Kate

TOTGESAGTE BALLERN LÄNGER

4/10


kate© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CEDRIC NICOLAS-TROYAN

CAST: MARY ELIZABETh WINSTEAD, WOODY HARRELSON, MIKU MARTINEAU, MIYAVI, JUN KUNIMURA, TADANOBU ASANO, MICHIEL HUISMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Was Actionheldinnen und -helden heutzutage alles an Schmerzen ertragen müssen, ist wirklich nicht mehr als menschlich zu betrachten. Mit seinen Blessuren und offenen, blutenden Wunden wäre Norman Nordstrom aus Don´t Breathe schon längst jemand, auf dessen Sims man Blumen stellt, und auch John Wick wäre nach Sequel Nr. 2 nur mehr ein Häufchen gebrochener Knochen. Wer Nobody mit „Saul“ Bob Odenkirk gesehen hat, vermutet vielleicht eine ungesunde Form von Analgesie. Actionhelden müssen bluten, mit Ausnahme von Jason Statham oder Chuck Norris, aber sonst – sonst müssen sie alle aus dem letzten Loch pfeifen, sich nochmal und nochmal aufrappeln und Energien aus der Reserve zaubern, die man gerne hätte, um zumindest den Arbeitsmontag gut zu beginnen.

Geerdet hat das Bild vom heldenhaften Schmerzensmann Bruce Willis, barfuß im Nakatomi-Plaza – verschwitzt, verdreckt, blutend. Das andere Ende davon verkörpert nun Mary Elizabeth Winstead – vergiftet, will heißen: todkrank, blutend, von Hämatomen übersät und so lädiert wie ein VW Käfer nach einem Auffahrunfall. Dabei hat für die toughe Killerin, die das Knowhow fürs Morden und Töten schon im Schulranzen herumtrug, ihr Handwerk gut gelernt und auch sonst gute Karten. Schon deswegen, weil der väterliche Freund und Mentor Woody Harrelson alles Administrative erledigt. Kate muss also nur abdrücken. Doch das will sie nicht mehr länger tun müssen – sie will raus aus dem Geschäft. Wir erinnern uns: John Wick ist damals auch ausgestiegen, Jessica Chastain in Code Ava ebenso. Doch so einfach geht das nicht, das weiß man, wenn man ein oder zwei Killer-Thriller bereits gesehen hat. Kurz bevor das normale Leben also beginnen kann, gibt’s den Giftcocktail mit Polonium 204. Da gibt’s kein Gegenmittel, da stirbt man, während sich die Organe zersetzen. Was Kate aber vor ihrem Ableben zumindest noch erreichen will (bevor sie – Gott bepüte – als Geist mit unerfüllten Aufgaben durch die Gegend spukt): dem Verursacher dieses Attentats zur Rechenschaft ziehen.

Kate von Visual Effects-Profi Cedric Nicolas-Troyan (Fluch der Karibik 2, The Huntsman and the Ice Queen) trägt mindestens so dick auf wie Chad Stahelskis John Wick-Trilogie. Die Killer von heute sind Berserker, die beim Töten anderer, wildfremder Menschen nicht das Geringste empfinden. Emotional und auch sozial also enorm verkümmert – dank solcher Defizite kann man sich vor dem Screen also gemütlich zurücklehnen und einer kaltschnäuzigen Winstead dabei zusehen, wie sie sich durch ein verkitschtes, rosa-lila-flirrendes Tokyo ballert und sticht, dabei immer wieder ob ihres Gesundheitszustands doch auch zusammenbricht, um dann wieder durchzustarten, dank dosierter Energiespritzen, die sie sich in den Schenkel jagt. Kate ist am Ende noch kaputter als Keanu Reeves es jemals war, doch seltsamerweise, trotz des illustren Bodycounts, dem Medienoverkill kolportiert entertainmentsüchtiger Jungjapaner und zahlreichen Actionsequenzen ergeht sich der Streifen in austauschbarer Langeweile. Vielleicht, weil man alles schon gesehen hat, weil die Coolness, die Winstead zur Schau trägt, so aufgesetzt wirkt. Weil Woody Harrelson ebenfalls vor lauter Langeweile nicht weiß wohin mit seiner Fachkenntnis. Weil dann auch noch dieses beschützenswerte obligate Kind plötzlich mit dabei sein muss. Nicht schon wieder, denke ich mir. Sehe diesen rosa-lila Manga-Look und stelle fest, dass nicht jeder, der beim Film dabei ist, gleich auch Filmemachen kann.

Kate

Judas and the Black Messiah

VERRAT AM VOLKSZORN

7/10


judasblackmessiah© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: SHAKA KING

CAST: DANIEL KALUUYA, LAKEITH STANFIELD, JERMAINE FOWLER, JESSE PLEMONS, DOMINIQUE FISHBACK, DARRELL BRITT-GIBSON, MARTIN SHEEN, ASHTON SANDERS U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es kommt nicht oft vor, dass Academy Award-Filme, insbesondere, wenn sie für den besten Film nominiert sind, sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden und zumindest hierzulande in Österreich nicht mal einen Kino-Release wahrnehmen können. Daran hat natürlich auch Corona Schuld, doch nichtsdestotrotz hätte sich das zumindest mit zwei Trophäen geadelte Werk eine große Leinwand verdient. Ich kann mich noch erinnern, da war The Hurt Locker von Kathryn Bigelow längst auf Silberscheibe draußen, gabs erst nach dessen großem Triumph die bemüßigung, diesen Film nochmal in die Lichtspielhäuser zu bringen. Aber ich kann auch verstehen – angesichts dieser aufgrund des Rückstaus angehäuften Schwemme an Filmen kann der eine oder andere nicht mal mehr als vermisst gelten, weil es ohnehin (fast) niemandem auffällt.

Judas and the Black Messiah lässt sich nunmehr relativ bequem streamen, und wie erwartet tischt Regisseur Shaka King uns interessiertem Publikum eine durchaus packende Kriminaltragödie auf, die im weiteren Sinne Konflikte Bahn brechen lässt, die wir unter anderem aus Departed – Unter Feinden kennen. Es geht um Treue und Verrat, um Idealismus und Politik. Es geht zum Glück weniger um Ehre, denn die ist für ein Vaterland, das in seiner schnöden Version einer subversiven Apartheid Andersfarbige zumindest politisch unterdrückt, praktisch nicht vorhanden. Das wussten Leute wie Martin Luther King oder Malcolm X, bevor sie ermordet wurden. Und das weiß auch Fred Hampton, Bürgerrechtler und Aktivist für die Black Panther Party, die dem FBI schon seit längerem ein Dorn im Auge scheint. Wir schreiben Ende der 60er Jahre, und wie es der Zufall so will, findet FBI-Agent Mitchell (gefährlich jovial: Jesse Plemons) in dem findigen Autodieb William den richtigen Spitzel, um näher an den „Black Messiah“ ranzukommen. Zwischen diesem und Hampton entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft auf Vertrauensbasis, die Ideale für Black Panther werden selbst für William zur ernstzunehmenden Agenda, jedoch hindern ihn diese nicht daran, einen folgenschweren Verrat zu begehen.

Freundschaft, Feindschaft und die Sache mit Judas. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: in der Bibel war dem Jünger der Verrat an seinem Herrn einen Beutel voll Silberlinge wert. Wer weiß, unter welchem Zugzwang der Mann wohl noch gestanden hat. Tatsächlich erinnert die neutestamentarische Figur an den ebenfalls von Reue, Angst und Idealismus gebeutelten Afroamerikaner William O’Neal – auch dieser wird sich einige Zeit später das Leben nehmen. Lakeith Stanfield (Knives Out, Der schwarze Diamant), genauso als Nebendarsteller für den Oscar nominiert wie Daniel Kayuula, der ihn ja schließlich erhalten hat, lässt das eigene Heil über volksvereinigenden Idealismus obsiegen, dabei ist ihm ersteres, so wie er es darstellt, nicht zur Last zu legen. Das inkonsistente Changieren der Black Panther zwischen unverhohlenen Terror-Ambitionen, Revolutionsgedanken und sozialem Engagement hat es damals nicht leicht gemacht, das eigene Leben unter eine militanten Linie zu stellen. Daniel Kayuula, seit Get Out im Kino nicht mehr wegzudenken, hat nicht weniger Charisma als Che Guevara, trägt auch artig das Barett und wettert gegen Polizisten – eine starke Performance. Gemeinsam meistern die beiden einen Film, der im Vergleich zu anderen derartigen Politfilmen ungewohnt ausdauernd beim Thema bleibt. Natürlich alles in gewohnten inszenatorischen Bahnen, mit reichlich Zeitkolorit und Privatem dazwischen. Doch Shaka Kings Film wirkt neben seinen rekapitulierenden Auftrag auch in Anbetracht gegenwärtiger Umstände nicht wenig empört.

Judas and the Black Messiah

Wir wollten aufs Meer

ZWISCHEN UNS DIE DIKTATUR

5,5/10


wirwolltenaufsmeer© 2012 The Wild Bunch

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2012

REGIE: TOKE CONSTANTIN HEBBELN

CAST: AUGUST DIEHL, ALEXANDER FEHLING, RONALD ZEHRFELD, SYLVESTER GROTH, THAO VU, ROLF HOPPE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Da ist was faul im Spitzelstaat. Natürlich – das ganze Bespitzeln selbst und all die mittlerweile von Nordkorea abgepausten Regeln einer politischen Ordnung, in welcher voll Stolz zum Gehorsam gezwungen wird. Freiheit sieht ganz anders aus. Ein bisschen davon ließe sich ja sogar auf den Weltmeeren zurückholen. Immerhin gab es den Schiffsverkehr selbst in der kommunistischen DDR. Doch auf ein Schiff kommt nur, wer hinter den politischen Ideen steht, wer für die Stasi eine weiße Weste hat und auch sonst in keiner Weise in den Westen schielt. 

In diesem Dunstkreis aus Verrat, Versuchung und ideologischer Andacht versuchen die beiden Freunde Cornelis und Andreas immer und immer wieder, eine Lizenz für die Seefahrt zu erhalten. Allein: man traut ihnen nicht. Es sei denn, sie bewähren sich dabei, Regimegegner mit Fluchtgedanken auf frischer Tat zu ertappen. Das geht mit Abhörgeräten unter dem Jackett ganz gut, und das eigene Gewissen macht dem Willen zur Selbstverwirklichung großzügig Platz. Bis die ganze Sache ans Licht kommt – ein gute Bekannter ans Messer geliefert wird und Andreas beim Streit mit seinem Buddy unter die Räder gerät. Die Wut im Buch ist auch danach nicht verschwunden, der Blick aufs Meer allerdings schon. Und die beiden Brüder im Geiste finden sich an beiden Enden der Nahrungskette wieder. Der eine bespitzelt und denunziert, der andere plant die Flucht.

Toke Constantin Hebbeln hat hier ganz großes, historisches Kino vorgehabt. Mit allem, was die versunkene DDR-Diktatur an grotesker Dramatik so hergeben kann. Mit Freundschaft und Feindschaft, mit Flucht und Gefängnis. Mit Verrat und Wiedergutmachung. Es fühlt sich an wie das mehrere tausend Seiten starke Prosa-Werk eines Epenschreibers – eines ausdauernden Autors, der die Dichte und Brisanz eines Krieg und Frieden-Romans in die mausgraue Nüchternheit einer spaßbefreiten Normenhölle zwängt. Altbackene Tapetenfronten, olivgrüne Uniformen und zigarettengegerbte Visagen gönnerhaft-jovialer Schreckgespenster, die den systematischen Anstand exekutieren, erfüllen die Stereotypen einer verblichenen und gleichsam immer noch lebhaft im Gedächtnis gebliebenen Ära. In identem Abstand zueinander: das Schauspielerdreieck August Diehl, Alexander Fehling und Roland Zehrfeld. Drei differente Charaktere, so wie The Good, the Bad and the Ugly, nur viel aufgeräumter, viel norddeutscher.  Zusammengenommen bieten alle drei die Lösung ihrer Existenzprobleme auf ihre Weise, und zusammengenommen birgt Wir wollten aufs Meer so viel Stoff, dass es für drei Filme vollauf gereicht hätte. Regisseur Hebbeln, der mit seinem Spielfilm Nimmermeer den Studenten-Oscar der Academy erringen konnte, wollte für sein Regiedebüt alles – hat aber letzten Endes nur die Hälfte davon hochwuchten können. Sein Film ist stellenweise enorm überladen und verlässt sich dabei viel zu oft auf emotional recht plakative, allerdings wirksame Klischees, die das etwas konfuse Netzwerk aus Abhängigkeiten und Beziehungen richtungsmarkierend einfärben. Hat zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Drama Das Leben der Anderen durch geschickte Reduktion die infamen Praktiken des Geheimdienstes extrahiert, will Hebbeln allem zugleich hinterherjagen. In manchen Szenen holt er sein Soll auch ein, dank seiner drei engagierten Stars, die wirklich nichts anbrennen lassen, die aber manchmal aufgrund der dürftigen Akustik, gepaart mit deutschem Slang, schwer zu verstehen sind. Alles in allem also eine etwas mühsame, aber fraglos engagierte Angelegenheit.

Wir wollten aufs Meer

Vom Ende einer Geschichte

BLICK ZURÜCK IN REUE

5/10


endeeinergeschichte© 2018 Wild Bunch


LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: JIM BROADBENT, HARRIET WALTER, CHARLOTTE RAMPLING, MATTHEW GOODE, EMILY MORTIMER, MICHELLE DOCKERY, BILLIE HOWLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Den britischen Schauspieler Jim Broadbent kennt die breite Front der Kinogeher wohl am ehesten aufgrund seiner Rolle als Horace Slughorn, verschrobener Professor für Zaubertränke aus der Harry-Potter-Episode um den Halbblutprinzen. Dank ihm, also dieser Figur, wissen wir Bescheid über Horkruxe. In der Verfilmung eines Romans des Engländers Julian Barnes hat er alles Magische abgelegt und lebt als Pensionist ein Leben der Gelassenheit und der Freude an alten Fotoapparaten. Um seine Rente aufzubessern, führt er auch noch einen winzig kleinen Laden für Analoges aller Art. Irgendwann aber bekommt der Senior einen Brief vom Notar. Anscheinend hat er was geerbt – genauer gesagt ist es ein Tagebuch von einem ehemaligen Kommilitonen aus der Studentenzeit, das aber wiederum in die Hände der eben verstorbenen Mutter seiner ehemaligen Freundin geraten war. Was hat es damit wohl auf sich? Broadbent wassert nach. Mit ihm der Film, der natürlich, wie es für BBC-Produktionen oft typisch ist, auf zwei weit auseinanderliegenden Zeitebenen fährt. In einer davon lernen wir Broadbents Ich in jugendlichen Jahren kennenlernen. Und kommen der ganzen Sache mit dem Tagebuch langsam, aber sicher, auf die Spur.

Vom Ende einer Geschichte, inszeniert vom indischen Filmemacher Ritesh Batra (Lunchbox, Photograph) ist wirklich kein Film, der lange in Erinnerung bleibt. Kein Wunder, dass die Figur des Rentners Tony sich nur vage an all die Dinge von damals erinnert, so verdröselt und detailverliebt kommen sie daher. Im Grunde ist die Literaturverfilmung kein schlechter Film, aber auch nichts wirklich Bewegendes. Klassische Prosa, über Liebe, Freundschaft und tragischen Zufällen, die das Leben so einiger beeinflusst haben. Doch mich wundert nicht, das Vom Ende einer Geschichte allzu gemächlich vor sich hinsinniert und eigentlich lieber als Vorlage gelesen werden will: Ritesh Batra ist nicht wirklich dafür bekannt, fesselnde Geschichten zu erzählen. Zumindest mir nicht. Photograph war eine arg hölzerne Romanze. Dieser Film hier hat zumindest den professionell aufspielenden Jim Broadbent als Star in petto. Die Story selbst aber ist für einen Film recht bemüht konstruiert, über mehrere Ecken gehend, das Kolorit früherer Jahre so gerne einfangend. Dabei aber immer so in den Erinnerungen kramend, wie man es tut, wenn alte Fotoalben gesichtet werden und verschiedenste Bilder im Kopf wieder aufpoppen. Das ist für den, der dabei war, sicher emotional erregend. Für den fremden Betrachter einer solchen Geschichte ist das eine biedere Schicksalsnummer über Verantwortung und Widergutmachung, gesprächig und gut besetzt, allerdings recht distanziert und umständlich.

Vom Ende einer Geschichte

21 Bridges

LOCKDOWN FÜR EINE NACHT

4/10

 

21Bridges© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: BRIAN KIRK

CAST: CHADWICK BOSEMAN, SIENNA MILLER, J.K. SIMMONS, TAYLOR KITSCH, KEITH DAVID U. A. 

 

Was machen all die Schauspieler aus dem MCU, wenn sie darauf warten müssen, endlich wieder in ihre gewinnbringenden Rollen zu schlüpfen? Sie verlassen sich auf ihre Agenten, die einen Plan B haben und ihnen Jobs vermitteln, die die Kaffeekassa zwar klingeln lassen, in den Filmgeschichtsbüchern aber nicht mal eine Fußnote wert sind. Einer dieser Stars, der nun Filme dreht, weil er Schauspieler ist, schlüpft normalerweise in die Rolle des Black Panther und nennt sich Chadwick Boseman. Der hat für einen urbanen Polizeithriller unterschrieben, der sich wiederum 21 Bridges nennt und in welchem Brücken ungefähr so eine große Rolle spielen wie die Freiheitsstatue in der Hudson Bay von New York, die im Film nur aus der Entfernung schemenhaft zu erkennen ist. Die Brücken sind auch mal kurz zu sehen, doch abspielen tut sich dort gar nichts. Tatsächlich geht’s darum, den Stadtteil Manhattan mal für eine Nacht runterzufahren und von der übrigen Metropole abzuschotten, da zwei Verbrecher hier irgendwo in den Straßen ihr Unwesen treiben und die natürlich am besten gestern gefasst werden müssen, da sie sich als Copkiller versündigt haben, nebenbei aber noch Hamsterladungen Rauschgift mit sich herumschleppen. Dann klappen wir mal die Brücken hoch, so die Exekutive. Ein Lockdown bis zum Morgengrauen. Das war’s dann auch schon mit den Brücken. Hätte sich da nicht mehr daraus machen lassen können, also mit den Brücken zumindest? Wäre es nicht naheliegend gewesen, diese 21 Brücken irgendwie einzubinden in die nächtliche Hatz?

Stattdessen ist Brian Kirks erste Spielfilmregie Business as usual. In jedem gefühlt zweiten Polizeifilm, so auch in diesem, sind Polizisten schwächer als ihr Berufscodex, und folglich korrupt – selbige Blase zieht sich meist sehr weit und hat gute Connections zur Unterwelt. Dass die Blauuniformierten hier nicht schon längst auf die Barrikaden gestiegen sind, um sich über deren Darstellung im Kino zu beschweren, wundert mich eigentlich. Oder ist da wirklich so viel Wahres dran, dass sich ein ganzes Berufsfeld gar nicht mal so verunglimpft fühlt? Polizisten sind in solchen Filmen leicht austauschbare Stereotypen geworden. Boseman macht hier auch keine Ausnahme. Ein traumatisierter Ehrgeizler, verkniffen und bis zum Komplex unlocker. Dieser Filmfigur kommt keiner nahe, und das nicht, weil sie so gefährlich aussieht oder entsprechend agieren würde. Man kommt ihr genauso wenig nahe wie einem Magistratsbediensteten kurz vor dem Parteienverkehr an einem Montagmorgen. Boseman steckt sein Terrain ab, und eigentlich lädt er uns nicht ein, ihm zu folgen. Da folgen wir lieber den beiden Killern – einer davon Ex-John Carter on Mars Taylor Kitsch – die ganz von selbst in einen mörderischen Strudel Richtung abwärts kreisen. Ihre Performance ist kein Vergleich zu den ermittelnden Guten, die in ihrer verschlafenen Pflichterfüllung eigentlich nur tun, was sie tun müssen. Bei Sienna Miller suche ich auch vergeblich nach dem Kick-Off für ihre Rolle, so zerstreut und mit undefiniertem Hangover zappelt sie hinter Chefermittler Boseman her, dem der Brückenschlag zu seiner teilnahmslosen Assistentin aus dem Drogendezernat einfach nicht gelingen will.

21 Bridges

Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets

Angel has fallen

SCHMERZ IST WAS FÜR WEICHEIER

6/10

 

angelhasfallen© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

CAST: GERARD BUTLER, MORGAN FREEMAN, NICK NOLTE, DANNY HUSTON, JADA PINKETT SMITH, TIM BLAKE NELSON, PIPER PERABO U. A.

 

Der Actionfilm steckt ein bisschen in der Sinnkrise. Entweder behelfen sich die Macher aktuell mit den guten alten Skills der Achtziger und lassen auch entsprechend grobkantige Stereotypen wieder auferstehen – oder sie mixen plakative Kalauer mit überzeichnetem Bombast, der das klamaukige Abenteuer vertritt, am Liebsten mit Dwayne „The Rock“ Johnson, der ja an sich sehr sympathisch ist, nicht umsonst hat er die meisten Follower auf Instagram. Was das Actionkino wiederum in Fernost bietet, ist ein ganz anderes Kaliber, da wird mit härteren Bandagen gekämpft, da ist das Publikum ganz andere Prioritäten gewohnt. Wo Martial Arts zuhause ist, wird bei Sichtung von Filmen wie The Raid sonnenklar. Stirb langsam war für Übersee-Begriffe wohl die unerreichte Benchmark – und bleibt es bis heute. Daran hätte bislang nur Gerard Butler als Mike Banning im Erstling Olympus has fallen zumindest ansatzweise etwas ändern können. Antoine Fuquas Belagerung des Weißen Hauses war in seiner Konsequenz und mit all seinen Opferzahlen die Tabula Rasa-Version für den Actionfilm der 2010er Jahre. Die Nachfolger des Mike Banning-Franchise allerdings weniger. London has fallen war wieder genauso austauschbar und nichtssagend wie gefühlt mehr als die Hälfte aller Actionfilme, die momentan so produziert werden. Größte Schwachstelle: der Antagonist. Unglaubwürdige Sinneswandlungen, sarkastisches Dauergerede und undifferenzierte Boshaftigkeit, vor allem aber irgendwelche abstrusen Ideale ziehen ansatzweise gute Plots in einen Mahlstrom cineastischer Reißbrett-Verhaltensmuster. Kawumm alleine reicht schon längst nicht mehr. Im Actionkino, das für Schauwerte auf das unserer Realität inhärente Spektrum an Möglichkeiten zurückgreifen muss und sich nicht auf Phantastisches verlassen kann, muss, und das scheint wichtiger als jeder Stunt, ein plausibler Plot für Spannung sorgen können. Irgendwie geht das nicht mehr, denn alles, was das Genre in seinem Bauchladen haben kann, war schon mal da.

Überrascht hat zuletzt Luc Besson mit seinem Actionfilm Anna. Das gleiche Thema wie eh und je, aber er hat es geschafft, sein Muster zu variieren, Wieso gelingt das im gängigen Elite-Actionkino nicht? Fragen wir den Stuntman und Filmemacher Ric Roman Waugh, ob er eine Antwort weiß. Denn der hat nämlich heuer das zweite Sequel der Banning-Eskapaden verfilmt. Und ehrlich gesagt: so richtig rund fällt seine Antwort auch nicht aus. Angel has fallen ist zwar deutlich stärker als der Vorgänger, doch letzten Endes verfällt Waugh genau den gleichen Schnittmustern, denen andere Actionfilme ebenso verfallen. Doch ich muss fair bleiben – Angel has fallen macht als Bodyguard-Version von Auf der Flucht längst nicht alles falsch. Schon gar nicht in Sachen Schauspiel. Gerard Butler gibt den Actionhelden, der eigentlich keiner mehr sein will, noch kaputter und psychisch geräderter als es Bruce Willis je war. Sein Mike Banning leidet an Schlafkosigkeit, Angstzuständen, Kopf- und Rückenschmerzen – der jüngste ist er auch nicht mehr. Diese Attitüde des Desolaten macht den Film an sich kerniger, erdiger, nicht so überzeichnet heroisch. Ihm zur Seite: ein rauschebärtiger, völlig nonkonformistischer Nick Nolte – das verschrobene Highlight schlechthin. Die beiden passen gut zueinander, ihre gemeinsamen Szenen sind das Beste, was der Film hergibt, die sehe ich lieber als das ganze Projektilgewitter, dass auf den Zuseher natürlich noch hereinbrechen wird. Und Morgan Freeman? Der ist freilich auch schon älteren Semesters und wirkt wie die afroamerikanische Ausgabe des Österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen. Dabei wäre es witzig, sich den Ex-Grünenpolitiker mit Hang zu Nikotin (raucht er noch?), Hunden und politischer Zuversicht in einem Actionfilm wie diesen vorzustellen. Nun – es geht! Erstaunlich gut sogar 😉

Angel has fallen

The Irishman

DIE FRANKYS UND TONYS DIESER WELT

8/10

 

irishman© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: MARTIN SCORSESE

CAST: ROBERT DE NIRO, JOE PESCI, AL PACINO, HARVEY KEITEL, RAY ROMANO, ANNA PAQUIN, JESSE PLEMONS U. A.

 

„Welcher Tony? – Die heißen doch alle irgendwie Tony!“ Ein berechtigtes Statement von Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa, der eben Jimmy und nicht Franky heißt und rein namentlich mal unterwelttechnisch aus dem Schneider ist, obwohl er seine Ziele auch nicht immer mit den gesetzeskonformsten Mitteln erreicht haben will. Das jedenfalls erklärt uns Martin Scorsese in seinem ausladenden Alterswerk, das aber einlädt zu einer nachhallenden Breaking-Bad-Ballade eines tatsächlich von der Leine gelassenen Finsterlings, der wie ein leibeigener Bluthund von Cosa Nostra-Mobster Russel Bufalino Drecksarbeiten erledigt hat, soweit das Auge der Unterwelt nur reichen konnte. Dessen Name war Frank Sheeran. Und ja, der war tatsächlich ein entfernter Verwandter des irischen Chartstürmers Ed, der natürlich nichts dafür kann für die Skrupellosigkeit seiner Vorfahren. Frank Sheeran also ist das Subjekt von Scorseses Faszination für das Böse in den Straßen. Die hatte er eh und je, und natürlich ist die dunkle Seite des Menschen oder ganzer Menschengruppen weitaus sogwirkender als das harmlos scheinende Gute. Diese Affinität zur Mechanik des organisierten Verbrechens ist deswegen sogar nachvollziehbar, weil diese Art des Bösen seine eigenen Werte braucht, weil es die Anarchie in ein Regelwerk zwängt, weil die Frankys und Tonys dieser Welt doch nur im Rahmen einer heiligen Pflicht ihre Finger beschmutzen. Dabei können sie nicht mal tun und lassen, was sie wollen, weil sie ganz anderen Gesetzen folgen und sich einer viel strengeren Hierarchie unterwerfen als das bei einem redlichen Lebenslauf wohl der Fall gewesen wäre.

Und dabei spannt Scorsese einen weiten Bogen bis hinunter in die 50er Jahre. Fast alle hat er wieder versammelt, der Altmeister. Seine Lieblingsakteure, angefangen von Robert de Niro über Joe Pesci bis hin zu Harvey Keitel, der allerdings nur einen dankbaren Cameo bekommt. Ray Liotta, sein Hauptdarsteller aus GoodFellas, der fehlt. Dafür aber haben wir Al Pacino wieder an Bord, errettet aus den B-Movie-Engagements und hinein in eine seiner stärksten und wuchtigsten Rollen, die er je spielen durfte. Da macht auch der digitale und manchmal etwas maskenhafte Weichzeichner auf Jung nicht viel aus, denn Pacino ist immer noch Pacino, mit all seinen einstudierten Manierismen, seiner Mimik und seiner Gestik, stets leicht übertrieben, einnehmend, unglaublich charismatisch. Wir erinnern uns, zumindest vage, an Jack Nicholsons Performance als Jimmy Hoffa – und die war längst nicht so intensiv. Pacino als unbequemer, streitsüchtiger Gewerkschafts-Feldwebel – was will man eigentlich mehr? Scorsese legt aber noch einiges drauf: Sein De Niro ist ein längst alter Bekannter, auch er stark liiert mit seiner für De Niro üblichen Mimik der verkniffenen Blicke. Gut, die haben sie alle, all diese Anzugträger und leicht besorgten Unterweltler blicken verkniffen, und sie alle haben keine lange Lebensdauer, wie uns der Film mit Inserts zu diversesten Schattengestalten der Cosa Nostra-Geschichte aufzuklären weiß. Joe Pesci wächst ebenfalls über sich hinaus, eine knorrige und zugleich schillernde Figur, die er als Russel Bufalino da gestaltet,

Tatsächlich ist The Irishman ein finsteres Who is Who, eine moralisch verwerfliche Freakshow zwischen Politik, Loyalität und Machtgier. Dass Frank Sheeran, dieser reuelos gutböse Handlanger, sogar sein letztes bisschen Anstand verschachert wie ein biblischer Judas, macht aus dem dreieinhalbstündigen Epos, das sich aber längst nicht so lang anfühlt, zu einer Studie des Verrats und der Unmöglichkeit, sich selbst im freien Spiel der Kräfte treu zu bleiben. Mitunter findet Scorsese neben all den schmissigen, dichten und packend inszenierten Episoden seiner Chronik oft absurde Szenen unfreiwilligen Zynismus, die an Quentin Tarantino erinnern. The Irishman ist makaber, brutal und in seiner Abkehr vom Menschlichen umso menschlicher. Verborgen liegt das Böse hinter salonfähigen Floskeln, die wie geheime Codewörter irgendetwas bedeuten, aber meist Ungesundes für andere. Leichen pflastern Scorseses Weg durch ein Meisterwerk politischer Königsdramen, die allesamt einen nüchternen Abgesang auf eine medievale Parallelwelt ergeben, die uns eben nicht weniger fasziniert als die Politik mit Feuer und Schwert.

The Irishman

Die Frau des Nobelpreisträgers

RINGEN UM ACHTUNG

5/10

 

© Meta Film London ltd© 2018 Constantin Film

 

ORIGINAL: THE WIFE

LAND: GROSSBRITANNIEN, SCHWEDEN, USA 2018

CAST: GLENN CLOSE, JONATHAN PRYCE, CHRISTIAN SLATER, MAX IRONS, HARRY LLOYD, ANNIE STARKE U. A.

 

Marie Curie hatte ihn, Barack Obama hat ihn, Gabriel Garcia Marquez zum Beispiel ebenso. Und die Österreicherin Elfriede Jelinek (u. a. Die Klavierspielerin): den Nobelpreis. Die Auszeichnung aller Auszeichnungen, die Ehrung aller Ehrungen, im Grunde der Oscar für literarische, wissenschaftliche und politische Disziplinen und da es den Oscar fürs Filmschaffen gibt, braucht es nicht hierfür nicht auch noch Standing Ovations in Stockholm. In vorliegendem Film ist der Nobelpreis der Literatur gefragt – und der geht an den fiktiven Buchstabenvirtuosen Joe Castleman, gespielt vom langjährigen Profi Jonathan Pryce, der vor nicht allzu langer Zeit sogar noch in Game of Thrones mitwirken und unter der Regie Terry Gilliams die Lanze gegen Windmühlen erheben durfte. Pryce, der hat an seiner Seite eine ebenfalls schon selten zu Gesicht bekommene Dame, nämlich Glenn Close. Auch sie mittlerweile legendär, und zuletzt in der Agatha Christie-Verfilmung Das krumme Haus seltsam undurchschaubar unterwegs. Beide zusammen in einem Drama um den begehrten Preis der intellektuellen Elite, da kann nicht viel schief gehen. Der Schwede Björn Runge hat sich dafür den US-Roman The Wife von Meg Wolitzer zur Brust genommen, in Zeiten wie diesen ein brisanter Stoff, aus dem in Wahrheit die Heldinnen sind. Und die sind selten in den ersten Reihen zu finden, geben sich selten selbstgerecht und lassen die selbstverliebte und zur Anhimmelung auffordernde Arroganz des Mannes außen vor. Frauen wie Glenn Close, die haben so etwas gefälligst nicht notwendig. Frauen wie Glenn Close, die sollten lieber nicht in die erste Reihe vordringen, vielleicht sogar vor dem eitlen Geck treten, der sich seines Könnens mehr als bewusst zu sein scheint. Doch ist es wirklich sein Können? Und darf Glenn Close, die Frau, erwachsen geworden in einem Zeitalter, wo die Weiblichkeit etwas war, das hinter den Herd gehört, sich nicht vielleicht doch so platzieren, dass ihr Schatten auf den Patriarchen fällt?

Die Frau des Nobelpreisträgers hat interessante Ansätze und funktioniert nicht nur auf der offensichtlichen Ebene, die von Verrat und Wertschätzung erzählt. Die andere Ebene, die noch viel interessanter ist, stellt die Frage: Definiert sich die Qualität einer Kunst, das Glück eines Künstlers oder einer Künstlerin, tatsächlich nur durch das Lob der Kunstkonsumierer? Durch die Leserschaft, das Auditorium, der Fans? Braucht Kunst nicht nur dann ein Publikum, wenn es die Existenz finanzieren soll? Oder sind Künstler Menschen, die sich längst nicht mehr selbst und ihrem Talent genügen, sondern am Response der anderen ihren Selbstwert definieren? Das ist die eine Seite, die Die Frau des Nobelpreisträgers zu einem anregenden Diskurs über Ruhm, Ehre und Öffentlichkeit führt. Die andere Seite stellt die Frage: Wie viel Achtsamkeit braucht der Mensch? Und brauchen Mann und Frau gleich viel? Natürlich, was ist das für eine Frage. Nur – Glenn Close, die kommt zu kurz. Und als der große Preis verliehen wird, das Paar dem schwedischen Monarchen die Hand schüttelt und von vorne bis hinten geehrt und bedient wird, da wärmt das Licht unter dem Scheffel niemanden mehr, da hat die Genügsamkeit und die Ich-Definition ihre Grenzen. Wer genau wissen will, was in diesem Künstlerdrama wirklich vorfällt, der sollte sich bei der Nobelpreis-Ehrung filmtechnisch auf die Gästeliste setzen lassen, denn genauer ins Detail werde ich in meiner Review nicht gehen können, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Ohnehin bleibt die Vorahnung sowieso omnipräsent. Und die aparte, unverwechselbare Ausnahme-Akteurin Close wird mit Engeln und Teufeln ringen müssen, die entweder ihre Persönlichkeit neu definieren wollen oder an ihre Verbundenheit zu ihrem Gatten, den größten Literaten des Jahres, appellieren.

Trotz all dieser Zerwürfnisse, dieser spitzen Bemerkungen am Hotelzimmer und den anmutigen Aufnahmen eines vorweihnachtlichen Stockholm bleibt Runges Film ein zwar opulentes und famos besetztes, aber irgendwie auch emotional beengtes Kammerspiel, das sich relativ leicht für die Bühne adaptieren ließe. Viel störender hingegen ist die dramaturgische Gliederung des Filmes, insbesondere die eingestreuten Rückblenden, die so gar nicht in das intensive Spiel von Pryce und Close passen und die besondere, angespannte und diskussionsbereite Intimität der beiden immer wieder aufs Neue zerreißt. So sehr die Zeitebene der Gegenwart auch aus einem gehaltvollen Guss zu sein scheint, so hölzern hinkt das Damals hinterher. So bemüht schielen die beiden Jungstars auf Schreibmaschine und Ehebett, um das ganze akute Schlamassel überhaupt erst zu erklären, was sie eigentlich nicht müssten. Die beiden Ebenen passen nicht zusammen, sind sich stets im Weg, behindern ein Werk, das einiges zu erzählen hat, aber nie wirklich bis zur Mitte der Geschichte kommt. Die Gedanken zu all den vorhin aufgeworfenen Fragen, die machen sich selbstständig, die suchen sich Referenzen in der eigenen Lebensagenda, die lassen den Film Film sein. Dafür, dass dieser sie allerdings aufwirft, verdient er meinen Respekt – alles andere daran sind Fragmente, die sich gegenseitig ausbremsen.

Die Frau des Nobelpreisträgers

Mile 22

DER FEIND MEINES FEINDES

4/10

 

mile22© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER BERG

CAST: MARK WAHLBERG, IKO UWAIS, LAUREN COHAN, RONDA ROUSEY, JOHN MALKOVICH U. A.

 

Der Feind meines Feindes – der ist doch bekanntlich mein Freund, oder nicht? Muss nicht sein, schon gar nicht wenn keiner dem anderen trauen kann. Aber was tun, wenn dieser Freundesfeind alles hat was du brauchst. Nämlich den Zugangscode für eine Festplatte, die brisante Details über illegal gelagertes Cäsium bewahrt und diese Info so lange nicht rausrücken will, bis besagter Überläufer in wohligem Gewahrsam der USA weilt. Das Problem bei der Sache – wir befinden uns in Mile 22 in einem Konsulat inmitten einer fiktiven südostasiatischen Stadt namens Indocarr – bitte keine Vergleiche mit realen Ballungsräumen ziehen, wobei sich Jakarta oder Kuala Lumpur als Vorbilder geradezu aufdrängen. Dieses Indocarr ist politisch betrachtet ziemlich korrupt und hinterfotzig, und diese Hinterfotzigkeit ruft natürlich paramilitärische Gruppen auf den Plan, wie jene, die von Choleriker Mark Wahlberg angeführt wird. Der Lieblingsschauspieler von Peter Berg, welcher hier auch wieder Regie führt, kennt sich ja schon seit The Departed mit Ungustln aus, und auch die Rolle des soziophoben Querkopfs, der auf dem Papier zu den „Guten“ gehört, fällt ihm sichtlich leicht. Der, mit dem er es aber zu tun bekommt, entlockt zumindest bei hartgesottenen Fans des asiatischen Actionkinos ein Jauchzen des Wiedererkennens: Bereits schon legendär als Polizist Rama in den beiden blutigen Actionslashern The Raid und The Raid 2, darf Choreograph Iko Uwais zumindest mal anfangs so tun, als brauche er ganz dringend politisches Asyl. Auf ihn aber haben es alle Bluthunde der Welt scheinbar abgesehen, darunter auch die Russen. Außer Landes bekommt man den ausgebildeten Selbstverteidiger aber nur mit dem Flieger – und dieser liegt besagte 22 Meilen vom Konsulat entfernt.

Der Survival-Trip durch den Großstadtsdschungel ist also Kernstück dieses filmischen Kugelhagels, in dem Menschen sterben wie die Fliegen. Dabei scheint es aber aus meiner Sicht mit der Grundidee für Action wie diese gehörig zu hapern. Wir haben die Botschaft der Vereinigten Staaten auf der einen Seite, und den Flugplatz mit einem Flugzeug, das maximal zehn Minuten auf dem Boden bleiben kann, auf der anderen – das Zeitfenster ist also eng. Dass es wirklich keine andere Möglichkeit gibt als nur mit dem Auto von A nach B zu kommen, kann mir keiner weismachen. Dieses wie so oft betonte Sonderkommando, dessen Profis angeblich wie Geister fungieren, lässt das Parapsychologische aber ziemlich außen vor. Bei so viel Getöse, mit dem diese Superkämpfer, mehr Pfuscher als Professionisten, hier aufmarschieren, weiß die ganze Hemisphäre, dass hier heisse Fracht unterwegs ist. Ein Helikopter wäre ein Stichwort, dass man ins Brainstorming hätte werfen können. Innerhalb von wenigen Minuten wäre der Most Wanted Man in Sicherheit. Taktisch klug wäre auch die Alternative, falsche Fährten zu legen. Und warum wartet Oberboss Malkovich (ähnlich blass, nichtssagend und verheizt wie Gary Oldman in Hunter Killer) ewig auf die Freigabe für den Einsatz der Drohne, die das ganze Unterfangen wie Big Brother aus der Luft beobachtet und jederzeit eingreifen könnte? Der Plot stimmt also hinten und vorne nicht. Möglich aber, sich damit anzufreunden – aber auch dann bleibt ausser viel Getöse nicht viel übrig.

Gut vorstellbar, dass sich Peter Berg mit Raid-Macher Gareth Evans auf einen Kaffee getroffen hat. Der hat ihm dann Iko Uwais empfohlen, damit dieser einen Film produzieren kann, der ungefähr so aussieht wie seine eigene martialische Hochhaus-Invasion aus dem Jahr 2011. Und das tut Mile 22 dann auch. Nämlich ganz so danach auszusehen. Mit der Eleganz eines Ego-Shooters massakriert sich das kugelsichere Häufchen Elend durch eine niemals enden wollende Horde fieser Handlanger, die endlos Munition verballern. Mit dabei eine fahrige Kamera, die von der durchdachten Choreographie des Tötens nicht viel mehr übrig lässt als hektisches Bildwedeln. Dazwischen ein Mark Wahlberg im Verhör, der sich unendlich weise vorkommt, eigentlich aber nur Phasen drischt, die von arrogantem Alpha-Gehabe dominiert wird. Mile 22 ist mehr eine Trittbrett-Hommage an das moderne Asia-Action-Kino als eigenständiges Spannungsvehikel. Was Peter Berg mit Boston so souverän getimt hat, verliert sich hier in zeitvergeudender Hudelei. Selber schuld, wenn all die starken Krieger und Kriegerinnen letztendlich zu spät kommen.

Mile 22