Captain Fantastic

FAREWELL, MUTTER NATUR!

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fantastic

Die eigenen Kinder nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen, ist eine permanente Gratwanderung zwischen der Idee und der Vorstellung der Welt, wie wir sie selbst haben, und dem, was das Beste für den Nachwuchs ist. Meist ertappt man sich dabei, und das manchmal zu spät, wie wir unsere Töchter oder der Söhne immer mehr zu dem werden lassen, was wir selber sind. Dass sie viel zu sehr unsere Ideale leben und unseren Lebensstil mittragen müssen. Bis zu einem gewissen Punkt geht es auch nicht anders, da man als Elternteil Erfahrungen weitergeben muss. Doch die Bedürfnisse des selbstständig denkenden Individuums namens Kind bleiben des Öfteren außen vor. Und dann bekommt das Erziehungsgebilde langsam Risse. Dupliziert man nur noch sein eigenes Leben und verweigert der jüngsten Generation all die Möglichkeiten, die das Leben bieten kann, fällt das Heile Welt-Konstrukt in sich zusammen.

So ergeht es Ex-Aragorn Viggo Mortensen in der Rolle eines idealistischen Aussteigers, der linksphilosophisches Gedankengut zelebriert und eine Alternativgesellschaft lebt. Diese ist eine Art Mikro-Staat mitten in der nordamerikanischen Wildnis, wo zwei Mädchen und vier Buben für den apokalyptischen Ernstfall trainiert, für das Überleben im Wald gedrillt und mit dem Wissen aus ausgewählten Büchern gefüttert werden. Alles wäre so schön und in seiner Naivität des richtigen Lebens so perfekt – gäbe es da nicht jene Welt, die als „normal“ angesehen wird und ein wichtiger Teil unseres Lebens ist, mit all seinen Verführungen, Lastern, Reizen und Ungerechtigkeiten. Die Kinder werden zu Freaks erzogen, zu überspezialisierten Lebewesen, die im Erwachsenenalter garantiert Schwierigkeiten haben werden, sich anzupassen oder flexibel zu agieren. Doch das ist Big Daddy nicht sofort bewusst. Der Captain Fantastic, der Überheld und Patriarch, durfte den Luxus genießen, sein Leben selbst wählen zu können. Und diesen möglichen Luxus lernen die Erben des Eremiten während der Trauerfeierlichkeiten ihrer eigenen Mutter, die aufgrund unheilbarer psychischer Probleme den Freitod gewählt hat, endlich kennen. Dass diese Feierlichkeiten nicht im Wald stattfinden, sondern im urbanen Amerika, ist allen klar. Mit der Reise ins erschlossene gelobte Land erschließen sich auch für Viggo Mortensens Kinder neue Möglichkeiten. Das Drama ist vorprogrammiert. Der freie Wille und der Recht auf das selbst zu gestaltende Leben verschafft sich ordentlich Gehör. Lebensextreme werden durchdacht, diskutiert, verzweifelt Lösungswege ermittelt. Die faszinierende Story bebildert einen Clash zweier grundverschiedener Lebenskonzepte, die in ihrer Radikalität auf Dauer nicht funktionieren können, der Mittelweg aber macht es letzten Endes möglich.

Regisseur und Schauspieler Matt Ross inszeniert ein dialogstarkes Familiendrama der anderen Art, welches anfänglich an Werke wie Herr der Fliegen, Peter Weirs Mosquito Coast, die Waltons und durchwegs aber auch an die Leidens- und Lebensgeschichte der Kelly Family erinnert. Auch bei der legendären Musikerfamilie war das Lebenskonzept ein ziemlich gewagtes und nicht für jedes Familienmitglied gerade mal der Treffer ins Schwarze. Die vielköpfige Gruppe verlor sich nach kurzzeitigem Erfolg im Nirgendwo zwischen Psychiatrie, Billigmedien und Privatleben. Ähnliches hätte der Familie von Captain Fantastic blühen können, hätte sein Nachwuchs nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen. So sehr der Film auch pädagogische und lebensphilosophische Fragen aufwirft, so schwer tut er sich vor allem in der zweiten Hälfte seiner Spielzeit, indem er mit allen Mitteln die Wendung zum Happy End hinbekommen möchte. Matt Ross entgleitet immer mehr der Plot des Filmes und bricht die Geschichte auf eine arg aufgesetzte Filmpoesie herunter, die kaum glaubhaft erscheint. Das Storytelling beginnt zu hinken, die letzten Seiten im Drehbuch missglücken. Der Bruch verpasst dem Werk eine gewisse Inkonsequenz, und so kann man das Familiendrama zwar durchaus mögen, weil es gut gemeint und schön anzusehen ist – ganz überzeugt hat es mich aus erwähnten Gründen aber trotzdem nicht. Hingegen – Die A Kapella-Version von Guns N’Roses´ Sweet Child O‘ Mine ist wirklich cool. 😉 Ohren auf!

 

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