Snowden

HIT AND RUN

* * * * * * * * * *

snowden

Wer ist dieser blasse, eher unscheinbare junge Mann mit Brille und Kurzhaarschnitt, der mittlerweile im russischen Exil lebt? Und wieso kann er von dort nicht weg? Diese Frage stellt Kultregisseur Oliver Stone für all jene, deren Wissensstand zur Affäre Snowden über die Schlagzeilen aus dem Jahr 2013 nicht hinausgehen. Und die aber auch die oscarprämierte Doku citizenfour nicht gesehen haben. Oliver Stone, das schlechte Gewissen Hollywoods und frenetischer Aufarbeiter amerikanischer Traumatas wie den Vietnamkrieg, 9/11 oder grenznaher Drogenkriege ist nach dem eher misslungenen Reisser Savages wieder zurück auf der Kinoleinwand – und ist auf seine alten Tage tatsächlich handzahmer geworden.

Das liegt aber vorallem daran, dass sich Mr. Platoon unbedingt dazu verplichtet gesehen hat, die Watergate-Gigantomanie names NSA und deren Aufdeckung chronologisch genau zu dokumentieren, ohne mit Effekthascherei zu prahlen oder die angeblich wahre Geschichte übertrieben teathralisch zu verdichten. Was natürlich ein lobenswerter Anspruch ist, der den Nebeneffekt hat, nüchtern zu bleiben.

Die Neudefinition des gläsernen Menschen, die inoffizielle Aufhebung des Datenschutzes und die arrogante Missachtung grundlegender Menschenrechte verdient völlig zu recht eine Aufarbeitung im Kino, das neben dem Fernsehen als Massenmedium zwar alt aussieht, aber immer noch eine stattliche Zielgruppe erreicht. Allerdings eine Zielgruppe, bei der man bereits offene Türen einrennt, und deren ohnmächtige Wut sich bei Konsumation des Filmes durchaus steigern kann. Doch dieses junge, sympathische Mastermind, unaufdringlich und bedächtig dargeboten vom sagenhaft unarroganten und geerdet wirkenden Joseph Gorden-Lewitt, zeigt wie seinerzeit der junge Luke Skywalker dem Darth Vader der globalen Überwachung ganz souverän den Stinkefinger. Dieser rotzfreche Mut und diese idealistische Unverfrorenheit lässt den schmächtigen Edward Snowden über sich hinauswachsen und ein Ding der Unmöglichkeit gelingen, welches, wäre die Aktion weniger intuitiv passiert, nie so funktioniert hätte. Manchmal, so erklärt es auch Oliver Stone, sind jene Aktionen, die das Für und Wider außer Acht lassen und nur in ihrer naiven Einfachheit gelingen können, die Quantensprünge in der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Und der Computer-Nerd hat das auf diese Art bewerkstelligt, wohlwissend, seinen Beitrag zur Menschheit hiermit geleistet zu haben, obwohl er damit die Wiederkehr in sein Heimatland ein für alle Mal verspielt hat. Auf Begnadigung kann er nicht hoffen – oder doch? Dass Snowden im Grunde die gesamte in Mitleidenscjhaft gezogene Menschheit auf seiner Seite hat, mag die Mächtigen nicht weiter stören. Insofern ist das Schnippchen, dass das Superhirn dem amerikanischen geheimdienst geschlagen hat, lediglich ein blaues Auge im Gesicht des großen Bruders. Da mag Barak Obama noch so betonen, in Sachen Abhörrecht einen Riegel vorzuschieben. Dass das passiert oder passiert ist, mag bezweifelt werden. Doch bevor weitere Initiative egriffen werden kann, ist das Wissen über den Missbrauch alleine schon Macht genug. Mit der sich etwas anfangen lässt. Die weiße Weste hat Amerika ja ohnehin schon seit Bushs Irak-Offensive verloren. Wirklich schmutziger kann sie bald nicht mehr werden.

Oliver Stone gesteht seiner Biografie, die gottseidank nicht in den Jugendjahren Edward Snowdens beginnt, sondern mit seiner Arbeit beim Geheimdienst, filmische Überlänge zu. Freilich, der Film weckt großes Interesse und ist faszinierend gespielt. Irgendwie erinnert er an John Badhams Wargames. Manchmal mag man die Geschichte nicht für möglich halten, aber anscheinend ist es genau so passiert, wenn man den Berichten des Guardian vertraut – jener Zeitung, die die gestohlenen Dokumente veröffentlicht und den Skandal entfacht hat. Manchmal hat Stones Erzählung einige dramaturgische Längen – denn bis zum erwartungsgemäßen Mission Impossible-Finale, in dem eine Brise Jason Bourne das Publikum packt, tut sich der Film etwas schwer, die mehr oder weniger ereignislose und nicht immer relevante Alltagsgeschichte eines Geheimdienstmitarbeiters durchwegs mitreißend zu dramatisieren. Und wird dadurch zur Biografie eines „normalen“ Mannes, der unter Epilepsie leidet und zum Workaholic neigt. Einem Workaholic, der die Welt verbessern will. Was ihm schlußendlich auch gelungen ist.

Die Doku citizenfour sollte all jenen, die an Fakten interessiert sind, genügen. Der Spielfilm Snowden ist das zusätzliche, bekömmlichere Sahnehäubchen zu diesem Thema. Nicht minder informativ, aber bei Weitem gefälliger und zugänglicher, was kein Nachteil ist. Aber die Biopic zu Lebzeiten ist immer noch weit von Oliver Stones erwachsenem, brisanten Meisterwerk JFK aus den frühen Neunzigern entfernt. Diese inszenatorische Größe wird er wohl nie mehr erreichen. Macht aber nichts, genau wie Snowden hat Stone seinen Beitrag bereits geleistet. Jetzt sollen andere die Verantwortung übernehmen. Für den modernen junge Helden (oder Anti-Helden) Snowden, der für Recht und Verfassung seine Existenz aufgegeben hat, ist dieser thematisch wichtige Film aber auf alle Fälle ein verdientes Denkmal.

Snowden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s