Tulpenfieber

TULP FICTION

6/10

 

tulpenfieber© 2017 Prokino / Quelle: imdb.com

 

LAND: USA, Grossbritannien 2017

REGIE: Justin Chadwick

MIT ALICIA VIKANDER, CHRISTOPH WALTZ, DANE DEHAAN, HOLLIDAY GRAINGER U. A.

 

Das hätte sich der legendäre Maler Rembrandt nicht mal im Traum ausmalen können: Da gibt es eine Pflanze aus der Familie der Liliengewächse, die zu seine Lebzeiten gehandelt wurde wie Gold. Die Tulpe – mittlerweile eine Allerweltsblume, die in jedem Garten wächst und selbst an der Kassa unserer Supermärkte bündelweise zum Nachschmeißpreis angeboten wird. Schön sind sie ja, diese Tulpen. Doch damals, in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts, waren sie noch dazu so rar wie sakrale Reliquien und so sehr ein Objekt für Gier wie für plötzlichen Reichtum. Hatte jemand auch nur eine Zwiebel von vielleicht einer gebrochenen Unterart – also eine weiße Tulpe mit rosarotem Linienmuster – könnte er ausgesorgt haben. Sofern er über das gewisse finanztechnische Know-How verfügt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre. Bis die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte platzen musste – der Handel verboten und viele Niederländer an den Rand des Ruins getrieben wurden.

Diese historischen Begebenheiten hat Regisseur Justin Chadwick, seinesgleichen verantwortlich für das virtuose Monarchenspektakel Die Schwester der Königin, als Hintergrund für sein aktuelles Werk herangezogen – ein opulent ausgestatteten Liebes- und Gesellschaftsdrama. Schön anzusehen ist Tulpenfieber erstmal auf alle Fälle. Belustigend die Pizzateller-großen Halskrausen der neureichen Handelsherren. Edel die dunkel getäfelten Kemenaten wohlhabender Häuser. Umtriebig, detailreich und wie gemalt der Amsterdamer Hafen. Gemälden gleich sind auch die Profilbilder der zarten Schönheit Alicia Vikander, welche im sündteuren blauen Meisterstück barocker Nähkunst am Fenster lehnt. Erinnerungen an das Œuvre Vermeers werden wach. Und an den ähnlich gearteten Film Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Peter Webber. Allerdings war der Film mit Scarlett Johansson als scheue Muse weniger konstruiert wie das gegenwärtige Holland-Drama. Die zarten Bande zwischen Colin Firth und der blondblassen Schönheit vom Lande erreichten am Stimmungs- und Gefühlsbarometer des Kinos annähernde Werte wie bei James Ivory´s Sittenbilder aus früheren Zeiten. Tulpenfieber erreicht das nicht. Die Drei- oder gar Vierecksgeschichte in illustrer Besetzung gerät so vorhersehbar wie der historische Liebesroman einer verlagsabhängigen Vielschreiberin. Und siehe da – die literarische Vorlage zu Tulpenfieber ist genau das. Ein leidenschaftlicher Roman mit Herzschmerz, vermengt mit historischen Tatsachen, die gefällig genug erscheinen, um das Niveau zu heben. Autorin Deborah Moggach schreibt thematisch quer durchs Tulpenbeet. Aus ihrer Feder stammt ebenso die Vorlage für das Rentner-Lebensphilosophikum Best Exotic Marigold Hotel. Es sind Stoffe, die eine Leserschaft garantieren. Warum auch nicht. Eintauchen in eine Welt, die längst vergangen ist. Wenn es gut geschrieben ist, haben Bestseller wie diese ihre absolute Berechtigung. Im Kino tritt der konstruierte rote Faden leider nur zu deutlich zutage. Nichts in Tulpenfieber passiert überraschend. Vieles weiß man, lange bevor die Tulpen zum Symbol verlorener Liebesmüh heranblühen.

Doch zum Glück haben wir Schauspieler wie Christoph Waltz oder Judi Dench, die dem schicksalsbeladenen Stoff mehr als gerecht werden und sich dort zurücknehmen, wo der Film dick aufträgt. „Valerian“ Dane DeHaan ist nach wie vor ein blasser Junge, der seine Leistung aus Life kaum mehr wiederholen kann. Und Alicia Vikander, die sich in ihrem zerbrechlichen Lügengebilde glaubhaft verheddert, dominiert zurecht einen Film, der das Zeitalter Rembrandts und der nordischen Maler pittoresk bebildert, jedoch ein gefälliges Beziehungsdrama erzählt, dass zu viele Wendungen will und auch noch die Geschichte Europas zum Leidwesen eines gehandicapten und dadurch oberflächlich gewordenen Kostümschinkens bemüht.

Tulpenfieber

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