oder besser gesagt einen Zwischenweg. Denn die Krise von damals habe ich mir bereits einige Male schon erklären lassen. Allerdings bin ich mit der Welt des Geldes so sehr vertraut wie ein Pinguin mit arktischen Gefilden. Bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. Der chronische Informationsnotstand wurde auch diesmal wieder behoben.  Theoretisch sollte ich mir nun The Big Short ein zweites Mal ansehen, in der Hoffnung, nun alles zu verstehen. Aber ich denke ich werde hier wieder einige Dinge nicht zusammenzählen können. Allerdings, ein Versuch wäre es wert. Denn das Drama nach Tatsachen ist gemeinsam mit Scorseses Wolf of Wall Street einer der besten Wirtschafts- und Finanzfilme der letzten Jahre.

Nicht nur, dass The Big Short bei der chronologischen Schilderung der Ereignisse notwendigerweise weit ausholt und die Entwicklung des Fiaskos akribisch seziert – der Film versammelt auch ein brillant aufspielendes Ensemble und betrachtet die trockenen Fakten aus den Blickwinkeln fünf unterschiedlich positionierter Persönlichkeiten, die auch tatsächlich in die Geschehnisse verwickelt waren. Somit ist das Werk weit weg von einer sperrigen Spielfilmdokumentation. Adam McKay erschafft ein menschlich unmenschliches Drama im Stile von Wall Street und Glengarry Glen Ross, wuchtig im Dialog, exquisit in der Szenenfolge. Immer wieder blendet der Film Bildcollagen amerikanischen Wohlstandes ein, Symbole unverwüstlichen Reichtums und niemals enden wollenden Profits. Dazwischen erklärt „Harley Quinn“ Margot Robbie im Schaumbad die Finanzkrise auf ihre Art und macht aufmerksam, worauf es ankommt. Wem das zum Verständnis der weiteren dichten Handlung reicht, braucht meine eingangs erwähnten Ratschläge natürlich nicht zu befolgen. Christian Bale, Brad Pitt und Steve Carrell stoßen an die Grenzen eines Amerika der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie im Musikstück Bolero von Maurice Ravel steigert sich der wirtschaftliche und soziale Selbstmordtrip bis zum großen Knall, den einige der Protagonisten schon lange davor kommen sahen. Wenn ein so verstricktes und verschachteltes System wie die Finanzwelt nur von wenigen verstanden wird und von vielen nicht, wenn sich die wenigen, die es verstehen, beruhigt zurücklehnen und den Rest der Welt nach Strich und Faden hintergehen, steigert sich die unbehelligte Gier bis zu einem Punkt, an dem das menschenverachtende Konstrukt kippt – und alle, die Wissenden und die Unwissenden, mit sich reißt. Der Film bemüht sich um Aufklärung, ist gleichzeitig aufbereitet wie ein Thriller und kümmert sich um das Menschliche hinter den Schlagzeilen. Und das Verblüffende ist, dass man trotz eingeschränkten Wissens über CDOs, Anleihen, Shorts, Longs, Derivaten und ähnliches am Drama wie gebannt hängenbleibt. Irgendwie erahnt man ja, was da vor sich geht, irgendwie laufen die eigenen Gehirnzellen auf Hochtouren, und das alleine ist schon spannend genug. Verstehe ich worum es geht? Geht es wirklich darum? Kann denn das möglich gewesen sein? Durch seine Art der Inszenierung braucht McKay nicht lange, um den Zuseher ins Boot zu holen. Er fesselt ihn mit begnadeten Schauspielern und raffinierten Intermezzi. Lädt ihn ein zum Mitdenken und Nachdenken. Und weckt mitunter auch das Interesse für eine ungreifbare, abstrakte Dimension. Die Dimension des Geldes, unwirklich und vertrackt wie der Cyberspace, wo gezockt und betrogen wird. Wo nichts so ist, wie es für Otto Normalverbraucher als letztem Glied der Nahrungskette erscheint, und hofft, nicht gefressen zu werden. Wie ein Jäger aus dem Dunkeln oder ein Medikament im Teststadium ist die Welt der Finanzen nur schwer einzuschätzen. Die ersten Nebenwirkungen sind erschreckend, der Test allerdings geht weiter.

The Big Short ist ein schwieriger, sehr spezifischer, aber wichtiger Film über faule Kredite und der Opferung des Mittelstandes. Es lohnt sich, seine Zeit zu investieren. Der Gewinn kann sich sehen lassen

 

The Big Short

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