Grenzenlos

CRASH TEST DUMMIES FÜR DIE FERNBEZIEHUNG

5/10

 

grenzenlos© 2000-2018 Warner Bros.

 

ORIGINALTITEL: SUBMERGENCE

LAND: USA, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, SPANIEN 2017

REGIE: WIM WENDERS

CAST: ALICIA VIKANDER, JAMES MCAVOY, ALEXANDER SIDDIG, CELYN JONES, REDA KATEB U. A.

 

In einer Beziehung sollte von vornherein klar sein, was der oder die eine von der oder dem anderen zu erwarten kann. Was für Ambitionen den jeweils anderen antreibt, welche Ziele im Fokus liegen. Im Idealfall unterstützt man sich da gegenseitig. Oder ist zu Kompromissen bereit. Oder aber alles bleibt beim Alten, und Menschen fürs Extreme kehren nach trauter Zweisamkeit am Urlaubsort dorthin zurück, von wo sie hergekommen sind, mit der Probe aufs Exempel für die Fernbeziehung. In vorliegender Romanadaption von Wim Wenders ist genau das der Fall. Alicia Vikander spielt eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, die den Geheimnissen der Tiefsee auf den Grund gehen und noch unbekannte Parameter des Lebens dokumentieren will. James McAvoy gibt einen Undercover-Agenten, der Terrorgruppen in Afrika auf den Zahn fühlt. Beide Leben sind eigentlich solche, die, um andere schadlos zu halten, im Idealfall alleine geführt werden sollten. Platz für dauerhafte Beziehungen und Familie sieht das keinen vor. Doch davon wollen Vikander und McAvoy nichts wissen. Sie lernen sich an der französischen Atlantikküste kennen und lieben. Schlendern den Strand entlang, tauchen ein ins kühle Nass, erfragen das Leben des anderen. Mitunter im vertrauten, philosophisch orientierten Wim Wenders-Stil, zum Beispiel wenn handelnde Gestalten sich bedeutungsvoll expositionieren oder Gedanken aus dem Off hörbar sind. Der Location-Scout hat dabei ganze Arbeit geleistet. Die Küste der Bretagne mit ihren Bunker-Ruinen aus dem Weltkrieg haben etwas passend Surreales. Nach diesen gemeinsamen Tagen aber gehen Frau und Mann wieder auseinander, um dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. An ihren jeweils eigenen Grenzwall des Machbaren – und wagen, jeder für sich, einen Schritt darüber hinaus. Biologin Danielle grundelt in der Tiefsee um schwarze Raucher herum, Agent James vegetiert im somalischen Kerker. Diese Grenzerfahrung im Tun – eine Gemeinsamkeit, auf die sich eine Beziehung begründen kann? Vielleicht ja. Wenn schon Extreme, dann auch in der Liebe. Oder ist eine solche ohne physische Nähe denn überhaupt möglich? Oder gar notwendig?

Grenzenlos (im Original Submergence, was soviel heisst wie „Untertauchen“) ist trotz einiger stilistischer Erkennungsmerkmale ein relativ untypischer Wim Wenders-Film. Im Normalfall ist der Deutsche ein Autorenfilmer, der auch schreibt, was er inszeniert. Bei Grenzenlos könnte es sich um eine klassische Auftragsarbeit gehandelt haben. Inszeniert ist das Ganze relativ routiniert. Schauspielerisch ebenso. Größtes Problem an der Sache: Vikander und McAvoy sollten ineinander verliebt sein – der Glaube daran hält sich wacker. Es gibt Filmpaare, da sprüht der Funken vor der Kamera, dass es eine Freude ist. In Grenzenlos aber bleibt die Annäherung seltsam unterkühlt, fast schon mechanischer Natur. Die kolportierte Intensität dieser Beziehung bleibt für mich kaum nachvollziehbar. Anbetracht dieser darzustellenden Charaktere kein Wunder: In Grenzenlos sind beide für sich losgelöste Trabanten, die sich vielleicht mal auf ihrer Flugbahn nahegekommen sind, sonst aber um sich selbst rotieren und ihre eigenen Widrigkeiten mit sich ziehen. Die einer Bestimmung folgen, die nicht teilbar oder übertragbar ist. Ein Liebesfilm über Einzelgänger? Ein interessanter Versuch, der aber kaum mehr als schmachtende Lippenbekenntnisse hervorbringt.

Grenzenlos

Sibyl – Therapie zwecklos

WER THERAPIERT EIGENTLICH DIE THERAPEUTIN?

6/10

 

Sibyl© 2019 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: JUSTINE TRIET

CAST: VIRGINIE EFIRA, ADÈLE EXARCHOPOULOS, GASPARD ULLIEL, SANDRA HÜLLER, NIELS SCHNEIDER U. A. 

 

Haben Psychotherapeuten eigentlich auch eine eigene Anlaufstelle für ihre Probleme? Oder sind sie all diesen erhaben, weil sie Professionisten sind und wissen, was zu tun ist, sollte die Vergangenheit, das Trauma oder die Neurose quälen? Gute Frage, wie ich finde. Würde das nicht die Kompetenz des seelischen Beraters untergraben? Und wofür zahle ich dann mein Geld, wenn schon der Therapeut bei sich selbst nicht weiterweiß? In Sachen Seelenheil gibt es immer Luft nach oben. Und vielleicht ist der Patient sogar unwissender Weise selbst derjenige, der dem Professionisten die eine oder andere Klarheit über sein eigenes Leben verschafft. So oder ähnlich ist das Therapeutin Sibyl passiert.

Die steht in Justine Triets Tragikomödie alles andere als mit zwei Beinen voll im Leben. Traumatisiert von einer in die Brüche gegangenen Liebe, aus der ein Kind hervorgegangen ist, will sich die eloquente Mutter und Ehefrau schriftstellerisch neu definieren – und kündigt die meisten ihrer Patienten. Bis auf ein paar wenige – einem trauernden Jungen, der beim Monopolyspiel langsam aus sich herausgeht und einer Schauspielerin, die aus allen Wolken gefallen ist und in ihrer leicht hysterischen, überinszenierten Tragik an Sibyls Schicksal erinnert. Also: wer therapiert hier nun wen, könnte man fragen?

Justine Triet macht es ihrem Publikum zumindest anfangs nicht leicht. Da die Regisseurin mit mehreren Zeitebenen spielt, diese aber stilistisch nicht voneinander trennt, wird´s die erste halbe Stunde bis Stunde relativ mühsam, all diese Abhängigkeiten und Begegnungen von damals und heute, die in einem Einheitsbrei aufgetischt werden, voneinander zu destillieren. Tatsächlich ist Triet, zumindest auf den ersten Blick, ein gewichtiger Teil ihres Werks relativ missglückt. Oder doch nicht? Wollte Triet ihr Publikum bewusst zur Psychoanalyse bewegen, zur Interaktion in Sachen Seelenstriptease motivieren? Nun ja, auf so erzwungenen Wegen hätte ich das nicht nötig gehabt. Eine klarere Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenem hätte die Beziehung zur den Filmfiguren vielleicht etwas beschleunigt. So aber bleiben sie lange Zeit um sich kreisende Egozentriker, die eigentlich keine Geschichte transportieren. Dann aber reisst Triet das Ruder herum – ab Filmmitte haben wir geordnete Verhältnisse. Wie wissen nun, wo Therapeutin Sibyl, Schauspielerin Margot und all die anderen Charaktere stehen. Mitunter auch die exaltierte Figur der deutschen Regisseurin Mika, mit enormer Spielfreude dargeboten von Toni Erdmann-Tochter Sandra Hüller, und die aus der Feder Woody Allens hätte kommen können.

Überhaupt wäre der New Yorker Altmeister für Psychofragen von Sibyl womöglich recht angetan. Der Stoff könnte von ihm sein. Künstler in der Krise, Schauspieler, die so nicht arbeiten können und Psychotanten, die selbst ihr schwierigster Patient sind. Mit Ausnahme von Sandra Hüller gerät der Stoff aber längst nicht so zynisch und augenzwinkernd, wie es dem Film vielleicht gutgetan hätte. Was Einzug hält, ist eine gewisse, dem französischen Kopfkino eigene Schwermütigkeit, auch wenn sich an der einen oder anderen Stelle schmunzeln lässt. Dennoch: Virginie Efira legt sich mit ihrer Figur der ambivalenten Unglücklichen mit und ohne Textil ordentlich ins Zeug. Adèle Exarchopoulos (Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe) heult und hyperventiliert sich die Seele aus dem Leib. Beide sind auf ihre Art famos und schaffen das Kunststück fertig, aus einem konfusen Beziehungsreigen doch noch ein kräftiges Stück intensives Psycho-Outing unter dem Vulkan zu absolvieren.

Sibyl – Therapie zwecklos

Undine

VERGISS NICHT WER DU BIST

7/10

 

undine© 2020 Piffl Medien

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: CHRISTIAN PETZOLD

CAST: PAULA BEER, FRANZ ROGOWSKI, JACOB MATSCHENZ, MARYAM ZAREE U. A. 

 

Berlin, eine Stadt der steten Veränderung. Wenn man Christian Petzolds neuem Film beiwohnt, hat man zusätzlich auch eine Führung in Sachen urbaner Entwicklung gebucht. Interessant, woher der Name Berlin eigentlich kommt. Er bedeutet so viel wie „eine trockene Stelle inmitten eines Sumpfes“. Sonst aber verliert sich der Ursprung Berlins im geschichtlichen Dunkel, mitsamt seinen Mythen. Wim Wenders wusste die europäische Stadt der Engel von geflügelten Elementarwesen bewacht, unsterbliche Kreaturen, die im Himmel über Berlin dem umtriebigen Menschengeschlecht mit aktiver Schadensbegrenzung beizuwohnen hatten. Schutzengel nennen sie manche. Bruno Ganz würde das vielleicht anders sehen, aber egal. Berlin hat noch andere Mythen, laut Christian Petzold. Sein Blick hinter den Vorhang der trockenen Realität fällt auf jene halbgöttlichen Elementarwesen, du gut und gerne als Wassergeister oder Nixen bezeichnet werden. Eine davon nennt sich Undine. Erstmals erwähnt wird diese in einer Sage aus dem Geschlecht der Stauffenberger aus dem 14ten Jahrhundert. Undine könnte unsterblich sein, aber so genau weiß man das nicht. Undine jedenfalls bekommt nur dann eine Seele, wenn sie lieben kann. Soviel zur Legende. Paula Beer ist dieser Legende verwandter als ihr lieb ist. Oder ist alles nur reiner Zufall? Warum aber droht sie ihrem Partner, der gerade drauf und dran ist, bei der gemeinsamen Tasse Kaffee Schluss zu machen, mit dem Tod? Etwas heftig. In Anbetracht dessen, dass ein Wassergeist dem liebenden Verräter gegenübersitzt, durchaus nachvollziehbar. Doch es muss gar nicht viel Zeit verstreichen, da wird Undine neu geboren, im algigen Wasser eines zerborstenen Aquariums, ihr zur Seite Franz Rogowski, der erstmal gar nicht weiß wie ihm geschieht. Und sich Hals über Kopf in Undine verliebt.

Undine ist meine erste Erfahrung mit Christian Petzold. Aus diversen Rezensionen weiß ich aber: der Mann ist kein Freund des Neo-, sondern vielmehr des Magischen Realismus, denn die meisten seiner Filme wandeln an der Grenze zwischen nüchternem Alltag und transzendenter Metaphysik, die sich ungefragt in der uns vertrauten Dimension positioniert. Paula Beer wirkt wie ein an den Strand gespültes Wesen, weniger naiv als Daryl Hannah aus der thematisch verwandten Mythenkomödie Splash, dafür aber umso sehnsüchtiger und verwirrter, weil sie weiß: da war doch was! Undine ist in Petzolds Film in einer klar definierten Realität angekommen, scheint als magische Exilantin ihren Ursprung fast vergessen zu haben. Wie viele davon in Berlins urbanem Kosmos würden sich wohl an ihre eigene Magie erinnern, wenn die Liebe ihr Wissen ob ihrer Herkunft triggert?

Petzold erklärt die Hauptstadt Deutschlands wie Wim Wenders zu einem Erbe des Sagenhaften. Viel davon ist nicht mehr geblieben, alles hat sich verändert. Und doch, blickt man genauer hin, findet das Paranormale seinen Weg durch bauliche Maßnahmen, die diese andere Identität vergessen machen wollen. Rogowski verfällt diesem Zauber, für Paula Beer ist diese Abhängigkeit Bedingung, um unter den Menschen weilen zu können. Undine gelingt diese Interpretation der mittelalterlichen Sage mit entspannter Nüchternheit jenseits folkloristischen Pomps. Seine Figuren sind narrative Gestalten, nur für die Geschichte zum Leben erweckt. Erscheinungen, die nach Ende des Films verschwinden. Und das ist gut so. Ihre Reduktion auf die strikte Gegenwart eines modernen Märchens hat alleine schon etwas Entrücktes. Petzolds Bilder haben niemals einen Selbstzweck, sind nur Module für seine Erzählung. Wenn sich Rogowski beim Tauchen dem König des Sees gegenübersieht oder der Taucher in Undines Hand zur verschenkten Seele wird, ist das verträumte Schwermut ohne Leerlauf. Ein schöner, konzentrierter Film, der vielleicht zu viel Zeit mit Berliner Stadtgeschichte vertrödelt, sonst aber den Mythos in seiner Essenz auf den Punkt bringt.

Undine

Schwarze Milch

SO WEIT UNSERE FREIHEIT REICHT

8/10

 

schwarzemilch© 2020 Alpenrepublik

 

LAND: MONGOLEI, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: UISENMA BORCHU

CAST: UISENMA BORCHU, GUNSMAA TSOGZOL, TERBISH TEMBEREL, BORCHU BAWAA, FRANZ ROGOWSKI U. A.

 

Man muss genau hinsehen, um in Zeiten wie diesen den richtigen Film im richtigen Kino zu finden. Derzeit haben die großen Ketten alle geschlossen – sie warten auf grünes Licht aus den USA. Wenige kleinere Kinos haben geöffnet – und die können jetzt den größten Nutzen daraus ziehen. Indem sie Filme zeigen, die sonst vielleicht nur Nischen bedienen und untergehen würden angesichts großer Konkurrenz. Es ist gut, genau hinzusehen, denn dann fallen Filme ins Auge so wie dieser hier – Schwarze Milch. Ein mongolisch-deutscher Streifen, diesjährig bei der Berlinale erstmals aufgeführt. Und ein Werk, das man eigentlich nicht verpassen sollte.

Dabei ist die Geschichte von Wessi, die nach langjährigem Aufenthalt in Deutschland zu ihrer Schwester in die Wüste Gobi zurückkehrt, recht überschaubar, in ihren Grundzügen geradezu simpel. Was Uisenma Borchu, die sich die Rolle der einen Schwester selbst an den Leib geschrieben hat, aus dieser Erzählung einer familiären Begegnung gemacht hat, wird zu einem intensiven, in seiner archaischen Kraft sich stetig steigernden Wunder eines Lebenswandels. Dabei findet Borchu eine unmittelbare, distanzlose Bildsprache. Die Kamera nähert sich den beiden Frauen auf neugierige, vertrauliche, manchmal gar indiskrete Art. Sie offenbaren ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Diskrepanzen zueinander. Dann wieder die unendlich scheinende Weite der Sanddünen, den Reiter in der Ferne. Das Fehlen von Schutz und Nähe, die Scham kulturell bedingter Blöße. Hier, in den Weiten der Mongolei, scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Jurten stehen im Nirgendwo, die Bewohner der Steppe sind immer noch Nomaden, durchaus reich an allem was sie benötigen. Im Tross der Umherziehenden jede Menge Ziegen, Pferde. Gastfreundschaft für jeden und zahlreiche gute Omen. Ganz wichtig: das Patriarchat. Modern ist vielleicht das Motorrad zwischen den Teppichwänden der Zelte, das Klingeln des Mobiltelefons. Sonst aber pfeift der Wind, wird gemolken was die Zitze von Pferd und Ziege hergibt, wird geschlachtet, wenn Nahrung knapp wird. Wessi kann sich an all diese Riten des Tages kaum mehr erinnern. Zu fern ist ihr das alles. Fern ist ihr allerdings auch ihr Leben in Deutschland, nicht weniger dominiert von einem Machtmenschen, der vorgibt, was zu tun ist. Wessi sucht Selbstbestimmung, Hofft, diese in ihren Wurzeln zu finden. Eine neue oder wiedergefundene Identität. Mithilfe ihrer Schwester sollte das machbar sein. Doch die Welt der mongolischen Nomaden ist erstarrt im Willen der Männer. Egal ob diesen der träge Ehemann, der gewaltbereite Eindringling oder der zeremonienbewusste Stiefvater artikulieren. Als Frau ist man alleine zu schwach. Gemeinsam vielleicht aber stark genug.

Schwarze Milch – nach Paul Celans Gedicht Todesfuge bringt sie den Tod. Allerdings ist die Bezeichnung natürlich auch ein Oxymoron, ein sich widersprüchlicher Begriff. Klar zuzuordnen lässt sich die Bedeutung nicht gerade, eventuell hat sie eine eigene lokal verortete Symbolik, die sich mir nicht erschließt. Doch das macht nichts, klar ist, das Schwarze Milch nichts sonderlich Gutes bedeutet. Dass es vielleicht einer Verweigerung als Mutterfigur, einer Auflehnung gleichkommt. Und irgendwann später passiert es tatsächlich, in diesem uralten Kosmos aus Gebräuchen und Aberglauben. Die beiden Frauen werden zu zweifelnden Ikonen, umstürzlerisch und leidensfähig, weil sie brechen, was nicht gebogen werden kann. Borchus Film ist so authentisch wie möglich, in ihm ruht eine originäre Kraft, die gleichsam wunderschön, gleichsam lehrreich, aber auch unerbittlich sein kann. Die in OmU übersetzte Sprache der Mongolen ist eine ganz eigene, fremdklingende Metaebene in Hörbildern. Dem Schlachten der Ziegen lässt sich kaum zusehen, es sind dokumentarische Szenen eines Alltags, die Borchu für ihren Film verwendet und die ihm dieses echte, spürbare Etwas geben. Anfangs mag man nicht so recht wissen, wohin Wessi sich treiben lässt. Was sie möchte, weshalb sie zurückkehrt. Fast lässt sich vermuten, die Filmemachern selbst hat sich in ihrer Arbeit ähnlich treiben lassen, hinein in ein wiederentdecktes Land. Was sich dabei herauskristallisiert, sind überraschend ähnliche Sehnsüchte, sowohl im Westen also auch im Osten. Allen voran die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit.

Schwarze Milch

Die schönste Zeit unseres Lebens

LIEBE AUF REBOOT

7/10

 

zeitunsereslebens© 2019 Constantin Film

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: NICOLAS BEDOS

CAST: DANIEL AUTEUIL, FANNY ARDANT, GUILLAUME CANET, DORIA TILLIER, PIERRE ARDITI, DENIS PODALYDÉS U. A. 

 

Welchen Moment aus eurem Leben würdet ihr wohl gerne nochmal erleben? Wobei ich besser die Frage voranstellen sollte: würdet ihr einen Moment in eurem Leben überhaupt nochmal erleben wollen? Oder reicht die eigene Erinnerung? Oft ist diese aber schon nach Jahren oder Jahrzehnten so weichgezeichnet, wie man sie gerne hätte. So ausgeschmückt und ergänzt, fast wie aus einem Roman. Vielleicht verblassen auch manche Erinnerungen, manche Schlüsselszenen eines Lebens, die aber notwendig wären, um wieder auf Spur zu kommen. Ein Trigger aus der Vergangenheit. Ein Neuentzünden verlorener Leidenschaften. Das wäre doch was?

Anfangs ist selbst Victor als relativ brotloser Comiczeichner ziemlich skeptisch, als er den Flyer eines ganz speziellen Dienstleisters in Händen hält, der vergangene Erlebnisse authentisch inszeniert. Dabei muss es nicht mal die eigene Geschichte sein, es kann auch Weltgeschichte sein, die ein Bekannter seines Sohnes bis ins Detail nachstellen kann – mit Schauspielern, Effekten, Musik und allen anderen Sinnen, die es zu täuschen gilt. Da die Ehe des Zeichners vor dem Aus und die Frage im Raum steht, warum es hatte so weit kommen können, packt Victor die Gelegenheit beim Schopf und lässt sich die ersten Tage der großen Liebe originalgetreu und nach allen Regeln der Kunst unter die stattliche Nase reiben. Der Effekt: Zyniker Victor verliebt sich erneut – allerdings nicht in seine Ehefrau, sondern in dessen jüngere Ausgabe.

Frankreich, ich wiederhole mich dabei durchaus gerne öfters, ist die Wiege der Tragikomödie. Wenn’s nicht so wehmütig wäre, wäre es durchaus äußerst komisch. Beides zusammen ergibt einen nachdenklichen Mix aus der verträumten Essenz einer emotionalen Erinnerung und einer chaotisch kippenden Beziehungskette, die das Liebesleben so mancher Person durcheinanderbringt. Daniel Auteuil als bärbeißiger Misanthrop mit Rausche- und später mit adrettem Schnurrbart (steht ihm tatsächlich gut!) brilliert sowohl in seiner verlebten Figur eines im Alter faul gewordenen Besserwissers als auch in der Rolle des charmanten Zeitreisenden, der wieder auf die Werkeinstellungen eines leidenschaftlichen Jungspunds zurückgesetzt wird – der Gras raucht und Hemden mit Spitzkragen trägt. Diese Idee hatte mich schon im Trailer überzeugt – der Reboot einer Liebe durch den Blick zurück ist ein augenzwinkernder, absichtlich irrealer Kniff, der natürlich, realistisch betrachtet, so nicht funktionieren kann, der aber so eine herrlich abdriftende Geschichte entwickelt, die so manche Paare auch auf ihre eigene, vielleicht etwas ins routinierte Räderwerk geratene Beziehung ummünzen könnten. Die Prämisse, dass man nahe dran ist, die Liebe des Lebens mit dem Bild der Erinnerung selbiger zu hintergehen – das ist schon ein satirisches Bonmot, das sich auch erlaubt, die Verkümmerung der Romantik im Zeitalter des High-Tech zu parodieren. Das Drehbuch wurde verdientermaßen mit einem César geadelt.

Dabei hat Guillaume Canet als Zeitreise-Illusionist eine nicht minder wichtige Rolle, der als scheinbar beziehungsunfähiger Choleriker für andere Die schönste Zeit unseres Lebens parat hat, für sich selbst aber einen solchen Moment schmerzlich vermisst. Durch Daniel Auteuils Zeitsprung in sein altes Ich gelangt auch Canet auf den Weg der Erkenntnis. Ob er ihn auch geht, wird hier nicht verraten. Schön ist jedenfalls, dass Nicolas Bedos selbst verfasstes Liebes- und Lebensbild gespickt ist mit jeder Menge Songs aus den Siebzigern, einer satten Dosis schmuckem französischem Lebensstil und beherzt gesungener Chansons. Wobei – der ganze Film ist wie ein Chanson: nachdenklich, humorvoll und bittersüß.

Die schönste Zeit unseres Lebens

The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

Der Duft der grünen Papaya

GESCHICHTE EINER DIENERIN

8/10

 

duftgruenepapaya© 1993 Prokino

 

LAND: VIETNAM, FRANKREICH 1993

REGIE: TRAN ANH HUNG

CAST: MAN SAN LU, TRAN NU YÊN KHÊ, VUONG HOA HOI, TRUONG THI LOC U. A. 

 

Eine kleine Reise in die Filmwelt der Neunziger gefällig? Wir schreiben das Jahr 1993, da konnte Steven Spielberg mit Schindlers Liste und Jurassic Park gleich zwei Meisterwerke ins Kino bringen, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. In Cannes zum Beispiel gewann im selben Jahr ein ganz anderer, viel kleinerer, enorm behutsamer Film aus dem fernen Osten die Goldene Kamera – und zwar Der Duft der grünen Papaya von Tranh Anh Hung. Der vietnamesische Regisseur ist mir seit Cyclo ein Begriff, eine Variation des neorealistischen italienischen De Sica-Filmes Fahrraddiebe. Der Duft der grünen Papaya ist nicht weniger kunstvoll und unendlich weit entfernt von westlichem Mainstreamkino. Dafür aber, und gerade deshalb, umso schöner.

Ich schätze diese Entschleunigung von Visionären wie Weerasethakul, Kim Ki-Duk oder Edwin. Tran Anh Hung gehört genauso dazu. Auf Der Duft der grünen Papaya muss man sich einlassen, da darf man nicht nervös sein, da sollte man so viel Ruhe mitbringen, um diesen künstlerischen Einklang auch als solchen genießen zu können. Schnell hat man den Rhythmus des Films drauf und taucht ein in dieses detaillierte Puppenheim, dass die Geschichte eines Mädchens namens Mùi erzählt, die, aus der Provinz kommend, bei einer reichen Familie in Saigon als Dienstmädchen angestellt wird. Dort trügt der Schein gewaltig, der materielle Wohlstand entspricht natürlich nicht dem Haussegen, der da schief hängt aufgrund sämtlicher Faktoren – einer davon die Promiskuität des Vaters, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, bevor er seine Familie wiedermal für andere Frauen verlässt. Inmitten dieses Alltags aus Ritualen, aus Frühaufstehen, Essenkochen, Bodenschrubben entdeckt die junge Mùi ihre eigene Welt, ihre eigenen Konstanten, die im miniatürlichen Zirkus des Lebens aus Ameisen, Fröschen und duftenden Früchten Trost spendet, während die Familie sich immer mehr aufzulösen scheint, der kleinen, fast unsichtbare Welt wenig Respekt zollt und im Vergangenen verweilt. Die Zeit aber macht vor niemandem Halt, und irgendwann sind zehn Jahre vergangen.

Viel mehr geschieht nicht in dieser zärtlichen Meditation, die stets von vietnamesisch-traditioneller Musik in ihrer möglichsten Reduktion begleitet wird. Die Kamera folgt Mùi quer durch das Anwesen, das wie eine Bühne wirkt, mit bloßen Füßen, inmitten tropischer Schwüle. Das Tropfen milchigen Pflanzensaftes kann zum Erlebnis werden, das Abmühen der Ameisen mit Reiskörnern eine Tour de Force und der Geruch der grünen Papayas, wenn die Frucht aufgeschnitten wird und die strahlend weißen Samenkörner offen darliegen, zur sinnlichen Erfahrung. Mùi ist ein ebensolcher Sinnesmensch, eine Art Hausgeist, ein devoter Engel, wie Haushälterin Cleo in Alfonso Cuarons Roma. Beide Filme haben einen ähnlich langen Atem, konzentrieren sich auf Details, während bei Tran Anh Hung das Dienstmädchen nicht nur beobachtendes Auge ist, sondern auch die eigentliche Heldin dieser Entwicklungsgeschichte, die bald zu einer unglaublich diskreten Lovestory avanciert. Die Vietnamesin Tran Nu Yên Khê verkörpert die ältere Mùi, die zwischen kindlicher Neugier und Emanzipation eine selten gesehene Anmut an den Tag legt, fast so wie Maggie Cheung in In the Mood for Love. Der Duft der grünen Papaya ist reinste Filmpoesie, entrückt, bezaubernd, streckenweise gänzlich ohne Worte. Ein Coming of Age-Film, könnte man salopp sagen, doch das wäre fast zu profan für dieses Werk, dass in seinem veträumt-naiven Konservativismus richtig viel Mut beweist.

Der Duft der grünen Papaya

Asche ist reines Weiß

DIE WAFFE EINER FRAU

7,5/10

 

aschereinesweiss© 2018 Neue Visionen

 

LAND: CHINA 2018

REGIE: JIA ZHANG-KE

CAST: ZHAO TAO, LIAO FAN, XU ZHENG, DIAO YINAN, FENG XIAOGANG U. A.

 

Vermehrt hat man nun von der Besonderheit des südkoreanischen Kinos gehört. Zu Recht natürlich – Parasite war ja in aller Munde, und das Werk ist auch wirklich sehenswert. Die Verknüpfung poetischer Narrative mit bizarren Spitzen ist für dieses Filmland wirklich etwas ganz Eigenes. Und wird auch gerne an anderer Stelle weiter ausgeführt. Denn hier, in dieser Rezension, geht’s ausnahmsweise wieder mal um das Filmland China. Das natürlich auch schon längst einen Ruf zu verlieren hat. Ganz wichtig und prägend natürlich Yang Zhimou, Chen Kaige und Wong Kar Wai, um nur einige zu nennen. Mittlerweile aber sind viele nach Hollywood oder sonst wo ausgewandert – aber auch wieder zurückgekehrt, wie John Woo. Wuxia-Filme dominierten in der letzten Zeit vermehrt das lokale Kino, das chinesische Mittelalter geht immer. Als Mitproduzent größerer US-Produktionen funktioniert China natürlich ebenso. Ist ja schließlich ein riesengroßer Absatzmarkt, manches läuft dort sogar besser als in den USA, das darf man nicht vernachlässigen. Vernachlässigen darf man aber auch nicht die langsame Rückkehr zum chinesischen Erzählkino, das mit der Kinoprosa Asche ist reines Weiß ein ordentliches Lebenszeichen von sich gibt.

China kann genauso gut Filme erzählen wie Südkorea. Jin Zhang-Kes Film ist ein blendendes Beispiel dafür. Sein Liebesepos spannt sich über fast ein Jahrzehnt und nimmt seinen Anfang in der Provinz Shanxi, in der das organisierte lokale Verbrechen so seine Finger überall mit im Spiel hat. Einer dieser Männer fürs Grobe ist Bin, und der hat eine Freundin, Qiao, die nicht von seiner Seite weicht und sich erst im Kontext mit männlicher Macht und Selbstbewusstsein so richtig lebendig fühlt. So eine Unterwelt allerdings existiert nicht ohne Konkurrenz – also wird Bin eines Nachts während der Heimfahrt mit dem Wagen auf offener Straße überfallen. Was für ein Glück, dass Qiao von einer Waffe weiß, die sich im Auto befindet – und so ihrem Freund das Leben retten kann. Dumm nur, dass in China illegaler Waffenbesitz verboten ist, doch um Bin zu schützen, nimmt Qiao die Schuld auf sich.

Diese Waffe allerdings ist wie die Büchse der Pandora in der griechischen Mythologie oder der Ring bei Tolkien das Ding, um das sich alles dreht, und das den Wendepunkt zweier Leben einläutet. Wäre die Waffe nicht, gäbe es keinen Film. Dieses Objekt der Macht, dieser autoritäre Apparat der Selbstbehauptung, wird zur Waffe einer Frau, die sich von nun an und trotz aller Schwierigkeiten emanzipieren wird. In richtigem Tempo und mit sehr viel Empathie für seine Sozialheldin ordnet er geschlechterspezifische Klischees neu um, versieht die Weiblichkeit mit viel mehr Ausdauer und Ehrgefühl, lässt sie nicht in Selbstmitleid versinken wie das Männliche. Dort, im Patriarchat, ist nicht viel mehr zu finden als Scham und verletzter Stolz. Niemals, so scheint es, kann die Frau den Ton angeben, weil das Leiden des Mannes dafür zu groß wäre. Doch warum eigentlich? In welchen hanebüchenen Schraubstöcken steckt das veraltete Rollenbild denn fest?

Schauspielerin Zhao Tao, stets adrett gekleidet und mit westlichen Einflüssen sympathisierend, ist nicht nur ihrer feinen Gesichtszüge wegen faszinierend genug, um einen über zwei Stunden dauernden Film stellenweise sogar im Alleingang zu tragen. Sie schafft es mit strenger innerer Balance, diese Schraubstöcke aufzudrehen. Selbstbehauptung und das Finden einer ganz eigenen Identität sind hier das Crescendo einer eleganten Verliererballade, in klaren Panoramen quer durch das asiatische Land, sehr beobachtend, aber niemals mitleidend. Ein kühler, fast sachlicher Film und dennoch über die Liebe, die einer Neuordnung gesellschaftlicher Standpunkte nicht standhalten kann.

Asche ist reines Weiß

Ophelia

EIN JEDI AM KÖNIGSHOF

5/10

 

OPHELIA_D1_051517_DSC9651.NEF© 2018 Koch Films

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: CLAIRE MCCARTHY

CAST: DAISY RIDLEY, GEORGE MACKAY, NAOMI WATTS, CLIVE WOWEN, TOM FELTON, DAISY HEAD U. A. 

 

Mit dem letzten Drittel der Star Wars-Saga ist sie als Rey Namenlos in die Filmgeschichte eingegangen: Daisy Ridley. Ja tatsächlich, da hatte sie das letzte Wort, in einer starken Heldinnenrolle, die zumindest mich vollends überzeugt hat. Da Star Wars jetzt vorbei ist, und sie auch womöglich niemals wieder in die Rolle eines Jedi schlüpfen wird, erscheint nun eine bereits zwei Jahre alte, aber immerhin eine ganz andere Produktion, um die Schauspielerin auch gleich rollentechnisch anders zu positionieren, sonst wiederfährt ihr Gott behüte das gleiche wie Mark Hamill, der nach dem Hype der Originaltrilogie im Filmbiz nur noch schwer Fuß fassen konnte. Ihre neue Alternativrolle ist aber auch nichts, was man nebenbei spielt. Es hat mit Shakespeare zu tun, und noch dazu gleich mit einem seiner berühmtesten und massentauglichsten Stücke neben Romeo und JuliaHamlet. Aber keine Sorge, die Interpretation der Geschichte des verhinderten Dänenprinzen ist kein weiterer wortgetreuer Aufguss in vielleicht modernem Gewand. Diese Geschichte hier wird ganz anders erzählt. Und da sind wir wieder bei Daisy Ridley, die sich eine nicht weniger schillernde Rolle als ihre Rey hernehmen muss: die der Ophelia. Was mir dabei immer gleich einfällt, ist das berühmt Zitat: „Geh in ein Kloster, Ophelia!“ Ja klar, letzten Endes wird sie das tun, aber bis dahin passiert so einiges Tragisches, diesmal aber aus Sicht des weiblichen Sidekicks. So etwas Ähnliches gab es auch schon, nur nicht aus der Sicht einer Frau, sondern aus der Sicht der beiden Haudegen Rosenkranz und Güldenstern, nach einem Theaterstück von Tom Stoppard (siehe Shakespeare in Love). Doch diese beiden bekommt man in dieser Verfilmung kaum zu Gesicht. Denn die Kamera, die ist voll und ganz auf Daisy Ridley gerichtet.

Aus gutem Grund, denn sie macht eine außerordentlich gute Figur. Mit ihrer roten Mähne, leicht dauergewellt (erinnert ein bisschen an Cate Blanchetts Version der Elizabeth I.) und meist in grünem Kleid. Weiters ein heller Blick, nonkonform und mit Sinn für Humor. Klar, dass Hamlet voll drauf abfährt. Den spielt übrigens der Soldat aus Sam Mendes Kriegsfilm 1917 – George MacKay. Doch den Irrsinn und den Rachedurst dieses Bühnenhelden, so wie wir ihn kennen, den hat er nicht. Wäre aber nicht so tragisch, all diese Intrigen mitsamt dem Niedergang eines Königshauses ist schon tragisch genug, und außerdem handelt Claire McCarthys Kostümschinken ja vermehrt von Ophelia. Ein bisschen duckmäuserisch ist diese angesichts der dominanten Blaublüter innerhalb der herrschaftlichen Mauern schon, doch mit Sicherheit ist das dem Steckbrief der Rolle geschuldet. Auf Abruf und nur nicht auffallen, das kann Daisy Ridley auch gut, doch spätestens aber, wenn der an die Macht geputschte Clive Owen mit Javier Bardem-Gedächtnisfrisur handgreiflich wird, geht der Star Wars-Star ein bisschen aus sich heraus, obwohl –  der gespielte Wahnsinn will auch ihr nicht so recht gelingen. Was zum Rest des Films passt. Denn Ophelia, nach der Vorlage eines Liebesromans von Lisa Klein, bemüht sich sichtlich, nicht ganz so gestelzt seine Anweisungen aus dem Regie-Off durchzuführen. McCarthys Film ist ein Spielen nach Vorschrift, ein bisschen wie ein Sommertheater auf irgendeiner Ruine, wo nebenbei noch Gefrorenes geschleckt oder Spritzer gerunken werden. Nachher flaniert man gemütlich durch den lauen Abend, ohne Eile. Oder trifft die Stars noch auf ein Autogrammstündchen. Gegen diese volkstümliche Attitüde sprechen natürlich all die üppigen Requisiten, und auch diese besonders illustre Besetzungsliste, in die sich auch noch Naomi Watts reinschummelt, und zwar in einer Doppelrolle. Blass bleiben sie fast alle, blass und leicht verloren, und kein bisschen gewillt zu improvisieren.

So lässt sich irgendwie verstehen, dass Ophelia fürs Heimkino allemal reicht. Da sind ganze Regentschaften zwischen diesem und Filmen wie Shekhar Kapurs Elizabeth. Für Fans von Daisy Ridley allerdings ist Ophelia fast ein Muss. Ob die ganze klassische Tragödie aus der Sicht von Hamlets Flamme wirklich so einen erfrischenden Perspektivwechsel darstellt, bleibt aber fraglich.

Ophelia

Photograph

ICH MÖCHT´ VON MIR EIN FOTO

4/10

 

photograph02© 2018 Joe D’Souza, Tiwari’s Ghost, LLC

 

LAND: INDIEN, DEUTSCHLAND, USA 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: NAWAZUDDIN SIDDIQUI, SANYA MALHOTRA, FARRUKH JAFFAR, ABDUL QUADIR AMIN U. A.

 

Wie es wohl in Zeiten wie diesen dem indischen Tourismus geht? Vor dem Taj Mahal oder dem indischen Tor in Mumbai werden sich womöglich nicht ganz so viele Touristen tummeln als sonst. Auch die Hausierer und Souvenir-Verkäufer werden an den Mauern lehnen und auf Kundschaft warten. Auch die ganzen EPU-Fotografen, die mit ihrer Polaroid-Kamera im Normalfall Sofortbilder der Besucher anfertigen, werden wohl zusehen müssen, dass ihre Filmemulsion nicht die Haltbarkeitsdauer überschreitet. Als Lunchbox-Regisseur Ritesh Batra seinen Liebesfilm Photograph inszeniert hat, war noch alles im Guten und Corona samt sozialem Stillstand weit entfernt. Da lief der Vorplatz vor dem antiken Bauwerk noch auf Hochbetrieb, war chaotisches Wuseln von Alt und Jung ein Garant für Umsatz. Oder ein Garant dafür, neue Beziehungen zu knüpfen.

Das hat Single Rafi aber nicht im Sinn. Der bleibt lieber solo, wohnt in einer Wellblech-WG mit ein paar weiteren Jungs und hat nur Draht zu seiner hochverehrten Oma, die endlich will, dass ihr Enkel unter die Haube kommt. Nach einigen hoffnungslosen Versuchen, ihn umzustimmen, droht die Alte sogar, ihre lebensnotwendigen Medikamente abzusetzen – was für ein Ultimatum! Rafi aber ist Fotograf, und hat unlängst erst eine junge Dame abgelichtet. Warum nicht einfach dieses Foto schicken, mehr muss Oma ja nicht wissen. Falsch gedacht: Rafi bleibt nicht viel Zeit, denn Oma hat sich angekündigt. Und will ihre Schwiegerenkelin in spe mal unter die Lupe nehmen.

Was muss das für ein origineller Film sein. Humorvoll, situationskomisch, berührend. Inklusive indischer Lebensfreude made for cinema. So dachte ich mir. Schwer zu glauben, wenn es anders wäre. Aber wir sind mit Photograph nicht in Bollywood. Ritesh Batra distanziert sich davon völlig. Weder ist sein Film üppig, noch allzu exotisch, noch übertrieben farbenfroh. Batra strebt etwas völlig anderes an: eine Art filmischen Realismus. Dafür ist die prinzipiell kuriose Romanze kaum die richtige Wahl. Photograph ist unerwartet lakonisch und völlig humorbefreit. Weder Hauptdarsteller Nawazuddin Siddiqui noch seine Partnerin Sanya Malhotra haben schauspielerischen Esprit. Siddiqui wirkt geradezu stoisch, enorm introvertiert, geradezu lustlos. Malhotra scheint auch keine großen Gefühle zu empfinden. Dass beide sich füreinander interessieren werden, lässt sich lediglich aus der Inhaltsangabe erahnen, aus dem Film lässt es sich schwer ableiten. Wenn bei einer Lovestory wie dieser beide Parts nicht wissen, was sie miteinander anstellen sollen, dann geht die Rechnung einfach nicht auf – und der Streifen frönt der Langeweile, die sich durch die Straßen Mumbais schleppt. Als hätten wir Monsun mitsamt depressiver Schwüle,und alle harren in ausgesuchtem Phlegmatismus auf ein Ende dessen, um sich wieder befreiter bewegen zu können. Für die Zeitspanne des Films jedoch war ein Ende des Wartens nicht absehbar.

Photograph