Raymond & Ray (2022)

BUDDELN BIS ZUM INNEREN FRIEDEN

7/10


raymond-and-ray© 2022 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: RODRIGO GARCIA

CAST: ETHAN HAWKE, EWAN MCGREGOR, SOPHIE OKONEDO, MARIBEL VERDÚ, VONDIE CURTIS-HALL, TOM BOWER, TODD LOUISO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Oft hört man bei Begräbnissen die in den Abschiedsfloskeln eingearbeiteten, ironischen Zeilen: Bis zur nächsten Leich‘, da sehen wir uns wieder. So makaber sich das anhören mag – irgendwie stimmt es auch. Jeder hat sein eigenes Süppchen am Kochen, und nur selten ist auch die blutsverwandte Familie auch wirklich darüber hinaus miteinander verbunden. Ein paar halbgare, in die Stille fehlender Worte hineingesprochene Einladungen, die man kurzerhand gleich wieder bereut, sind das einzige Zugeständnis an die Sippe. Man kann auch im selben Elternhaus aufgewachsen sein, man mag vielleicht in jungen Jahren miteinander durch Dick und Dünn gegangen sein – das Erwachsenenleben kappt die Schnur zur Vergangenheit durchaus gerne. Vor allem dann, wenn die gemeinsamen Erziehungsberechtigten Methoden an den Tag gelegt haben, die jedes spätere Selbstbewusstsein im Keim erstickten. Zum Glück für Ewan McGregor und Ethan Hawke ist das nächste Begräbnis keines, dass sie zwangsläufig mit ihrem alten Herrn wieder auf Tuchfühlung gebracht hätte. Sondern es ist die Einsegnung des Tyrannen selbst.

Trotz all des Widerwillens ist das Blut immerhin noch dick genug, um die Brüder Raymond & Ray dazu zu bewegen, den letzten Willen ihres schrecklichen Vaters anzunehmen. So schlägt der eine – ein biederer Familienvater mit klarer Tendenz, aufgrund seiner in den Tag hineingelebten Langweile die eigene Ehefrau zu vergraulen – beim brüderlichen Windhund auf. Ein bindungsloser, Drogen und Alkohol nicht abgeneigter Tagedieb mit Lust auf schnellen Sex. Lange nicht mehr haben die beiden miteinander kommuniziert, doch jetzt ist die Erlösung von dem Bösen endlich da, und schließlich ist es immer noch der eigene Vater, dem man zumindest einen Stinkfinger hinterherschicken kann, wenn dieser in die erdige Tiefe hinabgelassen wird. Das Sonderbare daran: die paar Kubikmeter Erdloch müssen erst gebuddelt werden – so steht’s im Testament. Und zu allem Überdruss sind die beiden nicht die einzigen, die den Begräbnis-Workshop am Friedhof absolvieren müssen – plötzlich sind da ganz andere, wildfremde Leute, die den Alten ganz anders in Erinnerung hatten als die beiden Brüder. Apropos Brüder: Auch in dieser Sache wird’s noch die eine oder andere Überraschung geben.

Hawke und McGregor – zwei schauspielerische Kapazunder – nehmen für die exklusiv auf AppleTV+ veröffentlichte Tragikomödie den Spaten in die Hand. Wer einem Begräbnis wie diesem schon irgendwo irgendwann mal beigewohnt hat, kann sich zur Randgruppe zählen. Die meisten werden sich bei einer Do it yourself-Beerdigung doch reichlich wundern – und unsere Stars in diesem Film tun das gleich mit. Wobei anfangs alles nach einem konventionellen Independentdrama aussieht, dass sich mit der Aufarbeitung familiärer Vergangenheit beschäftigt, indem sich später alle zum verbalen Showdown treffen. Natürlich peilt Drehbuchautor und Regisseur Rodrigo Garcia (u. a. Four Good Days) an besagter Thematik nicht vorbei. Klar gehts um Entbehrungen aus der Kindheit und darum, herauszufinden, worauf es ankam, um nun der Mensch zu sein, der man geworden ist. Überraschenderweise ist der Schauplatz dafür nicht das geerbte Eigenheim von damals, sondern das offene Gelände einer Ruhestätte, auf welchem alle aufeinandertreffen, die nur irgendwie mit dem Verstorbenen zu tun hatten. Während gebuddelt wird, kommt nicht nur die Erde hoch, sondern die ganze Wut, der ganze Frust, die ganze Traurigkeit von damals. Sie trifft auf andere Sichtweisen und seltsame Widersprüche, auf weise Stehsätze des Predigers und neugierige Blicke einer völlig unbekannten Restfamilie. Raymond & Ray ist zwar längst nicht so schwarzhumorig und bittersüß wie zum Beispiel die britische Groteske Sterben für Anfänger oder überhaupt Vier Hochzeiten und ein Todesfall. Das schweißtreibende Begräbnis von Rodrigo Garcia ist im Gegensatz zu diesen Beispielen von einer ganz besonderen Sorte, fühlt sich an wie ein seelisches Workout und kippt gerne ins Bizarre – wie Beerdigungen es manchmal tun, wenn sie nicht nach Plan laufen. Dieser Anarchie des Bestattens erreicht nicht nur Tiefe als Loch im Boden, sondern auch als zutage geförderte, heilsame, vielleicht unschöne Wahrheit. In diesem menschelnden Chaos, in diesem Ausnahmezustand zwischen befremdender Aufbahrung und Patronenhülsen aus dem Revolver, die wie Rosen auf den Sargdeckel kullern, hat eine kleine, geschlossene Gesellschaft gerade den richtigen Riecher, um Bilanz zu ziehen.

Raymond & Ray (2022)

Aftersun (2022)

DIE WEHMUT AM LETZTEN URLAUBSTAG

6,5/10


aftersun© 2022 MUBI


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2022

BUCH / REGIE: CHARLOTTE WELLS

CAST: PAUL MESCAL, FRANKIE CORIO, CELIA ROWLSON-HALL, BROOKLYN TOULSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Mit Nominierungen und Preisen überhäuft, Kritikerlob da und Kritikerlob dort: Charlotte Wells, bisher maximal mit Kurzfilmen vertreten, die nur Insider kannten, hat mit ihrem allerersten Spielfilm bereits so viele Tore ins Filmbiz geöffnet, die andere sonst nur auf zähem Wege und vor allem mit Vitamin B aufbekämen. Keine Ahnung, wohin Wells es zukünftig verschlagen wird, oder ob man ihr, wie Chloë Zhao, ein Franchise unterjubelt, mit welchem sie nichts anfangen kann. Denn Aftersun ist ein Film, der nicht so danach aussieht, als würde seine Macherin dereinst mit Comic-Helden oder Aliens jonglieren wollen, sondern es lässt sich gut der Eindruck gewinnen, dass Künstlerinnen wie Wells sehr wohl schon ihren Themenkreis gefunden haben. Dessen Materie setzt sich zu Stimmungsbildern zusammen und eignet sich wohl weniger zur geradlinigen Story mit Twist und Showdown. Aftersun legt es aber mitnichten darauf an, sein Publikum zu verwirren oder auf falsche Fährten zu locken. Das wäre, wenn doch, lediglich des Effekts willen probiert. In diesem Film hier geht es um Erinnerungen und gemeinsam Erlebtes, auch wenn das Erlebte nicht aufgrund spektakulärer Begebenheiten unvergessen bleiben will. Die Wucht darin liegt in der familiären Wärme des Miteinanders, der vertrauten Dynamik zwischen Vater und Tochter, unter levantinischer Sommersonne und den gängigen Rhythmen eines Pauschalurlaubes, der nichts dem Zufall überlässt und in welchen sich Touristen wie Sophie (Frankie Corio in ihrer ersten Filmrolle) und Calum (Paul Mescal) fallen lassen können. Viel Schlaf, entspanntes Herumhängen und schickes, abendliches Dinieren. Dazwischen Sonnencreme, Müßiggang am Pool oder Baden im Meer kurz vor Sonnenuntergang. Wir alle wissen, wie sich sowas anfühlt. Wenn die Buchung des Hotels mal so stimmt, wie erwartet, sind Zeit und Alltag ausgehebelt, zählt nur noch das Jetzt ohne Tagescheck, und oft weiß man nicht, ob die Woche schon rum ist, so versunken scheint man zwischen Sand, Salz und Eiscreme. Und natürlich denken wir uns dann, dass wir irgendwann dortbleiben wollen. Aussteigen, auf diese Weise weiterleben. Daheim alles zurücklassend, weil die Ferne ruft. Tatsächlich lässt sich das auch von der All-inclusive-Bar denken und erträumen. Und nicht nur das. Die elfjährige Sophie und ihr Vater Calum wollen ebenfalls ewig in dieser Vater-Tochter-Konstellation verharren und in den heißen, angenehm ermüdenden Tag hineinleben. Doch irgendetwas, jenseits dieser idealen Kulisse, stimmt nicht.

Denn Vater Calum dürfte für Sophie irgendwann später nur noch Geschichte gewesen sein, verknüpft mit der Erinnerung einer kurzen und zugleich zeitlosen All-Inclusive-Buchung, die sich für ewig als das Bild einer Zweisamkeit ins Gedächtnis der nun schon erwachsenen Sophie gebrannt hat, die eines Tages das selbstgedrehte und kuriose Handycam-Video hervorkramt und in der bittersüßen Stimmung von damals schwelgt. In ihren Gedanken aber befindet sie sich immer wieder auf einer in Stroboskoplicht getauchten, dich bevölkerten Tanzfläche, inmitten das Gesicht ihres Vaters. Oder doch nicht? Wo ist sie hin, die Vergangenheit? Wo ist sie hin, die immer abstrakter werdende und verfremdete Figur von Dad?

Aftersun bietet auf den ersten Blick nicht mehr als aneinandergereihte, repetitive Momente eines Urlaubs. Auf den zweiten Blick versucht Charlotte Wells, das Narrativ einer mit Wehmut aufgeladenen Erinnerung in einem Alltagsfluchtort wie diesen festzumachen. Dabei bleibt sie vage und assoziativ, das Davor und das Danach verliert sich im Dunkeln eines Dancefloors. Was später passieren wird, soll durch seine Variabilität und Undefinierbarkeit dem Zuseher die Möglichkeit geben, sein eigenes Stück Familiengeschichte hineinzuinterpretieren. Aftersun ist ein subjektives Psychogramm, errichtet aus Beobachtungen innerhalb einer kurzen Zeitspanne der Eintracht. Natürlich wirkt das etwas dürftig, für Plot-Fetischisten womöglich zu wenig, die darauf warten, das etwas passiert. Passiert ist aber alles längst, nach der ersten Minute schon. Was wir hier haben, ist das rekapitulative Nachwehen von Vergangenem – intuitiv inszeniert, aber auch schwer erreichbar.

Was in Aftersun bleibt, ist das Eingestehen der Tatsache, Zeit seines Lebens die Leere ertragen zu müssen, die auf vergangenes Glück folgt. Würde sich die Zeit zurückdrehen lassen, würde Sophie den besten Urlaub ihres Lebens niemals anders erleben wollen. Immer und immer wieder.

Aftersun (2022)

Vesper Chronicles

ERNTEN WAS MAN SÄT

5,5/10


vesper© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: LITAUEN, FRANKREICH, BELGIEN 2022

BUCH / REGIE: KRISTINA BUOZYTĖ & BRUNO SAMPER

CAST: RAFFIELLA CHAPMAN, EDDIE MARSAN, ROSY MCEWEN, RICHARD BRAKE, EDMUND DEHN, MÉLANIE GAYDOS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Die Welt hat sich wieder mal selbst ins Aus gekickt. Übrig bleiben triste Wälder, brach liegende Äcker, sumpfige Landschaften. Ungefähr so, wie es derzeit im Baltikum aussieht, nur unfruchtbar, jenseits allen bislang erreichten Fortschritts. Verwahrlost, verarmt – und Wegelagerern begegnet man auf jeder Lichtung. Die Reichen und auf der Butterseite des Lebens Dahergeschlitterten haben sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihre teuer erkauften Blasen zurückgezogen, genannt die Zitadellen. Doch viele haben gar nichts, und können sich ein Leben in der Zitadelle ungefähr so vorstellen wie wir uns den Lottosechser. So eine vom Leben enttäuschte junge Dame ist Vesper – ein Teenager, der seine geistige Entwicklung auch nicht gerade verschlafen hat, mit seinem autodidaktisch angeeigneten Knowhow an Biomechanik herumexperimentiert und die halbe Hütte als Labor benutzt. Unweit davon entfernt züchtet Vesper selbst kreierte Pflanzen, mit dem Ziel, etwas Fruchtbares zu schaffen, von dem alle leben könnten. Pflanzen jedoch haben den Planeten fest im Griff. Geht man in den Wald, scheint es so, als gerät man in die verbotene Area X aus Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie (Auslöschung). Dort hat die Botanik alles tierische Leben ersetzt und Nischen gefüllt, ganz so, wie man es erwarten würde, hätte die Evolution eben Platz geschaffen  für Virtuosen aus leuchtenden Stielen, todbringenden Stacheln und sonstigen Extremitäten, die sich gerne irgendwo festsaugen. Vesper scheint durch die Landschaft eines fremden Planeten zu stiefeln, an ihrer Seite ein schwebender Kubus – ein biomechanisches Sprachrohr, das Vespers Vater ersetzen soll, der, ans Bett gefesselt und womöglich an einem Locked In-Syndrom leidend, zumindest auf diese Weise aktiv am Leben seiner Tochter teilhaben kann.

Da passiert es und Vesper findet Camellia, eine Bewohnerin aus einer der Zitadellen, die mit ihrem Gleiter über den Wäldern Bruchlandung erlitt. Allerdings war da noch jemand im Flugzeug, und zwar deren Vater. Also macht sich der toughe Teenie auf die Suche nach ihm und kommt bald ihrem Onkel Jonas (Eddie Marsan) in die Quere, der die Elite verabscheut und nicht nur das – Jagd auf künstlich gezüchtete Humanoide macht.

Über allem allerdings schwebt die Aura einer gewissen Zuversicht, die man besitzt, wenn man das Genom alles Lebendigen entschlüsselt hat und damit herumfuhrwerken kann wie mit einer Kiste voller Lego. Auch wenn Gaia nicht mehr das ist, was sie mal war, könnte es einen neuen Anfang geben. Diese Hoffnung macht diese postapokalyptische Düsternis erträglich und erlebbar, und überhaupt beeindruckt die Fülle an fantastischer, fahlbunter botanischer Biomasse, die atmet und pulsiert. Vesper Chronicles ist aber nicht nur die Coming of Age-Geschichte mit einer ordentlichen Portion Albtraum für Botanophobiker, denen Würgefeigen und The Little Shop of Horrors längst schon keinen Kick mehr geben. Ein bisschen liebäugelt die litauische Autorenfilmerin Kristina Buozytė (Vanishing Waves) und der Franzose Bruno Samper mit Versatzstücken aus Ridley Scotts erdachter Welt der Replikanten und Blade Runner. Nur ist Vesper Chronicles im Vergleich dazu die Schrebergarten-Version. Hier dominieren von Pilzsporen befallene Holzverschläge und das Interieur sich selbst überholter Retro-Science-Fiction. Und ja, das sieht verdammt gut aus. All das Pflanzliche, Wuchernde, verbunden mit futuristischer Verschleißtechnik, die sich in einer zwischen zwei Atemzügen befindlichen Welt aus technologischen Wracks und bizarr gekleideten Schrottsammlern, die wie Brueghel-Figuren durch die herbstliche Endzeit trotten, zusammensetzt, könnte in den Büchern von Simon Stalenhåg zu finden sein. Oder in den Romanen russischer Zukunftsliteraten wie den Gebrüdern Strugatzki (Stalker). Das alles entfacht eine berührende Stimmung. Doch Stimmung allein trägt selten einen Film fast über zwei Stunden. Zwischen all den Wendepunkten auf der Suche nach einem Neuanfang lässt sich das Regieduo oftmals zu viel Zeit. Der Plot ist träge und langatmig, Spannung gibt es kaum. Was man für Vesper Chronicles braucht, ist also Geduld – die einem immer wieder abhandenkommt, wenn die leidlich interessante Beziehung zwischen Mutterfigur Camellia und der jungen Vesper vertieft wird. Da mag Raffiella Chapman noch mehr Hoffnung schöpfen für die Zukunft – unsereins schaut derweil auf die Uhr.

Vesper Chronicles

Alcarràs – Die letzte Ernte

DER BISS IN DEN SAUREN PFIRSICH

6,5/10


alcarras© 2022 Piffl Medien


LAND / JAHR: SPANIEN, ITALIEN 2022

BUCH / REGIE: CARLA SIMÓN

CAST: JORDI PUJOL DOLCET, ANNA OTIN, XÈNIA ROSET, ALBERT BOSCH, AINET JOUNOU, JOSEP ABAD, MONTSE ORÓ, CARLES CABÓS, BERTA PIPÓ U. A.

LÄNGE: 2 STD


Wir haben bereits September, das Ende des Sommers kündigt sich mit morgendlicher Frische und früher Dunkelheit an. Auch sehen die Kastanienbäume nicht mehr so aus, als hätten sie gerade die Zeit ihres Lebens. Der Herbst steht vor der Tür, ich freu mich drauf. Andere freuen sich weniger. So zum Beispiel jene Bauernfamilie aus Katalonien, die ihren letzten heißen Sommer inmitten früchtetragender Pfirsichbäume verleben muss, denn was nach der letzten Ernte mit all den Hektar Land hier passieren wird, gleicht einem Albtraum für jene, die schon seit Generationen, ähnlich wie die freudestrahlenden Bauern in der San Lucar-Werbung, handverlesene Landwirtschaft betreiben und die Nachhaltigkeit auf eine Weise leben wie sonst nur in den Ja natürlich!-Heftchen für die Kleinen. Man möchte es kaum glauben, aber dort, im glutheißen Alcarràs, wo jedes Tröpfchen Wasser wohldosiert sein muss und das rotgoldene Obst so behandelt wird, als wären es lebendige Wesen, scheint die Idylle eines Bauernlebens gerade im Sommer, wenn die kleinen Kinder ihre Abenteuer erleben und der Patriarch seinen Sohn einspannt, vollkommen.

Der Albtraum macht sich bereits auf der anderen Seite der Landstraße bemerkbar – es sind Solarpaneele, die, zu Plattformen zusammengesteckt, natürlich nachhaltigen und umweltfreundlichen Strom erzeugen sollen. Die Sonne scheint für alle und immer, teuer ist hier nur das Equipment. Bald soll es auch den Pfirsichbauern von Alcarràs so ergehen, denn das Land, auf welchem sie ihre Erträge sichern, gehört eigentlich einem reichen und in die Zukunft investierenden Grundbesitzer. Dessen Großvater aber habe zum Dank dafür, ihn während der Franco-Diktatur versteckt zu haben, besagter Familie den Boden unbefristet zur Verfügung gestellt. Blöd nur, dass es dafür keine Belege gibt, sondern nur einen feuchten Händedruck, der den Deal besiegelt haben soll. Opa ist verzweifelt, denn damals war das alles anders. Der Vater ackert sich zum Krüppel, und die Mutter versucht, die Idylle gerade noch zusammenzuhalten, während die Tochter ihrem Teenagerdasein frönt, mit allen Allüren. Für die ganz Kleinen ist alles ein Spiel, die verbringen den Sommer wie einen von damals – barfuß, schmutzig, im Geröll der Landschaft umhergeisternd und tote Kaninchen bergend, die eine Plage für den Bauern sind.

All diese Beobachtungen eines Sommers hat Carla Simón mit ihrem Langfilmdebüt auf ein atmosphärisch dichtes Familienportrait komprimiert, das in seiner Intensität russischen Gutshofdramen von Tschechow oder Tolstoi in nichts nachsteht. Mit der Sonne im Rücken oder aufs verschwitze Gesicht, feiern eine Vielzahl an Familienmitgliedern – vom sinnierenden Großvater bis zum kleinen Mädel, das ihren Cousins zeigt, wo s langgeht – die Anstrengung getaner Arbeit, den süßen Saft reifer Pfirsiche, der beim Reinbeißen über die Finger rinnt oder das entspannte Miteinander im kühlen Inneren des Hauses während der Siesta. In Alcarràs – Die letzte Ernte ist die Stimmung das Juwel des Films, und Simon hält sich wider Erwarten mit den Gedanken ans Ende einer Idylle nicht zu lange auf. Wie ein Damoklesschwert hängt die bittere Zukunft über dem Gut, doch das trübt den Sommer nur bedingt. Die Familie existiert in einem unverwundbaren Jetzt. Nur manchmal dringt die Wahrheit an den Tag, wenn Papa Quimet seine Tränen nicht mehr halten kann.

Wie Tschechow oder Tolstoi ist Alcarràs – Die letzte Ernte dann doch nicht geworden. Was fehlt, ist die Dysfunktionalität der Familie, der vergrabene Kummer, das Unverziehene. Simón lässt keine zwischenmenschliche Tragödie vom Stapel, sondern lobt letztendlich den Schulterschluss vor einer unausweichlichen Veränderung. Durch ihr weitgehendes Weglassen eines irreversiblen Dramas, das zum Drama des Wertverlustes noch hinzukommt, bleibt Alcarràs nur der Sommer in all seiner Expressivität, eingefangen in distanzlosen Bildern, die man fast schon riecht und schmeckt. Zwei Stunden Kino geraten dabei aber fast schon zu lang, das Ansehen alltäglicher Ereignisse und spanischer Dorffolklore erschöpft auf Dauer dann schon etwas, und man fragt sich, ob die Kritik an der Weltwirtschaft nicht etwas zu resignativ ausfällt. Im Gegensatz dazu hat der ebenfalls spanische Film El Olivo – Der Olivenbaum aus dem Jahr 2016 deutlich mehr zu sagen.

Alcarràs – Die letzte Ernte

Hatching

DEN ELTERN EIN EI GELEGT

7/10


Hatching© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: FINNLAND 2022

REGIE: HANNA BERGHOLM

CAST: SIIRI SOLALINNA, REINO NORDIN, JANI VOLANEN, SOPHIA HEIKKILÄ, SAIJA LENTONEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Survival of the fittest gilt auch für jene, die, kaum dass sie laufen und sich halbwegs artikulieren können, sofort gefördert werden müssen. Denn es kann ja nicht sein, dass die kommende Generation angesichts des brutalen Wettbewerbs, der auf sie zukommen wird, außen vor bleiben muss. Talente können früh entdeckt und genutzt werden, solange es den Kindern Spaß macht. Manchmal aber sickert das elterliche Ego damit rein, und selbsterlebte Kränkungen aufgrund eigener unerreichter Ziele haben da nun die Chance, gelindert zu werden. Das Kind wird so zum Werkzeug der eigenen Genugtuung. Wird es zum Gewinner, gewinnen auch die Eltern.

Und wenn nicht? Was, wenn das Kind den Drill zum Leistungssport nicht mehr mitmachen will? Zum Klaviervirtuosen oder Schachmeister? Zum Klimasprachrohr oder Popstar? Nicht auszudenken, welcher Druck sich hier aufbauen kann beim Erfüllen elterlicher Erwartungen. Manchmal muss das Kind dann trotzdem ran, auch wenn es das nicht will. Wie bei Thomas Bernhard zum Beispiel, und seinem Geigenspiel. Oder Tom Schilling als Klavierspieler in dem mit Corinna Harfouch so bravourös dargestellten Psychogramm Lara.

In Hatching will Mädchen Tinja will zwar im Kunstturnen brillieren, sieht sich aber unter enormem Leistungsdruck, der von Mama ausgeht, während Papa wie das pittoreske, aber nutzlose Inventar eines neureichen Haushalts seine Rosen gießt und verlegen grinst. Glücklich ist die Familie dennoch. Zumindest nach außen hin, dank eines triefend kitschigen Heile-Welt-Blogs, der umschreiben und darstellen soll, wie glückliche Familien auszusehen haben. Dahinter liegt, wie kann es anders sein, einiges im Argen. Und als Mama einen fehlgeleiteten Raben, der im Wohnzimmer landet, den Hals umdreht, ist Schluss mit lustig. Tinja findet daraufhin ein Ei, das aus dem Nest des toten Vogels stammt. Sie nimmt es mit und will es ausbrüten. Doch wider Erwarten wird das Ei immer größer und größer, bis es den als Nest dienenden Teddybären sprengt – und aufbricht. Hervor kommt eine Kreatur, die das grimm’sche hässliche Entlein zum sexiest duck alive werden lässt. Was noch seltsamer ist: Das Wesen scheint mit Tanja mental und emotional in Verbindung zu stehen.

Die Familie darf davon natürlich nichts wissen. Doch wie lange lässt sich so etwas geheim halten? Wir wissen seit E.T. – Der Außerirdische: Irgendwann nicht mehr. Und tatsächlich mutet das finnische Horrordrama zumindest anfangs, nachdem das Ding geschlüpft ist, ein bisschen so an wie die Mär vom zwergischen Quadratschädel mit leuchtendem Finger, der Millionen zu Tränen gerührt hat. Heulen wird man allerdings bei diesen Begebenheiten aus dem hohen Norden womöglich nicht. Hanna Bergholm setzt hier keineswegs auf Tränendrüse, dafür ist die Art ihrer Inszenierung zu sperrig, um tief in diese Welt einzutauchen, abgesehen davon, dass man nicht so recht die Lust verspürt, dies zu tun, auch wenn alle Weichen gestellt wären. Bergholm zeigt ihre Wahlfamilie als formelhafte Verhaltensmuster webende Figuren einer idealen Welt, die es so nicht gibt. In diese Illusion kracht das faule Ei wie eine Fliegerbombe. Doch geht’s in erster Linie nicht darum, der intakten Fassade Sprünge zu verpassen. Jungschauspielerin Siiri Solalinna als in die Perfektion getriebenes Mädchen steht mitsamt ihrer bizarren Brut stellvertretend für all jene, die nicht dem Ideal verpflichtet sein wollen und den Mut dazu haben, niemanden gefallen zu müssen. Unter diesem psychologischen Aspekt arbeitet sich Hatching als lakonisches Puppentheater voran, bis hin zu einer konsequenten, jedoch tragischen Conclusio, das genauso wenig den Erwartungshaltungen entsprechen möchte wie Mädchen Tinja.

Filme wie diese entgehen den determinierten Berechnungen von Mainstream, und besonders Hatching, der anfangs nicht unter die Haut gehen will und so fasziniert wie eine befremdliche Freakshow, zelebriert eine Form von selbstbewusster Hässlichkeit, die Respekt verdient und in rebellischer Freiheitsliebe den verstörten Eltern ans Bein pinkelt. 

Hatching

Nowhere Special

BEREIT MACHEN ZUM LOSLASSEN

7/10


nowherespecial© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ITALIEN, RUMÄNIEN, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: UBERTO PASOLINI

CAST: JAMES NORTON, DANIEL LAMONT, BERNADETTE BROWN, CHRIS CORRIGAN, VALENE KANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Mit der Einsamkeitselegie Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit hat mich der gebürtige Römer Uberto Pasolini nachhaltig beeindruckt. In diesem Meisterwerk – und das ist nicht übertrieben – lässt er Eddie Marsan nach Hinterbliebenen einsam Verstorbener suchen, während das Schicksal der Toten ihn selbst ereilt. Starker Tobak, kein erbauliches Thema, und trotz dieser Widmung für ein Tabu gelingt Pasolini eine wunderbar poetische, formvollendete Ode an die Nächstenliebe, die keineswegs für Trübsinn sorgt, sondern einfach nur enorm berührt, bewegt und erstaunt. Pasolini scheint einer jener Filmemacher zu sein, die sich dem gefälligen Trend an Themen auch nicht hingeben wollen. Er will vor allem einen Umstand betrachten, der es in Zeiten wie diesen mehr wert ist als viele andere, betrachtet zu werden: Das Füreinander.

Mit diesem Imperativ des Füreinander will Pasolini auch in seinem neuen Werk rund 8 Jahre später dem Dilemma des Allein- und Verlassenseins erneut die Stirn bieten. Diesmal aber aus einer ganz anderen Perspektive und einem ganz anderen Existenzbereich – nämlich jenem eines noch intakten familiären Gefüges aus Vater und Sohn. Zumindest sind hier zwei versammelt, die durch eine starke Bindung aus Liebe, Verantwortung und Vertrauen so schnell nichts aus der Bahn werfen kann. Dabei sei gesagt: Sohn Michael ist gerade mal 4 Jahre alt, ein süßer kleiner, recht introvertierter Bub, oftmals vor sich hin sinnierend und bei Papa all die Geborgenheit auskostend, die so ein kleiner Mensch tatsächlich braucht. Der Vater, John, gibt alles – doch wie lange noch? Wie es das Schicksal oft will, ist dieser an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Natürlich erfährt der kleine Michael davon nichts, doch diesem entgeht natürlich auch nicht, dass da irgendwas im Busch ist, wenn Papa immer mal wieder fremde Familien besucht. Warum tut er das, wird sich der Kleine wohl fragen. Ganz klar: Michael braucht neue Eltern, denn wenn John mal tot ist, hat der Kleine niemanden mehr.

Normalerweise schnürt es einem bei so etwas die Kehle zu und man bekommt kein Wort mehr heraus, weil der Frosch im Hals so groß ist. Noch dazu sieht Jungschauspieler Daniel Lamont dermaßen zum Steinerweichen aus, dass man am liebsten in den Film steigen und das Kind einfach an sich drücken will. Sich so vielen traurigen Aussichten auszusetzen – wer will das schon? Doch Pasolini ergeht sich nicht in Sentimentalitäten und hat auch überhaupt nicht vor, irgendwelche Tränendrüsen leerzudrücken. Er entwickelt einen Stil, wie ihn schon Ken Loach, der Meister des Sozialkinos, die längste Zeit souverän umsetzt – den nicht ganz nüchternen, aber objektiven Alltagsrealismus, die Draufsicht auf zwei Leben und deren Geschick, sich dem Unausweichlichen anzupassen. Die Chemie zwischen James Norton und dem kleinen Lamont stimmt, die letzten Tage und Wochen des Miteinanders verharren in einer unbekümmerten Gegenwart, anstatt sich in einer furchtvollen und verlustreichen Zukunft zu suhlen. Das macht Nowhere Special erträglich, wenngleich das gefühlvolle Drama dennoch seinen Weg findet, auf bescheidenem Wege das Herz zu berühren. Verblüffend aber, dass die Traurigkeit bei Pasolini tatsächlich von jener Art ist, die als schön empfunden werden kann. Der Schmerz eines Abschieds, verbunden mit dem Hallo eines Neuanfangs.

Nowhere Special

Blue Bayou

PAPA KOMMT NICHT WIEDER

5,5/10


bluebayou© 2021 Focus Features


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JUSTIN CHON

CAST: JUSTIN CHON, ALICIA VIKANDER, SYDNEY KOWALSKE, MARK O’BRIEN, EMORY COHEN, LINH DAN PHAM, VONDIE CURTIS-HALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


In jeder zweiten (was heißt jeder zweiten: geradezu in jeder) altersübergreifenden Produktion feiern US-Entertainment-Konzerne wie Disney die Einheit, den Zusammenhalt und den Wert der Institution Familie. Wenn Mama, Papa und der Nachwuchs füreinander in die Bresche springen, dann ist das das höchste Gut, keine Frage. Kann ich auch so unterschreiben. Blickt man in den Vereinigten Staaten aber vom Bildschirmrand etwas weiter weg und dahinter, ist es aus mit diesem Wertebewusstsein. Da ist Familie nur noch in einer einzigen Ausgestaltung annähernd so, wie Disney es immer kolportiert: weiß, uramerikanisch und gefühlt seit Jahrtausenden schon dort geboren. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Alle Nicht-Natives blicken zurück auf eingewanderte Ahnen, das kann man drehen und wenden wie man will. Die Politik der Integration war damals aber vielleicht nur ein Blatt im Wind, nicht von Bedeutung. Heutzutage ist Integration etwas für den Rechenschieber, ein seelenloses und unmenschliches Regelwerk, dass den hochgelobten Familiensinn mit Füßen tritt. Justin Chon, selbst gebürtiger Südkoreaner und wohnhaft in den USA, hatte wohl Menschen an seiner Seite, die sich rechtzeitig darum gekümmert haben, dass der Bub auch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. Mittlerweile wird ihm wohl nicht jenes Schicksal widerfahren, dass sein alternatives Ich in Gestalt von Antonio zu spüren bekommt. Wobei mit etwas mehr Besonnenheit im Alltag ein Drama wie dieses wohl nicht entstanden wäre. Oder aber: es wäre sowieso so weit gekommen – wenn nicht früher, dann später.

Dieser Antonio lebt als herzensguter Stiefvater und Partner von Alicia Vikander (selbst Schwedin, hier spielt sie aber eine waschechte Amerikanerin) in New Orleans und verdingt sich für einen müden Gewinn als Tätowierer. In naher Zukunft werden die Einnahmen bald nicht mehr reichen, denn Nachwuchs bahnt sich an. Es wäre schon alles unangenehm und entbehrlich genug, steht der leibliche Vater der kleinen Jessie permanent auf der Matte, was unheimlich nervt. Allerdings ist das sein gutes Recht, und als der Streifenpolizist die Mutter seiner Tochter in einem Supermarkt zur Rede stellen will, eskaliert die Lage. Antonio wird verhaftet – und zum Fall für die Fremdenpolizei.

Gesetze sind eine Sache – sie zu befolgen eine andere. Gesetze sind ein Kind ihrer Zeit und führen sich selbst manchmal ad absurdum, wenn ihr Wechselwirken bis zur letzten Konsequenz exekutiert wird. Gesetze wie dieses, das Einwanderer, die bereits mehrere Dekaden im Land gelebt haben, als ein nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ausweisen, schreien aber danach, reflektiert zu werden. Was in einem Land wie diesen aber nicht passiert. Justin Chon lässt sich selbst gegen Windmühlen kämpfen, und darüber hinaus auch noch gegen seinen eigenen Anstand. Dabei verknüpft er die vagen, traumartigen Kindheitserinnerungen des Einzelkämpfers mit einer Sehnsucht nach einem stillen Ort der Geborgenheit inmitten des Louisiana Bayou (langsam fließende Gewässer inmitten einer Sumpflandschaft). Die impressionistischen Bildstile eines Kim Ki Duk oder Tran Anh Hung könnten dafür Pate gestanden haben – sonst aber verlässt sich Chon auf eine unruhige visuelle Erzählweise in grobkörnigen Bildern, die das wehmütig-nachmittägliche Sonnenlicht wie auf verblichenen Polaroidfotos aus den Siebzigern wirken lassen. Weh- und schwermütig ist auch der ganze Film, doch in erster Linie nur für Alicia Vikander (die eine herzzerreißende Version von Roy Orbisons Songklassiker schmettert), der kleinen Jessie und Justin Chon.

Vielleicht liegt es am impulsiven Handeln des Protagonisten, welches dem Unglück, das hier noch folgen wird, einen anderen und besseren Ausweg verbaut. Das Schicksal einer entbehrungsreichen Kindheit ohne Wurzeln gewährt in Blue Bayou unbedachtem Handeln die Legitimation. Seltsamerweise erscheint es aber, als hätte Antonio nur mit halbem Herzen das getan, was notwendig gewesen wäre, um das Debakel eines verqueren Gesetzes auszubügeln. Vielleicht liegt es ja daran, dass Antonio Zeit seines Lebens gar nicht so genau weiß, wohin er schließlich gehört. Und das Schicksal, wie es auch ausfällt, wohl annehmen wird. Ein schmerzlicher Pragmatismus, der aber Distanz zum Film schafft.

Blue Bayou

Come on, Come on

DIE RESILIENZ JUNGER LEUTE

6,5/10


comeoncomeon© 2022 DCM


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MIKE MILLS

CAST: JOAQUIN PHOENIX, WOODY NORMAN, GABY HOFFMANN, ELAINE KAGAN, JABOUKIE YOUNG-WHITE, KATE ADAMS U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Wenn der Onkel mit dem Neffen. Daniel Glattauer hat‘s vorgemacht. In seinem Anekdotenband Theo – Antworten aus dem Kinderzimmer hat sich der Schriftsteller die Sichtweisen seines Fast-Filius zu Herzen genommen, sie alle aufgeschrieben und ein Buch daraus gemacht. Das ist mal witzig, mal nachdenklich, zumeist äußerst komisch. Denn Kindermund ist eben was anderes als das, was die Erwachsenen so von sich geben. Dazu gehört auch die Sicht auf die Dinge und – ganz wichtig – die Frage, wie weit der Ereignishorizont zum Beispiel eines neunjährigen Buben reicht. Sind Klimawandel, Krieg und Covid wirklich etwas, dass in die Wahrnehmung eines Kindes eindringen soll und wenn ja, wie sehr? Herrschen da nicht ganz andere Prioritäten? Natürlich tun sie das. Mike Mills, der mit Jahrhundertfrauen ein meisterliches filmisches Essay über Frauenrollen des 21. Jahrhunderts entworfen hat, beschäftigt sich diesmal mit der Resilienz von unter 10- bis unter 20-Jährigen, die permanent dem Druck ausgesetzt sind, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen als sie eigentlich bewältigen können.

Statt Daniel Glattauer und dem kleinen Theo sind es diesmal Oscarpreisträger Joaquin Phoenix und der entzückende Newcomer Woody Norman, den wohl so einige Filmemacher aus früheren Dekaden gerne gecastet hätten, wie zum Beispiel Spielberg oder Kubrick. Doch der Wuschelkopf mit dem seidigen Lächeln und einem versonnenen Blick auf die Welt heftet sich an die Fersen seines nicht weniger versponnenen, leicht gammelig wirkenden Onkels namens Johnny, der sich als Radiomoderator auf einer Tour durch die USA befindet, um Kinder unterschiedlichen Alters zu interviewen. Bei diesen Interviews geht’s meist um existenzielle Fragen, wie: Was kommt nach dem Tod oder wie sieht die Zukunft aus? Gut, das sind Fragen, die, wie schon erwähnt, jüngere Semester überfordern könnte, aber probieren kann man‘s ja. Der kleine Jesse, Johnnys Neffe eben, will auf diese Fragen erst gar keine Antwort geben. Seine Welt ist ohnehin eine, die bereits aus den Fugen geraten ist, nachdem sich Papa aufgrund psychischer Probleme von der Familie abgesondert hat. Da braucht einer wie Jesse nicht über die Probleme der Welt nachdenken oder über ein Leben nach dem Tod. Da reicht es, in der eigenen altersadäquaten Blase zurechtzukommen. Als Mama sich den Problemen des Vaters annimmt, kommt Jesse unter die liebevollen Fittiche von Johnny, der ihn alsbald mitnimmt nach New York und New Orleans.

Bei den Schwarzweißaufnahmen des Big Appels muss man unweigerlich an Woody Allens Meisterwerk Manhattan denken. Und auch so ist Come on, Come on (was sich auf das Weitermachen im Leben trotz aller unerwarteten Widrigkeiten bezieht) nicht weniger textlästig als die Filme des kleinen bebrillten Intellektuellen. Ausgeschlafen sollte man sein, denn sobald die ersten Minuten über die Leinwand flimmern, hören wir bereits Statements aus dem Off, allesamt geistreich und philosophisch. Wäre das ganze Filmprojekt nicht besser zu lesen gewesen? Doch, irgendwie schon. Vor allem deswegen, weil Mike Mills keiner wirklich tragenden Handlung folgt, sondern viel lieber in einer Anordnung aus tagebuchähnlichen Momenten verweilt. Dabei schneidet er Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit nahtlos in die Gegenwartserzählung ein, ohne diese stilistisch abzuheben. Entspannt ist das Ganze nicht, bisweilen gar recht sinnierend und auf den zweiten Blick schwermütig, als wäre Terrence Malick mit im Spiel. In diesem zeitlos scheinenden Zeitbild bleiben Phoenix und Norman stets aufeinander konzentriert. Da ist im Vorfeld der Dreharbeiten sicher viel passiert, um einander besser kennenzulernen. Das lässt sich spüren.

Come on, Come on gelingt der Fokus auf die Frage, was für Kinder relevant ist, trotz all der erratischen Erzählweise erstaunlich gut, wenngleich weniger Worte mehr gewesen wären. Eine inspirierende, liebevoll errichtete Studie, für die Phoenix sichtlich froh war, im Gegensatz zum Joker wieder ganz den kauzigen Eigenbrötler zu geben.

Come on, Come on

The Adam Project

DIE FEHLER AUS DER VERGANGENHEIT

5/10


theadamproject© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SHAWN LEVY

CAST: RYAN REYNOLDS, WALKER SCOBELL, ZOE SALDANA, JENNIFER GARNER, MARK RUFFALO, CATHERINE KEENER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Marty McFly kann davon ein Liedchen singen, wie es ist, in der Zeit zurückreisen zu müssen, um die Zukunft wieder dorthin zu biegen, wo sie hingehört. Die Avengers werden wohl mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn nicht mitreden können, da ihr Zeit-Kontinuum nicht stringent verläuft, sondern parallel zueinander und somit unendlich viele Multiversen erzeugt. Ein Umstand, den Dr. Strange bald näher erläutern wird. Nun ist aber Ryan Reynolds an der Reihe, nochmal alles von vorn zu beginnen, und hebt schon in den ersten Sekunden des neuen Streifens The Adam Project mit einer ähnlichen Lässigkeit den Flieger aus dem Orbit, wie es vielleicht Chris Pratt alias Star Lord machen würde, begleitet vom Sound aus den späten Sechzigern, nämlich Gimme Some Lovin. Alles erinnert an die Guardians of the Galaxy, die zur Freude des Publikums bald nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. Reynolds hat da mehr den Überblick, obwohl er sich auch hier um einige Jahre verkalkuliert: Sein Flieger landet im Jahr 2022, unweit seines Elternhauses, in dem er selbst als zwölfjähriger Lümmel seinen verstorbenen Vater vermisst und mit Mama (Jennifer Garner) den Alltag schmeißen muss, dabei aber nicht sehr viel Kooperationswillen zeigt. Das ändert sich, als dieser junge Adam seinem älteren Ich begegnet. Shawn Levy nimmt sich hier klugerweise viel mehr Zeit als anderswo in seinem Film, um das langsame Sickern der Erkenntnis, sich selbst gegenüberzustehen, mit kleinen, kuriosen Alltäglichkeiten, die längst keine Zufälle mehr sein können, auszuschmücken. Bis dahin lässt das ganze Szenario immer noch so etwas wie Zurück in die Zukunft vermuten. Die Vermutung wird ausgeräumt, als der doppelte Adam versucht, ins Jahr 2018 weiterzureisen, um zu verhindern, dass Zeitreisen überhaupt möglich werden, da das Böse in Gestalt von Katherine Keener (kann überhaupt nichts mit ihrer Rolle anfangen) zukünftig die globale Macht an sich reißen wird. Natürlich bleibt die Antagonistin nicht tatenlos und hetzt durch die Zeit hinterher.  

Shawn Levy hat hier alles, um Science-Fiction-Fans und Zeitparadoxon-Nostalgiker vor dem Bildschirm glücklich zu vereinen. Er hat auch Ryan Reynolds, der für ihn schon letztes Jahr als Free Guy die Komödie unter seine Fittiche genommen hat – das ganze Programm, von verschmitzter Selbstironie bis zur Popkultur-Parodie. Was Levy aber nun fehlt, ist das Bindemittel dazwischen, um Zutaten und schauspielerisches Potenzial entsprechend zu verbinden. The Adam Project lässt den sympathischen Schönling nur zögerlich von der Leine. Der tut das, was er ohnehin schon immer tut, nur sentimentaler. Dieser Methode bemächtigt sich der ganze Film – er tut, was er angesichts seiner Versatzstücke tun muss: Ein routiniertes, womöglich teures Abenteuer mit Publikumslieblingen zu sein, die alle schon mal Erfahrungen im Superhelden-Genre gesammelt haben und somit wissen, was ihre Aufgaben sind. Was Neues fügt Levy dem Thema aber nicht hinzu. Natürlich, es ist ganz nett, Reynolds und seinem jungen Co-Star dabei zuzusehen, wie sie den Fieslingen von der Schippe springen und dabei ihren alten Vater finden wollen, der 2018 noch gelebt hat. Da gesellt sich auch noch Mark Ruffalo hinzu – und auch er schöpft aus dem Charakter, den er als Bruce Banner gut gelernt hat. Weiteres Engagement gilt als vermisst – somit bleiben fast alle Rollen schemenhaft und blass. Bob Gale und Robert Zemeckis hätten wohl den Rat geben können, bei Zeitreisen stets Wert auf das Besondere eines Charakters zu legen.

Doch lieber scheint es Levy, der mit so einem knackigen Drehbuch wie in Free Guy wohl sowieso nicht mehr rechnet, sich und die Crew nicht überanstrengen zu wollen. Der Unterhaltungswert ist da, der Rest ist 08/15. Will heißen: Gesehen und – wie so manches aus der Vergangenheit – bald vergessen.

The Adam Project

CODA

ZEICHEN SETZEN FÜR DIE ZUKUNFT

8/10


coda© 2021 Apple Studios


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SIÂN HEDER

CAST: EMILIA JONES, MARLEE MATLIN, TROY KOTSUR, DANIEL DURANT, FERDIA WALSH-PEELO, EUGENIO DERBEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Verstehen sie die Béliers? Nein, natürlich nicht. Gebärdensprache habe ich nie gelernt – bislang gabs auch noch keine Notwendigkeit dafür. Die Béliers verstehen mich aber  auch nur, wenn sie Lippen lesen können und ich meine gewählten Wörter deutlich ausformuliere. Die Béliers sind allesamt gehörlos – Vater, Mutter, Sohn. Nur die Tochter nicht. Solche Kinder nennt man CODA – was so viel heißt wie Children Of Deaf Adults. Der Prozentsatz tauber Eltern, die hörende Kinder in die Welt setzen, ist erstaunlich hoch. Dem Kinderschutz München zufolge sind dies bis zu 90%, die anderen 10& sind dann Deaf CODAS. So viel also zum Titel des Remakes einer französischen Tragikomödie aus dem Jahr 2014 mit Francois Damiens in der Rolle des gehörlosen Vaters. In diesem Film hier ist die Ausgangslage etwas anders – der folgende Plot allerdings der gleiche. Prinzipiell habe ich mit Remakes so meine Probleme, da ich jene, die auf einem bereits vorzüglich gelungenen Original basieren, nicht mehr für notwendig erachte. CODA hätte ich mir in nächster Zeit womöglich nicht angesehen, wäre der auf Apple+ erschienene Film von Siân Heder (Tallulah – zu sehen auf Netflix) nicht für den Oscar als bester Film nominiert worden. Ich will natürlich nicht, dass Preise oder die Aussicht auf selbige meine Watchlist beeinflussen, aber das tun sie. Sehr sogar. Muss ich mich dagegen wehren? Sollte ich nicht. Denn jene, die nominieren und auszeichnen, wissen auch ganz genau, warum. Das erkennt man dann an den Filmen. An diesen ist meist was dran. Etwas ganz Besonderes, Ungewöhnliches. Manchmal auch nicht, aber da Filme oft subjektiv zu werten sind – was soll‘s. Bei CODA allerdings hat die Jury schon absolut richtig gelegen. Trotz meiner Voreingenommenheit hat mich die US-Version der europäischen Komödie tatsächlich noch mehr überzeugt als das Original. CODA ist ein Film, der alles andere als Trübsal bläst. Der mitreißt und positiv bewegt. Womöglich das beste Feel Good Movie der letzten Zeit, was auch an der Musik liegt.

Statt eines Bauernhofs in Frankreich hat Siân Heder ihre Version des Stoffes autobiografisch gefärbt und die Szenerie ins ostamerikanische Gloucester verlegt. Die durch und durch natürlich agierende Schauspielerin Emilia Jones (u. a. Locke & Key) spielt Ruby Rossi, jüngster und hörender Spross einer Fischerfamilie, die jeden Morgen auf den Atlantik rausfährt, und das nur tun kann, weil Ruby mit von der Partie ist, denn irgendwer muss schließlich den Funk überwachen und auf akustische Signale der Küstenwache reagieren. Doch Ruby schwebt für ihr Leben was ganz anderes vor. Sie will singen. Zum Glück gibt’s an der Schule das Freifach Chor. Gesanglehrer Mr. V ist von Rubys Stimme angetan, schlägt ihr gar die Bewerbung an der Musikschule Berkelee in Boston vor. Die Eltern, vorrangig Mama Marlee Matlin (erster Oscar an eine gehörlose Schauspielerin für Gottes vergessene Kinder), halten nicht viel davon. Einfach, weil sie davon auch nicht viel mitnehmen können. Gesang, Musik – was ist das? Ruby ist jedoch nicht auf der Welt, um das Leben ihrer Eltern zu leben, sondern ihr eigenes. Mit Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft. Selbstbestimmung ist das Wort. Das muss auch ihre Familie hinbekommen, ohne dabei andere, die vielleicht etwas anderes wollen, zu vereinnahmen.

Ganz ehrlich – ob Béliers oder CODA – die entworfene Coming of Age-Story über Freiheit, Erwachsenwerden und jugendlicher Verantwortung ist ein großartiges Stück Familiensache. Womöglich lässt sich der Stoff gar ein drittes Mal verfilmen, so viel Potenzial hat der Konflikt zwischen familiärer Abhängigkeit und Flüggewerden. Die Frage nach der Schuldigkeit des Nachwuchses den Eltern gegenüber wird durch das Handicap der Gehörlosigkeit fast schon auf ein metaphorisches Gleichnis gehoben, während die Behinderung selbst gar nicht mal so den inhaltlichen Kern der Geschichte ausmacht. Ungewohnt für Außenstehende ist es aber allemal, einem Alltag wie diesen über die Schulter zu sehen. Wenn Ruby dann versucht, den Song für ihre Bewerbung auch in Zeichensprache zu untertiteln, dann ist das Beweis genug für eine nachhaltige Zuneigung für jene, die schweren Herzens, aber doch, ihren Sonnenschein von Tochter freigeben müssen. Wenn Papa Troy Kotzur (nominiert für den Oscar als bester Nebendarsteller) wiederum versucht, den Gesang seiner Tochter wahrzunehmen, indem er die Vibrationen an ihrem Hals erspürt, ist das die Liebe, die Eltern ihren Kindern – ungeachtet ihrer Wünsche – entgegenbringen sollten.

CODA