Findet Dorie

ICH DENKE, ALSO SCHWIMM‘ ICH

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dorie

Pixars Vorfilm zum zweiten Abenteuer der Korallenfische zählt zum Besten, was die genialen Künstler der Animationsschmiede je hervorgebracht haben. Deren Streben nach fotorealistischer Perfektion hat ein noch nie dagewesenes Level erreicht, man kann den Unterschied zwischen künstlich und animiert kaum mehr erkennen. Nur in einzelnen kleinen Details zeigt sich eine comichafte Abstraktion der Natur, aber auf so gekonnt subtile Art, dass es wie ein intensiver Traum wirkt. Kombiniert mit einer bezaubernd kleinen, feinen Anekdote aus dem Leben einen jungen Vogels leitet der liebevolle Kurzfilm sehr stimmungsvoll das neue Meisterwerk der Besten ihres Faches ein: die Geschichte von Dorie – oder: Was wurde eigentlich aus dem Doktorfisch mit dem angeknacksten Kurzzeitgedächtnis? Eine Frage, die sich womöglich viele Fans von Nemo jahrelang stellen durften, ist doch Marlins Sidekick der eigentliche heimliche Star der virtuellen Meere. Die Antwort ist nun da, und das Geheimnis um das kleine, blaue Fischmädchen wird endlich gelüftet.

Wie gewohnt setzt Pixar in erster Linie auf den Reiz der Geschichte und weniger auf actionlastiges Entertainment, obwohl die Fische gefühlt mehr im Trockenen herumzappeln als in feuchten Gefilden herumschwimmen. Unter der Obhut des Mutterkonzerns Disney ist das Studio nach wie vor der Meister des Storytellings. Seine erdachten und zum Leben erweckten Figuren und Wesen haben alle unglaublich viel Herz und werden zu wahren Persönlichkeiten mit gewinnenden Eigenschaften und Fehlern, die nur allzu menschlich und sympathisch sind. Findet Dorie ist eine aufrichtige, bezaubernde Liebeserklärung ans Meer und an all seine Bewohner, vor allem aber ein Loblied an den Wert der Familie. Jedes der wunderbaren Lebewesen bekommt seine eigene, respektvolle Karikatur, von der ängstlichen Seegurke bis zum kurzsichtigen Walhai. Neben den bekannten Charakteren gibt es auch jede Menge neue Persönlichkeiten, vor allem Krakenmännchen Hank ist der Anchorman unter den Meerestieren. Das brummige, aber gewinnende hilfsbereite Wesen des Kopffüßers wird wohl wie Dorie in den jungen wie älteren Kinobesuchern zahlreiche neue Fans gewinnen können. Die Eigenschaften eines Kraken geben genug Stoff für einen ganzen Film, vielleicht wird Teil 3 von Pixars Unterwasserchroniken ja im Zeichen des siebenarmigen – ja, siebenarmigen – Weichtieres stehen.

Wer sich Findet Dorie in der deutschsprachigen Synchronisation ansieht, wird über den bayrischen Dialekt selbstverliebter Seelöwen genauso herzlich lachen wie über das Schwyzerdütsch kleiner, penibel seegrasschnippelnder Krabben oder dem Wiener Slang einer Perlmuschel. Dadurch bekommen die Tiere auch jeder eine ganz eigene, phonetische Färbung. Fast allen Filmen von Pixar gelingt es, ihren Geschichten trotz aller Turbulenz und aufregender Action eine gewisse Ruhe abzugewinnen. Zeit, über Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte zu erzählen. Zum Beispiel gibt es gegen Ende des Filmes einen minutenlangen Monolog von Dorie in der blaugrünen Düsternis deprimierender Kelpwälder. Welche Animationsfilme wagen sonst noch solche Szenen? Pixar weiß wies geht. Weil Pixar im Grunde keinen KInderkram fabriziert, sondern anspruchsvolle, bewegte Bilderbücher schafft, die berührende Geschichten über Werte und Wertschätzung erzählen. Filme, welche die Macher hinter den Kulissen wohl selbst gerne sehen würden. Und daher ist das Kinopublikum bei Nemo, Wall-E, Ratatouille und Co durchwegs auch ein erwachsenes, kinderloses. Weil es angenehm ist, Kind sein zu dürfen ohne kindisch sein zu müssen. Diese Ideologie trägt Schirmherr Disney nämlich auch schon seit den Anfängen des kinotauglichen Trickfilmes mit sich herum. Da sich die Mausfabrik als Schöpfer des Family Entertainments schlechthin sieht, sind auch die Quintessenzen seiner Werke stets auf die Wichtigkeit und Wertigkeit von Familie ausgerichtet. Meistens geht das einher mit der Aufarbeitung von Verlust und Verlustängsten, die Selbstfindung des Individuums und der Suche nach Geborgenheit als Schlüssel zum inneren Glück. Da ging Pixar bislang etwas andere Wege, mit Nemo und Dorie aber spürt man stark, wer in der letzten Instanz mittlerweile das Sagen hat. Der Anspruch ist durchaus lobenswert, auch wenn er sich zusehends wiederholt und für manches junge Publikum Gefühlsverwirrungen auslösen könnte. Viele werden das jetzt belächeln – doch es wäre naiv zu glauben, das eigene Kind verstünde die Problematik im Film nicht, geht’s doch dabei um elementare Ängste, die Vor- und Volksschüler sehr wohl nachempfinden können, was sie letzten Endes auch tun werden. Das mögen Eltern nun bemerken oder auch nicht.

Abgesehen von Disneys Anspruch setzt die Odyssee durch die bunte, skurrile und lustige Welt der Tiere neue Maßstäbe, was die Optik betrifft. Wenn das Licht der Abendsonne durch das trübe Wasser eines Tangwaldes bricht oder auf den feuchten Schuppen auftauchender Fische glänzt, bleibt mir bei diesem atemberaubenden Fotorealismus der Mund offenstehen. Alleine der Einsatz von Licht, Schatten und der Beschaffenheit von Oberflächenstrukturen hat eine Vollkommenheit erreicht, die man gesehen haben muss.

Findet Dorie ist ein berührend schöner, witziger Abenteuer- und Familienfilm auf hohem Niveau, gefühlvoll erzählt und herrlich bebildert. Und trotz Bewunderung für den Kraken Hank wird die häusliche Haltung eines Kopffüßers wohl eher nicht aus dem Ruder laufen wie beim Clownfisch. Und die Vorfreude auf den nächsten Meeresurlaub ist unter Garantie auch schon wieder geweckt.

 

Findet Dorie

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