Viennale 2026

ES BEGINNT. SCHON WIEDER.
VON SITZFLEISCH, DEM ERNST DER LAGE UND DEM REIZ VON PREVIEWS



© 2026 Filmgenuss / Michael Grünwald



Nach Weihnachten ist Weihnachten – und das wieder vor dem wirklichen Fest. Für Filmnerds ist jetzt Hochsaison, denn kaum ist das Festival des Fantastischen Films zu Ende und ich gerade mal durch mit all meinen ausführlichen Blog-Reviews, die sich, so habe ich mir sagen lassen, zu lesen lohnen, bricht schon das österreichische Hochfest des Anspruchsvollen über uns herein.

Zehn Tage lang wird auch hier wieder ein sattes, vielfältiges Programm für kaum Verschnaufpausen zwischen den Filmen sorgen. Im Vorfeld hat man schon feuchte Hände, weil man weiß, man muss sich rechtzeitig Tickets sichern. Davor heißt es: zeitgerecht durchackern, was infrage kommen könnte, und dies fein säuberlich und am besten in einer Excel-Liste festgehalten, um dann die Spreu vom Weizen zu trennen – sprich: Lässt sich das alles auch mit dem eigentlichen Brotjob vereinbaren? Denn schließlich bin ich ja nicht von Berufs wegen Filmkritiker, sondern aus Spaß an der Freude.

Warum der Stress?

Es stimmt schon – vieles kommt später auch regulär ins Kino, also warum sich stressen und das Festival nicht überhaupt gleich außen vor lassen? So gesehen müsste man ja gar nichts ins Kino gehen, weil irgendwann alles über Streaming ins Fernsehen kommt – und so weiter. Warum tut man sich als Filmnerd dann überhaupt diesen ganzen Auflauf an, dieses Gedränge, diese Minusstunden in der Arbeit, die man sich nicht mal leisten kann?

Weil es geht. Weil es reizt und neugierig macht. Weil man sich selbst ein bisschen fühlt wie ein permanenter Premierengast. Wie jemand, der Exklusives genießen kann; der vorfühlt, was später noch rauskommt. Schließlich gibt es noch genug Filme, die das reguläre Programm füllen und die man bei der Viennale vergeblich sucht.

Was ich mir nicht entgehen lasse

Pflicht ist wie jedes Jahr der Überraschungsfilm – ich hab da schon so meinen Verdacht, was es sein könnte. Vielleicht La Bola Negra? Doch vielleicht ist es auch so, dass Eva Sangiorgi, um diesen Film vorab zu zeigen, nicht die Rechte bekam. Auch das kommt vor. Und wie jedes Jahr ist auch Quentin Dupieux wieder dabei, auch diesmal mit zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein können.

Zu sehen gibt es auch Werner Herzogs neues Zwillings-Konstrukt Bucking Fastard, Asghar Farhadi macht diesmal mit Isabelle Huppert in Parallel Tales gemeinsame Sache, bevor sich diese als Blutgräfin ihren Hämoglobinhaushalt sichert.

Als besonderes Highlight darf auch Fjord besichtigt werden, sicher eine herausfordernde, weil gegen die Erwartungen gebürstete Arbeit. Da die Viennale ein österreichisches Festival ist, freue ich mich selbstverständlich auch auf einige heimische Beiträge. Natürlich sticht dabei einer hervor, der in Cannes die Palme in der Kategorie Un Certain Regard gewinnen konnte: Sandra Wollners Everytime. Ihr vorangegangenes Science-Fiction-Drama The Trouble with Being Born konnte mich damals schon beeindrucken.

Gerti Drassl darf Morgen vor langer Zeit noch in den Wäldern weilen und Eklipse beschäftigt sich mit dem Heranwachsen während der Sonnenfinsternis 1999. Als einer, der das afrikanische Land Ruanda kennt, interessiert mich Ben’imana – eine Aufarbeitung des ruandischen Genozids. Auch nichts Leichtes, aber muss es das denn sein? Sicher nicht bei der Viennale. Das ist vorwiegend ernstes, realitätsnahes Kino, oder nicht?

Nein – denn Martin McDonagh schickt John Malkovich und Sam Rockwell in Wild Horse Nine auf die Osterinsel, damit wir ein bisschen etwas zu schmunzeln haben, bevor es wieder mit Minotaur von Andrei Swjaginzew eh wieder ans Eingemachte geht. Hätte die Welt nicht all ihre Probleme, gäbe es keine Viennale. Es gäbe auch kein Kino, denn Sorgen zerstreuen müsste man auch nicht.

Da gibt’s jetzt überhaupt nichts zu lachen!

Das ewige Ringen um Glückseligkeit und Ordnung, das mühselige Halten der Balance zwischen Gut und Böse: Das Kino, insbesondere dieses Festival, illustriert es aus unzähligen Blickwinkeln, schafft Meinung, macht Meinung und regt an wie ballaststoffreiche Ernährung für Verstand und Gefühl.

Ich tauche also wieder ab in die Regionen des Gartenbaukinos, der Urania, des Metro und des Stadtkinos, auf vorgewärmten Sitzen und mit hoffentlich genug zu trinken. In den nächsten Wochen halte ich euch, meine geschätzte Leserschaft, hier auf dem Laufenden, denn geschrieben ist es schließlich nicht so schnell wie gesehen. Macht aber nichts, denn vieles davon kommt schließlich erst ins Kino: Filme sind überdies bis zu einem gewissen Grad zeitlos, und wenn nicht, dann werden sie zu Zeitzeugen.

Und falls jemand auch Lust und Laune auf die Viennale hat – vielleicht findet ihr mich ja, ich trage meinen kleinen Filmgenuss mit mir herum, zumindest auf dem T-Shirt. Aufs Fachsimpeln freue ich mich immer, auf andere Meinungen ebenso. Bis demnächst oder auch nicht – viel Freude mit der besten und komplexesten Kunstrichtung der Welt.

Viennale 2026

Viennale 2024

MIT DEN FLÜGELN EINER ALGE


Mit dem Natürlichen steht die Viennale stets in Verbindung. Letztes Jahr der Fötus eines Tigers in roter Ursuppe, dieses Jahr eine rote Alge mit dem wissenschaftliche Namen Delesseria lancifolia, die obendrein noch aussieht wie der Flügel eines Vogels. So, als hätte ein Naturkundler eine neue Art entdeckt und sie publiziert, im Rahmen eines prachtvollen Portfolios.

Jenes des großen Wiener Filmfestivals hat diesmal so einiges Wundersames, wenngleich weniger Überraschendes in petto, vor allem, wenn man das ganze Jahr über all die Events von Cannes bis Venedig akribisch mitverfolgt hat. Dabei lässt sich ganz gut prognostizieren, was sich Festivalleiterin Eva Sangiorgi alles für Schnäppchen sichern wird – ihre Vorlieben lassen sich mittlerweile gut einschätzen. Wie so meistens rückt der Termin für die knapp zwei Wochen, in denen man als Filmnerd weniger Zeit für was auch immer hat als sonst, schneller näher als vermutet. Der Stress mit dem Vorverkauf schlug mir letztes Jahr ein Schnippchen in meine Planung – heuer aber läuft es anders. Ich bin akkreditiert worden. Allerdings konnte ich keine solche ergattern wie für das Slash Filmfestival, sondern eine Art Hybrid zwischen klassischem Besucher und Journalist – günstigere Tickets für Blogger wie mich, die keinem großen Medium angehören, allerdings aber in fleißigem Rhythmus der Veröffentlichungen seine Leserschaft informieren.

Da ich diesmal eben nicht zu einem gewissen Stichtag wissen musste, was genau ich sehen möchte, sondern stets bis zu zwei Tage vor der Screening-Time relativ spontan im Ticketshop in einem eigenen Kontingent herumwühlen kann, ist es diesmal entspannter. Ein paar Eckpfeiler sind aber bereits in der Tasche: Andreas Dresens In Liebe, eure Hilde mit Liv Lisa Fries, die Tier-Mensch-Dokumentation Monologo Collectivo aus Argentinien sowie der Cannes-Gewinner Anora und Jacques Audiards Emilia Pérez. Hierfür probiere ich erstmals das Filmfrühstück – will heißen: 6:30 morgens im Kino, wenn’s draußen noch dunkel ist.

Ich werde auch diesmal wieder, so wie es meine Zeit erlaubt, meine Gedanken bloggen und freue mich auf zahlreiche Leserinnen und Leser, die, so hoffe ich, gerne auch ihre Meinung kundtun wollen. Bis bald im Kino!

Viennale 2024

Viennale 2023

ROT IST DIE FARBE DES KINOS


V23_SUJET_© Viennale / Rainer Dempf



Was sehen meine fürs Grafische etliche Jahre lang geschulten Augen denn heuer auf den Bannern, Plakaten und sonstigen Merchandising-Artikeln der 61. Viennale? Ein gelbrotes Motiv, konvertiert und nahe am Betrachter: Es muss der Fötus eines katzenartigen Tieres sein, womöglich eines Löwen, die Schnauze ist unverkennbar. Vielleicht, so ganz im Unterbewussten, hat die italienische Kunstmanagerin und Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi eine Analogie zum Goldenen Löwen Venedigs bringen wollen, vielleicht eine kleine Hommage an ein Festival, welches sie womöglich auch gerne leiten würde. Doch hört man die Dame in ihren Interviews, scheint das kleine, aber feine und übersichtliche Rendezvous an der Donau genau das richtige zu sein: Ein Schatzkiste voller filmischer Versuchungen, Zeitreisen in vergangene Dekaden und Retrospektiven weltbewegender Künstlerinnen und Künstler.

Gestern, mit dem 19. Oktober, hat es begonnen: Das neue Abenteuer Film während eines kaltwarmen und durchaus goldenen Herbstes, die Challenge für Nerds und Genießer, für Schreiberlinge, wie ich einer bin, und solche, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, als es ihnen sonst, bei regulärem Filmgenuss, möglich wäre. Hinzu kommen Gaststars und Macher aus allen Ländern daher, die, weil sie an ihr Projekt glauben, und nicht an die Boxoffice-Zahlen, ihren Filmen beistehen wollen. Sie erklären, beantworten und wünschen beste Unterhaltung. Diese atemberaubende Welt, diesmal gebadet in rotem Nährstoff aus Ansichten, Weitsichten und Umsichten, hat mich nun ebenfalls überrumpelt und eingesogen: Vor zwei Jahren waren es noch bescheidene zwei Filme, nun sind es siebzehn, und es wären noch mehr gewesen, hätte ich mit mehr Besonnenheit meine Karten gekauft. Ich bin jedenfalls dankbar dafür, was nun in meinem roten Kuvert wohnt – Eintrittskarten in magische, andere Welten, fiktiv oder real oder experimentell. Ich lasse mich auf alles ein.


viennale_michi


Wie durch Zufall hatte ich das Glück, der Eröffnungsgala in den wunderschönen Retro-Hallen des Gartenbaukinos beizuwohnen, konnte erbaulichen und motivierenden Reden der Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, ZIB-Lady Nadja Bernhardt und natürlich Eva Sangiorgi zuhören, die mehr als nur einmal verlauten ließen, wie dankbar sie sind (und wir mit ihnen), nicht während einer der kommenden Vorstellungen aufgrund von Bombenalarm in die Schutzbunker flüchten zu müssen – natürlich im übertragenen Sinn interpretiert, nicht wortwörtlich widergegeben. Der Wille zum friedlichen Miteinander und zum Austausch unterschiedlicher Visionen, Ansichten und Lebenskonzepte macht eine offene, freie Gesellschaft aus. Und dafür steht dieses äußerst sympathische und liebevoll anmoderierte Event, das nun endlich losgeht und bereits mit seinem Eröffnungsfilm Explanation for Everything für ausgesuchte Qualität spricht.

Viennale 2023