Live by Night

FOR HE´S A JOLLY GOOD FELLA

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livebynight

Was in Ben Affleck´s vierter Regiearbeit am meisten ins Auge sticht und auch nachwirkend in Erinnerung bleibt, ist nicht, wie nun von einigen Lesern vermutet wird, die reizvolle Zoe Saldana – obwohl die Dame durchaus dazu beiträgt, dem elegischen Gangsterepos aus den 30er Jahren einen gewissen exotischen Anstrich zu verleihen. Nein, was tatsächlich in Erinnerung bleibt, sind die ausladenden XXL-Maßanzüge, die Universalgenie Affleck geschätzte zwei Stunden lang durchs Bild manövriert. Und ja, diese Mode ist beeindruckend und vor allem ehrfurchtgebietend. Kein Wunder, dass die konkurrierende Unterwelt Respekt vor diesem Mann hat – oder in erster Linie vor seiner Kleidung. Zu dieser wohldurchdachten Ausstattung gehört natürlich auch der klassische Fedora-Hut, den schon Dick Tracy oder Humphrey Bogart oft und gerne getragen haben. Nun, jetzt ist die nächste Generation dran. Und gemeinsam mit dem schrankartigen Outfit ergibt das Gesamtbild einen Unterweltboss, den der eine oder andere Comiczeichner wohl nicht besser hinskizziert hätte. Vor allem wenn Big Ben im Gegenlicht als Schattenriss den Bildkader dominiert, könnte man eine Besetzung in Sin City 3 durchaus in Erwägung ziehen. Doch das ist Spekulation. Bleiben wir mal bei Live by Night.

Die Coming-of-Gangster-Story nach einem Roman von Dennis Lehane, aus dessen Feder schon seinerzeit das düstere, ebenfalls von Ben Affleck inszenierte Krimidrama Gone Baby Gone entsprungen war, ist gediegenes Erzählkino in feinster Ausstattung und schwelgerischen Bildern, die die Sumpflandschaft Floridas im schicken Licht des schwindenden Tages lobpreisen. In Live by Night sind die Drahtzieher und Geschäftemacher der Unterwelt eingängige Stereotypen aus dem bleihaltigen Genre der Gangsterfilme. Gestalten aus einer längst vergangenen Ära des Kinos, in der Antihelden wie James Cagney kleinen Fischen gezeigt haben, wo die MP hängt. Der neue Cagney ist Ben Affleck als aufstrebender Kleinkrimineller Joe Coughlin, der unter den Fittichen eines italienischen Syndikats im feuchtheißen Süden ganz groß rauskommt. Abzusehen, dass sich dieser bald schon nichts mehr sagen lässt. Weder von seinen Geldgebern, noch von der irischen Konkurrenz, noch vom Ku Klux Klan. Allein – das formatfüllende Sakko reicht nicht. Da müssen noch schöne, leicht leidende Gespielinnen her, für die es wert ist, ein neues Leben zu beginnen. Alles handwerklich routiniert in Szene gesetzt, aber extravagant ist etwas anderes.

Affleck zitiert nur Bekanntes und rückt sich selbst auffallend gern und sehr selbstverliebt in Szene. Im Grunde sein gutes Recht, hat doch der beste Freund von Matt Damon die ganze Arbeit zu leisten, vom Drehbuch bis zum Darsteller. Nur die Musik, die komponiert er nicht. In einer herausragenden Nebenrolle begrüßt man wiedermal Chris Cooper als harmoniebedürftigen, aber unkorrumpierbaren Polizeichef, der mit dem Verbrechen paktiert, und auf seine ganz eigene, schmerzvolle Art Opfer desselben wird. Die Episode rund um Erpressung, Verrat und Rache ist das wohl gelungenste Kernstück des ganzen Filmes. In diesem Aufeinandertreffen der Darsteller tun sich kurzfristig Abgründe auf, die dem Film eine gewisse Reibung und dadurch auch Tiefe verleihen. Jenseits davon aber unterhält das klassische Hollywoodkino zumindest auf altmodisch-gefällige und oberflächliche Art, um sich danach einem scheinbar biederen, romantisch-verklärtem Finale hingeben zu wollen. Affleck reißt zum Glück kurz vor Ende noch einmal das Ruder herum und orientiert sich dann doch noch an einem für Gangsterfilm-Biografien gewohntem Zynismus. „Tu Buße“ heißt es am Schluss – und so verwehrt Live by Night fast im Stile der schwarzen Serie seinen Figuren Zuversicht und Lebensglück, um der Moral Genüge zu tun. Das hätte man jetzt nicht unbedingt erwartet, setzt aber angesichts der übrigen Vorhersehbarkeit des Filmes achtbare Akzente.

Live by Night

Legend

SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN SICH

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legend

Eigentlich hätten sie das alle gar nicht verdient. Niemand von ihnen. Weder Al Capone, noch Jack the Ripper, noch Carlos der Schakal noch sonst irgendeiner dieser Brüder und Schwestern, die unter der Flagge des urbanen Terrors, der Korruption, des Machtmissbrauchs und des Mordes zu zweifelhaftem Ruhm gelangt sind. Ihnen allen mit Millionen an Produktionskosten, die unter anderem auch Steuergelder sind, ein filmisches Denkmal zu setzen – diese Ehre und diese Aufmerksamkeit sollte diesen Herrschaften niemals zu Teil werden. Rein theoretisch. Und vor allem moralisch. Doch wie wir bereits aus der Geschichte und auch aus der Popkultur gelernt haben – die bösen Buben und Mädchen, die Schurken und Unruhestifter, hatten immer schon viel mehr Showappeal, waren immer schon allein charakterlich interessanter, facettenreicher und fantasievoller. Eckiger, kantiger, emotionaler – vor allem furchteinflößender. Und Furcht muss man bannen. Böse Buben und Mädchen mag man sehen, diese Figuren lösen Gefühle aus, die die Guten niemals auszulösen imstande wären.

Zwei dieser Anti-Größen der britischen Unterwelt waren die berüchtigten Gebrüder Kray Ronnie und Reggie, die, ausgehend in den 50ern, bis in die frühen 70er Jahre hinein ihr Unwesen getrieben haben. Ihr unrühmliches Handwerk hat von Entführungen bis hin zu Mord alles beinhaltet, was man sich nur vorstellen kann. Dabei waren die Zwillinge unterschiedlicher wie Feuer und Wasser. Der eine, Reggie, war ein Frauenheld, charismatischer Finsterling und gewaltbereiter Wüstling. Der andere, Ronnie, ein psychisch kranker, unberechenbarer Gewalttäter, der das Geschäft und den Erfolg der beiden des Öfteren gefährdet hat. Sie waren zwar unzertrennlich, aber auch von gegenseitigem Hass getrieben. Mit anderen Worten: Familie kann man sich nicht aussuchen. Somit war der Klügere, bedächtigere der Beiden der ungewollte Aufpasser seines Bruders, was nicht selten in einer Keilerei endete. Dieses Kunststück, beiden bizarren Charakteren der Kray-Familie Leben einzuhauchen, gelingt dem neuen Mad Max Tom Hardy eigentlich mit Bravour. Der britische Schauspieler besitzt eine ganz eigene Art, abgründigen Persönlichkeiten eine Aura zu verleihen, die bis jenseits der Leinwand hinauswirkt. So gefiel er auch als einfältiger Krimineller in The Drop an der Seite von James Gandolfini – oder auch als Lederstrumpf-Bösewicht in Inarritu´s The Revenant – spätestens dafür hätte er bereits einen Oscar kassieren sollen, mehr noch als DiCaprio. Und mit Legend hat er zweifellos eine weitere Rolle gemeistert, noch dazu eine Doppelrolle.

Der Film selbst bleibt Durchschnitt. Die Chronik der Unterwelt erzählt sich wie ein klassisches, gediegenes Hollywoodmelodram mit einigen Gewaltspitzen und könnte auch aus den 50er Jahren stammen. Naheliegend, dass dies Absicht gewesen ist. Schon alleine, um dem verrauchten, Hüte- und Mäntel tragenden Setting gerecht zu werden. Sucker Punch-Girlie Emily Browning sehen wir hier in ihrer bislang stärksten Rolle, obwohl sie Schwierigkeiten hat, der verlangten Intensität ihrer Figur gerecht zu werden. So bleibt Legend ein biografisches Gangsterepos ohne Überraschungen, aber mit psychologisch durchdachtem, differenziertem Schauspiel. 

 

Legend